9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2018 - Ideen

Könnte es sein, dass das "postfaktische Zeitalter" ein "düsterer Wiedergänger der Postmoderne (ist), die dadurch selbst in Misskredit gerät", fragt der Konstanzer Literaturwissenschaftler Abrecht Koschorke in der NZZ. Es ist vor allem die von Poststrukturalisten gelehrte gleiche Gültigkeit verschiedener "Wahrheiten", die aufs schiefe Terrain geführt habe. Und es stellt sich heraus, dass der Poststrukturalismus von Voraussetzungen gelebt habe, die er alles andere als pries - einer liberalen Ordnung nämlich: "Was ist, wenn man es nicht mit der Eigenrealität bedrohter Regenwaldvölker, sondern von gefühlten Mehrheiten und deren zunehmender Militanz zu tun hat? Angesichts einer offen bildungs- und wissenschaftsfeindlichen Regierungsagenda in den USA und anderen von Rechtspopulisten regierten Ländern rückt die Maxime, verfestigte Wahrheiten zu destabilisieren und unterschiedlichen Wissenskulturen ihr Recht zu belassen, in ein deutlich fahleres Licht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2018 - Ideen

Matthias Lilienthal in München, Chris Dercon in Berlin, Kollegah beim Echo, Uwe Tellkamp und Durs Grünbein in Dresden - die Debatten in der Kultur werden immer verbiesterter, meint Felix Stephan in der SZ. Das hat für ihn damit zu tun, dass die Leute nun nicht mehr nur in Filterblasen, sondern - noch schlimmer - in Echokammern agierten, so Stephan unter Bezug auf den amerikanischen Philosophen C.Thi Nguyen: "Der Aufstieg der Echokammer bringe eine Weltsicht hervor, die einen 'Alles-oder-Nichts-Krieg zwischen Gut und Böse' austrägt. Auf diese Weise versteifen sich lose Interessengruppen zu Agitationskollektiven, die sich in einem erbitterten Verteidigungskampf befinden: gegen das Impfen, gegen den Genderwahn, die Agrarlobby, die Manipulation durch die Mainstreammedien, die Überfremdung. Das Internet hat für jeden Interessenten eine maßgeschneiderte Manson-Family im Angebot - auch wenn es nicht immer zum Schlimmsten kommt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2018 - Ideen

Zivilgesellschaft ist nicht an sich etwas Gutes, legt der Politologe Franz Walter auf der Gegenwart-Seite der FAZ dar - und belegt es mit dem in Vereinen und Verbänden organisierten Antisemitismus nach der Gründung des Deutschen Reichs: "Der Antisemitismus, der sich mit der Gründerkrise wieder neu konstituierte, konnte nur deshalb von langer Dauer bleiben und jederzeit in entsprechenden Konstellationen revitalisiert, gar (eliminatorisch) radikalisiert werden, weil Pfarrer, Lehrer, Professoren und Studenten ihn mit der Autorität ihres Bildungsstatus im Organisationskosmos einer neuen Zivilgesellschaft multiplizieren und verfestigen konnten."

Tobias Haberkorn hat sich für die Zeit mit dem Belgier Théophile de Giraud auseinandergesetzt. Ob der nun Satiriker oder ernsthafter Aktivist ist, scheint Haberkorn selbst nicht ganz klar zu sein. Sicher ist, dass er als Sprachrohr einer online kommunizierenden Bewegung auftritt, die sich für die "Reduzierung der Bevölkerungszahl" einsetzt - und das nicht nur aus ökologischen Gründen, so Haberkorn: "Der Kern seines Denkens ist der philosophische Antinatalismus, das heißt eine Ethik, die zu begründen versucht, warum das Leben prinzipiell niemandem zuzumuten sei. ... Erstens sei der Schmerz, den man im Leben erleide, immer intensiver und anhaltender als das Wohlgefühl, sagt de Giraud. 'Vergleichen Sie mal eine Migräne mit einem Orgasmus.' Zweitens sei das Unglück immer schon präsenter als das Glück: 'Es ist viel schwieriger und unwahrscheinlicher, glücklich zu werden, als unglücklich zu sein.' Drittens brächten Glücks- und Unglücksempfinden ein jeweils anderes Zeitgefühl mit sich: 'Unglück dehnt die Zeit, Glück komprimiert sie.' In der Summe ergebe das eine Existenz, die man besser gar nicht erst anfangen sollte. Glücklich ist, wer nicht geboren wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.04.2018 - Ideen

