Magazinrundschau - Archiv

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87 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 9

Magazinrundschau vom 01.10.2024 - New Lines Magazine

Hassan Hassan geht den Interessen der syrischen Regierung auf den Grund, die sich in den vergangenen Monaten, während sich der Konflikt zwischen Israel, dem Iran und dem Libanon zuspitzte, erstaunlich ruhig verhielt. Syrien ist das einzige Mitglied der von Iran angeführten "Achse des Widerstands", das sich bisher aus dem Konflikt herausgehalten hat, bemerkt Hassan. Nicht nur blieb es an der Golanfront überraschend still, so Hassan, auch rhetorisch hielt sich das Assad-Regime sehr zurück, verzichtete beispielsweise auf die üblichen Unterstützungsbekundungen für die Hisbollah oder den Iran nach größeren Angriffen. Es scheint, als verfolge Assad eine bewusste Strategie, die zudem sowohl von Iran als auch von Moskau toleriert wird, sich aus diesem Krieg herauszuhalten. Ziel sei es, so Hassan, die Beziehungen zu alten Gegnern wieder zu normalisieren: "Assads Schweigen baut das Wohlwollen einiger seiner ehemaligen Gegner wieder auf, insbesondere in den Golfstaaten und möglicherweise sogar in Israel und den Vereinigten Staaten. Es könnte eine ältere Wahrnehmung Syriens wiederbeleben, die dem Aufstand und Bürgerkrieg von 2011 vorausging: die Überzeugung, dass das Assad-Regime der Ruhe an der Golan-Front Priorität einräumen würde. Seit dem Ausbruch des Syrienkonflikts sind die Entwicklungen entlang der israelischen Grenze für Israel und westliche politische Kreise ein wichtiges Anliegen. Die Furcht vor einem möglichen iranischen Aufmarsch in Syrien, ähnlich dem im Irak, hat den Westen veranlasst, mit Regimegegnern zusammenzuarbeiten und in dem Land Fuß zu fassen. Der Krieg im Gazastreifen ist daher die erste große Bewährungsprobe für Syriens Haltung, die Ruhe auf dem Golan zu bewahren und gleichzeitig die Beziehungen zum Iran auszubalancieren (...)Wenn die Golfstaaten und die Türkei nach Syrien zurückkehren, wird nach Ansicht des Assad-Regimes auch Europa folgen. Das Beste, was sich Assad von Washington erhoffen kann, ist, dass es diese Bemühungen nicht aktiv blockiert, indem es zum Beispiel Sanktionen verhängt oder seine Verbündeten davon abhält, sich in Syrien zu engagieren oder dort zu investieren."

Magazinrundschau vom 17.09.2024 - New Lines Magazine

Warum hassen Islamisten Fröhlichkeit, fragt der iranische Journalist Kourosh Ziabari und blickt dabei auf die Bevölkerung des Iran, die mittlerweile zu den unglücklichsten der Welt gehört: Im "World Happiness Report 2024" belegt der Iran den 100. Platz von 143 Ländern, hinter Venezuela, der Republik Kongo und dem Irak. Sicherlich, hält Ziabari fest, die tiefe Traurigkeit ist eine klare Folge der Unterdrückung und der wirtschaftlichen Stagnation im Land. Doch das ist nicht alles. Seit 1979 lasse sich ein Phänomen feststellen, dass bis heute immer nur stärker geworden sei. Das Mullah Regime begann, einen Trauerkult zu forcieren, der weit über die im Iran üblichen religiösen Trauerrituale hinausging: "Ein Mangel an festlichen Anlässen im Kalender und aktives Eingreifen des Staates und seiner Bürgerwehren, um Hochzeitszeremonien, Konzerte und sogar eine Wasserpistolenschlacht unter einer Gruppe von Teenagern in einem Park zu unterdrücken, sind einige Beispiele für den anhaltenden Widerstand gegen Freude." Das führt zu psychischen Störungen, die im Iran verbreitet sind, so Ziabari. Die Mullahs kümmert das nicht. Denn die Unterdrückung der Freude ist nicht nur eine Grundeigenschaft der islamistischen Ideologie, erklärt er, sie dient auch dem Machterhalt: "In seinem im September 2007 erschienenen Essay 'Islamismus und die Politik des Spaßes' für die Zeitschrift Public Culture argumentierte der iranische Wissenschaftler Asef Bayat, dass Spaß sich rigider Disziplin und etablierter Verhaltensnormen widersetzt, die oft von Autoritäten aufgestellt werden. Bayat stellte die Hypothese auf, dass 'Angst vor Spaß' eine Angst vor der Schwächung der Macht ist, die viele religiöse Traditionen gemeinsam haben. Indem sie die Manifestation der Identität von Menschen durch Mode unterdrücken, die Vermischung zweier Geschlechter kriminalisieren und harmlose Handlungen wie das Rasieren des Bartes durch Männer oder das Tragen von Make-up durch Frauen verbieten, verfolgen Theokratien in Afghanistan und im Iran grundlegendere Ziele als die Popularisierung ihrer moralischen Stilbücher.' Es ist keine bloße doktrinäre Frage, sondern eine historische Angelegenheit, die maßgeblich mit der Erhaltung der Macht zu tun hat', schrieb er."

