Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 10.05.2011 - New York Times

2007 war ein goldenes Jahr für Leute, die im Internet reich werden wollten, erzählt Miguel Helft in der NYT. "'Okay Klasse, das ist eure Hausarbeit: Entwickelt ein App. Sorgt dafür, dass die Leute es nutzen. Wiederholt das.' Das war im Herbst 2007 die Aufgabe einiger Studenten in Stanford, die als 'Facebook Klasse' berühmt werden sollten. Niemand sah voraus, was als nächstes passierte. Die Studenten gewannen Millionen von Nutzern für ihre kostenlosen Facebook-Apps. Und als das Geld für die Anzeigen hereinrollte, verdienten einige dieser Studenten mehr als ihre Professoren. Praktisch über Nacht befeuerte die Facebook-Klasse die Karrieren und Vermögen von mehr als zwei Dutzend Studenten und Lehrern. Sie half außerdem, ein neues Unternehmensmodell zu entwickeln, das das Tech Establishment auf den Kopf stellte: Das schlanke Start-up."

In der NYT Book Review werden besprochen eine Neuauflage der gesammelten Werke von F. A. Hayek, Mohamed ElBaradeis Autobiografie, John Grays neues Buch "The Immortalization Commission" über die vorrevolutionäre Bewegung der "Gottbauer" (God-Building) und Wendy Lessers Buch über Schostakowitschs Quartette. Hier der Anfang von Edward Rothstein freundlichem Verriss: "Bevor wir unsere Aufmerksamkeit auf Stalin, die Dissidenten der Sowjetära oder die Debatte über Schostakowitschs Memoiren richten, hören Sie zu. Versuchen Sie das Zweite Streichquartett von 1944, in dem die Musik sich auf wenigen Seiten von düsterer Melancholie zu heiserem Spott dreht. Oder verfolgen Sie die verschlüsselten Anspielungen im Achten Streichquartett von 1960, in dem der Komponist Buchstaben seines Namens benutzt, um ein musikalisches Motiv zu erschaffen und Sätze aus früheren Arbeiten zu beschwören, die wie Seufzer aus Rauchwölkchen dahin treiben können. Oder konzentrieren Sie sich auf die überirdische fugenartige Eröffnung des letzten Quartetts, des fünfzehnten. 'Spielt es so, dass eine Fliege mitten im Flug tot herunterfällt oder das Publikum aus schierer Langeweile den Saal verlässt', forderte 1974 der Komponist von den Musikern der Premiere.

Und hier eine - gemessen an Schostakowitschs Forderung - geradezu grotesk gescheiterte Aufnahme:


Magazinrundschau vom 03.05.2011 - New York Times

In "33 Revolutions per Minute" erzählt Dorian Lynskey die Geschichte der Protestsongs. Sean Wilentz freut sich, dass dabei immerhin einige, wenn auch nicht alle Mythen über Pete Seegers, Bob Dylan, John Lennon oder M.I.A zertrümmert werden: "Lynskey schreibt sehr schön darüber, wie Wut oder sogar Hysterie, einmal kanalisiert, solch überwältigende Lieder wie Nina Simones 'Mississippi Goddam' hervorbringen können. Er ist am besten, wenn es um Künstler geht, die normalerweise nicht zur Protestkultur gehören. Ein starkes Kapitel über John Brown und sein 'Say It Loud - I'm Black and I'm Proud' zeigt, wie der Godfather of Soul - der sich selbst auch Minister of New New Super Heavy Funk genannte hätte - zwischen seinen eigenen politischen Sympathien für Hubert Humphrey und den Anforderung schwarzer Loyalität gefangen wurde, die die Black-Power-Politik ihm in den Sechzigern auferlegte. 'Say It Loud' war das Ergebnis, ein funkiger Megahit mit gemischten politischen Botschaften."

