9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2021 - Gesellschaft

Wer einen Backlash für gegenderte Sprache befürchtet, den kann der Sprachhistoriker Horst Simon beruhigen: Man muss sie nur immer wieder wiederholen, dann schleift sie sich das ganz von selbst ein: "Sprache ist ein zentrales semiotisches Mittel, um Menschen einzuordnen; sie gibt ihnen andererseits aber auch die Möglichkeit, nach außen zu tragen, wie sie gesehen werden möchten. Jemand benutzt den Genderstern, um sich als moderner, liberaler, aufgeklärter Mensch zu zeigen - ein anderer macht das gerade nicht. Jemand sagt das N-Wort, weil er zum Ausdruck bringen möchte, dass er sich nichts einreden lasse, muss sich gleichzeitig aber gefallen lassen, dass er als diskriminierend und wenig rücksichtsvoll gesehen wird."

Vor allem die Medien haben Einfluss auf die Sprache, erklärt, ebenfalls in der SZ, Aurelie von Blazekovic. Und hier wird - außer im BR - bereits sehr viel gegendert. Zwar ist die Ablehnung dieser Sprache bei den Zuhörern und -schauern von 56 Prozent auf 65 Prozent gestiegen, doch in den Redaktionen darf im wesentlichen jeder sprechen wie er will. Viele gendern, überhaupt werde "experimentiert, reagiert, verworfen, neu probiert. Und das ist doch eine gute Nachricht für jede, jeden, für alle."

In Berlin hat die queere Partyreihe "Buttons" bekannt gegeben, dass sie künftig keine Veranstaltungen mehr im linken Nachtclub "About Blank" machen wird, weil der Verteufelungen Israels verurteilt. "Die Befreiung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transpersonen (LGBT) sei grundlegend 'mit den Träumen der palästinensischen Befreiung verbunden'", sagen die Buttons" laut Frederik Schindler in der Welt, der einmal mehr erkennt, dass Antisemitismus eine Ideologie ist, die sich nicht durch Erkenntnis entkräften lässt. "Während jährlich 250.000 Menschen auf der Pride-Parade in Tel Aviv feiern, ist daran in den arabischen Nachbarländern nicht zu denken. Außer in der libanesischen Hauptstadt Beirut gibt es keine offene LGBT-Szene. Homosexualität wird in weiten Teilen der arabischen Gesellschaften massiv geächtet und staatlich verfolgt. Der Hass auf die Schwulen geht dabei eine hässliche Koalition ein mit dem Hass auf weibliche Sexualität, Selbstbestimmung und Emanzipation. Im Gazastreifen kann gleichgeschlechtlicher Sex zwischen Männern mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2021 - Gesellschaft

Morten Freidel erklärt in der FAS, warum es richtig ist Ehrenmorde als "Ehrenmorde" zu bezeichnen und sie nicht in dem großen Gefäß "Femizid" verschwinden zu lassen. Nach dem Mord zweier Brüder afghanischer Herkunft an ihrer Schwester hatten viele Stimmen - unter anderem Berlins Integrationssenatorin Elke Breitenbach von der Linken, gefordert, den Begriff Ehrenmord nicht mehr zu benutzen: "Sie stellen Beziehungstaten und Ehrenmorde auf eine Stufe. Zwar gibt es auch für Morde an Partnerinnen strukturelle Gründe, häufig ein patriarchalisches Besitzdenken. Allerdings: Wer seine Partnerin tötet, tut das in der Regel allein, manchmal im Affekt. Ehrenmorde hingegen werden fast immer von mehreren geplant. Sie sollen zudem ein Zeichen an andere Familien aussenden."

Julia Schaaf hat für die FAS Clara Rigoni vom Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht befragt, die sich mit dieser Thematik befasst: "Natürlich seien 'Ehrenmorde' Femizide, also Tötungen von Frauen. Aber man müsse sie von Beziehungs- und Partnerschaftsgewalt unterscheiden, weil die Dynamik grundsätzlich eine andere sei: Zum einen seien meist mehrere Täter involviert, zumindest in der - oft gründlichen - Vorbereitung: 'Es ist wirklich eine kollektive Tat.' Zum anderen gehe die Gewalt nicht vom Ehemann, Expartner oder Partner aus, sondern von der eigenen Familie. Weshalb gängige europäische Opferschutzkonzepte so schlecht griffen."

