Magazinrundschau - Archiv

Prospect

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Magazinrundschau vom 05.02.2008 - Prospect

In einem längeren Essay fragt William Skidelsky, wie es um die von mehreren Seiten unter Druck geratene traditionelle Literaturkritik wirklich steht. In der Tat, meint er: nicht zum besten, denn sie hat viel an Einfluss verloren. Durch die verstärkte Einkaufsmacht der Buchhandelsketten, durch Fernsehshows mit Literaturempfehlungen, durch das Verschwinden akademischer Kritiker aus der literarischen Öffentlichkeit. Insbesondere aber auch durch das Internet: "Die zunächst oft gehörte Einschränkung, dass die bloße 'Existenz' eines Blogeintrags noch nicht bedeutet, dass ihn irgend jemand liest, erweist sich heute als in vielen Fällen nicht mehr gültig. Viele Blogs sind inzwischen beliebt und einflussreich... Es gibt einen Kampf um Autorität zwischen dem gedruckten und dem digitalen Wort und das erklärt auch den gereizten und streitlustigen Tonfall vieler Blogger ... auf der einen Seite und die defensive Haltung vieler Print-Journalisten auf der anderen." (Im Prospect-Blog "First Drafts" wird, versteht sich, bereits recht kontrovers über den Artikel diskutiert.)

Weitere Artikel: Ben Rogers porträtiert den Kanadier Charles Taylor, den "wahrscheinlich interessantesten und bedeutendsten lebenden Philosophen englischer Zunge"; exklusiv online gibt es auch ein Interview mit Charles Taylor. In der Titelgeschichte erklärt Michael Lind, warum es um die USA viel besser steht, als mancher Pessimist derzeit glauben mag.

Magazinrundschau vom 29.12.2007 - Prospect

In der Titelgeschichte porträtiert John Murray Brown die Neureichen Irlands und beschreibt die Umwälzungen, die der beispiellose ökonomische Erfolg des Landes mit sich bringt: "Eine Konsequenz besteht darin, dass die Iren sich selbst heute anders sehen. Das Bild der bescheidenen, aber poetischen Katholiken im Schatten der steifen und versnobten englischen Protestanten gilt für beide Seiten nicht mehr, nicht einmal als Karikatur. Die Nation der 'Heiligen und Gelehrten' hat im letzten Jahrzehnt bewiesen, dass sie auch Geschäftssinn besitzt. Garret FitzGerald glaubt, dass die Geschwindigkeit und das Ausmaß der ökonomischen Veränderungen in ganz Europa ohne Beispiel ist. Manche Iren erleben angesichts des sozialen Wandels einen Orientierungsverlust - etwa, wenn es um die plötzliche Massen-Einwanderung geht (zehn Prozent der Bevölkerung sind inzwischen außerhalb Irlands geboren). Außerdem ist die eine Institution, die sich am entschiedensten der irischen Begeisterung für den Hyper-Kapitalismus widersetzt - die katholische Kirche - schwächer und marginalisierter denn je zuvor, nicht zuletzt wegen der Missbrauchsskandale."

In einer langen Liste erklären Prospect-Autoren, welche sie für die über- und welche für die unterschätztesten Kulturereignisse des Jahres 2007 halten. Nur der Autor Julian Gough weigert sich, etwas beizutragen - und zwar aus gutem Grund: "Eine der Annehmlichkeiten, die das Leben in einem perfekten freien Markt mit einer perfekten freien Presse bietet, in der vorurteilslose Kritiker informierte und gebildete Verbraucher auf genau die Dinge hinweisen, derer sie bedürfen, ist es, dass kein einziger kultureller Gegenstand je unter- oder überschätzt wird."

Weitere Artikel: Raymond Tallis schildert die Revolution des Denkens, die der Gedanke des antiken Philosophen Parmenides, dass es das, was nicht ist, gar nicht gibt, ausgelöst hat - und fordert mit Blick nicht nur auf die Quantenphysik eine radikale Abwendung von Parmenides. Der Historiker Bernard Wasserstein blickt zurück aufs Jahr 1968, in dem er als Student den sowjetischen Dichter Jewgeni Jewtuschenko als Poetik-Professor in Oxford vorschlug - Jewtuschenko wurde bei der Wahl dann nur - oder immerhin - Dritter.