Magazinrundschau vom 03.09.2024 - New Lines Magazine

Seit sich die georgische Politik mehr und mehr Richtung Russland wendet, nimmt ein äußerst bizarres Phänomen an Fahrt auf, berichtet Will Neal: Seit Jahrzehnten kursieren im Herkunftsland Josef Stalins wilde Mythen über dessen angebliche "Superkräfte" erzählt Neal. Es heißt, er habe in seinem Leben zehntausende von Büchern gelesen oder auch, er habe die Zeit anhalten können. Diese latente Verehrung wird nun mehr und mehr zu einer gezielten Desinformationskampagne, an deren Ursprung die georgische Kirche steht, so Neil. Als Höhepunkt dieser Entwicklung lässt sich das Auftauchen eines Heiligenbilds Stalins in der Kathedrale der Heiligen Dreifaltigkeit in Tblisi sehen - der sowjetische Diktator neben der Heiligen Maria. Eigentlich nicht so verwunderlich, denn einer der 'glühendsten Verfechter' Stalins ist Georgiens oberstes religiöses Oberhaupt, Patriarch Ilia II.: "Was genau den georgischen Patriarchen zu seiner Verehrung des verstorbenen sowjetischen Führers treibt, bleibt Gegenstand vieler Spekulationen. Eine der wilderen Theorien geht davon aus, dass Ilia, ein in Russland geborener ethnischer Georgier, in Wirklichkeit selbst ein ehemaliger KGB-Agent und damit das Hauptinstrument einer jahrzehntelangen Kreml-Verschwörung zur Aufrechterhaltung des politischen Einflusses in Georgien ist. (Das Büro des Patriarchen antwortete nicht auf eine Bitte um Stellungnahme.) Vertreter dieser Ansicht verweisen auf die Tatsache, dass Ilja in den späten 1950er Jahren an der Moskauer Theologischen Akademie studierte, als die Institution nachweislich unter der Kontrolle des sowjetischen Geheimdienstes stand, sowie auf verschiedene Kommentare, die der Patriarch im Laufe der Jahre in Interviews mit der Presse machte. 'Als [Stalin] starb, war ich nur ein Student am Seminar, und wir standen alle in der Aula und weinten, als sie ihn beerdigten', sagte der Patriarch 2013 gegenüber Reportern... Der Einfluss der Kirche in einem Land, in dem sich fast 90 % der Bevölkerung als Christen bezeichnen und Ilia durchweg als die vertrauenswürdigste und respektierteste Persönlichkeit des öffentlichen Lebens des Landes gilt, kann kaum überschätzt werden."

Dass die Spuren der Apartheid in Südafrika bis heute nachwirken, zeigt ein Skandal um das südafrikanische Model Chidimma Adetshina, wie uns Kwangu Liwewe vor Augen führt. Adetshina, Tochter eines nigerianischen Vaters und einer mosambikanischen Mutter, wurde unter die elf Favoritinnen der Wettbewerbs zur "Miss South-Africa" gewählt, doch ihre Kandidatur löste in den Sozialen Medien einen Tsunami an Hass und Rassismus aus: "Chidimma wurde für eine illegale Einwanderin gehalten und für nicht südafrikanisch genug, um Miss Südafrika zu werden, weil sie schwarz und afrikanischer Abstammung ist", zitiert Liwewe einen Fernsehmoderator des südafrikanischen Senders eNCA. Schließlich zog sich Chidimma aus Angst vom Wettbewerb zurück, so Liwewe. Die Affäre zeige die kulturellen Spannungen und die Fremdenfeindlichkeit, die unter der Oberfläche der sogenannten "Regenbogennation" schwele, die "tiefen Narben, die Kolonialismus und Apartheid hinterlassen haben, haben die Konstruktion nationaler Identitäten und die Wahrnehmung afrikanischer Ausländer, selbst jener, die eingebürgert und Staatsbürger geworden sind, beeinflusst." Hier zeigen sich klar, stellt Liwewe fest, die Auswirkungen der rassistischen "Hackordnung" des Apartheidsregimes, in dem schwarze Südafrikaner auf der untersten Stufe standen: "'Die Regenbogen-Rhetorik ist gefährlich', sagt Nombulelo Shange, Soziologiedozent an der University of the Free State in Bloemfontein. 'Sie beschönigt die Ungerechtigkeiten, die wir durchgemacht haben. Sie besagt im Grunde, dass das, was wir in den letzten 300 Jahren durchgemacht haben, vergessen werden muss, weil wir eins sind. Sie ist gefährlich, weil sie uns die Möglichkeit nimmt, uns mit diesen Problemen auseinanderzusetzen und in uns zu gehen.'" Nach ihrem erzwungenen Rücktritt stellte sich Adetshina im Heimatland ihres Vaters Nigeria als Kandidatin im nationalen Schönheitswettbewerb zur Wahl und wurde gestern zu "Miss Universe Nigeria" gekrönt.

