9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.12.2018 - Medien

Die Spiegel-Chefredakteure Steffen Klusmann und Dirk Kurbjuweit ordnen sich in der "Lage", ihrem morgendlichen Rundumblick, in die Rubrik "Verlierer des Tages" ein. Der Reporter Claas Relotius hat die Redaktion - und offenbar mehr noch die berühmte Dokumentationsabteilung des Blattes, die angeblich jedes Detail vor Veröffentlichung eines Artikels überprüft - jahrelang mit Fälschungen von Personen und Zitaten betrogen. "Wir können die ganze Dimension des Falls noch nicht wirklich abschätzen, haben uns aber trotzdem entschlossen, ihn publik zu machen. Das wollten wir nicht anderen überlassen. Wir haben begonnen, aufzuklären, und wir werden ein Komitee bilden, das jeden Stein umdrehen soll. Denn wir wollen wissen, was genau warum passiert ist, damit es nie wieder passieren kann. Wir haben sehr viele Fragen an uns selbst, und die Antworten werden wahrscheinlich einiges in unserem Haus verändern." Relotius hat die Redaktion bereits verlassen. Ullrich Fichtner schreibt auf, was man bisher weiß.

Es sind nicht die üblichen Sicherungsmechanismen, die Relotius entlarvt haben, schreibt Anne Fromm in ihrem Bericht zum Fall in der taz: "Juan Moreno, der Kollege, der Relotius zu Fall gebracht hat, hatte ihm hinterherrecherchiert. Auf eigene Faust und auf eigene Kosten."

Als sehr interessante Ergänzung zu den deutschen Berichten, die sich nur auf die Fälschungen konzentrieren, liest sich der Artikel von Michele Anderson im Blog-Netzwerk Medium.com. Sie kommt aus der Provinzstadt Fergus Falls, wo Relotius angeblich einen Monat verbrachte, um Rednecks und Trump-Wähler zu porträtieren. Sie spricht ein Problem an, das deutsche Reportagen jenseits von Wahr oder Falsch häufig problematisch macht, den literarischen Stil (Reporterpreise kriegt man hier ja vor allem für tolle Prosa): "Relotius' 'Reportage' über Fergus Falls machte nicht nur kaum wiederzuerkennende Kino-Charaktere aus den Leuten in meiner Stadt, mit denen ich jeden Tag zu tun habe. Vor allem der ganz grundlegender Mangel an Wahrheit und seine bizarr trostlose Darstellung des Ortes, den ich liebe, hinterließen ein sehr krankes, unruhiges Gefühl in der Magengrube. So ein Gefühl gibt's nicht nochmal - zu wissen, dass Leute in einem anderen Land einen Artikel über den Ort lesen, den ich meine Heimat nenne, und angeekelt den Kopf schütteln, den Artikel auf Facebook und Twitter teilen und sagen, das sei ja 'finster' da, da leben Leute, 'die nicht an die Existenz von Elektrizität glauben'."

Weitere Artikel: Richard Volkmann erinnert bei den Salonkolumnisten daran, dass sich dieser Fall nicht in den berüchtigten sozialen Medien, sondern in der "Qualitätspresse" ereignete: "Auch die alten Bekannten in den Petersburger Trollfabriken werden die heutige Enthüllung mit wohlwollendem Interesse aufgenommen haben. Den Kampf gegen die allgegenwärtige Desinformation zu gewinnen, wird so noch einmal ein Stück schwerer." In der NZZ erinnert Hansjörg Müller daran, dass Relotius eine für den Egon-Erwin-Kisch-Preis nominierte Reportage wie ein Filmregisseur mit passender musikalischer Begleitung inszenierte. Die Geschichten waren immer ein bisschen zu perfekt, um wahr zu sein, meint auch Volker Lilienthal im Dlf Kultur. "Die neue Betrugsaffäre trifft die Branche zur schlimmsten Zeit. Die besten Medien des Landes drucken erfundene Storys - besser kann man das Misstrauen in die Branche nicht schüren", schreibt im Tagesspiegel Matthias Müller Blumencron.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.12.2018 - Medien

