Magazinrundschau - Archiv

Le Nouvel Observateur

246 Presseschau-Absätze - Seite 24 von 25

Magazinrundschau vom 16.09.2002 - Nouvel Observateur

Der italienische Schriftsteller Claudio Magris bespricht sehr differenziert und lobend den ebenso "tiefgehenden wie leichten" Gesprächsband "Devoirs et delices - une vie de passeur", in dem der in Paris lebende Linguist, Soziologe und Philosoph Tzvetan Todorov Auskunft gibt über sein Leben und seine Arbeit. Todorov reflektiert darin auch die Unterdrückung und Zensur, die seine Jugend in seinem kommunistischen Heimatland Bulgarien bestimmten, das aber nicht verbittert, wie Magris feststellt, sondern inzwischen durchaus "mit einem Lächeln". Die Erzählung dieses "vie de passeur" sei auch "eine Zusammenfassung einer gesamten Epoche französischer Kultur. (?) Über die Seiten defilieren Benveniste und Barthes, Chklovski und Jakobson, Sartre und Levi-Strauss, die Jahre des Strukturalismus und der 68er Proteste." Aber vor allen Dingen erzähle das Buch "die Odyssee eines Mannes, der sich seine Identität ehrlich und geschmeidig zugleich schuf, ohne seine bulgarische Herkunft zu vergessen, aber ohne besessen seine Wurzeln zu mystifizieren."

Hingewiesen sei noch auf den Comic "Normal bleiben", das erste Gemeinschaftswerk von Frederic Beigbeder ("Neununddreißigneunzig") und dem Zeichner Philippe Bertrand, sowie auf eine Ausstellung im Musee d'Orsay, die mit zahlreichen Arbeiten vor allem von Velazquez und Manet den Dialog zwischen der spanischen und der französischen Malerei dokumentiert (mehr hier).

Magazinrundschau vom 09.09.2002 - Nouvel Observateur

Auch der Nouvel Obs widmet dem ersten Jahrestag der Anschläge vom 11. September ein umfangreiches Dossier. Resümiert und ausgelotet werden Schock und Reaktionen, der derzeitige Wissensstand über Al Qaida und Handlungspläne für die Zukunft (eine ausführliche Inhaltsübersicht finden Sie hier).

Im Debattenteil des Dossiers beschreibt der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes (mehr hier) den Kampf Amerikas gegen sich selbst und wirft den USA vor, mit ihrer "Einseitigkeit die durch den Terrorismus evozierten Probleme unterzubewerten: Armut und Ungerechtigkeit, kultureller Wertverlust und religiöser Fanatismus". Die neue Definition der "Achse des Bösen" und die Fixierung darauf seien "diffus und ungenau" und begünstigten eine "launische Politik". "Wenn Ihnen ein Land oder dessen Führung nicht passt, beschuldigen Sie es einfach des Terrorismus. Banalisieren Sie diesen Begriff, bis er jeglichen Sinn verliert und zu einem Joker im internationalen Poker taugt. Halten Sie sich Ihren Feinden gegenüber gemütlich bedeckt, voila, das wird genau nach dem Geschmack der Terroristen sein."

Auch der Globalisierungsgegner, Hochschuldozent und ehemalige Clinton-Berater Benjamin R. Barber (homepage) analysiert die "Lektionen" des 11. September. "Alles und nichts" habe sich in den USA seither verändert: so habe unter anderem zwar die Notwendigkeit internationaler Abstimmung die frühere Unabhängigkeit abgelöst, gleichzeitig gehe es unter der Regierung Bush aber immer noch darum, den "einsamen Ritter" zu spielen, der "mit Gewalt agiert" und dabei "stotternd" das System der Straf- und Menschenschrechte ignoriert sowie erneut eine "amerikanische Hegemonie installiert". Die "besorgniserregende Ironie" dieses ersten Jahrestages bestehe darin, dass "die Terroristen zweifellos viel besser als die USA die Realitäten gegenseitiger Abhängigkeiten begriffen haben. Sie sind sich bewusst, dass sie Teil einer internationalen Infrastruktur sind (...) und nicht für sich alleine agieren können".

