Die
taz bringt ein großartiges Dossier zur Erinnerung an den
Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion vor achtzig Jahren (
Editorial).
Karl Schlögel erzählt in einem sehr persönlichen Text, wie er in den Sechzigern zum ersten Mal nach Moskau reiste, wie er lernte, die Abgründe der Geschichte auszuloten, und wie er dabei auch versagte: "Es war mir bei meinen Reisen seit den siebziger Jahren nicht klar, dass ich mich auf den
Spuren meines Vaters bewegte, der - bis auf ein Jahr in Belgien und Frankreich - an der 'Ostfront' im Einsatz war. Wie viele meiner Generation, die alles besser und sich auf der
richtigen Seite der Geschichte wussten, war es bald zum Bruch gekommen. Man schwieg, wo es besser gewesen wäre, nachzubohren und zuzuhören. Aber ich, der marxistisch aufgeklärte und moralisch überlegene Sohn, war an dem Gespräch mit dem Vater, dem vor dem Krieg jungen, angehenden Hoferben aus dem Allgäu, nicht mehr interessiert."
Außerdem
besucht Sabine Seifert das ehemalige Kriegsgefangenenlager Sandboste und spricht mit
Lars Hellwinkel, dem Leiter der Gedenkstätte.
Ingo Schulze erinnert an eines der schlimmsten Verbrechen, die
Blockade Leningrads - Schulze hat in den Neunzigern einige Jahre in Sankt Petersburg gelebt. Und Klaus Hllenbrand
spricht mit dem Staatsanwalt Thomas Will über Ermittlungen zu Kriegsverbrechen in
Kriegsgefangenenlagern. Der grüne EU-Abgeordnete
Sergey Lagodinsky sagt im Gespräch mit Thomas Gerlach und Stefan Reinecke: "Wir haben Verantwortung gegenüber der
russischen Bevölkerung, nicht gegenüber der russischen Regierung."
Und der belarussische Autor
Sascha Filipenko erzählt im Gespräch mit Barbara Oertel, wie das Lukaschenko-Regime die Vergangenheit nutzt, um die Gegenwart gleichzuschalten. Und dabei die atlbekannten
Techniken des Stalinismus nutzt: "Es gibt viele Parallelen. Jeden Tag verschwinden Menschen und werden so lange gefoltert, bis sie sagen, Lukaschenko sei ein großer Führer. Der einzige Unterschied ist, dass wir nicht so viele Opfer haben wie während der Stalin'schen Repressionen. Aber wir sind ja in Belarus auch nur neun Millionen. Doch allein in den letzten neun Monaten sind
40.000 Menschen durch die Gefängnisse gegangen."
In der
FAZ weist der Historiker
Jochen Hellbeck, Professor an der Rutgers University, auf
neue Quellen zum Überfall hin, Interviews, die direkt nach der Befreiung deutsch besetzter Gebiete geführt wurden: "Ihre Entstehung verdanken diese Interviewprotokolle einer
sowjetischen Historikerkommission, die sich zum Ziel gesetzt hatte, den Krieg umfassend zu dokumentieren. Zu diesem Zweck folgten kleine Teams von Historikern und Stenografinnen der Roten Armee auf ihrem Vormarsch nach Westen, um in zerstörten Städten und Dörfern
mit Überlebenden zu sprechen."
Viktor Jerofejew kommt in der
FAZ auf die sowjetische Mitverantwortung für die von den Deutschen fabrizierte Apokalypse zurück: "
Ohne Stalin hätte es Hitler nicht gegeben. Tatsache ist, dass Stalins Politik der Möglichkeit, die
UdSSR als Versuchsgelände für die Weiterentwicklung der Streitkräfte Nazideutschlands zu benutzen, Vorschub geleistet hat. Der
Molotow-Ribbentrop-Pakt bedeutete nicht nur die Aufteilung der Welt, sondern auch ein Befeuern des Krieges. Die Regierenden in der UdSSR freuten sich sogar naiv über Hitlers Erfolge im Westen und schickten Grußtelegramme anlässlich seiner Siege."
-------Sonja Zekri hat für die
SZ die Dauerausstellung im neuen
Dokumentationszentrum Flucht,
Vertreibung,
Versöhnung besucht und ist mit der Balance von deutscher Schuld und deutschem Leid in der Ausstellung ganz zufrieden: Der Weg im zweiten Stock "führt durch Räume über die
NS-
Expansionspolitik, über die 'Lebensraum'-Ideologie für das besetzte Osteuropa. Einzelne Vitrinen sind der
deutschen Besatzung in Polen, Ungarn, der Sowjetunion gewidmet und dem
Holocaust. Das alles ist knapp, aber unmissverständlich .. Und doch gab es (im ersten Stock) den
siebenjährigen Eitel Koscharreck, der aus Ostpreußen in einem viel zu großen Fellmantel floh, den
zehnjährigen Rudi, der in Polen ein 'N' auf der Kleidung trug, das ihn als Deutschen auswies, kann die Ausstellung den Widerspruch zwischen nationaler Verantwortung und individueller Unschuld nicht auflösen. Und sie versucht es glücklicherweise auch nicht." In einem zweiten Artikel erinnert Nico Fried an das schwierige Verhältnis von Angela Merkel und
Erika Steinbach, Mitbegründerin des Zentrums, die nicht zur Einweihung eingeladen war. Im
Tagesspiegel unterhält sich Udo Badelt mit der Leiterin des Zentrums
Gundula Bavendamm.