Die NZZ bringt ein kleines Dossier zu Michel Foucault. Der Hauptartikel, Claudia Mäders Lektüre des vierten Bandes der Histoire de la Sexualité, "Les Aveux de la chair" steht noch noch nicht online (Nachtrag: Jetzt schon). Feuilletonchef René Scheu fragt, was Foucault am Liberalismus faszinierte: "In erster Linie sicher der Blick auf die Macht als Phänomen, das jeder Institution vorausgeht: Wie für Foucault ist für die Neoliberalen Macht immer schon da, wenn zwei Menschen interagieren. Macht geht nicht von einem Souverän aus, sondern von jedem Einzelnen, immer und überall. Und mit dieser nüchternen Sicht einher geht das Bestreben der Neoliberalen, Macht zu begrenzen."

Und der Foucault-Herausgeber François Ewald nimmt Foucault im Interview mit Claudia Mäder gegen den Vorwurf in Schutz, er sei ein postmoderner Relativierer von Wahrheit: "Die Wahrheit ist geradezu der Kern seiner Philosophie - immer geht es in seinen Arbeiten um die Beziehung des Menschen zur Wahrheit; ein Subjekt ist ohne Verbindung zur Wahrheit gar nicht denkbar für Foucault."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.04.2018 - Ideen

Für die Welt hat Christoph Nehring, Leiter der Forschungsabteilung im Deutschen Spionagemuseum Berlin, die Akte Sabina nochmal genau inspiziert und kommt zu dem Schluss: Rechtlich gesehen existieren genug Beweise, um Julia Kristeva eine Tätigkeit für den bulgarischen Geheimdienst nachzuweisen - auch wenn die Akte nicht vollständig ist. Es gab auch nie eine Erpressung, allerdings wurden zahlreiche Gespräche über Belanglosigkeiten geführt. Geringfügige Manipulationen mögen ebenfalls stattgefunden haben, brisanter aber findet Nehring den Zusammenhang mit der Komdos-Kommission: "Just in die Zeit der Veröffentlichung von Kristevas Akte fiel eine der zahlreichen bürokratischen Entscheidungsschlachten um das Erbe der kommunistischen Diktatur. Wieder einmal sollte die Kommission auf administrativem Wege geschlossen, ihre Arbeit beendet werden. Die Veröffentlichung von Kristevas Überprüfung kam nur wenige Tage vor der Entscheidung. Das mediale Interesse unterstrich die Bedeutung ihrer Arbeit, Komdos überlebte auch diesen Angriff."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.04.2018 - Ideen

Kaum geschieht ein Anschlag, ein Attentat oder ein Amoklauf, wie gerade in Münster, "regiert der Reflex des kommentierenden Sofortismus, die Ad-hoc-Deutung, die eine Situation der elementaren Ungewissheit durch scheinbar definitive Interpretationen überspielt", schreibt Bernhard Pörksen in der Zeit. Jeder weiß, vermutet, spekuliert. In eine Filterblase zurückziehen, kann sich mit seiner Deutung aber niemand mehr, und auch daher rührt die "große Gereiztheit", der Pörksen gerade ein Buch gewidmet hat. "Die Irritationen erreichen einen in der eigenen Timeline, als Push-Nachricht auf dem Smartphone, in den Kommentarzeilen zu Artikeln, die mit einem einzigen Link womöglich in ein ganz anderes Realitätsuniversum führen. Kurzum: Vernetzung verstört. Die Sofortkonfrontation mit immer anderen Ansichten - ich spreche in Analogie zur Filterblase vom Filter-Clash - ist die Urerfahrung des digitalen Zeitalters. Sie intensiviert die ohnehin erlebbare Gereiztheit gerade im Falle von Extremereignissen noch einmal massiv."

