9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2019 - Medien

Jens Schröder präsentiert bei Meedia die jüngsten IVW-Zahlen der Zeitungen (also die tatsächliche gemessene verkaufte Auflage). Für die meisten Titel ging es bergab: "Dramatischer Verlierer des Quartals ist hingegen die Welt. Ihre Abos und Einzelverkäufe brachen gleichermaßen ein, insgesamt um heftige 17,0 Prozent. Nur noch 70.101 Kunden verzeichnet das Springer-Blatt. Zwar verkündete Springer im März, dass sich 'die Vertriebsstrategie des gedruckten Kernprodukts Die Welt künftig noch konsequenter ausschließlich am zahlenden Leser' orientiert, also 'mit einer klaren Konzentration auf den Einzelverkauf (EV) und die Abo-Auflage', doch gerade hier rauschte die Auflage um diese extremen 17,0 Prozent nach unten."
Stichwörter: Ivw-Zahlen, Zeitungskrise

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2019 - Medien

Die NZZ mag von der Republik, einer der wenigen erfolgreichen Gründungen von Internetmedien, auch manchmal hart attackiert worden seien (das Magazin ist ja nur mit bezahltem Abo zu lesen). Ziemlich boshaft liest sich nun jedenfalls René Zeyers kleiner Artikel über die Republik in der NZZ: "Eigentlich die Spiegelung der Weltwoche. Bis hinein ins Personal. Constantin Seibt ist ein Roger Köppel, wenn der mal die Tinte nicht halten kann. Und genauso wie die Weltwoche in weiten Teilen das Weltbild ihrer Leserschaft bestätigt, tut das die Republik auch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2019 - Medien

Voilà, nun ist es so weit. Zeitungen müssen für ihre Zusteller neuerdings Mindestlohn bezahlen. Natürlich jammern sie darüber - und nun läuft es auf eine staatliche Subventionierung der Presse in Deutschland hinaus, berichtet Yannic Walther in der taz. Ein Vorschlag ist es, dass der Staat einen großen Teil der Beiträge zur Rentenversicherung bei Zustellern übernimmt. "Laut dem Arbeitsministerium werden noch bis Juni weitere Optionen geprüft, mit denen die Verlage unterstützt werden könnten. Dabei sollen auch Beispiele aus anderen Ländern als Inspiration dienen. Dem Fachmagazin Horizont zufolge befinden sich Verlegerverbände und Arbeitsministerium derzeit in Verhandlungen über einen direkten Zuschuss je zugestellter Zeitung."

Die taz wird heute übrigens vierzig - vom Datum des ersten regelmäßigen Erscheinens gerechnet - und hat ihre heutige Ausgabe jungen Leuten überlassen, die damals noch nicht mal geboren waren.

Arno Luik, einst Chefredakteur der taz, später auch beim Stern, stimmt bei Kontext ein kultur- und kapitalismuskritisches Klagelied über die Presse an, die auch nicht mehr die Vierte Gewalt sei, die sie angeblich mal war. Deutlich wird das für ihn immer beim Bundespresseball: "Wer darf am Tisch der Kanzlerin sitzen? Wenn man da sieht, wie bollestolz die Chefredakteure oder Herausgeber der wichtigsten Zeitungen oder anderer Medien dann sind, wenn sie da, direkt bei der Macht, Wange an Wange sitzen dürfen - da kann man den Glauben an die Vierte Gewalt verlieren."
Stichwörter: Zeitungskrise, Medienwandel

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.04.2019 - Medien

Der Medien-Unternehmer Cosmin-Gabriel Ene hält in der NZZ die neue Fokussierung auf Abo-Modelle für einen gravierenden Fehler. Die Medien werden dadurch Leser verlieren und eine zahlungskräftige Informationselite heranzüchten, während die Nicht-Abonnenten auf die Boulevardseiten der Populisten ausweichen. Wenn also zurück zu alten Print-Rezepten, dann richtig, meint Ene: "Dem etablierten und höchst erfolgreichen Kiosk-Konzept verweigern sich im Web allerdings die meisten Verleger und enthalten ihren Kunden die Möglichkeit vor, einzelne Texte oder Tagesausgaben zu geringen Preisen nach Bedarf zu kaufen. Dabei wäre in der Welt gedruckter Presseerzeugnisse niemand je auf die Idee gekommen, den Verkauf der Einzelausgabe zu unterbinden. Dass die Leser bei solch einer Missachtung ihrer Kundenbedürfnisse den Verlagen den Rücken kehren, sollte eigentlich kein Medienmanager übersehen."

Timo Hoffmann geht in der taz der Frage nach, wie aus dem einstigen Grünen und taz-Mitgründer Ulli Kulke ein ergrauter Ex-Linker mit Hang zur AfD werden konnte.
Stichwörter: AfD

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2019 - Medien

Viktor Orban schafft sich seine eigene Presseagentur, berichtet Blaise Gauquelin in Le Monde. Die Agentur namens V4 Agency solle den "konservativen" Standpunkt der Länder der Visegrad-Gruppe widerspiegen und Agenturen wie Reuters und AFP Konkurrenz machen. Sie "publiziert ihre Informationen zur Zeit auf Englisch und Ungarisch und will ihre Berichterstattung ausdehnen. Mit Basis in London verfügt sie über eine Redaktion von fünfzig Journalisten mit Korrespondenten in Paris, Brüssel, Berlin und im Balkan."

