9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2019 - Ideen

Johan Schloemann war für die SZ dabei, als der britische Ökonom Paul Collier und der deutsche Grüne Robert Habeck in Berlin über Colliers Buch "Sozialer Kapitalismus" diskutierten. Viel Gemeinsamkeiten gab es nicht zwischen dem kommunitaristisch argumentierenden Collier, der das "Wir" stärken will, und dem auf individueller Lebensgestaltung beharrenden Habeck, lernte Schloemann: "Ja, je mehr man über Paul Colliers Lebensgeschichte nachdenkt - nach einer viel beachteten französischen Intellektuellen-Autobiografie könnte man von seinem 'Eribon-Moment' sprechen -, desto weniger kann man diesem großen Sozialwissenschaftler verdenken, dass er den Fragen nach den illiberalen Risiken des Kommunitarismus immer wieder ausweicht. Und doch hat diese Konfrontation in Berlin etwas eindringlich vorgeführt: die Unvereinbarkeit des traditionellen, schwindenden 'Rot' mit dem heutigen urbanen, individualistischen 'Grün'. Wenn nicht die Unheilbarkeit der Spaltungen überhaupt."

Was hätte wohl Michel Foucault aus dieser Debatte gemacht? In der NZZ erinnert sich Hans Ulrich Gumbrecht an den französischen Philosophen und dessen Lektüre der Texte der Stoiker, "deren Visionen über den Schutz des Individuums gegen die Machtdispositive des Staats hinaus auf eine Selbst-Formung des Individuums in Unabhängigkeit zur Macht zielten ('Sorge um sich'). Daraus zog er politische Konsequenzen für seine Gegenwart, die damals noch kaum Resonanz fanden, aber einen für uns wichtigen Irritationswert bewahrt haben: 'Das politische, ethische, soziale und philosophische Problem von heute liegt nicht in der Befreiung des Individuums vom Staat und von seinen Institutionen, sondern in unserer eigenen Befreiung von jener Form der Individualität, die in der Auseinandersetzung mit dem Staat entstanden ist.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2019 - Ideen

Mauern, wohin man blickt - reale und geistige, denn mit der physischen Abschottung, wie Donald Trump sie propagiert, geht auch eine Abschottung im Innern einher, meint der amerikanische Politologe Ian Bremmer im Interview mit der NZZ: "Noch nie habe ich mein Land, die USA, gespaltener erlebt; dasselbe gilt für den Westen insgesamt. Und das, obwohl es der Weltwirtschaft seit der Finanzkrise nie besser ging: 3,9 Prozent Wachstum weltweit, Europa ist nicht mehr in der Rezession, es sieht alles ziemlich gut aus. Allerdings fragen sich eben viele zu recht: Was passiert, wenn die Wirtschaft schwächelt? Wenn die Zinsen steigen? Wenn der Spielraum für Sozialleistungen im Staatshaushalt kleiner wird? Wenn mir alle CEO, die ich kenne, sagen, sie könnten mit weniger Angestellten mehr Geld verdienen? Sie können mir nicht weismachen, dass das gut ausgeht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2019 - Ideen

Ein Parité-Gesetz, das eine Fifty-Fifty-Repräsentanz von Frauen in den Parlamenten vorsieht, könnte ungeahnte Konsequenzen haben, meint der Politologe Winfried Thaa in der taz: "Die amerikanische Feministin Iris Marion Young forderte .. für die USA auch bereits in den 1990er Jahren besondere Repräsentationsrechte für eine lange Reihe historisch unterdrückter Gruppen: für 'women, blacks, Native Americans, Chicanos, Puerto Ricans and other Spanish-speaking Americans, Asian Americans, gay men, lesbians, working-class people, poor people, and mentally and physically disabled people'. Die Konsequenz, mit der Young ihre Konzeption von Gruppenrepräsentation und differenzierter Staatsbürgerschaft ausbuchstabiert, enthüllt zugleich deren Kehrseite: Die rechtliche und politische Gleichheit, auf der moderne Demokratien basieren, wird aufgelöst in Gruppenzugehörigkeiten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.02.2019 - Ideen

Just an dem Tag, als Alain Finkielkraut in Paris antisemitisch attackiert wurde (unser Resümee), veröffentliche Anne-Catherine Simon in der Presse ein Interview mit ihm , das leider nicht online steht. Auf die Frage, was vom einstigen Linken Finkielkraut geblieben ist, antwortet er: "Ich habe die Linke geliebt, als sie verkörperte, was Ossip Mandelstam das 'wundervolle Versprechen an den dritten Stand' nannte - als sie durch die Schule den Zugang zur Kultur ausweiten wollte. Aber dann hat sie im Namen der Gleichheit die Kultur aus der Schule vertrieben. Man hat geglaubt, bürgerliche Privilegien zu beenden, indem man die Kultur marginalisiert. Für mich hat die Linke inzwischen die Bildung verraten. Und mit ihrer Haltung zum Islam hat sie den Laizismus verraten. Das heißt nicht, dass ich rechts geworden bin."

