Magazinrundschau - Archiv

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112 Presseschau-Absätze - Seite 8 von 12

Magazinrundschau vom 16.07.2024 - New Lines Magazine

Caroline Kimeu war bei den Protesten in Kenia dabei, die sich im ganzen Land ausbreiteten, nachdem Präsident William Ruto eine neue Steuerreform geplant hatte: "Die Energie auf den Straßen von Nairobi war frenetisch, erfüllt von Trillerpfeifen, Motorradhupen, Vuvuzelas (lange Tröten, die zum Anfeuern bei Fußballspielen verwendet werden) und lauten Tränengasspritzern", berichtet Kimeu. Die Steuerreform war der "Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte", nachdem sich die Lage im Land seit Jahren verschlimmert hatte. Zwar hat sich die Lage nun etwas beruhigt, weil Ruto die Reform zurückgenommen hat, und auch, weil die Demonstranten Angst haben, getötet, verhaftet oder von Regierungsbeamten entführt zu werden. Aber "die Demonstrationen erregten auf dem ganzen Kontinent Interesse und wurden in Ländern wie Uganda, Nigeria und Ghana zum Diskussionsthema, wo einige Menschen ihren Kampf gegen Korruption und Verschuldung der Regierung im kenianischen Aufstand widergespiegelt sahen." Bemerkenswert an diesem "öffentlichen Erwachen" ist vor allem die Rolle, die die Mittelschicht bei den Protesten einnahm, so Kimeu: "Die starke Präsenz der Mittelschicht war eine neue Entwicklung, über die sich ein Parlamentsabgeordneter lustig machte, der die jungen Demonstranten als 'iPhone-benutzende, Uber-fahrende, KFC-essende und Flaschenwasser-trinkende Kenianer' bezeichnete, die keinen Bezug zu den wirklichen Problemen hätten. Diese Bevölkerungsgruppe war jedoch maßgeblich an der Koordinierung der Proteste beteiligt. Auf dem Höhepunkt der Proteste verfolgten bis zu 60.000 X-Nutzer gleichzeitig eine sechsstündige Debatte über den Gesetzentwurf. Techies entwickelten künstliche Intelligenz, um den Kenianern zu helfen, das Gesetz besser zu verstehen, Anwälte halfen bei der Freilassung derjenigen, die während der Proteste inhaftiert oder entführt worden waren, die Öffentlichkeit übersetzte die Bedenken gegen das Gesetz in den allgemeinen Sprachgebrauch, und es wurden Millionen von Schilling für die Getöteten und Verletzten gesammelt. Kenianer in der Diaspora starteten Solidaritätsproteste in großen Städten in der ganzen Welt, und Sanitäter unterhielten freiwillige Notfallzentren in der Hauptstadt, die viele Leben retteten. Als Kenianer und Journalist habe ich so etwas noch nie erlebt, und das in einem Land, in dem Klassenunterschiede dafür bekannt sind, die Öffentlichkeit politisch zu spalten, anstatt sie zu einen."

Beim Wahlkampf in Indien wurden die gegnerischen Parteien mit Künstlicher Intelligenz ziemlich kreativ, berichtet Samriddhi Sakunia. Beispielsweise beauftragten die Parteien "KI-Techniker mit der Entwicklung von Konversationsrobotern, die mit den Wählern über ihre Politik sprechen sollten. Die BJP entwickelte 'Bhashini', ein KI-Übersetzungstool, das es den Menschen ermöglichte, Modis Hindi-Reden in Echtzeit in regionalen Sprachen zu hören." Deepfake-Technologie wurde sogar benutzt, um tote Politiker wieder auferstehen zu lassen, staunt Sakunia: "In Tamil Nadu zum Beispiel erschien der digitale Avatar des beliebten Dichters und Politikers M. Karunanidhi, der 2018 verstarb, bei mehreren Veranstaltungen. Auch seine politische Rivalin J. Jayalalithaa, die 2016 starb, trat dank KI auf." Ein Problem stellt allerdings immer noch die relative Uninformiertheit der Bevölkerung über die Tücken von digitaler Technik und KI dar, erklärt Sakunia: "In den letzten zehn Jahren sind Tausende von Indern auf Gerüchte und falsche Informationen hereingefallen, die in den sozialen Medien kursierten und oft zu körperlicher Gewalt führten. In den Jahren 2017 und 2018 wurden mehr als zwei Dutzend Inder bei Lynchmorden getötet, nachdem Gerüchte über Kindesentführer auf WhatsApp kursierten. Die Angst vor künstlichen Fälschungen hat zugenommen, weil die Herstellung synthetischer Bilder und Videos billiger und leichter zugänglich geworden ist."

