9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.12.2015 - Internet

Wenn in Deutschland übers Netz geredet wird, dann meist kritisch. Konrad Lischka, Autor eines Ebooks zum Thema, sieht es anders und erklärt im Interview mit Dirk von Gehlen bei sueddeutsche.de, warum er das "freie Netz" bewahren will: "Ich will nicht, dass es so ist wie vor zehn Jahren. Ich will mich auf das konzentrieren, was gut war damals, was wir nicht verlieren sollten. Dezentralität gehört definitiv dazu. Sonst hätten wir heute nicht die Vielfalt, an der wir uns erfreuen. Was die Leute heute toll finden am Netz, ist ja eine Folge dieser Infrastruktur."


Detail eines Tempels aus der virtuellen Rekonstruktion von Tempeln für das New Palmyra Project.

Zoë Corbyn schreibt für den Guardian ein sehr schönes Porträt über Bassel Khartabil, einen Protagonisten des freien Internets in Syrien, der von den Schergen Assads ins Gefängnis geworfen wurde und dessen Verbleib seit Oktober unbekannt ist. Lawrence Lessig, Jimmy Wales und andere Kollegen setzen sich mit der FreeBassel-Kampagne für ihn ein: "Für Jon Phillips, einen anderen Freund, hat Khartabils Arbeit eine klare Linie. Ob er Künstler überzeugte, Werke zu teilen, Wikipedia-Artikel ins Arabische übersetzte oder 3D-Designs für das New Palmyra Project programmierte - er 'baute die Kultur seines Landes auf. Für mich ist er ein Künstler, ein Poet, einer der etwas schafft'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2015 - Internet

Liest man Sascha Lobos Spiegel-Online-Kolumne zu Hasskommentaren im Internet, sollte man vielleicht doch noch mal drüber nachdenken, das Internet abzuschaffen: "Bei einer Diskussion kommt es nicht darauf an, wer argumentativ überzeugt, sondern wer so wirkt, als habe er gewonnen. Der völlig verbogene Internetdiskurs vollendet damit, was das Fernsehen begonnen hatte: Politik nur für den Moment, Politik für Leute ohne Gedächtnis, Politik ohne Verantwortung für Vergangenheit oder Zukunft."

In der vorletzten Zeit hatte Martin Schulz nach einer digitalen Grundrechtecharta gerufen. Heute antwortet ihm sein Parteigenosse, Justizminister Heiko Maas, und verspricht - mit den Schriften der moralischen Autoritäten Evgeny Morozov und Frank Schirrmacher im Gepäck - das Internet zu regulieren: "Weil die Digitalisierug mit dem Neoliberalismus einherging, wurde viel zu lange auf eine demokratische Regulierung verzichtet. Eine Technikgestaltung durch Recht fand kaum statt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.12.2015 - Internet

Twitter will leider noch mehr wie Facebook werden und experimentiert mit einer Timeline, die nicht mehr umgekehrt chronolgisch, sondern nach Algorithmen geordnet wäre, die man so wenig wie bei Facebook durchschauen kann, berichtet Rachel Pick bei Vice: "Die umgekehrte Chronologie macht Twitter zum Beispiel zum Liebling der Journalisten und aller Leute, die Breaking News ganz oben haben wollen. Diese nützliche Qualität würde zerstört, genau wie die Spaßmomente, wenn etwa die Timeline vor Witzen birst, während man eine politische Debatte im Fernsehen verfolgt..."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.12.2015 - Internet

Jüngst forderten Lobbyanwälte der Kulturindustrie, die "heilige Kuh" der Anonymität im Internet zu schlachten (unser Resümee). Mit Verve verteidigt der Richter Ulf Buermeyer bei heise.de dagegen das Recht auf Anonymität im Netz, das vor allem von der Verwerterindustrie bekämpft wird: "Der wesentliche Kollateralschaden dürfte im politischen Diskurs eintreten. Das Bundesverfassungsgericht hat die zentrale Bedeutung der anonymen politischen Betätigung erst 2009 nochmals betont, als es ein außerordentlich restriktives bayrischen Gesetz einstweilen entschärfte, das weitreichendes Filmen von Demonstrationen ohne konkreten Anlass erlauben wollte: 'Schon das Bewusstsein, dass die Teilnahme an einer Versammlung ... festgehalten wird, kann Einschüchterungswirkungen haben...' Was für eine Demonstration gilt, das trifft nicht minder auf eine politische Diskussion in einem Blog zu: Wer damit rechnen muss, für seine Meinung zur Rechenschaft gezogen zu werden, der wird sich weniger frei äußern als wenn er dies anonym tun kann."

Anonymität
bei Facebook kann sehr wohl ihren Sinn haben, etwa auf der Seite Cairo Confessions, wo junge Ägypter namenlos über ihre Probleme sprechen. Redigiert werden die Interventionen von einem kleinen Redaktionsteam unter dem 27-jährigen Mohammed Allam, schreibt Teresa Bechtold bei Vice. Ein großes Thema "sind Frauen, die darüber schreiben, dass sie ihr Kopftuch eigentlich nicht tragen wollen, sich von der Gesellschaft aber dazu gezwungen fühlen. 'Ich trage ein Kopftuch. Ich hasse es. Ich habe nicht den Mut es abzunehmen, weil ich eine negative Person bin... Ich hasse es zu sehen, wie die Mehrheit auf den Straßen Kopftuch trägt und mindestens die Hälfte ist nicht davon überzeugt, nur die Gesellschaft.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2015 - Internet