Nur einer findet lobende Worte für Amerika: Der frühere Carter-Beraters Zbigniew Brzezinski erklärt, dass es die USA mit ihrem Entschluss, "den höchst komplexen historischen Dimensionen des Terrorismus zu trotzen, riskieren, erneut zur Zielscheibe zu werden."

Magazinrundschau vom 05.08.2002 - Nouvel Observateur

Titel und Dossier des Nouvel Obs gehören in dieser Woche der immer wieder gern gestellten Frage nach Zustand und Zukunft der Philosophie. "In den Medien", konstatiert Aude Lancelin, der das Dossier zusammenstellte, "wird die Philosophie viel zu oft lediglich als eine sanfte Medizin für den Geist gehandelt, als ein Linderungsmittel gegen den Weltschmerz." Deshalb hat das Magazin neun Philosophen eingeladen, die gegenwärtige Bedeutung und Chancen der Disziplin auszuloten. Leitsystem dafür waren drei Fragen nach jeweils demjenigen Philosophen, der ihre intellektuelle Entwicklung am stärksten beeinflusste, für ihre derzeitigen Fragestellungen am bedeutsamsten ist und welchen zeitgenössischen Zunftkollegen sie derzeit besonders aufmerksam lesen.

Jürgen Habermas etwa würdigt Hegel als seinen "Erwecker", lässt sich von den amerikanischen Pragmatisten inspirieren und lernt am meisten von der "intelligenten Kritik" seiner eigenen Schüler. Für Alain Finkielkraut dagegen war "Levinas der erste Philosoph, bei dem ich das Gefühl hatte, dass er mir von den Sternen spricht". Finkielkraut schwärmt von der Schärfe in Heideggers Beschreibungen des Geists der Technik und verfolgt heute die Arbeit einer ganzen Reihe von Kollegen, von Paul Thibaud über Peter Sloterdijk bis Vincent Descombes. Weitere Auskünfte geben: Pascal Bruckner (hier), Andre Glucksmann (hier), Bernard-Henri Levy (hier), Frederic Schiffler (hier), Luc Ferry (hier), Alain de Botton (hier) und Clement Rosset (hier).

Und alle die glauben, sie beherrschten die französische Sprache, machen zur Bestätigung (besser: zur Ernüchterung) einfach einmal das französische Sprachquiz, mit dem der Nouvel Obs den Sommer über seine Leser quält.

Magazinrundschau vom 08.07.2002 - Nouvel Observateur

Die Krise des Islam ist Thema eines umfangreichen Dossiers in dieser Woche. Die Gründe dafür, konstatiert der Nouvel Obs, sind vielfältig: "zu lange Erstarrung der Dogmen, Unberührbarkeit der Texte, Archaik des muslimischen Rechts" (Einführung hier). Catherine Farhi hat sieben islamische Intellektuelle und Denker, die - mit durchaus unterschiedlichen Ansätzen - allesamt eine Reform für unerlässlich halten, zu einer Debatte um Fundamentalismus und Fortschritt versammelt (ihre Zusammenfassung lesen Sie hier). Darunter etwa den tunesischen Erziehungsminister Mohamed Charfi, der eine systematische Instrumentalisierung der Religion zur besseren Kontrollmöglichkeit der Bevölkerung kritisiert und künftig einen staatlich garantierten "autonomen institutionellen Raum für die Religion" fordert.

Auch der Professor für vergleichende Religionsgeschichte an der Sorbonne, Mohamed Arkoun lehnt "das religiöse Diktat ab, hält aber die Reform durchaus für "eine religiöse List, die Politik zu vereinnahmen, und für eine List der Politik, das Religiöse zu instrumentalisieren" und fordert deshalb eine "Diskurskritik innerhalb des Islam".

