9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2018 - Ideen

In einem Artikel gegen Horst Seehofers Beschwörung der "christlich-jüdischen" Tradition Deutschland erinnert FAS-Redakteur Claudius Seidl daran, dass die Trennung von Staat und Religion keineswegs kirchengewollt war, sondern über Jahrhunderte erkämpft wurde: "Insofern schließt die Rede von der 'jüdisch-christlichen Prägung' nicht nur den Islam aus - was ja der eigentliche Zweck dieser Behauptung ist. Auch Aufklärung und Atheismus, auch die, gerade in der deutschen Literaturgeschichte, so wichtige Sehnsucht nach jenem heitereren Himmel, in welchem die menschlicheren Götter der Griechen wohnen, werden von dieser Rede, wenn nicht ausgeschlossen, dann doch zu den Apokryphen einer Tradition, deren Kanon angeblich jüdisch-christlich ist."

Auch Necla Kelek sieht die europäische Kultur nicht durch die "jüdisch-christliche Prägung" definiert, wie sie in der Allgemeinen Zeitung darlegt: "Was macht denn die deutsche oder europäische Kultur aus?  Zum einen ist es die Demokratie, das heißt die Teilhabe des Bürgers an institutionellen Entscheidungen und dabei die Gleichheit der Bürgerinnen und Bürger. Zum Zweiten die universelle Gültigkeit der Menschenrechte, das Recht auf individuelle Freiheit und Unverletzlichkeit der Person; und drittens das Prinzip der Wissenschaftlichkeit, also der schlichte Ansatz, 'richtig' und 'falsch' jenseits religiösen Glaubens aufgrund wissenschaftlichen Forschens zu entscheiden. Diese Grundlagen der europäischen Kultur sind Errungenschaften der hellenistisch-römischen Antike und haben keine religiöse Natur."

In der NZZ macht der indische Autor Pankaj Mishra gleich ganz kurzen Prozess mit dem Westen, seinem Ideal der Aufklärung und der liberalen Demokratie. Kann nicht halten, wird nicht halten, meint er. Und hat bisher auch nur gehalten, weil wir von den Früchten des Imperialismus zehren: "Imperialismus, Ausbeutung und Sklaverei haben einen ebenso großen Anteil am hiesigen Wohlstand wie die industrielle Innovation. Das zu ignorieren, ist gefährlich", mahnt er. "Denn: Weder Indien noch irgendein anderes aufsteigendes Land kann heute noch Territorien und Ressourcen erobern. Das ist passé. Die Fantasie des Wohlstands aber, der für einige wenige Länder aus dieser spezifischen Phase resultierte, ist in allen Köpfen verankert. Die ganze Welt ist darin gefangen und sitzt in der Falle."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2018 - Ideen

AfD und Linke sind im Grunde zwei große #metoo-Bewegungen, die Menschen versammeln, die mit der modernen Drift nicht zurecht kommen, meint Peter Sloterdijk in einem sehr langen Interview mit der NZZ: "Das Driften erfasst jetzt auch den Menschen im hintersten Winkel - es sucht ihn heim, auch wenn er sich selber nicht bewegt. Dieser Winkel gleicht im Übrigen sehr der 'rechten Ecke', in die man heute so gern Leute stellt, die durch einen Mangel an stillem Einverständnis in den beschleunigten Wandel auffallen. Diese Ecke bleibt harmlos, solange ihr Bewohner gesteht, er sei zu langsam für diese Welt. Sie wird giftig, wenn die Langsamkeit sich aggressiv aufstellt. Inzwischen ist ein Teil der Ecke von Rückwärtsstürmern bevölkert. Denen muss man die Grenze zeigen."