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Magazinrundschau vom 27.08.2024 - New Lines Magazine

Kang-Chun Cheng beleuchtet die Schicksale dreier Familien, die vor dem Bürgerkrieg im Sudan nach Kenia geflohen sind. Hoyam Babiker zum Beispiel, die im Sudan Jura studierte, hoffte, nach Ägypten oder Kanada fliehen zu können, berichtet Cheng, doch als der Krieg ausbrach, verloren die sudanesischen Bürger die Pass-Privilegien vieler Länder. Ihre Anträge auf Visa wurden abgelehnt. Nachdem sie mit ihren Kindern von einer vermeintlichen sicheren Zone zur nächsten und dann nach Uganda geflohen war, wo die Lebensumstände unerträglich waren, kam sie endlich im Januar 2024 als Flüchtling in Kenia an, das Schätzungen zufolge in den letzten drei Jahrzehnten mehr als 750.000 Flüchtlinge aufgenommen hat, so Cheng. In Nairobi hatte "Babiker die Idee, ein kleines Café zu eröffnen. Im Kilimani-Viertel der Hauptstadt eröffnete sie in diesem Frühjahr 'Mazaj' (arabisch für 'Stimmung'). Wir sitzen auf der Terrasse des Cafés, als sie erzählt, wie sie das Geschäft eröffnete. 'Ich wollte etwas haben, das mich beschäftigt', gibt die junge Mutter zu, damit ihre Gedanken nicht ständig zu den Gräueln in ihrem Heimatland abschweifen. In Kilimani sind die meisten Cafés äthiopisch, aber 'ich wollte einen Ort schaffen, an dem alle Sudanesen zusammenkommen', erklärt sie. 'Vielleicht können wir hier eine gemeinsame Basis finden, da wir uns alle in der gleichen Situation befinden. Während wir plaudern, kommen Stammgäste auf ein heißes Getränk hereinspaziert. Der Geruch von Bakhoor, einem traditionellen Weihrauch, liegt in der Luft. Kinder, manche auf Rollschuhen, kommen vorbei, um ihre Bilder zu verkaufen oder mit Babiker zu plaudern, die offensichtlich die geliebte Tante der Nachbarschaft ist. 'Es ist ein Ort, an dem wir uns wiederfinden. Hier können wir uns treffen und uns gegenseitig über die Situation in Nairobi und zu Hause informieren', sagt Yousif Mohammed Ahmed, 38, der im Juli letzten Jahres in Nairobi angekommen ist. 'Wir unterstützen Hoyam', fährt er fort, 'aber es ist auch ein Ort, an dem wir uns sicher fühlen und sudanesisch sprechen können. Hier findet man jeden, ob er in der sudanesischen Botschaft arbeitet oder neu in der Stadt ist.' Das Einkommen, wenn auch klein, hilft natürlich auch, denn die Lebenshaltungskosten in Nairobi sind sehr hoch. 'Die meisten Leute, die hierher kommen, haben kein Geld.' Eine kleine Tasse Tee kostet an den meisten Orten etwa 75 Cent, aber bei Mazaj kostet sie nur die Hälfte - selbst in den Wirren des Neubeginns hofft Babiker, anderen zu helfen."