Magazinrundschau vom 27.11.2007 - Prospect

In der zentralchinesischen Großstadt Hefei (mit immerhin 4,7 Millionen Einwohnern) soll das Silicon Valley Chinas entstehen. Rob Gifford war dort und hat die von staatlicher und kommunaler Seite unternommenen Anstrengungen begutachtet: "Ich durchquerte dieses Bürogebäude in einer Stadt in Zentralchina, von der niemand im Westen je etwas gehört hat, und hatte dieses unangenehme Gefühl, das einen in China manchmal überkommt. Einen Moment lang schien es mir, als könnte ich die Zukunft sehen. Da waren also 300 Software-Ingenieure, alle wahrscheinlich genau so gut wie ihre Kollegen in den USA, nur dass sie vielleicht ein zwanzigstel oder dreißigstel von ihnen verdienen." Die Frage ist für Gifford nun die: "Wird es hier wirklich mehr geben als die neueste Hardware? Was ist mit der Software in den Köpfen der Menschen? Kann man ein Akteur in der Wissensökonomie werden, wenn man gleichzeitig die Verbreitung und den Fluss von Informationen behindert?"

Weitere Artikel: Richard Jenkyns, in Oxford lehrender Professor für die klassische Tradition, fragt: "Brauchen wir einen literarischen Kanon?" Gewiss schade es nicht, sich in der Tradition auszukennen, meint er, warnt aber auch: "Ohne persönliche Vorlieben gibt es keine wirkliche Kultiviertheit." In der Titelgeschichte plädiert David Goldblatt - ohne auf die aktuelle Misere des britischen Fußballs einzugehen - dafür, den Sport ernst zu nehmen.
Stichwörter: Behinderte, Kanon, Silicon Valley

Magazinrundschau vom 30.10.2007 - Prospect

William Sidelsky hat die beiden jüngsten Romane von Philip Roth ("Exit Ghost") und JM Coetzee ("Diary of a Bad Year") gelesen - und findet die Parallelen zwischen beiden fast schon unheimlich: "Die beiden Romane enden an fast identischen Punkten. Obwohl in Wahrheit wenig geschehen ist, setzen sie eine Welt, in der dies der Fall ist - in der eine Beziehung zwischen dem älteren Mann und der jüngeren Frau entsteht oder wenigstens begehrt wird. Das kann man auf zwei Weisen betrachten. Die erste ist deprimierend: Es handelte sich dabei einfach um die Fantasie eines traurigen alten Mannes, dem als Trost nur eine imaginäre Affäre bleibt. Die andere ist positiver: Die fiktionalen Affären, die die zwei (fiktiven) Schriftsteller erschaffen, wären Beleg für die tröstenden Kräfte der Literatur. Welche man auch vorzieht, es bleibt doch das Gefühl, dass Roth und Coetzee mit diesen Romanen eine Art Endpunkt erreicht haben."

Weitere Artikel: In der Titelgeschichte prangert Dick Taverne den "wahren Skandal um genmanipulierte Lebensmittel" an, dass nämlich trotz aller Unbedenklichkeitsbescheinigungen der Widerstand dagegen in Politik und Bevölkerung vor allem Europas immer noch so heftig ist. Walter Russell Mead denkt über die Gegenwart der anglo-amerikanischen Beziehungen nach.

Magazinrundschau vom 02.10.2007 - Prospect

Vor drei Monaten hat Premier Gordon Brown hat in einer Grundsatzerklärung (hier, ganz am Ende, ab Punkt 212) zur Suche nach britischen Werten aufgerufen. Prospect hat fünfzig Prominente zu ihrer Meinung befragt, darunter den Historiker Timothy Garton Ash, der - da spricht er wohl für die meisten der Befragten - skeptisch meint: "Ich finde: Weniger wäre mehr. Eine Erklärung der Rechte und Pflichten der britischen Bürger in einfachem Englisch ist alles, was wir brauchen. Juristen und Dichter sollten sich zusammentun, um sie zu schreiben. Statt uns in den Sumpf der Wertedefinition oder den Dschungel nationaler Identität zu begeben, wäre es genug, diese Erklärung mit einem Abschnitt einzuführen, der einfach feststellt, dass die britischen Bürger lange stolz darauf waren, friedlich zusammenzuleben. Diese Freiheit in Frieden, so selten auf der Welt, hatte ihre Grundlage in Gewohnheiten wie Toleranz, Anständigkeit, Achtung vor dem Gesetz, dem Instinkt für Fairness, gute Nachbarschhaft, einer Tendenz, den underdog zu unterstützen, der Liebe zum Sport, der weit verbreiteten Klage über das Wetter und, last but not least, einem hoch entwickelten nationalen Sinn für Humor." Antworten gaben unter vielen anderen auch Brian Eno, Eric Hobsbawm, Josef Joffe und Ziauddin Sardar.