In einem langen Gespräch Aleida und Jan Assmanns mit dem Deutschlandfunk Kultur (Teil 1, Teil 2) geht es um die Rechte, 1968 und um Identitätsfragen, wie zuletzt die Frage, ob der Islam zu Deutschland "gehört", oder "wie Jan Assmann sagt: 'Diese unsägliche Rede vom Islam, der zu Deutschland gehört oder nicht. Was gehört zu Deutschland? Ist das ein Immunsystem, das Fremdkörper abstößt?' Das sollte es in Assmanns Augen nicht sein, denn: 'Für mich wäre es ein Schreckensbild, die Vorstellung, in einem christlichen Staat zu wohnen, wo Nichtchristen Bürger zweiter Klasse sind. Das wollen wir hier nicht. Und ich meine überhaupt, dass die Rolle einer Staatsreligion der Religion am schlechtesten bekommt. Das sollte es eigentlich nicht geben. Deutschland sollte ein Land sein, in dem die Frage, ob der Islam dazugehört, gar kein Thema ist. Selbstverständlich, das ist ein säkularer Staat, der alle möglichen Religionen beheimatet.'"

In der Jungle World schreibt Stephan Grigat den Nachruf auf den Theoretiker und Kritiker des linken Antisemitismus Moishe Postone: "Joachim Bruhn hat Postones Thesen zum Nationalsozialismus vor dem Hintergrund der Jahrzehnte vorherrschenden marxistisch-leninistischen Verharmlosung des Antisemitismus zu Recht als 'Revolutionierung der materialistischen Betrachtung des Antisemitismus' bezeichnet. Seine von den Grundkategorien in Marx' 'Kapital' ausgehende Dechiffrierung des modernen Antisemitismus als Hass auf das Abstrakte, seine deutliche Unterscheidung von Antisemitismus und Rassismus und seine Analyse der nationalsozialistischen Vernichtungspraxis als Bruch mit der kapitalistischen Verwertungslogik und Herrschaftsrationalität haben ebenso Maßstäbe gesetzt wie seine Kritik an der deutschen Linken und einem sich progressiv wähnenden fetischistischen Antikapitalismus."

Wenn die Briten über den Sklavenhandel und die Sklaverei reden, dann kommen sie ganz schnell auf die Abolitionisten, auf deren Druck hin der Sklavenhandel abgeschafft wurde. Es wird langsam Zeit, hinter diese Schönfärberei der Geschichte zu gucken, meint Kris Manjapra im Guardian, und über Reparationszahlungen nachzudenken. Ein ungeschickter Tweet des Schatzamtes hat die Briten nämlich kürzlich daran erinnert, dass sie tatsächlich bis 2015 Reparationszahlungen geleistet haben - an die Sklavenhändler und ihre Nachkommen, nicht an die ehemaligen Sklaven. Der Tweet sagt viel aus über das Geschichtsverständnis der Briten: "The revelation came on 9 February, in the form of a tweet by HM Treasury: 'Here's today's surprising #FridayFact. Millions of you have helped end the slave trade through your taxes. Did you know? In 1833, Britain used £20 million, 40% of its national budget, to buy freedom for all slaves in the Empire. The amount of money borrowed for the Slavery Abolition Act was so large that it wasn't paid off until 2015. Which means that living British citizens helped pay to end the slave trade.'"

Weiteres: In der NZZ denkt Philipp Hübl über geschlechtergerechte Sprache nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.03.2018 - Ideen

Der Nouvel Observateur hat gestern enthüllt, dass die prominente Poststrukturalistin Julia Kristeva während des Kalten Kriegs unter dem Decknamen "Sabina" für den bulgarischen Geheimdienst gearbeitet haben soll - Kristeva war 1965 nach Paris gekommen, um dort zu studieren. Dies bestätige ein Rekrutierungsnachweis aus dem Jahr 1971, den der Nouvel Observateur exklusiv von der offiziellen Kommission des Darjana Sigournost-Archivs (Auswärtiges Amt für bulgarische Staatssicherheit) bekommen hat. Ans Licht gekommen sei die Affäre, da Kristeva routinemäßig überprüft worden sei, als sie für das bulgarische Magazin Literaturen Vestnik schreiben wollte. Wie Le Monde meldet, hat Kristeva noch am selben Tag dementiert: "Diese Behauptung ist 'nicht nur grotesk und falsch', sondern auch 'diffamierend'". Jemand wolle ihr schaden. In der NZZ berichtet Ulrich M. Schmid ebenfalls über den Skandal.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.03.2018 - Ideen

