9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2025 - Geschichte

Olaf Scholz kriegt es in einem Twitter-Post zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz hin, nicht zu erwähnen, dass dort vor allem Juden umgebracht wurden.

In Frankreich sind die Linke und die Rechte ganz besonders schnell zur Hand, wenn es darum geht, Gaza mit Auschwitz gleichzusetzen. Laurent Joffrin, ehemals Chefredakteur von Libération und heute Gründer des Online-Magazins lejournal.info, rückt die Dinge gerade: "In Gaza starben 45.000 Menschen infolge von Bombenangriffen oder während besonders brutaler und tödlicher Militäroperationen. Es bedeutet keineswegs, das Leiden der Menschen in Gaza zu verharmlosen, wenn man feststellt, dass die beiden Ereignisse keinesfalls das gleiche Ausmaß oder die gleiche Natur haben. Die israelische Armee kann wegen Kriegsverbrechen angeklagt werden und wird sich vor der Geschichte, wenn nicht sogar vor internationalen Richtern, verteidigen müssen. Die Verwendung des Begriffs 'Völkermord' ist jedoch für jeden, der mit einem Minimum an gutem Glauben die Realität der beiden historischen Ereignisse betrachtet, eine elementare geistige Verwirrung."

Eine der wichtigsten Nachrichtensendungen Britanniens vergisst zu erwähnen, dass in Auschwitz Juden umgebracht wurden. Die Ansagerin: "Sechs Millionen Menschen wurden während des Zweiten Weltkriegs in Konzentrationslagern umgebracht, ebenso wie Millionen andere, weil sie Polen, Behinderte, Homosexuelle oder Angehörige einer anderen ethnischen Gruppe waren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2025 - Geschichte

Heute wird in Auschwitz und an vielen anderen Orten der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee gedacht. In seiner Rede zum Tag des Gedenkens "Achtzig Jahre Befreiung von Auschwitz - was nun?" in Frankfurt, die die SZ druckt, hat Michel Friedman genug von der Behauptung, man könne nicht mehr tun gegen wachsenden Antisemitismus in Deutschland: "Seit Jahrzehnten beobachten alle Gewalt, schreiben alle davon, sprechen alle davon. Wir beobachten geistige Brandstiftung, organisierten Rechtsextremismus, immer stärker wachsenden Linksextremismus und vor allen Dingen auch Islamismus. Jeder und jede, die oder der die Würde des Menschen antastet, hätte dafür strafrechtlich und politisch zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Irgendjemand muss also versagt haben. Irgendjemand muss doch Verantwortung tragen. Der Staat, er kann sich nämlich wehren. Er hat das zuletzt im Fall der letzten Generation bewiesen. Plötzlich wurden Prozesse rechtsstaatlich innerhalb von Monaten mit Urteilen beendet. Warum geht das nicht, wenn es um Judenhass, um Israelhass und die Vernichtung des jüdischen Staates geht? ... Wir sind nicht hilflos. Auch nicht, was die sozialen Medien angeht. Demokratie sollte aufhören, immer nur zu reagieren."

Darüber wie es nach den Reaktionen auf den 7. Oktober mit dem Antisemitismus in Deutschland steht, ist sich auch Reinhard Müller in der FAZ nicht sicher: "Unmittelbar nach diesem Angriff - lange vor der israelischen Reaktion - setzte besonders in universitären Milieus Jubel über das Massaker an Zivilisten ein. Mehr noch: Das Leben von Juden in Deutschland, deren Einrichtungen schon zuvor geschützt werden mussten, ist noch unsicherer, für manche unerträglich geworden."

"Es droht etwas verloren zu gehen, nicht nur der mühsam errungene Konsens in Deutschland, die historische Schuld von Auschwitz anzunehmen. Auch die Kraft der Lehren aus Auschwitz erlahmt", warnt in der SZ Joachim Käppner. "In der leider sehr reichhaltigen Geschichte des Bösen, zu dem der Mensch fähig ist, bleibt Auschwitz unerreicht. Aber was Deutsche dort verbrochen haben, muss dieses Land verpflichten, Freiheit und Demokratie unerschrocken zu verteidigen. Rechte Geschichtsklitterer und hysterische Israelhasser, die auf den Straßen schreien, 'Palästina von deutscher Schuld zu befreien', also faktisch vom jüdischen Staat, versündigen sich an den Opfern von Auschwitz."

