Magazinrundschau - Archiv

Respekt

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Magazinrundschau vom 04.02.2020 - Respekt

Anlässlich ihres 200. Geburtstags widmet Respekt seine aktuelle Ausgabe der tschechischen Schriftstellerin Božena Němcová, deren Klassiker "Babička" ("Die Großmutter") in Tschechien jedermann bekannt ist (in Deutschland wohl eher ihr Märchen "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel"), deren Komplexität in Leben und Werk jedoch kaum wirklich bekannt und erfasst ist. Silvie Lauder erinnert daran, dass jede Epoche eine andere Seite von Němcovás Werk hervorhob und sich zu eigen machte: Franz Kafka verehrte Němcová als "klarsichtig kluge" Meisterin des Wortes, der Schriftsteller und Widerständler Julius Fučík nannte sie "die erste Sozialistin", für die Schauspielerin Vlasta Chramostová war sie eine "Inspiration im Kampf gegen totalitäre Macht". In den Akten der damaligen österreichischen Polizei konnte man lesen, dass "diese exalitierte Tschechin das Volk aufwiegle", gleichzeitig nannten sogar die Polizeispitzel sie "eine bemerkenswerte Persönlichkeit". Zweihundert Jahre nach ihrer Geburt, so Silvie Lauder, gewinnt Němcová nun wieder eine neue Bedeutung, und zwar "nicht anhand der ideologischen Schablonen, mit denen sie während des letzten Regimes vereinnahmt wurde, sondern wegen der Geschichte ihres besonders dramatischen und überraschend aktuellen Lebens. Die erste tschechische Schriftstellerin von Kaliber war nämlich nicht nur literarisch innovativ und außergewöhnlich schön, sondern bewies zivilen und politischen Mut mit festen Grundsätzen - und dies zu einer Zeit, als ihr das die Ächtung und existenzielle Probleme einbrachte."

Magazinrundschau vom 28.01.2020 - Respekt

Der tschechische Verkehrsminister Vladimír Kremlík ist vor wenigen Tagen über eine zu teure Auftragsvergabe (umgerechnet an die 16 Millionen Euro) für die digitale PKW-Maut gestürzt, auch über die Geheimniskrämerei des Vergabeverfahrens. Künftig soll in Tschechien eine digitale Autobahnvignette über einen extra eingerichteten Onlineshop erworben und an der Mautstelle automatisch erfasst werden. Die Zeitschrift Respekt kritisiert nach ihr vorliegenden Informationen aber noch eine ganz andere Dimension der Affäre: "Der Autobahn-E-Shop sollte eine geheime Funktion haben: auszuspionieren, wer wohin fährt", so Jiří Nádoba. "Das neue System sollte für die Sicherheitskräfte des Staates Daten darüber speichern, wann wo welches Auto durchgefahren ist. Das hätte ein Gesamtbild aller Automobilbewegungen im Autobahnnetz ermöglicht. (…) Über diese Funktion wurde jedoch im Zusammenhang mit dem Wechsel vom Papier- auf ein elektronisches Vignettensystem niemals gesprochen. Dabei lässt sich nicht ausschließen, dass diese Funktion auch in dem System enthalten sein wird, an dem die Arbeit inzwischen begonnen hat." Die erfassten Daten der Kontrolle, welcher Autofahrer bezahlt hat und welcher nicht, sollten laut Nádoba vom System gespeichert werden. "Dadurch hätte der Staat einen kompletten Überblick darüber, wer wann welche Mautstelle durchfahren habe - was eine neue Dimension in der Beobachtung der Bürger darstellen würde."

