9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2019 - Ideen

In der NZZ warnt der Philologe Christoph Riedweg mit Platon vor zu viel "unkritischem Enthusiasmus" bei der Digitalisierung im Bildungsbereich: "Das Vertrauen auf die Schrift hat laut Platon eine Vernachlässigung des Erinnerungstrainings - Voraussetzung jeder sicheren Kenntnis - zur Folge. Der Wissensaufbau kann nicht an ausgelagerte 'Typen' (Schriftzeichen oder auch Bits) relegiert werden, sondern muss aus dem Innern eines Menschen heraus entstehen. Die Schrift - und damit vergleichbar das Digitale - eignet sich bestenfalls als Gedächtnisnotiz für etwas, was man bereits weiß. Wissen selbst setzt intensives, anstrengendes Lernen voraus, und Platon diagnostiziert die heute auch im Zusammenhang mit den 'Google effects on memory' thematisierte Gefahr, dass die permanente Abrufbarkeit extern gelagerter Informationen zur markanten Schwächung eines davon unabhängigen, intrinsisch-dynamischen Wissens führen kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.03.2019 - Ideen

Viktor Jerofejew schreibt in der FAZ einen leicht rätselhaften Brief an die Deutschen. Ihr Pazifismus ist ihm unheimlich, angesichts eines russischen Präsidenten, der die Russen für überlegen hält. Aber ihn stört noch mehr: "Auch der 'Verliererkomplex' schwindet. Die Zeit arbeitet gegen ihn, die Erinnerung verliert die Zeugen, sie wird zur historischen Konserve. Deutschland hat den Nazismus von sich abgewaschen und begierig die Erfahrung verschiedener Kulturen aufgesogen, bis die Kultur selbst durch die eigene Krise verkümmert ist. Das geschah ungefähr an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, und wie nach einem Schlaganfall lebt die Kultur jetzt eher aus Gewohnheit, als dass sie ihre Kräfte regenerieren würde."

Außerdem: In der NZZ plädiert der Philosoph Otfried Höffe gegen die Homo-Ehe.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.03.2019 - Ideen

Arbeiten Google und Amazon an der Abschaffung der Zukunft? Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski beschreiben in der NZZ, wie die Tech-Konzern Vorhersagen zu ihrem zentralen Geschäftsfeld machen: Waren werden nicht vor der Bestellung geliefert, Google mahnt, nicht den Regenschirm zu vergessen, Alexa empfiehlt ein Medikament, wenn es jemanden Husten hört. Die Zukunft wird statistisch aus der Gegenwart hochgerechnet. Predictive analytics sorgen für anticipatory shipping: "In diesem Umfeld siedeln sich derzeit - das 'predictive policing' ist sein prominentester Statthalter - immer mehr Verfahren an, die im Wirklichen das Mögliche enthalten sehen, Korrelationen häufig wie Kausalitäten lesen und aus der ungewissen eine wahrscheinliche Zukunft machen. Doch die Ungewissheit verschwindet damit nicht einfach, sie scheint nur eindeutig deklariert: als Ort, den es systematisch auszuschließen gilt. Vor diesem Hintergrund lässt sich auch die Vorwegnahme des Künftigen als Geringschätzung dessen lesen, was Derrida 'l'avenir' genannt hat - ein Kommendes, das entgegen der 'festgelegten, vorgeschriebenen' Zukunft 'nicht vorhersehbar', aber womöglich verheißungsvoll ist."
Stichwörter: Ungewissheit

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.03.2019 - Ideen

In der Zeit sucht Bruno Latour in Zeiten des Klimawandels nach einer neuen Bedeutug des Begriffs "Heimat": "Heimat ist nicht das Land der Kindheit, in das uns die Nostalgie zurückversetzt; auch nicht der alte provinzielle und bäuerliche Boden, aus dem man sich immer herausreißen musste, um endlich Anschluss an die hektische und universelle Welt der Modernisierung zu finden; und noch weniger ist sie die Rückkehr in das Dorf der Globalisierungsenttäuschten, die wieder Lederhose tragen und altväterlich patriotische Hymnen anstimmen. Das Wort Heimat bedeutet vielmehr die Möglichkeit, dass wir das, was uns leben lässt, mit dem, was uns bewusst ist, zusammenbringen. Dann erscheinen die Passagen aus dem alltäglichen Leben in Farbe und nicht in Schwarz-Weiß."