Es ist ein wenig paradox, dass gerade Auschwitz zum Inbegriff des Holocaust wurde, denn das Lager diente zum größten Teil der Ausbeutung der Insassen, schreibt der Holocaust-Historiker Stephan Lehnstaedt auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ. Auschwitz war auch ein Konzentrationslager. Damit unterschied es sich von den reinen Vernichtungslagern Belzec, Sobibor oder Treblinka: "Die Deutschen verschonten dort nur die wenigen Häftlinge zeitweilig, die ihnen bei der Beraubung der Opfer und der Beseitigung ihrer Leichname helfen mussten. Das Lager in Treblinka kam dafür mit einer Fläche von 24 Hektar aus. Weil es bereits 1943 aufgelöst wurde, gelang den Tätern dort eine beinahe vollständige Beseitigung der Spuren. Es gibt dort keine sichtbaren Hinterlassenschaften, die dort den Genozid visualisieren oder symbolisieren könnten - außer den Kiefern, die die SS pflanzte, um wenn nicht Gras, so doch zumindest Bäume über die Sache wachsen zu lassen. Weil es dort so wenig zu sehen gibt, wird die Gedenkstätte Treblinka wenig besucht." In Treblinka, so Lehnstaedt, wurden mindestens ebenso viele Menschen ermordet wie in Auschwitz.

"Dieser Jahrestag ist absolut einzigartig", erklärt im Interview mit Spon Piotr Cywiński, der Leiter der Gedenkstätte Auschwitz. "Zum 60. Jahrestag kamen 1.500 Überlebende. Bei der Zeremonie vor zehn Jahren waren es 300. Dieses Jahr werden wir vielleicht noch 60 Überlebende dabeihaben. Und sie sind sehr, sehr alt. Vielleicht ist das der letzte runde Jahrestag mit einer bemerkenswerten Gruppe von Überlebenden. ... Im Juni habe ich mit einer Gruppe polnischer Überlebender über den Jahrestag diskutiert. Ich schlug vor, wieder Politiker auf die Bühne zu holen. Sie haben sich vehement dagegen gewehrt. Sie sagten, ihr Leben lang wünschten sie sich einen Moment, in dem kein Politiker sprechen würde."

Die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann wundert sich nicht, dass immer weniger Menschen wissen, was der Holocaust war. Das sei ein Versagen der "International Holocaust Remembrance Alliance" (IHRA) , meint sie in der FR, die 2016 ihre Orientierung geändert und "Antisemitismus" in den Vordergrund gestellt hat, wofür wiederum Benjamin Netanjahu verantwortlich sei. In einer Rede 2016 vor der UNO "baute er seine Allianzen mit der westlichen Welt neu auf, indem er die aktuellen Konflikte um seine Siedlungspolitik herunterspielte und zu einem großen Kampf der westlichen Welt gegen die islamische Welt aufruft. Dieses gemeinsame Feindbild, das die Palästinenser pauschal einschließt, war der Kontext für eine Israel-Politik, die konsequent auf die Sicherheit des Staates Israel setzt und gleichzeitig gegen mögliche Kritik an diesem Staat mit der Waffe des Antisemitismus vorgeht." Dass der Holocaust heute in Frage gestellt oder vergessen wird, liegt also nicht an europäischer Geschichtsvergessenheit oder arabischem Israelhass, sondern an dem israelischen Juden Netanjahu?