Hier die wunderbare zornige Nina Simone:



Außerdem: Fernanda Eberstadt preist den hierzulande etwas untergangenen Roman "Schwarze Schwestern" der belgisch-nigerianischen Autorin Chika Unigwe. Paul M. Barrett weiß nach Lektüre von William Cohans "Money and Power", dass Goldman Sachs heute so gut dasteht, weil die Bank erst mit Subprime Krediten viel Geld gemacht hat und dann rechtzeitig auf einen Zusammenbruch des Marktes gewettet hat. Und Stephen Greenblatt liest Arthur Philipps Shakespeare-Roman "The Tragedy of Arthur".

Magazinrundschau vom 12.04.2011 - New York Times

Die Historikerin Deborah E. Lipstadt (Blog) hat ein Buch über den Eichmann-Prozess geschrieben. Drei Dinge hebt Franklin Foer in seiner Besprechung besonders heraus: Lipstadt schafft es, Hannah Arendt bis fast zum Ende praktisch herauszuhalten und so einen frischen Blick auf den Prozess zu werfen. Sie hält fest, wie wichtig der von Arendt so schlecht behandelte Ankläger Gideon Hausner war, weil er die Zeugenaussagen erzwungen hat, die die Einstellung der israelischen Juden auf ihre europäischen Brüder, die sie bis dahin für Schwächlinge gehalten hatten, grundlegend verändert hat (Gil Yaron hat das gerade auch in der FAZ beschrieben). Und Lipstadt ruft in Erinnerung, wie die Situation damals generell war: Der Westen lehnte die Entführung Eichmanns durch den Mossad ab. "Argentinien forderte seine Rücküberführung, und das amerikanische Establishment stimmte zu. Die Meinungsseite der Washington Post verurteilte Israels 'Dschungelgesetze'. Der Christian Science Monitor verglich Israels Verhalten mit dem der Nazis. William F. Buckley Jr. meinte, die Entführung sei symptomatisch für die jüdische 'Weigerung zu vergeben'. Sogar das American Jewish Committee forderte den israelischen Premierminister David Ben-Gurion auf, den Prozess an ein deutsches oder internationales Gericht abzugeben. Aber die Kritik machte Ben-Gurion nur zu einem noch energischeren Verfechter des Prozesses."

Dieses Buch ist ein Dokument journalistischen Heldenmuts, schreibt ein tief beeindruckter Dwight Garner über Anna Politkowskajas nachgelassene Reportagefragmente in "Is Journalism Worth Dying For?". "Hören Sie nur diese ätzende Eloquenz simpler Zahlen: 'Sie wollen nicht wissen, welches Kennzeichen zum Beispiel der gepanzerte Truppentransporter hatte, in dem maskierte Personen Umkhanov und Isigov entführten, ohne nur einen Blick auf ihre Pässe zu werfen. Es war die Nummer 4025. Sie wollen auch nicht wissen, welche Funknummer das Auto hatte, 88. Oder die des befehlshabenden Offiziers der Entführung, 12. Das Kennzeichen des Militärfahrzeugs, dass die Entführung begleitete, war 0 1003 KSH.' Sie hat nichts ausgelassen, um die Straftäter in den Schwitzkasten zu nehmen."

Und: Im NYT-Magazine schreibt Rob Walker über das Radioprogramm "Radiolab", das die Möglichkeit von Podcasts nutzt, um ein Programm zu machen, das andauernde, ungeteilte Aufmerksamkeit erfordert.

Magazinrundschau vom 05.04.2011 - New York Times

In Indien hat Joseph Lelyvelds Gandhi-Biografie einen ziemlichen Wirbel ausgelöst, berichten Vikas Bajaj und Julie Bosman. Denn Lelyveld hat nahegelegt, dass Gandhi eine homosexuelle Beziehung mit dem deutschen Architekten Hermann Kallenbach hatte (die Leser der NYT Book Review erfahren das allerdings erst aus diesem Bericht, nicht aus der Besprechung letzte Woche, sie hätten das Wall Street Journal lesen müssen). Der von Hindu-Nationalisten regierte Bundesstaat Gujarat hat das Buch inzwischen verboten. "'Das Geschriebene ist pervers in seiner Natur', sagte der Ministerpräsident von Gujarat Narendra Modi nach dem Verbot über das Buch. 'Es hat die Gefühle aller verletzt, die fähig sind, gesund und logisch zu denken.' Indiens Justizminister M. Veerappa Moily erklärte am Dienstag, 'das Buch verleumde nationalen Stolz und Führerschaft', was nicht toleriert werden könne. Die Regierung 'erwägt, das Buch zu verbieten.'" Keine gute Nachricht für Indiens Homosexuelle.

