9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2018 - Ideen

In der NZZ nimmt mit Daniel Dettling endlich mal jemand das angsterfüllte Gejammer der Deutschen über die digitale Revolution aufs Korn und ermuntert zu mehr Mut beim Blick in die Zukunft: "Wie Digitalisierung gelingen kann, zeigt Japan. Das Land, das zu den drei führenden Ländern auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz gehört, spricht nicht von 'Industrie 4.0', sondern treibt längst die 'Gesellschaft 5.0' voran. Die übergreifende Vision: die Stärkung der Individuen, mehr Sicherheit und Komfort und eine Innovationskultur, in der jeder teilhaben soll. Die digitale Revolution ist im Kern eine soziale. Ihre Themen sind eine Willkommenskultur für Innovationen und eine Politik der Zukunftsintelligenz. Ihre Prinzipien heißen Personalität und Subsidiarität. Ihr Versprechen ist ein besseres, sinnvolleres und nachhaltigeres Leben."

Herfried Münkler holt ebenfalls in der NZZ buchstäblich bis Adam und Eva aus um Menschheitsutopien der "Sorgenbegrenzung" darzustellen, die nun aber aus irgendwelchen Gründen seit den neunziger Jahren nicht mehr verfingen: "Das begann mit der linken Globalisierungskritik in den neunziger Jahren und manifestiert sich zurzeit in den Forderungen besorgter Bürger nach Schließung von Grenzen oder im Aufstieg nationalprotektionistischer Parteien, die sich um die einheimische Wirtschaft sorgen; weiterhin in der Besorgnis um die Sicherheit des für das Alter angesparten Geldes; in Ängsten vor dem eigenen Abstieg innerhalb der Gesellschaft oder der ganzen Gesellschaft gegenüber anderen Nationen; in der Sorge um die Erhaltung der nationalen Identität."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2018 - Ideen

In Marx' Geburtsstadt Trier soll ein von dem chinesischen Künstler Wu Weishan entworfenes und von der Volksrepublik China gestiftetes, 4,40 Meter hohes Marx-Denkmal mit Ausstellungseröffnungen, deutsch-chinesischem Partnerschaftsgarten und mehr Tamtam enthüllt werden. Petra Kohse berichtet in der Berliner Zeitung von einem Brief des ehemaligen Direktors des Martin-Gropius-Baus, Gereon Sievernich, der Triers Oberbürgermeister Wolfram Leibe auffordert, die Feierlichkeiten auf den Tag zu verschieben, an dem China den Hausarrest von Liu Xia aufhebt: "Sievernichs Brief kam erst am Sonntag im Trierer Rathaus an - und ist auch nicht der einzige, der gegen die Enthüllung der Statue protestiert. Etwa 50 Kritiker gebe es, sagt der Pressereferent Michael Schmitz, mit unterschiedlichsten Anliegen, der Oberbürgermeister werde allen antworten und sie nach Trier einladen - nach der Geburtstagsfeier."

In der SZ meldet Kai Strittmatter: "Tatsächlich geht es Liu Xia schlecht, sie leidet offenbar an schwerer Depression. Die Enttäuschung über die erneut nicht genehmigte Ausreise scheint die Lage noch schlimmer zu machen. 'Wenn ich nicht weg kann, dann sterbe ich in meiner Wohnung', sagte sie dem Schriftsteller Liao Yiwu in einem Telefonat am 30. April. 'Xiaobo ist nicht mehr da, und in dieser Welt ist nichts mehr für mich. Sterben ist jetzt einfacher als am Leben zu bleiben.'" Im Interview mit Spon rät der Menschenrechtsaktivist Hu Jia Diplomaten, sich lautstark für Liu Xia einzusetzen: "Unterwerft euch nicht der Logik der chinesischen Regierung. Macht so viel Lärm wie möglich - wann immer ihr das könnt."