Weitere Artikel: Bartle Bull findet, dass "die meisten der großen Probleme im Irak inzwischen gelöst sind" - auch die Gewalt werde in absehbarer Zeit keine bedeutende Rolle mehr spielen. Ian Jack bespricht V.S. Naipauls neues Buch "A Writer's People" und hebt besonders den sehr persönlichen Essay über Naipauls Freundschaft mit dem Schriftsteller Anthony Powell hervor.

Nur im Print: Die walisische Dichterin Gwyneth Lewis (homepage) erzählt von ihrem Besuch im Kernforschungszentrum Cern.

Magazinrundschau vom 04.09.2007 - Prospect

Die Titelgeschichte widmet sich der Wirtschaftsmacht Indien und dem Aufstieg der Mittelklasse - bedenklich findet Chakravarthi Ram-Prasad allerdings den Mangel an gesellschaftlicher Solidarität: "Die indische Mittelklasse hält Indiens neuen Status für selbstverständlich; sie setzt einfach voraus, dass Indien von den USA und dem Rest der Welt 'gleichwertig' behandelt werden muss; als nächstes geht es dann immer gleich um Geschäftsgelegenheiten. Diese Hingabe an die eigene Vorstellung von Indien und die Überzeugung von der Bedeutung, die man bei seinem ökonomischen Aufstieg spielt, machen die Mittelklasse sehr selbstgewiss. Auf der anderen Seite aber sind sie am Ganzen wenig interessierte Bürger: der Sinn für Solidarität mit den Armen ist schwach ausgeprägt; die Bedeutung des Staates für den eigenen Aufstieg oder für die Lösung der Probleme des Landes wird kaum anerkannt; insgesamt ist die Mittelklasse politisch apathisch."

Weitere Artikel: Am Beispiel einer Familie beschreibt Kim Sengupta das ganze Elend des Irak seit dem Einmarsch der westlichen Truppen. Edward Skidelsky porträtiert den 1923 geborenen Schriftsteller Nicholas Mosley, den moralische Fragen umtreiben und der mit dem Realismus jüngerer britischer Autoren wie Allan Hollinghurst oder Ian McEwan wenig anfangen kann.
Stichwörter: Irak, McEwan, Ian, Mittelklasse

Magazinrundschau vom 31.07.2007 - Prospect

Die Titelgeschichte dreht sich um den Niedergang der CD - und die damit einhergehende neue Bedeutung des Live-Konzerts als Geldbringer: "Es ist schwer zu belegen, dass die mit steigenden Preisen verbundene wachsende Beliebtheit von Live-Musik direkt mit dem Überfluss und der Verramschung von CDs zu tun hat. Es scheint aber kein Zufall, dass die Fans einerseits immer weniger für das, was sie zuhause hören, zahlen wollen, andererseits aber unerhörte Summen für Konzerte ausgeben. Die Ticket-Preise vor allem für die großen Namen sind explodiert. In den 80er Jahren war die Eintrittskarte für das Konzert eines Superstars etwa so teuer wie eine CD. Im letzten Sommer dagegen hätte man das Gesamtwerk von Madonna für weniger als die Hälfte des Preises kaufen können, den man für ein Ticket ihres Wembley-Konzerts zahlen musste."

Weitere Artikel: Kurz vor dessen Tod am 24. Juli hat Jules Evans noch Albert Ellis besucht und gesprochen, den überaus einflussreichen Mitbegründer der psychologischen Verhaltenstherapie. Der Philosoph Roger Scruton erklärt, dass die neuen Atheisten wie Richard Dawkins ("The God Delusion") und Christopher Hitchens die eigentliche Leistung der Religion ignorieren, nämlich die Befriedigung des menschlichen Bedürfnisses nach dem Heiligen. Abgedruckt wird ein Briefwechsel, in dem der Journalist Andrew Marr und die Autorin Joan Smith darüber streiten, ob die britische Reaktion auf Dianas Tod eine gute, weil emotional gesunde Sache war oder nur ein ungutes Spektakel.

Magazinrundschau vom 03.07.2007 - Prospect

Auf dem Titel des Magazins der neue Premier Gordon Brown, der als erster Intellektueller in diesem Amt seit, na ja, sehr langer Zeit, unter die Lupe genommen wird. John Lloyd zeigt sich durchaus beeindruckt von Browns Belesenheit - wenn sie auch nicht alle Gebiete umfasst. "Bei einer der wenigen Gelegenheiten, bei denen ich ihn getroffen habe, empfahl ich ihm 'Der Leopard', den großen sizilianischen Nachkriegsroman von Giuseppe di Lampedusa, den ich gerade wiederlas. Brown grunzte und ging nicht darauf ein. Mir schien, dass Romane nicht zu den Dingen gehören, die ihn vordringlich interessieren."

