In einem Land wie Botsuana, denken viele, kann man guten Gewissens Edelsteine kaufen, erklärt Louise Donovan mit Bezug auf eine Untersuchung des Time-Magazins zum Thema "Blutdiamanten" aus dem Jahr 2015: "In einer Branche, die historisch von Gewalt, Schmuggel und Kinderarbeit geplagt ist, ist das Land für seine ethisch einwandfreien Diamanten bekannt. Es hat sogar das königliche Gütesiegel erhalten: ein aus Botswana stammender Kristall ziert Meghan Markles Verlobungsring von Prinz Harry." Vor mehr als fünfzig Jahren schlossen der südafrikanische Diamantengigant de Beers und die botsuanische Regierung eine lukrative Partnerschaft, um die Diamantenminen des Landes zu betreiben. Und tatsächlich hat die Diamanten-Industrie dem Land zu relativem Wohlstand verholfen, die Luxusprodukte machen heute über 90 Prozent der Gesamtexporte und ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts aus, so Donovan. Doch mit den ethischen Standards ist es nicht so weit her wie behauptet, fand Donovan in Interviews mit den Arbeiterinnen in einer Diamanten-Schleiffabrik heraus: diese berichten von Rattenbefall, giftigem Diamantenstaub, sexuellem Missbrauch. Wer sich in einer Gewerkschaft engagiert, dem droht der Rauswurf, erfährt Donovan von ihren Gesprächspartnerinnen. Einige Fabriken bezahlen nicht mal den Mindestlohn: "Jahrelang haben die niedrigen Löhne die Polierer in die Armut getrieben, sagte Rakwadi, der Gewerkschaftsfunktionär der BDWU. Ihr Lohn deckt Lebensmittel und Miete, aber oft nur wenig anderes. Viele der Frauen sind alleinerziehende Mütter und oft die Haupternährerinnen, die Großfamilien unterstützen. Obwohl die Unternehmen die Löhne ihrer Angestellten durch 'Anreize' aufstocken, das heißt durch monatliche Zuschläge zur Deckung der Transportkosten oder zur Belohnung der Pünktlichkeit, sind diese freiwillig und werden manchmal gestrichen oder einfach nicht gezahlt, so die Frauen. Einige der niedrigsten dokumentierten Löhne wurden bei Dalumi gezahlt, einem globalen Unternehmen mit Produktionsstätten in Botswana. Mehrere aktuelle und ehemalige Polierer mit mehr als zehn Jahren Berufserfahrung in der Branche verdienten ein monatliches Grundgehalt zwischen 1.900 und 2.500 Pula (etwa 140 bis 190 US-Dollar). Der empfohlene existenzsichernde Lohn in Gaborone beträgt 8.119 Pula, so die WageIndicator Foundation, eine globale gemeinnützige Organisation. Doch für viele heißt es, entweder dies oder gar nichts."
Hassan Hassan geht den Interessen der syrischen Regierungauf den Grund, die sich in den vergangenen Monaten, während sich der Konflikt zwischen Israel, dem Iran und dem Libanon zuspitzte, erstaunlich ruhig verhielt. Syrien ist das einzige Mitglied der von Iran angeführten "Achse des Widerstands", das sich bisher aus dem Konflikt herausgehalten hat, bemerkt Hassan. Nicht nur blieb es an der Golanfront überraschend still, so Hassan, auch rhetorisch hielt sich das Assad-Regime sehr zurück, verzichtete beispielsweise auf die üblichen Unterstützungsbekundungen für die Hisbollah oder den Iran nach größeren Angriffen. Es scheint, als verfolge Assad eine bewusste Strategie, die zudem sowohl von Iran als auch von Moskau toleriert wird, sich aus diesem Krieg herauszuhalten. Ziel sei es, so Hassan, die Beziehungen zu alten Gegnern wieder zu normalisieren: "Assads Schweigen baut das Wohlwollen einiger seiner ehemaligen Gegner wieder auf, insbesondere in den Golfstaaten und möglicherweise sogar in Israel und den Vereinigten Staaten. Es könnte eine ältere Wahrnehmung Syriens wiederbeleben, die dem Aufstand und Bürgerkrieg von 2011 vorausging: die Überzeugung, dass das Assad-Regime der Ruhe an der Golan-Front Priorität einräumen würde. Seit dem Ausbruch des Syrienkonflikts sind die Entwicklungen entlang der israelischen Grenze für Israel und westliche politische Kreise ein wichtiges Anliegen. Die Furcht vor einem möglichen iranischen Aufmarsch in Syrien, ähnlich dem im Irak, hat den Westen veranlasst, mit Regimegegnern zusammenzuarbeiten und in dem Land Fuß zu fassen. Der Krieg im Gazastreifen ist daher die erste große Bewährungsprobe für Syriens Haltung, die Ruhe auf dem Golan zu bewahren und gleichzeitig die Beziehungen zum Iran auszubalancieren (...)Wenn die Golfstaaten und die Türkei nach Syrien zurückkehren, wird nach Ansicht des Assad-Regimes auch Europa folgen. Das Beste, was sich Assad von Washington erhoffen kann, ist, dass es diese Bemühungen nicht aktiv blockiert, indem es zum Beispiel Sanktionen verhängt oder seine Verbündeten davon abhält, sich in Syrien zu engagieren oder dort zu investieren."