Der größte Skandal der Gedenkfeier in Auschwitz ist für die Autorin Erica Fischer, bekannt durch die  dokumentarische Erzählung "Aimée & Jaguar", dass Benjamin Netanjahu wohl teilnehmen wird, obwohl Polen ihn wegen eines Haftbefehls des Internationalen Strafgerichtshofs festnehmen müsste. In der taz schreibt sie: "Der Verantwortliche für den Völkermord an bislang mindestens 47.000 palästinensischen Zivilist:innen, überwiegend Frauen und Kindern, oder ein Vertreter seiner Regierung werden also ihr Haupt beugen in Anerkennung der jüdischen Opfer eines beispiellosen Genozids. Seite an Seite mit deutschen Politiker:innen, die sich durch ihr Schweigen zum Genozid an den Palästinenser:innen und die Waffenlieferungen an Israel zu Kompliz:innen gemacht haben."

Auch der irische Präsident Michael D. Higgins ließ es sich nicht nehmen, bei einer Gedenkrede ausführlich über den Gazakrieg zu sprechen - obwohl ihn die winzige jüdische Gemeinde gebeten hatte, lieber zu schweigen.


Eine protestierende Jüdin wurde abgeführt.

In der NZZ erinnert der Historiker Ernst Piper daran, dass die Alliierten spätestens 1941/42 wussten, dass die Deutschen gezielt Juden ermordeten. "Keines der alliierten Länder war bereit, Initiativen zugunsten der vom Tod bedrohten Juden zu ergreifen, sei es durch Bombardierung von Auschwitz oder durch die großzügige Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge." Piper hatte schon vor einigen Wochen im Perlentaucher über die Verhinderung des Gedenkens an den Holocaust unter dem kommunistischen Regime erinnert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2025 - Geschichte

Stefan Locke besucht für die FAZ das Konservierungslabor des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau. Allein 110.000 Schuhe gilt es zu erhalten, berichtet Locke, "denn schon bald werden diese materiellen Zeugnisse das einzig Authentische sein, womit sich der industrielle Massenmord an Millionen Menschen im Nationalsozialismus belegen lässt." Schuhe und Koffer "sind es auch, in denen sich heute noch Hinweise auf ihre einstigen Besitzer finden lassen. Manchmal kämen unter Sohlen versteckte Adressen oder Münzen zum Vorschein, die auf die Herkunft schließen ließen, sagt Rosse. Auch auf Koffern aufgetragene Nummern können Auskunft geben. In einem Labor liegt ein verbeulter und halb zerrissener, schwarzer Koffer unter einer Lampe. Mit dickem Pinselstrich und weißer Farbe ist die Nummer AK 322 auf den Deckel geschmiert. 'Das ist die Personennummer', erklärt Rosse. Der Transport, das habe sie ermitteln können, ging im Oktober 1944 von Prag nach Theresienstadt und dann nach Auschwitz. Der Besitzer hat nicht überlebt."

Die Tagebücher der britischen Adligen und Nationalsozialistin Unity Mitford sind in Großbritannien aufgetaucht, berichtet Eva Ladipo in der FAZ. Mitfords Verehrung für Hitler ist kein Geheimnis, hier wird ihre "hemmungslose, geradezu infantile Verliebtheit" nochmal deutlicher: "So schwärmt Unity Mitford - falls sie wirklich die Autorin ist - im Telegram-Stil ein ums andere Mal davon, wie 'sehr süß', 'sehr, sehr süß' und 'einfach süß' der FUHRER (in Großbuchstaben und roter Tinte) wieder war. Sie verzeichnet 139 Treffen mit ihm, davon acht ganz allein mit ihm, zum Teil stundenlang (...)" Die Briten jedoch, so Ladipo, scheinen sich dafür, anders als in der Vergangenheit, nicht besonders zu interessieren: "Doch die Zeiten, in denen das alles zu einer weit entfernten Vergangenheit gehörte, deren Andenken die eigene Gewissheit stärkte, eindeutig auf der siegreichen Seite des Guten zu stehen, sind vorbei. Die extreme Rechte befindet sich nämlich auch in Großbritannien im Aufwind, offenbar ist der alte Witz unter diesen neuen Vorzeichen vorbei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2025 - Geschichte

