9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

1451 Presseschau-Absätze - Seite 45 von 146

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2022 - Kulturpolitik

Nach zwanzig Jahren gibt Hortensia Völckers  die Leitung der Kulturstiftung des Bundes ab (die vor vielen Jahren auch das Perlentaucher-Projekt signandsight.com unterstützte). Vor lauter Krisen der jüngsten Zeit, kommt sie kaum dazu, im Zeit-Gespräch mit Tobias Timm zu bilanzieren. Zur Documenta sagt sie: "Ich war ziemlich bedient nach diesem Sommer." Zur Debatte um das "Weltoffen"-Papier der höchsten deutschen Kulturfunktionäre, das der Volksvertretung nahelegte, von ihrem BDS-Beschluss abzurücken, sagt sie als Mitunterzeichnerin: "Es ging nicht darum, den BDS zu verteidigen. Der Sachverhalt ist komplizierter, bei dem BDS-Beschluss wurden viele Details nicht bedacht, was dessen Umsetzung betrifft. Und dann ist im Moment in diesem Land wenig Verständigung darüber erkennbar, wie die Grenzen zwischen Israelkritik und Antisemitismus zu ziehen sind und wer sie bestimmt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.11.2022 - Kulturpolitik

Claudia Roth hat ihre Rolle als Kulturpolitikerin noch nicht gefunden, schreibt Andreas Kilb in der FAZ, der Roths erstes Amtsjahr recht kritisch resümiert. Bei der Documenta sei sie vor allem mit Zurückrudern beschäftigt gewesen. Das Humboldt-Forum wolle sie in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz eingliedern, aber damit beschädige sie dessen Intendanten Hartmut Dorgerloh, der als einziger in dem Haus kreativ mit der postkolonialen Herausforderung umgeht, so Kilb. Und die Reform der Stiftung trete auf der Stelle, statt dessen wolle Roth nur deren Namen ändern, der doch genau beschreibt, was die Stiftung ist: "Sie bremst ein Projekt aus, bei dem es um größere Autonomie und bessere Vernetzung der Museen, um Personal- und Budgethoheit, schlankere Hierarchien und angemessene Finanzierung geht. Für dieses Vorhaben war das erste Amtsjahr von Claudia Roth ein verlorenes Jahr. Die nächste Sitzung des Stiftungsrats Anfang Dezember bietet die vorerst letzte Chance, den Reformprozess wieder in Gang zu bringen. Lässt man sie verstreichen, liefert man die größte deutsche Kulturinstitution ihren inneren Beharrungskräften aus."

Als die Corona-Pandemie noch Panik auslöste, im Jahr 2020, schlug die Stunde der Lobbyisten. Ein Rechercheteam von Dlf Kultur hat sich die Corona-Förderungen näher angesehen, die in den Kunstmarkt flossen. Die Bundesregierung, noch vertreten von Monika Grütters, verhandelte mit Kristian Jarmuschek vom Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG) und anderen Repräsentanten des kommerziellen Kulturbetriebs. Wider Erwarten liefen die Geschäfte der Galerien dann doch glänzend. Aber die Förderung bekamen die Galerien trotzdem: "Maximal 70.000 Euro Fördergeld konnten einzelne Betriebe so bekommen. Der tatsächliche Bedarf? Wird nicht überprüft. Somit bekommen selbst deutsche Spitzengalerien mit Millionenumsätzen staatliches Fördergeld, darunter große Namen wie Sprüth Magers oder König Galerie. Oder die Galerie Eigen + Art von Gerd Harry Lybke, den die Kunstwelt nur als 'Judy' kennt. Sie verzeichnete im Jahr vor der Pandemie bei einem geschätzten Umsatz von 21 Millionen Euro einen Gewinn von 2,6 Millionen Euro. Ein Jahr später, am Ende des Coronajahres 2020, liegt der Umsatz Schätzungen zufolge bei 26, der bilanzierte Gewinn bei 3,65 Millionen Euro. Dennoch erhielt Eigen + Art staatliche Fördergelder von über 80.000 Euro."