Magazinrundschau vom 06.08.2024 - New Lines Magazine

In von Rumänien kontrollierten Gebieten wurden während der Nazi-Zeit 380.000 Juden und 11.000 Angehörige der Roma-Gemeinschaft ermordet. Die Rolle, die Rumänien bei der Verfolgung der Juden im eigenen Land spielte, wurde im Land aber lange Zeit ignoriert. Seit dem Jahr 2023 gibt es nun einen verpflichtenden Kurs in Schulen, der den Holocaust in Rumänien aufarbeiten soll, berichtet Amanda Coakley. Dabei geht es auch um das Pogrom von Iasi, das am Beginn einer Vernichtungswelle gegen Juden und Jüdinnen stand: "In den ersten fünf Monaten seiner Regierungszeit, die im September 1940 begann, verbündete sich Ion Antonescu mit der faschistischen Bewegung der 'Eisernen Garde', verschärfte die antisemitische Gesetzgebung und unterstützte Angriffe auf jüdische Gemeinden, um die Wirtschaft zu 'rumanisieren'. Anfang 1941 kam es zum Zerwürfnis zwischen Antonescu und der 'Eisernen Garde' und ihrem Anführer Horia Sima, nachdem diese einen Staatsstreich verübt hatten, um die Macht an sich zu reißen. Doch obwohl die Mitglieder verhaftet und eingesperrt wurden, blieb der Antisemitismus bestehen. Monate später, als sich 585.000 rumänische Soldaten auf den Einmarsch ihrer deutschen Verbündeten in die Sowjetunion vorbereiteten, behauptete Antonescu, die jüdische Gemeinde in Grenznähe spioniere im Auftrag der Russen und warne sie vor den Militärmanövern. Dies war der Auslöser für das Pogrom von Iasi, das am 28. Juni 1941 begann und zu einem Massenmord an über 4.000 Juden in der Polizeistation der Stadt führte. Parallel zu den Morden wurden mehrere Tausend weitere Juden aus der Region in Viehwaggons gesperrt und nach Nord- und Südrumänien deportiert. Die Einwohnerzahl der Gemeinde in der Stadt, in der sich sephardische Juden erstmals im 15. Jahrhundert niedergelassen hatten, wurde halbiert. Um die rumänischen Soldaten bei der Durchführung der Aktion zu unterstützen, wurden Mitglieder der 'Eisernen Garde' aus dem Gefängnis entlassen. Insgesamt wurden bei einem der blutigsten Massaker, das die Rumänen während des Krieges verübten, mindestens 13.000 Menschen getötet. Als Rumänien später Bessarabien und die Nordbukowina zurückeroberte, verschärften sich die Angriffe auf Juden in diesen Gebieten. Zwanzigtausend Juden wurden in Odessa ermordet, als die ukrainische Stadt unter rumänischer Kontrolle stand. Tausende weitere wurden auf Geheiß von Antonescu in Lagern und Ghettos im gesamten Gouvernement Transnistrien getötet."

Saurav Das deckt in einer größeren Recherche die düsteren Machenschaften der Polizei in dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat Indiens Uttar Pradesh auf. Seit 1997, erklärt er, sind landesweit mindestens 3.584 Menschen bei Schießereien mit der Polizei ums Leben gekommen. Uttar Pradesh führt diese Liste mit 1.114 Tötungen an. Über die Jahre hat sich ein bestimmtes Muster abgezeichnet nach dem viele dieser Schießereien ablaufen: Die Beamten geben an, der Getötete sei ein gesuchter Verbrecher, die Tötung sei deshalb in Selbstverteidigung erfolgt, "viele Menschenrechtsaktivisten und Familien von Opfern haben jedoch behauptet, dass es sich bei den meisten dieser Polizeiaktionen um 'vorgetäuschte Begegnungen' handelt, ein Begriff, der zur Beschreibung außergerichtlicher Tötungen verwendet wird. Der von Das befragte Menschenrechtsaktivist Rajeev Yadav erklärt, wo der Grund liegt: "'Was wir heute erleben, ist, dass die Polizei als bezahlte Mörder und Auftragskiller agiert, die Personen für einen Preis töten oder verletzen', sagte der Aktivist. 'Die eigentlichen Verbrecher bestechen die Polizei, um Ermittlungen zu entgehen. Die Polizei zwingt dann Informanten, jemanden mit einer Vorgeschichte von vielleicht geringfügigen, unbedeutenden Straftaten zu belasten.' In den ersten Jahren von Adityanaths Herrschaft enthüllte eine verdeckte Operation von India Today, dass einige Polizeibeamte bereit waren, für einen Preis von 5.000 bis 7.000 Dollar Begegnungen zu inszenieren, um den Gegner einer Person zu eliminieren. Es gab Berichte, dass in einigen Bezirken eine monetäre 'Tarifkarte' für Polizeieinsätze gegen die Gegner im Umlauf war."