"Verstörend" erscheint Olaf Gersemann in der Welt der aktuelle Marx-Hype, vor allem auch, weil er die Kapitalismuskritik nicht weiterbringe: "Marx-Getreuen bleibt nur, weiter eine fallende Lohnquote zum Naturgesetz zu erklären und daraus abzuleiten, dass die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden müssen. Das eine ist - nachweisbar - so falsch wie das andere. Und daher können die Sympathisanten heute so wenig zur Lösung der sozialen Frage beitragen wie ihr Idol es im 19. Jahrhundert vermochte. Wer einen Automatismus via Verelendung in die Revolution unterstellt, mag sich nicht kümmern um Details, Differenzierung oder gar Empirie." Im Feuilleton-Aufmacher der SZ erklären Literaturkritiker unterdessen Marx-Metaphern.

In der Jüdischen Allgemeinen schreibt Martin Krauss über Religiosität, den Antisemitismus von und antisemitische Attacken gegen Karl Marx: "In Marx' Werk finden sich etliche Passagen, die von Ressentiments, teils Hass auf Juden geprägt sind. Doch, das sagen auch seine Kritiker, das ist keine geschlossene Weltanschauung. Marx'sche Wertanalyse und Kritik der politischen Ökonomie sind nicht antisemitisch."

Der globale Armutsreferenzwert liegt bei knapp 60 Euro im Monat, schreibt der Ökonom Wolfgang Fengler in der SZ und kritisiert, dass in vielen Staaten Europas eine relative Armutsdefinition verwendet werde - diese führe nicht zur Definition von Armut, sondern beschreibe lediglich Ungleichheit: "Zum Beispiel war die Ungleichheit in Deutschland und in der Welt bis zum Jahr 1800 recht gering. Fast alle Menschen waren gleich, nämlich gleich arm. Wenn man den 'Armutsbericht' damals veröffentlicht hätte, wäre die offizielle Armut nahe null gelegen, weil mehr als 95 Prozent der Menschen unter fast gleichen, meist schrecklichen Umständen lebten. Wenn man umgekehrt heute alle Realeinkommen verdoppeln würde, inklusive Hartz-IV-Satz, bliebe die Anzahl der Armen trotz des enormen Wohlstandsgewinns gleich. Schließlich könnten wir zum Ergebnis kommen, dass arme Länder mit moderater Ungleichheit, zum Beispiel Bangladesch oder Tadschikistan, plötzlich eine ähnliche Armutsquote hätten wie Deutschland."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.05.2018 - Ideen

So viel besser als der Islam, der so häufig kritisiert wird, ist die Aufklärung auch wieder nicht, meint die Autorin Susanne Kaiser in Spiegel online: "Die Aufklärung hat auch noch ein paar andere Dinge hervorgebracht, auf die wir uns lieber nicht öffentlich besinnen. Den Kolonialismus, den Faschismus und die Shoah zum Beispiel. Weshalb sich Juden über die zynische Wendung 'christlich-jüdische Tradition des Abendlandes' nur wundern können. Theodor Adornos 'Dialektik der Aufklärung' zeigt den Zusammenhang zwischen Aufklärertum und Holocaust schon 1944. Nächstenliebe kommt da nicht vor."

Angesichts der ökologischen Katastrophen bedarf es einer Weltinnenpolitk, die über das Völkerrecht hinausgeht, schreibt Andreas Zielcke in Teil 2 der SZ-Serie zum Anthropozän. Die in den Verfassungen der Staaten festgesetzten Regelungen zum Umweltschutz reichen nicht mehr: "Um mehr als den Schutz der 'natürlichen Lebensgrundlagen' geht es auf der Erde nicht. Aber weder Deutschland noch sonst ein Staat will sich wirklich die planetarische Verantwortung aufladen. Also ist die Formel nicht beim Wort zu nehmen. Welche geografische Begrenzung ist dann hineinzulesen? Nur die Umwelt auf nationalem Terrain? Nein, sagen Verfassungsjuristen, schon wegen des Klimawandels sind auch grenzüberschreitende Prozesse zu erfassen. Bis wohin aber, bleibt im Dunklen."