Henry Kissinger hat zwei Einwände gegen Jonathan Steinbergs große Bismarck-Biografie: "Steinbergs Feindseligkeit gegen Bismarcks Person verleitet ihn manchmal dazu, seine Charaktereigenschaften über seine strategischen Konzepte zu stellen. Der zweite Einwand betrifft die direkte Linie, die Steinberg von Bismarck zu Hitler zieht." Nonsense, findet Kissinger. "Trotzdem ist 'Bismarck: A Life' die beste Biografie in englischer Sprache."

Und: Interessant, aber "langweilig" findet Michiko Kakutani David Foster Wallaces unvollendeten Roman "The Pale King".

Magazinrundschau vom 29.03.2011 - New York Times

Jesse Lichtenstein stellt im Sunday Magazine die beiden Nachwuchs-Genies Matthew Fernandez und Akash Krishnan vor, die offenbar recht erfolgreich einem Computer beibringen, Gefühle zu erkennen. "Ihr Algorithmus erlaubt ihnen, Emotion des Sprechers zu bestimmen, indem sie 57 verschiedene Komponenten eines akustischen Signals mit einem vorhandenen Signal vergleichen, das von menschlichen Hörern bereits als 'fröhlich' oder 'verärgert' definiert wurde. Bisher versteht ihr Algorithmus weder Zuversicht noch Sarkasmus, aber er kann in Echtzeit Furcht erkennen, Wut, Freude und Trübsinn, ohne soviel Prozessorkapazität zu schlucken, dass er für ein Handgerät unpraktisch wird."

In der Book Review bespricht Geoffrey Ward fasziniert Joseph Lelyvelds Buch "Mahatma Gandhi and His Struggle With India", das sehr eindrücklich schildere, wie Gandhi in Südafrika zum großen Sozialreformer wurde. (Im Gegensatz dazu beschreibt Andrew Roberts Gandhi in einer ätzenden Kritik im Wall Street Journal als Heuchler, Rassisten und alten Lüstling, dessen große Liebe im übrigen laut Lelyveld ein deutscher Architekt und Bodybuilder namens Hermann Kallenbach war, Bild).

Außerdem: Zu einem der aufregendsten Autoren Europas adelt Sarah Fay den Schweizer Peter Stamm, dessen Roman "Sieben Jahre" sie gerade in der englischen Übersetzung gelesen hat: "Stamms Talent ist augenfällig, aber was ihn zu einem Autor macht, den man lesen sollte, den man oft lesen sollte, ist die Art, wie er heutiges Leben als eine stetige Folge von Brüchen darstellt." Und Leland de la Durantay begrüßt die englische Übersetzungen von Thomas Pletzingers "Bestattung eines Hundes": "'Funeral for a Dog' ist voller Seltsamkeit, nicht satirische Seltsamkeit, nicht magische Seltsamkeit, sondern realistische, und sein Hauptthema ist die Seltsamkeit des Verlusts."