Magazinrundschau vom 23.07.2024 - New Lines Magazine

Alex White beleuchtet die Reise von Malcolm X durch Afrika und den Nahen Osten 1964: Zwar löste sein Werben um die Solidarität der Afrikaner beispielsweise in Ghana und Ägypten ein großes Medienecho aus. Doch seine Suche nach progressiven Verbündeten stieß in einigen afrikanischen Ländern auf Skepsis. Im Falle Ägyptens brachte ihn seine Unkenntnis der afrikanischen Politik in die "Umlaufbahn einer gefährlichen Rivalität": "Im August stellte die ägyptische Regierung Malcolm X 20 Stipendien für seine Anhänger zur Verfügung, damit sie an der renommierten Al-Azhar-Universität studieren konnten - eine Taktik, die die Nasser-Regierung zuvor angewandt hatte, um die Gunst der antikolonialen Gruppen aus ganz Afrika zu gewinnen. Malcolm X interpretierte diese Auszeichnungen als einen politischen Coup gegen die Nation of Islam...Das Geschenk erregte jedoch auch die Aufmerksamkeit von Saudi-Arabien, Ägyptens langjährigem Rivalen im arabischen Kalten Krieg. Prinz Faisal, der Malcolm X in Mekka beherbergt hatte, befürchtete, dass die Nasser-Regierung den Führer der schwarzen Nationalisten benutzte, um amerikanische Muslime in ihre eigene politische Umlaufbahn zu ziehen. Daraufhin bereiteten die Saudis eine Auszeichnung vor, um ihren eigenen Einfluss zu sichern - 15 Stipendien für die Islamische Universität in Medina. Als der Oberste Rat für Islamische Angelegenheiten Ägyptens Malcolm X in Anerkennung seiner Bemühungen um die Verbreitung des Islam in den Vereinigten Staaten auch den Titel 'daiy' (Missionar) verlieh, sorgte die saudische Regierung dafür, dass er von ihrer eigenen Muslimischen Weltliga akkreditiert wurde. In Unkenntnis der politischen und wirtschaftlichen Interessen, die die Rivalität anheizten, und besessen von der Idee der politischen Einheit, entwickelte Malcolm X die idealistische Vorstellung, dass er die beiden Seiten zusammenbringen könnte. 'Mein Herz ist in Kairo', versprach er seinen Kontakten im Obersten Rat für Islamische Angelegenheiten, aber er könne diesen Interessen am besten dienen, 'indem ich mich auch mit den gemäßigteren oder konservativen Kräften verbünde, die ihren Sitz in Mekka haben'."

Magazinrundschau vom 16.07.2024 - New Lines Magazine

Caroline Kimeu war bei den Protesten in Kenia dabei, die sich im ganzen Land ausbreiteten, nachdem Präsident William Ruto eine neue Steuerreform geplant hatte: "Die Energie auf den Straßen von Nairobi war frenetisch, erfüllt von Trillerpfeifen, Motorradhupen, Vuvuzelas (lange Tröten, die zum Anfeuern bei Fußballspielen verwendet werden) und lauten Tränengasspritzern", berichtet Kimeu. Die Steuerreform war der "Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte", nachdem sich die Lage im Land seit Jahren verschlimmert hatte. Zwar hat sich die Lage nun etwas beruhigt, weil Ruto die Reform zurückgenommen hat, und auch, weil die Demonstranten Angst haben, getötet, verhaftet oder von Regierungsbeamten entführt zu werden. Aber "die Demonstrationen erregten auf dem ganzen Kontinent Interesse und wurden in Ländern wie Uganda, Nigeria und Ghana zum Diskussionsthema, wo einige Menschen ihren Kampf gegen Korruption und Verschuldung der Regierung im kenianischen Aufstand widergespiegelt sahen." Bemerkenswert an diesem "öffentlichen Erwachen" ist vor allem die Rolle, die die Mittelschicht bei den Protesten einnahm, so Kimeu: "Die starke Präsenz der Mittelschicht war eine neue Entwicklung, über die sich ein Parlamentsabgeordneter lustig machte, der die jungen Demonstranten als 'iPhone-benutzende, Uber-fahrende, KFC-essende und Flaschenwasser-trinkende Kenianer' bezeichnete, die keinen Bezug zu den wirklichen Problemen hätten. Diese Bevölkerungsgruppe war jedoch maßgeblich an der Koordinierung der Proteste beteiligt. Auf dem Höhepunkt der Proteste verfolgten bis zu 60.000 X-Nutzer gleichzeitig eine sechsstündige Debatte über den Gesetzentwurf. Techies entwickelten künstliche Intelligenz, um den Kenianern zu helfen, das Gesetz besser zu verstehen, Anwälte halfen bei der Freilassung derjenigen, die während der Proteste inhaftiert oder entführt worden waren, die Öffentlichkeit übersetzte die Bedenken gegen das Gesetz in den allgemeinen Sprachgebrauch, und es wurden Millionen von Schilling für die Getöteten und Verletzten gesammelt. Kenianer in der Diaspora starteten Solidaritätsproteste in großen Städten in der ganzen Welt, und Sanitäter unterhielten freiwillige Notfallzentren in der Hauptstadt, die viele Leben retteten. Als Kenianer und Journalist habe ich so etwas noch nie erlebt, und das in einem Land, in dem Klassenunterschiede dafür bekannt sind, die Öffentlichkeit politisch zu spalten, anstatt sie zu einen."

