Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 07.01.2025 - New Lines Magazine

Das syrische Regime unter Assad handelte im großen Stil mit der Droge Captagon, um seinen Krieg gegen das Volk zu finanzieren: "Tonnen von Captagon wurden täglich in zahlreichen Lagerhäusern produziert, die von syrischen Soldaten bewacht wurden, insbesondere in denen der 4. Panzerdivision unter der Kontrolle von Maher al-Assad, Bashars jüngerem Bruder", erklären Anagha Nair und Aubin Eymard. Wie groß das Ausmaß des Handels mit Assads giftigem Gold war, wird allerdings erst jetzt deutlich, wo die Fabriken von den HTS-Rebellen durchsucht werden. Um die Pillen exportieren zu können und durch den Zoll zu bekommen, "wandte man unzählige Schmuggeltechniken an. Allein im Lagerhaus in Douma zählten wir um die zehn Methoden, darunter falsche Früchte aus Styropor, Tahini-Dosen, Stromzähler und LED-Lampen", erzählen die Autoren, die von einem der Rebellen in das Innere der Fabrik geführt werden: "Während Khalid die Kisten und Elektronik auf dem Boden durchsuchte, um weitere versteckte Vorräte zu finden und uns ihre Rolle in der Fabrik zu erklären, stieß er auf eine Gipskartonplatte, die an einer Wand lehnte. Sie brach auf und Hunderte von Captagon-Pillen kullerten auf den Boden. Seine Augen weiteten sich vor Überraschung und seine Stimme wurde lauter, als ihm klar wurde, dass sie gerade einen weiteren Schmuggeltrick entdeckt hatten." Im Nahen Osten ist der Konsum von Captagon besonders hoch und "während das erklärte Ziel von HTS darin besteht, die Captagon-Produktion auszumerzen und dieses Kapitel aus den Geschichtsbüchern Syriens zu tilgen, dürfte die Umsetzung dieses Ziels nicht ganz so einfach sein. Die Gruppe kontrolliert nicht ganz Syrien, und solange dies der Fall ist, dürfte es sich als schwierig erweisen, andere Gruppierungen davon abzuhalten, aus diesem lukrativen Handel Kapital zu schlagen. Selbst wenn es HTS gelingen sollte, alle Fabriken zu zerstören und die Captagon-Versorgung zu unterbinden, bliebe die Nachfrage nach dem Medikament unverändert. Die Macht der kleinen Pille ist nach wie vor so stark wie eh und je, und das in den letzten Jahren in Syrien entwickelte Know-how dürfte trotz der Bemühungen von HTS, es zu schwächen, weiterhin gedeihen." (Mehr zum Captagon-Handel, auch in Deutschland, hier)

"Kakao ist König", so lautet ein gängiges Sprichwort in der Kultur von Trinidad, erzählt uns Lydia Wilson, die die Schokoladenherstellerin Gillian Goddard getroffen hat. Diese hat einen Weg gefunden, die Ernte von Kakao-Bohnen wieder für die indigene Bevölkerung lukrativ zu machen. Seit der Kolonisation durch die Briten wurden die Kakao-Bohnen aus Trinidad lediglich ins Ausland exportiert und dort von Schokoladenherstellern verarbeitet. Vom Profit kam wenig bei den Kakao-Bauern an. Goddard fand nun einen Weg, die Herstellung der Schokolade wieder in die Hände der Bauern selbst zu legen, indem sie indigene Herstellungsverfahren wieder zugänglich machte: "Goddard begann, akribisch Daten zu sammeln; sie zeigte mir die verwirrende Tabelle. 'Diese Ernte hier', sagte sie und hob eine Zelle der Tabelle hervor, 'könnte als Bohnen verkauft werden, für 2.000 Dollar.' Aber wenn man daraus Schokolade machen würde, so rechnete sie vor, könnte man dieselbe Ernte für 12.000 Dollar verkaufen, obwohl viel Arbeit nötig war, um diesen Preis zu erreichen. Es mussten weitere Zutaten und möglicherweise Maschinen gekauft werden, die Verpackung musste entworfen und bezahlt werden, und auch der Vertrieb und der Verkauf waren zu regeln. Aber es war klar, dass man so mehr Geld verdienen konnte. 'Je mehr Wert man den Kakaobohnen beimisst, desto mehr Geld bleibt in der Gemeinde', fasst Kelly Fitzjames, stellvertretende Direktorin der Alliance of Rural Communities (ARC), zusammen. Die Veredelung des Produkts zu Hause in Trinidad war die erste Möglichkeit, die Goddard fand, um den Wasserfluss zum Stausee einzudämmen. Die indigenen Gemeinschaften haben eine weitaus längere Beziehung zu der Pflanze, und der 'Kakaotanz' - bei dem die Bauern tanzen und auf den geernteten Bohnen herumtrampeln - ist nicht nur ein wichtiger Bestandteil der Verarbeitung der Bohnen, sondern auch der Kultur Trinidads."