Magazinrundschau vom 14.01.2020 - Respekt

Jindřiška Bláhová würdigt den 86-jährig in Nevada verstorbenen tschechischen Filmemacher Ivan Passer, einen engen Mitarbeiter und Freund Miloš Formans, mit dem zusammen er nach der sowjetischen Invasion in die USA emigrierte. Beide gehörten sie zu den Begründern der Tschechischen Neuen Welle der 60er-Jahre. "Im kongenialen Triumvirat mit Jaroslav Papoušek schufen sie den neuen Typ eines authentischen Antihelden, der sich von den schwarz-weißen sozialrealistischen Helden abgrenzte, sowie eine neue zivile Poetik der Alltäglichkeit, die das Leben in der sozialistischen Tschechoslowakei genau widerspiegelte, zugleich aber auch eine allgemeingültige Aussage über die Existenz war." Nach der Emigration gelang Passer in den USA eine zweite Karriere, "wenngleich seine Filme nie eine so weitreichende Popularität und kulturelle Relevanz besaßen wie die Filme des pragmatischeren, durchschlagskräftigeren und besser auf das Hollywoodsystem eingestimmten Miloš Forman". Bláhovás Nachruf weckt zumindest Neugier, sich näher mit Passers Werk zu beschäftigen: "Ihn interessierten banale Kleinigkeiten und er schaffte es, große Filme aus ihnen zu machen. Sein poetisches Debüt 'Intime Beleuchtung' aus dem Jahr 1965 gehört zum Besten, was hierzulande an Filmen entstanden ist."
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Magazinrundschau vom 07.01.2020 - Respekt

Erik Tabery geht der Herkunft des Schimpfworts "Prager Kaffeehaus" (pražská kavárna) nach, das in Tschechien durch Präsident Miloš Zeman und populistische Medien wieder eifrig in Gebrauch gekommen ist: "Bisher dachte ich immer, dass der Begriff seine Wurzeln in der kommunistischen Ära habe. In der damaligen Propaganda wurde häufig versucht, intellektuelle Müßiggänger als Gegenstück zum hart arbeitenden Volk darzustellen, sodass es nicht schwer war, diesen absurden Feldzug in der Gegenwart wieder neu aufzuwärmen. Es gibt immer noch genug Leute, die sich daran erinnern, weshalb der tschechische Präsident und nationalistische Medien mit dem Terminus operieren." Bei seinen Recherchen zu einem Artikel über Karel Čapek entdeckte Tabery jedoch, dass die Herkunft weiter zurückreicht und aus dem entgegengesetzten politischen Spektrum stammt. Nicht kommunistische, sondern rechtskonservative Presseorgane, häufig aus der Provinz (etwa landwirtschaftliche Zeitungen) versuchten schon Anfang der dreißiger Jahre, linke städtische Intellektuelle (wie Karel Čapek) mit diesem Begriff zu diskreditieren. Die derzeitige verächtliche Verwendung des Worts stehe also in einer langen Tradition, so Tabery. "Das eigentlich so nicht existierende Kaffeehausmilieu soll als Schreckgespenst fungieren. Die Kinder hat man vom Teufel abgeschreckt, die Erwachsenen vom Kaffeehaus. Was das 'Prager Kaffeehaus' der Ersten Republik betrifft, mag es tröstlich sein, dass es später zu einem Pfeiler der tschechischen Kultur und Gesellschaft wurde, während seine Kritiker der Vergessenheit anheimfielen."
Stichwörter: Tschechien

Magazinrundschau vom 19.11.2019 - Respekt

Zum 30. Jahrestag der Samtenen Revolution sind wieder Hunderttausende von Tschechen auf die Straßen gegangen, um das Vermächtnis von 1989 heraufzubeschwören und für eine neue Politik zu demonstrieren. Die Organisation von "Eine Million Augenblicke" sei die erfolgreichste Bürgerbewegung seit 1989, erkennt Erik Tabery erfreut an, doch er mahnt: "Den Demonstrationen wird einmal der Atem ausgehen, wenn es nicht zur Phase zwei kommt. Und zwar zu einer Aktivität vonseiten politischer Parteien." Die Menschen, die die Politik von Babiš, Zeman und Konsorten ablehnten, lebten derzeit von der Vergangenheit. "Kraft verleiht ihnen das Ethos des November 1989, und sie bauen auf den Gedanken Václav Havels und seiner Weggefährten auf. (…) Jetzt stellt sich nur die Frage, wer uns in die Zukunft bringt." Mit anderen Worten, wer die populistischen Parteien und den Präsidenten bei den nächsten Wahlen besiegen kann, denn "einen anderen Weg, der zum Wechsel führt, gibt es nicht".