In weiteren Artikeln zeichnet Daniel Johnson unter anderem ein sehr viel skeptischeres Bild der intellektuellen Fähigkeiten Browns und Iain McLean skizziert die britische Vorgeschichte Intellektueller an der Macht.

Weiteres: Ben Lewis denkt angesichts von Damien Hirsts diamantenbesetztem Schädel, den er sehr kritisch sieht, darüber nach, wie man heute "auf oberflächliche Weise oberflächliche von auf tiefe Weise oberflächlicher" Kunst unterscheiden kann und ob das überhaupt lohnt. Besprochen wird Ramachandra Guhas Buch zur Geschichte der jüngeren indischen Vergangenheit mit dem Titel "India after Gandhi". Ausschließlich online gibt es einen Nachruf auf den Philosophen Richard Rorty. Außerdem hat Prospect jetzt ein Blog mit dem Titel "First Drafts" (also: erste Entwüfe), in dem im ersten Monat seiner Existenz schon sehr viel los war.

Magazinrundschau vom 05.06.2007 - Prospect

In der Titelgeschichte berichtet Shiv Malik über seine monatelangen Recherchen im zu Leeds gehörenden Stadteil Beeston, wo Mohammed Sidique Khan, der Anführer der Londoner Selbstmordattentäter lebte. Malik lernte den Bruder des Attentäters kennen und erfuhr, dass ein mit religiösen Differenzen verbundener Generationenkonflikt in der pakistanischen Gemeinschaft für die Radikalisierung die wichtigste Rolle spielte - und spielt: "Viele Journalisten, die nach dem 7. Juli hier ankamen, sahen die Armut des Bezirks und nahmen an, dass da ein direkter Zusammenhang zu den Bombenanschlägen bestehen muss. Je mehr wir aber über Beeston und die Attentäter erfuhren, desto klarer wurde uns, dass diese Hypothese eine falsche Fährte ist. Obwohl Armut und Ausgrenzung Themen sind, die sich durch die Leben der Attentäter ziehen, sind es viel eher Spannungen innerhalb der traditionellen pakistanischen Gemeinschaft in Großbritannien, die die Radikalisierung, die den Tod von 56 Menschen zur Folge hatte, am ehesten erklären."

Weitere Artikel: In einem Essay erläutert Jonathan Ree, warum der Roman und der Essay natürliche Verbündete der Demokratie sind. Bella Thomas erzählt von einer Reise nach Kuba - und zeigt wenig Verständnis für anhaltende Versuche, Fidel Castros sozialistische Diktatur zu romantisieren. Nur im Netz gibt es den Nachruf von Geoff Mulgan auf die im Alter von 86 Jahren verstorbene Anthropologin Mary Douglas.

Magazinrundschau vom 01.05.2007 - Prospect

Die Probleme im Nahen und Mittleren Osten werden einfach überbewertet, meint Edward Luttwak, Militärexperte beim Centre for Strategic and International Studies in Washington DC. Man sieht ihn förmlich die Achseln zucken. Der israelisch-palästinensische Konflikt sei zwar bedauerlich, aber begrenzt, und das Öl werde auch nicht teurer. Helfen könne man den übrigen islamischen Ländern eh nicht: "Der operative Fehler, den die Nahost-Experten immer wieder machen, ist, nicht zu akzeptieren, dass rückständige Gesellschaften sich selbst überlassen werden müssen, so wie die Franzosen klugerweise jetzt Korsika in Ruhe lassen. Wie es nun auch die Italiener stillschweigend mit Sizilien tun, nachdem sie gelernt haben, dass nach den Mammutprozessen eine neue, noch schlauere Mafia aus Ärzten und Anwälten die Oberhand gewonnen hat. Ohne Invasionen oder freundliches Engagement sollte es den Menschen im Nahen und Mittleren Osten möglich sein, ihre eigene Geschichte zu leben - was Nahost-Experten jeglicher Couleur ihnen streitig zu machen scheinen."

"Was stimmt nicht mit dem modernen Roman? Warum ist er so bieder und eintönig? Warum so ängstlich? So verdammt langweilig?", fragt Autor Julian Gough und gibt die Antwort: Weil wir die Tragödie höher bewerten als die Komödie. Selbst im Buch der Bücher findet sich kein einziger Witz! Nur die Griechen wussten es besser.