9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.07.2019 - Kulturpolitik

Wer behauptet, afrikanische Staaten seien nicht in der Lage, ihre Kunst sachgemäß aufzubewahren, soll man in die Keller des ethnologischen Museums in Dahlem gehen, meint Jörg Häntzschel in der SZ. Dort stehe man bei starkem Regen knöcheltief im Wasser, Brandschutz gebe es nicht und inventarisiert sei auch vieles nicht. Dabei sei Dahlem kein Ausnahmefall: "Es gibt gute und weniger gute Ausstellungen, sicher, aber dass in vielen deutschen Museen Verschleiß, Schlendrian und Überforderung herrschen, dass sie im internationalen Vergleich weit abgeschlagen sind, ist wenigen bewusst."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.07.2019 - Kulturpolitik

Reproduktion des Ife-Kopfes "oriOlokun", Nigeria, ca. 1980. Geschenk von Shehu Shagari an Karl Carstens. Foto Patrick Schwarz. Rheinisches Bildarchiv
Boris Pofalla hat sich für die Welt in der Ausstellung "Geschenkt!" im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum diplomatische Geschenke angeschaut, die deutsche Staatsoberhäupter erhielten: Ihm "riecht" es hier allerdings zu sehr nach Kolonialismus: In Afrika gebe es "keine vergleichbaren Institutionen, die europäische Artefakte sammeln. Oft sind nicht einmal die eigenen Kulturen umfassend repräsentiert - Afrikas materielles Kulturerbe lagert größtenteils in Europa. Es fehlt dort, deshalb soll nun vieles aus europäischen Sammlungen zurückgegeben werden. Das juristische Gezerre und Geschacher um Masken und Speere wird noch lange weitergehen. Und das kommt einem dann doch ein wenig unwürdig vor, wenn man sieht, wie aufmerksam sich die Potentaten in ihrem diplomatischen Alltag gegenseitig beschenkten und beschenken. Statt weitere Jahrzehnte um die Rechtmäßigkeit von Restitutionen zu verhandeln, denkt man, könnte man doch auch einfach mal etwas freiwillig herschenken. Einfach mal eine Benin-Bronze einpacken, wenn Frank-Walter Steinmeier das nächste Mal nach Nigeria reist oder eine Madonna aus dem 15. Jahrhundert für Bamako reservieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.07.2019 - Kulturpolitik

Endlich spricht es mal einer aus: "Der Postkolonialismus ist eine Form von Ideologie", schreibt Andreas Kilb in der FAZ. Er liest die zweite Auflage einer Handreichung des Deutschen Museumsbunds (hier als pdf-Dokument), die auch Sprachregelungen für den Umgang mit Kunst aus kolonialen Kontexten anbietet. Kilb fällt darin eine besonders problematische Akzentverschiebung auf, die das Osmanische Reich betrifft: Es gilt nicht mehr eindeutig als Kolonialmacht, so wie die europäischen Reiche: "Das hat Folgen, geschichtspolitisch wie museumspraktisch. Denn als Nichtkolonialmacht wechselt das Osmanische Reich im postkolonialen Diskurs auf die Opferseite, wo es zur Beute des Deutschen Reiches wird, das sich in den Bau der Bagdadbahn einklinkt, 'um sich die Ressourcenabtragung (Ausplünderung) der vorderasiatischen Gebiete zu sichern'. Deshalb seien Funde aus dem heutigen Irak, aus Syrien, dem Libanon, Jordanien und Israel 'genauso zu behandeln wie Objekte aus formalen Kolonialherrschaften'." Und dadurch stehen etwa die Sammlungen des Pergamonmuseums in einem anderen Licht!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2019 - Kulturpolitik

In der Berliner Zeitung meldet Ulrich Paul, dass die Eröffnung des Berliner Schlosses jetzt doch ganz vom November 2019 auf September 2020 verschoben wird: "Ursachen für die verschobene Eröffnung sind nach Angaben der Stiftung Mängel und Verzögerungen bei einzelnen Gewerken - vor allem der Klima- und Lüftungstechnik. Verantwortlich macht die Stiftung 'die stark angespannte Baukonjunktur', die zu Engpässen bei den personellen Kapazitäten der Baufirmen geführt habe. Im Klartext: Es fehlen die Handwerker."

