9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.07.2021 - Geschichte

Keine Kommunistische Partei war je so erfolgreich wie die chinesische, schreibt der Sinologe Klaus Mühlhahn in der FAZ. Vielleicht kam ihr bei der Gründung vor hundert jahren ihre Ignoranz zugute, denn der Marxismus war "bei den Chinesen kaum bekannt. In chinesischer Übersetzung lagen lediglich ein kurzer Auszug aus dem 'Kommunistischen Manifest' sowie eine Übersetzung von Friedrich Engels' Vorwort zu dessen englischer Ausgabe aus dem Jahr 1888 vor. Dies war für lange Zeit der einzige marxistische Text, der vollständig vorlag." Ebenfalls in der FAZ erzählt der Sinologe Wolfgang Kubin, der in China lehrt, von seinen Schwierigkeiten bei der Wiedereinreise.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.06.2021 - Geschichte

Karl Pfeifer erinnert in der Jüdischen Allgemeinen an ein stalinistisches Verbrechen in Ungarn: Vor siebzig Jahren wurden angebliche Angehörige ehemaliger Eliten von Budapest aufs Land ausgesiedelt, um knappen Wohnraum freizumachen. Zu den Eliten zählte man offenbar auch die überlebenden Juden. "Die ausgesiedelten Juden wiesen darauf hin, dass sie wenige Jahre zuvor schon einmal deportiert worden waren. Manche steckten sich einen gelben Stern an. Die Schoa-Überlebenden waren schockiert. Denn sie hatten erlebt, wie nach der deutschen Besatzung das noch existierende Horthy-Regime die Juden der Provinz nach Auschwitz-Birkenau deportierte und wie nach der Machtergreifung der Pfeilkreuzler Juden massakriert wurden. Sie waren so dankbar gewesen für die Befreiung durch die Rote Armee - und waren jetzt doch wieder gefährdet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2021 - Geschichte

Die Schriftstellerin Dana von Suffrin fragt sich in der SZ, warum selbst sie, die in einer akademischen, polyglotten rumänisch-jüdischen Familie aufgwuchs, nie vom Pogrom in Jassy gehört hat. Nach der Bombardierung durch sowjetische Flieger wurden die Juden beschuldigt, mit den Kommunisten im Bunde zu stehen. Im Juni 1941, vor achtzig Jahren also, dreht die moldauische Stadt komplett durch: "Gendarmen nahmen Rabbiner fest, weil sie angeblich in den Himmel gestikulierten, obwohl sie sich nur den Schweiß aus dem Gesicht wischen. Es wurde auch eine Familie verhaftet, die eine rote Decke zum Trocknen in den Hof hing. Marschall Ion Antonescu forderte Vergeltung. Innerhalb weniger Tage brachten die rumänische Polizei, die Armee, befreite, bewaffnete Faschisten der Legionärsbewegung, ein paar Wehrmachtseinheiten und Teile der rumänischen Bevölkerung 13.000 Juden um. Zuerst erschoss man Tausende Juden in und vor der Stadt, die anderen stopfte man in Züge, um sie ersticken oder verdursten zu lassen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2021 - Geschichte

Fotounterschrift des Rijksmuseums: "Messinghalsband. Dieses Halsband war ursprünglich als Hundehalsband katalogisiert, wurde aber möglicher Weise von einem Menschen getragen." Foto: Rijksmuseum


Zum ersten Mal in seiner Geschichte veranstaltet das Rijksmusum eine Ausstellung über Sklaverei, ein Wirtschaftssystem, das die Niederlande reich machte. Lange Zeit konnten die Museumleute das Halsband oben nicht zuordnen, notiert Alexandra Wach im Standard: "Dabei hätte nur ein Blick in die eigene Sammlung gereicht, um das Halsband auf Gemälden der Zeit zu finden. Die Träger waren stets junge Diener afrikanischer Herkunft. Offiziell galten sie nicht als Sklaven, denn Menschenhandel betrieben die Niederländer nur außerhalb ihrer Grenzen. Rechtlich waren sie frei, im Gegensatz zu über 600.000 Leibeigenen, die auf Zuckerrohrplantagen der Niederländischen Ostindien-Kompanie (VOC) schufteten, von Brasilien über Surinam bis nach Südafrika. Erst 1863 rangen sich die Niederlande zur Abschaffung der Sklaverei durch."