Warum hassen Islamisten Fröhlichkeit, fragt der iranische Journalist Kourosh Ziabari und blickt dabei auf die Bevölkerung des Iran, die mittlerweile zu den unglücklichsten der Welt gehört: Im "World Happiness Report 2024" belegt der Iran den 100. Platz von 143 Ländern, hinter Venezuela, der Republik Kongo und dem Irak. Sicherlich, hält Ziabari fest, die tiefe Traurigkeit ist eine klare Folge der Unterdrückung und der wirtschaftlichen Stagnation im Land. Doch das ist nicht alles. Seit 1979 lasse sich ein Phänomen feststellen, dass bis heute immer nur stärker geworden sei. Das Mullah Regime begann, einen Trauerkult zu forcieren, der weit über die im Iran üblichen religiösen Trauerrituale hinausging: "Ein Mangel an festlichen Anlässen im Kalender und aktives Eingreifen des Staates und seiner Bürgerwehren, um Hochzeitszeremonien, Konzerte und sogar eine Wasserpistolenschlacht unter einer Gruppe von Teenagern in einem Park zu unterdrücken, sind einige Beispiele für den anhaltenden Widerstand gegen Freude." Das führt zu psychischen Störungen, die im Iran verbreitet sind, so Ziabari. Die Mullahs kümmert das nicht. Denn die Unterdrückung der Freude ist nicht nur eine Grundeigenschaft der islamistischen Ideologie, erklärt er, sie dient auch dem Machterhalt: "In seinem im September 2007 erschienenen Essay 'Islamismus und die Politik des Spaßes' für die Zeitschrift Public Culture argumentierte der iranische Wissenschaftler Asef Bayat, dass Spaß sich rigider Disziplin und etablierter Verhaltensnormenwidersetzt, die oft von Autoritäten aufgestellt werden. Bayat stellte die Hypothese auf, dass 'Angst vor Spaß' eine Angst vor der Schwächung der Macht ist, die viele religiöse Traditionen gemeinsam haben. Indem sie die Manifestation der Identität von Menschen durch Mode unterdrücken, die Vermischung zweier Geschlechter kriminalisieren und harmlose Handlungen wie das Rasieren des Bartes durch Männer oder das Tragen von Make-up durch Frauen verbieten, verfolgen Theokratien in Afghanistan und im Iran grundlegendere Ziele als die Popularisierung ihrer moralischen Stilbücher.' Es ist keine bloße doktrinäre Frage, sondern eine historische Angelegenheit, die maßgeblich mit der Erhaltung der Macht zu tun hat', schrieb er."