Mahmoud Azab, Professor für Hebräische Sprache in Kairo, erklärt die Gründe für die Zweiteilung der Reformbewegung, und Abdou Filali-Ansari vom Institute of Ismaili Studies in London sieht die einzige Chance in der "Eröffnung der Debatte und der Demokratisierung". Außerdem zu Wort kommen Abdelwahab Meddeb, Literaturwissenschaftler in Nanterre und der Historiker Mohamed Talbi. kurz porträtiert werden überdies Vorläufer der Modernisierung wie Ali Abdel Razeq (1888-1966), Taha Husayn (1889-1973) und der ägyptische Historiker und Philosoph Nasr Abou Zeid.

Außerdem im Heft: ein Bericht über ein verheerendes Großfeuer in einem Buchlager der Belles Lettres, bei dem ganze Druckbestände vor allem kleiner Verlage verbrannten, verknüpft mit einem Aufruf, die betroffenen Verlage durch Kauf und Lektüre ihrer Bücher nun zu unterstützen. Ein interessantes Thema hat der Essay des kanadischen Philosophen Ian Hacking über die Zeit zwischen 1887 und 1909, als Reiselust in Frankreich als Krankheit galt - und auch so behandelt wurde. In der Abteilung "Arts et Spectacles" geht es ausnahmslos um das Festival in Avignon, lesenswert hier: eine kleine soziologische Typenlehre seiner Besucher.

Magazinrundschau vom 01.07.2002 - Nouvel Observateur

Das neue Buch der italienischen Journalistin Oriana Fallaci, "La Rage et l'orgueil" (Die Wut und der Stolz), hat nach seinem Erscheinen in Frankreich einen Sturm der Entrüstung ausgelöst und beschäftigt nun die Gerichte. Entstanden in Reaktion auf den 11. September attackiert Fallaci darin nicht nur die Islamisten, sondern auch die in Europa lebenden Muslime: die Immigranten "vermehren sich wie Ratten", seien für Prostitution und Kriminalität verantwortlich, und der arabische Mann habe "etwas, das jede Frau mit Geschmack abstößt". Ein Verbotsantrag von zwei französischen Organisationen gegen das Buch ("islamfeindliches Pamphlet") wurde inzwischen abgelehnt, aber zur Überprüfung an die nächste Instanz weiter gegeben. Am 10. Juli wird darüber verhandelt. (Eine Zusammenfassung der bisherigen juristischen Ereignisse lesen Sie hier.) Laurent Joffrin geht in seinem mit einiger Rage geschriebenen Text mit der Autorin, dem Buch und seinen Befürwortern (darunter Alain Finkielkraut) hart ins Gericht. Das Buch sei "symptomatisch", "idiotisch" und "pathologisch", insofern es "wie ein Fiebermal auf eine viel tieferliegende Krankheit hindeutet". Ergänzt wird Joffrins Abrechnung durch ein Porträt der "florentinischen Hasspredigerin", das mit dem sprechenden Titel "Der Kreuzzug der Macho-Frau" überschrieben ist. Denn auch hier geht es recht barsch und stellenweise sehr persönlich zu: Fallaci sei schon immer ein "Opfer ihrer machistisch-manichäistischen Weltsicht" gewesen. Nun habe sie, schreibt die Italienkorrespondentin des Nouvel Obs, Marcelle Padovani, "mit 73 ihr Gewehr noch einmal geladen".

Außerdem - und unbedingt lesenswert -: ein Interview mit Peter Brook, der für das Festival von Aix-en-Provence in diesem Jahr eine Oper ("Don Giovanni") und ein Theaterstück ("Hamlet") inszeniert hat. Brook erklärt, warum ein Sänger, der eine Rolle bereits fünf Mal gesungen hat oder sich "jeder beliebigen Regie anpasst" gar nicht die Ausdruckskraft haben kann, die er, Brook, verlangt. Sehr schön auch seine Erläuterung über die Gemeinsamkeit von Mozart und Shakespeare: "Das Detail. Im alten Komödiantentheater kann der Ausdruck eines einzigen, großen Gefühls fünf Minuten dauern: der Zorn, die Rache etc. Das macht die Sache schwer. Kein Mensch hat solche Gefühlsregungen so lange. Shakespeare und Mozart... konnten den wahren Moment schaffen, klug, wahrhaftig, in einem einzigen Satz."