Was hat es mit den Knochenfunden auf dem Gelände des "Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Genetik (KWIA)", das heute zur FU Berlin gehört, auf sich? Götz Aly hatte in der Berliner Zeitung vermutet, dass es sich um Überreste von Auschwitzgefangenen handelte, die von Josef Mengele gequält worden waren (unser Resümee). Ulrike Baureithel zeichnet in der taz die Diskussion nach. Die FU Berlin hat in der Berliner Zeitung inzwischen eine Gegendarstellung veröffentlicht. Die Archäologen Susan Pollock und Reinhard Bernbeck wandten sich im Tagesspiegel gegen die Aly-Vermutung. "Der ihnen zuarbeitende Historiker Axel Hüntelmann konnte in seiner minuziösen Archivrecherche, deren Ergebnisse der taz vorliegen, weder unmittelbare Beweise für Auschwitz als Herkunftsort eruieren, noch scheint ihm diese Theorie plausibel im Hinblick auf die veränderte wissenschaftliche Ausrichtung des Instituts seit Ende der zwanziger Jahre und seine chaotische Auflösung kurz vor Kriegsende. Wahrscheinlicher sei eine 'Entsorgungsaktion' von Teilen der anthropologischen Sammlung, der sich das Institut habe entledigen wollen. Handfeste Beweise gibt es dafür ebenfalls nicht." Aly hatte am 15. Juni in der Berliner Zeitung nachgesetzt.

Wenn dieses Jahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" gefeiert werden, fühlt sich das für den Soziologen Y. Michal Bodemann in der SZ einfach falsch an. Denn das deutsche Judentum ging 1945 "unwiederbringlich zu Ende", schreibt er: "Tatsächlich waren, was von den Vorkriegsstrukturen übrig geblieben war, 'Liquidationsgemeinden', die aufgelöst werden sollten. Auch ein Großteil der Überlebenden, einschließlich ihrer Führung, verließ Deutschland Richtung Palästina oder den USA. Noch 1950 war im Zentralrat keine Rede von einem neuen deutschen Judentum. Es ging um die Abwicklung der Reste des Vorkriegsjudentums, und Neujahrsgrüße des Zentralrats gingen an die 'verantwortlichen Männer unserer Regierung', Präsident Weizmann und Ben-Gurion, den Ministerpräsidenten Israels. Bis in die 1960er-Jahre verließen selbst viele Kinder der in Deutschland gestrandeten Juden unter Vorwürfen an die Eltern die Bundesrepublik."

Die Schau "Sprachlosigkeit" der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) befasst sich mit historischen Traumata und ihrer künstlerischen Darstellung, ein hoch aktuelles Thema also. Das Verdienst, das Léontine Meijer-van Mensch (die die ethnografische Sammlung der SKD leitet) am Zustandekommen der Schau hat, wird in den Begleitpublikationen, die man zur Schau lesen sollte, zum Glück sehr häufig benannt, notiert der Rezensent Andreas Platthaus in der FAZ. Für ihn das interessanteste Exponat war der "höfliche Brief von Repräsentanten der Kaurna an die SKD, in der sie um Rückgabe von vier Artefakten bitten, die im 19. Jahrhundert von Missionaren nach Sachsen mitgenommen worden waren. Die Missionare hatten aber auch ein Lexikon des Wortschatzes der Kaurna erstellt, das es jüngst ermöglichte, deren schon ausgestorbene Sprache wiederzubeleben. Die vier Objekte und noch ein weiteres werden bald den Rückweg nach Australien antreten und sind somit hier zum letzten Mal in Dresden zu sehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2021 - Geschichte