Die Politik machte sich rar bei der Bekanntgabe der Verschiebung, weder Kulturstaatsministerin Monika Grütters noch BBR-Präsidentin Petra Wessler waren anwesend, notiert Bernhard Schulz im Tagesspiegel. Ihm fällt noch etwas auf: Grütters nannte per Pressemitteilung die Verschiebung "sehr enttäuschend" und schrieb weiter: "Sie erwarte 'von den Verantwortlichen des Bundesamtes (für Bauwesen und Raumordnung, d. Red.), aber auch von der politischen Spitze des zuständigen Bundesinnenministeriums, dass das Humboldt-Forum von nun an die Priorität genießt, die der herausragenden Bedeutung dieses Projekts auch gerecht wird.' 'Von nun an' ist eine ziemliche Ohrfeige für das BBR und mittelbar auch für Parteifreund Seehofer, in dessen Verantwortungsbereich das Amt fällt. Bislang also nicht?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2019 - Kulturpolitik

Der Historiker Hanno Loewy, der auch Direktor des Jüdischen Museums Hohenems ist, schaltet sich in der FAZ in die Diskussion um das Jüdische Museum ein. Es sei seiner Aufgabe nachgekommen, als es in einem Tweet darüber informierte, dass 240 jüdische Wissenschaftler aus Israel und dem Rest der Welt eine andere Auffassung von 'Antisemitismus' haben als der Deutsche Bundestag". Überhaupt sei jüdische Geschichte zweitausend Jahre lang Diasporageschichte gewesen und deswegen immer auch Geschichte der Beziehungen - zur Mehrheitsgesellschaft und zu anderen Minderheiten: "Die gegenwärtige Tabuisierung jeder offenen Diskussion über Israel oder über den Antisemitismus der Gegenwart, die in der Kampagne gegen das Berliner Museum seinen fatalen Ausdruck gefunden hat, sie trifft vor allem: Juden. Wenn jüdische Stimmen, die sich solchen Denkverboten nicht beugen wollen, mit versteckten und offenen Drohungen zum Schweigen gebracht werden, dann sind jüdische Museen, die dieser Vielfalt eine Bühne bieten, offenbar nötiger denn je."

Weiteres: In der Berliner Zeitung meldet Harry Nutt, dass Christoph Stölzl Vertrauensperson für das Jüdische Museum werden, das einen neuen Leiter sucht, nachdem Peter Schäfer wegen eben jenes BDS-Tweets ingeworfen hat. Im Tagesspiegel erinnert Bernhard Schulz an die erbitterte Diskussion um das Holocaust-Mahnmal, das dann aber doch vor zwanzig Jahren beschlossen wurde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2019 - Kulturpolitik

Ein gutes halbes Jahr nach der von Bénédicte Savoy und Felwine Sarr vorgelegten Handreichung zur Restitution von kolonialer Raubkunst herrscht in Österreich nach wie vor betretenes Schweigen, beobachtet Stefan Weiss im Standard und liefert seinen Landsleuten, die ebenfalls am Sammeln von Kulturgütern beteiligt waren, ein paar Fakten. Von "rechtmäßigem" könne in kaum einem Fall die Rede sein: "Selbst der Erwerb kann aufgrund damals herrschender Machtgefälle als illegitim erachtet werden. Sarr/Savoy rechnen vor, dass für eine heute im Pariser Musée du quai Branly ausgestellte Maske aus der Region von Ségou im Jahr 1931 sieben Franc bezahlt wurden, was dem damaligen Gegenwert von einem Dutzend Eiern entsprach. Am Markt lag der damalige durchschnittliche Auktionspreis für afrikanische Masken in Frankreich bei 200 Franc, der Rekord gar bei 2300 Franc."

Tim Caspar Boehme referiert das Kultursymposium des Goethe-Instituts in Weimar, bei dem sich Intellektuelle aus aller Welt in ihren Gegenwartsanalysen nur schwer zu etwas Optimismus durchringen konnten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2019 - Kulturpolitik

Der Welfenschatz wird jetzt vor einem amerikanischn Gericht verhandelt werden, berichterstattet Patrick Bahners in der FAZ. Dafür haben die Erben des Händlerkonsortiums, von denen der deutsche Staat einst die Goldschmiedearbeiten aus dem Braunschweiger Dom erwarb, den Kauf als Vorbereitung zum Völkermord deklariert: "Wollte der preußische Ministerpräsident Hermann Göring, indem er dem Konsortium die 42 Werke abkaufte, für die es seit 1929 vergeblich Käufer auf dem Weltmarkt gesucht hatte, die Lebensgrundlage der jüdischen Kunsthändler zerstören? Indem die Bevollmächtigten der Kaufinteressenten versuchten, die Verkäufer herunterzuhandeln, hätten sie nach dieser Konstruktion dasselbe getan wie General Lothar von Trotha, der 1904 das Volk der Herero in eine wasserlose Wüste treiben ließ. Dem Drücken des Kaufpreises war allerdings eine objektive Grenze gezogen: Der Welfenschatz befand sich in einem Banksafe in Amsterdam."

