9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2769 Presseschau-Absätze - Seite 108 von 277

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2021 - Gesellschaft

Die taz bringt ein kleines Spezial zum Christopher Street Day (der doch aber eigentlich letzte Woche gefeiert wurde?) Jan Feddersen ist nicht zufrieden mit dem Zustand der Bewegung: "Trans Aktivismus, und das ist der Unterschied zu den CSDs mit Aids-Aufklärung und bürgerrechtlichen Forderungen nach der Ehe für alle, hat kein Angebot zu machen, außer Opfer zu sein und zu klagen, dass die Verhältnisse alle noch sehr schlimm sind. Der trans Aktivismus rund um die CSDs weiß nicht, Menschen positiv für sich einzunehmen, den Mainstream zu 'verführen', mit 'Liebe' zu locken, nicht mit Shitstorms bei Verletzung von szeneastischen Sprachcodes."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.07.2021 - Gesellschaft

Eine Impfpflicht wäre ein nicht zu rechtfertigender Eingriff in die Freiheitsrechte, erwidert Ulf Poschardt seinem Kollegen Olaf Gerstemann, der ebenfalls in der Welt gestern über eine Impfpflicht nachdachte (Unser Resümee): "Der mündige Bürger ist ein Ideal der Aufklärung, und dieses Ideal verpflichtet die liberalen Demokratien, die Übergriffigkeiten des Staates auf ein Mindestmaß zurückzuführen. Davon kann in der Bundesrepublik schon lange nicht mehr die Rede sein. Aber Menschen zur Impfung zu zwingen, würde die sowieso gereizte Stimmung in der Gesellschaft ins Vorbürgerkriegliche kippen lassen. Alleine darüber nachzudenken ist gespenstisch. (…) Und sollten die Deutschen wirklich so 'irre' sein, eine Impfpflicht zu beschließen (was ich nicht glaube), wie gehen wir dann mit Touristen, Migranten oder Dienstreisenden um, wie mit Pendlern aus dem benachbarten Ausland?"

In der FR geht Harry Nutt auch mit Blick auf die Corona-Maßnahmen in einer kleinen Kulturgeschichte seit den Siebzigern der "neuen Wut auf die Macht des Staates" nach: "Während die westdeutsche Linke erst in Gestalt der rot-grünen Koalition von 1998 eine Art nachholenden Frieden mit dem lange bekämpften Parlamentarismus zu schließen in der Lage war, scheint die sich in den ostdeutschen Ländern artikulierende Staatsfeindschaft untergründig noch immer von einer lange verordneten Staatstreue geprägt."

In der Welt packt Sara Rukaj die Wut, wenn sie auf die Kreativen und vorgeblich Progressiven blickt, die sich im Frankfurter Bahnhofsviertel, aber auch in anderen Problembezirken unter die Junkies, Prostituierten und Obdachlosen und die Kriminellen und Salafisten begeben, um aus dem "Elend Profit zu schlagen": "Die bunte Diversity-Gesellschaft, die den progressiven Zeitgeist betont, solange sie die soziale Frage nicht antastet, wird allerorts blind und ohne Reflexion auf die realen Verhältnisse gefeiert. Der Gedanke, dass diese Gesellschaft nicht die verwirklichte Vernunft, sondern ein Herrschaftszusammenhang sein könnte, scheint geradezu unerträglich. Elendsaffirmation ist eine Möglichkeit, auf dieses Unbehagen zu reagieren, indem die Abgehängten wahlweise als Maskottchen für die gute Sache herhalten müssen. Gerade weil man sich um die Erfahrungen der Drop-outs nicht schert, möchte man sie stets in Sichtweite haben, um durch Genuss der Differenz zwischen ihnen und dem eigenen Leben sich selbst besser spüren zu können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2021 - Gesellschaft

Sven Lehmann, Grünen-Abgeordneter im Bundestag, fordert im Gespräch mit Patricia Hecht von der taz mehr Rechte für Transsexuelle ein, die auch in einem eventuellen Koalitionsvertrag festgeschrieben werden sollen. Dazu gehört, dass man ab 14 über sein Geschlecht entscheiden können soll: "Ab 14 kann man über die Religionszugehörigkeit entscheiden, teilweise ist man strafmündig. Dann sollte man auch entscheiden können, welcher Geschlechtseintrag im Pass steht. Um mehr geht es ja nicht."

