Magazinrundschau - Archiv

La regle du jeu

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Magazinrundschau vom 02.10.2018 - La regle du jeu

Jean-François Pigoullié liefert eine lange, keineswegs nur positive Exegese der Serie "The Handmaid's Tale" nach dem Bestseller von Margaret Atwood, einer Parabel auf ein steriles evangelikales Amerika, in dem die Hauptfigur June als Gebärsklavin für die unfruchtbaren Herren gehalten wird. Pigoulliés Text kulminiert in einer Hommage auf Elisabeth Moss: "Die Eröffnungsszene sagt alles über die Entschlossenheit der June: Wer ihrem inneren Monolog zuhört, versteht, dass sie sich in ihre Erinnerungen versenkt, um eine Form des Widerstands gegen ihre Unterdrückung zu finden. In einem totalitären Regime, das ihre kleinsten inneren Regungen ausspioniert, gibt der Zwang, ihre Gedanken zu verstecken, Elisabeth Moss die Chance, ihr ganzes Talent zu zeigen: Bemerkenswert, wie sie eine ganze Skala von Hintergedanken ausdrückt, die in kompletten Gegensatz zu dem stehen, was ihr Mund sagt. Die Kluft zwischen ihrem Blick und ihrem Mund ist das hervorstechendste Merkmal ihres Spiels."

Magazinrundschau vom 11.09.2018 - La regle du jeu

Nicht dass es sich um eine wirklich wichtige Figur in der französischen Debatte handelt, aber Bernard Schalschas Porträt über die "Souverainistin" Natacha Polony sagt einiges über den Zustand der Debatte in Frankreich selbst aus. Polony war immerhin ständige Kommentatorin der in Frankreich extrem populären Talkshow "On n'est pas couché". Nun soll sie Chefredakteurin des Magazins Marianne werden, das in die Hände des tschechischen Oligarchen Daniel Kretinsky gefallen ist. Als "Souverainistin" gehört Polony verschwörungstheoretischen Kreisen an, die gar nicht mehr so leicht der Rechten oder Linken zuzurechnen sind. "Die ehemalige Figaro-Journilistin ist auch Präsidentin des Denkzirkels Les Orwelliens. Dieser beim Publikum wenig bekannte Kreis stellt sich so dar: 'Seinerzeit sahen die Lesern in '1984' eine Kritik der Nazi- und Sowjetregime. Bei der heutigen Neulektüre haben wir den Einruck einige Züge unserer eigenen Epoche wiederzufinden. Wie in '1984' hat der Zugriff einiger Interessengruppen auf die großen Medien zu einer Kontrolle der Information und der Marginalisierung alternativer Ideen geführt...' Der Bezug auf Orwell ist in der extremen Rechten und der Ultralinken heute sehr populär. Man verzerrt den ursprünglichen Sinn des berühmten Buchs und versucht, daraus eine Waffe gegen die westlichen Demokratien zu schmieden, indem man behauptet, unsere Gesellschaft ähnele einem totalitären Regime."

Magazinrundschau vom 19.06.2018 - La regle du jeu

Dominique Godrèche unterhält sich mit dem Anthropologen Marc Augé über seine Anthropologie des Augenblicks "Bonheurs du jour. Darin geht es weniger um „das“ Glück als solches, dessen Definitionsversuche er für ambitiös und naiv hält, sondern um jene kurzen, einprägsamen Glücksmomente, die er als „Glücksgefühle trotz alledem“ bezeichnet. „Diese intensiven Momente, die sich im Gedächtnis verankern, kommen in bestimmten Momenten wieder zum Ausdruck und markieren die Erinnerung. Wenn man etwa im Krankenhaus liegt, denkt man bedauernd an die Zeit, in der man rausgehen und irgendwo einen Kaffee trinken konnte. Einfache Dinge, aber man empfindet doch den Preis, sobald man sie entbehrt, und dass sie zum Gang der Zeit in Beziehung stehen - in der Erinnerung oder im Blick auf die Zukunft - oder zum Raum, sobald man sich an bestimmten Orten befindet. Das scheint mir viel wichtiger zu sein, als all die Studien über Bedingungen des Glücks in den Untersuchungen der UNO.“"
Stichwörter: Auge, Marc, Glück, Krankenhaus, Uno