Magazinrundschau vom 22.03.2011 - New York Times

Pulitzer-Preisträgerin Andrea Elliott hat eines jener unendlich langen und um Gerechtigkeit bemühten Porträts geschrieben, in denen man mit einiger Geduld stets eine Menge lernen kann. Gegenstand ist Yasir Qadhi (Website) ein junger salafistischer Anführer in den USA, möglicherweise so etwas wie ein Tariq Ramadan der USA. Der Gewalt hat er selbst nach radikaleren Phasen abgeschworen, aber die Frage, die Elliott stellt, ist, ob die moralischen Dilemmata, die auch ein friedlicher Fundamentalismus aufwirft, nicht für einige immer einen Weg zu Gewalt bahnen. Auch Qadhi selbst sieht sich in einem Dilemma: "Eine Diskussion über militanten Dschihad - ein komplexes Thema, an dem Jahrhunderte der Gelehrsamkeit hängen - droht immer auch die Wachsamkeit der Behörden und damit, so Qadhis Befürchtung, Verfolgung auf sich zu ziehen. Würde er gar anerkennen, dass das islamische Gesetz bewaffneten Widerstand in muslimischen Ländern erlaubt, würde er jenen Studenten ein grünes Licht geben, die er nach eigener Behauptung vom militanten Weg abbringen will. Aber durch sein Schweigen, so sagt Qadhi, verliert er die Glaubwürdigkeit, die er braucht, um sie von seiner wichtigsten Botschaft zu überzeugen: Dies sind nicht die Kämpfe von Westlern. 'Meine Hände sind gebunden, und mein Mund bleibt geschlossen', sagt er." Qadhis wirtschaftlich erfolgreiche Beratungs-Seite für Sex in der islamischen Ehe musste wegen zu großen Andrangs schließen.

Zwei Buchbesprechungen sind interessant: Geoffrey Nunberg bespricht James Gleicks Band "The Information - A History. A Theory. A Flood" (Auszug, hier auch noch mal der Link zu Freeman Dysons Besprechung in der NYRB). Und David Leavitt hat Brian Christians "The Most Human Human" (Auszug) gelesen, ein Buch über den Turing-Test, der in einem Fragespiel mit Computer und Mensch herausfinden will, ab wann der Computer von einem Menschen nicht mehr zu unterscheiden ist. Turing hat diesen Moment ungefähr für jetzt angekündigt.

Magazinrundschau vom 01.03.2011 - New York Times

In der Sunday Book Review stellt der Historiker Raymond Arsenault Daniel J. Sharfsteins Geschichte dreier Familien vor, die unmerklich die Rassengrenze durchbrachen: Erst waren sie schwarz, dann wurden sie aufgrund ihres Erfolgs als Weiße akzeptiert. "Alle Elemente [für diesen Durchbruch] scheinen in der Gibson Familiensaga auf. Gideon Gibson, ein reicher Landbesitzer in Süd-Carolina und Anführer einer rebellischen Bande von Siedlern des späten 18. Jahrhunderts, bekannt als Regulators, war ein dunkelhäutiger Abkömmling befreiter Sklaven aus Virginia. Seine Ehe mit einer weißen Frau und sein Status als Sklavenhalter bildeten das Fundament nicht nur für seinen Erfolg als Anführer eines Gemeinwesens, sondern auch für die Reise seiner Abkömmlinge zum Weißsein. Nach der amerikanischen Revolution zog ein Zweig der Gibsonfamilie nach Louisiana, wo sie Teil der weißen Zuckerplantagen-Elite wurden. Andere Familienmitglieder zogen nach Kentucky, wo sie erfolgreiche Pferdezüchter wurden. Auf ihrem Weg warfen die Gibsons alle Erinnerungen an ihre rassischen Wurzeln über Bord."

Besprochen werden außerdem ein Buch über den Afghanistankrieg von einem sehr pessimistischen ehemaligen Vietnamkämpfer, eine Biografie der Sängerin Ethel Waters (hier ihre phantastische Aufnahme von "Miss Otis Regrets") und zwei Romane über junge Männer, die - nigerianisch-deutscher Herkunft der eine, tunesisch-schwedischer Herkunft der andere - ihre Identität suchen.