Außerdem: Rudolf Walther schreibt in der taz zum Tod des marxistischen Philosophen Elmar Altvater. Im Standard würdigt Blätter-Mitherausgeber Ulrich Brandt Altvaters Lebenswerk. Weitere Nachrufe und Texte des Philosophen sind bei Twitter unter #Altvater zu finden. In der NZZ befasst sich die Ökonomin Karen Horn mit verschwörungstheoretischen Termini im Werk von Karl Marx. Ebenfalls in der NZZ untersucht der Philosoph Martin Rhonheimer bis heute wirkende marxistische Denkweisen. 

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2018 - Ideen

Der in Stanford lehrende Literaturwissenschaftler Adrian Daub staunt in der NZZ, dass sich "die kühnsten" unter den künftigen Programmierern und Webdesignern dort mehr für Heidegger als für Medientheorie interessieren. Dabei interessiere sie vor allem sein Denkstil: "Ich verstand Heideggers Daseinsanalytik als impliziten Beweis dafür, dass eine Maschine nie Erfahrungen im menschlichen Sinn sammeln könnte. Im besten Fall kann eine Maschine eine Art 'Ring' haben, wie Heidegger das in seinen Vorlesungen zu den 'Grundbegriffen der Metaphysik' von 1929/30 nennt. Wie ein Hund verfügt sie über Schnittstellen mit einem Außen, vielleicht sogar über sehr viele, aber sie ist 'weltarm'. Hubert Dreyfus hat 1972 ein Buch geschrieben, das Heidegger gegen die Möglichkeit künstlicher Intelligenz ins Feld führt: 'What Computers Can't Do'. Mein Student begriff dies sogleich als Herausforderung: Wie muss künstliche Intelligenz konstituiert sein, damit sie wirklich eine Welt hat?"

Man sollte Genus nicht mit Sexus verwechseln und darum vom sprachlichen "Gendern" absehen, lehrt der emeritierte Sprachwissenschaftler Helmut Glück in der FAZ und unterbaut es mit zahlreichen amüsanten Beispielen; "Ganz ungeeignet zum Gendern sind Zusammensetzungen, deren Erstglied eine Personenbezeichnung ist: Henkersmahlzeit, Zigeunerbaron, Räuberpistole (Erstglied maskulin), Geiselnahme, Waisenrente, Hexenhaus (Erstglied feminin). Das gilt auch für Erstglieder, die Tiere bezeichnen, wie Löwenmäulchen, Affenliebe, Katerfrühstück (Erstglied maskulin), Katzenmusik, (etwas ist zum) Mäusemelken (Erstglied feminin)."

Die Rechte hat gerade enormen Auftrieb. Und was tut die Linke? Sie schweigt, klagt Jana Hensel auf Zeit online. "Es hat seit dem Einzug der AfD in den Bundestag bisher keine einzige große zivilgesellschaftliche Aktion des Widerstands gegeben. Allenfalls lokale Bündnisse in Ostdeutschland. Allein das Zentrum für Politische Schönheit hat mit dem Nachbau des Holocaust-Mahnmals auf dem Nachbargrundstück von Björn Höckes Haus eine Art Zeichen gesetzt - und damit eine kontroverse Diskussion ausgelöst. Zwar wirkt unser Land gespalten, aber diese Spaltung artikuliert sich außer in den sozialen Netzwerken nirgendwo sonst wirklich sichtbar - weil sich die linken Intellektuellen und Künstler nicht auf ähnliche Weise versammeln, wie es im Moment die rechten tun."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.04.2018 - Ideen

Im taz-Interview mit Sabine Seifert spricht der Historiker Pap Ndiaye über Sklaverei, Gleichheitsideale und Black Studies in Frankreich, die sich sehr von denen in den USA unterscheiden: "Kein Politiker, egal welcher Partei, würde sich für eine multikulturelle Gesellschaft aussprechen. Er liefe sofort Gefahr, dass man ihn beschuldigt, für eine kommunitaristische Gesellschaft zu sein. Das ist das Schlagwort, das man in Frankreich zurzeit benutzt, um die Existenz von Gemeinschaften anzuprangern, wie sie in Großbritannien oder in den USA existieren... Gemeinschaften, die ihre eigenen Regeln haben und sich über die Regeln der Republik stellen. Deswegen gelten die USA als das Land des Kommunitarismus. Auch wenn diese Gemeinschaften dort institutionell verankert sind. Dafür gibt es hier keine Entsprechung und keine Anerkennung."

