Magazinrundschau - Archiv

Le Nouvel Observateur

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Magazinrundschau vom 29.04.2002 - Nouvel Observateur

Immer mag man ihn nicht lesen, aber bei großen Ereignissen läuft der große alte Publizist Jean Daniel, der eine wöchentliche Kolumne im NouvelObs hat, zu großer Form auf. Er kommentiert das Versagen der Linken, das den Aufstieg Le Pens in den Wahlen ermöglichte und zieht den Fokus weiter auf: "Die Linke war sicher, dass sie noch im zweiten Wahlgang für Jospin stimmen konnte, und fuhr ins Wochenende oder stimmte für einen chancenlosen Kandidaten. Aber das Versagen vor der bürgerlichen Pflicht der einen oder die Laune der anderen tragen unverantwortliche Züge. Aus der Geschichte wissen wir, dass beispielsweise die Kommunisten häufig den Feind dem Gegner vorzogen - lieber Faschismus als Sozialdemokratie. In der jüngeren Vergangenheit konnten wir zusehen, wie Ralph Nader, der Vater der amerikanischen Ökologiebewegung, zum Wahlsieg Bushs beitrug, wie die Spaltung in der italienischen Linken Berlusconi zum Sieg führte, und welche gefährliche Rolle Shimon Peres spielte, als er, gegen seinen Gegner Barak, den Sieg seines Feindes Scharon erleichterte. All diese Leute haben dem Schlimmsten, was es in ihrem Land gibt, den Sieg gesichert."

Im Literaturteil können wir einem pikanten Pas de deux zusehen: Alain Finkielkraut und Pascal Bruckner, die beide zu den besten öffentlichen Denkern Frankreichs gehören, haben vor Jahren einige Bücher (zum Beispiel "Die neue Liebesunordnung") zusammen veröffentlicht, dann haben sich ihre Wege getrennt. Heute erinnert sich Finkielkraut an seine einstige Zusammenarbeit mit Bruckner ("zusammen mit ihm schafffte ich es, meinen Stil zu entkrampfen und Bücher zu schreiben"), und Pascal Bruckner bespricht Alain Finkielkrauts neues Buch "L'imparfait du present" - eine Art Tagebuch des letzten Jahres, von "Big Brother" bis zum 11. September - und freut sich wiederum über eine gewisse Entkrampfung des Stils: "Dem aristokratischen Vergnügen, zu missfallen, dieser Lust, allein gegen alle zu kämpfen, mit dem Rücken zur Wand - nichts begeistert ihn mehr als ein Publikum, das ihn auspfeift - scheint er heute den demokratischen Willen, zu überzeugen, vorzuziehen."

Magazinrundschau vom 22.04.2002 - Nouvel Observateur

Ein rechter Gemischtwarenladen, diese Nummer, dafür von praktischem Nutzwert. So informiert der Nouvel Obs über die Eröffnung des Neubaus der einst legendären Bibliothek von Alexandria am 23 April. Ein "Monumentalprojekt" mit 3500 Leseplätzen auf 13 Etagen, wenn auch von den geplanten acht Millionen Bänden derzeit erst etwa 200.000 zur Verfügung stehen. Hingewiesen wird auch auf eine Kunstaktion von Daniel Spoerri. Wer Spoerris Eat Art in dessen Düsseldorfer Restaurant in den frühen 60ern in verpasst hat, kann das jetzt in der Galerie Nationale du Jeu de Paume nachholen: Bis 28. April serviert er allabendlich thematische Menüs wie "Tomato Soup Campbell facon Warhol et des pommes de terre a la Christo". Die Reste der Tafeln wird er wieder als "Fallenbilder" für die Ewigkeit fixieren. Angekündigt werden ferner zwei aktuelle Ausstellungen des Fotografie-Pioniers Gustave Le Gray und zwei neue Publikationen zu August Sander.

Bücher: Ausführlich besprochen und gelobt wird der Band "Zoos humains". Historiker, Ethnologen und Anthropologen dokumentieren darin die Praktiken, mit denen die III. Republik ab Anfang des 19. Jahrhunderts die Bewohner seiner Kolonien ausstellte und präsentierte, um "die Überlegenheit der weißen Rasse" und insbesondere Frankreichs zu demonstrieren. Rezensiert werden außerdem die Lebenserinnerungen von Ida Grinspan, die als 14-Jährige aus Frankreich nach Auschwitz deportiert wurde und überlebte, und die Studie "Le Prix de la verite", eine kleine Philosophie des Geldes. Vorgestellt werden schließlich noch drei Bücher, die sich mit der allzeit problematischen Mutter-Tochter-Beziehung beschäftigen.