Als die Rundfunkgebühren umgestellt wurden, stellte sich heraus, dass die Bürger zunächst zuviel zahlen mussten. Das Geld wurde den Bürgern nicht zurückerstattet, sondern angespart und scheint nun verbraucht zu sein. Der Rundfunkrat des WDR fordert nun dringend eine Gebührenerhöhung, schreibt Timo Niemeir bei dwdl.de. Mit schlappen 1,4 Milliarden Euro für 2019 kommte der Sender gerade mal aus. Der Vorsitzende des Rundfunkrats, Andreas Meyer-Lauber, sagt laut dwdl.de: "Ein weiteres Einfrieren des Rundfunkbeitrags nach 2020 würde die Leistungen des WDR wie auch der ARD ernsthaft gefährden. Das Gesamtprogramm des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist konstitutiv für unsere Demokratie. Es gewährleistet Objektivität und wirtschaftliche Unabhängigkeit für alle Bürgerinnen und Bürger. Deshalb muss es weiterhin staatsfern und bedarfsgerecht finanziert werden." Dass das System der öffentlich-rechtlichen Sender den Bürgern "wirtschaftliche Unabhängigkeit" garantiere, ist als Argument neu, oder?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.12.2018 - Medien

Die Leute an Speakers's Corner werden von Passanten meist belächelt - Fanatiker, Verschwörungstheoretiker und Radikale, sollen sie nur ins Leere brüllen, denkt man sich und geht weiter. Vernünftig, findet Felix Simon in der NZZ und plädiert für "strategische Stille" der Medien gegenüber den Milo Yiannopoulos' und Steve Bannons dieser Welt: "Denn "extremistischen Gruppen oder Individuen und ihre Theorien sind am Ende oft nur so erfolgreich, wie die Medien es sie sein lassen. Es wäre nicht das erste Mal. In der Tat gibt es historische Vorbilder für diese Vorgehensweise. Die Sozial- und Technologieforscherinnen Danah Boyd und Joan Donovan zeigten kürzlich, wie amerikanische Zeitungen in den Südstaaten zuerst in den 1920er und später in den 1960er Jahren erfolgreich halfen, den Ku-Klux-Klan und die American Nazi Party einzudämmen, indem sie bewusst darauf verzichteten, die rassistischen und antisemitischen Ideen dieser Gruppen durch ihre Berichterstattung weiterzuverbreiten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2018 - Medien

Viele in den öffentlich-rechtlichen Sendern und der Politik würden die Rundfunkgebühren gern an die Inflationsrate koppeln, um sich lästige Diskussionen über Sinn und Zweck der Programme zu ersparen. Joachim Huber lehnt das im Tagesspiegel ab: "Die Fans des Indexmodells würden damit die Fragwürdigkeit des Beitragsmodells verdoppeln. Die Zahlungspflicht orientiert sich ja seit 2013 nicht mehr an der Nutzung von ARD, ZDF und Deutschlandradio, sondern an der Existenz eines Haushaltes. Und die Höhe des Beitrages würde sich nicht mehr mit der Leistungseffizienz der Sender verbinden, sondern daran, nur zum Beispiel, ob die Saudis den Ölpreis rauf- oder runterpegeln."

Der Fotograf Lu Guang, der die Umweltverschmutzung in China dokumentierte und zuletzt in der Provinz Xinjiang unterwegs war, die zum Gulag für die muslimische Bevölkerung umfunktioniert wird, ist nun seit fünf Wochen verschwunden, schreibt Robert Y. Pledge in der New York Times - Lu ist Mitglied einer von Pledge gegründeten Fotoagentur: "Lu Guang lebt zusammen mit seiner Frau Xu Xiaoli und ihrem Sohn Michael in New York, wo sie einen permanenten Aufenthaltsstatus haben. Xu Xiaoli hat bei den chinesischen Behörden vielfach nach Verbleib und Gesundheit ihres Manns gefragt, sowohl in Peking als auch in der Provinz  Xinjiang und in seiner Heimatprovinz Zhejiang. Die chinesischen Behörden antworten nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2018 - Medien

