9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2019 - Ideen

Im Tagesspiegel-Interview sprechen Peter und Harold Marcuse, Sohn und Enkel des Philosophen Herbert Marcuse, über ihre Suche nach dessen Urne, Besuche bei den Horkheimers, die Linke in der Krise und den Anti-Intellektualismus unter Trump. Peter: "Trump ist ja kein böses Monster, das plötzlich auf der Bildfläche aufgetaucht ist, sondern das Ergebnis einer Entwicklung, die schon länger schwelt. In seinem Werk 'Der eindimensionale Mensch', in dem Herbert die Auswirkungen einer kapitalistischen Gesellschaft analysiert, hat er das vorhergesehen: die Instrumentalisierung von Aggression auf Twitter. Das Überdecken von Missständen mit Konsumversprechen. Die Manipulation von Grundinstinkten, um aus dem Verlangen nach Geborgenheit und Sicherheit Profit zu ziehen. Ich bin sicher, mein Vater wusste, dass der Kapitalismus sich nicht einfach auf den Rücken rollt und stirbt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2019 - Ideen

Per Leo, Mitautor des Buchs "Mit Rechten reden", legt in einem Zeit-Essay noch einmal dar, wie er Rechte durch Miteinanderreden demaskieren will: "Intellektuell kommt von rechts nichts, was der Rede wert wäre. Keine Idee, kein Problembewusstsein, keine Analyse. Keine Schärfe, weder im Schreiben noch im Auftreten. Nur das nebulöse Gerede von der Bedrohung des eigenen Volks, dessen Existenz so heiß empfunden wie lau benannt wird, und die strategische Absicht, den Diskurs zu kapern. Der Wille zur Krise. Um erfolgreich zu sein, brauchen sie uns. Wir Nicht-Rechten sind es, die ihnen unfreiwillig zu Kontur verhelfen, weil wir sie andauernd schärfer machen, als sie sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2019 - Ideen

Der Kunsthistoriker Jörg Scheller versteht die Verachtung nicht, die der Idee der Selbstoptimierung entgegengebracht wird. Was bitte ist schlecht daran, sich verbessern zu wollen, fragt er in der NZZ. "Selbstoptimierung zu desavouieren, ist ein Symptom von Wohlstandsverwahrlosung. Man muss sich das erst einmal leisten können. ... Das Bestmögliche aus sich machen zu wollen, ist kein Ausdruck von Überheblichkeit gegenüber der Umwelt. Im Gegenteil, es ist ein Geschenk an sie. Von der Ärztin, die ihre chirurgischen Fertigkeiten verfeinert, profitieren Patienten. Vom Denker, der seine Argumente schärft, profitiert die geistige Kultur. Von Arbeitgeberinnen und Arbeitnehmern, die ihre Leistung verbessern, profitiert die Sozialpartnerschaft. Und sogar von jenen, die ihr Optimum darin sehen, öfter mal gar nichts zu tun und zu Hause zu bleiben, profitiert einer: der Umweltschutz.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2019 - Ideen

Seitdem Hans Ulrich Gumbrecht in der Garage des verstorbenen Richard Rorty eine vielfach unterstrichene und kommentierte Ausgabe von Gadamers "Wahrheit und Methode" in Händen hielt, fragt er sich, was Rorty mit Gadamer verband, erzählt er in der NZZ. Beide weisen "eine Konvergenz auf, die man konstruktivistisch nennen kann. Sie liegt in der Einsicht, dass sich Menschen ihre Welt immer erst konstruieren müssen, statt sie einfach vorauszusetzen zu können. ... Alles, was ist, könnte auch anders sein, das Geschlecht, das Alter, die Stimmung, das System, das Begehren, die Bedürfnisse. Deshalb sehnen wir uns im Alltag eher nach verbindlichen Orientierungen als ausgerechnet nach der Offenheit von Rortys ironischem Bewusstsein oder nach Gadamers unendlichem Gespräch. Wie eine freundliche Variante von Nihilismus wirken solche Motive angesichts der Sehnsucht nach Verbindlichkeit, angesichts einer Sehnsucht, die allerdings auch zur Matrix all der neuen politischen Fundamentalismen geworden ist. Ein philosophisch akzeptabler Rückweg zu nicht beliebigen Wirklichkeiten kommt im Konstruktivismus jedenfalls kaum in Sicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.02.2019 - Ideen