Und wen es interessiert, kann im Dossier nachlesen, für wen französische Intellektuelle bei den Präsidentschaftswahlen votieren werden - oder eben nicht. Säuberlich alphabetisch geordnet geben sie mehr oder weniger freimütig Auskunft: von Catherine Breillat und Claire Bretecher (hier) über Alain Finkielkraut (hier), Alain Minc (hier) und Michel Polac (hier) bis zu Philippe Sollers (hier) und Alain Touraine (hier).

Magazinrundschau vom 15.04.2002 - Nouvel Observateur

Nach langer Leinwandabsenz ist Isabelle Adjani (mehr hier) wieder in einem Film zu sehen. In "La repentie" (Die Büßerin) von Laetitia Masson spielt sie eine Frau, die, aus dem Gefängnis entlassen, versucht, vor ihrer Vergangenheit in ein neues Leben zu fliehen. Über die Figur sagt Adjani: "Sie hat gelebt, aber nie geliebt. Ich habe geliebt, aber nie gelebt." In einem teilweise sehr persönlichen Interview erzählt Adjani von der Notwendigkeit ihres temporären Rückzugs: "Ich musste mein Leben leben. Ich schien mein Leben irgendwie verlegt zu haben, wie ein Objekt." Und über den "langen Prozess der Rückkehr zur Sehnsucht" - dem Spielen - berichtet sie, dass es nötig war, eine "künstlerische Familie zu finden, die meine Empfindlichkeit respektiert und mich beschützt". Laetitia Masson scheint ihr bei dieser Rückkehr insofern sehr geholfen zu haben, als sie Adjani unbefangen begegnete und ihr viel persönliche Freiheiten ließ: "Dank Laetitia Masson musste ich mir keine Mühe geben, über meine Persönlichkeit nachzudenken. Folgsam habe ich mich einfach die Laetitias Traumkreatur sein lassen."

Weitere Themen: In einem Gespräch mit der Herausgeberin wird "la Porte du transcendant", der sechste Band der Gesamtausgabe von Simone Weil vorgestellt. Rezensiert werden eine Studie über Saint Augustin des Philosophen Lucien Jerphagnon, eine Sammlung von Novellen über die "Liebeswüste" Hollywood und die Eitelkeiten der Stars sowie ein Band, in dem Vertreter der jungen französischen Zeichnergeneration zu Wort kommen. Passend dazu: ein Hinweis auf eine Ausstellung des französischen "Giganten der politischen Karikatur", Jules Grandjouan (1875 - 1968). Empfohlen wird schließlich noch eine Ausstellung der frühen Werke Mondrians im Quai d'Orsay (mehr hier).

Magazinrundschau vom 08.04.2002 - Nouvel Observateur

Laurent Lemire bespricht die biografische und zugleich historische Studie "Cioran, Eliade, Ionesco: l?oubli du fascisme" von Alexandra Laignel-Lavastine. Man wusste es ja bereits, aber vor allem bei Cioran und Eliade blieb dem Rezensenten angesichts des von der Autorin angehäuften Materials zuweilen der Mund offen stehen. "Alexandra Laignel-Lavastines Untersuchung ist gnadenlos, sie versteckt uns nichts über diese drei Dörfler, die ihren Status als Rumänen später loswerden werden wollen. Sie zitiert aus Texten, die bis zum Mauerfall unbekannt waren, schreckliche Texte, die einiges über die Denkweisen des Historikers und des Philosophen aussagen." Aber Lemire warnt auch: "Gehen wir nicht in die Falle 'Achtung Faschisten'! ... Cioran und Eliade standen in der Versuchung des Totalitarismus, aber ihr Werk hat uns doch ein bisschen mehr gebracht als das der Ceaucescu."

In einem Interview erzählt Yvon Girard, Verantwortlicher für die Taschenbuchausgaben bei Gallimard, von den Tendenzen auf dem französischen Buchmarkt. "Man muss sich im klaren sein, dass es bedeutet einem Buch ein zweites Leben zu geben, wenn man ein Taschenbuch herausbringt", sagt er im Gespräch mit Didier Jacob, "aber auch dass die Jugend das Lesen nervtötend findet. Die Bücher sind aus Papier. Sie leben nicht. Man kann nichts anklicken, es muss zumindest schnell gehen beim Lesen." So erklärt sich Girard den Erfolg kurzer Geschichten und Reclam-ähnlicher Taschenbücher, die auf dem französischen Markt en vogue sind und für 2 Euros verkauft werden. Kafkas "Brief an den Vater" ist so immerhin 25.000 mal abgesetzt worden.

Weitere Artikel: Odile Quirot schildert in einer Reportage die Lage des Nationaltheaters in Alger. Die Türen der Theater sind in Algerien wieder geöffnet. Zunehmend tauschen sich Künstler aus Frankreich und Algerien aus. Und Aude Lancelin portärtiert aus Anlass des Erscheinens der "Sphären" Peter Sloterdijk.