"Auf der Einmaligkeit des Holocausts bestehen heißt vor allem: die Möglichkeit von Universalgeschichte und Universalmoral und das Konzept der historischen Wahrheit verteidigen, das im Zeitalter des Relativismus wichtiger ist als je zuvor", entgegnet Alan Posener in der Welt A. Dirk Moses und den postkolonialen Historikern (unsere Chronik der Debatte), denen er vorwirft, den Holocaust aus ideologischen Gründen zu relativieren und die Welt in "böse Weiße und ihre schwarzen farbigen Opfer" einzuteilen: "Der Holocaust ist nicht vergleichbar mit der Niederschlagung des Herero- oder Maji-Maji-Aufstands: Es gab keinen jüdischen Aufstand gegen Deutschland. Kein afrikanisches Volk wurde je als Weltfeind ausgemacht, das die Deutschen, ja die Menschheit selbst, jenseits der Kolonien gefährdete und unterwerfen wollte. Niemals wurde versucht, ein afrikanisches Volk bis auf das letzte Kind, den letzten Greis auszurotten. Nein, als Übertragung kolonialer Methoden auf 'Weiße' macht der Holocaust keinen Sinn. Als Höhepunkt des fast zweitausendjährigen christlichen Antijudaismus schon. Denn der Kolonialismus und die Unterjochung schwarzer und anderer farbiger Leiber ist nicht, wie die Postkolonialen behaupten, die Ursünde des Westens. Vielmehr ist die Gewalt gegen das Andere ein Merkmal Europas wie jeder anderen Gesellschaft; und die antisemitische Gewalt als Ursünde des Christentums eine Konstante im Abendland."

In der Zeit versucht Christian Staas in der Debatte um A. Dirk Moses indes eine mittlere Position zu beziehen.

Die Verbrechen gegen die aufständischen Herero und Nama wurden von der Öffentlichkeit schon angeprangert, als sie geschahen, schreibt der Historiker Steffen Wenig, der zu dem Thema geforscht hat, in der Zeit. Besonders die Sozialdemokratie benannte die Verbrechen: "Der Vorwärts spricht Ende Januar von einer 'Ausrottungsstrategie', der Zehntausende Herero zum Opfer gefallen seien, bevor die Regierung eingegriffen habe. Dass sich nach der Zurücknahme des 'Vernichtungsbefehls' bereits Tausende Herero ergeben hätten, zeuge davon, dass 'durch eine vernünftigere und humanere Kriegsführung' viele Menschenleben gerettet worden wären. 'Eine grausamere Kriegsführung', schreibt die Zeitung, sei 'noch von keiner Kolonialmacht betrieben' worden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2021 - Geschichte

Die Historiker Peter Brandt und Lothar Machtan  haben vor einigen Tagen bereits in der SZ dargelegt, dass die Hohenzollern nur deshalb heute unangemessene Ansprüche erheben können, weil sie in der Weimarer Republik nicht nach den Regeln der Kunst enteignet worden waren (unser Resümee). Heute schildern die beiden in der SZ den demokratiezersetzenden Einfluss der reaktionären, ehemals wilhelminischen Eliten in der Weimarer Zeit. Hindenburg war zwar alles andere als ein Freund der Hohenzollern, und monarchistische Bestrebungen schienen um 1930 nicht mehr realistisch. Aber dennoch "beteiligten sich Angehörige ehemaliger Fürstenhäuser mehr oder weniger aktiv, mehr oder weniger prominent am antidemokratischen Zerstörungswerk; während andere, so namentlich die bayerischen Wittelsbacher, in deutlicher Distanz, ja Opposition zumindest zur Hitler-Bewegung blieben. War die Rückkehr der mittleren und kleinen Fürsten auf den Thron in den 1930er-Jahren kein Thema mehr, so setzten die Hohenzollern - der frühere Kaiser jedenfalls und der Ex-Kronprinz Wilhelm - bis 1933 auf eine Restauration der Monarchie mithilfe der NSDAP, womöglich nach dem Vorbild Mussolini-Italiens. Noch mehr aber engagierten sie sich als 'Zerstörer' der Weimarer Republik; woraus sie auch nie einen Hehl gemacht haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2021 - Geschichte