Zum bevorstehenden 1. Mai denkt Micha Brumlik in der taz über das revolutionäre Moment nach, das nicht nur stetige Revision braucht, sondern auch Konstitution: "Es war keine geringere als die Theoretikerin Hannah Arendt, die darauf hingewiesen hat, dass die amerikanische Revolution mehr als zwanzig Jahre vor der Französischen Revolution stattfand. Und dass ihrer Meinung nach die amerikanische Revolution tiefer ging, da sie nicht nur die 'Befreiung von Unterdrückung', sondern vor allem auch die Institutionalisierung von Freiheit anstrebte - 'Constitutio Libertatis'."

Alex Rühle und Jörg Häntzschel eröffnen in der SZ eine neue Serie zum Anthropozän, in dem der Mensch zu einer geologischen Naturgewalt geworden ist: "Anthropozän ist nicht einfach ein neues Wort für 'ökologische Krise'. Natürlich fordern sowohl die Anthropozän-Vordenker als auch die Umweltschützer ein Ende der Naturzerstörung, ein radikales Umdenken. Doch die Anthropozän-Idee schließt eine Kritik der Umweltdebatte mit ein. Mit Begriffen wie 'Nachhaltigkeit' halte diese letztlich an der Vorstellung fest, die Rückkehr zu den alten Verhältnissen sei möglich. Und sie verhindere, der neuen Realität ins Auge zu sehen, in der die Natur nicht mehr vor dem Menschen 'geschützt' werden kann, weil er bereits so tief in sie eingegriffen hat, dass viele Prozesse längst irreversibel sind. Wie sollte man noch von unberührter Natur sprechen, wenn selbst auf Henderson, einem der entlegensten Atolle der Welt, 5000 Kilometer entfernt von der nächsten menschlichen Siedlung, täglich mehrere Tausend Stück Plastikmüll angeschwemmt werden?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2018 - Ideen

In der NZZ skizziert der Historiker Volker Reinhardt, was auch die heutige Öffentlichkeit noch mit dem Zeitalter der Verfolgung Giordano Brunos gemein hat: "Für Bruno musste die Freiheit zu denken und zu schreiben ebenso grenzenlos sein wie Raum und Zeit, doch diese Freiheit hatte seine Zeit nirgendwo im Angebot. Stattdessen war die Reaktion selbstgerechte Empörung: Wir Menschen sind laut der Bibel die Krone der Schöpfung - und jetzt sollen wir ein verlorenes Nichts im unendlichen Weltraum sein? Mit dieser narzisstischen Gekränktheit ist die Brücke zu unserer Gegenwart geschlagen, für die genau diese Haltung so kennzeichnend ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2018 - Ideen

Der moderne Antikapitalist hat mit einem Widerspruch in sich zu kämpfen, diagnostiziert Isolde Charim, auf ein Buch Heinz Budes Bezug nehmend, in ihrer taz-Kolumne. Schuld ist wie so häufig der Neoliberalismus: "Linke Parteien bauen auf einem äußeren Widerspruch auf - jenem zwischen Arbeit und Kapital. Die Komplexität des Neoliberalismus aber beruht darauf, diesen Widerspruch zwischen Lohn und Profit, zwischen Preis der Arbeitskraft und Rendite 'ins Individuum selbst verlegt zu haben'. Mit anderen Worten: Die Front, gegen die man antreten will, verläuft quer durch einen selbst."

