Sehr grundsätzlich
kritisiert Christian Humborg von der Wikimedia Stiftung bei
Carta die
Aufarbeitung der Relotius-Affäre durch den
Spiegel. Erstens stört ihn, dass der designierte Chefredakteur
Ullrich Fichtner die Geschichte aufgeschrieben hat und damit die Wahrnehmung des Falls prägt. Zweitens und noch wichtiger meint er, dass der
Spiegel externe Fachleute hätte berufen sollen, um den Fall zu untersuchen und
eventuelle Konsequenzen zu empfehlen: "Eng verknüpft mit der mehr als unglücklichen 'Selbstaufklärung' ist die in meinem Augen überhastete und falsche Besetzung der sogenannten '
internen Kommission' zu bewerten. Zwei der drei Mitglieder sind
Spiegel-Leute: Clemens Höges ist der ehemalige stellvertretende Chefredakteur. Stefan Weigel beginnt ab Januar als Nachrichtenchef. Allein
Brigitte Fehrle ist extern und wird die ganze Verantwortungslast tragen müssen." Erstaunlich findet Humborg auch, das der
Spiegel bei
juristischen Konsequenzen zu zögern scheint.
Jahrzehntelang wurde in Deutschland das Genre der
gefühlsseligen Reportage gefeiert, mit der man sich am besten für den Kisch-Preis und den Job beim
Spiegel oder der
SZ qualifizieren konnte. Nun wird es überall harsch kritisiert, so etwa von
Welt-Autor Thomas Schmid
in seinem Blog: "Die aufgeplusterten Texte wirken oft wie ein einziges Buhlen um
narzisstische Exzellenz. Wer hat die schönste Metapher? Wer die steilste These? Wer den innigsten Blick auf die Hinterbühne der Macht? Wer versteht es - ohne in den Verdacht der Häme zu geraten - am besten, den eben noch gefeierten Politiker als armes Würstchen erscheinen zu lassen? Der Wettbewerb dieser selbstverliebten Exzellenzdarsteller droht, zu einem
selbstreferenziellen Spiel zu werden."
Es ist ja
nicht mal Literarisierung, was Relotius in seinen Reportagen betrieben habe,
schreibt Claudius Seidl in der
FAS mit Verweis auf ein
SZ-Interview Juan Morenos (unser
Resümee), also des Relotius-Kollegen, der dem Skandal auf die Spur kam: "Es ist, als baute man die
Welt aus Legosteinen nach; als spielte man Schicksal mit Playmobilfiguren. Und wenn sogar Moreno im Interview vermutet, das Genre der Preisträgerreportage habe sich in den vergangenen Jahren immer mehr der Literatur angenähert; was die Redaktionen forderten, seien
letztlich Kurzgeschichten: Dann möchte man fragen, wann er zum letzten Mal F. Scott Fitzgerald oder William Faulkner gelesen habe."
Der Medienwissenschaflter
Bernhard Pörksen fragt in
Zeit online: "Braucht es nicht längst eine
neue Sachlichkeit, eine Rückkehr zur strengeren Form oder doch eine absolut offen deklarierte Subjektivität, die die konkrete Schilderung als rein persönliche Wahrnehmung ausweist?" Ob in dem nach dem ersten und zweiten Scannen doch recht
konsistenzlosen Riesentext Jan Böhmermanns über den Fall
Claas Relotius irgendetwas Substanzielles finden lässt, das irgend jemand zu Weihnachten noch vermisst, sei den Lesern überlassen.
Nachträglich noch der Verweis auf den
Blogbeitrag von Armin Wolf zur Affäre.
Noch ein Fall: Wenn der Schriftsteller
Robert Menasse in einem Roman über die EU einem Politiker
einen Satz in den Mund legt, den dieser nicht gesagt hat, ist das eine Sache. Wenn er es im realen Leben tut, eine andere,
meint Ansgar Graw in der
Welt. Menasse, der sich für die politische Vereinigung der europäischen Staaten einsetzt, hat in Reden, Artikeln und Diskussionen immer wieder als Kronzeugen
Walter Hallstein zitiert, den ersten Kommissionsvorsitzenden des EU-Vorläufers EWG, so Graw: "Die
Abschaffung der Nation ist die europäische Idee!", soll Hallstein schon Ende der fünfziger Jahre gesagt haben. Tatsächlich hat er diesen Satz nie gesagt, hat jetzt der Historiker
Heinrich August Winkler nachgewiesen. Hallstein habe sogar ausdrücklich "der Folgerung
widersprochen, 'dass die bestehende politische Ordnung ausgelöscht, durch einen Supranationalstaat ersetzt wird'. Und Hallstein forderte gar, die 'Kraftquellen der europäischen Nationen zu erhalten, ja sie zu noch lebendigerer Wirkung zu bringen'. Auf mehrfache Nachfrage versichert Menasse nun, Hallstein habe das sagen wollen, was er ihm in den Mund legte: 'Die Quelle (Römische Rede) ist korrekt. Der
Sinn ist korrekt. Die Wahrheit ist belegbar. Die These ist fruchtbar. Was fehlt, ist das Geringste: das
Wortwörtliche.'"
Und noch eine ganz andere Geschichte aus der harschen
Wirtschaftswelt der Medien: Der
Dumont-Verlag verliert den Auftrag für das
Bundesgesetzblatt. Die Veröffentlichungspflicht soll künftig
digital erfüllt werden,
berichtet Hendrik Wieduwilt in der
FAZ unter der Überschrift "Barley nimmt Dumont-Verlag das
Gesetzblatt weg." Zwar durften die Gesetze auch bisher digital nachgelesen werden, aber nur in unbrauchbarer Weise - für einen professioneller Digitalzugang wurde Abogebühr verlangt. "Diese Restriktion sorgt für Kritik: Gesetze sind
schließlich gemeinfrei... Kürzlich wagte eine Stiftung daher die Selbstjustiz: Die Open Knowledge Foundation veröffentlichte ohne Erlaubnis das
Bundesgesetzblatt, frei für alle. Damit will sie ein Zeichen setzen, bricht aber womöglich das Urheberrecht." Justiziministerin Katarina Barley verspricht nun
freien Zugang für alle Bürger - und der Dumont-Verlag verliert eine wichtige Einnahmequelle.