Dank medizinischer Fortschritte gibt es kaum noch natürliche Selektion beim Menschen, wir leben immer länger, gleichzeitig nimmt allerdings die Zahl schädlicher Mikro-Beeinträchtigungen im Genpool für zukünftige Generationen zu, erklärt der Evolutionspsychologe und Anthropologe John Tabby in der NZZ und kommt mit einem eigenwilligen Vorschlag daher. Durch die Reparatur beschädigter DNS und gentechnische Eingriffe in die Keimbahn will er genetische Erkrankungen besiegen: "Eltern hätten die Wahl, ob ihr Nachwuchs aus den gesündesten Genen erzeugt werden soll, statt nach dem Zufallsprinzip einer wachsenden Zahl schädlicher Gene ausgesetzt zu werden. Die gentechnische Reparatur träte an die Stelle der alten Grausamkeit der natürlichen Auslese, die der Entropie den Weg verstellt, indem sie die Lebewesen wegen ihrer Gene quält."

Außerdem: Michael Wuliger wundert sich in der Jüdischen Allgemeinen, dass Spiegel-online-Kolumnist Jakob Augstein augerechnet Céline als Kronzeugen seines Pazifismus bemüht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2018 - Ideen

Echte Moral entwickelt sich mit der Zeit von selbst, schreibt Philosoph Reinhard K. Sprenger in der NZZ. Die derzeit allgegenwärtige Moralisierung, die zum Beispiel im Namen der Diversity, Nachhaltigkeit und Solidarität um sich greife, sei dagegen nur ein Mittel, den Moralisierenden gesellschaftlichen Einfluss zu verschaffen: "Sie gießen ihre Interessen einfach in 'Werte' um. Dadurch verschleiern sie persönliche Vorteile und veredeln ihre Sozial-Imperative mit dem Glanz allgemeiner Zustimmung. Das immunisiert. Interessenkonflikte ließen sich ja aufklären und ausgleichen; Wertekonflikte kann man nur konstatieren. Will man sie lösen, muss man den anderen eliminieren. Das erklärt die Aggressivität der Moralisierer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2018 - Ideen

Ganz so ohne ist die IM-Akte Julia Kristevas vielleicht doch nicht, scheint es zumindest, wenn man Ilija Tojanows Bericht in der FAZ liest: Der bulgarischstämmige Autor hat sich die Akte genauer angesehen und zum Beispiel aus der Paginierung ersehen, dass einiges darin auch fehlen muss - nämlich die schriftlichen IM-Berichte Kristevas: "Dokumentiert sind nur ihre mündlichen Berichte, zum Beispiel über französische Intellektuelle von der Französischen Kommunistischen Partei (PCF), über Kämpfer aus dem palästinensischen Widerstand, über China und die französischen Maoisten, mit denen Frau Kristeva zwischen 1971 und 1976 (vorgeblich?) sympathisierte - die Redaktion der Zeitschrift Tel Quel, der sie angehörte, hatte 1971 ihre Unterstützung für den Maoismus erklärt; die Redaktionsmitglieder, darunter Philippe Sollers, Roland Barthes und eben Julia Kristeva, besuchten 1974 höchst offiziell China. Aber auch über bulgarische Emigranten in Paris berichtete die Agentin..."

In Bernard Henri Lévys Blog La Règle du Jeu hat sich jetzt auch der in Frankreich weltberühmte Philippe Sollers, Kristevas Ehemann, geäußert. Er zeigt sich "bestürzt über die Leichtgläubigkeit" der französischen Medien und bezweifelt die Seriosität der Akten, die von den "alten totalitären Geheimdiensten erfunden" worden seien - eine Vermutung, die Trojanow in der FAZ mit plausiblen Argumenten zurückweist.