In der SZ berichtet ein begeisterter Till Briegleb von der Konferenz "Berlin questions", die die "Wachstums-Ideologie" verabschieden wollte und aus Klimaschutzgründen möglichst nicht mehr neu bauen will. Statt dessen wurden diskutiert: Umwidmung und Enteignung. "Die Künstlerin Hito Steyerl propagierte die alte Idee der 'Commons', also der gemeinschaftlichen Güter, als Alternative zur Profitwirtschaft. Wohnraum wie digitale Daten, Bodenrechte wie Mobilitätsangebote, Wasser- wie Energieversorgung müssten demnach aus dem Besitz von Konzernen zurück in die Verantwortung der Gemeinschaft geführt werden. Das ist zwar eine extrem verhasste Idee bei Vertretern des Glaubens, dass der Markt alles schon richten wird. Aber das offensichtliche Versagen dieser Behauptung im globalen Maßstab führt dazu, dass immer mehr Menschen am eigenen Leib spüren, wie Marktabsolutismus sie zu Opfern einer gierigen Dynamik macht, nicht zu Teilhabern des Wohlstands." Bürgermeister Michael Müller, dafür zuständig, dass jeder, der nach Berlin kommt, auch eine Wohnung findet, verließ nach der Eröffnung fluchtartig die Konferenz, lesen wir.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2021 - Gesellschaft

Bei einem Treffen hatte Maxim Biller Max Czollek vorgeworfen, ein "Faschings- und Meinungsjude" zu sein, der "linken Deutschen nach dem Mund" rede. Daraufhin empörte sich Czollek auf Twitter über diese "inner-jüdische Diskriminierung". In seiner Zeit-Kolumne erklärt Biller sich: "Warum wollten auf einmal so viele Leute Juden sein, dachte ich, und warum gingen sie trotzdem nicht zum nächstbesten Rabbiner und konvertierten? (...) Sie wollten am Ende eben doch keine Juden sein! Denn als echte Juden im Sinn einer zweitausend Jahre alten Tradition, rabbinisch und weltlich, würden sie garantiert keine BDS-Dschihadisten mehr verteidigen, die acht Millionen Israelis im Mittelmeer ertränken wollen. Sie würden aufhören, in so verwirrten, antijüdischen Juden wie Kurt Tucholsky oder Hannah Arendt ihre Vorbilder zu sehen. Und es würde ihnen nicht im Traum einfallen, die Verfolgung der europäischen Juden mit der Situation von Frauen, Schwulen und Muslimen von heute gleichzusetzen, so wie es Max eben auch noch bei seinem Vortrag über die Aufgaben und Schwächen des Archivs der Berliner Akademie getan hatte." Leisen Zweifel meldet Biller am Ende des Artikels dann doch an.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2021 - Gesellschaft

Bei Femiziden ist "fast immer der Partner oder Ex-Partner tatverdächtig, Auslöser meist die bevorstehende oder vollzogene Trennung", schreibt Ralf Leonhard über die relativ hohe Zahl von "Beziehungstaten" in Österreich. Es sei das einzige EU-Land, wo mehr Frauen als Männer Gewaltverbrechen zum Opfer fallen. "Für die feministische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz ist es das katholische Erbe, das im Land der erfolgreichen Gegenreformation eine latente und offene Frauenfeindlichkeit erzeugt habe. Dass nicht wenige der Femizide von muslimischen Zuwanderern verübt werden, ist für sie im Interview mit der taz kein Widerspruch: 'Es gibt einen Schulterschluss zwischen Fundamentalismen jeder Art.'"

Die Querdenker leben ein Paradox, schreibt Jörg Häntzschel in der SZ: Einerseits machen sie oft Juden verantwortlich für Corona, andererseits inszenieren sie sich selbst als Juden, denen das Reden verboten wird. Das kann oft nur Theater sein, aber gar nicht so wenige scheinen sich wirklich so zu sehen. "Bleibt die Frage, woher diese manchmal reale Angst rührt. Warum manche keinen anderen Zugang zur Welt finden, als immer drastischere Schreckensfantasien zu kreieren, in denen sie sich geschichtsvergessen verlieren. Wo sich Hass und Hetze, Psychosen und persönliche Probleme mischen, werden die Antworten auf diese Fragen wohl diffus bleiben. Suchen sollte man dennoch nach ihnen. Denn in der aggressiven Lust, Opfer zu sein, steckt, so [der Literaturwissenschaftler] Wolfram Ette, die 'brennende Bereitschaft, sich selbst Opfer zu suchen.'"