Allerdings will Latour weder vom globalisierten Weltbürger wie dem neuen Neonationalismus etwas wissen. Aber was will er dann, fragt sich ratlos Mark Lilla in einer Antwort. "Wenn eine Heimat, wie er behauptet, dadurch definiert ist, dass sich Subsistenzmittel und kollektives Vorstellungsvermögen entsprechen, und wenn diese Mittel heute unweigerlich globale Dimensionen haben, könnte man zu dem Schluss gelangen, dass unsere kollektive Vorstellungskraft an unsere materielle Realität anschließen und global werden muss. Latour aber lehnt den Globalismus ab. Ebenso lehnt er den 'Neonationalismus' ab, wie er ihn verächtlich nennt, leider ohne uns zu verraten, was an ihm 'neo' ist. Was aber ist die Alternative? Nur ein (grüner) Gott kann uns noch retten? ... In seiner republikanischen Form bleibt der Nationalstaat das einzige vernünftige Mittel zur Herstellung menschlicher Solidarität, das uns zur Verfügung steht, um es mit den Folgen der Globalisierung aufzunehmen, so gut wir eben können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2019 - Ideen

Janne Knödler berichtet in der SZ über einen Streit im akademischen Milieu um die Einladung von "Provokateuren und umstrittenen Figuren wie Thilo Sarrazin oder Götz Kubitschek" zu universitären Diskussionsveranstaltungen. Dass man ihnen kein Forum bietet, findet sie ganz in Ordnung, könne man ohne die zwei doch viel besser über Meinungsfreiheit diskutieren als mit ihnen: "Die Demokratie, scheint man sich einig zu sein, muss Dissens, Debatte und Streit aushalten. Und doch gehört es zu einem aufgeklärten Diskurs, seine Grenzen zu verhandeln." Die Frage für Knödler scheint vor allem zu sein, wie man sich der Debatte mit den "Provokateuren" entziehen kann, ohne sich den Vorwurf einzuhandeln, man entzöge sich der Debatte.

Dass der Rechtsradikalismus in Deutschland zugenommen hat, bezweifelt Klaus Theweleit in einem sehr langen Gespräch mit dem Freitag über Gewalt, Attentäter Männer- und Frauenangst doch sehr. Zu gut erinnert er sich an die Sprüche von Arbeitern und Politikern wie Dregger oder Strauß in den 60er Jahren: "Es gibt heute weniger Leute, die so sind. Das war in den 50ern und 60ern die absolute Mehrheit, bis in gewerkschaftliche Kreise. Bei SPD-Arbeitern war der Italiener-Hass auch da. Fußball war da die Rettung, für mich jedenfalls. Damit wurde man auf der Baustelle akzeptiert. Und konnte reden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2019 - Ideen

Die NZZ hat ein langes Interview von 2005 des Kulturphilosophen Robert Pogue Harrison mit dem inzwischen verstorbenen Anthropologen René Girard übersetzt. Es geht um den Sündenbock in den Religionen, um Heidegger, der einst sagte: "Nur ein Gott kann uns retten" und um das Heilige: "Die Sakralisierung, die Heidegger fordert, ist eine Rückkehr zum Archaischen, und das ist ihm klar. Deshalb weiß er auch, dass es unmöglich ist. ... Das Moderne ist, entgegen Heideggers Auffassung, nicht schlecht. Es ist die Schlechtigkeit der Menschen, die es schlecht werden lässt; aber an sich ist es gut. Es ist eine Entwicklung, die dem Menschen mehr Intelligenz, mehr Menschlichkeit bringt - denn allen negativen Aspekten der Welt zum Trotz ist unsere Welt in vieler Hinsicht die beste, die wir je gekannt haben. Darum ist es diese Welt, die gerettet werden muss. Und sie kann nur gerettet werden, wenn die Menschen besser miteinander auskommen."