Magazinrundschau vom 03.12.2024 - New Lines Magazine

Sofia Cherici und Federico Ambrosini reisen auf die norwegische Inselgruppe Spitzbergen, genauer gesagt nach Longyearbyen, im arktischen Eismeer. Longyearbyen ist der größte Ort Spitzbergens, Heimat von etwa 2.500 Menschen, und liegt auf halbem Weg zwischen dem norwegischen Festland und dem Nordpol. Bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert war Spitzbergen Niemandsland - im so genannten "Spitzbergenvertrag" gelang es Norwegen nach dem Ersten Weltkrieg die Oberhoheit über das Gebiet zu erlangen, mit der Sonderregelung, dass "Bürger aller Signatarstaaten freien Zugang und die gleichen Rechte auf wirtschaftliche Nutzung" haben, so heißt es dort. Das heißt: Um dort zu arbeiten, benötigt man kein Visum. Das hat Arbeiter aus allen möglichen Ländern angezogen, erklären die Autoren, 2016 machte die "nicht-norwegische Bevölkerung laut einer Zählung aus dem Jahr 2016 bereits mehr als ein Viertel aller registrierten Einwohner aus". In letzter Zeit spielen sich aber vermehrt seltsame Dinge ab, die die Nicht-Norweger auf der Insel betreffen: "Im Jahr 2020 wurde die einzige Filiale der SpareBank 1 Nord-Norge geschlossen, was bedeutete, dass die Einwohner von Spitzbergen aufs Festland fliegen mussten - für einige war ein norwegisches Visum erforderlich -, um Bankdienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Im Jahr 2022 wurde das Wahlrecht für nicht-norwegische Einwohner bei Kommunalwahlen eingeschränkt." Der Grund scheint geopolitischer Natur zu sein: "Russland, das auf dem Archipel bereits eine gewisse Präsenz hat, könnte Spitzbergen für militärische Zwecke nutzen, während China behauptet, es handele sich um einen 'arktisnahen' Staat. Diese Befürchtungen sind nicht unbegründet: Der norwegische Staat hat eilig Grundstücke auf Auktionen aufgekauft und besitzt nun 99,5 Prozent des Archipels."

Zwischen 2000 und 2012 wurden in Mexiko 67 Journalisten getötet, davon 14 in Veracruz, berichtet Alejandra Ibarra Chaoul, die den Leiter der Regierungsorganisation CEAPP, Hernandez Sosa, getroffen hat. Die Organisation mit dem spanischen Akronym CEAPP ist die "Staatliche Kommission für Achtung und Schutz von Journalisten", die Entführungen, Morde und Folter von Journalisten verhindern will, von denen, wie Sosa herausfand, "nur vier Prozent von organisierten Verbrecherbanden oder Kartellen, doch erstaunliche 29 Prozent auf öffentliche Amtsträger zurückgeführt werden konnten, darunter Bürgermeister, Gemeinderäte, Polizisten und Sicherheitskräfte." So im Falle von Celestino Ruiz Vazquez, einem Lokalreporter in Actopan, einer 41.000-Einwohner-Stadt im Zentrum von Veracruz, der darüber berichtete, wie der Bürgermeister von Actopan und seine Frau mehr als 40 Angestellte entließen, um stattdessen Freunde und Verwandte einzustellen, "selbst wenn diese keinerlei Erfahrung in öffentlichen Ämtern hatten. Tage später brachen unbekannte Angreifer in Ruiz Vazquez' Garage ein und zertrümmerten die Fenster seines Autos. Unbeirrt veröffentlichte der Reporter eine weitere Geschichte. 'Actopans Bürgermeister ordnet Schläge gegen Mitarbeiter des Rathauses an', hieß es darin. Der Bürgermeister kürzte daraufhin die Gehälter der Angestellten und ließ sie von seinen Leibwächtern einschüchtern und verprügeln, wenn sie sich beschwerten oder, schlimmer noch, wenn sie mit Ruiz Vazquez sprachen. Dann wurde auf sein Auto geschossen, was zu einem Treffen mit CEAPP führte. Nach dem Treffen mit Hernandez Sosa stellt die CEAPP ein Polizeiauto vor das Haus des Reporters. Ruiz Vazquez wurde ständig überwacht und berichtete unter Polizeischutz weiter über die Lokalpolitik. Er brachte eine Story über angebliche Unterschlagung. Tage später, an einem Freitag, erhielt Hernandez Sosa einen weiteren Anruf von dem Reporter. Er war erneut bedroht worden und dachte, die Polizeiüberwachung würde nicht ausreichen, um ihn zu schützen. Sie vereinbarten, sich am Dienstag erneut zu treffen, um sein Schutzprotokoll neu zu bewerten. Aber Ruiz Vazquez erschien nie. In dieser Nacht brach jemand in sein Haus ein und erschoss ihn."

