9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.12.2021 - Kulturpolitik

Im Interview mit der NZZ freut sich Bénédicte Savoy über die Restitution von 26 großen, publikumswirksamen Objekten von Frankreich an Benin. Dass viele Machtsymbole, die jetzt zurückgegeben werden, mit grausamen Praktiken der Vorkolonialzeit verknüpft sind, wird in Afrika, so hofft sie, zu einem Gespräch führen: "Es ist zentral, dass sich um die Gegenstände herum ein Gespräch flicht - aber dazu müssen die Objekte erst einmal physisch da sein. Dann können sie zu Kristallisationspunkten werden für Gespräche über die eigene Geschichte und Zukunft. Als ich vor vier Wochen in Benin war, konnte ich unmittelbar beobachten, wie die Werke anfangen zu wirken. Wie ihre bloße Präsenz etwas in Gang setzte. Sie lagen zwar noch in Kisten verpackt, aber der Raum war sofort gefüllt von einem Verantwortungsgefühl für sie. Allen war klar: Diese Gegenstände sind jetzt da, wir stehen zu ihnen, wir werden über sie und mit ihnen reden, wir werden sie erforschen und schützen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.12.2021 - Kulturpolitik

Der Murx am Berliner Stadtschloss wird immer schlimmer: In der FR berichtet Harry Nutt, dass nun das umstrittene Spruchband, das zur Unterwerfung unter das Christentum aufruft, durch weltoffene Leuchtbotschaften ergänzt werden soll: "Die historische Rekonstruktion, so also die jüngste Volte, soll einer ästhetischen Dauerbearbeitung ausgesetzt werden. Kunst - oder soll man sagen: Auftragskunst - als permanente Reparaturmaßnahme zur Behebung der vor einiger Zeit mit erheblichem Aufwand politisch durchgesetzten Bekenntnisgeste, zu was auch immer? Bei allem Vertrauen in die Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks und dessen Widerspruchskraft stellt sich doch die Frage, ob es sich bei solch einem Vorhaben nicht um einen unangenehmen Eingriff in die Freiheit der Kunst handelt, wenn diese - und sei es auch dialektisch gebrochen - zu gewissermaßen anti-dekorativen Zwecken eingesetzt würde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.12.2021 - Kulturpolitik

Ob berechtigt oder nicht, neue Lockdownmaßnahmen haben heftige Nebenwirkungen, fürchtet Hubert Spiegel in der FAZ: "Sechstausend Abonnenten hat die Oper Frankfurt beim letzten Lockdown verloren. Das benachbarte Schauspiel beklagt einen Rückgang der Abonnements um etwas mehr als ein Fünftel. Da droht etwas wegzubrechen, was über Jahre und Jahrzehnte gewachsen ist. Opernintendant Bernd Loebe wirft in einem Brandbrief an den hessischen Ministerpräsidenten Bouffier die Frage auf, ob die Oper sich davon jemals wieder erholen wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.12.2021 - Kulturpolitik

Kulturinstitutionen und -verbände machen sich große Sorgen um möglicher Weise wieder anstehende Schließungen, die für die Branchen zur Katastrophe werden können, schreibt Leon Scherfig  in der FAZ: "Weitere Einschnitte ob der vierten Corona-Welle sieht auch Eckart Köhne auf den Kulturbetrieb zukommen. Er ist Präsident des Deutschen Museumsbundes und sieht vor allem die Gefahr, dass die Menschen trotz guter Hygienekonzepte in den Gebäuden nicht mehr vor die eigene Haustür gehen. Eine seiner Befürchtungen hört man auch bei den Verantwortlichen für Konzerthäuser, Theater, Opern und Kinos: 'Wenn eine Art kulturelle Entwöhnung stattfindet, müssen wir künftig noch einmal ganz anders um Publikum werben.'"
Stichwörter: Coronakrise, Corona, Kulturbetrieb