Ob in den Debatten um Diversität, Weltoffenheit, oder sogar das Humboldt Forum - "eigentlich geht es immer nur um Deutschland, deutsche Befindlichkeiten, deutsche Schuld, deutsche Moral und deutsche Weltrettungspläne", ärgert sich Reinhard Mohr in der Welt: "Ein diffuser Schuldbegriff steht im Zentrum dieser merkwürdig unpolitischen, aber sehr strikten und symbolbefrachteten Als-ob-Politik: Die Schuld der anderen, der Gesellschaft, der deutschen Vergangenheit, letztlich die Schuld all derer, die noch nicht auf der moralischen Höhe der unentwegten Gewissenserforschung und gnadenlosen Selbstbefragung sind, was Achtsamkeit, Nachhaltigkeit, Klimagerechtigkeit und Diskriminierungsfreiheit anlangt. Nur ein schlechtes Gewissen kann den Ausgangspunkt für ein gutes, also vorschriftsmäßiges Bewusstsein der Zukunft bilden. Anders als bei früheren revolutionären Bewegungen kommt das Wort Freiheit praktisch nicht vor. Stattdessen dominieren immer kleinteiligere Vorschriften, Sprachregelungen, Verbote und Trigger-Warnungen, ein rigides Aufpasserregime - das genaue Gegenteil einer Befreiungsbewegung."

Nimmt die Impfbereitschaft weiter ab, drohen neue Infektionswellen, schreibt Olaf Gersemann in der Welt und will deshalb über eine Impfpflicht nachdenken: "Deshalb gehört zu den Instrumenten, die nun ausgepackt werden müssen, auch schlichter Druck. Etwa Zugangsbeschränkungen zu Veranstaltungen oder auch öffentlichen Verkehrsmitteln für alle, die nicht geimpft sind oder nicht nachweisen können, dass sie genesen sind oder für eine Impfung nicht infrage kommen. Auch eine regelrechte Impfpflicht zumindest für Bürger, die Berufen oder Hobbys mit vielen Kontakten nachgehen, sollte kein Tabu bleiben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2021 - Gesellschaft

Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt kommt in einem jetzt freigeschalteten Artikel in den Blättern auf die antiisraelischen Proteste anlässlich der jüngsten Auseinandersetzungen in Israel zurück. Dabei zeigt er, wie der Hass auf Israel mobilisiert wird, um unter muslimischen Jugendlichen hierzulande Einigkeit zu schaffen: "Muslimische Jugendliche sind keine homogene Gruppe, wie oft suggeriert wird. Ihre Migrationsgeschichten beginnen in verschiedenen Ländern, sie sprechen unterschiedliche Sprachen und gehören zu diversen Strömungen innerhalb des Islams. Dennoch werden sie von islamistischen Agitatoren aus dem In- und Ausland als Kollektiv adressiert und einer gemeinsamen Sache verpflichtet: und zwar der Solidarität mit Palästinenser*innen, die mit einem vereinfachten Feindbild von Israel einhergeht." Mendel eröffnet heute auch mit seiner Frau Saba-Nur Cheema eine FAZ-Kolumne, in der sie über ihr Leben als gemischtes jüdisch-muslimisches Ehepaar berichten.

Außerdem: In der FR erklärt der Altphilologe Dennis Pausch im Gespräch mit Peter Riesbeck, wie Hate Speech in der Antike funktionierte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2021 - Gesellschaft

In der Welt stellt Hannes Stein die amerikanische Autorin Abigail Shrier vor, die mit ihrem Buch "Irreversible Damage" davor warnt, Mädchen, die sich in der Pubertät eine Geschlechtsumwandlung wünschen, automatisch als Transsexuelle einzustufen. Wie zu erwarten, hat sie damit einen enormen Shitstorm ausgelöst, so Stein. "In Großbritannien stieg die Zahl der weiblichen Teenager mit Geschlechtsdysphorie innerhalb eines Jahrzehnts um 4.400 Prozent, in den Vereinigten Staaten immerhin um 1.000 Prozent. Was ist da los? Abigail Shrier hat eine Vermutung: Für Mädchen, so schreibt sie, sei die Pubertät häufig ein traumatisches Erlebnis. Früher hatten sie immerhin Cliquen, in denen sie das Trauma (keine Brüste, zu große Brüste; nicht schön genug; Angst vor Sex, Lust auf Sex, Zahnspangen, Pickel) gemeinsam durchstehen konnten. Heutige Teenager erleiden das Trauma in großer Einsamkeit. Und da kommt ihnen per Smartphone das Internet zu Hilfe".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2021 - Gesellschaft