Ursula Scheer greift die Recherche des Senders in der FAZ auf und ergänzt: "Hiesige Galerien konnten als Einzelhandelsunternehmen aufsperren, als andere, auch Museen, noch dicht hatten. Eilends bauten sie Onlinepräsenzen aus und erlebten, dass die Kundschaft dort gerne zugriff."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2022 - Kulturpolitik

In Tel Aviv wollte Autorin Charlotte Wiedemann ihr Buch "Den Schmerz der Anderen begreifen" vorstellen, doch Goethe Institut und Rosa-Luxemburg-Stiftung haben die Veranstaltung abgesagt. Auf Twitter reagiert Wiedemann: 

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.11.2022 - Kulturpolitik

Im von uns gestern übersehenen Interview mit Philipp Peyman Engel von der Jüdischen Allgemeinen insistierte Bonaventure Ndikung, designierter Chef des Hauses der Kulturen der Welt, er habe die BDS-Bewegung nie unterstützt (Unsere Resümees), um gleich darauf zu erklären, weshalb er den Brief der "Initiative GG. 5.3 Weltoffenheit" unterschrieben hatte. Auch auf die Frage, ob er im HKW mit Künstlern zusammenarbeiten werde, die den BDS unterstützen, war von Ndikung keine klare Antwort zu bekommen. Heute zerlegt Boris Pofalla in der Welt das Interview: "BDS liegt für Ndikung zwar falsch, sich gegenüber BDS eindeutig abzugrenzen, ist aber scheinbar ebenso falsch. Es ist, als versuche man den berühmten Wackelpudding an die Wand zu nageln." Deutlich wurde Ndikung indes im Mai 2021: Da hatte er "den offenen Brief 'Palästina Spricht' unterzeichnet, der unter anderem von der Bundesregierung fordert, ihre Unterstützung für Israel aufzugeben. Das ist die Positionierung eines der bald schon mächtigsten Player im kulturellen Berlin. Nichts hat sich an seiner Einstellung gegenüber Israel geändert. Ndikung gesteht nur das absolute Minimum zu, um seinen Job in der staatlichen Institution antreten zu können. Es ist eine Taktik, die einem aus Kassel bekannt vorkommt - und die schon einmal spektakulär gescheitert ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2022 - Kulturpolitik

Der Architekturhistoriker Philipp Oswalt antwortet in der FAZ auf Andreas Kitschke von der "Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam", der eben diesen Wiederaufbau in möglichst integraler Form verteidigt hatte (unser Resümee): "Kitschke behauptet, die Garnisonkirche sei keine Weihestätte des Militarismus gewesen. Doch genau dies war spätestens seit der Reichsgründung der Fall. General Erich Ludendorff hielt hier im November 1919 seine erste Brandrede gegen die Republik, der Dutzende von Gedenkfeiern und Zusammenkünfte reaktionärer und demokratiefeindlicher Kräfte bis 1933 folgten. Bereits seit dem 19. Jahrhundert schürten die in der Garnisonkirche gehaltenen Predigten den Hass auf andere Völker und Nichtchristen und propagierten ein völkisches Deutschtum."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.11.2022 - Kulturpolitik

Claudia Roth hat sich für die Idee ausgesprochen den umstrittenen Bibelvers am Humboldt Forum zeitweise mit einem Kunstprojekt zu überblenden, meldet Joshua Beer in der SZ: "Zu meinen, in der Inschrift stecke 'einfach nur ein unpolitisches Zeichen von Religiosität', sei 'erstaunlich und geschichtsblind', teilte Kulturstaatsministerin Roth mit. Aus der Inschrift ließe sich aus Sicht vieler Historiker eindeutig eine politische Botschaft ableiten, die den allein von Gott abgeleiteten Herrschaftsanspruch des Preußenkönigs untermauere. Grundgesetz und Demokratie stünden nicht in der Traditionslinie eines repressiven Königs- und Kaisertums, das seinen Machtanspruch allein auf Gott begründete, so Roth."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.11.2022 - Kulturpolitik

So bitter es ist, der Sieg der Rechten in Italien ist das Ergebnis freier Wahlen, schreibt der Dirigent Giovanni Antonini, der im VAN-Magazin die Ursachen dafür auch in der Vernachlässigung der kulturellen Bildung sieht: "Die Kultur im Land ist traditionell mit der italienischen Linken verbunden, davon hat die klassische Musik in den letzten Jahren jedoch nicht profitieren können. Das Problem ist kein politisches, sondern ein kulturelles: Im 'Land der Kunst' standen die Kunst- und insbesondere die Musikerziehung nie im Mittelpunkt des Interesses von Parteien und Institutionen, deren Vertreter:innen, gleich welcher politischen Couleur, zumeist musikalische Analphabeten waren und sind. Die interessanten musikalischen Projekte der letzten Jahrzehnte waren allzu oft das Ergebnis persönlicher Initiativen, eines Individualismus, für den Italien durchaus bekannt ist, und sicherlich nicht das Ergebnis einer auf Nachhaltigkeit angelegten Kulturpolitik."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.11.2022 - Kulturpolitik