Offenbar ist eine Zeit der Bilanzen gekommen, was die Entwicklung des Internets angeht. Während Konrad Lischka neulich den Niedergang des offenen Netzes beklagte (eine Idee, die in Deutschland nie recht angekommen war), wirft Netzökonom Holger Schmidt einen Blick auf die Entwicklung der Mediennutzung in den letzten zehn Jahren: "Die 14-19-Jährigen sehen inzwischen das Internet als ihre wichtigste Nachrichtenquelle an. Interessant ist der Bedeutungsverlust der gedruckten Zeitung: Seit 2010 sinkt der Anteil im durchschnittlich 8,6 Prozent im Jahr und beträgt nur noch 12,6 Prozent. Seit 2013 hat sich der Abwärtstrend sogar noch einmal verschärft. Die Zeitungen haben die Jugend offenbar komplett verloren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.12.2015 - Internet

Spiegel-Online-Kolumnist Sascha Lobo sieht Mark Zuckerbergs Bekundung, 99 Prozent seines Millardenvermögens spenden zu wollen einerseits immerhin positiv, aber andererseits auch als Ausdruck einer "Kalifornischen Ideologie", die die menschenfreundliche Hippiekultur mit dem Ideal eines freien Marktes und dem unbedingten Glauben an die Macht der Technologie vermische. Die Technologieelite sei "überzeugt, Weltverbesserung mit den Mitteln des Marktes und der Allesvernetzung erreichen zu können. Da ist nicht einmal der Hauch eines Selbstzweifels, ob der eingeschlagene Weg nicht der richtige sein könnte." Weniger differenziert sieht es in der FAZ Michael Hanfeld, der Zuckerberg unterstellt, nur seinen "persönlichen Weltmachtanspruch" anmelden zu wollen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2015 - Internet

Johannes Boie und Hannes Grassegger schildern in der SZ, wie Universitäten mit Online-Kursen Wissen und Bildung zunehmend ökonomisieren, beziehungsweise ökonomisieren lassen: "Wenn das Lernen digitalisiert wird, bedeutet das auch, dass viele Daten entstehen. Nicht nur die Online-Studenten lernen. Sondern auch Unternehmen wie Coursera, die die Inhalte professionell abrufbar ins Netz stellen und die Studenten betreuen. Sie lernen viel über ihre Nutzer: Wer lernt was? Wer lernt wie viel? Wer lernt schnell, wer langsam? Was sind die Fähigkeiten einzelner Studenten? Wo versagt jemand komplett? Diese Daten sind intim, aber für Anbieter wie Coursera interessant. Coursera verdient einerseits Geld mit den Studenten, die für ihre Teilnahme an den Kursen bezahlen. Andererseits lassen sich auch die Daten der Studenten verkaufen, zum Beispiel an Arbeitgeber, die wissen möchten, wie sich ein Bewerber im Studium geschlagen hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2015 - Internet

Das offene Netz ist in Gefahr, weil Großkonzerne ihre Strukturen über das Internet stülpen und Surfer in ein bloßes Konsumverhalten zurückfallen, schreibt Konrad Lischka bei heise.de: "Unternehmen stülpen geschlossene Dienste über das offene Netz. Immer mehr Menschen ziehen geschlossene Alternativen vor. Newsfeeds geschlossener sozialer Netzwerke statt Blogs und RSS. Whatsapp statt E-Mail und erprobter offener und flexible Standards wie dem Extensible Messaging and Presence Protocol (XMPP). Die jetzige Mediennutzung ist nicht mehr maßgeblich von Vielfalt und Autonomie bestimmt, wie jeder Blick auf die Trafficquellen großer Digitalmedien beweist. Das dezentrale Netz der neunziger und frühen nuller Jahre existiert noch, aber es schwindet." Lischka hat zu dem Thema ein Ebook veröffentlicht, das man hier herunterladen kann.

Außerdem: Contanze Kurz prangert in ihrer Maschinenraumkolumne in der FAZ Bestrebungen der Industrie an, Datenschutzregeln aufzuweichen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.11.2015 - Internet

Zur digitalen Revolution hat Europa bekanntermaßen nicht so viel beigetragen. Da könnten wir sie doch wenigstens durch "unser europäisches Selbstverständnis" adeln, meint EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, der in der Zeit für eine europäische "Charta der Grundrechte für die digitale Zeit" plädiert. Entwickelt werden soll sie nicht von den Bürgern direkt, sondern von den Vertretern der repräsentativen Demokratie, also von Parlamentariern und Regierungsvertretern, denn schließlich gehe es hier "weniger um den individuellen Schutz vor staatlichen Übergriffen, sondern hauptsächlich darum, die Persönlichkeitsrechte jedes Einzelnen vor privaten Megakonzernen zu schützen". Hm, über diese Behauptung könnte man möglicherweise erst so richtig diskutieren, wenn Edward Snowden irgendwo in Europa Asyl gewährt würde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2015 - Internet

Der Hacker Stephan Urbach steht zwar kritisch zu Anonymous, aber die jüngste Initiative der Gruppe gegen den Islamischen Staat unterstützt er, wie er im Gespräch mit Ulrich Hottelet in der Welt darlegt: "Ich erhoffe mir vor allem effektive Gegenpropaganda von Anonymous, denn das können sie, wie ihre Videos zum Beispiel gegen Scientology gezeigt haben. Der IS arbeitet viel mit Propaganda, um Menschen ohne Perspektive anzusprechen. Ich bin daher für das Herunternehmen der IS-Propagandaseiten und finde es gut, dass das nicht der Staat gemacht hat, denn die rechtsstaatlichen Grundsätze müssen bestehen bleiben."