Magazinrundschau vom 30.07.2024 - New Lines Magazine

Erschreckend zu lesen ist, wie die Huthi im Jemen nicht nur Kinder und Jugendliche als Soldaten rekrutieren, sondern auch die Lehrpläne an Schulen umschreiben. Dan Wilkofsky schildert anhand von Online-Lehrplänen, wie Kinder gegen Israel und Amerika und für den "Dschihad" eingeschworen werden: "Die Huthi-Lehrpläne führen Kinder in einen universellen Konflikt ein, der zwischen dem Bösen und dem Islam tobt, wie er von Hussein (Hussein al-Houthi, 2004 getöteter Gründer und Anführer der Bewegung, Anm. d. Red.) artikuliert wurde. Die Feinde - die USA, Israel und im weiteren Sinne die Juden - arbeiten daran, Muslime mit allen verfügbaren Mitteln zu unterwerfen. Für Gott zu kämpfen und zu sterben ist unerlässlich. Neben den neuen Lehrbüchern haben die Behörden in Sanaa Sommercamps, Schulfeste und andere Bildungsaktivitäten organisiert, um Schüler für das Schlachtfeld vorzubereiten. (…) In den neuen Huthi-Lehrplänen gibt es viele Feinde. Manchmal werden sie als Feinde Gottes bezeichnet, manchmal als Feinde des Islam oder der islamischen Nation und manchmal einfach als Feinde. Das sind in erster Linie die Juden - in diesem Punkt sind die Lehrpläne eindeutig. Neben 'Mustafa hat eine Lektion geschrieben' und 'Sakina ist eine aktive Schülerin' üben Erstklässler ihr Schreiben, indem sie den Satz 'Die Juden sind die Feinde Gottes' abschreiben. Sie erfahren, dass 'die Juden zu jeder Zeit und an jedem Ort das feindseligste Volk gegenüber Muslimen sind.' (…) Mit fortschreitenden Noten erhalten die Schüler eine differenziertere Analyse der angeblichen jüdischen Bedrohung. Neuntklässler erfahren, dass Juden grausam und betrügerisch sind und ihre Versprechen brechen; sie sind gierig und extrem minderwertig; sie verbreiten Korruption auf der Erde und 'töten jeden, der sich ihnen widersetzt, und auch die Propheten sind ihrer Bosheit nicht entgangen.' (…)  Amerika ist der andere Hauptfeind. 'Die Feinde des Islam - allen voran Amerika und Israel - führen einen totalen Krieg gegen die islamische Nation, einschließlich unseres Landes, des weisen und frommen Jemen, um es zu besetzen, seinen Reichtum zu stehlen und sein Volk zu demütigen', heißt es in einer Lektion der achten Klasse."

Magazinrundschau vom 02.07.2024 - New Lines Magazine

Hanna Bechiche zeichnet den Weg Algeriens zum "Mekka der Revolution" nach, wie es der guinesische Unabhängigkeitskämpfer Amilcar Cabral 1967 bezeichnete: "Nehmt eure Stifte und schreibt: Muslime pilgern nach Mekka, Christen in den Vatikan, Revolutionäre nach Algier." Zur Pilgerstätte für revolutionäre Bewegungen aus aller Welt wurde Algier, nachdem es sich seine Unabhängigkeit 1962 blutig von Frankreich erstritten hatte, durch das Engagement von Ahmed Ben Bella: "Bis Ende 1963 fanden mehr als 80 Organisationen in der Hauptstadt Unterschlupf, darunter auch Vertreter aus kolonisierten Ländern des gesamten Kontinents: Namibia, das seine Unabhängigkeit von Deutschland anstrebte, Südafrika, das sich von den holländischen Siedlern losgesagt hatte, und Angola, Mosambik und Kap Verde, die sich von Portugal losgesagt hatten." Doch Ben Bella nutzte die "revolutionäre panafrikanische Inbrunst" auch, um die Position Algeriens innerhalb Afrikas zu stärken, so Bechiche, und beschwor einen "heroischen Widerstandsmythos", der den Nationalismus stärken und die nationale Identität von den umgebenden Ländern abgrenzen sollte: "Innenpolitisch hatten Ben Bellas internationale Anziehungskraft und die Führungsrolle Algeriens in Afrika fatale Folgen. Kabylische Separatistenbewegungen zahlten den Preis für eine Politik, die um jeden Preis eine einheitliche nationale Identität aufrechterhielt und sich weigerte, die ethnische Vielfalt und die Kultur der in Algerien beheimateten Amazigh-Völker zu akzeptieren. Viele Algerier kritisierten Ben Bella als überheblichen Präsidenten, der es vorzog, die Probleme der Welt zu lösen, anstatt sich auf die düsteren sozioökonomischen Realitäten Algeriens zu konzentrieren. Ben Bellas Traum von Algerien als sozialen Führer der 'Dritten Welt' fand im Juni 1965 ein jähes Ende, als seine rechte Hand, Houari Boumediene, einen Militärputsch gegen ihn inszenierte. Das Ereignis löste in ganz Afrika Empörung aus. Die Staatsoberhäupter vieler Länder hatten sich mit dem freimütigen und charismatischen Ben Bella verbunden gefühlt, und seine Absetzung wurde als unverzeihlicher Verrat angesehen. Nach dem Staatsstreich lösten sich die Bande, die die radikalen afrikanischen Länder zusammenhielten, und die diplomatischen Beziehungen zu den Revolutionsführern wurden abgebrochen."

