9punkt - Die Debattenrundschau

Neuartiger Reichtum

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.02.2019. Kein Sex auf Instagram, und jetzt auch keine Kartoffeln mehr: Engadget beklagt die zunehmend sexuelle Zensur im Netz. Politico beobachtet die PR-Schlacht um den Prozess gegen die führenden Politiker der katalanischen Separatistenbewegung. In der NZZ plädiert der Philosoph Maurizio Ferraris für ein Mobilisierungsgehalt aller EU-Bürger von den Internetkonzernen, statt ein Bürgereinkommen vom Staat. Wie die ARD lernt, ihre Existenzberechtigung zu "framen", erzählt der Tagesspiegel. Die Welt stellt die Framing-Expertin Elisabeth Wehling vor. Da bleibt Zeit online nur noch eine letzte Zigarette.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.02.2019 finden Sie hier

Internet

Violet Blue, die einst ein Tumblr-Konto mit erotischer Kunst betrieb, bevor Tumblr alles Erotische aus seinen Seiten tilgte und genauso prüde wurde wie Facebook und Instagram, beklagt in Engadget ein immer massiveres Klima sexueller Zensur im amerikanischen Internet. Google scheint etwa bei Standardeinstellungen für das Wort "Porno" überhaupt keine Ergebnisse mehr zu produzieren. Bei Facebook werden Gustave Courbets "Ursprung der Welt" und Gerhard Richters die Treppe herabsteigender Akt zensiert. Und Tumblr, schreibt Blue, wurde zum Tummelplatz für Rechtsextreme: "Das Löschen erotischer Kunst bedeutet für mich einen Krisenmoment von Kultur und Demokratie. Kunst löst am ehesten Wandel aus und ermöglicht Selbstermächtigung, wenn sie grenzüberschreitend, skandalös, nackt, erotisch ist. Sichtbarkeit ist wichtig. Kunst öffnet den Geist, stellt Ideen in Frage, erkundet Standpunkte und kann Menschen, die hassen, verändern, und sei es nur für eine Minute."
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Europa

Heute beginnt der Prozess gegen prominente Anführer der katalanischen Separatistenbewegung, berichtet Rainer Wandler in der taz: "Insgesamt sind 500 Zeugen geladen, unter ihnen der ehemalige konservative Ministerpräsidenten Mariano Rajoy. 2.100 Seiten Dokumente werden gesichtet. Über 600 Journalisten haben sich akkreditiert, darunter 50 internationale Medien. Die Hauptverhandlung, die live im Fernsehen übertragen wird, soll drei bis vier Monate dauern. Dem Prozess ist also die Aufmerksamkeit sicher."

Diego Torres sieht um den Prozess eine gigantische PR-Schlacht toben, wie er in Politico schreibt. Auf dem Spiel stehe nicht weniger als Spaniens Ansehen in der Welt: "'Das ist der wichtigste Prozess unserer Demokratie', sagte Carlos Lesmes, der Präsident des Verfassungsgerichts - der nicht am Verfahren beteiligt ist - in einem der wenigen Gespräche mit Medien. Lesmes zog alle Arten von Belegen heran, um die Glaubwürdigkeit von Spaniens Justiz zu untermauern, nicht nur den Economist (der Spanien in seinem Demokratie-Index unter den ersten zwanzig Nationen listet), sondern auch Gefängnisstrafen gegen mächtige Politiker bis hin zu den geleakten Depeschen amerikanischer Diplomaten, die von Spaniens 'extrem unabhängiger Justiz' sprachen. Daten des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zeigen, dass Spanien 32 Mal wegen Verletzung von Grundrechten zwischen 2014 und 2018 verurteilt wurde, weniger als Belgien (43) und Frankreich (62), aber mehr als in Deutschland (22) und Britannien (18)."
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Ideen