Seit dem Kalten Krieg ist es mit der Idee der Freiheit auch im Westen bergab gegangen, schreibt Peter Pomerantsev in American Interest. In den Fünfzigern konnte die Überlegenheit des Westens auch mit kulturellen Argumenten belegt werden: "Diese Verflechtung von Wahlfreiheit und Saxofon-Solos, Kapitalmärkten und abstraktem Expressionismus ist nun schlicht auseinander gefallen. Länder wie China und Russland zeigen, dass man alle Verheißungen einer 'freien' Kultur und freie Märkte - Moderne Kunst, Reality-TV, Zocken auf dem Aktienmarkt - und wenige politische Freiheiten haben kann. Unterdessen haben Länder wie die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich vorsätzlich die politische von ökonomischer Freiheit entkoppelt, glücklich, dass sie nicht nur 'Free-market'-Deals mit Regimes schließen können, die auf Menschenrechten herumtrampeln, sondern dass sie auch noch das Geld dieser 'Investoren' in New York und London waschen dürfen."

Die Deutschen sehen die eigenen Familien konkret zunehmend als Opfer des Nationalsozialismus. Gleichzeitig sehen sie sich abstrakt in einer besonderen moralischen Verantwortung für den Rest der Welt, glaubt die Frankfurter Politologin Melanie Tatur in der NZZ. Das habe sich besonders während der Flüchtlingskrise in der "Willkommenskultur" gezeigt: "Die moralischen Kosten der Instrumentalisierung der deutschen Schuld und Verantwortung lassen sich heute nicht einschätzen. Es ist zu befürchten, dass sie beträchtlich und gefährlich sein werden. Die deutsche Geschichtspolitik der 'Vergangenheitsbewältigung' hat auf der Ebene der offiziellen Erinnerung und der informellen Familiengeschichte konkrete Schuld und Verantwortung durch eine abstrakte Verpflichtung gegenüber Ideen und moralischen Werten und Prinzipien ersetzt. Sie hat die Nachgeborenen damit von konkreter Schuld und Verantwortung entlastet. Genau damit aber fügt sich die Geschichtspolitik und die von ihr geprägte deutsche Gesellschaft in eine spezifisch deutsche Tradition." (Soll das heißen, im Grunde sind wir immer noch Nazis und darum haben wir die Flüchtlinge willkommen geheißen?)

Ebenfalls in der NZZ überlegt Almut Seiler-Dietrich, ob Ngugi wa Thiong'os frisch übersetzter Grundlagentext zur afrikanischen Sprachdebatte, "Decolonizing the Mind" von 1986, heute immer noch aktuell ist. Ngugi beschreibt darin die europäischen Sprachen als Herrschaftsinstrumente eines poskolonialen Imperialismus. Das lässt sich so nicht mehr halten, meint Seiler Dietrich, eher seien Aufsteig und Ansehen von AutorInnen mit der Verwendung europäischer Sprachen verknüpft. In dem Buch vermisst sie allerdings einen Punkt. "Nirgendwo sei die "Rede vom Vorteil der von klein auf geübten Mehrsprachigkeit, der in der Befähigung zum Agieren in der globalisierten Welt besteht. Die behauptete Glottophagie findet, wenn überhaupt, auf politischer Ebene statt, etwa wenn der sich zurzeit aufschaukelnde Konflikt in Kamerun 'Anglofone' und 'Frankofone' gegeneinander aufbringt: Tribalismus als koloniale Restmasse."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.03.2018 - Ideen