Magazinrundschau vom 08.10.2019 - Respekt

Verhaltene Töne auch von Pavel Turek, der in Karel Gott ein Symbol der kommunistischen Eiszeit sieht: "Karel Gotts Karriere war einzigartig und unwiederholbar - und sie war nicht anders denkbar als in einem autoritären Regime, das die Kontrolle über den Kulturbetrieb fest in der Hand hält." Gott wurde in seiner Heimat übrigens zunächst als Rock-'n'-Roller in der Nachfolge Presleys bekannt und galt entsprechend als Sexsymbol, bevor er in Deutschland überwiegend Schlager zum Besten gab. "Anfang der siebziger Jahre dachte er auch wegen seines Erfolgs in Westdeutschland über Emigration nach, für das Regime war es jedoch ausgeschlossen, seinen größten Star ziehen zu lassen. Hinzu kam aber auch, dass er, wäre er in Deutschland geblieben, seinen Exotenstatus als 'Goldene Stimme Prags' nicht dauerhaft hätte halten können und seine Zukunft ungewiss gewesen wäre. Also wählte er den Weg des sicheren Ruhms und kehrte in die Tschechoslowakei zurück, wo er für eine ganze Generation zum Sänger wurde, der den Prozess der kommunistischen Normalisierung begleitete."

Magazinrundschau vom 03.09.2019 - Respekt

In Prag ist ein heftiger Streit entbrannt um die Statue des russischen Marschalls Iwan Stepanowitsch Konew, die im Stadtbezirk 6 steht und regelmäßig von kritischen Aktivisten mit Parolen beschmiert und dann für hohe Kommunalkosten wieder gereinigt und geschützt werden muss. Konew, der jahrelang als Befreier Prags am Ende des Zweiten Weltkriegs gefeiert wurde, leitete 1956 die Unterdrückung des Ungarischen Aufstands, war am Bau der Berliner Mauer beteiligt und bereitete 1968 den Einmarsch der Warschauer Truppen in die Tschechoslowakei vor. Bezirksbürgermeister Ondřej Kolář wäre dafür, die Statue deshalb zu entfernen - die russische Botschaft könne sie gerne in ihrem Garten aufstellen - und stattdessen ein allgemeineres Gedenkmonument für jene russischen Soldaten zu errichten, die für die Befreiuung der ČSSR vom Nazismus ihr Leben opferten. Konew gehöre nicht dazu. Nicht nur die Kommunisten, sondern auch der Sprecher des tschechischen Präsidenten warfen Kolář daraufhin vor, den Namen des Befreiers des Konzentrationslagers Auschwitz und der Tschechoslowakei öffentlich zu beschmutzen. Auch das russische Konsulat ist höchst empört. Im Interview stellt sich der Bezirksbürgermeister weiter auf die Seite der Statuenkritiker: "Nur einen Kilometer von der Konew-Statue entfernt steht eine Villa, in die der Geheimdienst SMERSch - den hatte Konew 1945 hierhergebracht - Leute aus [den Stadtteilen] Dejvice und Bubeneč verschleppte, die vor den Bolschwiken aus Russland zu uns geflohen waren. Es waren tschechoslowakische Bürger, die sie hier gefangen nahmen und direkt nach Sibirien verschickten. Menschen, die hier in Prag gelebt hatten. Manche direkt an dem Platz, auf dem jetzt die Statue steht. Mir erscheint das ihnen gegenüber als eine absolute Verhöhnung." Kolář steht inzwischen unter Polizeischutz, da er und seine Familie Todesdrohungen erhalten haben.

Magazinrundschau vom 16.07.2019 - Respekt

Optimistisch zeigt sich Marek Švehla im Bezug auf das Nachbarland Slowakei und dessen neue Präsidentin Zuzana Čaputová: "Es mag wie ein Klischee klingen oder vielleicht wie eine etwas krampfhafte Suche nach neuen politischen Helden in Zeiten, in denen es keine gibt. Doch (…) schon innerhalb kurzer Zeit nach ihrem Betreten der politischen Bühne zeigt sich, dass Zuzana Čaputová so eine Persönlichkeit ist und sein wird. Man könnte arbeitshalber sogar davon sprechen, dass in der Region ein neuer Václav Havel herangewachsen ist. Er ist keine Nachbildung des alten. Er ist unter neuen Bedingungen und mit anderen Erfahrungen herangewachsen, aber mit einer ähnlichen Überzeugungskraft, Authentizität und vor allem den gleichen Idealen, auf die man sich stützen kann. Čaputová brachte vergangene Woche ein paar Dinge fertig, bei denen traditionellen Havlisten das Herz warm werden dürfte. Dem chinesischen Außenminister hielt sie bei einem Treffen in Bratislava Menschenrechtsverletzungen vor. Bei einem Budapest-Besuch verkündete sie, dass die Visegrád-Gruppe sich für demokratische Werte und den Rechtsstaat starkmachen müsse. Daneben schaffte sie es, sich vor dem Bratislaver Konzert mit Sting fotografieren zu lassen (oder vielleicht eher Sting sich mit ihr) und am Wochenende das Pohoda-Festival in Trenčín zu besuchen. Man muss nicht das berühmte Foto des besten tschechischen Präsidenten mit den Rolling Stones kennen, um verkünden zu können: Havel ist zurück, hübscher als früher und mit neuer Kraft."