Magazinrundschau vom 24.06.2002 - Nouvel Observateur

Ziemlich leidenschaftliche Themen heute. Los geht es mit Fußball: Tim Parks, Schriftsteller und Literaturprofessor in Verona, hat ein Jahr lang den dort ansässigen (reichlich erfolglosen) Fußballclub und dessen Fans zu sämtlichen Spielen begleitet. Resultat ist das Buch "A Season With Verona", ein sportethnologischer Essai. Didier Jacob ließ sich Parks Beobachtungen und Erfahrungen bei laufendem WM-Spiel Frankreich-Urugay in einer Pariser Bar erläutern. Am Anfang, erzählt Parks, hätten die Veroneser Fans, mit denen er im Bus auch schon mal bis nach Bari fuhr, "für einen Polizisten gehalten und mich argwöhnisch beobachtet. Später wussten sie dann, was ich mache, und einige sind richtige Freunde geworden. Weil ich eben nicht nur da war um zu beobachten oder zu kritisieren, sondern um die Spiele zu sehen - sehr in Sorge, dass wir gewinnen und stark befürchtend zu verlieren. " Ja, das verbindet.

Dominique Fernandez stellt anlässlich einer Neuauflage seiner Bücher den Lieblingsschriftsteller seiner Kinderzeit vor: Gustave Aimard (1818-1883), Autor von über 50 Abenteuerromanen, die in Südamerika und im Wilden Westen spielen, und zu seiner Zeit in der Lesergunst "gleich nach Dumas und Jules Vernes rangierten". Im Gegensatz zu Karl May hatte dessen französische Version die Gegenden, die er beschrieb, tatsächlich auch bereist, und sollte in "Patagonien sogar einmal als Sklave verkauft werden". In den USA gelten seine Werke "als grundlegende Zeugnisse über den amerikanischen Südwesten". Und obwohl "Aimard zweifellos ein schlechter Schriftssteller" war, vermochten seine Stoffe und Beschreibungen Fernandez' Kinderseele nachhaltig "aufzwühlen": "Dass der Paria zugleich auch ein Erwählter ist, das hat mir Gustave Aimard als erster beigebracht."

Ebenfalls lesenswert und sehr leidenschaftlich: Frederic Mitterands Porträt der "Stimme des Orients", der libanesischen Sängerin Fairuz. Der Regisseur und TV-Autor hatte Fairuz bereits 1998 in einer ARTE-Produktion gehuldigt. (Mehr über Fairuz finden Sie auf dieser Website, mit ausführlicher Biografie, Hörproben und vielen weiterführenden Links.)

Magazinrundschau vom 10.06.2002 - Nouvel Observateur

Zwei interessante Interviews sind in der aktuellen Ausgabe zu lesen. Im ersten erläutert der junge Philosoph Olivier Razac die Thesen seiner als "brillant" gelobten Studie "L'Ecran et le zoo". Darin analysiert er das so genannte "Reality-TV" a la "Big Brother" und ins Internet gestellte Webcam-Aufnahmen aus dem Privatleben als "zeitgenössischen Ersatz" für die längst überwunden geglaubten Präsentationsformen der früheren völkerkundlichen Inszenierungen und Vorführungen kolonialer Lebensformen. In den "Exoten-Ausstellungen" seien "vorgeblich abgesicherte Lebensweisen als authentisch" präsentiert worden, "obwohl in Wirklichkeit damit Menschentypen produziert werden, die einer ideologischen und politischen Situation dienlich sind". Die heutigen Talk- und Reality-Shows gäben im Vergleich dazu vor, der Öffentlichkeit "einen Spiegel vorzuhalten. Doch der Fernsehzuschauer vergleicht sich in Wirklichkeit vor allem mit Spezies aus zoologischer Produktion."