Eine "Verkunstung der Gesellschaft" diagnostiziert Petra Kohse in der Berliner Zeitung. Gleichzeitig gehe es mit den Künsten bergab. Diese können "an der enormen Informationsflut ebensowenig vorbeisehen wie an der Gewöhnung des Publikums an das Serielle, an der Feier des Ich und der Teilhabeerwartung. Die performative Wende im Theater, die Geringschätzung des Handwerks generell, immersive Ästhetiken und der immer verzweifeltere Tanz um das Goldene Kalb der sogenannten Wirklichkeit geben in Jahrhunderten aufgebaute ästhetische Distinktionsgewinne in der Hoffnung auf 'gesellschaftliche Relevanz' beflissen preis. Denn zumindest auf die staatlich subventionierte Kunstproduktion gibt es von politischer Seite ja einen enormen Erwartungsdruck, ein Bildungs- und Integrationsangebot zu schaffen und sich trotz der neuen Aufgaben strukturell auch noch zu verschlanken. Die mangelnde Wertschätzung der ästhetischen Innovation und ihrer Bedürfnisse mag durchaus daran liegen, dass ästhetische Reize im Alltag omnipräsent sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.03.2018 - Ideen

In Indien und China entsteht derzeit ein Kapitalismus ohne Arbeiterklasse. "Horizontale Solidaritäten" entwickeln sich dort einfach nicht. Vielleicht, meint der Soziologe Herfried Münkler im Interview mit der FR, war das in Europa ein echter Sonderweg, der auch mit den schwachen Clanstrukturen und starken Handwerkerbünden hierzulande zu tun hatte: "August Bebel war gelernter Drechsler, Friedrich Ebert Sattler. Die frühe europäische Arbeiterbewegung ist aus Handwerkerbünden hervorgegangen. Das half bei der Entwicklung horizontaler Solidarität. Diese Zwischenstadien fehlen in Indien und China. Es ist nicht davon auszugehen, dass Vergleichbares sich derzeit dort herausbildet. So spielen Gefolgschaftsvorstellungen, also die Frage danach, wem ordne ich mich klugerweise unter, dort weiter eine wesentliche Rolle. Das ist ein völlig anderer Kapitalismus als der, auf den hin wir denken - pro- wie antikapitalistisch. ... Die Industrialisierung des Ruhrgebiets war eine Leistung auch Hunderttausender polnischer Arbeiter. Das Milieu nahm die damals auf. Nicht immer ohne Konflikte, aber das 'weil Du auch ein Arbeiter bist' war stärker als der Nationalismus."

Außerdem: In der NZZ verteidigt Paul Jandl die Polemik: "Die Polemik trägt eine Metadebatte in sich, die den Ernst der Sache durch den Witz ihrer Form nicht nur nicht beschädigt, sondern unterstreicht. Deshalb ist Monika Marons gerade erschienener Roman 'Munin oder Chaos im Kopf' in Sachen Migration vielleicht das interessantere Streit-Angebot als die Debatte zwischen Durs Grünbein und Uwe Tellkamp. Und was wäre aus dieser geworden, wenn sich zwei literarische Köpfe die Schädel wenigstens halbwegs auf dem Niveau von Literatur eingeschlagen hätten? Mit einer Präzision der Wörter, die nicht nur Fakten richtigstellt, sondern auch die Rhetorik des jeweiligen Gegenübers entlarvt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2018 - Ideen

Immer auf der Suche nach Konservativen Revolutionären, großen Reaktionären und geistigen Richtungsgebern wendet sich Tilman Krause in der Welt jetzt von Botho Strauß ab: Schön und gut, dass Strauß mehr Nationalgefühl, Ernsthaftigkeit und Christlichkeit will, aber warum diese Verdruckstheit? Warum diese Eiertänze? "Alle großen Konservativen in Deutschland, von Luther über Bismarck bis zu Adenauer oder Helmut Kohl - beziehungsweise, um bei den Dichtern zu bleiben, von Goethe über Stefan George, Gerhart Hauptmann oder Hugo von Hofmannsthal (ein Österreicher, zugegeben, aber eben auch für Deutschland sprechend) bis zu Ernst Jünger - waren Bekenner. Sie variierten in ihren Hervorbringungen ein unumstößliches 'Hier stehe ich, ich kann nicht anders'. Und, was ihr Schreiben angeht, so verfügten sie über den Willen zur großen Form. All das fehlt bei Botho Strauß."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.03.2018 - Ideen