Magazinrundschau vom 24.10.2017 - La regle du jeu

In einem ebenso unterhaltsamen wie klugen Essay denkt Nathan Naccache anlässlich der Weinstein-Affäre über unsere Definitionen von Verführung und sexueller Belästigung nach, die bisweilen näher beieinanderlägen, als vielleicht angenommen. Die Frage, ob unsere Vorstellung von Verführung in einer Krise sei, beantwortet er mit einem Verweis auf zwei Passagen aus Büchern von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, in denen es jeweils um Verführung geht. Zu de Beauvoirs Romanszene schreibt er: "Eine Verführungsszene ganz neuer Art. Hier geht es nicht mehr darum, den anderen zu überzeugen, Begehren in ihm zu wecken, ein 'Ja' oder 'Nein' aufzuwerfen, sondern ein bereits existierendes Begehren erkennen zu lassen, ein stummes 'Ja' in eine vollendete Einladung zu übertragen. Dies ist eine hermeneutische Aufgabe, eine der Interpretation, in der die begehrte Person nicht mehr als Ziel einer Eroberung betrachtet wird, sondern als Pol eines Gespinstes aus Lüsten. Hier herrscht nicht mehr die Dialektik zwischen Ja und Nein, sondern die zwischen verschleiertem Begehren und zaghafter Annäherung. Wir haben in dieser Passage möglicherweise das Bild, dass es eine erotische Vorstellungswelt gibt, in der Verführung und sexuelle Belästigung vollständig voneinander getrennt sind. Und somit zweifellos die Antwort auf unsere besorgten Fragen gefunden."

Magazinrundschau vom 01.08.2017 - La regle du jeu

Am Sonntag schrieb Nick Cohen in seiner Observer-Kolumne über Anne Marie Waters, eine Kritikerin des Kopftuchs, die ins Ukip-Lager abgedriftet ist (wo man sie fürchtet, weil man sich mit den Muslimen nicht anlegen will, unser Resümee). Ergänzend dazu sei Charlotte Lebretons Porträt der Komikerin Océanerosemarie empfohlen, das zeigt, dass im rotbraunen Sumpfgelände zwischen ganz links und ganz rechts auch Platz ist für Feministinnen aus dem postkolonialen Lager. Océanerosemarie (alias Océane Michel), die gerade eine harmlose lesbische Liebeskomödie ins Kino brachte, bekannte nicht nur mehrfach, dass sie "nicht Charlie" sei, sie solidarisierte sich auch mit dem "Collectif contre l'islamophobie en France" (CCIF), zu dem mehrere islamistische Figuren gehören. Und sie steht den "Indigènes de la République" nahe, einer postkolonialistischen Partei, die den anti-säkularen Diskurs auf die Spitze treibt: "Seitdem hat sie an mehreren Ereignissen im Umkreis der Indigènes teilgenommen, vor allem der 2017 gestarteten Online-Sendung 'Paroles d'Honneur', die von dem verschwörungstheoretischen rechtsextremen 'Cercle Des Volontaires' unterstützt wird. Die Lust, subversiv zu sein und den ewigen 'Herrschenden' eins auszuwischen, lassen sie sogar den 'Antizionismus' des ehemaligen Humoristen Dieudonné unterstützen, der zu einem Propagandawerkzeug der Iraner und Komplizen des Antisemiten Soral geworden ist. Als sie bei Canal Plus auf den Franko-Kameruner und seinen Satz 'ich fühle mich als Charlie Coulibaly' angesprochen wird, erklärt sie ohne Zögern: 'Er ist an diese Grenze gegangen um zu sagen 'wenn ihr (Charlie Hebdo, d.Red.) eure Witze macht, ist es Humor, und bei uns ist es gleich Verteidigung des Terrorismus'. Das ist doch nicht uninteressant."

Magazinrundschau vom 04.07.2017 - La regle du jeu

Bernard-Henri Lévy gibt in einem seiner atemlosen Texte ohne Punkt und Komma Auskunft über seine jüngsten Lektüren, darunter - zum Wiederlesen empfohlen - Michel Foucaults Vorlesungsbuch "Il faut défendre la société", in dem BHL die Ursprünge eines rassistischen Denkens der Linken bloßgelegt sieht (für das auch Marx mit verantwortlich sei). Und er empfiehlt Laurent Neumanns ganz frisches Buch "Les dessous de la campagne" über den Präsidentschaftswahlkampf 2017, das ihn zu einer kleinen Hommage auf Manuel Valls anregt: "Die begeisternde Persönlichkeit dieses Buchs ist in meinen Augen der ehemalige sozialistische Premierminister. Wir sehen, wie er die 'Republik' verteidigt. Für den 'Laizismus' plädiert. Wir sehen ihn, eingeschnürt von seinen Feinden, bedrängt von seinen Freunden, wie er es mit Gegnern aufnimmt, den Burkini bekämpft, den Antifeminismus und Schwulenfeindlichkeit der 'Indigènes de la République' verurteilt und von einer Welt träumt, in der Juden sich nicht mehr ängstigen und die Muslime nicht mehr schämen müssen."