Weitere Artikel: Laetitia Commanay widmet sich dem Phänomen der "coupeurs de feu", der "Feuerschneider", in Frankreich.

Magazinrundschau vom 25.06.2024 - New Lines Magazine

Als Kind fand Ahmed Mahjoub die antiken arabischen Texte, die er in der Schule lesen musste, todlangweilig. Eines Tages machte er jedoch eine verblüffende Entdeckung: Es gab klassische arabische Literatur, die nur so vor lustigen Anekdoten und vor allem vor Obszönitäten strotzte, die ihm als Teenager den Mund offen stehen ließen. Tatsächlich, so Mahjoub, "genossen die arabischen Schriftsteller der Antike Maß an Freiheit, das uns in der heutigen arabischen Welt fremd erscheint." Einige Gelehrte aus der Abbasiden-Zeit wie der berühmte Al-Jahiz oder einer seiner Zeitgenossen, der Hadith-Gelehrte Ibn Qutaiba diskutierten eifrig darüber, was überhaupt als obszön gelten sollte und was nicht. Al-Jahiz vertrat die Ansicht, "dass bestimmte Ausdrücke für bestimmte Kontexte unerlässlich sind...In seinem Buch 'Prahlereien von Dienern und Jünglingen' bezieht sich al-Jahiz beispielsweise auf einen Vorfall, in den der Cousin des Propheten Muhammad, Ali ibn Abi Talib, verwickelt war. Während einer Versammlung mit Rednern in Basra, Irak, erklärte Ali: 'Wer die Höhe des Penis seines Vaters erreicht, wird ihn als Gürtel tragen.' Dies wird so verstanden, dass jemand, der viele Brüder hat, bei ihnen starke Unterstützung findet, wenn er sie braucht." Genau so schrieb Qutaybah einmal, zitiert Mahjoub: "Wenn du zufällig ein Gespräch belauschst, in dem Nacktheit und Geschlechtsteile ausdrücklich erwähnt oder unanständige Handlungen beschrieben werden, dann tue es nicht verächtlich ab unter dem Vorwand der Ehrfurcht vor Gott oder falscher Frömmigkeit'." Heute ist das anders, meint Mahjoub: "Es würde nicht überraschen, wenn moderne Individuen, einschließlich der Verfechter von Keuschheit und Bescheidenheit, historische Persönlichkeiten wie Ibn Qutaiba für ihre Hinweise auf Geschlechtsteile und ihre angeblichen Verstöße gegen die guten Sitten kritisieren würden. Denn heutzutage scheint es weniger beschämend zu sein, die Ehre von Menschen zu beleidigen oder ihre Rechte anzugreifen. In der Tat scheint der Eckpfeiler unserer Moral darin zu bestehen, obszöne Worte zu vermeiden und wenig mehr. In diesem Zusammenhang bin ich auf zahlreiche Buchbewertungs-Websites gestoßen, auf denen Leser Autoren verunglimpfen, nur weil sie ein anstößiges Wort in ihrem Werk gefunden haben. Dieselben Leser würden nicht zögern, eine Flut von Obszönitäten zu verwenden, um das zu verurteilen, was sie als Bedrohung für eine anständige Gesellschaft ansehen."