Japan wird "geradezu klischeehaft von älteren Männern beherrscht", erklärt Florian Coulmas in der NZZ, und bei den Olympischen Spielen wurde das besonders deutlich. Der Paternalismus, der das Land auszeichnet, zeigt sich auch in der Tatsache, dass politische Ämter und Mandate oft von Vätern an die Söhne weitergereicht werden. "Die japanische Politik, das zeigte sich bei den Olympischen Spielen wieder einmal, ist eine Welt für sich, die fern von den Bürgern operiert. Sie repräsentiert den Staat mehr als die Gesellschaft. Über Politik spricht man nicht gern, wie im Allgemeinen die Neigung besteht, unangenehme Themen zu umgehen. Internationale Veranstaltungen erschweren das, denn da kommt wieder der Druck von außen ins Spiel. Plötzlich muss über Angelegenheiten gesprochen werden, die sonst unterm Teppich bleiben, zum Beispiel über Diskriminierung von Menschen, die nicht in den vorgeblich homogenen Volkskörper passen, sei es, weil sie unter einer Behinderung leiden oder aus rassistischen Gründen. Wie soll man damit umgehen, wenn die Welt zuschaut?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2021 - Gesellschaft

In Berlin-Kreuzberg träumt die Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann davon, den Autoverkehr in Berlin ganz abzuschaffen (mit wenigen Ausnahmen). Vorerst zumindest mal im Wrangelkiez. Dort sollen dann auch die Straßen zurückgebaut werden, berichtet Boris Pofalla in der Welt. Nachdem er sich die Umfragen dazu angeschaut hat, stellt er fest: Das ist wirklich mal ein Elitenprojekt. Es sind fast nur Akademiker, die dem zustimmen. Die Mehrheit, vor allem Migranten, sind strikt dagegen. Die dürfen allerdings oft nicht mitwählen, weil viele keine deutsche Staatsbürgerschaft haben und auch nicht aus einem EU-Land kommen. "Wenn nun die Mehrzahl der Migranten im Wrangelkiez am motorisierten Verkehr festhalten möchte oder muss, dann kann das Monika Herrmann und den Kreuzberger Grünen relativ egal sein. Ihre Stimmen kommen von Ärztinnen und Lehrern, die alles mit dem Rad erledigen können. Umso leichter kann man die Stadt im Sinne der eigenen Klientel umgestalten und sich zugleich erzählen, man tue es für alle. Ein Berliner Kiez ist eben vieles - in Kreuzberg ist er vor allem auch eine Herrschaftsform."

Carolina Schwarz plädiert in der taz sehr dafür den Begriff "Ehrenmord" zu meiden, der ohnehin nur die Täterperspektive übernehme, und die wenigen Ehrenmorde, die in Deutschland verübt werden, in den großen Behälter "Femizid" zu stecken, der ein vage benanntes Patriarchat anprangert. Ihre Sorge: "Wenn Morde im Namen der vermeintlichen Ehre verübt werden, folgt darauf meist eine rassistisch konnotierte Debatte. Anstatt über die nötigen Schutzmaßnahmen für Frauen, wie den Ausbau von Frauenhäusern, bessere Gewaltschutzverfahren oder die Stärkung von präventiven Maßnahmen für gewalttätige Männer zu diskutieren, dreht die Debatte sich weg von den Betroffenen hin zu Fragen von Integration und Asylrecht."

Im Tagesspiegel sieht Frank Bachner das ganz anders: "Der sogenannte Ehrenmord ist eine spezielle Form des Femizids, und man kann ihn nicht einfach unter diesem Oberbegriff verschwinden lassen", wenn man gezielt etwas dagegen tun möchte. Die Täter stammen oft aus extrem patriarchalischen Gesellschaften, in denen sie die Frauen kontrollieren. "Wenn nun Männer, die so sozialisiert wurden, diese anerzogenen Gewissheiten hierzulande ausleben, spielt die Herkunft für die Problemanalyse sehr wohl eine Rolle. Und auch dafür, wie man dagegen vorgehen will und kann. Das ist umso wichtiger, als die archaischen Wertvorstellungen auch hierzulande noch weitergegeben werden. Es gibt genügend Lehrkräfte, die auf hiesigen Schulhöfen beobachten, wie Mädchen von ihren Brüdern eingeschüchtert oder drangsaliert werden."