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2021 - Kulturpolitik

Viel war von der "Bundesbeauftragten für die Opfer der SED-Diktatur" Evelyn Zupke bisher nicht zu hören, schreibt Hubertus Knabe in seinem Blog. Aber nun habe sie einen Bericht vorgelegt, der es in sich hat: Hier kritisiert sie die scheidende Bundesregierung und besonders die zuständige Monika Grütters, das Thema schmählich vernachlässigt zu haben (hier der Bericht als PDF-Dokument). So sei es trotz eines Versprechens mit einem Mahnmal für die Opfer der DDR-Diktatur nicht vorangekommen, resümiert Knabe: "Statt eines Mahnmals für die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft haben die Ampel-Parteien nun drei andere Erinnerungsorte vereinbart: ein Dokumentationszentrum 'Zweiter Weltkrieg und deutsche Besatzungsherrschaft in Europa', ein Erinnerungs- und Begegnungsort für 'die Opfer der Besatzung Polens' sowie ein Konzept für einen 'Lern- und Erinnerungsort Kolonialismus', den die Grünen schon 2019 forderten. Die teure Überprüfung des 'kolonial belasteten Sammlungsgutes' soll ebenfalls weitergeführt werden. Dass es in Berlin bereits seit fünfzig Jahren ein mit der damaligen polnischen Regierung abgestimmtes Denkmal gibt, war den Koalitionären offenbar nicht bekannt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.11.2021 - Kulturpolitik

Andreas Fanizadeh erwartet sich in der taz von der künftigen Bundeskulturministerin Claudia Roth "mehr Gendergerechtigkeit, die konsequente Durchleuchtung staatlicher Sammlungen nach arisierter sowie kolonialer Raubkunst, eine dem Antifaschismus verpflichtete Erinnerungspolitik sowie eine bessere soziale Absicherung der freischaffenden Künstler und Kreativen".

Es wird noch einmal einen Neuanfang für das Amt geben, meint Patrick Bahners in der FAZ, denn der SPD-Funktionär Carsten Brosda, der als Favorit gehandelt wurde, galt als Apparatschik. "Dass eine ehemalige langjährige Bundesvorsitzende ihrer Partei bereit ist, der Kultur zuliebe noch einmal die Staatsministerbank zu drücken, ist ein Zeichen für das Gewicht dieses Politikfeldes, das nach den Maßstäben der Berufspolitik nicht deutlicher ausfallen könnte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.11.2021 - Kulturpolitik

Die prominente Grünen-Politikerin Claudia Roth wird Nachfolgerin von Monika Grütters als Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), so der offizielle Titel des Amtes. Die Meldung kam am späten Donnerstagabend, berichtet Jörg Häntzschel in der SZ. Und noch am Tag zuvor hatte "die Nachricht, dass das Amt der Kulturstaatsministerin an die Grünen und nicht an die SPD fallen würden... für Verwunderung gesorgt. Ursprünglich war der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda fest vorgesehen für diesen Posten." Brosda hatte sogar zusammen mit Olaf Scholz einen programmatischen Artikel zur Kulturpolitik in der Zeit publiziert (unser Resümee).

Für Andreas Kilb in der FAZ ist das Amt dadurch tendenziell degradiert, denn es entsteht "eine parteipolitische Kluft zwischen Kanzler und Kulturressort. Grütters konnte sich im Zweifelsfall immer auf die Rückendeckung von Angela Merkel verlassen. Die neue Kraft wird dagegen nicht mehr automatisch mit der Unterstützung ihres Chefs rechnen können. Für die Rolle der Kultur in der gerade beginnenden Debatte über Corona-Lockdowns und pandemiebedingte Teilschließungen ist das kein gutes Vorzeichen." Für Kilb ist die Entwicklung des Humboldt-Forums eine zentrale Aufgabe der neuen Kulturministerin, "sie muss sofort beginnen: als konzeptionelle Sanierung bei laufendem Betrieb".

Nun hatte sich schon unter Monika Grütters gerade in den vornehmen, durch den Bund geförderten Institutionen ein BDS befürwortender Diskurs durchgesetzt, der sich in dem Aufruf der "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" (unsere Resümees) artikulierte. Diese Position dürfte unter Claudia Roth noch gestärkt werden, fürchtet Stefan Laurin bei den Ruhrbaronen. Roth gehörte zu den Grünen Abgeordneten, die gegen die BDS-Resolution des Bundestags votiert hatten, deren Rücknahme das "Weltoffen"-Papier fordert. "Geht es um den Iran, dessen Mullah-Regime Homosexuelle an Baukränen aufhängt, Feministinnen einkerkert und die Jugend des Landes bei Protesten von der Straße schießen lässt, sieht Roth die Dinge lässiger. Unvergessen das Foto auf dem sie 2013 den damaligen Botschafter des Irans, Ali Reza Sheikh Atta, am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz mit 'High Five' begrüßte."