Während überregionale Zeitungen wie die New York Times oder die Washington Post in den USA von ihrer Trump-kritischen Berichterstattung profitieren, kämpfen die regionalen Zeitungen in den USA ums Überleben, schreibt Karl Doemens in der FR: "In kleineren Gemeinden ist die Lage längst dramatischer. In einer Untersuchung hat die Universität von North Carolina festgestellt, dass inzwischen 171 Landkreise in den USA ganz ohne Lokalzeitung auskommen müssen - mit negativen Folgen für die Berichterstattung über die örtliche Politik, das Kulturleben und die Probleme von Minderheiten. In der Hälfte aller Bezirke gibt es nur noch ein Blatt und damit keine Konkurrenz. 'Die Nachrichtenwüste wächst', stellen die Wissenschaftler nüchtern fest. Ihre Arbeit haben sie im Netz mit einer interaktiven Karte illustriert, auf der markiert ist, wo in den vergangenen 15 Jahren eine Lokalzeitung eingestellt wurde. Die 1800 gelben Punkte wirken wie Kerzen auf einem Friedhof."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2019 - Medien

Und gleich ein Artikel, der wie eine Illustration zu Nassehis These wirkt: Beliban zu Stolberg, Ronya Othmann, Eser Aktay, Studenten mit Migrationshintergrund, schreiben in der taz, dass es viele zu wenige wie sie in den Redaktionen gibt. Je nachdem möchten sie als solche dort berücksichtigt werden oder auch nicht. "Bei Jan Fleischhauer und Sascha Lobo werden Haltung und Tonfall wahrgenommen. Im Gegensatz dazu wird Mirna Funk oft als die jüdische Kolumnistin und Ferda Ataman als die migrantische gelesen. Als ob das alles wäre. Repräsentation ist wichtig, Diversity ist wichtig."

(Via Hugo E. Martin) Die Krise des Journalismus ist in Wirklichkeit eine des Verlegertums, schreibt bei journalist-magazin.de einer der es wissen muss, Uwe Knüpfer, einst Chefredakteur der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung: "Ich vermute, es war zu Beginn des 21. Jahrhunderts, nach dem Platzen der ersten Internetblase und vor der Lehman-Pleite - der Zeitpunkt dürfte sich nicht exakt bestimmen lassen. Irgendwann in dieser Zeit ist die Mehrheit in der deutschen Zeitungsverlegerschaft gekippt. Anstelle von Eigentümern, die gleichzeitig oft Herausgeber waren und das Zeitungmachen 'von der Pike auf' gelernt hatten, übernahmen bezahlte Manager das Steuer in den Verlagsetagen. In Stellung gebracht wurden sie von einer sich rasch vervielfältigenden Zahl von Erben und sonstigen, oft anonym bleibenden Verlags-Miteigentümern." Eingestellt wurden sie, um "Synergien zu heben und Kosten zu minimieren". Und wenn sie versagten, wurden sie anderswo Chef, so Knüpfer, um "Synergien zu heben und Kosten zu minimieren".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2019 - Medien

Jörg-Uwe Albig, Autor des satirischen Romans "Zornfried", nimmt in der FAS das SZ-Magazin  aufs Korn, das dem AfD-Mann Markus Frohnmaier ein riesiges, atmosphärisch natürlich wunderbar dichtes Porträt widmete, ohne etwas herauszfinden: "Da hört man schweigend zu, wenn der Typ mal wieder ins Schimpfen kommt, auch wenn es verletzend ist. Man hält still, wenn er gegen Flüchtlinge und Muslime rabuliert, gegen 'Asylforderer' und 'linke Gesinnungsterroristen', gegen 'die Werte der Achtundsechziger', gegen Frauenquoten, die Ehe für alle und die Universitäten, an denen gelehrt wird, dass Geschlechterrollen sozial konstruiert sind. Gegen Claudia Roth."

Der Soziologe Joseph Tonda erzählt in der taz von einem kongolesischen Propheten namens "Fernsehen", für den Bilder aus europäischen Modemagazinen einen machtvollen Zauber ausübten und der damit zu einem populären Prediger wurde, so einflussreich, das man ihn nach Nizza schickte, als er erkrankte. Er ist symptomatisch für den Umgang der Afrikaner mit Bildern aus westlichen Medien, so Tonda: "Sie wollen das sehen und festhalten, was ihren Träumen, ihren Wünschen und Phantasmen entspricht, und das bedeutet, dass nicht alle Bilder, die sie empfangen, gleich wichtig sind. Sie wollen vor allem die Bilder sehen, die ihre Identität bestätigen, ihren Wünschen schmeicheln und ihre Träume stützen, und sie blenden diejenigen aus, die sich diesen Träumen und Wünschen entgegenstellen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.04.2019 - Medien