Alex Rühle singt in der SZ Münchens scheidendem Kulturreferenten Hans-Georg Küppers eine Eloge: "Nun kann so Ermöglicher-Zeug erst einmal jeder sagen. Der Witz ist: Küppers hat anscheinend zwölf Jahre lang genau das gemacht: zugehört, ermutigt, Überzeugungsarbeit geleistet. Es muss im ganzen Kulturreferat ausnahmslos runde Tische geben, so reibungslos ging dort das meiste vonstatten."

Felix Stephan berichtet ebenfalls in der SZ vom Kultursymposium Weimar, das sich der Verteidigung der Kunstfreiheit in Zeiten des Demokratiezerfalls widmete. Der amerikanische Judaist David N. Myers verteidigt in der FAZ seinen Kollegen Peter Schäfer, der nach politischem Druck als Direktor des Jüdischen Museums Berlin zurücktreten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2019 - Kulturpolitik

Böse Worte richtet Micha Brumlik in der taz an den Zentralrat der Juden, der den Direktor des Jüdischen Museums, Peter Schäfer, in Berlin zum Rücktritt gedrängt hat (9Punkt vom Samstag). Brumlik schimpft über die Aufgabe der jüdischen Gelehrtenkultur und Ärgeres: "Der Rücktritt von Peter Schäfer mag den Zentralrat der Juden mit einem Zuwachs an Selbstbewusstsein erfüllt haben: Tatsächlich hat er einen Pyrrhussieg errungen. Denn es ist dies auch ein Sieg über den Pluralismus innerhalb der jüdischen Gemeinschaft - national wie weltweit. Der Anlass der Rücktrittsforderung - der von dem Museum geteilte Tweet der taz über die Erklärung von 240 jüdischen und israelischen Wissenschaftlern, dass BDS nicht antisemitisch sei, war nämlich alles andere als eine Solidaritätserklärung mit BDS, sondern allenfalls eine Richtigstellung."

Auch im Tagesspiegel nimmt der Historiker Michael Wolffsohn den Judaisten Schäfer in Schutz, sieht aber sehr wohl einen gravierenden Konstruktionsfehler im Jüdischen Museum: "Hier wurde die deutschjüdische Geschichte samt sechsmillionenfachen Judenmordens um die islamische Dimension sowie um die universalistische erweitert - und dadurch letztlich entjudaisiert.  Ohne den eigenen, durchaus gut gemeinten, Ansatz zu Ende zu denken, hat die deutsche Politik und Gesellschaft, ebenso wie das JMB, den innen-, nahöstlichen und weltpolitischen Islam-Nahost-Sprengstoff mit dem jüdischen Thema verflochten und Jüdisches (unfreiwillig?) verwässert...  So gesehen, ist der Fall 'Peter Schäfer und das JMB' weder ein Fall Peter Schäfer noch ein Fall JMB. Das wahre Problem ist die Universalisierung, also das in Deutschland vorherrschende, ins unverbindlich Allgemeine Übertragene von Holocaust und Jüdischer Geschichte. Die deutsche Nahostpolitik befördert diese Entwicklung, denn sie ist ein politischer Zwitter: faktisch iranfreundlich und zugleich deklamatorisch proisraelisch."

"Mit Schäfers Abgang ist es nicht getan", schreibt stattdessen Alan Posener in der Welt und fordert neben einem neuen Direktor auch eine neue Programmdirektorin und eine Neuaufstellung des Stiftungsrates. Denn: "Selbst als Schäfer einen Vertreter der iranischen Botschaft empfing, einer Regierung also, die sich damit brüstet, Israel vernichten zu wollen, und als sich der Direktor des JMB - angeblich - zu der Äußerung habe hinreißen lassen, man müsse ja zwischen Zionismus und Judentum unterscheiden wie zwischen Islam und dem Islamischen Staat, selbst da wurde Schäfer noch von Grütters und dem Stiftungsrat gedeckt, deren politische Agenda sich anscheinend nicht wesentlich von der seinen unterscheidet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2019 - Kulturpolitik