Im zweiten Interview kommt David Bowie zu Wort, dessen neues Album "Heathen" dieser Tage veröffentlicht wird (hier was zum reinhören). Bowie, inzwischen 55 und damit Altstar, gibt sich im Gespräch entsprechend altersweise und spricht vor allem über seine depressive Grundhaltung in den Anfangsjahren seiner Karriere und die Segnungen des Älterwerdens. Angst vor Veränderungen des Musikmarktes durch neue Vertriebswege wie z.B. das Internet hat er jedenfalls keine. Er rechnet fest damit, dass die Musik in Zukunft "für alle zugänglich und quasi-umsonst wie die Elektrizität" sein, also "wie das Glas Wasser aus dem Hahn" kommen wird (hat der Mann noch nie eine Stromrechnung bekommen?). Das bedeute zwar, dass "Urheberrechte nicht mehr existieren und Eigentumsrechte sich in irgend etwas noch Unbekannntes transformieren werden". Aber "auf der emotionalen Ebene begrüße ich diese Veränderungen, weil ich niemals Künstler sein wollte, um Dinge zu verhindern ... Ich wollte immer am Zeitgeist teilhaben. Wenn er sich verändert, um so besser, dann muss ich mich eben mit verändern."

Magazinrundschau vom 03.06.2002 - Nouvel Observateur

Frankreich entdeckt den Garten als nationales Erbe und als Thema wieder, und der Nouvel Obs widmet dieser Renaissance einen kleinen Schwerpunkt. Landesweit sind in diesem Sommer eine ganze Reihe von Ausstellungen zur Idee des Gartens oder zu berühmten Vertretern der Gartenbaukunst zu sehen, wie etwa Vater und Sohn Duchene, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert weltweit rund 6000 Gärten (Bilder hier) angelegt und gestaltet haben. Ihre Philosophie: "Der Garten, Konstruktion des Menschen, muss auch so erscheinen. Die Landschaft, Werk der Natur, muss ihn weiterführen und verherrlichen." Ein Beispiel dafür ist der Garten von Schloss Chaumont-sur-Loire (mehr hier), den Landschaftsgärtner, Architekten, Stadtplaner und Künstler in den vergangenen Jahren regelmäßig "in ein Mekka der Gärtnerei" (mehr hier) verwandeln: "chic et choc".

Des weiteren ist ein Interview mit dem Erfinder des "Gartens in Bewegung", Gilles Clement (mehr hier und hier), zu lesen, der in seinem Buch "Eloge des vagabondes" ein Loblied auf das Unkraut singt. Diese "Pflanzen ohne festen Wohnsitz" sind für ihn eine "Metapher für Mischgesellschaften", weshalb er auch glaubt, dass sein Buch von den "extremen Rechten, wären sie an der Macht, verboten würde", weil "es nicht in ihre Vorstellungen passt". Die Konservativen und die radikalen Ökologen der Linken eine dabei "die Tendenz, exotische Pflanzen verbannen zu wollen, weil sie angeblich unsere angestammten Landschaften verändern". Es sei aber unsinnig, sich auf ein derartiges "ideales und abschließendes Modell zu versteifen: gegen jede Veränderung zu kämpfen heißt, die Evolution abzulehnen."

Vorgestellt wird außerdem eine Publikation über den größten Blumengarten Venedigs, den der Engländer Sir Frederic Eden 1884 "im schottischen Stil" auf der Giudecca anlegte, und eine Studie des Philosophen Robert Dumas, in der er analysiert, wie die Symbolik des Baums das westliche Denken strukturierte.