Niger hatte bis vor kurzem keine diplomatischen Beziehungen zu Russland, sondern war immer dem Westen verbunden, erinnert die italienische Journalistin Floriana Bulfon. Seit dem Putsch aber ist der Groll gegen Frankreich der einzige Kernglaube, der von den Fraktionen geteilt wird, die den Putsch inszenierten, und ihre Verachtung wird von einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung unterstützt: "Moskau ergriff sofort die Gelegenheit, das letzte Teil in ein Puzzle einzufügen, das die Russische Föderation in der Cyrenaika (einer Region im Osten Libyens), Mali, Burkina Faso und der Zentralafrikanischen Republik fest etabliert hat. In Niger musste Russland nur noch konsequenter dem Drehbuch folgen, das ihm bereits das Eindringen in die Nachbarländer ermöglicht hatte. Es beginnt damit, sich als bewaffnetes Gegenmittel gegen den Dschihadismus zu präsentieren, und nutzt weiterhin den Hass auf Frankreich, um seine Autorität durchzusetzen. (...) Die Wurzel des Grolls ist jedoch die Geschichte der kolonialen Ausbeutung: 'Es ist nicht möglich, dass mein Land reich ist und an der Oberfläche sind wir alle arm', sagte Moussa, ein städtischer Angestellter. 'Seit meiner Geburt habe ich gesehen, dass Frankreich seit 59 Jahren nichts anderes getan hat. Sie stahlen sogar unser Uran und haben nicht einmal ein Haus gebaut.' In der Tat ist Niger reich an natürlichen Ressourcen. Ein Drittel der französischen Atomkraftwerke wird mit Nigers Uran betrieben. Es gibt auch Ölquellen und Goldminen. Doch die Armut ist erschütternd. Statistiken sehen das Land als eines der Schlusslichter weltweit. In Niamey schlafen die Menschen auf den in den Sand geworfenen Matten und es gibt Horden von Kindern, die betteln, sogar mitten in der Nacht. Eine hoffnungslose Masse von Menschen wird durch Militante Überfälle und eine Wüste, die selbst wegen der globalen Erwärmung voranschreitet, in die Stadt gedrängt. Die Temperaturen steigen so hoch, dass die Hitze Plantagen und Weiden auslöscht, die seit Jahrhunderten aktiv sind. Heute sind sie von einem Durst nach Wasser verwüstet, den nicht einmal der Niger-Fluss lindern kann. Bauern und Hirten haben keine Alternative als Migration, obwohl vielen von ihnen das Geld fehlt, das für eine Auslandsreise notwendig ist. Stattdessen leben sie in Holzhütten am Straßenrand, die aufgrund der schwülen Hitze fast unbewohnbar sind."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Asmaa Elgamal stellt ein als "FICINT" bezeichnetes Literatur-Genre vor, eine Verbindung aus "Fiction" und "Intelligence", das auf den im Jahr 2015 veröffentlichten Roman "Ghost Fleet" des Verteidigungsstrategen Peter W. Singer und des ehemaligen Wall Street Journal-Reporters August Cole zurückgeht und das sich im militärischen Nachrichtendienst- und in der Zukunftsforschung, die sich mit der Vorhersage und Vorbereitung auf künftige Konflikte befassen, an Bedeutung gewonnen hat: Singer und Colen "sind nicht die einzigen Autoren, die spekulative Fiktion nutzen, um Lektionen über die Zukunft des Krieges zu vermitteln. ... Die Verwendung von Fiktion zur Untersuchung militärischer Herausforderungen und Rivalen ist nicht neu. In den Vereinigten Staaten ist 'Ghost Fleet' eines von mehreren belletristischen Werken, die auf professionellen militärischen Leselisten stehen, darunter die des U.S. Marine Corps, jener des Büros des Generalarztes der U.S. Navy und der U.S. Militärakademie. Diese Listen umfassen ein breites Spektrum an Genres, darunter Geschichte, Biografien, Wirtschaft, Selbsthilfe und Belletristik. Die Auswahl an Belletristik umfasst Klassiker wie Erich Maria Remarques 'Im Westen nichts Neues', historische Romane wie Steven Pressfields 'Gates of Fire' und Science-Fiction wie Orson Scott Cards 'Ender's Game'. Die Fiktion hat eine lange Geschichte der Verstrickung mit Krieg und Imperium. Rudyard Kiplings Schilderungen der Kolonialherrschaft in Indien prägten die Sicht von Generationen britischer Offiziere auf die indische Kultur und Gesellschaft. Der englische Romancier verfasste auch 'The Army of a Dream', eine Kurzgeschichte, in der er versucht, sich eine effizientere britische Armee vorzustellen. ... FICINT beschreibt jedoch ein bewussteres Bemühen, Belletristik für die Zwecke der strategischen Planung zu nutzen. Es impliziert auch einen bewussteren Versuch, das Erzählen von Geschichten mit dem Realen, dem Möglichen und dem Wissenschaftlichen zu verbinden. In einer Welt der Illusionen wirft dies die Frage auf, wie man 'real' definiert und inwieweit FICINT und andere spekulative Instrumente in der Lage sind, die Grenzen der politischen Gemeinschaften und politischen Paradigmen, innerhalb derer sie geschrieben und konsumiert werden, zu verschieben."