Ob Gelbwesten, Querdenker oder Kapitolstürmer, für Nils Minkmar in der SZ ist das große Kennzeichen dieser neuen populistischen Bewegungen, dass sie sich aus einsamen Menschen zusammensetzen, die ihre politischen Meinungen nicht mehr mit anderen abgleichen, sondern vor ihrem Rechner und wie im Hobbykeller selber zusammenzimmern: "In dem sehr aufschlussreichen sechsteiligen Podcast 'Cui bono: WTF happened to Ken Jebsen?' über die Geschichte des Querdenker-Idols kann man dieses Muster gut studieren: Jebsen wurde umso radikaler, je weniger er an Institutionen, journalistische Redaktionen oder Freundeskreise gebunden war. Das war ein längerer Prozess: Vom Fernsehen wechselte er zum Radio, eigentlich wollte man ihn überall loswerden. Als sich auch enge Weggefährten abwandten, weil seine Positionen zu Israel immer abenteuerlicher wurden, als er also isoliert arbeitete, zündete er eine neue Stufe seiner Verschwörungs- und Misstrauensproduktion: Seine erfolgreichsten Videos zeigen ihn ganz allein beim flüsternden Agitieren und spiegeln damit die Rezeptionssituation seiner Anhänger. Maximale Radikalisierung klappt am besten in maximaler Isolierung."

Der Philosoph Martin Seel kann sich in der NZZ auch nicht erklären, warum sich die Menschen nach den Monaten eines quälenden Lockdowns nur nach der alten Normalität zurücksehnen: "Sich im eigenen und gemeinsamen Tun und Lassen, Wünschen und Wollen, Gelingen und Misslingen in einiger Sicherheit lebendig fühlen zu können - das macht für Kant die Norm einer unverstellten Normalität des Lebens aus. Eine Korrektur aber legt die Kur der Pandemie nahe. Denn zur Lehre aus der leeren Zeit der vergangenen anderthalb Jahre gehört, dass durch Aktivitäten gleich welcher Art angefüllte Zeiten gar nicht das allein Erfüllende sind. Man muss die eigene Lebenszeit nicht mit Vorhaben zuschütten, um sie als sinnvoll zu erfahren. Sich, die eigenen Ambitionen und Erwartungen, auch einmal sein zu lassen, ist selbst eine Spielart des Lebendigseins, ein Break im Rhythmus der Normalität, der ihm einen heilsamen Dreh verleiht. Ohne Episoden einer mit wachen Sinnen erfahrenen leeren Zeit ergibt sich keine erfüllte Zeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.07.2021 - Gesellschaft

Karl-Markus Gauß (SZ) geht das Gerede von den "Impfdissidenten" auf die Nerven, das selbst einige Medien übernehmen würden. Rebellen oder Dissidenten, erinnert er, waren einst bereit "für ihr Dissidententum mit ihrer beruflichen und privaten Existenz einzustehen und Ächtung hinzunehmen. Ausgerechnet indem sie aus der Gesellschaft ausgestoßen wurden, haben sie im reglementierten Staat die Interessen der Gesellschaft verfochten und diese geradezu repräsentiert." Jetzt hingegen würden Menschen "zu Dissidenten nobilitiert, einzig weil sie den Weg, der für alle aus der Pandemie herausführt, persönlich nicht gehen wollen. Wer sie als Impfdissidenten bezeichnet, huldigt ihrer Weigerung, das Ihre aus Obsession oder Egoismus zum Nutzen der Gesellschaft beizutragen, und wirft damit eine Tradition kritischen Aufbegehrens unbedacht über den Haufen."