Sehr verdienstvoll stellt Friedhelm Greis bei golem.de einige fromme Lügen Mathias Döpfners zum "Leistungsschutzrecht" richtig. Er bezieht sich dabei auf ein Interview Döpfners in Meedia (unser Resümee), in dem der Springer-Chef unter anderem behauptete, dass gerade auch kleinere und mittlere Medien vom Leistungsschutzrecht profitieren würden. Falsch, so Greis: "Döpfner bezeichnete in dem Interview den 'Vorwurf', dass Axel Springer besonders von der neuen Regelung profitieren würde, als 'absurd'. Das ist er aber nicht. Denn die Vergütungen der Verwertungsgesellschaft (VG) Media richten sich zu 98 Prozent an den Klickzahlen der IVW aus. Daher würden die Angebote des Axel-Springer-Verlages wie Bild.de, Welt.de und viele weitere derzeit fast zwei Drittel der Einnahmen nach dem deutschen Leistungsschutzrecht verbuchen. Kleine und mittlere Verlage würden kaum vom Leistungsschutzrecht profitieren, falls es jemals zu nennenswerten Lizenzzahlungen kommen sollte."  Ganz abgesehen davon, dass sie viele kleine Verlage die Mitgliedschaft in der IVW schlicht nicht leisten können und Blogger von dem Gesetz ganz ausgeschlossen sind! (Die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung, kurz IVW, misst für Medien die Verbreitungszahlen, die wederum Grundlage der Anzeigenpreise sind. D.Red.)

Die SZ berichtet unterdessen, dass Bundesjustizministerin Katarina Barley der Regierung empfehlen wird, der EU-Urheberrechtsreform zuzustimmen.

Weitere Artikel: Für Zeit Online untersucht der Kulturwissenschaftler Daniel Hornuff die medialen Taktiken der Neuen Rechten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.04.2019 - Medien

Ein halbes Jahr nachdem Ian Buruma als Chefredakteur der NYRB seinen Hut nehmen musste, weil er einen Beitrag des iranisch-kanadischen Radiomoderator Jian Ghomeshi veröffentlicht hatte, den mehrere Frauen der sexuellen Gewalt beschuldigt hatten (Unser Resümee), äußert sich Buruma nun in einem Essay in der Financial Times, in dem er zwar einerseits redaktionelle Fehler eingesteht, schreibt Felix Stephan in der SZ: "Andererseits glaube er bis heute, schreibt Buruma, dass Ghomeshis 'Geschichte ein wichtiger Beitrag zu einer Debatte' gewesen sei, 'die wir führen sollten', nachdem zahlreiche Männer ohne Prozess um ihre Existenz gebracht worden waren. Es sei nicht die Aufgabe eines Redakteurs, die Öffentlichkeit vor Kränkungen zu bewahren, so Buruma. (…) Ein gewisser Grad an Unbehagen könne dazu führen, dass man unvertraute oder ungewöhnliche Perspektiven berücksichtige, was oft heilsam sei. Da das öffentliche Gespräch aber zusehends religiöse Züge annehme, Abweichendes wie Blasphemisches behandelt werde und Sünder nur auf Vergebung hoffen dürften, wenn sie in protestantischer Tradition öffentlich eine innere Verwandlung glaubhaft machen, verkümmere die Redefreiheit." (Man hat eine Chance den Artikel Burumas in Gänze lesen zu können, wenn man einen Link zum Artikel bei Twitter findet. Geteilter Inhalt wird von der Financial Times zuweilen freigegeben, d.Red.)

Der Daily Telegraph, eine der prominentesten britischen Stimmen für den Brexit, hat eine unerschöpfliche Geldquelle gefunden, berichtet Rob Price im Business Insider: "Facebook ist eine Partnerschaft mit dem Daily Telegraph eingegangen, um eine Reihe von Artikeln über den Konzern zu veröffentlichen, inklusive Geschichten, die ihn bei heiß umstrittenen Themen verteidigen, für die er kritisiert worden war, etwa terroristische Inhalte, Online-Sicherheit, Cyber-Mobbing, gefälschte Konten und Hassrede." Die Geschichten waren immerhin als "sponsored content" gekennzeichnet - diese Art von Aushöhlung von Medien wird heute als "Native Advertising" verfochten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.04.2019 - Medien

Die "European Research Group" der superharten Brexiteers "wurde aufs schändlichste von einem Großteil der britischen Presse unterstützt", schreibt Martin Fletcher, ehemals Redakteur der Times, im New Statesman, "vor allem vom Telegraph, der Sun, dem Express und der Daily Mail unter seinem ehemaligen Herausgeber Paul Dacre." Und "als erste haben diese Zeitungen das britische Volk drei Jahrzehnte lang mit unerbittlich negativer und verlogener Berichterstattung über EU-Angelegenheiten, wie sie Boris Johnson als Korrespondent des Telegraph in Brüssel von 1989 bis 1994 eingeführt hat, gehirngewaschen."