Magazinrundschau vom 26.11.2024 - New Lines Magazine

Man kann es sich angesichts der aktuellen Situation kaum vorstellen, aber Türken und Kurden können auf ein ganzes Jahrtausend der Zusammenarbeit zurückblicken, das erst von der Politik der letzten hundert Jahre überschattet wurde. Hussain Jummo zeichnet die Geschichte kurdischer und türkischer Allianzen nach: Emblematische Daten sind beispielweise die Schlacht bei Manzikert im Jahr 1071, in dem die Kurden den Seldschuken dabei halfen, die byzantinische Armee unter Kaiser Romanos IV zu schlagen. Bis heute gesteht Erdogan nicht ein, welche zentrale Rolle die Kurden in der türkischen Nationalgeschichte spielten, so Jummo. Auch die Schlacht bei Tschaldiran im Jahr 1514, bei denen die Osmanen gegen das Persische Reich siegten, hätte ohne die Mithilfe der Kurden nicht gewonnen werden können. Das 20. Jahrhundert hat dieser gemeinsamen Geschichte ein Ende gesetzt: "Bis 1919 blieben nur die zentralen Regionen Anatoliens, Kurdistans und des Schwarzen Meeres von europäischer Besatzung verschont. Von diesen Regionen aus begann der nationale Widerstand, der im türkischen Unabhängigkeitskrieg von 1922 kulminierte. Die Kurden vereinigten sich erneut mit den Türken, trotz innerer Spaltungen zwischen jenen, die an der Seite der türkischen Nationalbewegung kämpfen wollten, und jenen, die einen unabhängigen kurdischen Staat anstrebten. Am Ende entschieden sich die meisten für eine gemeinsame Heimat. Dies wurde 1920 mit dem Nationalpakt formalisiert, den Atatürk in Absprache mit kurdischen Führern entwarf. Der Pakt sollte einen Neuanfang schaffen und einen gemeinsamen Staat vorsehen, der beide Völker vor existentiellen Bedrohungen schützen sollte. Damals enthielt er keinen türkisch-nationalistischen Inhalt. Beide Seiten versprachen, dass die Große Nationalversammlung in Ankara sich um die Rückgewinnung der unter britisches und französisches Mandat gefallenen Gebiete in Syrien und im Irak bemühen werde, darunter die Städte Aleppo und Mosul. All dies wurde auf den Kopf gestellt, als Atatürk 1923 die türkische Republik ausrief. Die Kurden lehnten das neue Regime ab, das ihre Existenz leugnete. 1925 führten Persönlichkeiten wie Scheich Hamid Pascha einen kurdischen Aufstand gegen die Republik an, der jedoch durch ein brutales Vorgehen und Hinrichtungen niedergeschlagen wurde, die das Unabhängigkeitsgericht in Diyarbakir genehmigt hatte. Trotzdem diente die frühere Zusammenarbeit in dem seither anhaltenden Konflikt als Vision für eine Zukunft türkisch-kurdischer Freundschaft."