Seit sich die georgische Politik mehr und mehr Richtung Russland wendet, nimmt ein äußerst bizarres Phänomen an Fahrt auf, berichtet Will Neal: Seit Jahrzehnten kursieren im Herkunftsland Josef Stalins wilde Mythen über dessen angebliche "Superkräfte" erzählt Neal. Es heißt, er habe in seinem Leben zehntausende von Büchern gelesen oder auch, er habe die Zeit anhalten können. Diese latente Verehrung wird nun mehr und mehr zu einer gezielten Desinformationskampagne, an deren Ursprung die georgische Kirche steht, so Neil. Als Höhepunkt dieser Entwicklung lässt sich das Auftauchen eines Heiligenbilds Stalins in der Kathedrale der Heiligen Dreifaltigkeit in Tblisi sehen - der sowjetische Diktator neben der Heiligen Maria. Eigentlich nicht so verwunderlich, denn einer der 'glühendsten Verfechter' Stalins ist Georgiens oberstes religiöses Oberhaupt, Patriarch Ilia II.: "Was genau den georgischen Patriarchen zu seiner Verehrung des verstorbenen sowjetischen Führers treibt, bleibt Gegenstand vieler Spekulationen. Eine der wilderen Theorien geht davon aus, dass Ilia, ein in Russland geborener ethnischer Georgier, in Wirklichkeit selbst ein ehemaliger KGB-Agent und damit das Hauptinstrument einer jahrzehntelangen Kreml-Verschwörung zur Aufrechterhaltung des politischen Einflusses in Georgien ist. (Das Büro des Patriarchen antwortete nicht auf eine Bitte um Stellungnahme.) Vertreter dieser Ansicht verweisen auf die Tatsache, dass Ilja in den späten 1950er Jahren an der Moskauer Theologischen Akademie studierte, als die Institution nachweislich unter der Kontrolle des sowjetischen Geheimdienstes stand, sowie auf verschiedene Kommentare, die der Patriarch im Laufe der Jahre in Interviews mit der Presse machte. 'Als [Stalin] starb, war ich nur ein Student am Seminar, und wir standen alle in der Aula und weinten, als sie ihn beerdigten', sagte der Patriarch 2013 gegenüber Reportern... Der Einfluss der Kirche in einem Land, in dem sich fast 90 % der Bevölkerung als Christen bezeichnen und Ilia durchweg als die vertrauenswürdigste und respektierteste Persönlichkeit des öffentlichen Lebens des Landes gilt, kann kaum überschätzt werden."
Dass die Spuren der Apartheid in Südafrika bis heute nachwirken, zeigt ein Skandal um das südafrikanische Model Chidimma Adetshina, wie uns Kwangu Liwewe vor Augen führt. Adetshina, Tochter eines nigerianischen Vaters und einer mosambikanischen Mutter, wurde unter die elf Favoritinnen der Wettbewerbs zur "Miss South-Africa" gewählt, doch ihre Kandidatur löste in den Sozialen Medien einen Tsunami an Hass und Rassismus aus: "Chidimma wurde für eine illegale Einwanderin gehalten und für nicht südafrikanisch genug, um Miss Südafrika zu werden, weil sie schwarz und afrikanischer Abstammung ist", zitiert Liwewe einen Fernsehmoderator des südafrikanischen Senders eNCA. Schließlich zog sich Chidimma aus Angst vom Wettbewerb zurück, so Liwewe. Die Affäre zeige die kulturellen Spannungen und die Fremdenfeindlichkeit, die unter der Oberfläche der sogenannten "Regenbogennation" schwele, die "tiefen Narben, die Kolonialismus und Apartheid hinterlassen haben, haben die Konstruktion nationaler Identitäten und die Wahrnehmung afrikanischer Ausländer, selbst jener, die eingebürgert und Staatsbürger geworden sind, beeinflusst." Hier zeigen sich klar, stellt Liwewe fest, die Auswirkungen der rassistischen "Hackordnung" des Apartheidsregimes, in dem schwarze Südafrikaner auf der untersten Stufe standen: "'Die Regenbogen-Rhetorik ist gefährlich', sagt Nombulelo Shange, Soziologiedozent an der University of the Free State in Bloemfontein. 'Sie beschönigt die Ungerechtigkeiten, die wir durchgemacht haben. Sie besagt im Grunde, dass das, was wir in den letzten 300 Jahren durchgemacht haben, vergessen werden muss, weil wir eins sind. Sie ist gefährlich, weil sie uns die Möglichkeit nimmt, uns mit diesen Problemen auseinanderzusetzen und in uns zu gehen.'" Nach ihrem erzwungenen Rücktritt stellte sich Adetshina im Heimatland ihres Vaters Nigeria als Kandidatin im nationalen Schönheitswettbewerb zur Wahl und wurde gestern zu "Miss Universe Nigeria" gekrönt.