Magazinrundschau vom 18.06.2024 - New Lines Magazine

Clair MacDougall taucht ein in die Arthouse-Szene von Burkina Faso. Dort begegnet sie auch Shakespeare und zwar im Film "Katanga" des burkinischen Regisseurs Dani Kouyate. Angesichts anhaltender politischer Krisen und zunehmender djihadistischer Attacken, müssen sich die burkinischen Filmschaffenden fragen, wie sie mit all dem Leid umgehen sollen. Kouyate findet in seinem "African-Noir"-Thriller Antworten bei "Macbeth": "'Katanga'" ist stilistisch kühn. Kouyate nahm ein Stück des großen englischen Schriftstellers aus dem Elisabethanischen Zeitalter und übersetzte es nicht nur sprachlich - die Schauspieler sprechen Moore, die Sprache der in Burkina Faso vorherrschenden ethnischen Gruppe, der Mossi - sondern auch kulturell, indem er die Geschichte fest in Szenen und Interaktionen einbettet, die sich eindeutig burkinisch anfühlen. Inspiriert von den Filmen Charlie Chaplins hat Kouyate den Film in Schwarzweiß gedreht, in der Hoffnung, ihm so eine zeitlose Qualität zu verleihen. Kouyate glaubt, dass Shakespeare bei Burkinern und anderen Afrikanern Anklang finden wird; er hofft, dass sie nicht einmal wissen, dass es sich um einen fremden Text handelt, wenn sie den Film sehen. 'Shakespeare ist afrikanisch', sagt er lachend. 'Sein Geist ist ganz und gar afrikanisch. Für mich arbeitet Shakespeare immer zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, zwischen dem Natürlichen und dem Übernatürlichen ... mit Gespenstern und Geistern - das ist ein Universum, das ganz und gar afrikanisch ist." Er glaubt, dass solche großartigen Texte eine universelle Menschlichkeit berühren. 'Shakespeare spricht zum Beispiel viel über Macht, und sein Umgang mit Macht in diesem Text ist universell. In Afrika haben wir unsere Macbeth', sagt er und bezieht sich dabei auf Diktatoren der postkolonialen Ära, wie Ugandas brutalen Despoten Idi Amin und den zum Kaiser gewordenen Präsidenten der Zentralafrikanischen Republik, Jean-Bedel Bokassa."

Kevin Blankinship widmet sich hingegen dem "Shakespeare" des arabischen Mittelalters, dem Dichter al-Mutanabbi ("Der behauptet ein Prophet zu sein"). Legendär und jedem Schulkind bekannt ist beispielsweise sein Gedicht über ein schlimmes Fieber, das ihn heimsuchte: "Mein Gast erscheint schüchtern - sie besucht mich nur im Dunkeln / Ich machte ihr ein Bett mit Kissen und Überwürfen / aber sie weigerte sich und schlief in meinen Gebeinen / Meine Haut war zu eng für meine und ihre Seufzer so dass sie sie mit Fäulnis aufblähte, um Platz für ihr Heim zu schaffen." Aber wer war eigentlich dieser Dichter, der 965 auf dem Weg von Schiraz im heutigen Iran nach Bagdad von Wegelagerern ermordet wurde - angeblich weil er einen Stammesführer mit einem Schmähgedicht verunglimpft hatte. Blankinship zeichnet ihn als ziemlich eingebildeten Mann, der ständig in Streit mit seinen Zeitgenossen geriet: "Eines Tages, so erzählt man sich, geriet er bei Hofe mit Ibn Khalawayh aneinander, einem Witzbold und Pedanten, der eigenartige lexikografische Werke verfasste, die zugleich literarische Anthologien waren: 'Die Namen des Löwen', 'Die Namen des Windes', 'Ungefundenes in der Sprache der Beduinen' und mehr. Die beiden Männer stritten sich oft über die arabische Grammatik, doch dieses Mal nahm die Sache einen unschönen Verlauf. An einem Punkt tat al-Mutanabbi das, was alle walgroßen Egos tun, wenn ihnen die echten Argumente ausgehen und wurde persönlich. 'Halt' den Mund!', platzte er heraus. 'Du bist ein Perser aus Chuzistan. Was hat Arabisch mit dir zu tun?' Ibn Khalawayh, der für seine Zurückhaltung bekannt war, verpasste al-Mutanabbi eine schallende Ohrfeige; manche sagen, er habe ihm mit einem Schlüssel auf die Wange geschlagen, wodurch Blut floss. Auf jeden Fall blickte al-Mutanabbi verzweifelt zu (seinem Gönner) Sayf al-Dawlah, dessen Schweigen nicht lauter hätte sein können. 'Ich kann dich nicht länger verwöhnen', hieß es. 'Du bist hier fertig.' Trotz ihres gemeinsamen ethnischen Stolzes hatte al-Mutanabbi die arabische Karte anscheinend einmal zu oft gezogen. Er verließ den Hof von Aleppo in Ungnade und kehrte nie wieder zurück."