Magazinrundschau vom 19.11.2024 - New Lines Magazine

Die ugandische Hauptstadt Kampala erlebt derzeit eine Renaissance der Künste, die Anna Adima an die sechziger Jahre denken lässt: Kurz nach der Unabhängigkeit von Großbritannien wurde Kampala zur "Kulturhauptstadt Afrikas". Ziel vieler Kulturschaffender war es, eine genuin afrikanische Kunst zu schaffen, um das Erbe des Kolonialismus abzuschütteln, was zum Beispiel bei einer historischen Konferenz afrikanischer Schriftsteller im Jahr 1962 diskutiert wurde, an der Schriftsteller wie Chinua Achebe, Wole Soyinka, Grace Ogot oder Langston Hughes teilnahmen: "Diese Zeit in Kampala war prägend für die Entwicklung der afrikanischen Literatur und Literaturtheorie. Zu den bedeutenden Schriftstellern der Stadt gehörte der Dichter und Akademiker Okot p'Bitek, der für seine Ballade 'Song of Lawino' bekannt ist. Das Epos erzählt die Klagen von Lawino, einer Acholi-Frau aus dem ländlichen Norden Ugandas, über den Verlust ihres Mannes an eine 'verwestlichte' Stadtfrau und seine allgemeine Ablehnung der Acholi-Kultur. Die Journalistin und Schriftstellerin Barbara Kimenye erlangte bis heute Berühmtheit mit ihren 'Moses'-Romanen, einer Kinderbuchreihe über die Abenteuer von Moses in einem ugandischen Internat." Heute erlebt Kampala eine ähnliche Blüte aller Kunstformen, sei es Theater, Film, Bildende Kunst oder Literatur, freut sich Adima: "Die Afrikanisierung von Kunst und Literatur, die den kreativen Diskurs in den 1960er Jahren dominierte, ist im Jahr 2024 fest verankert. Ugandische Künstler schaffen Kunst nach ihren eigenen Vorstellungen - nicht unbedingt für den weißen Blick -, die ihre Beobachtungen der sie umgebenden Gesellschaft vermittelt. So ist beispielsweise der Liebesroman 'Whispers From Vera' von Goretti Kyomuhendo ein Beweis für die Bemühungen des Autors, kommerzielle Belletristik für ein ugandisches und afrikanisches Publikum zu schreiben."

Magazinrundschau vom 12.11.2024 - New Lines Magazine

Alex Rowell ist leidenschaftlicher Scotch-Trinker, erzählt er. Aber in letzter Zeit packt ihn des Öfteren das schlechte Gewissen, "während er in die wirbelnden Tiefen des Tranks in seinem Glas blickt und seine Lungen mit dem uralten Weihrauch von tausendjährigem Torf füllt." Denn eben der Torf, der dem schottischen Whiskey seinen typischen Geschmack gibt, sorgt derzeit für Probleme, berichtet Rowell. Denn die schottische Regierung erwägt ein Abbau-Verbot des Rohstoffes, aus Gründen des Umweltschutzes. Pro Jahrzehnt entsteht nur ein Zentimeter Torf  durch die Zersetzung von abgestorbenen Torfmoosen in Mooren, erklärt Rowell, das heißt, zunächst einmal wird die Ressource seit langem viel schneller abgebaut, als sie entsteht. Torfboden ist außerdem einer der effektivsten Kohlendioxid-Filter, weil die Böden den Kohlenstoff aus der Luft saugen und speichern - doppelt so effektiv wie Wälder. Wird er hingegen abgebaut, passiert genau das Gegenteil: Die Gase werden freigesetzt und der Luftfilter wird zur "Kohlenstoffbombe". Die Whiskey-Hersteller sind von den Erwägungen der Regierung natürlich wenig begeistert, weiß Rowell, der auf die "Whiskey-Insel" Islay gereist ist und unter anderem feststellen kann, dass sich die Destillerien bei der Suche nach Torf-Alternativen kreativ zeigen. Einige "räuchern ihre Gerste mit Substanzen wie Erlenholz, Birkenrinde, Heidekraut und Wacholderbeeren. Einige mutige Pioniere haben sogar Schafsmist ausprobiert, wie etwa die Belgrove-Destillerie in Tasmanien, Australien, die den treffend 'Wholly Shit' genannten Roggenwhisky herstellt, der nur mit Schafskot geräuchert wird. (In seiner 'Whisky Bible 2024' hat der Bestseller-Kritiker Jim Murray dem Whisky eine begeisterte Kritik gegeben und schwärmte, dass der Rauch 'anhält und anhält und anhält'. Man kann es sich vorstellen.) Es ist auch die Rede davon, den Torfrauchgeschmack künstlich zu synthetisieren, indem man phenolische Verbindungen aus anderen Quellen verwendet. Aber - abgesehen vom tasmanischen Roggen - waren bisher nur wenige dieser Bemühungen von großem Erfolg gekrönt, und diejenigen, mit denen New Lines auf Islay sprach, waren skeptisch, was die Gesamtaussichten angeht."