Kang-Chun Cheng beleuchtet die Schicksale dreier Familien, die vor dem Bürgerkrieg im Sudan nach Kenia geflohen sind. Hoyam Babiker zum Beispiel, die im Sudan Jura studierte, hoffte, nach Ägypten oder Kanada fliehen zu können, berichtet Cheng, doch als der Krieg ausbrach, verloren die sudanesischen Bürger die Pass-Privilegien vieler Länder. Ihre Anträge auf Visa wurden abgelehnt. Nachdem sie mit ihren Kindern von einer vermeintlichen sicheren Zone zur nächsten und dann nach Uganda geflohen war, wo die Lebensumstände unerträglich waren, kam sie endlich im Januar 2024 als Flüchtling in Kenia an, das Schätzungen zufolge in den letzten drei Jahrzehnten mehr als 750.000 Flüchtlinge aufgenommen hat, so Cheng. In Nairobi hatte "Babiker die Idee, ein kleines Café zu eröffnen. Im Kilimani-Viertel der Hauptstadt eröffnete sie in diesem Frühjahr 'Mazaj' (arabisch für 'Stimmung'). Wir sitzen auf der Terrasse des Cafés, als sie erzählt, wie sie das Geschäft eröffnete. 'Ich wollte etwas haben, das mich beschäftigt', gibt die junge Mutter zu, damit ihre Gedanken nicht ständig zu den Gräueln in ihrem Heimatland abschweifen. In Kilimani sind die meisten Cafés äthiopisch, aber 'ich wollte einen Ort schaffen, an dem alle Sudanesen zusammenkommen', erklärt sie. 'Vielleicht können wir hier eine gemeinsame Basis finden, da wir uns alle in der gleichen Situation befinden. Während wir plaudern, kommen Stammgäste auf ein heißes Getränk hereinspaziert. Der Geruch von Bakhoor, einem traditionellen Weihrauch, liegt in der Luft. Kinder, manche auf Rollschuhen, kommen vorbei, um ihre Bilder zu verkaufen oder mit Babiker zu plaudern, die offensichtlich die geliebte Tante der Nachbarschaft ist. 'Es ist ein Ort, an dem wir uns wiederfinden. Hier können wir uns treffen und uns gegenseitig über die Situation in Nairobi und zu Hause informieren', sagt Yousif Mohammed Ahmed, 38, der im Juli letzten Jahres in Nairobi angekommen ist. 'Wir unterstützen Hoyam', fährt er fort, 'aber es ist auch ein Ort, an dem wir uns sicher fühlen und sudanesisch sprechen können. Hier findet man jeden, ob er in der sudanesischen Botschaft arbeitet oder neu in der Stadt ist.' Das Einkommen, wenn auch klein, hilft natürlich auch, denn die Lebenshaltungskosten in Nairobi sind sehr hoch. 'Die meisten Leute, die hierher kommen, haben kein Geld.' Eine kleine Tasse Tee kostet an den meisten Orten etwa 75 Cent, aber bei Mazaj kostet sie nur die Hälfte - selbst in den Wirren des Neubeginns hofft Babiker, anderen zu helfen."
Mehr als 18 Millionen Menschen im Sudan sind derzeit von Hunger bedroht, schätzungsweise 11 Millionen Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben, schreiben der Journalist Julian Busch und der Dokumentarfilmer Vincent Haiges, die in ihrer Reportage vor einer Hungerkatastrophe warnen, die die äthiopische Hungersnot der 1980er Jahre noch übertreffen könnte - und die vor allem die in die Berge zurückgekehrten Nuba trifft: "Nach Angaben der niederländischen Denkfabrik Clingendael, die sich seit Jahrzehnten mit der Lage im Sudan befasst, ist in vielen Teilen des Landes die kritische Schwelle für eine Hungersnot erreicht worden. Die Menschen hungern im Rahmen einer Strategie, die darauf abzielt, den Feind von seinen Vorräten und Ressourcen abzuschneiden. Im ganzen Land werden Ernten verbrannt, Hilfskonvois blockiert und Saatgut geplündert. Die Landwirte können wegen der Gewalt nicht auf ihre Felder. Bis September könnten fast 2,5 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht sein. Die Vereinten Nationen und die internationale Gemeinschaft haben jedoch lange gezögert, eine offizielle Hungersnot auszurufen, weil es an umfassenden Daten mangelt. Zwar wurde im Juli in einem Flüchtlingslager in Nord-Darfur in der Nähe der Stadt El-Fasher erstmals eine Hungersnot erklärt, doch ist ein Großteil des Landes für die Vereinten Nationen oder NRO unzugänglich, weil es entweder zu gefährlich ist oder die Regierung al-Burhan wie in den Nuba-Bergen den offiziellen Zugang verweigert. Dennoch zweifelt kaum jemand daran, dass die Hungersnot auch in anderen Teilen des Landes bereits wütet. Da viele der wichtigsten Lebensadern durch Kämpfe zwischen der RSF und der Armee blockiert sind, kann die Hilfe für die Nuba-Berge - wenn überhaupt - nur aus dem benachbarten Südsudan geliefert werden. Die Regierung verweigert offiziell den Zugang, und die Straße, die in die Berge führt, wurde nach dem jahrzehntelangem Konflikt nie für minenfrei erklärt. Die Vereinten Nationen und viele andere Hilfsorganisationen zögern, das Gebiet zu betreten. Seit Monaten verhandelt die SPLM-N (Sudanesische Volksbefreiungsbewegung Nord, Anm. d. Red.) mit der sudanesischen Regierung über eine friedliche Lösung und die Erleichterung von Hilfslieferungen auf beiden Seiten der Frontlinien. Doch die Gespräche verlaufen schleppend, die beiden Seiten vertrauen einander nicht und die Spannungen sind seit einiger Zeit hoch. Und es besteht weiterhin die Gefahr einer erneuten militärischen Eskalation."