Impfgegner hat es gegeben, seit es Impfungen gibt. Daraus sollte man lernen, meint Lothar Müller in der SZ. "Wenn in der aktuellen Diskussion über die Regeln, denen künftig Geimpfte und Ungeimpfte unterliegen sollen, die moralisch-pädagogische Disziplinierung der Impfunwilligen in den Vordergrund gestellt wird, ist das schlechte Aufklärung. Worauf immer die Ministerpräsidentenkonferenz sich einigt, sie kann - auch als Lehre aus der Vergangenheit - etwaige Nachteile für Ungeimpfte nicht deshalb beschließen, um diese 'zur Raison zu bringen'. Sie kann vollständig Geimpften und Genesenen Rechte zubilligen, deren Beschränkung sich für diese nicht mehr dauerhaft begründen lässt. Die Einschränkung der Rechte Ungeimpfter kann sie nur im Blick auf den Status quo der Pandemie mit plausiblen Argumenten der Risikominimierung vornehmen, nicht aber als Erziehungsmaßnahme."

Aber eine staatlich verordnete Impfpflicht oder Strafmaßnahmen sind ja vielleicht auch ganz unnötig. Die Wirtschaft könnte es richten, hofft Tilman Steffen bei Zeit online: "Immer mehr Unternehmen entscheiden sich für eigene Regelungen. Der Reisekonzern Alltours machte den Anfang, der Kreuzfahrtanbieter Hapag Lloyd folgte und auch der 1. FC Köln will nur noch Geimpfte oder Genesene Fans Platz nehmen lassen. Privatrechtlich wird so möglich, was der Staat nicht verordnen kann: Die Impfung wird zur Bedingung für die Inanspruchnahme einer Dienstleistung. Womöglich steigt die Impfquote so aber trotzdem, ganz ohne ordnungspolitische Maßnahmen".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2021 - Gesellschaft

In Berlin ist eine Frau afghanischer Herkunft von ihren Brüdern ermordet worden. Ihre Leiche haben sie dann in einem Koffer mit der Bahn transportiert, um sie in Bayern zu verscharren. Gareth Joswig berichtet in der taz über Reaktionen Berliner Stadtpolitiker, die empfehlen, nicht von einem "Ehrenmord", sondern von einem "Femizid" zu sprechen. So sagte etwa Elke Breitenbach, linke Senatorin für Integration: "In Deutschland wird jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Das ist kein Ehrenmord, das ist Femizid. Und ich habe leider keine Idee, wie man Männer besser integrieren kann." Joswig erläutert: "Das Bundeskriminalamt schätzt in einer Studie, dass es circa 12 Morde pro Jahr gibt, die ihrer Definition nach als 'Ehrenmord' einzuordnen seien. Angesichts der Zahl von 700 Menschen, die jährlich getötet würden, 'ein quantitativ seltenes Ereignis'. Medial sind Morde dieser Art überrepräsentiert: In der öffentlichen Debatte wird häufig ignoriert, dass auch deutsche Männer häufig Frauen töten. Allerdings schlagen diese Fälle, medial häufig verharmlost als 'Beziehungsdrama', weitaus weniger Wellen, als wenn Täter*innen als nicht-deutsch gelesen werden."

Seyran Ates ist da anderer Meinung: "Ich bin dafür, den Begriff beizubehalten", schreibt sie bei cicero.de, "wenn auch nur in Anführungszeichen. Wer den kulturellen oder religiösen Hintergrund einer solchen Tat ausblendet, schützt die Täter, aber nicht die Opfer. Gerade sie aber haben unseren Schutz nötig. Und Prävention kann nur funktionieren, wenn wir präzise sind." Dass PolitikerInnen nicht über "Ehrenmord" sprechen wollen, wundert Ates nicht: "Sie müssten sich dann der Frage stellen, warum die Integration dieser Familie gescheitert ist und ob sie mit ihrer Politik nicht auch dazu beigetragen haben, dass mitten in der Stadt Parallelgesellschaften entstanden sind, in denen nicht deutsches Recht gilt, sondern, nun ja, das Recht der Taliban."