In der SZ erinnert Sonja Zekri an den Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion vor achtzig Jahren: "Wenn man über das 'Unternehmen Barbarossa' redet, muss man noch einmal daran erinnern, dass es kein Krieg war, sondern ein apokalyptischer Vernichtungsfeldzug, der auf die Auslöschung ganzer Staaten wie etwa der Sowjetunion zielte. Oder daran, dass die deutschen Chefplaner mit dem Hungertod von 30 Millionen Zivilisten im ersten Winter rechneten. Viele weitere Menschen sollten ermordet oder versklavt werden. Man muss auch daran erinnern, dass dann tatsächlich 27 Millionen Sowjetbürger starben, im heutigen Belarus allein jeder dritte Mensch. Man muss an die eingekesselten und ausgehungerten Städte erinnern - an Leningrad natürlich, aber auch Kiew und Charkiw. Man muss wissen, dass in den Augen der deutschen Verbrecher Russen, Belarussen, Ukrainer und auch die zuvor besetzten Polen als nicht kulturfähig galten, ja als verachtenswertes Leben." Daran sollte man gerade auch denken, wenn man heute Russland kritisiert, meint Zekri.

Bei den Ruhrbaronen schreibt Stefan Laurin: "Die Tatsache, dass der Krieg gegen die Sowjetunion ein Kolonialkrieg war, hat sich immer noch nicht ganz durchgesetzt. Die deutschen Kolonien, soweit sie überhaupt im öffentlichen Bewusstsein sind, lagen demnach in Afrika, in der Südsee oder in China: Deutsch-Südwest, Deutsch-Südwest, Tsingtau, Samoa und Neu-Guinea. Der koloniale Charakter der Eroberungen Polens, Tschechiens, in Russland, der Ukraine und Weißrussland wird nur selten benannt. Auch in den aktuellen postkolonialen Debatten kommt Osteuropa nur am Rand vor. "

Die Ausstellung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung ist von den Streitigkeiten, die ihre Entstehung über Jahre begleiteten - besonders natürlich den Streit um Erika Steinbach, die zur AfD abdriftete und zur Eröffnung nicht eingeladen war - gezeichnet, schreibt Andreas Kilb in der FAZ. Er schildert sie als zweigeteilt, einen allgemein menschlichen Teil im ersten Stock, einen spezifisch deutschen und konkreter wirkenden im zweiten. "Die Streitfrage, ob das Schicksal der Deutschen 'der' oder nur ein Schwerpunkt des Hauses ist, wird sich historisch erledigen, denn je länger das Dokumentationszentrum existiert, desto globaler und umfassender muss sein Blick auf die Themen sein, die es behandelt."

Die Idee des Universalismus speist sich keineswegs allein aus westlichen Quellen, zeigt der Ethnologe Karl-Heinz Kohl in der FAZ mit Blick auf den "Irokesenbund", der die amerikanischen Verfassungsväter inspirierte. Amerikanische Historiker hätten gezeigt, "dass das irokesische Demokratiemodell auch für die Verfassung der Vereinigten Staaten Pate gestanden hatte. Wie sie zeigten, hatten einige der wichtigsten Vorkämpfer für die Unabhängigkeit der Kolonien von England Kontakte zu Irokesen unterhalten und sich intensiv mit ihren politischen Institutionen befasst. So hob zum Beispiel John Adams nach einem gemeinsamen Besuch mit George Washington bei den Mohawk die große Bedeutung hervor, die bei ihnen persönlichen Freiheitsrechten zukam."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.06.2021 - Geschichte

Die taz bringt ein großartiges Dossier zur Erinnerung an den Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion vor achtzig Jahren (Editorial). Karl Schlögel erzählt in einem sehr persönlichen Text, wie er in den Sechzigern zum ersten Mal nach Moskau reiste, wie er lernte, die Abgründe der Geschichte auszuloten, und wie er dabei auch versagte: "Es war mir bei meinen Reisen seit den siebziger Jahren nicht klar, dass ich mich auf den Spuren meines Vaters bewegte, der - bis auf ein Jahr in Belgien und Frankreich - an der 'Ostfront' im Einsatz war. Wie viele meiner Generation, die alles besser und sich auf der richtigen Seite der Geschichte wussten, war es bald zum Bruch gekommen. Man schwieg, wo es besser gewesen wäre, nachzubohren und zuzuhören. Aber ich, der marxistisch aufgeklärte und moralisch überlegene Sohn, war an dem Gespräch mit dem Vater, dem vor dem Krieg jungen, angehenden Hoferben aus dem Allgäu, nicht mehr interessiert."