Bernhard Pörksen hat für Dlf Kultur Wolfram Eilenbergers Buch "Zeit der Zauberer" gelesen, eine Beschreibung der Philosophie in der Weimarer Zeit, in der öffentliche Intellektuelle noch lebendiger diskutierten, und muss bei der Lektüre irgendwann einsehen: "Die Beschwörung des existenziellen Philosophierens ist eine kaum verhüllte Anklage. Es ist eine Anklage, die sich an die gegenwärtige universitäre Philosophie und den akademischen Betrieb der Geistes- und Sozialwissenschaften richtet. Sie handelt vom Ausstrahlungs- und Energieverlust des Denkens in Zeiten der Drittmittelhetze und der Dauer-Begutachtung, letztlich von der allmählichen Vertreibung der Zauberer aus den Räumen der Universität." Denn heute, so Pörksen, komme es für Geisteswissenschaftler nicht mehr darauf an, durch Ideen zu brillieren, sondern durch die schiere Zahl von Fachaufsätzen, die dem Publikum verborgen bleiben, und durch die Akquise von Drittmitteln.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2018 - Ideen

Es gibt kein einfaches Erben, denkt sich Pascal Bruckner, der für die NZZ eine kleine Geschichte der Erbschaft aus amerikanischer und französischer Perspektive bis zu Johnny Hallyday schreibt. "Das hat auch damit zu tun, dass die Moderne den Status der Tradition verändert hat. Im Ancien Régime war die Tradition ein natürlicher Zwang: Es war selbstverständlich, dass die Kinder wie ihre Eltern leben, ihre Religion und ihre Sitten übernehmen - ganz so, wie es seit Generationen geschah. Nach 1789 ist die Tradition, mit Tocqueville gesprochen, zu einer reinen Information geworden. Das hier waren unsere Gebräuche, würde man jetzt sagen und anfügen: Man kann sie weiterführen, ignorieren oder verändern. Dies bedeutet eine gewaltige Freiheit. Das ganze Konzept des Weitergebens wird durch sie infrage gestellt."

Silicon-Valley-Kapitalisten und Kommunisten haben einiges gemeinsam, staunt im Philosophie Magazin Nils Markwardt. Den Wunsch nach Unsterblichkeit zum Beispiel: "Google, dessen Mitbegründer Sergey Brin ebenfalls von der Abschaffung des Todes träumt, nahm 2013 gleich selbst eine Milliarde Dollar in die Hand, um mit Calico ein Institut zur Erforschung der Lebensverlängerung zu lancieren. Dessen Ziel brachte Bill Maris, Ex-Chef von Google Ventures, prägnant auf den Punkt: 'Es geht um eine Star-Trek-Zukunft, in der niemand an vermeidbaren Krankheiten stirbt, in der das Leben fair ist.' Ein faires Leben, das wollten auch die Immortalisten und Biokosmisten (mehr hier). Freilich unter anderen, nämlich kommunistischen Vorzeichen. Dieser losen Gruppe von Intellektuellen war dabei zunächst gemein, dass sie sich vom Werk Nikolai Fjodorows inspirieren ließen. ... Nach Fjodorow müsse die Menschheit eine kollektive technologische Anstrengung unternehmen, um die Natur unter totale Kontrolle zu bringen. Das heißt für ihn vor allem: Der Tod gehört abgeschafft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.04.2018 - Ideen

Die ewige Fehde zwischen der Ost- und Westküste der USA spaltet auch die konservativen Intellektuellen und Leo-Strauss-Anhänger in zwei Lager, berichtet Marc Neumann in der NZZ. Stein des Anstoßes ist Donald Trump. Ist er nun der Retter oder der Bestatter der Republikanischen Partei? Während die Ostküstler laut Neumann in Trump die "'Causa Efficiens für den Zusammenbruch' der Republikaner" ausgemacht haben, sehen die Claremonter im Westen in ihm "die politische Rückbesinnung auf einen genuin amerikanischen Föderalismus, wie er... den Gründern der USA vorschwebte... Damit einher geht ein Kulturkrieg, also der Widerstand gegen eine sich als linksliberal verstehende Kultur, die von staatlichen Institutionen hervorgebracht und begünstigt wird. Beliebteste Prügelknaben der Claremonter sind hierbei die von Political Correctness und Gender-, Rassismus- und Kapitalismuskritik dominierten Hochschulen und Geisteswissenschaften. Es ist offensichtlich, wie sehr Trump den Claremontern als Geschenk des Himmels erscheinen musste."