Magazinrundschau vom 22.11.2016 - La regle du jeu

Eine "große antidemokratische Regression" diagnostiziert Bernard-Henri Lévy im Gespräch mit La Stampa - online bei La Règle du Jeu. Die Wahl Donald Trumps ist der bisherige Höhepunkt  dieser Symptomatik. Auf den Einwand, dass Trump demokratisch gewählt worden sei, antwortet er: "Na und? Die Demokratie besteht nicht nur aus Wahlen, sondern auch aus Werten. Demokratie ist eine Gesellschaftsordnung, eine Beziehung zur Welt. Man kann diese Weltsicht auch mit den Mitteln der Demokratie verabschieden. Man kann die Demokratie demokratisch liquidieren. Das hat uns das amerikanische Wahlvolk gesagt, das ist das, was wir miterlebt haben: eine Selbstliquidierung der Demokratie mit demokratischen Mitteln. "

Magazinrundschau vom 04.10.2016 - La regle du jeu

Europa und die USA können natürlich mit Blick auf Aleppo weiterhin nichts tun, schreibt Bernard-Henri Lévy, aber "dann willigen wir - nach den Worten des französischen UN-Botschafters François Delattre - in ein neues Sarajewo ein, uns droht ein arabisches Guernica mit den russischen Schwadronen - trotz aller Unterschiede - in der Rolle der deutschen Legion Condor... Wir werden nicht nur Schande, sondern auch die extreme Verschärfung aller aktuellen Gefahren ernten - zunächst natürlich die einer noch dramatischeren Steigerung des Flüchtlingsstroms, der zum großen Teil aus Syrien kommt und direkte Folge der Untätigkeit der internationalen Gemeinschaft in einem totalen Krieg ist."

Magazinrundschau vom 06.09.2016 - La regle du jeu

Als Wende im weltweiten Krieg gegen den Dschihadismus feiert Bernard-Henri Lévy die Einlassungen des marokkanischen König Mohammed VI. zum radikalen Islamismus, den dieser für gesetzlos erklärt hat. "Man kann nun wie quasi die Gesamtheit der islamischen und nicht-islamischen Staatschefs bis zum Überdruss wiederholen, dass zwischen dem Islam und dem Islamismus 'keinerlei Verbindung' bestehe. Mohammed VI. tut das Gegenteil. Er erkennt die Verbindung an und zerschneidet sie. Er nimmt den Hebel zur Kenntnis, der es diesen Banditen erlaubt, angeblich im Namen Gottes zu sprechen, und er spricht ihnen dieses Recht ab, um diesen Hebel zu zerbrechen."

Magazinrundschau vom 23.08.2016 - La regle du jeu

Sommerstarre, Denkfaulheit oder Vorurteile oder gleich alles zusammen attestiert Bernard-Henri Lévy den westlichen Medien. Anders kann er sich nicht erklären, dass sich niemand für den Angriff libyischer Verbände auf den Islamischen Staat in Syrte interessiert: „"Der Westen hat in Wahrheit in Libyen nur einen Fehler gemacht: dieses Land nicht einige Schritte weiter auf seinem Weg zur Demokratie zu begleiten, nach der es sich, wie es scheint, doch noch immer sehnt. Machen wir den gleichen Fehler nicht noch einmal. Zu diesem Zeitpunkt, wo es so wichtig ist, mit aller Deutlichkeit zu sagen, wer Feind und wer Verbündeter ist, muss man in diesen Libyern unsere Kampfgefährten gegen dieses absolute Böse namens Daech erkennen, wenn sie mit der Waffe in der Hand und um den Preis zahlreicher Toter lauthals verkünden: 'Keine Dschihadisten hier! In Libyen hat das Kalifat nichts zu suchen!'"