Magazinrundschau vom 21.05.2002 - Nouvel Observateur

Amos Oz, israelischer Autor und Veteran der Friedensbewegung hat einen Roman in Versen geschrieben, französischer Titel: "Seule la mer" ("Nur das Meer" - auf deutsch scheint das Buch noch nicht erschienen zu sein). Im Interview spricht er über die Wüste und Schubert und über die Schönheit des Kompromisses in der Kunst und im Leben: "Als ich jung war, hasste ich diese Idee, die mir mit Unehrlichkeit, Opportunismus, Feigheit gleichzusetzen schien. Mit den Jahren habe ich begriffen, dass der Kompromiss ein Synonym für Leben ist ist. Und dass das Gegenteil des Kompromisses nicht Integrität oder Idealismus ist, wie ich dachte, sondern Fanatismus und Tod. Zusehends fasziniert mich heute nicht nur die Notwendigkeit, sondern die Schönheit des Kompromisses. Jedes Kunstwerk ist eine Summe von Kompromissen. Eine Sinfonie ist ein Kompromiss unter verschiedenen Instrumenten. Glauben Sie mir, ich habe 42 Jahre lang mit der selben Frau gelebt, ich weiß, was ein Kompromiss ist..."

Magazinrundschau vom 06.05.2002 - Nouvel Observateur

Die französischen Präsidentschaftswahlen sind entschieden, die Analysen des ersten Wahlgangs und des darauf folgenden nationalen Schocks bleiben gleichwohl interessant. Der Politologe Etienne Schweisguth diagnostiziert die "paradoxe Situation", dass das "Angebot der Politik niemals zuvor ebenso groß wie unbefriedigend war", Obs-Chef Jacques Juillard konstatiert einen "Bauernaufstand der kleinen Leute", Ex-Gewerkschaftschef Edmond Maire beklagt den "tödlichen Irrtum" der Sozialisten, die "Macht der Zivilgesellschaft" unterschätzt" zu haben, der Historiker Jean-Noel Jeanneney beschreibt, wie "rechtsextreme Wellen" entstehen und wie "die Linke sie eindämmen kann", der Politologe Marc Lazar erklärt, wie in sich verschiedenen europäischen Ländern dieselben Ängste und Probleme politisch völlig unterschiedlich auswirken, und der Psychoanalytiker Michel Schneider interpretiert den ersten Wahlgang als "Muttermord".

In einem kleinen Schwerpunkt erfahren wir Näheres über eine Reihe "pamphletartiger" Publikationen, die sich gegen "die Bastionen der intellektuellen Macht" richten. So beklagen etwa die Schriftsteller Alina Reyes und Stephane Zagdanski in ihrem Buch "La Verite nue" das gestörte Körperverhältnis der aktuellen "Pornoliteratur" von Millet, Houellebecq und Co: "Viele Leute glauben heute, dass ihre Leiden, ihr Infantilismus und ihre Hysterie dazu ausreichen, ein Buch zu schreiben." Der Literaturprofessor Pierre Jourde schlägt in die gleiche Kerbe und geißelt die "litterature sans estomac" - mit teilweise beleidigenden Ausfällen. Die Autorin Marie Darrieussecq etwa bezeichnet er als ein "kleines vertrocknetes Stück Scheiße". Die Journalistin Elisabeth Levy schließlich wettert in ihrem Buch "Maitres censeurs" über intellektuelle Debatten der vergangenen zehn Jahre gegen die "weiche Zensur" der "linken Moral", die "das Denken uniformiert" habe: in antitotalitären Haltungen und einer Verrechtlichung des Gedankenaustauschs".

Schließlich lesen wir noch einen Bericht über das möglicherweise bevorstehende Ende das Laizismus in Frankreich. Erziehungsminister Jacques Lang und der Philosoph Regis Debray haben eine gemeinsame Forderung nach schulischem Religionsunterricht vorgelegt. Gerade in einem Immigrationsland seien "die Kulturen ohne Kenntnis der ihnen zu Grunde liegenden Religion" nicht zu verstehen. Der Bericht dokumentiert außerdem Ergebnisse einer Umfrage unter 6- bis 10-Jährigen zu ihrem religiösen Grundwissen.