Magazinrundschau vom 11.06.2024 - New Lines Magazine

Harriet Barber berichtet über den Einfluss der amerikanischen Anti-Abtreibungsbewegungen in Südamerika und insbesondere in Peru: "Gesetze, die dem Fötus den Status einer Person geben, sind zum neuesten Mittel in diesem Kampf geworden. Im März haben die peruanischen Abgeordneten ein solches Gesetz mit 87 Ja-Stimmen, 18 Nein-Stimmen und sieben Enthaltungen angenommen. Der Gesetzentwurf, der erstmals im November letzten Jahres von der ultrakonservativen Abgeordnetenversammlung vorgelegt wurde, sieht vor, dass Angehörige der Gesundheitsberufe verpflichtet sind, das 'ungeborene Kind' besonders zu schützen. Gesetzgeber in mindestens vier US-Bundesstaaten haben in den letzten Monaten ebenfalls solche Gesetze zur Rechtsstellung des Fötus vorangebracht, nachdem das oberste Gericht von Alabama im Februar entschieden hatte, dass Embryonen als 'Kinder' gelten. Das Gesetz in Peru wurde von Milagros Jauregui Martinez de Aguayo eingebracht, einer evangelikalen Pastorin und Kongressabgeordneten, die sich selbst als 'Verteidigerin des Lebens und der Familie' bezeichnet… Während einige Befürworter des peruanischen Gesetzentwurfs argumentieren, dass er den bestehenden Zugang zu Abtreibungen nicht beeinträchtigen würde, befürchten Experten Auswirkungen in der Praxis. 'Das Parlament versucht, alle Möglichkeiten für eine Abtreibung zu blockieren und eine öffentliche Meinung zu erzeugen, die Frauen den Zugang dazu verwehrt', sagt Isbelia Ruiz Camilas, Anwältin beim Zentrum für die Förderung und Verteidigung sexueller und reproduktiver Rechte (Promsex). (…) Zu denjenigen, die an dem Gesetzentwurf mitgewirkt haben, gehört Susan Vargas, die peruanische Leiterin der Kampagne '40 Tage für das Leben', einer 2004 in Texas gegründeten Anti-Abtreibungsgruppe, die seit zehn Jahren in Lateinamerika tätig ist. Lourdes Varela, Leiterin der iberoamerikanischen Kampagnen der Organisation, sagt: 'Das Gesetz ist wichtig, ein Sieg. Aber in Peru gibt es immer noch die therapeutische Abtreibung. Unser nächster Schritt ist das vollständige Verbot der Abtreibung - in Peru und in ganz Lateinamerika.' In Peru ist die in den USA ansässige Kampagne in sieben Städten tätig und arbeitet mit 200 katholischen Freiwilligen… Die Organisation ist in allen lateinamerikanischen Ländern tätig, mit Ausnahme von Belize und Französisch-Guayana, in die sie zu expandieren gedenkt. Sie führt 270 Kampagnen in der gesamten Region durch, bei denen vor Abtreibungskliniken gebetet und gefastet wird, teilweise mit mehr als tausend Freiwilligen, und wird größtenteils aus den USA finanziert."

Gabriela Galvin beleuchtet die sogenannten "Ghetto-Kindergärten", ein schwer umstrittenes Politikum in Dänemark. Um die Bildung von Parallelgesellschaften zu verhindern, hat die dänische Regierung 2018 mit großer Mehrheit ein Gesetz zum Kita-Aufenthalten von Kindern in den offiziell als "Ghetto" bezeichneten Wohnorten mit hohem Migrationsanteil verabschiedet. Erfüllt ein Gebiet zwei von vier Kriterien, was "Bildungsniveau, die Arbeitslosigkeit, das Einkommen und strafrechtliche Verurteilungen der Bewohner angeht, und sind mehr als die Hälfte der Bewohner nicht westlicher Abstammung, wird es als Ghetto oder, seit die Mitte-Links-Regierung das Gesetz im Jahr 2021 umbenannt hat, als 'Parallelgesellschaft' eingestuft." Ghettos unterliegen einer Vielzahl gezielter Maßnahmen, schreibt Galvin, durch Abriss und Sanierung von Häusern, Zwangsräumungen und höhere Strafen für in dem Gebiet begangene Straftaten. Außerdem sind dort ansässige Familien verpflichtet, ihr Kind ab dem ersten Jahr in eine Kindertagesstätte zu schicken: "Fatema Abdol-Hamids Sohn war 11 Monate alt, als die Stadtverwaltung ihr mitteilte, dass er bis zu seinem ersten Geburtstag in einer Tagesstätte betreut werden müsse. Da er als Frühgeburt zur Welt kam und für sein Alter noch zu klein war, wollte Abdol-Hamid ihren Sohn zu Hause behalten, bis er zu laufen begann. Sie stellte sich ihn in der Kindertagesstätte vor, unfähig, ein Spielzeug zu erreichen oder sich ohne Hilfe fortzubewegen, und diese Vorstellung gefiel ihr nicht. Da ihr Mann ein syrisches Restaurant betreibt und Abdol-Hamid einen Bachelor-Abschluss anstrebt, hatte sie es nicht eilig, ihn wegzuschicken. Der dänische Staat war jedoch anderer Meinung. Abdol-Hamid, eine in Dänemark geborene Staatsbürgerin, deren palästinensische Eltern vor ihrer Geburt nach Dänemark eingewandert sind, lebt mit ihrer Familie in Vollsmose, dem größten 'Ghetto' Dänemarks. Als Bewohnerin von Vollsmose war die Regierung der Ansicht, dass ihr Sohn Gefahr laufe, nur unzureichend Dänisch zu sprechen und in der Schule schlecht abzuschneiden." Letzendlich erhielt Abdol-Hamid die Erlaubnis für eine Aussetzung der Kindergarten-Pflicht, erzählt Galvin, ein seltsames Gefühl blieb jedoch bestehen.