Im NYT-Magazine porträtiert Gaby Wood vom Daily Telegraph den französischen Künstler JR (homepage), den jüngsten Künstler, der den TED-Preis gewonnen hat. "Ich traf JR eines späten Nachmittags im letzten November in seinem Pariser Studio. Die nächste Metro Station ist nach Alexandre Dumas benannt und da ist auch etwas 'Drei-Musketierhaftes' an seinem Team: Emile Abinal und der 'Philosoph und Guru' Marco Berrebi kamen gerade von einem Poster-Klebetrip in Schanghai und bereiteten sich auf eine Pressekonferenz über die positiven Nachwirkungen ihrer Porträts im Nahen Osten vor. Sie hatten bisher nie wirklich Leute in ihrem Studio und mussten etwas aufräumen - zum Beispiel eine gelbe Kawasaki, die genau in der Mitte geparkt war. An einer weit entfernten Wand hing, versteckt zwischen großformatigen Fotografien von JRs Installationen, ein kleines Trophäenkabinett mit zwei verschlissenen Schrubberbürsten, einem Spachtel und Leimpulver. 'Wir knien und beten davor jeden Tag', sagt JR."

Hier sein TED-Porträt:



Magazinrundschau vom 15.02.2011 - New York Times

Die größten Webadressen und -dienste schöpfen ihren Wert aus den freiwilligen und kostenlosen Informationen, die ihre Besucher bereitstellen. Facebook (50 Milliarden Dollar), Twitter (10 Milliarden Dollar), Tumblr oder die Huffington Post, die gerade für 315 Millionen Dollar an AOL verkauft wurde. Was bleibt da für den professionellen Autor, fragt David Carr. "Vielleicht bleibt Inhalt aufgeteilt in einen professionellen und einen Amateurzweig. Aber ich bin mir da nicht so sicher, wenn ich sehe, wie die sozialen Netzwerke Aufmerksamkeit und Anzeigen von den alten Medien abziehen. Ich trage selbst meinen Teil dazu bei. Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, hatte ich über 11.000 Einträge bei Twitter geschrieben. Ich wurde dafür mit einer Menge Follower belohnt ... und keinem Pfennig Geld."

Während Leser den Inhalt bereitstellen, lösen Computer langsam die Redaktion ab, berichtet John Markoff. Bei Yahoo platziert Katherine Ho zwar noch die Artikel, aber unterstützt wird sie dabei von einem Computerprogramm, dass genau registriert, welche Artikel wie oft angeklickt werden. "Ein Artikel, der nicht viel Interesse erweckt, steht nur Minuten online, bevor sie ihn löscht. Populäre Artikel stehen tagelang online und finden manchmal Millionen Leser. Nur fünf Kilometer nördlich, bei Yahoos Rivalen Google, werden die News ganz anders produziert. Spotlight, ein beliebtes Feature bei Google News, wird vollkommen von Softwarealgorithmen erstellt, die praktisch das gleiche tun wie Ms. Ho. Googles Software durchstreift das Netz auf der Suche nach interessanten Artikeln. Der Entscheidungsprozess, welche Artikel den Lesern präsentiert werden, funktioniert ähnlich wie das PageRank-System der Suchmaschine. In dem einen Fall wird Software dazu benutzt, die Fähigkeit eines Menschen zu erweitern. Im zweiten Fall ersetzt die Technologie den Menschen vollständig."

Magazinrundschau vom 01.02.2011 - New York Times

In seinem Vorwort zum NYT-e-Book über Wikileaks, "Open Secrets: Wikileaks, War and American Diplomacy", erzählt Chefredakteur Bill Keller sichtlich angewidert von den Zumutungen an einen Gentlemanjournalisten, der - um den größten Coup in der Geschichte des Journalismus zu landen - mit einem schmuddeligen, großmäuligen Mann wie Julian Assange zusammenarbeiten muss. Assange war kein Partner oder Mitarbeiter, sondern eine "Quelle", wie Keller mehrfach betont. Und die fasst man nur mit spitzen Fingern an, um sie zu veredeln: "Deine Pflicht als unabhängige Nachrichtenorganisation ist es, das Material zu überprüfen, den Kontext zu liefern, verantwortungsbewusste Entscheidungen darüber zu treffen, was veröffentlicht wird und was nicht, und der Sache einen Sinn zu geben. Genau das haben wir getan. Aber auch wenn ich Assange nicht als Partner betrachte und zögern würde, das, was Wikileaks tut, als Journalismus zu bezeichnen, ist es erschreckend, sich Wikileaks angeklagt vorzustellen, weil sie Geheimnisse öffentlich gemacht haben, ganz zu schweigen von der Verabschiedung neuer Gesetze, um die Verbreitung als geheim eingestufter Dokumente bestrafen zu können, wie es manche vorschlagen." Das könnte am Ende noch den blütenweißen Arsch der NYT gefährden.