Magazinrundschau vom 02.04.2002 - Nouvel Observateur

Am 3. April läuft in Frankreich der Godard-Film "King Lear" an, der seit seiner Premiere in Cannes 1987 aus komplizierten Gründen nicht mehr zu sehen war. Der Nouvel Observateur erzählt die in Teilen wirklich unglaubliche Geschichte. Sie beginnt damit, dass 1985 in Cannes Godard und der Produzent Menahem Golan von Cannon Film einen Vertrag für eine "King Lear"-Verfilmung skizzierten - während des Mittagessens "auf einer Papiertischdecke". Sie endet damit, dass Godards in die Jetztzeit verlegte und in Englisch gedrehte Version nun auch in die Kinos kommt, von der Verleihfirma mit französischen Untertiteln versehen - sehr zu Godards Missfallen, der Shakespeare immer "unübersetzbar" fand. In der Mitte der Geschichte kommen einige Bankenpleiten vor, ein beleidigter Norman Mailer, der ursprünglich das Drehbuch geschrieben hatte und den King Lear eigentlich auch spielen sollte, sowie die Suche nach einem neuen Lear-Darsteller, die neben Anfragen bei Rod Steiger, Sting, Lee Marvin und Woody Allen auch zu Richard Nixon führte, der bei gebotenen "500.000 Dollar pro Drehtag" laut Godard immerhin "zögerte". Wie gesagt: unglaublich.

Von erschlagender Simplizität sind im Vergleich dazu die Probleme der französischen Museen. Die Hausherren von Louvre und Centre Pompidou, Henri Loyrette und Jean-Jacques Aillagon, antworten auf fünf Fragen zur aktuellen Lage ihrer Institutionen: u.a. über den Bedeutungswandel nach dem 11. September, wirtschaftliche Zwänge und Zukunftsperspektiven.

Ein Text porträtiert die neue, junge Generation erfolgreicher Autoren der Editions Minuit, von Jean Echenoz über Christian Gailly und Laurent Mauvignier bis zu Marie Ndiaye. Rezensiert werden schließlich eine Ausgabe der Liebesbriefe von Edith Piaf und Marcel Cerdan, ein Roman des libanesischen Schriftstellers Elias Khoury, und Jorge Semprun stellt eine Erzählung von Soazig Aaron vor.

Magazinrundschau vom 18.03.2002 - Nouvel Observateur

Bonjour tristesse: Die Schriftstellerin Francoise Sagan, einst geliebter und stets skandalträchtiger Star, ist, vom französischen Fiskus völlig ruiniert, inzwischen krank und gänzlich auf die finanzielle Unterstützung durch Freunde angewiesen. Aus Anlass des Erscheinens von drei neuen Büchern über die einstige "Ikone von Saint-Germain-de-Pres" hat ihr der Nouvel Observateur ein kleines Dossier gewidmet. Jerome Garcin erklärt in seinem Porträt noch einmal die Hintergründe der Enteignung - es ging dabei um Gelder aus dem Mitterand-ELF-Skandal - und wie Francoise Sagan eher "beiläufig, fast aus Versehen" zu einem Mythos geworden ist. Zu Wort kommt auch ihre Biografin, die die Schriftstellerin allerdings nie zu Gesicht bekam.
Ein wütender Appell zur Ehrenrettung kommt aus den USA: von Joseph Fitchett, Leitartikler der International Herald Tribune. Er bezeichnet im Interview den Umgang der Franzosen mit der Sagan als Skandal, und glaubt, dass die "Verbissenheit" des Fiskus in ihrem Fall politische Hintergründe hat: "Sie wurde von Mitterrand sehr geschützt. Die Rechte liebt sie deshalb nicht, weil sie links ist. Und die Linke denkt, dass sie Mitterand geschadet hat". Fitchett verlangt von ihren Verlegern und von der Politik, endlich "moralische Verantwortung" zu übernehmen. "Man hat schon Leuten Steuern erlassen, die weniger für Frankreich getan haben."

Rezensionen
gibt es natürlich auch: So wird uns erklärt, warum der erste Band von Alexander Solzschnizyns "Deux Siecles ensemble (1795-1995)", in dem der wiederholt unter Antisemitismusverdacht stehende Autor das gestörte Verhältnis zwischen Russland und den Juden untersucht, in Frankreich vermutlich polemische Reaktionen provozieren wird. Vorgestellt werden auch eine Studie über "Descartes et la France. Histoire d'une passion nationale" von Francois Azouvi und ein Essay über die Funktion des Komischen von Olivier Mongin. Robert Altman und sein Drehbuchautor geben Auskunft über Altmans neuen Film "Gosford Park", außerdem werden John Lasseter ("Toy Story") und seine Produktionsfirma anlässlich ihres neuen Films "Monster" porträtiert. Als "verblüffend" wird schließlich eine Ausstellung im Musee Guimet (mehr hier) bewertet, die 4000 Jahre afghanische Geschichte thematisiert.