Peter Schäfer, der Direktor des Jüdischen Museums in Berlin, ist gestern zurückgetreten. In der SZ berichtet Thorsten Schmitz, dass Schäfer schon länger unter Druck stand, weil er sich nicht scharf genug gegen die Israel-Boykott-Bewegung BDS abgrenzte: "Anlass des Furors war diesmal allerdings ein Tweet vom offiziellen Twitter-Account des Jüdischen Museums Berlin. Darin hatte die Pressestelle des Museums ohne Wissen Schäfers unter dem Hashtag #mustread eine Leseempfehlung für einen taz-Artikel gegeben, in dem es um die Kritik von 240 jüdischen und israelischen Wissenschaftlern an einem Beschluss des Bundestages geht. Die Parlamentarier hatten mehrheitlich vor Kurzem die BDS-Bewegung als antisemitisch verurteilt."

In der taz denken Jannis Hagmann und Stefan Reinecke eher, dass hier ein Haus auf Linie gebracht werden soll. Vor allem mit der Ausstellung "Welcome to Israel" habe Schäfer die Pro-Israel-Fraktion gegen sich aufgebracht: "Damals saß Direktor Schäfer in seinem Büro und versuchte akademische Brandmauern gegen die politische Einflussnahme hochzuziehen. Die Kritiker, sagte er, würden immer auf dem Politischen rumhacken. Dabei gehe es in der Ausstellung gar nicht um Jerusalem als Hauptstadt Israels oder der Palästinenser, sondern um die Bedeutung der Stadt für die monotheistischen Religionen. Schäfer ist Wissenschaftler, brillant, sagen viele, aber kein politischer Stratege. Nicht die aufgeheizte Debatte interessiert ihn, sondern die zurückgelehnte Auseinandersetzung mit dem Judentum. Durch die heißen Gewässer des Nahostkonflikts, Debatten über Besetzung und Antisemitismus bewegt er sich erstaunlich gelassen - aber auch mit einem Mangel an Feinfühligkeit, der an Naivität grenzt."

Same, same but different: Im FAZ.net schrieb Andreas Kilb bereits vor Schäfers gestrigem Rücktritt, dass der Direktor natürlich auf Linie sein muss: "Das Jüdische Museum bleibt eine Einrichtung und ein Sprachrohr der deutschen Politik, ganz gleich, welche Freiheiten es sich in einzelnen Fragen nimmt. Form follows function, das gilt auch beim JMB."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2019 - Kulturpolitik

Es wäre so schön gewesen, aber leider leider: Das Humboldt-Forum wird nicht wie geplant in diesem Jahr eröffnet, berichtet unter anderem Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Im Januar hatte die federführende Stiftung Preußischer Kulturbesitz erklärt, das Humboldt Forum solle im November eröffnet werden. Der Namensgeber und Forscher Alexander von Humboldt war am 14. September vor 250 Jahren in Berlin geboren worden. Zu diesem Termin war ein Festakt im Schloss vorgesehen."

Die Klimaanlage ist nicht rechtzeitig fertig geworden. Keine Lästereien bitte, Berlin ist diesmal ausnahmsweise nicht schuld. Das Humboldt Forum liegt in der Verantwortung von Horst Seehofers Innenministerium, erinnert Jens Bisky in der SZ. Nikolaus Bernau sieht es in der Berliner Zeitung ganz positiv: Die Verschiebung erlaubt es, die inhaltlichen Ideen zu verbessern, hofft er. "Die Verschiebung ist auch eine Chance - auch dafür, das Riesenhaus nicht in einem großen Schlag, sondern nach und nach zu eröffnen und damit die Freude des Neuanfangs immer wieder zu erleben. So wie einst zwischen 1970 und 1974 bei den Museen in Dahlem." Andreas Rosenfelder (Welt) fühlt sich beim Rundgang für die Presse eher für dumm verkauft: "Aus der Kurzfristigkeit der Einladung und der Kompliziertheit des Protokolls ließ sich schließen, dass auf diesem 'Rundgang' eigentlich eine Botschaft überbracht werden sollte, wahrscheinlich eine eher Unangenehme, dass man für diese Mitteilung aber die Form eines Rituals gewählt hat, also eine performative, kollektive und anonyme Form, die keinen klaren Absender hat und an der alle, auch das Publikum, irgendwie mitwirken."