Biologie ist gar kein Schicksal. Es stellt sich heraus, dass wir Geschlechterrollen  konstruieren können, freut sich die Kulturwissenschaftliern Christina von Braun, die in ihrem Buch "Blutsbande" eine kritische Geschichte westlicher Verwandtschaftskonstruktionen vorlegt, im Gespräch mit Nina Apin in der taz: "Die Neurobiologin Ruth Feldman hat schwule Väter in Israel untersucht, die Kinder aufziehen. Bei diesen Vätern fand sie einen ähnlichen Bereich im Gehirn aktiviert wie sonst bei Müttern. Es zeigte sich, dass sich der 'Aufmerksamkeitssinn' auch bei Männern einstellt, wenn sie, bei Abwesenheit einer Mutter, die alleinige Fürsorge für den Nachwuchs übernehmen. Das heißt, die soziale Rolle verändert die Biologie! Forschungen wie diese zeigen, dass die angeblich unveränderbare Biologie eine Folge sozialer Verwandtschaftsdefinitionen sein kann - und nicht umgekehrt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.03.2018 - Ideen

Eine Erosion der Öffentlichkeit qua Digitalisierung fürchtet der  Kultursoziologe Andreas Reckwitz  ("Die Gesellschaft der Singularitäten" ) im Gespräch mit Thorsten Jantschek von Dlf Kultur: "Tatsächlich würde ich sagen, auch was diese Entwicklung der Öffentlichkeiten angeht, besteht natürlich die Gefahr einer Postdemokratie. Zumindest, wenn wir davon ausgehen, dass Demokratie in diesem normativen Sinne, wie das Habermas zum Beispiel in Bezug auf die Öffentlichkeit 'deliberative' Demokratie genannt hat, einen gemeinsamen Kommunikationsraum voraussetzt, in dem dann natürlich auch Dissens artikuliert wird, aber zumindest dieser gemeinsame Kommunikationsraum da sein muss."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.03.2018 - Ideen

Die taz bringt einen Auszug aus Isolde Charims Buch "Ich und die Anderen", in dem die österreichische Autorin über die Pluralisierung der westlichen Gesellschaften durch Migration nachdenkt und vor allem das Missverständnis ausräumen will, gesellschaftliche Vielfalt sei Addition. Als "gäbe es das Bestehende, das sind die Einheimischen, und zu denen käme dann einfach etwas Neues hinzu: die Türken, die Jugoslawen. Später die Serben, die Kroaten, die Kosovaren. Dann kamen die Polen, die Slowaken. Irgendwann dann 'die' Moslems. Und nun die Flüchtlinge. Aber Pluralisierung ist keine Addition." Aber: "Pluralisierung ist kein äußerlicher Vorgang. Die Vorstellung einer Addition ist trügerisch. Sie suggeriert nämlich, die einzelnen Posten der Addition blieben unverändert. Als ließe die Addition die Menschen, die sie verbindet, unverändert."

In der NZZ versucht Georg Kohler die flackernde Kompassnadel des Konservatismus zum Stehen zu bekommen, der sich in einer Zeit des beschleunigten Zivilisationswandels so schwer tut, seinen Bestimmungsort zu finden: "Konservative brauchen den Bezug auf Bestehendes, das alt genug ist, um es als gefestigte Tradition zu begreifen; auf Institutionen und Gewohnheiten, deren Wert selbst dort einleuchtet, wo ihnen Versprechungen entgegenstehen, die Besseres verheissen, aber auch nur verheißen. 'Rechne mit den Beständen' ist der konservative Imperativ. Seine Logik versagt, wo das, was besteht, nicht mehr die Chance hat, alt genug zu werden, um sich zu bewähren. Genau dies ist das Problem des aktuellen Konservatismus: Der Basisprozess der Gegenwart ist die unablässige Produktion neuer, hoch effektiver, wissenschaftlich gesicherter Techniken zur Überschreitung zuvor vorhandener Begrenzungen menschlicher Verfügungsmacht; eine Produktivität, die deswegen disruptiv genannt wird, weil sie so schnell das kürzlich Etablierte ausser Kraft setzt, dass keine Zeit mehr bleibt, es laufend anzupassen.