Magazinrundschau vom 28.05.2024 - New Lines Magazine

Die Beschränkungen, die das Weiße Haus der Ukraine in Bezug auf den Einsatz gelieferter Waffen auferlegt sind "veraltet, unlogisch und widersprüchlich", kritisieren Michael Weiss und James Rushton. Ukrainische Truppen müssen das Recht haben, die Waffen auch gegen Russen auf russischem Gebiet einzusetzen, rufen die beiden, anders sei der Krieg nicht zu gewinnen: "Die Biden-Administration erwartet von der Ukraine, dass sie einen Krieg nach Regeln führt, die die amerikanische Regierung niemals für sich selbst übernehmen würde. Und während viele Kritiken an der jüngsten US-Politik gegenüber der Ukraine - vor allem wegen der Verzögerung bei der Verabschiedung der letzten Tranche der Militärhilfe - zu Recht der Obstruktionspolitik der Republikaner zugeschrieben werden können, ist dies eine Entscheidung, die direkt dem Weißen Haus angelastet werden kann. Ein ehemaliger hochrangiger CIA-Offizier, der sich mit der Ukraine befasst hat, erklärte gegenüber New Lines: 'Die Faktoren, die in unser Kalkül einfließen, werden durch russische Fehlinformationen hinsichtlich ihrer Fähigkeit und Bereitschaft zur Vergeltung beeinflusst. Wenn wir den Ukrainern erlauben, unsere Munition innerhalb Russlands einzusetzen, verhindern wir einen unnötigen, politisch bedingten Verlust ukrainischer Menschenleben'. Während sich die amerikanischen Leitplanken in diesem Krieg häufig verschieben und das 'Nein' des Präsidenten häufig zum 'Ja' wird, wie es bei ATACMS und F-16 der Fall war, kann es sich die Ukraine nicht leisten zu warten. Während wir diese Zeilen schreiben, stellt das Institute for the Study of War, eine in Washington D.C. ansässige Denkfabrik, fest, dass Russland erneut Truppen an der ukrainischen Grenze aufstellt, dieses Mal in Sudzha, einer Stadt nordöstlich von Charkiw in der Region Kursk. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski bestätigte in einem Interview mit Reuters am 21. Mai, dass die Lage auf dem Schlachtfeld 'eine der schwierigsten' sei, die die Ukraine seit Februar 2022 erlebt habe."

Stéphane Kenech besucht den Flüchtlingshelfer Abdelkebir Taghia in Laayoune, der größten Stadt der Westsahara. Taghia, den dort alle nur "Papa Afrika" nennen, wie Kenech berichtet, hat über die Jahre eine lokale Organisation für Flüchtlingshilfe gegründet - die einzige in der ganzen Region. Die Atlantikroute zu den Kanarischen Inseln war 2023 erneut die tödlichste Migrationsregion der Welt, erfährt Kenech, Tausende Menschen sterben jedes Jahr auf See. Taghia will mit seiner Organisation vor allem verhindern, dass Menschen überhaupt eines der verhängnisvollen Schlauchboote besteigen: "'Wir stoppen die Migration nicht in letzter Minute. Wenn jemand von Guinea nach Algerien und dann weiter nach Marokko reist, kann man nicht verlangen, dass er auf dem Weg anhält. Wir müssen also ihre wirtschaftlichen Bedürfnisse befriedigen, indem wir ihnen hier eine berufliche Perspektive bieten', sagt er. Taghia ist sich bewusst, dass die Situation der Migranten in der gesamten Region nach wie vor prekär und unsicher ist. 'Wir würden gerne Zuschüsse von der Europäischen Union erhalten, um humanitäre Projekte wie die, die wir gerade einrichten, zu entwickeln', betont er. Er bleibt hartnäckig, nutzt seine eigenen Kontakte und sucht Unterstützung bei der katholischen Kirche in Laayoune. Er ist regelmäßig in der Stadt unterwegs, um Unternehmen davon zu überzeugen, Migranten einzustellen. 'Wir sind zu einer Art Arbeitsvermittlungsagentur geworden', sagt er mit einem Lächeln."