Beim Wahlkampf in Indien wurden die gegnerischen Parteien mit Künstlicher Intelligenz ziemlich kreativ, berichtet Samriddhi Sakunia. Beispielsweise beauftragten die Parteien "KI-Techniker mit der Entwicklung von Konversationsrobotern, die mit den Wählern über ihre Politik sprechen sollten. Die BJP entwickelte 'Bhashini', ein KI-Übersetzungstool, das es den Menschen ermöglichte, Modis Hindi-Reden in Echtzeit in regionalen Sprachen zu hören." Deepfake-Technologie wurde sogar benutzt, um tote Politiker wieder auferstehen zu lassen, staunt Sakunia: "In Tamil Nadu zum Beispiel erschien der digitale Avatar des beliebten Dichters und Politikers M. Karunanidhi, der 2018 verstarb, bei mehreren Veranstaltungen. Auch seine politische Rivalin J. Jayalalithaa, die 2016 starb, trat dank KI auf." Ein Problem stellt allerdings immer noch die relative Uninformiertheit der Bevölkerung über die Tücken von digitaler Technik und KI dar, erklärt Sakunia: "In den letzten zehn Jahren sind Tausende von Indern auf Gerüchte und falsche Informationen hereingefallen, die in den sozialen Medien kursierten und oft zu körperlicher Gewalt führten. In den Jahren 2017 und 2018 wurden mehr als zwei Dutzend Inder bei Lynchmorden getötet, nachdem Gerüchte über Kindesentführer auf WhatsApp kursierten. Die Angst vor künstlichen Fälschungen hat zugenommen, weil die Herstellung synthetischer Bilder und Videos billiger und leichter zugänglich geworden ist."

Magazinrundschau vom 02.07.2024 - New Lines Magazine

Hanna Bechiche zeichnet den Weg Algeriens zum "Mekka der Revolution" nach, wie es der guinesische Unabhängigkeitskämpfer Amilcar Cabral 1967 bezeichnete: "Nehmt eure Stifte und schreibt: Muslime pilgern nach Mekka, Christen in den Vatikan, Revolutionäre nach Algier." Zur Pilgerstätte für revolutionäre Bewegungen aus aller Welt wurde Algier, nachdem es sich seine Unabhängigkeit 1962 blutig von Frankreich erstritten hatte, durch das Engagement von Ahmed Ben Bella: "Bis Ende 1963 fanden mehr als 80 Organisationen in der Hauptstadt Unterschlupf, darunter auch Vertreter aus kolonisierten Ländern des gesamten Kontinents: Namibia, das seine Unabhängigkeit von Deutschland anstrebte, Südafrika, das sich von den holländischen Siedlern losgesagt hatte, und Angola, Mosambik und Kap Verde, die sich von Portugal losgesagt hatten." Doch Ben Bella nutzte die "revolutionäre panafrikanische Inbrunst" auch, um die Position Algeriens innerhalb Afrikas zu stärken, so Bechiche, und beschwor einen "heroischen Widerstandsmythos", der den Nationalismus stärken und die nationale Identität von den umgebenden Ländern abgrenzen sollte: "Innenpolitisch hatten Ben Bellas internationale Anziehungskraft und die Führungsrolle Algeriens in Afrika fatale Folgen. Kabylische Separatistenbewegungen zahlten den Preis für eine Politik, die um jeden Preis eine einheitliche nationale Identität aufrechterhielt und sich weigerte, die ethnische Vielfalt und die Kultur der in Algerien beheimateten Amazigh-Völker zu akzeptieren. Viele Algerier kritisierten Ben Bella als überheblichen Präsidenten, der es vorzog, die Probleme der Welt zu lösen, anstatt sich auf die düsteren sozioökonomischen Realitäten Algeriens zu konzentrieren. Ben Bellas Traum von Algerien als sozialen Führer der 'Dritten Welt' fand im Juni 1965 ein jähes Ende, als seine rechte Hand, Houari Boumediene, einen Militärputsch gegen ihn inszenierte. Das Ereignis löste in ganz Afrika Empörung aus. Die Staatsoberhäupter vieler Länder hatten sich mit dem freimütigen und charismatischen Ben Bella verbunden gefühlt, und seine Absetzung wurde als unverzeihlicher Verrat angesehen. Nach dem Staatsstreich lösten sich die Bande, die die radikalen afrikanischen Länder zusammenhielten, und die diplomatischen Beziehungen zu den Revolutionsführern wurden abgebrochen."

