Die
Spiegel-Chefredakteure Steffen Klusmann und Dirk Kurbjuweit ordnen
sich in der "Lage", ihrem morgendlichen Rundumblick, in die Rubrik "
Verlierer des Tages" ein. Der Reporter
Claas Relotius hat die Redaktion - und offenbar mehr noch die
berühmte Dokumentationsabteilung des Blattes, die angeblich jedes Detail vor Veröffentlichung eines Artikels überprüft - jahrelang mit Fälschungen von Personen und Zitaten betrogen. "Wir können die
ganze Dimension des Falls noch nicht wirklich abschätzen, haben uns aber trotzdem entschlossen, ihn publik zu machen. Das wollten wir nicht anderen überlassen. Wir haben begonnen, aufzuklären, und wir werden ein Komitee bilden, das
jeden Stein umdrehen soll. Denn wir wollen wissen, was genau warum passiert ist, damit es nie wieder passieren kann. Wir haben sehr viele Fragen an uns selbst, und die Antworten werden wahrscheinlich einiges in unserem Haus verändern." Relotius hat die Redaktion bereits verlassen. Ullrich Fichtner
schreibt auf, was man bisher weiß.
Es sind nicht die üblichen Sicherungsmechanismen, die Relotius entlarvt haben,
schreibt Anne Fromm in ihrem Bericht zum Fall in der
taz: "
Juan Moreno, der Kollege, der Relotius zu Fall gebracht hat, hatte ihm hinterherrecherchiert. Auf
eigene Faust und auf eigene Kosten."
Als sehr interessante Ergänzung zu den deutschen Berichten, die sich nur auf die Fälschungen konzentrieren,
liest sich der Artikel von Michele Anderson im Blog-Netzwerk
Medium.com. Sie kommt aus der Provinzstadt
Fergus Falls, wo Relotius angeblich einen Monat verbrachte, um Rednecks und Trump-Wähler zu porträtieren. Sie spricht ein Problem an, das deutsche Reportagen jenseits von Wahr oder Falsch häufig problematisch macht, den
literarischen Stil (Reporterpreise kriegt man hier ja vor allem für tolle Prosa): "Relotius' 'Reportage' über Fergus Falls machte nicht nur kaum wiederzuerkennende Kino-Charaktere aus den Leuten in meiner Stadt, mit denen ich jeden Tag zu tun habe. Vor allem der ganz grundlegender Mangel an Wahrheit und seine bizarr trostlose Darstellung des Ortes, den ich liebe, hinterließen ein sehr krankes, unruhiges Gefühl in der Magengrube. So ein Gefühl gibt's nicht nochmal - zu wissen, dass Leute in einem anderen Land einen Artikel über den Ort lesen, den ich meine Heimat nenne, und
angeekelt den Kopf schütteln, den Artikel auf Facebook und Twitter teilen und sagen, das sei ja 'finster' da, da leben Leute, 'die nicht an die Existenz von Elektrizität glauben'."
Weitere Artikel: Richard Volkmann
erinnert bei den
Salonkolumnisten daran, dass sich dieser Fall nicht in den berüchtigten sozialen Medien, sondern in der "
Qualitätspresse" ereignete: "Auch die alten Bekannten in den
Petersburger Trollfabriken werden die heutige Enthüllung mit wohlwollendem Interesse aufgenommen haben. Den Kampf gegen die allgegenwärtige Desinformation zu gewinnen, wird so noch einmal ein Stück schwerer." In der
NZZ erinnert Hansjörg Müller daran, dass Relotius eine für den Egon-Erwin-Kisch-Preis nominierte Reportage
wie ein Filmregisseur mit passender
musikalischer Begleitung inszenierte. Die Geschichten waren immer ein bisschen zu perfekt, um wahr zu sein,
meint auch
Volker Lilienthal im
Dlf Kultur. "Die neue Betrugsaffäre trifft die Branche zur schlimmsten Zeit. Die besten Medien des Landes drucken erfundene Storys - besser kann man das Misstrauen in die Branche nicht schüren",
schreibt im
Tagesspiegel Matthias Müller Blumencron.