Um gefährliche Gase, die im Boden lauern, geht es auch in der Reportage von Margaux Solinas und Paloma Laudet. Sie nehmen den Kiwusee in Zentralafrika in den Blick, durch den die Grenze zwischen Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo verläuft: Die Loreley hat hier eine Schwester. Legenden erzählen von einer geheimnisvollen Meerjungfrauengöttin, die im See lebt und ahnungslose Matrosen in eine gefährliche Höhle in der Tiefe lockt, erzählen die Autorinnen. Die tatsächliche Gefahr sieht wohl anders aus: Unter der Oberfläche des Sees lagert eine große Menge Methan-Gas - würde es auf einmal entweichen, entstünde eine "limnische Eruption", ein "äußerst seltenes und gefährliches Naturphänomen", wie es schon einmal im Jahr 1986 am Nyos-See in Kamerun auftrat: durch die lautlose Eruption des Gases starben 1.700 Menschen in den umliegenden Dörfern. Aber Methan ist auch eine wertvolle Ressource, erklären die Autorinnen, es verbrennt "sauberer als Kohle und Öl und ist daher eine umweltfreundlichere Option beim Übergang zu erneuerbarer Energie. Darüber hinaus hilft die Nutzung von Methan bei der Abfallbewirtschaftung und kann nachhaltig produziert werden, was die Energiesicherheit erhöht und die lokale Wirtschaft unterstützt." Die ruandische Regierung hat deshalb mit der Förderung begonnen und zu diesem Zweck das Unternehmen KivuWatt gegründet - das Risiko ist unklar" und wird derzeit u.a. von dem Lütticher Limnologen Francois Darchambeau untersucht.

Magazinrundschau vom 05.11.2024 - New Lines Magazine

Der Glaube an Hexen und Dschinn ist in der tunesischen Kultur seit Jahrhunderten eng verwurzelt und immer noch präsent. In der Geschichte des Landes gab es aber unterschiedliche Phasen, was den Aberglauben der Bevölkerung angeht, wie der tunesische Schriftsteller Ahmed Majoub erzählt. "In seinem Buch 'How Tunisians Became Tunisians' argumentiert der Historiker Al-Hadi Al-Taymoumi, dass dieser Glaube nicht auf das gemeine Volk beschränkt ist, sondern auch einen großen Teil der Elite erfasst hat. Trotz der Bemühungen der intellektuellen und kulturellen Führer seit dem 19. Jahrhundert, den Aberglauben zu bekämpfen, und trotz der Einführung der Schulpflicht zur Förderung des modernen wissenschaftlichen Denkens hält sich der Glaube an Magie und Dschinn-Besessenheit hartnäckig. Dies zeigt sich in den tunesischen Talkshows und in der Faszination für 'spukende' Orte und Häuser, die zu Touristenattraktionen geworden sind. Sogar Politikern und Herrschern, darunter dem ehemaligen Präsidenten Zine El Abidine Ben Ali und seiner Frau, wird nachgesagt, dass sie Zauberei und Magie praktiziert haben. Ich wuchs mit solchen Geschichten im alten Innenhof unseres Hauses auf, der groß und in einem besonderen architektonischen Stil gehalten war und in der Mitte einen offenen, nicht überdachten Raum aufwies. Jeden Samstagabend versammelten sich die Verwandten im Hof und unterhielten sich, und ihre Gespräche waren immer mit Geschichten über die Bismillah-Leute [Dschinns] gefüllt. Die Geschichtenerzähler unter uns waren so geschickt, dass es schwer war, Fakten von Fiktion zu unterscheiden, denn ihre Erzählungen waren eng mit der örtlichen Umgebung und den Sehenswürdigkeiten unserer Insel verwoben. Sie erzählten von verlassenen Touristenhotels, in denen Dschinns lebten und ihre Hochzeiten abhielten, von Geschrei und Trommeln, die man an Orten hörte, die vor Jahren von Menschen verlassen wurden. ... Taymoumi führte diese Ablehnung auf die Tendenz der Tunesier zur Mäßigung und ihre Abneigung gegen Extremismus zurück. Er betonte, dass die Tunesier trotz ihres Vertrauens in die Wissenschaft und ihrer Offenheit gegenüber der zeitgenössischen westlichen Zivilisation weiterhin an an Magie und Zauberei glaubten."

Außerdem: Phineas Rueckert porträtiert den französischen Astronomen Camille Flammarion, der nicht nur ein berühmter Wissenschaftler, sondern auch ein leidenschaftlicher Geisterbeschwörer war. Ken Chitwood gibt einen Überblick über die Positionen verschiedener religiöser Minderheiten zur US-Wahl.