In der SZ pocht Ronen Steinke darauf, dass es für derartige Morde an Frauen keine mildernden Umstände geben darf, wie sie lange von deutschen Gerichte angewandt wurden und zum Teil noch heute angewendet werden, wenn ein Täter kein Einsehen hat: "So kommt ein Täter günstig davon, wenn er - so formuliert es der Bundesgerichtshof - sich aufgrund kultureller Prägung angeblich vor lauter 'gefühlsmäßigen Regungen, die sein Handeln bestimmten', nicht unter Kontrolle hat. Oder wenn ihm als Ausländer 'die Umstände nicht bewusst waren, die die Niedrigkeit seiner Beweggründe ausmachen'. Das geschieht zwar nur noch selten. Das Prinzip bleibt aber bemerkenswert: Ist die Unterdrückung von Frauen gut? Fragen wir doch erst mal den Täter selbst... Einer sozialen Praxis bereits deshalb Legitimität zuzubilligen, weil sie schon lange praktiziert wird, meist von den Mächtigen in einer bestimmten Gesellschaft, meist von den Männern - das heißt, Zustände zu affirmieren, die in der Regel auf nichts als dem Recht des Stärkeren basieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2021 - Gesellschaft

Heute läuft bei den Olympischen Spielen eine Königsdisziplin, der 10.000-Meter-Lauf der Damen, und viele werden das Offensichtliche nicht thematisieren: Die Sportlerinnen sind extrem dünn. Das gehe schon "in Richtung des Krankheitsbildes Anorexia athletica" zitiert Martin Einsiedler im Tagesspiegel den  Sportmediziner Wilhelm Bloch: "'Jedes Gramm nicht aktive Masse ist Ballast und muss weg. Nur noch die arbeitende Muskulatur soll erhalten bleiben', erklärt Bloch die dahinter stehende Trainingsphilosophie. Das Problem: Der Körper ist darauf nicht ausgerichtet. 'Es kommt zu Funktionsstörungen. Das Knochenwachstum ist wegen des niedrigen Calciumhaushaltes eingeschränkt. Der Hormonhaushalt ist beeinträchtigt. Die Östrogenbereitstellung stockt. Bei vielen dieser Frauen bleibt die Monatsblutung aus', zählt Bloch auf."

In der NZZ möchte Gabriele Diewald, Professorin für deutsche Sprache der Gegenwart an der Universität Hannover, gern einige Missverständnisse um das Gendern in der Sprache aufklären: Niemand muss gendern, das generische Maskulinum soll nicht verboten werden, aber warum nicht seine Verwendung ändern? "Gendern ist zu verstehen als eine kommunikative Handlung, eine bestimmte Art, sich auszudrücken, die mit einer bestimmten Absicht verbunden ist. Gendern im positiven Sinn bedeutet, sich bezüglich des Faktors Geschlecht beziehungsweise Gender im Sprachgebrauch um eine sachlich angemessene und faire Darstellung aller Personen zu bemühen." Privat kann das jeder halten, wie er will. "Dass juristische Personen, also Institutionen, Behörden, Körperschaften, Vereine, Gesellschaften, in ihrem Wirkungsbereich bestimmte kommunikative und sprachliche Regeln aufstellen und deren Einhaltung von den Personen, die Teil dieser Gruppe sind, fordern, ist eine Praxis, die lange vor der Diskussion über geschlechtergerechte Sprache üblich war und im Übrigen auch nie prinzipiell infrage gestellt wurde. Wo also ist das Problem?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2021 - Gesellschaft

Geradezu berauscht steigert sich der Drogenexperte Norman Ohler zusammen mit seinem Interviewer Claudius Seidl von der FAZ in die Utopie einer Welt, in der Drogen legalisiert sind. Europa hätte da große Chancen, allein wegen seiner Tradition, so Ohler: "Bayer hat Heroin erfunden und als Hustensaft verkauft. Merck hat noch in den Zwanzigerjahren die gesamte peruanische Coca-Produktion verarbeitet zu 'Merck-Kokain'. Temmler hat das Methamphetamin entwickelt und die Schweizer Firma Sandoz das LSD. Hier potente, sichere, im Gebrauch sinnvoll regulierte und reglementierte Produkte zu entwickeln: eine Goldgrube für die Pharmaindustrie. Was uns zögern lässt, ist eine tiefe Angst."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2021 - Gesellschaft