Heinz Bude, der gerade ein Buch zum Thema veröffentlicht hat, erklärt im Interview mit der SZ, warum er Solidarität für einen wichtigeren Begriff hält als Gerechtigkeit oder Empathie: "Der Sozialstaat braucht Gerechtigkeitserwägungen, die im Prinzip für alle Beteiligte einsichtig sind und deshalb verpflichtend gemacht werden können. Aber er geht unter, wenn er nicht durch ein Solidaritätsbestreben in der Gesellschaft gehalten wird. Solidarität bindet und moderiert Gerechtigkeit. Die Solidarität der Staatsbürger kommt zum einen für die Kosten der Zuerkennung sozialer Rechte auf. Sie kann zum anderen aber auch einen gewissen Takt bei der Wahrnehmung sozialer Rechte verlangen. Es gibt eine unausgesprochene Reziprozitätsregel im Solidaritätsempfinden, die explizite Rechte an implizite Pflichten bindet."

Am Wochenende hat sich die ehemalige Freien Volksbühne, heute Haus der Berliner Festspiele, als Palast der Republik inszeniert, und ein Diskurswochenende abgehalten - mit vierzig Veranstaltungen, Runden Tischen, Performances und prominenten Intellektuellen, die sich fragten, wie wir die Revolution doch noch hinbekommen könnten: "Der Palast-Wiedergänger hat sich lustigerweise mitten in der Westberliner Gemütlichkeit angesiedelt, im gutbürgerlichen Bezirk Wilmersdorf. ... Das ist ein gelungener postideologischer Witz", spottet Peter Laudenbach, der für die SZ da war. "Dass ideologisch gefestigte Neomarxisten wie die Benjamin-Expertin Susan Buck-Morss, ein Star im akademischen Feld, eingeladen werden, hier ihre revolutionsromantischen Runden zu drehen, hat eine eigene Ironie, für die der altmodische Begriff der 'repressiven Toleranz' zu harmlos ist. Eher handelt es sich um das Vertrauen aller Beteiligten darauf, dass die kultiviert vorgebrachten Radikalismen garantiert folgenlos bleiben, aber das Diskurs-Event schmücken." (Mehr zu dem Wochenende in Berliner Zeitung und Tagesspiegel)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2019 - Ideen

Irgendwie haben die Konservativen nicht richtig gedacht, und darum ist die Rechte verrückt geworden - so lautet im Welt-Gespräch mit Mara Delius und Marc Reichwein die Analyse des Soziologen Heinz Bude für die gegenwärtige ideologische Verwirrung auf der einen Seite des politischen Spektrums: "Wir haben hier seit 14 Jahren eine konservativ geführte Regierung. Aber wir haben keinen Konservatismus mehr, der aus einem bestimmten 'Wir'-Bedarf heraus denkt und daraus eine Welt konstruiert. Wir haben stattdessen nur diese verrückte Rechte, die im Zweifelsfall rassistisch ist. Und das ist das Problem: Die Konservativen haben es aufgegeben, einen in sich schlüssigen Gesellschaftsentwurf überhaupt nur zu denken. Deshalb ist das Wir von rechts nur reaktiv und regressiv."

In einer faszinierenden Tour d'horizon entwirft  der Historiker Volker Reinhardt in der NZZ gewissermaßen eine Archäologie des Populismus, zu dessen Ur-Autoren für ihn Niccolò Machiavelli, Jean Bodin und Jean-Jacques Rousseau gehören. Gegen ihre Theorien vom ursprünglich reinen Volk habe es aber immer auch Widerrede gegeben - die leider scheiterte: "Nicht nur Voltaire, sondern jeder Gegendenker zu den großen Simplifizierern seiner Zeit hatte es schwer. Der Historiker Francesco Guicciardini zerpflückte die populistischen Thesen seines Zeitgenossen Machiavelli Punkt für Punkt, und zwar mit unleugbar stärkeren Argumenten, differenziert, psychologisch und historisch fundiert - doch wer kennt heute noch Guicciardini? Populisten wie Machiavelli, Bodin und Rousseau hatten und haben Erfolg, weil sie die Welt in übersichtlichen, griffigen Formeln erklären."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.03.2019 - Ideen