Paul Farhi attackiert in der Washington Post den Guardian, der berichtet hatte, dass es ein Treffen von Paul Manafort, einem Wahlkampfmanager Trumps, und Julian Assange in der äquatorischen Botschaft in London gegeben habe (unser Resümee) - bisher habe der Guardian keine Beweise vorgelegt: "Die Zeitung sagt, Manafort habe die Botschaft dreimal besucht, zum letzten Mal im März 2016, als er sich vierzig Minuten lang mit Assange unterhalten haben soll. Sie beschrieb Manafort als 'lässig gekleidet, als er die Botschaft verließ mit sandfarbenen Chinos, eine jacke und einem hellen Hemd'. Aber die Story nennt nicht das genaue Datum des Treffens."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.12.2018 - Medien

Ende Nächster Woche könnte Friedrich Merz CDU-Vorsitzender werden. Und nach wie vor, schreiben Anne Fromm und Martin Kaul in einem Hintergrundstürkck für die taz, sind die CDU-Politiker auf zwei Zeitungen fixiert. Sehr stark auf die Bild und ein bisschen auf die FAZ: "Niemand, so scheint es in diesen Tagen, sucht so sehr die Nähe zu Friedrich Merz wie die Bild-Zeitung. Und andersherum: Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn, die im Kampf um den CDU-Vorsitz gegen Merz antreten, nutzen für ihre ersten exklusiven Wortmeldungen die FAZ. Merz geht zur Bild. Sein erstes TV-Interview gibt er im Livestream von Bild-TV. Als er auf öffentlichen Druck hin schließlich offenlegen muss, wie viel Geld er verdient, tut er es in der Bild am Sonntag, dem Schwesterblatt der Bild, das ein bisschen weiblicher ist, krampkarrenbauerischer." Die Bild verfällt übrigens noch schneller als die Volksparteien: von einst 5 Millionen Auflage, auf jetzt 1,4 Millionen.

China steckt Milliarden Dollar in Auslandsmedien, berichtet Matthias Müller in der NZZ: "Durch die 'Going-out-Strategie' will man in die Köpfe der Ausländer dringen und das negativ behaftete China-Bild verändern. Statt über Umweltverschmutzung, Lebensmittelskandale oder Korruption zu berichten, soll das Bild eines friedlichen Landes gezeichnet werden, dessen rasanter wirtschaftlicher Aufstieg zum Wohle aller ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.11.2018 - Medien

Ohne die ungesunde Abhängigkeit vom Stellenmarkt wäre der Tages-Anzeiger schon 1993 pleite gewesen, hat der Verleger der Zeitung im Jahr 2010 mal gesagt. Karl Lüönd, einst Nachrichtenchef des Blick, erzählt in der Medienwoche, wie der Schweizer Journalismus von 1970 bis 2010 im Komfort exorbitanter Umsatzrenditen träge wurde: "Die unausgesprochene Botschaft von oben an die unterstellte Mannschaft lautete: Geld spielt keine Rolle, da vorhanden. Manchmal, etwa wenn es um begehrte Fotos ging, spielten uns clevere Agenturen wie Dukas sogar gegen Redaktionen im gleichen Konzern aus. Was angeboten wurde und Gefallen fand, wurde eingekauft, basta. Mit dem Personal war es dasselbe. Wenn fähige KollegInnen auf dem Markt waren, stellten wir sie halt ein."

Der chinesische Fotograf Lu Guang ist Anfang November festgenommen worden. Seitdem fehlt von ihm jede Spur. Seine Frau Xu Xiaoli hat sich jetzt an die Öffentlichkeit gewandt, schreibt Zhifan Liu in Libération. Lu Guang dokumentierte zum Beispiel "das tägliche Leben der Henan-Bauern, die mit HIV infiziert sind, nachdem sie ihr Blut verkauft haben, um zu überleben oder um ihren Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen. Diese Serie hat ihm 2004 das erste seiner drei World Press Awards eingebracht." Lu Guang hat auch viele Aufnahmen gemacht, die das Ausmaß der Umweltverschmutzung in China zeigen. Festgenommen wurde er in der Provinz Xinjiang, die berüchtigt ist für die Repressionen gegen die muslimische Bevölkerung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2018 - Medien