In den Slums von Tunis leben die Menschen an der Armutsgrenze, ausgestoßen von den Städtern, versuchen viele Bewohner auszuwandern; Arbeitslosigkeit, Kriminalität und der politische Islam bestimmen das Leben in diesen Vierteln, berichtet der tunesische Journalist Osama Slim, der auf die lange Tradition der Slums hinweist: "Im 10. Jahrhundert verboten die herrschenden Fatimiden den Juden, innerhalb der Stadtmauern zu leben; die Beys der osmanischen Ära teilten die Stadt in drei Klassen ein; die französische Kolonialzeit brachte eine massive Verstädterung mit sich, die zu einem enormen Wachstum der Slums führte; und die Unabhängigkeit im Jahr 1956 setzte diesen Trend fort und führte zu der Situation, die wir heute in den einkommensschwachen, marginalisierten Gemeinden sehen. (...) Nach der Unabhängigkeit Tunesiens im Jahr 1956 verstärkte sich die Abwanderung nach Helel, insbesondere in den 1970er Jahren, nachdem das durch die sozialistische Politik Anfang der 1960er Jahre geförderte Experiment des Kollektivismusgescheitert war. Die Beschäftigungsmöglichkeiten konzentrierten sich auf die Hauptstadt und die Küstenregionen. Ali El Mawlahi, 78, hat diese Veränderungen miterlebt. Er sagt: 'Als ich geboren wurde, war das Viertel schon da. Aber es herrschte nicht so viel Chaos und es gab nicht so viele Menschen. Die Vergangenheit war aber nicht nur gut. Die Einrichtungen, die man heute sieht - Beleuchtung, Wasser und Kanalisation - kamen erst in den 1980er Jahren, viel später als in anderen Vierteln der Hauptstadt.' In seinem Forschungspapier 'Wiederherstellung des städtischen und sozialen Lebens im arabischen Maghreb' argumentiert Faraj Stambali, dass die Vorgehensweise des Staates in Bezug auf den so genannten 'Volkswohnungsbau' nach der Unabhängigkeit einer Politik der sozialen Säuberung gleichkam, die darauf abzielte, die Bewohner zu vertreiben und sie zurück aufs Land zu zwingen."
Von Brasilien über Rumänien und Italien bis Nigeria und Südafrika - die Pfingstbewegung, eine immer populärer werdende Strömung des Christentums, ist auf dem Vormarsch: Heute zählt sie rund 650 Millionen Anhänger weltweit, sie ist zum "Glauben der Armen" geworden, nicht nur, weil sie ihren besonderen Fokus auf die Rolle des Heiligen Geistes für Gesundheit und Wohlstand legt, sondern auch, weil es kaum Autoritätsstrukturen und pastorale Aufsicht gibt, berichtet Elle Hardy in ihrem lesenswerten Essay. Sie geht einem besonderen Trend innerhalb der Strömung nach, den sogenannten "Narco-Evangelisten", organisierte Kriminelle, darunter auch Pastoren, die im Drogen- und Menschenhandel vernetzt sind - und die sich vor allem auf das "Wohlstandsevangelium" berufen, wie der Religionswissenschaftler Andrew Chesnut erklärt: "Als sich der Pfingstlertum in den späten 1970er Jahren in Brasilien entwickelte, war die Vorstellung von Drogennetzwerken in Kirchen undenkbar. Seitdem sind sie zu einer Ausgeburt der überzeugendsten Doktrin des Pfingstlertums geworden: der Wohlstandstheologie, besser bekannt als Evangelium von Gesundheit und Wohlstand. 