Auf Zeit online denken die Wirtschaftsethiker Thomas Beschorner und Martin Kolmar darüber nach, ob eine Impfpflicht ethisch gerechtfertigt wäre. Beide meinen, ja - nachdem alle anderen Maßnahmen ausgereizt sind. Mit Moral habe das nichts zu tun: "Es ist eine ethische Begründung einer Pflicht. Und Ethik als rationale Ableitung konkreter Pflichten aus allgemeinen Prinzipien ist das Gegenteil eines 'Bauchgefühls', wenn es um moralische Fragen geht. ... 'Der einzige Zweck, zu dem Macht rechtmäßig über ein Mitglied einer zivilisierten Gemeinschaft gegen seinen Willen ausgeübt werden kann, ist, Schaden von anderen abzuwenden', formulierte der liberale Philosoph John Stuart Mill."

In der SZ ist Hilmar Klute noch in der Phase, in der er über die Berliner Verwaltung verzweifelt, deren Lahmarschigkeit und Dumpfheit erstaunlicherweise nie zu einem Aufstand geführt hat: "Der CDU-Abgeordnete Christian Gräff hat kürzlich eine Anfrage an den Senat gerichtet, wie es um die Zukunft der Berliner Verwaltungen bestellt sei. Er bekam griffige Zahlen: Von den insgesamt 123 812 Mitarbeitern gehen 44 257 in den nächsten acht Jahren in Rente. Werden die Stellen dann neu besetzt? Nein, eher nicht. Niemand möchte hinter einem der vielen Schalter dieser Stadt sitzen und sich den Hass von Leuten anhören, die keine Termine, aber dafür Mahnungsbescheide bekommen, weil sie ihr Auto nicht umgemeldet haben."

Und: Hans Hütt liest heute für die SZ das Wahlprogramm der Linken: "In solcher Prosa hat auch der Perserkönig Xerxes das böse Meer auspeitschen lassen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2021 - Gesellschaft

Die Klimakatastrophe ist nach Hause gekommen, schreibt Manfred Kriener in der taz: "Abgerissene Giebelfronten gestatten Einblicke in unsere ehemals heile Welt, die ihre offenen Wunden zeigt... Die mit viel Verdrängungsenergie gefütterte Hoffnung, dass es uns jetzt und heute nicht erwischen wird, dass sich die Erde nur langsam erwärmt und die großen Verheerungen irgendwann woanders auftreten werden - sie liegen unter dem Schutt und Schlamm begraben, den die Flut zurückgelassen hat. Die Klimakatastrophe findet nicht nur in Bangladesch statt, nicht nur in Australien, Kalifornien und an den Polkappen, sondern gleich nebenan bei Müllers und bei Maiers. Sie droht nicht in der zweiten Jahrhunderthälfte, wenn die Generation Fridays for Future erwachsen geworden ist, sondern ganz akut. Es ist fünf nach zwölf."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.07.2021 - Gesellschaft

Demnächst bricht das vierte Semester an, in dem Studenten über Zoom und Skype lernen und kommunizieren müssen. Viele haben die Uni noch nie von innen gesehen, viele sind deprimiert, oder brechen ab, schreibt Alex Rühle in der SZ. "Die Unis waren in Zeiten ohne Impfstoff schon deshalb zu schließen, weil sie ja nicht wie die Schulen in festen Klassenkohorten strukturiert sind, sondern sich alle eineinhalb Stunden alle neu mischen, was Idealbedingungen für die Virusverbreitung bietet. Jetzt aber ist genug Impfstoff da, auch für die Studierenden, die sich aufgrund ihrer Jugend lange brav hinten anstellen mussten."