In einer Rede blickt der FT-Chefredakteur Lionel Barber auf die Entwicklung des Finanzjournalismus zurück, der einst durchaus eine ungut geschlossene Gesellschaft war. Heute jedoch überfluten Armeen von PR-Strategen und Ex-Geheimdienstler mit gesteuerten Informationen die Öffentlichkeit, während sich private Märkte dem kritischen Blick entziehen. Der Rest ist Unterhaltung: "Zuerst wurden Börsen ein Zuschauersport, vor allem fürs Kabelfernsehen. Die Live-Kommentierung hat die tiefgründige Berichterstattung ersetzt. Die Jagd nach Klicks hat die Berichte verflacht und Schlagzeilen versimpelt. Das gegenwärtige und zünftige Risiko für die Medien ist, dass sie in Wahnsinnstempo zu Waren werden. Heute liegt die Halbwertzeit eines Scoops zwischen fünf Sekunden und zwei Stunden. Die Tage, in denen die Welt aufwachen würde bei einer welterschütternden Exklusivnachricht auf der Titelseite einer Zeitung sind lange vorbei."

Und David Brooks gibt in der New York Times den Kollegen im Politik-Ressort gleich noch eins mit. Wie wäre es mal wieder, sich mit dem zustand des Landes zu beschäftigen als nur mit den Clowns im Weißen Haus? "Auf jede Schandtat von Donald Trump aufspringen. Seine narzisstische Provokationen in den Mittelpunkt stellen. Jeden Tag Verachtung ausdrücken von der sicheren Warte unseres politischen Silos aus. Das ist ja offenbare das Geschäftsmodell der Nachrichtensender und Online-Medien. Und tatsächlich gibt es ein großes verlässliches Publikum, das sich immer wieder einschaltet, um abgestoßen zu sein und sich Trump überlegen zu fühlen, süchtig nach den täglichen Ritualen moralischer Onanie."

In der NZZ beoabchtet Rainer Stadler, wie der rechte Verleger Christoph Blocher in der Schweiz jetzt auch den Markt der Gratiszeitungen aufmischt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2018 - Medien

(Vie Netzpolitik) Der prominente Anchor Man Armin Wolf veröffentlicht auf seinem Blog eine Rede, in der er unter anderem beschreibt, wie der Journalismus in Österreich von  den Parteien übernommen wird: "Das Online-Magazin Unzensuriert ist laut österreichischem Verfassungsschutz 'zum Teil äußerst fremdenfeindlich', es zeigt 'antisemitische Tendenzen', 'verschwörungstheoretische Ansätze und eine prorussische Ideologie'. Der frühere Chefredakteur dieser Plattform leitet heute die Kommunikationsabteilung des österreichischen Innenministeriums. Diese Abteilung beschäftigt nach eigener Auskunft 58 Mitarbeiter, 21 davon allein für Social Media.Keine einzige innenpolitische Redaktion in Österreich hat auch nur annähernd so viele Journalisten und Journalistinnen." Zur Krise des Journalismus verbreitet Wolf allerdings eine alte Mär: "Wir alle wissen, dass es wirtschaftlich der vielleicht schlimmste Fehler unserer Branche war, 15 Jahre lang unseren teuer hergestellten Journalismus im Netz zu verschenken."

Auf der Medienseite der SZ skizziert Viktoria Grossmann derweil die Erfolgsgeschichte der unabhängigen, regierungskritischen slowakischen Online-Tageszeitung Dennik N, die täglich zwischen sieben und achthunderttausend Leser erreicht und mittlerweile 75 Prozent der Einnahmen durch ihre Leser (und eine strikte Paywall) generiert. Eine Printausgabe mit einer Auflage von 5000 Ausgaben gibt es auch, erklärt Chefredakteur Matúš Kostolný, aber nur "damit die Leute unseren Namen auch am Kiosk sehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2018 - Medien

Man hört das Aufatmen Michael Hanfelds auf seiner FAZ-Medienseite förmlich: "Die Bundesregierung steht zum Urheberrecht im digitalen Zeitalter, und sie steht zu einem Leistungsschutzrecht für Presseverleger. Das sagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) am Montag bei einer Konferenz der Initiative Urheberrecht in Berlin."