'Gottes Segen durch den eigenen Wohlstand zu manifestieren, ist wichtiger geworden als die christliche Moral und die Frage, wo die Seele im Jenseits landen könnte', sagt Chesnut. Das Wohlstandsevangelium entstand nach dem Zweiten Weltkrieg unter einer Gruppe syndizierter Evangelisten in den USA, als Amerika im Aufschwung war und alles andere als der amerikanische Kapitalismus mit den Sternen und Streifen Gotteslästerung war. Diese neue Kohorte von Predigern wie Oral Roberts und Kenneth Copeland wusste auch, wie man die Sorgen der einfachen Leute anspricht. Schon bald wurde die Idee eines Gottes, der sich dafür interessiert, wie viel Sie am Ende der Woche in Ihrem Portemonnaie haben - ganz zu schweigen davon, wie viel Sie davon Ihrer Kirche spenden - zu einem Merkmal der Fernsehevangelisation. (...) Mitte der 80er Jahre sickerte das Wohlstandsevangelium nach Brasilien durch, das kulturell empfänglich war für die Ideen seines wohlhabenden nördlichen Nachbarn. Die brasilianische Wohlstandstheologie, die neben dem Fußball als Vehikel für die Hoffnungen der arbeitenden Armen gilt, hat es Pfarrern und ihren Gemeindemitgliedern ermöglicht, 'in den Drogenhandel und Menschenhandel, sogar in die Prostitution verwickelt zu sein und sich dennoch als loyale und treue Christen zu sehen', sagt Chesnut, selbst wenn Außenstehende 'große Widersprüche darin sehen, sich nach dem Gottesdienst eine AK-47 über die Schulter zu hängen.'"
In von Rumänien kontrollierten Gebieten wurden während der Nazi-Zeit 380.000 Juden und 11.000 Angehörige der Roma-Gemeinschaft ermordet. Die Rolle, die Rumänien bei der Verfolgung der Juden im eigenen Land spielte, wurde im Land aber lange Zeit ignoriert. Seit dem Jahr 2023 gibt es nun einen verpflichtenden Kurs in Schulen, der den Holocaust in Rumänien aufarbeiten soll, berichtet Amanda Coakley. Dabei geht es auch um das Pogrom von Iasi, das am Beginn einer Vernichtungswelle gegen Juden und Jüdinnen stand: "In den ersten fünf Monaten seiner Regierungszeit, die im September 1940 begann, verbündete sich Ion Antonescu mit der faschistischen Bewegung der 'Eisernen Garde', verschärfte die antisemitische Gesetzgebung und unterstützte Angriffe auf jüdische Gemeinden, um die Wirtschaft zu 'rumanisieren'. Anfang 1941 kam es zum Zerwürfnis zwischen Antonescu und der 'Eisernen Garde' und ihrem Anführer Horia Sima, nachdem diese einen Staatsstreich verübt hatten, um die Macht an sich zu reißen. Doch obwohl die Mitglieder verhaftet und eingesperrt wurden, blieb der Antisemitismus bestehen. Monate später, als sich 585.000 rumänische Soldaten auf den Einmarsch ihrer deutschen Verbündeten in die Sowjetunion vorbereiteten, behauptete Antonescu, die jüdische Gemeinde in Grenznähe spioniere im Auftrag der Russen und warne sie vor den Militärmanövern. Dies war der Auslöser für das Pogrom von Iasi, das am 28. Juni 1941 begann und zu einem Massenmord an über 4.000 Juden in der Polizeistation der Stadt führte. Parallel zu den Morden wurden mehrere Tausend weitere Juden aus der Region in Viehwaggons gesperrt und nach Nord- und Südrumänien deportiert. Die Einwohnerzahl der Gemeinde in der Stadt, in der sich sephardische Juden erstmals im 15. Jahrhundert niedergelassen hatten, wurde halbiert. Um die rumänischen Soldaten bei der Durchführung der Aktion zu unterstützen, wurden Mitglieder der 'Eisernen Garde' aus dem Gefängnis entlassen. Insgesamt wurden bei einem der blutigsten Massaker, das die Rumänen während des Krieges verübten, mindestens 13.000 Menschen getötet. Als Rumänien später Bessarabien und die Nordbukowina zurückeroberte, verschärften sich die Angriffe auf Juden in diesen Gebieten. Zwanzigtausend Juden wurden in Odessa ermordet, als die ukrainische Stadt unter rumänischer Kontrolle stand. Tausende weitere wurden auf Geheiß von Antonescu in Lagern und Ghettos im gesamten Gouvernement Transnistrien getötet."