Aufmerksamkeitsstörungen und Populismus sind das Merkmal unserer Zeit, meint im Interview mit der NZZ der amerikanische Philosoph Michael Sandel. Und an allem ist - klarer Fall - das Internet schuld, das uns das Hirn zermantscht. "Es ist fast schon eine Sucht. Die Nutzer glauben, sie müssten permanent auf ihr Gerät schauen, um zu sehen, ob etwas passiert ist. Das ist natürlich sehr störend in einem Unterricht. Aber es ist vor allem eine schlechte Gewohnheit. Eine Gewohnheit, deren Folgen weit über den Klassenraum hinausgehen und zerstörerisch auf unser gesellschaftliches Leben wirken. Gesellschaftliches Leben erfordert ein bestimmte Maß an Aufmerksamkeit, Überlegen, Zuhören, Lernen, Argumentieren, die Fähigkeit, logische Schlussfolgerungen zu ziehen. Das verlangt eine bestimmte Präsenz des Menschen. Doch die Fähigkeit, aufmerksam zu sein, wird untergraben durch diese Geräte und die dazugehörige Technologie."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.04.2018 - Ideen

Die Kapitalismuskritik der Linken geht Reinhard Mohr auf die Nerven. Was soll denn dabei herauskommen, wenn man die - unvollkommene, immer kritikwürdige - Wirklichkeit des Kapitalismus mit der sozialistischen Utopie vergleicht, die es irgendwie noch nie in die Realität geschafft hat, fragt er in der NZZ. Rainer Zitelmanns neues Buch "Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung" gibt ihm einige Antworten: Da spiele das Überlegenheitsgefühl des Akademikers eine Rolle. "Dazu kommt die rituelle Verdammung des 'Profitdenkens' und der 'Ökonomisierung aller Lebensbereiche'. Sie entspringt einer quasireligiösen Verachtung des Gelderwerbs, des wirtschaftlichen Denkens überhaupt, in dem man nur Oberflächlichkeit, Materialismus, Vulgarität und potenzielle Barbarei erkennen kann. Letztlich geht es um die Lufthoheit der Metaphysik, den weltumspannenden Entwurf".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2018 - Ideen

Markus Schär greift im Aufmacher von NZZ Online (jedenfalls heute morgen) eine heikle Diskussion um den Genetiker David Reich und sein Buch "Who We Are and How We Got Here - Ancient DNA and the New Science of the Human Past" auf. Reich, so Schär, studiere eigentlich die DNA aus alten Knochenfunden, aber er kommt auch zu dem Ergebnis, dass es Unterschiede zwischen Populationen gebe, die nicht gesellschaftlich zu erklären seien, auch wenn er andererseits immer wieder betone, dass die Menschen heute quasi alle Ergebnis genetischer Mischungen seien. In Amerika habe Reich mit Fragen wie "Warum zum Beispiel findet  sich in allen Finalisten des 100-Meter-Laufs an den Olympischen Spielen seit 1980 das Erbgut aus Westafrika?" für Aufregung gesorgt. "In den letzten Jahren haben Studien gezeigt, dass es zwischen Populationen genetische Unterschiede gibt, die nicht nur die Hautfarbe bestimmen, sondern auch die Körpergröße, die Krankheitsanfälligkeit oder eben die Fähigkeit, schnell zu laufen."

Schär verweist auch auf zwei Artikel von Reich in der New York Times, in denen er sich erklärt (hier und hier) und eine Antwort von 67 Kollegen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2018 - Ideen

Könnte es sein, dass das "postfaktische Zeitalter" ein "düsterer Wiedergänger der Postmoderne (ist), die dadurch selbst in Misskredit gerät", fragt der Konstanzer Literaturwissenschaftler Abrecht Koschorke in der NZZ. Es ist vor allem die von Poststrukturalisten gelehrte gleiche Gültigkeit verschiedener "Wahrheiten", die aufs schiefe Terrain geführt habe. Und es stellt sich heraus, dass der Poststrukturalismus von Voraussetzungen gelebt habe, die er alles andere als pries - einer liberalen Ordnung nämlich: "Was ist, wenn man es nicht mit der Eigenrealität bedrohter Regenwaldvölker, sondern von gefühlten Mehrheiten und deren zunehmender Militanz zu tun hat? Angesichts einer offen bildungs- und wissenschaftsfeindlichen Regierungsagenda in den USA und anderen von Rechtspopulisten regierten Ländern rückt die Maxime, verfestigte Wahrheiten zu destabilisieren und unterschiedlichen Wissenskulturen ihr Recht zu belassen, in ein deutlich fahleres Licht."