Demokratie ist Elitenherrschaft, auch wenn die Wähler zustimmen, meint Wolfgang Sofsky, der in der NZZ kein gutes Haar an demokratischen Systemen der Gegenwart lässt: "Die Teilung der Staatsmacht, welche den Untertan vor Willkür und Repression bewahren sollte, ist durch das Regime der Parteien ausgehöhlt. Eine freie Republik beruht auf der gegenseitigen Neutralisierung der Machtzentren. Parteien indes vereinen und verdichten Macht. Die Trennung zwischen Exekutive und Legislative ist ausgehöhlt, wenn nur mehr die parlamentarische Minderheit die Opposition stellt. In chronischen Groß- oder Allparteienkoalitionen ist Opposition ohnehin kaum vorgesehen. Widerworte zählen hier als Sünde am Konsens - der Oligarchie. Die Regierungsparteien beherrschen Parlament, Exekutive sowie Teile der Judikative und oft auch der staatsnahen Medien. Der Abgeordnete ist der Parteielite unterstellt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2019 - Ideen

Die NZZ hat ein Radiointerview mit Richard Rorty ins Deutsche übersetzt, das Robert P. Harrison mit dem 2007 verstorbenen Philosophen führte. Rorty singt ein Loblied auf die Entwicklungsmöglichkeiten der liberalen Demokratie, für die es keine Metaphysiker braucht: "Ich glaube, das Hauptproblem der Metaphysik ist, dass es sich bei ihr um ein Spiel ohne Regeln handelt. Die Natur der Wirklichkeit ist geistig, würde ein deutscher Idealist des 19. Jahrhunderts sagen. Jemand anderer sagt: Nein, die Natur der Wirklichkeit besteht aus Atomen und Leere. Wie wollen wir über eine solche Frage entscheiden? Wenn es um echten oder laktosefreien Rahm geht, können wir gewisse Kriterien anwenden. Das Problem der Metaphysik besteht gerade darin, dass irgendjemand irgendetwas sagen und damit durchkommen kann."
Stichwörter: Rorty, Richard, Metaphysik

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.02.2019 - Ideen

In der Welt zerrt Maxim Biller einen neuen Typus des Opportunisten ans Tageslicht: Den Linksrechtsdeutschen, der prototypisch von Frank Schirrmacher vorweggenommen war. Schirrmacher konnte Marcel Reich-Ranicki und Ernst Jünger zugleich verehren, Martin Walser vernichten und Nico Hoffmanns Landserschmonzette "Unsere Mütter, Unsere Väter" feiern. Zum Zentralorgan des Linksrechtsdeutschen sei mit dem Aufstieg der AfD jedoch der Spiegel geworden: "Seitdem gibt es im Spiegel - für den natürlich auch eine Menge ideologie- und charakterfester Leute arbeiten, die dort aber zurzeit so eine Art schweigende, staunende Mehrheit bilden - regelmäßig diese auffällig ambivalenten, manisch einfühlsamen Porträts von Kubitschek, seiner Frau, und noch mal von Kubitschek, wie sie sich sonst keiner in der bürgerlichen Presse traut, weder in der Zeit, noch der FAZ und schon gar nicht in der taz. Es gibt schon mal eine zaghaft kritische, allzu sehr auf das menschliche fixierte Gauland- oder Höcke-Story, und eine seitenlange Geschichte über diese teuflisch schöne Sexbombe von den Identitären darf natürlich auch nicht fehlen."

Vor hundert Jahren hielt Max Weber seinen berühmten Vortrag "Politik als Beruf", dem wir all die Topoi verdanken, die heute so gern repetiert werden: Die charismatische Herrschaft, Gesinnung und Verantwortung, das Bohren dicker Bretter. In der Welt beruhigt Wolf Lepenies heutige Mandatsträger: "Ein Rollenmodell für amtierende Politiker liefert der Vortrag aber nicht. Weitgehend sprach Max Weber nicht vom Berufspolitiker, sondern vom 'Politiker aus Berufung'. Dieser sollte fähig sein, Gesinnungsethik und Verantwortungsethik miteinander zu versöhnen, er müsste mit 'heißer Leidenschaft' agieren und zugleich mit Augenmaß, das heißt der Fähigkeit, 'die Realitäten mit innerer Sammlung und Ruhe auf sich wirken zu lassen'. Die Rede war von einem Idealtypus, dessen Eigenschaften sich zu einem Überforderungskatalog summierten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2019 - Ideen

Der Winter in Russland ist oft sehr hart, aber die Russen sind das gewöhnt, lieben es sogar, meint Elena Chizhova in der NZZ, und werden dabei zu Philosophen: "Ob zum Glück oder zum Unglück, auf alle Fälle sind wir Russen in Bezug auf den Winter Fatalisten und der festen Überzeugung, es sei unsere Aufgabe, ihn zu erdulden - nach Möglichkeit, ohne uns von einem Eiszapfen am Kopf treffen zu lassen (was leider, wenn auch selten, vorkommt) und uns die Knochen zu brechen, wenn sich die Trottoirs aufgrund der heftigen Temperaturschwankungen in Eisbahnen verwandeln. Gut möglich, dass die Ursprünge des 'politischen Fatalismus', für den die Bürger Russlands berühmt sind, in unserer tief verwurzelten Erfahrung mit dem harten russischen Winter zu suchen sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2019 - Ideen