Weitere Artikel: Laetitia Commanay widmet sich dem Phänomen der "coupeurs de feu", der "Feuerschneider", in Frankreich.

Magazinrundschau vom 25.06.2024 - New Lines Magazine

Als Kind fand Ahmed Mahjoub die antiken arabischen Texte, die er in der Schule lesen musste, todlangweilig. Eines Tages machte er jedoch eine verblüffende Entdeckung: Es gab klassische arabische Literatur, die nur so vor lustigen Anekdoten und vor allem vor Obszönitäten strotzte, die ihm als Teenager den Mund offen stehen ließen. Tatsächlich, so Mahjoub, "genossen die arabischen Schriftsteller der Antike Maß an Freiheit, das uns in der heutigen arabischen Welt fremd erscheint." Einige Gelehrte aus der Abbasiden-Zeit wie der berühmte Al-Jahiz oder einer seiner Zeitgenossen, der Hadith-Gelehrte Ibn Qutaiba diskutierten eifrig darüber, was überhaupt als obszön gelten sollte und was nicht. Al-Jahiz vertrat die Ansicht, "dass bestimmte Ausdrücke für bestimmte Kontexte unerlässlich sind...In seinem Buch 'Prahlereien von Dienern und Jünglingen' bezieht sich al-Jahiz beispielsweise auf einen Vorfall, in den der Cousin des Propheten Muhammad, Ali ibn Abi Talib, verwickelt war. Während einer Versammlung mit Rednern in Basra, Irak, erklärte Ali: 'Wer die Höhe des Penis seines Vaters erreicht, wird ihn als Gürtel tragen.' Dies wird so verstanden, dass jemand, der viele Brüder hat, bei ihnen starke Unterstützung findet, wenn er sie braucht." Genau so schrieb Qutaybah einmal, zitiert Mahjoub: "Wenn du zufällig ein Gespräch belauschst, in dem Nacktheit und Geschlechtsteile ausdrücklich erwähnt oder unanständige Handlungen beschrieben werden, dann tue es nicht verächtlich ab unter dem Vorwand der Ehrfurcht vor Gott oder falscher Frömmigkeit'." Heute ist das anders, meint Mahjoub: "Es würde nicht überraschen, wenn moderne Individuen, einschließlich der Verfechter von Keuschheit und Bescheidenheit, historische Persönlichkeiten wie Ibn Qutaiba für ihre Hinweise auf Geschlechtsteile und ihre angeblichen Verstöße gegen die guten Sitten kritisieren würden. Denn heutzutage scheint es weniger beschämend zu sein, die Ehre von Menschen zu beleidigen oder ihre Rechte anzugreifen. In der Tat scheint der Eckpfeiler unserer Moral darin zu bestehen, obszöne Worte zu vermeiden und wenig mehr. In diesem Zusammenhang bin ich auf zahlreiche Buchbewertungs-Websites gestoßen, auf denen Leser Autoren verunglimpfen, nur weil sie ein anstößiges Wort in ihrem Werk gefunden haben. Dieselben Leser würden nicht zögern, eine Flut von Obszönitäten zu verwenden, um das zu verurteilen, was sie als Bedrohung für eine anständige Gesellschaft ansehen."