Diane de Vignemont geht der Geschichte hinter der sogenannten "Pozzi-Zange" nach und ergründet damit auch "135 Jahre Frauenschmerz" und "medizinisches Gaslighting". Die starken Schmerzen, die die Autorin bei der Einführung der Kupferspirale erlitt, veranlassen de Vignemont, sich mit dem verwendeten medizinischen Gerät zu befassen, "einem Metallwerkzeug in Form einer Schere mit einer nach innen gebogenen Spitze", die den Zugang zur Gebärmutter erleichtern soll. Erfunden wurde das Instrument von Dr. Samuel Pozzi gegen Ende des 19. Jahrhunderts - Pozzi war wohl ein ziemlicher Frauenheld, so Vignemont, ein frauenhassender Sadist war er aber wohl nicht, anders als sie beim Beginn ihrer Recherche vermutet. Er war einer der ersten, der die Gynäkologie als eigenen Medizinzweig etablierte, seine Heilungsansätze waren damals äußerst progressiv, erklärt die Autorin. Nur; einiges, was der sogenannte "Liebesdoktor von Paris" damals annahm, wurde mittlerweile widerlegt, erfährt de Vignemont im Gespräch mit einem französischen Gynäkologen. Pozzi ging davon aus, dass dass der Gebärmutterhals "frei von sensorischen Nerven ist. In Wirklichkeit, so haben Fachleute inzwischen herausgefunden, befinden sich im Gebärmutterhals gleich drei verschiedene Nerven: der Beckennerv, der Vagusnerv und der Hypogastrienerv. Er kann sehr wohl Schmerzen empfinden und seiner Besitzerin große Mengen davon zufügen."

Magazinrundschau vom 14.05.2024 - New Lines Magazine

Lydia Wilson schließt sich einem Archäologenteam in der Al-Ula Wüste Saudi-Arabiens an, um nach Spuren einer "entlegenen Kultur aus der Jungsteinzeit" zu suchen. Vor Kurzem erst haben Archäologen begonnen, sich mit den Überresten dieser Kulturen zu beschäftigen, die älter sind als die besser erforschten Nabatäer, ein Verbund antiker nordwestarabischer Nomadenstämme. Die Funde, die hier vor Kurzem gemacht wurden, sind sensationell für die Erforschung steinzeitlicher Gesellschaften, freut sich Wilson: "'Sehen Sie diese dunklen Linien, die den Abhang hinunterführen?' Mein Gastgeber, der Archäologe Hugh Thomas von der University of Sydney, fährt mich tief in die wunderschöne Wüste östlich von Al-Ula. Das ist leicht zu bejahen. Sie schneiden sich durch das hellere Sandsteingeröll an der Seite des Felsvorsprungs. Dies ist ein 'Mustatil', was auf Arabisch 'Rechteck' bedeutet. Dies ist mein erster Blick auf eines dieser monumentalen Bauwerke aus dem späten sechsten Jahrtausend v. Chr., die über die Landschaft verstreut sind. Vom Hubschrauber aus sind sie deutlich zu erkennen, und viele sind auch von einem Auto aus zu sehen, das durch die Wüste fährt; trotz ihrer niedrigen Mauern sind sie landschaftsprägend...Die Mustatils haben gezeigt, wie hoch entwickelt diese Menschen sein konnten. Das zeigt sich sowohl an ihrem Umfang - jede Trockenmauer erfordert viel Arbeit für viele Menschen - als auch an der Weite, in der sie gefunden wurden. Es gab eindeutig eine Art Ideologie, die die Menschen über ein riesiges Gebiet hinweg vereinte, sowie soziale Strukturen, die in der Lage waren, ein einheitliches Ritual aufrechtzuerhalten, und technologisches Know-how. Mit anderen Worten: Eine kürzlich gemachte archäologische Entdeckung in den abgelegenen Wüsten Saudi-Arabiens schreibt die Geschichte der steinzeitlichen Gesellschaften auf der ganzen Welt neu."