Eine Gesetzesänderung reicht nicht aus, um ein ein "Parité-Gesetz" zu verabschieden, schreibt der Professor für öffentliches Recht Christoph Möllers mit Blick auf Brandenburg in der FAZ. Er hält eine Verfassungsänderung für notwendig. Die Idee der Parität selbst und einer Selbstverpflichtung der Parlamente findet er nicht falsch: "Der letzte Bundestag, in dem der Frauenanteil geringer war als heute, wurde 1994 gewählt. Wenn nun allgemein über Zersplitterung, Tribalisierung oder Identitätspolitik geklagt wird, so mag man darin einstimmen oder nicht, aber das Gesetz ist erst einmal ein Versuch, mit diesem Befund umzugehen und ihn in das bestehende System zu integrieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.02.2019 - Ideen

Der italienische Philosoph Maurizio Ferraris lässt sich in China zu einem europäischen "Mobilisierungsgehalt" inspirieren. Das soll die EU mit den großen Internetkonzernen für ihre Bürger aushandeln, deren Daten abgesaugt werden. Das hätte auch Vorteile gegenüber dem viel diskutierten Grund- oder Bürgereinkommen, erklärt er in der NZZ: "Erstens würde es sich dabei um keine Beihilfe handeln, sondern um ein vollwertiges Gehalt, mit dem eine tatsächlich geleistete Arbeit (die große Mobilisierung, die im Netz Daten und somit Wert produziert) abgegolten wird. Zweitens würde es keinen weiteren Beitrag zur Schattenwirtschaft leisten (da die Mafiosi durch handgeschriebene Botschaften statt Mobiltelefone kommunizieren, wären sie vom Mobilisierungsgehalt ausgeschlossen). Und drittens würden die Geldmittel nicht aus den Kassen eines hochverschuldeten Staates kommen und damit die Zukunft der nächsten Generationen gefährden, sondern einen neuartigen Reichtum darstellen, der in den wirtschaftlichen Kreislauf treten und den Konsum ankurbeln könnte."

Auf Zeit online liefert Nils Markwardt einen schönen kleinen Abgesang auf die Zigarette. Klar, sie ist ungesund und musste gehen, aber etwas wird doch fehlen: das Egalitäre am Rauchen, das Solidaritätsprinzip (nie sollst du mich vergeblich um eine Zigarette bitten) und die eigene Zeiteinheit, die sie schafft: "Zumal die Zigarette die Zeit nicht nur alternativ taktet, sondern sie für einen Moment auch komplett still stellen kann. Wie Jean-Paul Sartre bemerkte, ist sie nämlich auch ein Mittel der Weltaneignung. 'Jedes unerwartete Ereignis', schrieb der französische Denker in seinem Hauptwerk 'Das Sein und das Nichts', 'das meine Augen träfe, war, so schien mir, grundlegend verarmt, sobald ich ihm nicht mehr rauchend entgegentreten konnte. Rauchend-von-mir-aufgenommen-werden-können: diese konkrete Qualität hatte sich universell auf den Dingen ausgebreitet.' Und jeder, der selbst einmal geraucht hat, weiß tatsächlich allzu gut, dass Bilder, Musik oder Gefühle sich während des kontemplativen Rauchens, vielleicht die konzentrierteste Form der inneren Einkehr, stärker ins Gedächtnis einbrennen können als unter bloßer Frischluftzufuhr."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.02.2019 - Ideen

Es gibt heutzutage kaum etwas künstlicheres als Authentizität, denkt sich Robert Misik, der in der NZZ diesem Paradox nachspürt. Besonders hart trifft es Politiker, die authentisch, aber auch fehlerfrei sein sollen. "Zugleich, das ist die zweite Eigenart der durchmedialisierten Gesellschaft, wird diese Anforderung, die bisher nur an den Prominenten gestellt wurde, heute ein Imperativ, der sich tendenziell an alle richtet. Du musst dich darstellen! In der Berufswelt ist es schon die halbe Miete, als erfolgreich zu erscheinen. Aber auch von Facebook über Twitter bis Instagram, überall setzt sich das Ich einer Öffentlichkeit aus, in der es sich im besten Licht zeigen und zugleich ganz es selbst sein soll. Es lernt, mit Technologien des Posertums umzugehen, die Gefallsucht, früher noch eine Untugend, wird zur zweiten Natur."

Außerdem: "Fortschrittlich" ist für den in Oxford lehrenden Historiker Oliver Zimmer (NZZ) heute eine Kampfvokabel, mit der der Gegner im Meinungsstreit als rückständig und unzeitgemäß diskreditiert werden soll.