Außerdem besucht Sabine Seifert das ehemalige Kriegsgefangenenlager Sandboste und spricht mit Lars Hellwinkel, dem Leiter der Gedenkstätte. Ingo Schulze erinnert an eines der schlimmsten Verbrechen, die Blockade Leningrads - Schulze hat in den Neunzigern einige Jahre in Sankt Petersburg gelebt. Und Klaus Hllenbrand spricht mit dem Staatsanwalt Thomas Will über Ermittlungen zu Kriegsverbrechen in Kriegsgefangenenlagern. Der grüne EU-Abgeordnete Sergey Lagodinsky sagt im Gespräch mit Thomas Gerlach und Stefan Reinecke: "Wir haben Verantwortung gegenüber der russischen Bevölkerung, nicht gegenüber der russischen Regierung."

Und der belarussische Autor Sascha Filipenko erzählt im Gespräch mit Barbara Oertel, wie das Lukaschenko-Regime die Vergangenheit nutzt, um die Gegenwart gleichzuschalten. Und dabei die atlbekannten Techniken des Stalinismus nutzt: "Es gibt viele Parallelen. Jeden Tag verschwinden Menschen und werden so lange gefoltert, bis sie sagen, Lukaschenko sei ein großer Führer. Der einzige Unterschied ist, dass wir nicht so viele Opfer haben wie während der Stalin'schen Repressionen. Aber wir sind ja in Belarus auch nur neun Millionen. Doch allein in den letzten neun Monaten sind 40.000 Menschen durch die Gefängnisse gegangen."

In der FAZ weist der Historiker Jochen Hellbeck, Professor an der Rutgers University, auf neue Quellen zum Überfall hin, Interviews, die direkt nach der Befreiung deutsch besetzter Gebiete geführt wurden: "Ihre Entstehung verdanken diese Interviewprotokolle einer sowjetischen Historikerkommission, die sich zum Ziel gesetzt hatte, den Krieg umfassend zu dokumentieren. Zu diesem Zweck folgten kleine Teams von Historikern und Stenografinnen der Roten Armee auf ihrem Vormarsch nach Westen, um in zerstörten Städten und Dörfern mit Überlebenden zu sprechen."

Viktor Jerofejew kommt in der FAZ auf die sowjetische Mitverantwortung für die von den Deutschen fabrizierte Apokalypse zurück: "Ohne Stalin hätte es Hitler nicht gegeben. Tatsache ist, dass Stalins Politik der Möglichkeit, die UdSSR als Versuchsgelände für die Weiterentwicklung der Streitkräfte Nazideutschlands zu benutzen, Vorschub geleistet hat. Der Molotow-Ribbentrop-Pakt bedeutete nicht nur die Aufteilung der Welt, sondern auch ein Befeuern des Krieges. Die Regierenden in der UdSSR freuten sich sogar naiv über Hitlers Erfolge im Westen und schickten Grußtelegramme anlässlich seiner Siege."

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Sonja Zekri hat für die SZ die Dauerausstellung im neuen Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung besucht und ist mit der Balance von deutscher Schuld und deutschem Leid in der Ausstellung ganz zufrieden: Der Weg im zweiten Stock "führt durch Räume über die NS-Expansionspolitik, über die 'Lebensraum'-Ideologie für das besetzte Osteuropa. Einzelne Vitrinen sind der deutschen Besatzung in Polen, Ungarn, der Sowjetunion gewidmet und dem Holocaust. Das alles ist knapp, aber unmissverständlich .. Und doch gab es (im ersten Stock) den siebenjährigen Eitel Koscharreck, der aus Ostpreußen in einem viel zu großen Fellmantel floh, den zehnjährigen Rudi, der in Polen ein 'N' auf der Kleidung trug, das ihn als Deutschen auswies, kann die Ausstellung den Widerspruch zwischen nationaler Verantwortung und individueller Unschuld nicht auflösen. Und sie versucht es glücklicherweise auch nicht." In einem zweiten Artikel erinnert Nico Fried an das schwierige Verhältnis von Angela Merkel und Erika Steinbach, Mitbegründerin des Zentrums, die nicht zur Einweihung eingeladen war. Im Tagesspiegel unterhält sich Udo Badelt mit der Leiterin des Zentrums Gundula Bavendamm.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.06.2021 - Geschichte