Francis Fukuyama spricht mit Gregor Quack in der FAS über sein neues Buch "Identität - Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet" und kritisiert, dass bei dem Versuch, den Populismus zu verstehen, kulturelle Faktoren meist unterschätzt werden. Identitätspolitik ist aber nicht nur eine Sache der Rechten, meint er: "Das Problem liegt darin begründet, dass eine liberale Gesellschaft vorrangig eben nicht aus verschiedenen Kulturen, sondern zunächst einmal aus Individuen besteht. Wenn also beispielsweise eine konservative muslimische Familie ihre Tochter zurück nach Marokko oder Pakistan schickt, damit die dort gegen ihren Willen verheiratet wird, dann kann man das in einer liberalen Demokratie nicht im Namen kultureller Selbstbestimmung verteidigen."

Der öffentliche Intellektuelle ist tot, konstatiert der Literaturwissenschaftler Björn Hayer auf Zeit online. Jedenfalls in den Geisteswissenschaften. Es wundert ihn nicht. "In der Tat hat sich ein Teil der Forschungsgemeinde, insbesondere der älteren Garde, seit mehreren Dekaden mit der Abarbeitung realitätsferner Nischenthemen begnügt. Man zog sich biedermeierlich (und sicherlich auch ein wenig selbstgefällig) ins Unpolitische zurück. Verstärkt wird dieser Eindruck der Beliebigkeit durch eine massive Überproduktion an Studien und Artikeln, deren Bedeutung für die gesellschaftlichen Diskurse kaum erörtert wird." Hayer ermuntert dazu, den Elfenbeinturm zu verlassen und sich wieder einzumischen.

In seinem Buch "Der Tyrann" analysiert der amerikanische Literaturwissenschafter Stephen Greenblatt Shakespeares "Machtkunde für das 21. Jahrhundert". Die lässt sich auch sehr gut auf Donald Trump übertragen, meint er im Interview mit der NZZ. "Er ist in jeder Hinsicht eine kollektive Schöpfung, auch wenn ich dem Prinzip Etienne de La Boéties anhänge, nach dem man sich immer auch weigern kann, einem Tyrannen einen Kaffee zu servieren. Am Aufstieg Trumps ist faszinierend, dass ihn das gesamte republikanische Establishment gehasst hat - die Bushs, McConnells und wie sie alle heißen. In dem komplizierten Prozess, von dem ich nicht sicher bin, ob ich ihn völlig verstehe, haben sie sich ihm dann aber alle verschrieben."

Weiteres: Auch das Gedenken unterliegt Moden - wir gedenken der Opfer des Faschismus, des Nationalsozialismus, von Auschwitz, des Holocaust, der Judenvernichtung: In der FR denkt Arno Widmann an seinem eigenen Leben entlang über die gesellschaftliche Konjunktur dieser Begriffe nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.02.2019 - Ideen

Steven Pinker antwortet in der NZZ den Kritikern seines Buchs "Aufklärung jetzt". Auf den Einwand, dass die Epoche der Aufklärung auch eine Blütezeit der Sklaverei gewesen sei, erwidert er: "Die Sklaverei gab es auch nicht erst im 18. Jahrhundert, wie alle wissen, die den Film 'Spartacus' kennen: Zu allen Zeiten galten Sklaven als die begehrteste Beute von Eroberern. Der Aufklärung die Schuld für die Sklaverei zu geben, ist besonders lächerlich angesichts der Tatsache, dass die Sklavenbefreiung erst im 18. Jahrhundert einsetzte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2019 - Ideen

Claudia Mäder führt für die NZZ ein lesenswertes Gespräch mit Alain Finkielkraut über die Gelben Westen, die er als einen Ausdruck einer "Krise der Repräsentation" sieht. Politik und Gesellschaft haben sich voneinander abgelöst: Die Gelben Westen stellen soziale Forderungen, so Finkielkraut, die Politik aber befasst sich mit gesellschaftlichen Reformen, die nichts damit zu tun haben: "Man möchte zum Beispiel die Fortpflanzungsmedizin oder die Leihmutterschaft vorantreiben, das gilt als fortschrittlich - aber mit den medizinischen Problemen der einfachen Mittelschichtsleute hat das nichts zu tun. Folglich werden sie als 'Reaktionäre' gesehen und vernachlässigt; gerade auch die Linke hat sich von ihnen abgewendet und sich lieber um Junge, Urbane oder Frauen gekümmert. Sowohl in der politischen als auch in der intellektuellen Welt hat sich so eine Opposition zwischen Progressisten und 'Reaktionären' gebildet, und für die zahlen wir jetzt einen sehr hohen Preis."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2019 - Ideen