Bereits im Juli 1944 berichtete die New York Times "zwischen dem 15. April 1942 und dem 15. April 1944" seien "mehr als 1,715 Millionen Juden in zwei 'extermination camps' in 'Upper Silesia' namens Auschwitz und Birkenau ermordet worden", erinnert Sven Felix Kellerhoff in der Welt. Dennoch war die Berichterstattung von Großbritannien über die USA bis Bombay und Jerusalem im Januar 1945 bedeutend zurückhaltender: "Es dürfte an einer Erfahrung gelegen haben, die knapp drei Jahrzehnte zurücklag. Im Ersten Weltkrieg verbreiteten die meisten Blätter in Großbritannien und ab 1917 auch in den USA wüste Propagandabotschaften über die 'Hunnen' und ihre Verbrechen. Zwar gab es vereinzelt wahre Kerne, insbesondere die Massenerschießungen von Zivilisten von Ende August bis Oktober 1914 in Belgien und Nordostfrankreich. Das Meiste aber war frei fabuliert. Aus Sorge, erneut auf Fake News hereinzufallen (auch wenn es dieses Wort noch nicht gab), verbreiteten im Zweiten Weltkrieg die seriösen Zeitungen in den Ländern der Anti-Hitler-Koalition allzu fürchterlich klingende Berichte nicht oder nur sehr abgedämpft."

Im Aufmacher des SZ-Feuilletons erzählt Bernhard Heckler von den Absurditäten seines Besuches in der Gedenkstätte in Auschwitz: "Im Hotelzimmer liegt eine Broschüre mit dem Titel 'Kraków Must See'. Gleich auf der ersten Seite wird Auschwitz-Birkenau beworben. Ab 70 Euro, Abholung beim Hotel in einem klimatisierten Van, Englisch sprechender Fahrer. Direkt auf der zweiten Seite folgt das Angebot für einen Ausflug zu einer 'Extreme Shooting Range': 'Lernen Sie auf dem größten Schießstand in Krakau, wie man mit bis zu 33 verschiedenen Waffentypen umgeht und schießt, darunter auch Kalaschnikow-Gewehre des Typs AK 47. Genießen Sie nach dem Schießtraining ein kaltes Bier.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.01.2025 - Geschichte

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Franziska Augstein hat eine Biografie über Winston Churchill geschrieben. Im Tagesspiegel-Gespräch erzählt sie von Churchill als Privat - und als Staatsmann. So bewundernswert seine politischen Leistungen aber seien, ein bisschen abwinken muss man schon, sagt die Tochter ihres Vaters: "Churchills Raison d'être war das Empire, so wie es in seiner Jugend gewesen war: ein saturiertes Kolonialreich, das es zu bewahren galt. Gegen Diktaturen jenseits des Empire hatte er an und für sich nichts einzuwenden. Bis weit in die Dreißiger Jahre hat er Mussolini und auch Hitler für ihre harte Hand im Umgang mit den verhassten Linken gepriesen. Den spanischen Diktator Franco protegierte er noch, als seine eigenen Leute ihm sagten, das britische Interesse erfordere diese Unterstützung nicht mehr." Und der hat uns vor Hitler gerettet?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2025 - Geschichte

Für die taz resümiert Klaus Hillenbrand die von der Berliner Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz organisierte Diskussion "Nach der Shoah - und dann?", bei der neben dem Historiker Volker Weiß auch Berlins Ex-Senator Klaus Lederer sprach. Der sprach nicht nur über die "Erlösungstheologie" in der DDR, "die das eigene Volk von jedweder Schuld befreite und dafür sorgte, dass man über Rechtsradikalismus und Antisemitismus gar nicht erst reden musste", sondern kam auch auf antisemitische Tendenzen in der Linken zurück: "Er machte keinen Hehl aus seiner Befürchtung, Linke seien auf dem Weg weg von der Aufklärung hin zur Reaktion. Mit Behauptungen wie 'Free Palestine from German Guilt' werde offen für Geschichtsrevisionismus geworben. Weil der direkte Antisemitismus in Deutschland verpönt sei, mache sich dieser über den Umweg Israel breit. Wer als Linker zu geringen Differenzierungen neige, für den sei der Judenhass als 'Erlösungsideologie' eine Alternative zu umständlichen Erklärungen des Geschehens im Nahen Osten. Einfache Antworten lägen bei manchen Linken heute im Trend, so Lederer: 'gut gegen böse, schwarz gegen weiß, gegen jede Differenzierung'. Dieses Denken habe durchaus Ähnlichkeiten mit Rechtsradikalen und es schließe Solidarität mit Juden aus."

