Magazinrundschau - Archiv

Les inrockuptibles

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Magazinrundschau vom 13.11.2018 - Les inrockuptibles

Die Zahl antisemitischer Straftaten ist in Frankreich stark gestiegen. Nicolas Bove unterhält sich mit Jean-Yves Camus, vom "Observatoire des radicalités politiques" über die historischen und aktuellen Ursprünge des Antisemitismus in Frankreich, die in der Tat sehr vielfältig sind: Der Antisemitismus ist noch virulent in rechtsextremen Kreisen um die Zeitschrift Rivarol, es gibt ihn in der klassisch globalisierungskritischen Linken und unter Muslimen - und Camus bedauert es sehr, dass im laizistischen Frankreich keine Statistiken über den ethnisch-religiösen Hintergrund erlaubt sind. Es gibt außerdem den besonders trüben Zwischenbereich zwischen rechtsextrem und linksextrem, der von dem Komiker Dieudonné besetzt wird, dem viele Jugendliche aus der Banlieue folgen. Auch die "Indigènes de la République", die eine Art postkolonialen Extremismus betreiben, haben Dieudonné mit dem Argument verteidigt, dass der Kampf gegen den Antirassimus wesentlicher sei als der Kampf gegen Antisemitismus: "Solche Reden werden von Leuten gehalten, die sich als Linksradikale sehen, aber eine Idee von der Republik haben, die mir völlig inakzeptabel scheint. Zum einen weil sie nicht auf der Geschichte, sondern auf einer Ideologie der Schuld beruht: Es ist notwendig, die Geschichte des Algerienkriegs, des Sklavenhandels, der Kolonisierung zu schreiben. Viele seriöse Historiker tun das. Aber es besteht ein entscheidender Unterschied zwischen einer Geschichtsschreibung, die Schattenbereiche ausleuchtet… und einer Kulpabilisierung eines Teils der Bevölkerung, weil er aufgrund seines Ursprungs für die Verbrechen seiner Vorfahren verantwortlich sei."

Ergänzend sei die Lektüre von Paul Bermans Artikel über linken Antisemitismus in Großbritannien, Frankreich und den USA aus Tablet empfohlen.

Magazinrundschau vom 20.09.2016 - Les inrockuptibles

In Deutschland noch kaum wahrgenommen, entwickelt sich Edouard Louis zu einem der größten Stars der literarischen Szene in Frankreich. Sein erster Roman "En Finir avec Eddy Bellegeule" (deutsch "Das Ende von Eddy"), der dem neuerdings auch hier gefeierten Didier Eribon gewidmet ist, erzählt sein Coming out als junger Proll in der traurigen Picardie. In seinem zweiten Roman, "Histoire de la Violence", erzählt er, wie er von einem Liebhaber, den er zufällig kennengelernt hatte, vergewaltigt wurde. Ana Benabs zitiert in den Inrocks aus einem Podiumsgepräch, das ein Journalist von Le Monde mit Louis führte und in dem er über Sexualität und Macht spricht: "Es war ein großes Glück, endlich der zu sein, der ich sein wollte, und mir einen neuen Raum zu schaffen. Als ich anfing, mit Jungen zu schlafen, kam ein Großteil meiner Lust aus dem Umstand, dass ich war, wer ich sein wollte. Da wo ich herkam, war die Regel, dass man als Junge zum Beispiel nicht weinte. Und die Gewalt kam aus jenem Spalt zwischen den Regeln und dem, was man in Wirklichkeit tut. Dieser Spalt führt zu Scham, einem ungeheuer gewalttätigen Gefühl. Für mich ist das post-foucauldianisch: Macht ist nicht, was uns innerlich verwandelt, sondern etwas, das uns straucheln lässt und ungeheuer beschämt."

Magazinrundschau vom 10.05.2016 - Les inrockuptibles

Der Politikwissenschaftler Gaël Brustier spricht im Interview mit Camille Desbos und David Doucet über die Pariser Bewegung "Nuit Debout", über die er gerade ein Buch veröffentlicht hat. Sein Befund: "'Nuit Debout' ist meiner Wahrnehmung nach im Gegensatz zum Mai 68 keine Massenbewegung ... Ich denke, dass die soziale Geografie nicht mehr die gleiche ist wie 68, bekanntlich haben die politischen und gewerkschaftlichen Organisationen nicht mehr das gleiche Gewicht, ebensowenig deren Engagement. Es ist viel schwieriger, in einer Gesellschaft wie der unseren eine Massenbewegung zum Laufen zu bringen, zumal 'Nuit debout' zu einem bestimmten Thema startete (die Reform des Arbeitsrechts), was notwendig war, aber nicht alle soziale Wut des Landes aufgreifen kann. Im Grunde kann man, sofern man eine nützliche Debatte herbeiführen will, zweifellos sagen, dass 'Nuit Debout' die erste post-marxistische soziale Bewegung ist."