Andreas Kitschke von der "Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam" verteidigt in der FAZ das Projekt des Wiederaufbaus der Kirche, das von "einer Gruppe von Aktivisten um den Architekturhistoriker Philipp Oswalt" als rechtsextrems Projekt in Verruf gebracht worden sei. Morgen entscheidet sich, ob das Kirchenschiff wiederaufgebaut werden kann. Es gehe um die Wiederherstellung des "charakteristischen Potsdamer Drei-Kirchen-Blicks", so Kitschke. Das ganze Projekt wolle "Glanz und Elend der preußisch-deutschen Geschichte" widerspiegeln. Auch mit dem umstrittenen Gebäudeschmuck verhalte es sich ganz harmlos: "Die Wetterfahne mit dem zur Sonne (einem alten Christussymbol) auffliegenden preußischen Adler symbolisiert die Unterordnung des Herrschers unter den Willen Gottes. Die Gegner dieses Gebäudeschmucks stören sich dagegen nicht an offensichtlichen architektonischen Drohgebärden wie nach Westen fliegenden Kampfflugzeugen und einer zugehörigen Radarstation am Mosaikband des von ihnen gepriesenen Rechenzentrums, das die Ideologie des SED-Staates widerspiegelt." Und übrigens sei der "Tag von Potsdam" der Stadt schon seinerzeit peinlich gewesen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.10.2022 - Kulturpolitik

Auch der großen Kinonation Frankreich läuft das Publikum weg: Die Zahlen sinken dramatisch - nur noch Superhelden-Blockbuster ziehen an der Kasse, die allermeisten eigenen Produktionen hingegen gehen unter wie Senkblei, schreibt Niklas Bender in der FAZ. Nun diskutiert das Land: Sind die Tickets zu teuer, die Filme zu langweilig, das Wetter zu schön oder die Zahl der Kinostarts zu hoch? In den Achtzigern konnte die Filmförderung die von Homevideo verursachte Kinokrise in Frankreich lösen: "Maßnahmen von einst werden von der Filmwelt als Blaupause bevorzugt. Dominique Boutonnat (von der Nationalen Filmförderung CNC) hatte im Mai gefordert, dass die Streaming-Plattformen einen Obolus zu seinem CNC beitragen sollten; die Forderung wird nun abermals aufgegriffen. Er und andere wollen zudem die Kinobetreiber dazu verpflichten, eine Vielfalt von Filmen - sprich: Autorenfilme - zu zeigen. 'Diversité' ist ein Schlagwort, das die französische Filmwelt momentan gern im Munde führt. Die geforderten Maßnahmen mögen aus deutscher Perspektive dirigistisch erscheinen. Ähnliche Modelle haben in Frankreich jedoch dafür gesorgt, dass die heimische Produktion im Bereich der Popmusik eine kritische Größe bewahren und im Bereich der Druckpresse ihre Wirtschaftlichkeit durch Gewinnabschöpfung bei Internetplattformen behaupten konnte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2022 - Kulturpolitik

Es ist in Italien offenbar kein Problem, als Anhänger der Postfaschisten einen hohen Posten bei der RAI zu besetzen. Karen Krüger porträtiert für die FAZ den Journalisten Gennaro Sangiuliano, einen engen Freund Giorgia Melonis, der jetzt von der neuen italienischen Premierministerin ins Amt des Kulturministers berufen wurde. Sangiuliano hat zuvor in der RAI den Infosender Tg2 geleitet, wo er eine sehr Putin-freundliche Linie gefahren hat. Neben seiner Leitungsfunktion schaffte er es, zahllose Bücher zu schreiben: "Auch wie er zu Deutschland steht, zeigte der neue Kulturminister als Sachbuchautor. Zusammen mit dem Journalisten Vittorio Feltri veröffentlichte er 2015 bei Mondadori, dem größten Verlag des Landes, der zum Berlusconi-Imperium gehört, ein Buch mit dem vielsagenden Titel 'Das Vierte Reich - Wie Deutschland Europa unterworfen hat'. Es beschwört mit bildungsbürgerlichem Gehabe die Kellergeister der Geschichte herauf und versucht glaubhaft zu machen, Deutschland strebe weiterhin nach Vorherrschaft und versuche sie mittels einer aggressiven Finanz- und Wirtschaftspolitik zu erreichen."