Die ägyptische Autorin Mansoura Ez-Eldin erzählt, wie brutal die Polizei gegen die Demonstranten in Kairo vorgeht. Und nicht nur in Kairo: "Seit Tagen ist Tränengas der Sauerstoff, den die Ägypter einatmen. ... Die Sicherheitskräfte in Kairo haben angefangen Gummigeschosse auf die Demonstranten abzufeuern, bevor sie scharf schossen und Dutzende töteten. In Suez, wo die Demonstrationen sehr gewalttätig endeten, wurde vom ersten Tag an scharf auf Zivilisten geschossen. Ein Freund, der dort lebt, schickte mir eine Botschaft, wonach die Stadt am Donnerstag morgen aussah wie nach einem brutalen Krieg: Die Straßen waren niedergebrannt und zerstört, Leichen lagen überall. Wir werden nie erfahren, wieviele Menschen den Polizeikugeln in Suez zum Opfer fielen, erklärte mein Freund feierlich."
Stichwörter: Assange, Julian

Magazinrundschau vom 18.01.2011 - New York Times

Vor Angola hat man ein riesiges Erdölreservoir gefunden. Vielleicht. Benjamin Wallace-Wells erzählt im Sunday Magazine aus der Sicht von Geologen und Ingenieuren, was es bedeutet, einen Teil der geschätzten letzten 650 Milliarden Barrel Öl auf der Welt zu finden und an Land zu pumpen: Man muss die fliegenden Kühe einschätzen. "Es gibt ein Element von Unsicherheit in jedem komplizierten Ingenieurs-Vorhaben. 'Im Juli 2003 wurde im Pazifik ein japanisches Fischerboot von einer fliegenden Kuh versenkt', erzählte mir Robert Bea. Bea ist Professor für Tief- und Umweltbau in Berkeley und ein führender Forscher zu Risiken. Er hat außerdem viele Jahre in der Forschung und im Management von Shell gearbeitet. Die Kuh, stellte sich heraus, war Teil eines illegalen Viehhandels zwischen Anchorage und Russland. Als das Flugzeug sich seinem Zielort näherte, wurden die Schmuggler nervös und fingen an, ihre Fracht aus dem Flugzeug zu schubsen. 'Keine Risikoanalyse kann jemals perfekt sein. Niemand kann eine fliegende Kuh vorhersehen.'"

Außerdem: In der Titelgeschichte fragt Paul Krugman, ob die europäischen Demokratien die gemeinsame Währung retten werden oder das europäische Projekt sterben lassen. Steven Erlanger beschreibt das sehr komplizierte Verhältnis zwischen Nicolas Sarkozy und Angela Merkel und endet mit einer Prognose des ehemaligen amerikanischen Botschafters in Berlin, John Kornblum: Der "sieht die Vereinigten Staaten als Vorbild für Deutschland - wegen ihrer Fähigkeit, Europa nach dem Krieg zusammenzuhalten, bei Meinungsverschiedenheiten zu vermitteln und Kompromisse zu finden. 'Die Deutschen verstehen das noch nicht', sagt er. 'Aber sie werden die Rolle der Vereinigten Staaten in Europa und die ausgleichende Rolle, die wir lange Zeit hatten, übernehmen müssen.' In dem Moment wird Deutschlands Ehe mit Frankreich nicht mehr eine so große Rolle spielen."

In der Sunday Book Review versucht Ian Buruma den Übertreibung von Michel Houellebecq und Bernard-Henri Levy in "Volksfeinde" etwas Komisches abzugewinnen, schafft es aber nicht: "As the people Houellebecq has always supported like to say: 'Oy vey!'" Jessica Kerwin Jenkins stellt eine Geschichte von Chanels No. 5 vor. Und Francine Prose bespricht Colm Toibins Roman "The Empty Family".