Wolfgang Krischke resümiert indes auf den Natur und Wissenschaften-Seiten der FAZ eine Tagung im Lüneburger Nordost-Institut, die sich den Fragen "Warum sind einerseits Demokratisierungsbestrebungen in Russland immer wieder gescheitert? Und warum konnten sich andererseits in den baltischen Staaten, in Polen, Finnland und der Ukraine tragfähige demokratische Staatsformen herausbilden?" widmete: "Ein Schlüsselbegriff der Tagung war die 'Zivilgesellschaft' als entscheidender Faktor für das Entstehen demokratischer Staatsformen."

Weitere Artikel: In der taz-Schlagloch-Kolumne schlägt Charlotte Wiedemann vor, dass sich "eine hochrangige jüdische Delegation aus Deutschland auf den Weg nach Namibia" macht, "um Ovaherero und Nama mit den Worten 'Wir verstehen euren Schmerz' zur Seite zu stehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.01.2025 - Geschichte

Am 27. Januar 2025 jährt sich die Befreiung des KZ Auschwitz zum Achtzigsten Mal. Nils Minkmar berichtet in der SZ von einer Veranstaltung zum "Tag des Gedenkens" in Frankfurt: "Es ist ein Tag der dialektischen Erörterung: Einerseits zeigt sich das jüdische Leben in Deutschland in großer Vielfalt, ist munter und selbstbewusst, andererseits findet es hinter hohen Mauern statt. Die Veranstaltung selbst lieferte den Beweis dieser These: spannendste Debatten, aber vor den Fenstern, Mauern und Polizei. Warum ist es nicht gelungen, für jüdische Menschen hierzulande eine Normalität und Selbstverständlichkeit zu garantieren?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2025 - Geschichte

2025 wird auch ein Jahr sein, an dem an Flucht und Vertreibung von Deutschen aus ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reichs erinnert wird. Gundula Bavendamm, Direktorin der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin, erzählt auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ unter anderem, wie unterschiedlich die Flüchtlinge in West- und Ostdeutschland behandelt wurden - im Osten durften sie sich nicht mal so nennen: "Schon im Oktober 1945 benannte die sowjetische Besatzungsmacht ihre Flüchtlingsbehörde in Zentralverwaltung für deutsche Umsiedler um. Die anhaltende Massenvertreibung auf diese Weise zu verharmlosen war Programm und sollte jede Hoffnung auf Rückkehr nehmen. 1948/49 wurde die Ost-Berliner Sonderverwaltung abgeschafft. Politisch stand alles unter der Kontrolle Moskaus, eine öffentliche Diskussion über die Verantwortung der Sowjetunion und ihrer Vasallen für die Vertreibungen war mithin ein Tabu."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2025 - Geschichte