Der italienische Philosoph Maurizio Ferraris lässt sich in China zu einem europäischen "Mobilisierungsgehalt" inspirieren. Das soll die EU mit den großen Internetkonzernen für ihre Bürger aushandeln, deren Daten abgesaugt werden. Das hätte auch Vorteile gegenüber dem viel diskutierten Grund- oder Bürgereinkommen, erklärt er in der NZZ: "Erstens würde es sich dabei um keine Beihilfe handeln, sondern um ein vollwertiges Gehalt, mit dem eine tatsächlich geleistete Arbeit (die große Mobilisierung, die im Netz Daten und somit Wert produziert) abgegolten wird. Zweitens würde es keinen weiteren Beitrag zur Schattenwirtschaft leisten (da die Mafiosi durch handgeschriebene Botschaften statt Mobiltelefone kommunizieren, wären sie vom Mobilisierungsgehalt ausgeschlossen). Und drittens würden die Geldmittel nicht aus den Kassen eines hochverschuldeten Staates kommen und damit die Zukunft der nächsten Generationen gefährden, sondern einen neuartigen Reichtum darstellen, der in den wirtschaftlichen Kreislauf treten und den Konsum ankurbeln könnte."

Auf Zeit online liefert Nils Markwardt einen schönen kleinen Abgesang auf die Zigarette. Klar, sie ist ungesund und musste gehen, aber etwas wird doch fehlen: das Egalitäre am Rauchen, das Solidaritätsprinzip (nie sollst du mich vergeblich um eine Zigarette bitten) und die eigene Zeiteinheit, die sie schafft: "Zumal die Zigarette die Zeit nicht nur alternativ taktet, sondern sie für einen Moment auch komplett still stellen kann. Wie Jean-Paul Sartre bemerkte, ist sie nämlich auch ein Mittel der Weltaneignung. 'Jedes unerwartete Ereignis', schrieb der französische Denker in seinem Hauptwerk 'Das Sein und das Nichts', 'das meine Augen träfe, war, so schien mir, grundlegend verarmt, sobald ich ihm nicht mehr rauchend entgegentreten konnte. Rauchend-von-mir-aufgenommen-werden-können: diese konkrete Qualität hatte sich universell auf den Dingen ausgebreitet.' Und jeder, der selbst einmal geraucht hat, weiß tatsächlich allzu gut, dass Bilder, Musik oder Gefühle sich während des kontemplativen Rauchens, vielleicht die konzentrierteste Form der inneren Einkehr, stärker ins Gedächtnis einbrennen können als unter bloßer Frischluftzufuhr."
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Kulturpolitik

Jörg Häntzschel fürchtet in der SZ, dass die von Bénédicte Savoy geforderte mehr oder weniger umstandslose Restitution von Kolonialkunst in Deutschland nicht schnell genug von statten geht. Das derzeit viel Geld - 1,9 Milliarden Euro - in die Provenienzforschung gesteckt wird, befriedigt ihn nicht: "Von Restitutionen ist nirgends die Rede. In erster Linie geht es darum, aufzuklären, wie die Gegenstände in deutsche Museen kamen, nicht darum, die engere Frage zu beantworten, ob auf rechtmäßige oder unrechtmäßige Weise. Was will man also? Geschichte und Umstände des kolonialen Kunstraubs erforschen? Oder, wie Savoy und Sarr, pragmatisch Restitutionen einleiten?"

Bernhard Schlink liest für den Tagesspiegel Horst Bredekamps neues Buch über Aby Warburg und seine kulturethnologischen Forschungen und meldet am Schluss recht deutliche Kritik an der gerade tosenden Restitutionsdebatte an: "Die koloniale europäische Vergangenheit wird beurteilt, als finde sie heute statt, und weil Kolonialismus heute insgesamt und rundum unmoralisch wäre, soll auch alles, was in der kolonialen europäischen Vergangenheit geschah, unmoralisch sein, nicht nur die Überwältigung indigener Völker und Kulturen, sondern auch die völkerkundliche Beschäftigung mit ihnen...  In den schlichten Argumenten der Forderung nach Restitution wird diese schlichte Wahrnehmung der kolonialen europäischen Vergangenheit politisch zugespitzt."