Ebenfalls zu lesen ist ein langes Gespräch mit dem Historiker Henry Rousso über dessen jüngstes Buch "Face au passé, essai sur la mémoire contemporaine". Roussos These: Die Opfer der Geschichte appellieren eher an Wissen und Bewusstsein als an Anerkenntnis.
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Magazinrundschau vom 25.08.2015 - Les inrockuptibles

Gaspar Noés Film "Love" ist wegen seiner expliziten Sexszenen in Frankreich erst ab 18 Jahren zugelassen worden. Diese Einstufung hat Debatten ausgelöst. In den Kinos hat sie zu mehr Besuchern geführt, aber in der Auswertung als DVD und im Fernsehen wird der Film leiden. In den Inrockuptibles reflektieren Noé und Virginie Despentes ("Baise-moi") über Sex im Kino und wie er sich verändert hat. Für Despentes ist die Zensur seines Films Ausdruck einer Tendenz: "Wenn du klein bist, wirst du zwangsläufig mit Gewaltbildern konfrontiert, ob du willst oder nicht. Porno ist im Netz allgegenwärtig, und ich glaube, der Film von Gaspard ist für einen Minderjährigen viel leichter zu verstehen und verarbeiten als brutale Pornoszenen ohne jede Erklärung. "Love" bringt den Sex zurück in einen Kontext von Liebe." Sexszenen, so Noé, werden im Kino kaum mehr gedreht. Und "es ist erstaunlich, dass das erotische Kino fast komplett verschwunden ist. Selbst "erotische" Magazine, die heute an die Kioske zurückkehren, wirken viel steriler als damals. Um Schamhaare zu sehen, musst du zum Flohmarkt gehen."

Magazinrundschau vom 16.06.2015 - Les inrockuptibles

Jean Marie Durand und Frédéric Bonnaud unterhalten sich mit den Journalisten Philip Short und Edwy Plenel über den früheren französischen Präsidenten François Mitterrand, zu dem beide gerade Bücher veröffentlicht haben: der Engländer Short die Biografie "François Mitterrand, portrait d"un ambigu" und der Franzose Plenel ein Buch über die Affäre des 1985 vom französischen Geheimdienst versenkten Greenpeace-Schiffs Rainbow Warrior: "La Troisième équipe, Souvenirs de l"affaire Greenpeace". Plenel hatte in Le Monde enthüllt, dass Mitterand die Operation abgesegnet hatte. Er meint: "Das Motiv zu dieser Affäre ist heute interessant für uns: Sie ist nicht nur einfach ein dunkles Kapitel, sondern sie sagt auch etwas darüber aus, inwiefern die tiefe Identitätskrise der gegenwärtigen französischen Politik auf diese Anfänge des Mitterandismus zurückgeht: die Unfähigkeit, die neue Welt zu verstehen, die Ende der 1980er-Jahre plötzlich entsteht. Denn das Motiv besteht darin, dass Mitterand derjenige Präsident ist, der die meisten Atombomben hat hochgehen lassen, mehr als Gaulle, Pompidou, Giscard und Chirac. Es ist eine Vision französischer Stärke, in der man aus der Distanz von dreißig Jahren erkennt, dass sie die entnuklearisierte Welt nicht vorhergesehen hat: die Vision eines Frankreich in einer anderen Welt." Short geht gnädiger mit Mitterand um: "Ich widerspreche in meinem Buch nicht dem, was Sie da sagen. Aber ich habe Zweifel hinsichtlich der Schlüsse, die Sie aus den Erinnerungen von Admiral Lacoste ziehen. Sie interpretieren sie als endgültigen Beweis für die unmittelbare Verantwortung von Mitterrand. Ich glaube, das kann man nicht machen, Lacoste sagt das nicht. Aber es stimmt, dass Mitterand Bescheid wusste, er hat gelogen bis hin zur Aufdeckung der dritten am Einsatz beteiligten Mannschaft."

Magazinrundschau vom 26.05.2015 - Les inrockuptibles

François Mitterrand war sicherlich der skrupelloseste französische Politiker der Nachkriegszeit - die Franzosen verehren ihn dennoch bis heute. Ohne besonderes Erschauern liest Mathieu Dejean die Übersetzung der Biografie Philip Shorts und nutzt die Gelegenheit, um an sich bekannte Episoden nochmal zu erzählen: "1983 kündigt der Autor und Polemiker Jean-Edern Hallier an, dass er ein Buch mit dem Titel "Tonton et Mazarine" vorbereitet, in dem er die Existenz der außerehelichen Tochter Mitterrands und andere Skandale öffentlich machen will. Philip Short erzählt, wie sich Mitterrands Außenminister Roland Dumas an Mitterrand erinnert, der das Manuskript zu dem Buch durchblättert und sagt: "Das ist was. Eine Herausforderung. So etwas wie eine Psychoanalyse." Aber die Idee, dass jemand auf seine Tochter von neun Jahren abzielt, widerte ihn an." Also ließ Mitterrand Hallier 24 Stunden am Tag abhören und beauftragte eine Zelle von "Terrorbekämpfern", ihn zu überwachen und einzuschüchtern. Dumas erinnert sich, wie der Präsident sagte: "Ich weiß, wo er ist, und ich weiß zu jeder Tages- und Nachtzeit, was er tut." Hallier gab auf."