In der SZ warnt Thea Dorn davor, das liberale Ideal - nach dem jeder er selbst sein kann und gleichzeitig freier und gleichberechtigter Teil einer Staatsgemeinschaft - durch die Schaffung von "Kränkungs-Communitys" zu gefährden: "Hier lautet die komplexe Aufforderung nicht: 'Schau her, ich bin einzigartig und dennoch erwarte ich, dass du mich als gleichwertig respektierst!' Sie verkommt zur niederschmetternden Mitteilung: 'Schau her, ich gehöre einer Gruppe von Menschen an, deren Kränkungserfahrungen einzigartig sind und deren Gefühlshaushalte du deshalb nie verstehen wirst!' Wenn dann auch noch Mitglieder von ehemals privilegierten Gruppen (wie den 'alten, weißen Männern' oder 'Biodeutschen') dazu übergehen, mit derselben identitätspolitischen Münze zurückzuzahlen und sich ihrerseits zu Kränkungs-Communitys zusammenzuschließen, hat der gesellschaftliche Zerfall endgültig begonnen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.03.2019 - Ideen

Die Autoren - ja, Autoren! - Monika Maron, Wolf Schneider, Walter Krämer und Josef Kraus wenden sich in einem Aufruf beim Verein Deutsche Sprache gegen die Genderisierung der Sprache: Einer der Gründe ist ganz praktisch, dass diese Idee ohnehin nicht duchzuhalten ist: "Wie kommt der Bürgermeister dazu, sich bei den Wählerinnen und Wählern zu bedanken - ohne einzusehen, dass er sich natürlich 'Bürgerinnen- und Bürgermeister' nennen müsste? Wie lange können wir noch auf ein Einwohnerinnen- und Einwohnermeldeamt verzichten? Wie ertragen wir es, in der Fernsehwerbung täglich dutzendfach zu hören, wir sollten uns über Risiken und Nebenwirkungen bei unserm Arzt oder Apotheker informieren? Warum fehlt im Duden das Stichwort 'Christinnentum' - da er doch die Christin vom Christen unterscheidet?"

Der Romanist Gerhard Poppenberg wendet sich in der Zeit vehement gegen die Idee, postmoderne Denker hätten den Grund für heutigen Relativismus und die Beliebigkeit der Fake News gelegt: "Das Phänomen der Fake-News ist nicht das Ergebnis des postmodernen Denkens, es entsteht, wenn die darin analysierten Probleme nicht verantwortungsvoll angegangen werden."

Außerdem: Horst Günther schreibt in der NZZ den Nachruf auf den großen Rousseau-Forscher und Ideenhistoriker Jean Starobinski, der 98-jährig in seiner Heimatstadt Genf gestorben ist.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.03.2019 - Ideen

In der "Ordnung des Diskurses" hatte Michel Foucault noch davon geträumt, die öffentliche Rede zu einem wilden Rauschen zu befreien, seufzt Claudia Mäder in der NZZ. Mit dem #Hashtag bleibt davon nichts mehr übrig. Emanzipation? Partizipation? Von wegen: "Vielmehr markiert das Hashtag die Eingliederung in eine rigide Ordnung, und sich dem Regime der Raute zu unterwerfen, ist geradezu Pflicht für jeden, der in der Weite der Netzwelt etwas zu sagen haben will. Den Ordnungsbefehl gibt keine äußere Macht, er ist das Resultat der inzwischen fest etablierten Struktur. Ihre Logik ist simpel, sie beruht auf reiner Akkumulation. Je häufiger ein Schlagwort gesetzt wird, desto weiter oben erscheint es im Ranking."

Daniele Dell'Agli plädiert im Perlentaucher für ein bedingungsloses Grundeinkommen: "Das weitverbreitete Ressentiment gegen ein solches Grundeinkommen zeigt doch nur an, dass der überwiegende Teil der Bevölkerung, der gern bei Umfragen seine Zufriedenheit darüber bekundet, dass die Arbeitsplätze 'sicher' seien, in Wahrheit zutiefst frustriert ist, weil man entweder der falschen (ungewollten) Arbeit nachgeht bzw. diese als sinnlos oder schädlich empfindet - oder als erniedrigend, wenn man für sie überqualifiziert ist; oder weil man Gesundheit und Lebenszeit mit wechselnden, meist unnötig anstrengenden und unwürdigen Jobs für ein armseliges Entgelt verheizt..."