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Der Sozialwissenschaftler Timm Graßmann befasst sich in seinem aktuellen Buch "Marx gegen Moskau. Zur Außenpolitik der Arbeiterklasse" mit Marx' kritischer Sicht auf das autokratische Russland und dessen Begeisterung für Polen. Viele Linke würden vergessen, dass Marx "auch ein großer Analytiker und Gegner von autoritären Staatsformen war und Demokratie, die er politische Emanzipation nennt, verteidigte", sagt er im taz-Gespräch mit Yelizaveta Landenberger. So sah Marx "in der Geschichte der russischen Politik zwei Konstanten, nämlich Autokratie und eine Außenpolitik der systematischen Übergriffe, die man als imperialistisch oder expansionistisch bezeichnen könnte - Territorien erobern als Ausdruck nationaler Größe, womit immer auch die Zerstörung schon bestehender politischer Einheiten einhergeht. Ein Moment, das diese beiden Konstanten verbindet, ist, dass Russland Demokratien oder Republiken auslöscht und damit versucht, diesen Freiheitsgeist, der irgendwo außerhalb Russlands der Flasche entwichen ist, wieder da hineinzubekommen - um so zu verhindern, dass er jemals in Russland auftaucht. In einer Rede auf einem Londoner Polenkongress 1867, einer Solidaritätsveranstaltung mit dem damals geteilten Polen, sagte Marx deshalb wortwörtlich, Europa habe nur eine Wahl: Polen wiederherstellen oder Barbarei."

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Im epischen FR-Gespräch erläutert der Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski, dessen Buch "Der sterbliche Gott" über das russische Zarenreich vergangenes Jahr erschienen ist, weshalb Russlands Weite der Autokratie den Boden bereitete, warum die "Vordenker des eliminatorischen Antisemitismus vor allem in Russland zu Hause" waren und weshalb sich Putins Herrschaft von  jener der Zaren unterscheidet: "Die Herrschaft Nikolais I. ruhte auf dem Fundament von Autokratie, Adel und dynastischer Integration. Die meisten Untertanen des Zaren waren Leibeigene. Im Zeitalter von Demokratie und Diktatur aber legitimiert sich Herrschaft im Verweis auf den vermeintlichen Willen des Volkes. Nicht einmal autoritäre Ordnungen können es sich noch leisten, Stimmungen, Meinungen und Bedürfnisse zu ignorieren, und sie geben sich große Mühe, ihr Handeln als Ausdruck des Volkswillens auszustellen, Gefolgschaft und Unterstützung für sich zu mobilisieren und die Bürger bei guter Laune zu halten. Auch Diktaturen stützen sich auf Partizipation, soziale Mobilität und Zustimmung, weil es viele Menschen gibt, die ein Interesse daran haben, zu gehorchen. Zwar beruft sich Putin auf das imperiale Erbe der Sowjetunion, aber seine Herrschaft hat sich von den Traditionen des sozialistischen Staates längst gelöst. ... Putins Macht beruht auf dem Geheimdienst, in dem er selbst sozialisiert worden ist und der sich das staatliche Gefüge weitgehend unterworfen hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.01.2025 - Geschichte

"Wie allen ikonoklastischen Bewegungen ist auch der postkolonialen Theorie das Schicksal nicht erspart geblieben, in Teilen selbst zu erstarren und einzelne Denker zu Ikonen zu erheben", halten der Historiker Robert Gerwarth und der Historiker Stephan Malinowski in der Zeit fest. Was die Debatte um das Verhältnis zwischen Kolonialismus und Holocaust angeht, wird sie nicht mehr "allein von rechts bestritten, sondern auch von einer linken, tendenziell jungen, global vernetzten akademischen Elite und ihren aktivistischen Vereinfachern." Am "Antikolonialismus geschulte Intellektuelle haben eurozentrische und mit kolonialen Traditionen verklebte Weltbilder oft treffend kritisiert. In Teilen aber ist die sich als progressiv verstehenden Lehre, die einst gegen die 'großen Erzählungen' angetreten war, selbst zu einer solchen geworden. Diese erbringt längst die Leistungen aller Ideologien: Sie bietet einfache Antworten für komplexe Realitäten und eine binäre Trennung von Gut und Böse an. In diesem Fall die Imagination eines zeitlos unterdrückten 'Globalen Südens', der sich zwar nicht präzise lokalisieren lässt, dafür aber gegen einen vermeintlich ewigen Kolonialismus steht, der historisch den NS-Staat und seine Verbrechen einschließt und in der Sicht nicht weniger Autoren in der angeblichen Kolonialmacht Israel kulminiert."