Gesellschaft

Ilhan Omar wird zum Corbyn der amerikanischen Politik. Zwei Tweets der demokratischen Kongressabgeordneten erregten in den letzten Tagen Aufsehen. Den Einfluss einer angeblichen jüdischen Lobby kommentiert sie mit dem Spruch "It's all about the benjamins, baby" (es liegt an der Kohle, Mann). Der Economist-Journalist und Netanjahu-Biograf Anshel Pfeffer antwortet mit einem Thread auf Twitter: "Nur um Zeit zu sparen. So läuft heute westliche Politik. Wenn du ein echter Linke sein willst, akzeptiere Antisemitismus in der Verkleidung des Antizionismus. Wenn du Teil der populistischen Rechten sein willst, akzeptiere Antisemitismus als Globalisierung und Soros-Bashing."
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Stichwörter: Omar, Ilhan

Medien




In den französischen Medien hacken sie sich gerade gegenseitig die Augen aus: Eine Schar von ungefähr dreißig jungen, männlichen und recht bekannten Online-Journalisten ist aufgeflogen, die sich bereits vor etlichen Jahren zu der Facebook-Gruppe Ligue du LOL zusammengefunden hatte: um Spaß zu haben, über andere herzuziehen - und Frauen zu belästigen. Ans Licht gekommen sind die Aktionen, weil sich einige der Beteiligten auf Twitter gegenseitig ihre Scheinheiligkeit vorwarfen. Daraufhin berichteten mehrere Frauen, wie sie belästigt wurden. Franceinfo gibt eine hervorragende Zusammenfassung: "Es folgten etliche andere Posts, darunter der von Daria Marx, einer Aktivistin gegen die Diskrimierung von Dicken: 'Mehrere Jahre lang waren ich und andere  Freundinnen Zielscheiben von diesen kleinen Pariser Typen, die sich einen Dreck um uns scherten', schrieb Marx laut Libération: 'Ich bin dick, also darf ich nichts sagen'. 'Eines Tages hat ein Mitglied dieser Liga ein Pornobild einer dicken blonden Tussi, die mir ein wenig ähnlich sieht, auf Twitter gepostet und gemeint, er habe mein Sextape gefunden.' Etliche Frauen beschreiben ähnliche Methoden der Belästigung." Und wie Libération berichtet, wurden bei der HuffPost.fr bereits Ende 2018 drei Journalisten entlassen, die das gleiche Spiel in der Gruppe "Radio Bière Foot" getrieben hatten.

In der Führungsetagen der ARD zirkuliert ein 89-seitige Papier des "Berkeley International Framing Institute", das der ARD empfiehlt, die Debatte über die eigene Existenzberechtigung zu "framen". Herausgekommen sind dabei 89 Seiten "Neusprech", berichtet Joachim Huber im Tagesspiegel: "Der monatliche Rundfunkbeitrag von 17,50 Euro ist auch kein Rundfunkbeitrag, im Framing der Gegner auch 'Zwangsabgabe' oder 'Zwangsgebühr' genannt, sondern 'eine proaktive, selbstbestimmte (da demokratisch entschiedene) Beteiligung der Bürger am gemeinsamen Rundfunk ARD'. Dieses Narrativ gilt, und es muss wieder und wieder betont werden."

Christian Meier erklärt in der Welt, wer Elisabeth Wehling ist, eine deutsche Linguistin, die Das Berkeley Institute gründete und die übrigens in deutschen Talkshows häufiger als Expertin auftritt: "Sie erklärt dann vor allem, wie 'Framing' funktioniert. Der Fachbegriff bezeichnet eine Technik, mit deren Hilfe man einer bestimmten Zielgruppe einen sprachlichen Rahmen ('frame') vorgibt. Dieser Rahmen soll es ermöglichen, gesellschaftliche Diskussionen über umkämpfte Themen in eine gewünsche Richtung zu lenken. Wehling hat über diese Technik das Sachbuch 'Politisches Framing' geschrieben." Wehling sei für das umfangreiche Papier "branchenüblich honoriert", sagt eine ARD-Sprecherin zu Meier.
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