Saurav Das deckt in einer größeren Recherche die düsteren Machenschaften der Polizei in dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat Indiens Uttar Pradesh auf. Seit 1997, erklärt er, sind landesweit mindestens 3.584 Menschen bei Schießereien mit der Polizei ums Leben gekommen. Uttar Pradesh führt diese Liste mit 1.114 Tötungen an. Über die Jahre hat sich ein bestimmtes Muster abgezeichnet nach dem viele dieser Schießereien ablaufen: Die Beamten geben an, der Getötete sei ein gesuchter Verbrecher, die Tötung sei deshalb in Selbstverteidigung erfolgt, "viele Menschenrechtsaktivisten und Familien von Opfern haben jedoch behauptet, dass es sich bei den meisten dieser Polizeiaktionen um 'vorgetäuschte Begegnungen' handelt, ein Begriff, der zur Beschreibung außergerichtlicher Tötungen verwendet wird. Der von Das befragte Menschenrechtsaktivist Rajeev Yadav erklärt, wo der Grund liegt: "'Was wir heute erleben, ist, dass die Polizei als bezahlte Mörder und Auftragskiller agiert, die Personen für einen Preis töten oder verletzen', sagte der Aktivist. 'Die eigentlichen Verbrecher bestechen die Polizei, um Ermittlungen zu entgehen. Die Polizei zwingt dann Informanten, jemanden mit einer Vorgeschichte von vielleicht geringfügigen, unbedeutenden Straftaten zu belasten.' In den ersten Jahren von Adityanaths Herrschaft enthüllte eine verdeckte Operation von India Today, dass einige Polizeibeamte bereit waren, für einen Preis von 5.000 bis 7.000 Dollar Begegnungen zu inszenieren, um den Gegner einer Person zu eliminieren. Es gab Berichte, dass in einigen Bezirken eine monetäre 'Tarifkarte' für Polizeieinsätze gegen die Gegner im Umlauf war."
Alex White beleuchtet die Reise von Malcolm X durch Afrika und den Nahen Osten 1964: Zwar löste sein Werben um die Solidarität der Afrikaner beispielsweise in Ghana und Ägypten ein großes Medienecho aus. Doch seine Suche nach progressiven Verbündeten stieß in einigen afrikanischen Ländern auf Skepsis. Im Falle Ägyptens brachte ihn seine Unkenntnis der afrikanischen Politik in die "Umlaufbahn einer gefährlichen Rivalität": "Im August stellte die ägyptische Regierung Malcolm X 20 Stipendien für seine Anhänger zur Verfügung, damit sie an der renommierten Al-Azhar-Universität studieren konnten - eine Taktik, die die Nasser-Regierung zuvor angewandt hatte, um die Gunst der antikolonialen Gruppen aus ganz Afrika zu gewinnen. Malcolm X interpretierte diese Auszeichnungen als einen politischen Coup gegen die Nation of Islam...Das Geschenk erregte jedoch auch die Aufmerksamkeit von Saudi-Arabien, Ägyptens langjährigem Rivalen im arabischen Kalten Krieg. Prinz Faisal, der Malcolm X in Mekka beherbergt hatte, befürchtete, dass die Nasser-Regierung den Führer der schwarzen Nationalisten benutzte, um amerikanische Muslime in ihre eigene politische Umlaufbahn zu ziehen. Daraufhin bereiteten die Saudis eine Auszeichnung vor, um ihren eigenen Einfluss zu sichern - 15 Stipendien für die Islamische Universität in Medina. Als der Oberste Rat für Islamische Angelegenheiten Ägyptens Malcolm X in Anerkennung seiner Bemühungen um die Verbreitung des Islam in den Vereinigten Staaten auch den Titel 'daiy' (Missionar) verlieh, sorgte die saudische Regierung dafür, dass er von ihrer eigenen Muslimischen Weltliga akkreditiert wurde. In Unkenntnis der politischen und wirtschaftlichen Interessen, die die Rivalität anheizten, und besessen von der Idee der politischen Einheit, entwickelte Malcolm X die idealistische Vorstellung, dass er die beiden Seiten zusammenbringen könnte. 'Mein Herz ist in Kairo', versprach er seinen Kontakten im Obersten Rat für Islamische Angelegenheiten, aber er könne diesen Interessen am besten dienen, 'indem ich mich auch mit den gemäßigteren oder konservativen Kräften verbünde, die ihren Sitz in Mekka haben'."
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Sigrid Damm: Künstler meines Lebens 16 Porträts von Sigrid Damm versammelt dieser Band. Es sind Reflexionen und Erinnerungen an Künstler und Wegbegleiter, die für Sigrid Damm wichtig waren. Mit einigen war…
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