
Vor dem Hintergrund höchst heikler bildungspolitischer Diskussionen in Frankreich
fragt Didier Durmarque, welcher Begriff den Judenmord am besten benennt. Hintergrund sind Bestrebungen, im Schulunterricht den Begriff
Shoah, der sich in Frankreich eingebürgert hat, durch das neutralere "
génocide juif" zu ersetzen. Der Autor schreibt: "Durch die Opferdimension, die der Begriff
Holocaust beinhaltet, erscheint er zumindest unangemessen, um nicht zu sagen unangebracht. Der juristische Begriff "
Genozid"
verortet die Vernichtung der europäischen Juden als einen Völkermord unter anderen, was gleichermaßen
willkürlich wie historisch anfechtbar erscheint, in dem Sinne, als die Shoah einen einzigartigen paroxystischen Anschub der Strukturen der Moderne und des Staats einleitet: Recht, Wirtschaft, Bürokratie, Technik et cetera. Sofern man Menschen vernichtete, weil sie Juden waren, ist der Begriff Shoah zugleich unzutreffend und doch derjenige, der der Sache am nächsten kommt. Der Begriff
Genozid oder Völkermord, den Raphael Lemkin nach den Nürnberger Prozessen einführte, ist eine faktische und zweckmäßige
juristische Tatsache, der die Realität der Shoah betont, deren
Besonderheit jedoch unterschlägt."