Dominik Baur erinnert in einer ausführlichen taz-Reportage an das Attentat von München vor fünf Jahren. David Sonboly, ein 18-jähriger Deutsch-Iraner erschoss damals neun Menschen, die meisten türkischer Herkunft. Baur erzählt, wie lange die Münchner Polizei brauchte um anzuerkennen, dass es sich um ein rechtsextremes Attentat handelte, und welche Bedeutung diese Einordnung für die Überlebenden und Angehörigen hat. Und er erzählt von den Verletzten, deren Trauma bleibt: "Lumnije Azemi hat einige Monate nach dem Attentat einen Platz für eine Traumatherapie gefunden. Doch dann wechselte der Therapeut in eine Anstellung im Krankenhaus. Nach einer längeren Behandlungspause fand sie eine neue Psychologin. Dann kam Corona. Seit über einem Jahr hat sie nun keine Sitzung mehr gehabt. Die kleinen Fortschritte, die sie gemacht hatte, seien dahin, klagt Azemi. Die seelischen, aber auch die körperlichen Schmerzen werden wieder mehr. Sie kann nur noch mit Mühe gehen, auch langes Sitzen schmerzt sie. Die drei Kinder, mittlerweile elf, zehn und sieben Jahre alt, waren beziehungsweise sind ebenfalls in Therapie. Sie sind sehr schreckhaft, trauen sich nicht an die Tür, wenn es klingelt."

Auch Sebastian Balzter und Matthias Wyssuwa erinnern in der Sonntags-FAZ (die ja samstags erscheint) an ein rechtsextremes Attentat, das von Utoya vor zehn Jahren, und auch hier geht es um jene, über die sonst kaum gesprochen wird, die Überlebenden: "Vor ein paar Monaten konnte Tarjei Jensen Bech zum ersten Mal wieder joggen gehen. Zum ersten Mal seit dem 22. Juli 2011, als ihn eine Kugel aus dem Gewehr von Anders Behring Breivik ins linke Bein traf."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.07.2021 - Gesellschaft

In Deutschland sind über achtzig Menschen bei einer Unwetterkatastrophe umgekommen, die allgemein mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht wird. Die Meldung ist auch in der New York Times oder im Guardian ziemlich weit oben (hier und hier). Ezra Klein träumt in der New York Times von der Revolution: "Ich habe das Wochenende mit der Lektüre eines Buches verbracht, mit dem ich mich in der Öffentlichkeit nicht ganz wohl gefühlt habe. Andreas Malms 'How to Blow Up a Pipeline' ist nur leicht unpassend benannt." Und er zitiert aus Malms Buch: "'Hier ist, was diese Bewegung der Millionen tun sollte, um erstmal anzufangen', schreibt Malm. 'Verbote verkünden und durchsetzen. Neue CO2-emittierende Maschinen beschädigen und zerstören. Setzen Sie sie außer Betrieb, nehmen Sie sie auseinander, demolieren Sie sie, verbrennen Sie sie, sprengen Sie sie. Lassen Sie die Kapitalisten, die weiter in das Feuer investieren, wissen, dass ihre Grundstücke vernichtet werden.'"

Gestern hat die Polizei Räume des Peng-Kollektivs, einer sich als künstlerisch verstehenden Aktionsgruppe, durchsucht, berichtet Markus Reuter bei Netzpolitik: "Die Durchsuchung gegen die Aktionskünstler:innen steht im Zusammenhang mit der Webseite TearThisDown.com, die Peng gemeinsam mit der 'Initiative Schwarze Menschen' in Deutschland veröffentlicht hat. Die Webseite zeigt eine Karte von Orten, an denen der Kolonialismus weiterlebt - und ruft zu Aktionen gegen diese auf. Einer der Anlässe war wohl dieser Text auf der Website: 'Wer wird da eigentlich wofür geehrt? Verbrecher für Verbrechen, das geht nicht! Kopf ab, Runter vom Sockel, Farbe drauf, Schild drüber - die Möglichkeiten sind vielfältig. Aber markieren reicht nicht, wir suchen andere Formen. Vieles kann ein Denkmal sein und im Zweifelsfall macht es sich im Wasser treibend auch ganz gut.'"

Der Publizist Reinhard Mohr fragt sich in der NZZ, ob es nach den Wahlen in Deutschland wieder eine offene, kontroverse, aber nicht von "Tugendfuror" geprägte Debatte geben kann: "Ja, es könnte so einfach sein. Wenn man nur wollte. Wenn man die eingeübten Reflexe, links wie rechts, endlich ablegen könnte. Wenn der allgegenwärtige strukturelle Moralismus nicht mehr als Ersatzreligion, als Lückenbüßer für Selbstbewusstsein und Staatsräson gebraucht würde, obwohl er mit nationalistischem Größenwahn mehr gemeinsam hat, als einem lieb sein kann."