Magazinrundschau vom 29.10.2024 - New Lines Magazine

Fast 20.000 Kinder wurden seit Beginn des russischen Angriffskrieges aus der Ukraine verschleppt. Unter ihnen sind auch Kinder mit teilweise schweren Behinderungen, die in einer spezialisierten Einrichtung in der Stadt Oleshky in der Oblast Cherson untergebracht wurden, wie Viktoriia Novikova, Nataliia Sirobab und Ivan Antypenko berichten. Als im Februar 2022 die russische Invasion in Cherson begann, wurden nach und nach insgesamt 85 Kinder und Erwachsene des Oleshky-Internats von den russischen Behörden nach Russland oder in die besetzten ukrainischen Gebiete "evakuiert", in den meisten Fällen wussten ihre Verwandten nicht wohin. Manche haben bis heute, zwei Jahre später, keine Nachricht über den Verbleib ihrer Kinder, manchmal nicht mal die Gewissheit, dass diese noch am Leben sind, berichten die Autoren. Viele, wie zum Beispiel die Mutter der dreizehnjährigen Aurora (die Namen wurden auf den Wunsch der Interviewten geändert), machten sich auf eigene Faust auf die Suche: "Maria spürte Vitalii Suk, den von Russland ernannten Direktor der Oleshky-Schule, auf seinem Handy auf und verlangte Antworten (...) Bis November 2022 waren Oleshkys Schüler über ganz Russland, die besetzte Krim und Skadowsk verstreut. Zusätzlich zu denen, die in russische Waisenhäuser gebracht wurden, wurden einige in Waisenhäuser auf der Krim gebracht. Unterdessen war Auroras Mutter auf dem Weg aus dem freien Teil der Ukraine auf die Krim. Sie musste mehr als 6.000 Meilen zurücklegen, um ihre Tochter zu erreichen, und dabei Polen, Lettland, Litauen und den westlichen Teil Russlands passieren. Im Krankenhaus stellte Maria fest, dass das für die Betreuung ihrer Tochter zuständige Personal zögerte, ihr ihr Kind zurückzugeben. Bevor sie Aurora zu ihrer Mutter brachten, bestanden sie darauf, dass Maria eine Erklärung unterschrieb, dass sie keine Beschwerden gegen das Krankenhaus habe und dass das Mädchen keine blauen Flecken habe. Als Maria ihre Tochter endlich sah, war sie schockiert über Auroras Zustand. Sie trug schmutzige Kleidung und ihr gebrechlicher Körper hatte einen starken, unangenehmen Geruch, sagte ihre Mutter. Aurora enthüllte später, dass sie während ihres dreiwöchigen Krankenhausaufenthalts weder ihre Zähne geputzt noch geduscht hatte. Sie sprach darüber, wie sie vom medizinischen Personal geschlagen wurde und wie sehr sie ihre Freunde vermisste."

Magazinrundschau vom 22.10.2024 - New Lines Magazine

Nour Idriss schildert die Schwierigkeiten, denen sich syrische Youtuber in ihrem Land ausgesetzt sehen. Zum Beispiel Hosam Wattar, der unter dem Namen Abu Bakri Alltagsbeobachtungen und Sketche postet, betreibt eigentlich eine Apotheke in Aleppo. Als der Bürgerkrieg die Stadt traf, begann Wattar mit schwarzhumorigen Facebook-Posts das Geschehen zu kommentieren und als die Reaktionen immer zahlreicher wurden, begann er Youtube-Videos zu drehen. Die Hürden bei der Realisierung sind gewaltig, so Idriss. Politisch dürfen die Inhalte auf keinen Fall sein, weil sie sonst von der Regierung geblockt werden. Gleichzeitig haben die Youtuber Schwierigkeiten mit den amerikanischen Sanktionen, denn AdSense, die Werbeplattform von Google, ist in Syrien nicht verfügbar, erklärt Idriss, was bedeutet, dass YouTube-Videos, unabhängig von ihrer Herkunft, nicht mit Anzeigen monetarisiert werden, wenn sie in Syrien angesehen werden - somit verdienen die Urheber weniger Geld. Aber auch ganz alltägliche Phänomene können Wattar seine Arbeit erschweren, wie zum Beispiel fehlender Strom: "In einem Video hat Wattar das Problem in einem komischen Sketch festgehalten, der ein Vorstellungsgespräch im Elektrizitätswerk bei Kerzenlicht zeigt. 'Mein Sohn, das Gute an dem Job ist, dass er sehr entspannt ist, weil es immer einen Stromausfall gibt', sagt der Interviewer zum Bewerber. 'Das Schlechte ist, dass jeder dich beschimpft.' Die meisten Haushalte in Aleppo haben nicht mehr als vier Stunden Strom pro Tag. Wenn der Strom ausfällt, sagen die Leute oft: 'Das 'Ampere' wird jeden Moment losgehen. 'Ampere' bezieht sich auf den elektrischen Stro, den diejenigen, die über die Mittel verfügen, unabhängig vom staatlichen Stromnetz beziehen können. 'Ampere'-Verkäufer betreiben kraftstoffbetriebene Motoren, die Strom erzeugen, der für etwa 3 bis 6 Dollar pro Woche und 'Ampere' erhältlich ist, eine beträchtliche Summe in einem Land, in dem der durchschnittliche Arbeiter nur 20 Dollar im Monat verdient. Es gibt auch die umweltfreundlicheren Solarmodule, die mittlerweile fast jedes Dach in Aleppo bedecken. Wattar nutzt beides in seinem Haus, wobei sein 'Ampere'-Abonnement von 16 Uhr bis Mitternacht läuft. 'Zwei 'Ampere' reichen aus, um den Kühlschrank, den Router, den Fernseher und eine Glühbirne mit Strom zu versorgen', sagt Wattar."