Es wird Zeit, dass Deutschland endlich des Überfalls auf die Sowjetunion vor achtzig Jahren und des mörderischen Krieges gedenkt, den die Nazis dort führten, schreibt SZ-Redakteur Joachim Käppner im Leitartikel der Zeitung. Er kann es nicht lassen, das große Thema mit Tagespolitik zu verbinden: Frank-Walter Steinmeier, der angemessene Worte zum Anlass fand, wünscht er eine zweite Amtszeit. Aber Käppner ist nicht mit allen Politikern zufrieden. "Nur ein Beispiel: Ist es wirklich eine kluge Idee, wenn der Bundesvorsitzende der Grünen Waffenlieferungen an die Ukraine anregt? Man kann, ja soll Putins Gewaltpolitik dort verurteilen, aber dabei doch nicht vergessen, dass nicht wenige Ukrainer, damals von Stalin brutal unterdrückt, zu Handlangern der deutschen Invasoren wurden - und viele andere Ukrainer wiederum Opfer der Nazis. Diese Wunden einer sehr komplexen und grausamen Geschichte sind bei Russen und Ukrainern nicht verheilt."

Der "Juneteenth", der 19. Juni, ist der Tag, an dem in den USA endgültig die Sklaverei abgeschafft wurde. In diese Woche wurde er mit dem "Juneteenth National Independence Day Act" vom Senat und Joe Biden offiziell zum Feiertag gemacht, berichtet Christian Zaschke in der SZ: "Die politische Umsetzung ging nun für amerikanische Verhältnisse sensationell schnell. Am Dienstag dieser Woche verabschiedete der Senat einstimmig die Gesetzesvorlage, der zufolge Juneteenth ein nationaler Feiertag werden sollte. Dass es in diesem zerstrittenen Land jemals wieder einen einstimmigen Senatsbeschluss geben würde, hätten wohl selbst kühnere Optimisten nicht für möglich gehalten."

Die Historikerin Kate Masur erinnert in der New York Times allerdings daran, dass das Ende der Sklaverei in den meisten Staaten nicht das Ende diskriminierender Gesetze bedeutete - bis heute: "Der Juneteenth sollte uns also nicht nur an die Freude und Erleichterung erinnern, die das Ende der Sklaverei begleiteten, sondern auch an die unvollendete Arbeit der Auseinandersetzung mit dem Erbe der Sklaverei. Dank der Bemühungen von Generationen von Aktivisten gehören Gesetze, die explizit auf der Grundlage von Hautfarbe diskriminieren, der Vergangenheit an. Aber heutige Konservative erinnern an ihre Vorgänger aus dem 19. Jahrhundert, wenn sie die Duldung der Bundesbehörden für Wahlgesetze in Bundesstaaten fordern und dies mit den Rechten von Bundesstaaten und angeblich verfälschten Wahlergebnissen rechtfertigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2021 - Geschichte

Zumindest auf den Meinungsseiten der SZ ist die Debatte um A. Dirk Moses' Polemik gegen den "Katechismus der Deutschen" (unsere Resümees) nun auch angekommen. Es gehe Moses nur vordergründig um die Vergangenheitsbewältigung der Deutschen, stellt der Historiker Norbert Frei in seiner Kolumne fest. "Ziel ist vielmehr die Etablierung neuer Regeln: Der Holocaust soll 'kontextualisiert', Antisemitismus soll als bloße Unterform eines allgegenwärtigen Rassismus verstanden werden, und keinesfalls darf weiterhin die Einsicht gelten, dass Antisemitismus sich als Antizionismus verkleiden kann... Moses' Mixtur aus derber Polemik und aktivistischer Agenda ist nicht nur für Verfechter linker Identitätspolitik attraktiv, sondern auch für die intellektuelle Rechte. Kaum war der Beitrag online, titelte Martin Sellner auf der Homepage der neurechten Zeitschrift Sezession, das Lieblingswort der Holocaust-Leugner vorsichtshalber in Anführungszeichen setzend: 'Postkoloniale Angriffe auf den 'Auschwitz-Mythos'".