Magazinrundschau vom 18.06.2024 - New Lines Magazine

Clair MacDougall taucht ein in die Arthouse-Szene von Burkina Faso. Dort begegnet sie auch Shakespeare und zwar im Film "Katanga" des burkinischen Regisseurs Dani Kouyate. Angesichts anhaltender politischer Krisen und zunehmender djihadistischer Attacken, müssen sich die burkinischen Filmschaffenden fragen, wie sie mit all dem Leid umgehen sollen. Kouyate findet in seinem "African-Noir"-Thriller Antworten bei "Macbeth": "'Katanga'" ist stilistisch kühn. Kouyate nahm ein Stück des großen englischen Schriftstellers aus dem Elisabethanischen Zeitalter und übersetzte es nicht nur sprachlich - die Schauspieler sprechen Moore, die Sprache der in Burkina Faso vorherrschenden ethnischen Gruppe, der Mossi - sondern auch kulturell, indem er die Geschichte fest in Szenen und Interaktionen einbettet, die sich eindeutig burkinisch anfühlen. Inspiriert von den Filmen Charlie Chaplins hat Kouyate den Film in Schwarzweiß gedreht, in der Hoffnung, ihm so eine zeitlose Qualität zu verleihen. Kouyate glaubt, dass Shakespeare bei Burkinern und anderen Afrikanern Anklang finden wird; er hofft, dass sie nicht einmal wissen, dass es sich um einen fremden Text handelt, wenn sie den Film sehen. 'Shakespeare ist afrikanisch', sagt er lachend. 'Sein Geist ist ganz und gar afrikanisch. Für mich arbeitet Shakespeare immer zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, zwischen dem Natürlichen und dem Übernatürlichen ... mit Gespenstern und Geistern - das ist ein Universum, das ganz und gar afrikanisch ist." Er glaubt, dass solche großartigen Texte eine universelle Menschlichkeit berühren. 'Shakespeare spricht zum Beispiel viel über Macht, und sein Umgang mit Macht in diesem Text ist universell. In Afrika haben wir unsere Macbeth', sagt er und bezieht sich dabei auf Diktatoren der postkolonialen Ära, wie Ugandas brutalen Despoten Idi Amin und den zum Kaiser gewordenen Präsidenten der Zentralafrikanischen Republik, Jean-Bedel Bokassa."

Kevin Blankinship widmet sich hingegen dem "Shakespeare" des arabischen Mittelalters, dem Dichter al-Mutanabbi ("Der behauptet ein Prophet zu sein"). Legendär und jedem Schulkind bekannt ist beispielsweise sein Gedicht über ein schlimmes Fieber, das ihn heimsuchte: "Mein Gast erscheint schüchtern - sie besucht mich nur im Dunkeln / Ich machte ihr ein Bett mit Kissen und Überwürfen / aber sie weigerte sich und schlief in meinen Gebeinen / Meine Haut war zu eng für meine und ihre Seufzer so dass sie sie mit Fäulnis aufblähte, um Platz für ihr Heim zu schaffen." Aber wer war eigentlich dieser Dichter, der 965 auf dem Weg von Schiraz im heutigen Iran nach Bagdad von Wegelagerern ermordet wurde - angeblich weil er einen Stammesführer mit einem Schmähgedicht verunglimpft hatte. Blankinship zeichnet ihn als ziemlich eingebildeten Mann, der ständig in Streit mit seinen Zeitgenossen geriet: "Eines Tages, so erzählt man sich, geriet er bei Hofe mit Ibn Khalawayh aneinander, einem Witzbold und Pedanten, der eigenartige lexikografische Werke verfasste, die zugleich literarische Anthologien waren: 'Die Namen des Löwen', 'Die Namen des Windes', 'Ungefundenes in der Sprache der Beduinen' und mehr. Die beiden Männer stritten sich oft über die arabische Grammatik, doch dieses Mal nahm die Sache einen unschönen Verlauf. An einem Punkt tat al-Mutanabbi das, was alle walgroßen Egos tun, wenn ihnen die echten Argumente ausgehen und wurde persönlich. 'Halt' den Mund!', platzte er heraus. 'Du bist ein Perser aus Chuzistan. Was hat Arabisch mit dir zu tun?' Ibn Khalawayh, der für seine Zurückhaltung bekannt war, verpasste al-Mutanabbi eine schallende Ohrfeige; manche sagen, er habe ihm mit einem Schlüssel auf die Wange geschlagen, wodurch Blut floss. Auf jeden Fall blickte al-Mutanabbi verzweifelt zu (seinem Gönner) Sayf al-Dawlah, dessen Schweigen nicht lauter hätte sein können. 'Ich kann dich nicht länger verwöhnen', hieß es. 'Du bist hier fertig.' Trotz ihres gemeinsamen ethnischen Stolzes hatte al-Mutanabbi die arabische Karte anscheinend einmal zu oft gezogen. Er verließ den Hof von Aleppo in Ungnade und kehrte nie wieder zurück."