Szene aus "The Settlers" von Felipe Gálvez


Tim Brinkhoff empfiehlt Felipe Gálvez' Film "Die Siedler" (im Moment auf der Plattform "mubi" zu sehen), der den Genozid am indigenen Volk der Selk'nam thematisiert, das bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts große Teile von Feuerland bewohnte. Ende des 19. Jahrhunderts siedelten sich Goldsucher und Schafzüchter auf der Isla Grande an, was zu Zusammenstößen mit den Selk'nam führte. Wohlhabende Landwirte wie Jose Menendez heuerten in der Folge bewaffnete Männer an, die die Indigenen jagen sollten. Gálvez Film folgt nun drei dieser Männer, die jeweils historische Vorbilder haben. "Das Wenige, was wir über ihre Hintergrundgeschichten erfahren, zeigt, dass es sich hier nicht um ansonsten gute Menschen handelt, die durch die Versuchungen eines gesetzlosen Terrains verdorben wurden, wie sie in vielen Kolonialgeschichten (denken Sie an Joseph Conrads 'Herz der Finsternis') dargestellt werden. Im Gegenteil, es handelt sich um Menschen, die schon lange vor Beginn der Geschichte korrumpiert wurden und an die Grenze kamen, um einen Ort zu suchen, an dem sie ihren dunkelsten Wünschen nachgehen konnten, ohne rechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen."

Magazinrundschau vom 15.10.2024 - New Lines Magazine

New Lines hat zusammen mit mehreren europäischen Zeitungen und dem Netzwerk Lighthouse die Zustände in den Abschiebezentren untersucht, die die EU in der Türkei finanziert und fand "überwältigende Beweise für Überbelegung, schlechte Hygiene, Schläge, rassistische Übergriffe und Selbstmordversuche sowie gemeldete Todesfälle unter unklaren Bedingungen", erklären die Reporter Melvyn Ingleby, Ylenia Gostoli, May Bulman und Mesut Tatuz. "Mehr als drei Viertel der inhaftierten Syrer, mit denen wir für diese Untersuchung sprachen, gaben an, dass sie unter Druck gesetzt oder körperlich gezwungen wurden, die Formulare zur freiwilligen Rückkehr zu unterschreiben. Während ein Großteil der Nötigung innerhalb der Zentren stattfindet, sagten einige Inhaftierte, sie seien direkt an der syrischen Grenze gezwungen worden, Papiere zu unterschreiben. Einer von ihnen war Mohammed, ein syrischer Überlebender des Erdbebens, der letztes Jahr in Tuzla inhaftiert worden war. Nachdem er verlegt und weitere vier Monate in einem Lager bei Elbeyli festgehalten worden war, wurde er nach eigenen Angaben gegen Mitternacht zum Grenzübergang bei der türkischen Stadt Oncupinar gebracht. 'Sie steckten uns in einen Raum und fragten: Wer will nach Syrien gehen?', sagte Mohammed. 'Dann machten sie das Licht aus und schlugen die Leute, die gesagt hatten, sie wollten in der Türkei bleiben, mit Eisenstangen. Dann schalteten sie das Licht wieder an, und alle sagten: Wir wollen nach Syrien gehen.' Er und andere wurden dann zu einem nahe gelegenen Ort gebracht, um die Formulare zu unterschreiben. 'Wir mussten uns auch vor eine Kamera stellen und sagen, dass wir freiwillig nach Syrien gehen. Einige weinten, während sie das sagten, andere hatten Anzeichen von Schlägen im Gesicht.'"