Matteo Salvini sollte vorsichtig sein, was er sich wünscht. Italien und Polen werden die Europäische Union gewiss nicht übernehmen, sie werden sie höchstens in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft treiben, und dann werden die beiden zur zweiten Gruppe gehören, meint der Historiker Timothy Snyder im Interview mit der NZZ. Aber eine Zwei-Klassen-EU wäre für alle schlecht, erklärt er: "Weil die Magie der EU mit Deutschland zu tun hat. Was die EU leistet, ist dies: Sie erlaubt es Deutschland, in einer Weise mächtig und erfolgreich zu sein, die mehr oder weniger akzeptabel ist für die anderen europäischen Staaten. In jeder denkbaren Neuordnung der Europäischen Union würde Deutschland noch mehr Macht haben relativ zu den anderen europäischen Ländern. Es gäbe zwar insgesamt weniger Macht für Europa als Ganzes, aber mehr Macht für Deutschland allein." Das wäre unangenehm "auch für die Deutschen. Die EU verlöre klar an Anziehungskraft."

In den sechziger und siebziger Jahren hatten Frauen im südlichen Afrika noch Gewerkschaften, die politische Rechte für sie erkämpften. Nachdem in den achtziger und neunziger Jahren weite Bereiche des öffentlichen Dienstes privatisiert wurden, sind diese Gewerkschaften geschwächt, schreibt Hala Al-Karib von der in Uganda ansässigen Strategic Initiative for Women in the Horn of Africa (SIHA) auf Al Jazeera. Jetzt ist der öffentliche Raum von NGOs besetzt, die sie nicht halb so nützlich findet, weil diese nicht politisch, sondern kulturell argumentieren. "In den letzten vierzig Jahren erlebten wir eine 'NGO-isierung des öffentlichen Raums', in denen die Sprache und Rhetorik der Geschlechtergleichstellung hauptsächlich von internationalen NGOs geprägt wird. Das Problem der NGO-isierung besteht darin, dass sie überwiegend der Fantasie, den Annahmen und dem Interesse der nördlichen Förderinstitutionen und ihrer Stellvertreter unterliegt. ... Infolgedessen verwandelten sich die meisten Frauenorganisationen in passive Räume, in denen Menschen keine Politik 'machen'. Die Arbeit an den Frauenrechten ist stärker auf PR fokussiert und die vermeintlichen Aktivistinnen wurden zu Eliten, die um Ressourcen und Privilegien konkurrieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2019 - Ideen

"Parität in allen Bereichen erscheint mir einfach logisch", hat Angela Merkel im Interview mit der ostdeutschen Schriftstellerin Jana Hensel in der Zeit gesagt (unser Resümee des Interviews). Monika Maron widerspricht bei Cicero.de und stellt den Begriff der "Parität" insgesamt in Frage: "Wäre das Politbüro der DDR besser gewesen, wenn es paritätisch mit Frauen besetzt gewesen wäre? Männer und Frauen sind nicht gleich. Wir haben eine jahrhunderttausendalte Geschichte, die uns physisch und psychisch geprägt hat. Darum spielen allen Erziehungsexperimenten zum Trotz Mädchen lieber mit Puppen und Jungen mit Autos. Die wahre Parität im Sinne von Gleichwertigkeit liegt in der gleichen Achtung gegenüber den verschiedenen Vorlieben und Fähigkeiten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2019 - Ideen

Der Politologe Herfried Münkler denkt in der NZZ (online nachgereicht vom Samstag) mit Ernst Bloch über den neuen Fetisch der Identität nach. "Indem das Wir, von dem Bloch gesprochen hat, vergegenständlicht wird, wird sein Werden blockiert: Es ist ja schon da und muss bewahrt und verteidigt werden. Die im Fetisch aufbewahrte Vergangenheit duldet keine Auseinandersetzung mit der Zukunft. Die im Fetisch gebannte Vergangenheit stellt die Gemeinschaft in den Bann des Vergangenen. So wird der Fetisch zum Garanten immerwährender Traditionalität. Modernität ist erst möglich, wenn die Fetische entmystifiziert sind. Das Bemühen um ein gegenwartsbezogenes Selbstbewusstsein und das Vertrauen auf einen Fetisch stehen also im Widerspruch zueinander."