Rüdiger Schaper unternimmt für den Tagesspiegel eine Tour d'horizon durch die kulturpolitischen Passagen des Koalitionsvertrags: "Das Kulturverständnis der Ampel-Koalitionäre hat durchaus etwas Übergriffiges. Und dann wieder ist es fürsorglich, vor- und nachsorgend, wenn es zu den Freien und Selbstständigen in der Kreativwirtschaft kommt. Sie sollen gestärkt werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2021 - Kulturpolitik

Für die SZ hat Jörg Häntzschel einen ernüchterten Blick in die fünf Seiten zur Kulturpolitik im Koalitionsvertrag geworfen: Kultur soll Staatsziel und der freien Szene soll etwa mehr Beachtung geschenkt werden, freut er sich, aber: "Was die Aufarbeitung des Kolonialismus und die Restitution geraubter Kunstwerke in deutschen Museen angeht, geht das Papier nicht über das hinaus, was SPD und CDU/CSU sich 2017 vorgenommen hatten: Mehr Provenienzforschung, mehr Digitalisierung, mehr internationale Kooperation, auch ein 'Lern- und Erinnerungsort Kolonialismus' ist geplant. Doch warum sprechen die Koalitionäre nur unverbindlich von 'Rückgaben', statt nach dem Vorbild Emmanuel Macrons einen klaren Plan für umfangreichere Restitutionen anzukündigen? "

Die Nachrichtenagentur Reuters meldet "nach Angaben eines Insiders", dass auf Bundesebene ein neues Ministerium für Bauen und Wohnen geschaffen werden soll und in der SZ ist Gerhard Matzig ganz aus dem Häuschen. Wobei es sich eigentlich um eine "Reanimation" handele: "Weil das Bauen als politischer Faktor immer wieder herumgeschubst wurde, aufgelöst 1998 als Oberste Bundesbehörde, wurde das Fachgebiet als Anhängsel anderer Ministerien oft nur geduldet wie die arme Verwandtschaft. Mal hat man es beim Umweltministerium, mal beim Verkehrsministerium, zuletzt gar im Innenministerium (mit dem unglücklichen Begriff 'Heimat' ausgestattet) fehlplatziert oder auch wie im Suff in Schräglage über dem Bordstein geparkt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2021 - Kulturpolitik

In einem langen und reich bebilderten Artikel in der NZZ geht Susanna Petrin der Frage nach, ob die NS-Kunst, die für die Öffentlichkeit weitgehend unzugänglich in einem Kellermagazin der amerikanischen Militärbasis Fort Belvoir unweit von Washington lagert - darunter Aquarelle von Hitler und Werke über Hitler - nicht zurück an Deutschland gegeben werden müsste: "Die USA halten es bis heute für zu gefährlich, diese Werke an die Bundesrepublik Deutschland zurückzugeben oder in ihrem Armeemuseum auszustellen. 'Aufgrund von Bedenken, dass diese Werke Neonazis anstacheln oder für sie als Gedenkstücke dienen könnten, sind sie hier', sagt Sarah Forgey, 'alles, was die Swastika zeigt, aggressiven Militarismus oder die Nazis glorifiziert.' Als gesetzliche Basis diene den USA bis heute das Potsdamer Abkommen von 1945." Aber Gordon Waverly Gilkey, der Kunsthistoriker, der die NS-Werke in die USA brachte, beschlagnahmte einige Werke teils zu Unrecht und hielt sich selbst nicht an das Potsdamer Abkommen, weist der Kunsthistoriker Gregory Maertz in seinem Buch "Nostalgia for the Future" nach, so Petrin.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2021 - Kulturpolitik

Im Tagesspiegel berichtet Nicola Kuhn von einer Tagung zu Rückgabeforderungen an deutsche und europäische Museen, die zeigte, wo die Reise hingehen soll: Rückgabe aller Kulturgüter in den ethnologischen Museen auf der Grundlage des Rechts des Herkunftslandes und oral history. Die Berliner Museumsdirektoren Barbara Helwing und Martin Maischberger würden das im Interview mit dem Tagesspiegel etwas differenzierter sehen: Für den Pergamonaltar, so Maischberger, gibt es nicht mal eine Rückforderung der türkischen Regierung. Und die Behauptung, alles sei geraubt, sei schlicht falsch: "Es steht außer Frage, dass die Pergamongrabung 1878 - 1886 im Kontext asymmetrischer Machtverhältnisse durchgeführt wurde. Eine koloniale Situation bestand jedoch nicht. Wenn solche Begriffe in Bezug auf das Verhältnis zwischen Osmanischem Reich und Deutschem Reich verwendet werden, halten wir das für historisch falsch und verzerrend. Es ist übrigens schon seit langem bekannt, dass für das Erwirken von Grabungslizenzen, Genehmigungen von Fundteilungen etc. Gefälligkeiten eingesetzt wurden, dass hin und wieder etwas getrickst wurde und dass die Grabung heutigen Kriterien von Augenhöhe natürlich nicht entsprach."