Ganz so ohne ist die IM-Akte
Julia Kristevas vielleicht doch nicht, scheint es zumindest, wenn man
Ilija Tojanows Bericht in der
FAZ liest: Der bulgarischstämmige Autor hat sich die Akte genauer angesehen und zum Beispiel aus der Paginierung ersehen, dass einiges darin auch fehlen muss - nämlich die schriftlichen IM-Berichte Kristevas: "Dokumentiert sind nur ihre mündlichen Berichte, zum Beispiel über
französische Intellektuelle von der Französischen Kommunistischen Partei (PCF), über Kämpfer aus dem palästinensischen Widerstand, über
China und die französischen Maoisten, mit denen Frau Kristeva zwischen 1971 und 1976 (vorgeblich?) sympathisierte - die Redaktion der Zeitschrift
Tel Quel, der sie angehörte, hatte 1971 ihre Unterstützung für den Maoismus erklärt; die Redaktionsmitglieder, darunter Philippe Sollers, Roland Barthes und eben Julia Kristeva, besuchten 1974 höchst offiziell China. Aber auch über
bulgarische Emigranten in Paris berichtete die Agentin..."
In Bernard Henri Lévys Blog
La Règle du Jeu hat sich jetzt auch der in Frankreich weltberühmte
Philippe Sollers, Kristevas Ehemann, geäußert. Er zeigt sich "bestürzt über die Leichtgläubigkeit" der französischen Medien und bezweifelt die Seriosität der Akten, die von den "alten totalitären Geheimdiensten
erfunden" worden seien - eine Vermutung, die Trojanow in der
FAZ mit plausiblen Argumenten zurückweist.
Bernhard Pörksen hat für
Dlf Kultur Wolfram Eilenbergers Buch "Zeit der Zauberer" gelesen, eine Beschreibung der Philosophie in der Weimarer Zeit, in der öffentliche Intellektuelle noch lebendiger diskutierten, und muss bei der Lektüre irgendwann einsehen: "Die Beschwörung des existenziellen Philosophierens ist eine
kaum verhüllte Anklage. Es ist eine Anklage, die sich an die gegenwärtige universitäre Philosophie und den
akademischen Betrieb der Geistes- und Sozialwissenschaften richtet. Sie handelt vom Ausstrahlungs- und
Energieverlust des Denkens in Zeiten der Drittmittelhetze und der Dauer-Begutachtung, letztlich von der allmählichen Vertreibung der Zauberer aus den Räumen der Universität." Denn heute, so Pörksen, komme es für Geisteswissenschaftler nicht mehr darauf an, durch Ideen zu brillieren, sondern durch die schiere Zahl von Fachaufsätzen, die dem Publikum verborgen bleiben, und durch die
Akquise von Drittmitteln.