Die Nachfahren der Opfer des deutschen Völkermords an den Herero und Nama haben die gemeinsame Erklärung von Deutschland und Namibia, die eine Entschuldigung Deutschlands für den Völkermord, die Annahme der Entschuldigung und Wiedergutmachung in Höhe von 1,1 Milliarden Euro vorsieht, scharf kritisiert. Im Interview mit der SZ wundert das den zur deutsch-namibischen Geschichte forschenden Soziologen Henning Melber nicht. Die Nachfahren hätten in die Verhandlungen mit einbezogen werden müssen und die Entschädigung falle viel zu gering aus, sagt er. Auch ändere die Summe nichts an der extremen Ungleichheit im Land: "Absolute Priorität wäre gewesen, dass die Bundesregierung sagt: Wir helfen euch bei der Landumverteilung zugunsten derer, denen in den Jahren des deutschen Kolonialismus das Land geraubt wurde: Wir übernehmen die Kosten für den Ankauf der Ländereien, die Ausbildung derjenigen, die dort angesiedelt werden, und die notwendigen Investitionen in die Infrastruktur, um von einer Landnutzung leben zu können. Die Begünstigten wären dabei Angehörige der Herero, Nama, Damara und San."

In Bayern hat ein Richter, der mit Missbrauchsprozessen befasst war, Bilder misshandelter Kinder aus Strafakten und anderen Quellen gesammelt. Insgesamt 4.000 Dateien mit pornografischem Material fand man bei ihm. Jetzt hat das Amtsgericht Augsburg ihn zu einer Geldstrafe von 4.500 Euro verurteilt - per Strafbefehl, der Mann musste nicht mal vor Gericht erscheinen. "Das klingt nach Kumpel-Justiz", empört sich in der Welt Anette Dowideit: Schon vor der Verschärfung des entsprechenden Gesetzes wurden in Bayern "fast immer Haftstrafen verhängt. Wann immer möglich wurde zudem Anklage gegen die Täter erhoben - und auf diese Weise dafür gesorgt, dass den Tätern in öffentlicher Hauptverhandlung ihr Unrecht so deutlich wie möglich vor Augen geführt wird. Der ehemalige Richterkollege dagegen fand den Strafbescheid einfach nur in seinem Briefkasten vor."

In der Welt protestiert der Literatur- und Sprachwissenschaftler Nikolaus Lohse vehement gegen jeden Kompromiss - wie es dem Erlanger Sprachwissenschaftler Horst Haider Munske kürzlich noch vorschwebte - in Sachen "gendergerechter Sprache". Die sei überhaupt keine Sprache: "Es muss aufhören, dass man den Leuten ständig suggeriert, mit der Verwendung des generischen Maskulinums verhielten sie sich unkorrekt, unsolidarisch oder nicht hinreichend sensibel. Das ist ausgemachter Unfug. Und aufhören müssen auch die halbherzig-verschämten Zugeständnisse an den Zeitgeist. Die demonstrative Distanzierung vom generischen Maskulinum ist im Ansatz falsch, nicht in der Durchführung. Dass die uralte grammatische Erscheinung auf einer einseitig maskulinen Perspektive beruhe oder gar Ausdruck einer misogynen Grundhaltung sei, lässt sich weder sprachhistorisch noch sprachsystematisch begründen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2021 - Gesellschaft

In einer Kolumne für die NZZ staunt Reinhard Mohr, dass sich ausgerechnet Sebastian Vettel zu den Grünen bekennt: "Wie 'ökologisch nachhaltig' Vettel und sein vielköpfiges Rennteam zwischen den Kontinenten pendeln, weiß niemand. Aber zwischendurch jedenfalls will der gebürtige Heppenheimer, der seit Jahren in der Schweiz lebt, seinen ganz persönlichen CO2-Fußabdruck jenseits der Boxenstopps deutlich reduzieren. Der eine oder andere Velo-Ausflug an den Bodensee wird dabei gewiss helfen."

Viel retweetet wird eine Interviewpassage, in der Robin DiAngelo, die Päpstin der "Critical Whiteness", über die "Out of Body Experience" berichtet, in der sie zum ersten Mal in ihrem Leben feststellte, "Oh my God, I am white".