Magazinrundschau vom 19.05.2015 - Les inrockuptibles

Die Historikerin Fanny Bugnon untersucht in ihrem Buch "Les Amazones de la terreur" die Frage, warum politische Gewaltausübung von Frauen in terroristischen Bewegungen wie Action directe oder der RAF ein Tabu ist. In einem Gespräch führt sie aus, dass deren Image, vorzugsweise in den Medien, schon immer zwischen "perverser Furie" und "manipulierter Verliebter" changierte: "Es ist ein Klassiker. Oft wird der Einsatz von Frauen relativiert, in dem man ihre Beweggründe emotionalisiert ... Man verweist eher auf ihre Affekte und Gefühle als auf ihre jeweiligen Werdegänge oder ihre Reflexionsfähigkeit. Man setzt sie in einen sozialen Genitiv zu Männern, um ihre Verantwortung zu schmälern und ihre passive Rolle zu betonen."

Außerdem gibt es ein Interview mit James Ellroy.

Magazinrundschau vom 17.02.2015 - Les inrockuptibles

Wie wird aus einem unbedeutenden Objekt ein Heiligtum? Unter dieser Überschrift unterhalten sich Jean-Marie Durand und Diane Lisarelli mit dem Soziologen Bernard Lahire über sein Buch "Ceci n"est pas qu"un tableau". Er untersucht darin anhand der Kontroversen um die Authentifizierung des Gemäldes "Die Flucht nach Ägypten" von Nicolas Poussin unser Verhältnis zur Kunst. Was ist ein Kunstwerk? Welche stillschweigenden sozialen Mechanismen entscheiden darüber? Zur Erläuterung seiner These, hinter der Bewunderung für Kunstwerke verberge sich eine Form der Herrschaft, sagt er: "Historisch ist Kunst mit Herrschaft verknüpft; die Kategorien "Kunst" und "Künstler" bildeten sich, indem sie sich vom Kunsthandwerk absonderten. Etwas, das als sehr edel betrachtet wird, wird von der Welt der profanen oder gewöhnlichen Dinge abgespalten. Die künstlerische Sphäre existiert ausschließlich in Anbindung an den herrschenden Pol. Strukturell ist Kunst eine Kategorie, die mit der Macht zusammenhängt."

Magazinrundschau vom 27.01.2015 - Les inrockuptibles

In einem Gespräch erklärt der Philosoph Geoffroy de Lagasnerie, inwiefern er in Julian Assange, Edward Snowden und Chelsea Manning nicht nur einfache Whistleblower, sondern Erfinder neuer Formen der Subversion sieht. De Lagasnerie, der zum Thema gerade das Buch "L"Art de la révolte" veröffenlicht hat, meint: "Wenn man sich die Vorgehensweisen von Snowden, Assange und Manning anschaut, sieht man, dass sie die Art und Weise hinterfragen, in der wir uns als politisches Subjekt definieren. Was ist Bürgerschaft, Staat, öffentlicher Raum? ... Sie liefern die Mittel, über die nicht-demokratischen Dimensionen nachzudenken, über die Auswirkungen der Zensur, über die Entpolitisierung und die Macht im Wirken dessen, was man herkömmlicherweise als die Werte der Demokratie ansieht. Mit ihnen lässt sich eine Kritik des Rechts und des Zustands der liberalen Verfassungen selbst entwickeln."

Magazinrundschau vom 23.12.2014 - Les inrockuptibles

Der Ruf des algerischen Autors Kamel Daoud ist schon bis Deutschland gedrungen. Sein Roman "Meursault contre-enquête" (Leseprobe als pdf-Dokument) machte als Fortschreibung von Albert Camus" "Der Fremde" von sich reden und war für den Prix Goncourt nominiert (hoffentlich erscheint er demnächst auch auf Deutsch). Mathieu Dejean schreibt in den Inrockuptibles ein bewunderndes Porträt Daouds, der zunächst durch seine Kolumne im Quotitdien d"Oran bekannt wurde. Dort machte er sich bei der algerischen Regierung so verhasst, dass sie keine offiziellen Anzeigen in dieser Zeitung mehr schaltete. Ein islamistischer Imam erließ gar eine Fatwa gegen ihn: "Der Journalist sprengt alle Schlösser der algerischen Gesellschaft. Natürlich hat er sich Feinde gemacht, aber er steht zu dieser provokativen Seite, wie er jüngst in der französischen Talkshow "On n"est pas couché" bestätigte. Er schreibt gegen die Ideologie der "Arabité" - er betrachtet sich als Algerier, Punkt - gegen die selektive Empörung seiner Landsleute, wenn es um Palästina geht, gegen diese "alte Reliquie, die seit zehn Jahrhunderten nicht refomiert wurde", wie er die Religion in Le Point nannte."

Hier sein Auftritt in der leicht nervigen, aber maßgeblichen Sendung "On n"est pas couché":