Magazinrundschau vom 07.05.2024 - New Lines Magazine

Huaqing Ma beleuchtet die schwierige Situation der Joseonjok, der koreanischen Minderheit in China. Viele Joseonjok zieht es nach Korea, wo sie "kulturelle und angestammte Wurzeln" haben und hoffen, durch den wirtschaftlichen Aufschwung der letzten Jahre Arbeit zu finden, erklärt Ma. Dort jedoch sind sie Bürger zweiter Klasse, wie viele seiner Gesprächspartner zu berichten wissen - bei Job- und Wohnungssuche werden sie diskriminiert, schlechter bezahlt und auch im Arbeitsleben weniger geschützt. Oft zeigt sich der Rassismus der Koreaner aber auch in Alltagssituationen: "Piao erinnert sich an eine Episode, als sie als Teenager in einer Fabrik arbeitete. Einheimische koreanische Kollegen in der Fabrik boten ihr freundlich einen Schokoriegel an, fügten dann aber ungläubig hinzu: 'So etwas gibt es in China nicht, stimmt's? Du hast doch noch nie Schokolade probiert, oder?' Wenn die Leute erfuhren, dass sie eine Joseonjok war, fragten sie oft: 'Magst du Korea lieber oder China?' Für viele ältere Koreaner, sagt Piao, hat sich die Einstellung gegenüber den Joseonjok nicht geändert: Sie betrachten sie nicht als ethnische Cousins, sondern als Fremde in ihrem Heimatland. Auch in China sind die Joseonjok häufig mit Vorurteilen konfrontiert - vor allem von jüngeren Generationen von Chinesen, die Joseonjok oft nicht als Mitbürger betrachten. Das gilt besonders, wenn die Spannungen zwischen China und Korea hoch sind, beklagt Cui Chunmei, eine 35-jährige Joseonjok-Frau, die mit einem Koreaner verheiratet ist. 'Gaoli bangzi', eine abfällige Bezeichnung aus der Qing-Dynastie, wird von chinesischen 'Tastaturkriegern' oft gegen ihre koreanischen Kollegen und die Joseonjok verwendet. 'In Yanbian gibt es eine fleischige und schmackhafte Frucht, die als 'Apfelbirne' bekannt ist', sagt Cui. 'Die Ausländer in Korea halten uns für Koreaner, aber die Koreaner halten uns für Ausländer. Unsere Nationalität ist chinesisch, deshalb akzeptieren uns die Koreaner nicht [als zu ihnen gehörig]. Aber einige Chinesen akzeptieren uns auch nicht, weil wir Koreanisch sprechen. In unserer Joseonjok-Gemeinschaft nennen wir uns daher 'Apfelbirnen'. Wir sind weder ein Apfel noch eine Birne."

Magazinrundschau vom 30.04.2024 - New Lines Magazine

Ruanda hat vieles getan, um den Genozid vor dreißig Jahren aufzuarbeiten und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, weiß Lauren Watson. Trotzdem hat das Massaker bis heute Auswirkungen auf die Gesellschaft, auch auf die jungen Menschen, die zu dem Zeitpunkt des Massakers an den Tutsi noch nicht einmal geboren waren (und die immerhin zwei Drittel der Bevölkerung Ruandas ausmachen, wie Watson aufzeigt). Sie trifft den 25-Jährigen Kanyoni, dessen Vater auf der Seite der Täter stand. Lange wusste Kanyoni nichts über das, was sein Vater getan hatte, erzählt er Watson, bis er eines Tages eine Frau vor einem Verkehrsunfall rettete. Als er nach Hause kam, erzählte ihm die Mutter von der Verwicklung seines Vaters in den Genozid: "'Er hat niemanden getötet, sondern mitgemacht', erklärt Kanyoni. Kanyoni geht davon aus, dass sein Vater dieselbe Frau, die Kanyoni später rettete, zu einer Straßensperre begleitete, wo sie dann von der örtlichen Miliz vergewaltigt wurde." Bei einem informellen Gericht, ein sogenanntes Gacaca (mehr zum Thema hier) wurde sein Vater zu 25 Jahren Haft verurteilt. Die Nachkommen von Tätern erfahren in Ruanda in vieler Hinsicht strukturelle Benachteiligung, was Kanyoni selbst erfahren hat: "Er sagt, die Nichtregierungsorganisation, die seine Grundschulausbildung finanzierte, habe ihm das Schulgeld für die High School gestrichen, und er habe sich nicht für Stipendien zum Besuch der Universität qualifizieren können. 'Ich habe wirklich gelitten', sagte er. 'Wissen Sie, wenn man nichts zu tun hat, fängt man an, in die falsche Richtung zu denken. Ich dachte, dass ich vielleicht nicht zur Universität gehen würde, weil meine Noten nicht gut genug waren, aber mein Nachbar, der schlechtere Noten hatte, schaffte es.' Kanyoni ist der Meinung, dass den Familien der Täter mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden muss, damit Versöhnung und Einheit funktionieren. 'Darauf kann man sich als Nächstes konzentrieren', sagte er."
Stichwörter: Tutsi, Genozid in Ruanda, Hutu, Ruanda