Magazinrundschau vom 04.06.2019 - Respekt

Soeben verstorben ist der 87-jährige tschechische Schriftsteller, ehemalige politische Häftling und PEN-Club-Vorsitzende Jiří Stránský, "ein großer Erzähler" (Literární noviny) und "einer der wenigen, der beharrlich an die Monstrosität des kommunistischen Regimes erinnerte" (Aktuálně). Auch Jan H. Vitvar verneigt sich vor dieser "moralischen Autorität": "Nachdem bereits sein Vater (aristokratischer Herkunft) unter den Nazis nach Auschwitz kam und anschließend unter den Kommunisten in Haft saß, steckten die Kommunisten auch den jungen Stránský für viele Jahre ins Arbeitslager. "In den hölzernen Baracken, umgeben von tödlichem Staub, erhielt Jiří Stránský von seinen akademischen Mithäftlingen, Professoren und Pfarrern, die Bildung, von der er buchstäblich bis zu seinem Tode zehrte." Erst in nachkommunistischer Zeit wurde er zum Schriftsteller und Drehbuchautor, und die Wahrheiten über den Totalitarismus zu schildern wurde ihm zur Lebensaufgabe. (Seine kompromisslose Haltung ging so weit, dass er sich wegen der kommunistischen Vergangenheit einiger späterer Dissidenten selbst niemals als Dissident bezeichnete.) Dennoch, so Vitvar, sei Stránský einer der wenigen alten Männer gewesen, "die mit abnehmenden Kräften nicht verbitterten. Er sagte immer öffentlich, was er dachte, und wenn jemand anderer Meinung war, berief er sich nie auf seine moralische Überlegenheit oder seine bitteren Lebenserfahrungen, sondern brachte immer Argumente an." Nur schade, dass von Stránský noch keine Übersetzungen auf Deutsch vorliegen.

Magazinrundschau vom 28.05.2019 - Respekt

Trotz des klaren Sieges der Partei ANO des tschechischen Ministerpräsidenten Andrej Babiš bei den Europawahlen, reicht sein Erfolg in keiner Weise an den seiner rechtspopulistischen Kollegen in Ungarn und Polen heran. Erik Tabery erklärt, warum: "Der Unterschied zwischen uns einerseits und Polen und Ungarn andererseits ist, dass Babiš es nicht wagt, einen 'Kulturkrieg' anzuzetteln. Der erdrückende Erfolg von Kaczyński und Orbán beweist, dass ihre Politik der Polarisierung anschlägt. Sie sind authentisch und verstehen es, die nationale Geschichte zu instrumentalisieren. Das funktioniert bei Babiš nicht - und kann es im Fall der Historie auch gar nicht. Denn die Tschechen haben sich niemals an die große Geschichte oder den Glauben gehalten. (…) Das Etikett 'Starkes Tschechien' widerspricht geradezu dem tschechischen Wesen. Donald Trump kann das Sentiment der einzigartigen großen Nation bespielen, aber die Tschechen besitzen wirklich eher eine Schwejksche Natur - also: dagegen sein, alles lächerlich machen und nicht zu viel riskieren. Zwar träumen wir gerne vom 'was wäre, wenn'. Oft denken wir, dass es uns alleine am besten ginge, weil die anderen alle Dummköpfe sind, dennoch nehmen wir uns nicht als starke Nation wahr. Wir sind - im Geist der hiesigen Mythologie - einzigartig, aber nicht groß. Die anderen sollen auf uns hören, aber wir wollen nicht führen."