Alec D'Angelo und Aram Shabanian berichten von den Blüten, die die Verschwörungsfantasien republikanischer Abgeordneter und X-Nutzer nach dem verheerenden Hurrikan Helene in den USA treiben. Naturkatastrophen waren in den letzten Jahren immer häufiger Anlass für "farbenfrohe" Theorien, wie denen der Republikanerin und MAGA-Anhängerin Marjorie Taylor Greene aus Georgia, die behauptet, die Eliten würden die Stürme absichtlich in bestimmte Orte senden (zum Beispiel per "Wolkenimpfungstechnologie" und "Sturmkontrollgeräten", zitieren die Autoren ihre Posts). Falsche X-Posts über die "Federal Emergency Management Agency" (FEMA) behaupteten, die staatliche Hilfsorganisation stelle ihre Hilfe nur als Darlehen zur Verfügung, dass zurückgezahlt werden müsse - eine ziemlich fatale Behauptung, so Shabanian und D'Angelo: "Ein Anrufer bei 'The Dan Abrams Show' auf SiriusXM sagte, dass sein Schwiegervater etwas außerhalb von Asheville, North Carolina, durch Hurrikan Helene schwer geschädigt wurde: 'Er hat jede Hilfe der FEMA abgelehnt, weil er ein eingefleischter Trump-Anhänger ist. Er glaubt buchstäblich, dass sie ihm sein Haus wegnehmen, wenn er irgendetwas von der FEMA annimmt. Er hat fast alles verloren und lehnt jede Hilfe der Bundesregierung ab und beschwert sich bei uns, dass er nichts zu essen hat, dass er nicht die Sachen hat, die er braucht, und trotzdem will er die Hilfe nicht annehmen.'"

Magazinrundschau vom 08.10.2024 - New Lines Magazine

In einem Land wie Botsuana, denken viele, kann man guten Gewissens Edelsteine kaufen, erklärt Louise Donovan mit Bezug auf eine Untersuchung des Time-Magazins zum Thema "Blutdiamanten" aus dem Jahr 2015: "In einer Branche, die historisch von Gewalt, Schmuggel und Kinderarbeit geplagt ist, ist das Land für seine ethisch einwandfreien Diamanten bekannt. Es hat sogar das königliche Gütesiegel erhalten: ein aus Botswana stammender Kristall ziert Meghan Markles Verlobungsring von Prinz Harry." Vor mehr als fünfzig Jahren schlossen der südafrikanische Diamantengigant de Beers und die botsuanische Regierung eine lukrative Partnerschaft, um die Diamantenminen des Landes zu betreiben. Und tatsächlich hat die Diamanten-Industrie dem Land zu relativem Wohlstand verholfen, die Luxusprodukte machen heute über 90 Prozent der Gesamtexporte und ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts aus, so Donovan. Doch mit den ethischen Standards ist es nicht so weit her wie behauptet, fand Donovan in Interviews mit den Arbeiterinnen in einer Diamanten-Schleiffabrik heraus: diese berichten von Rattenbefall, giftigem Diamantenstaub, sexuellem Missbrauch. Wer sich in einer Gewerkschaft engagiert, dem droht der Rauswurf, erfährt Donovan von ihren Gesprächspartnerinnen. Einige Fabriken bezahlen nicht mal den Mindestlohn: "Jahrelang haben die niedrigen Löhne die Polierer in die Armut getrieben, sagte Rakwadi, der Gewerkschaftsfunktionär der BDWU. Ihr Lohn deckt Lebensmittel und Miete, aber oft nur wenig anderes. Viele der Frauen sind alleinerziehende Mütter und oft die Haupternährerinnen, die Großfamilien unterstützen. Obwohl die Unternehmen die Löhne ihrer Angestellten durch 'Anreize' aufstocken, das heißt durch monatliche Zuschläge zur Deckung der Transportkosten oder zur Belohnung der Pünktlichkeit, sind diese freiwillig und werden manchmal gestrichen oder einfach nicht gezahlt, so die Frauen. Einige der niedrigsten dokumentierten Löhne wurden bei Dalumi gezahlt, einem globalen Unternehmen mit Produktionsstätten in Botswana. Mehrere aktuelle und ehemalige Polierer mit mehr als zehn Jahren Berufserfahrung in der Branche verdienten ein monatliches Grundgehalt zwischen 1.900 und 2.500 Pula (etwa 140 bis 190 US-Dollar). Der empfohlene existenzsichernde Lohn in Gaborone beträgt 8.119 Pula, so die WageIndicator Foundation, eine globale gemeinnützige Organisation. Doch für viele heißt es, entweder dies oder gar nichts."