9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.01.2019 - Medien

Die Gefahr des Terrorismus scheint abgeflaut, aber der religiöse Extremismus breitet sich aus, sagt Riss, Chefredakteur von Charlie Hebdo im Interview mit dem Figaro am Jahrestag des Attentats: "Vier Jahre nach der Tragödie vom 7. Januar haben wir fast vergessen, was sie für uns bedeutet. Einige Franzosen meinen, dass Charlie 'übertreibe' und sagen uns: 'Vielleicht sollten wir zu anderen Themen übergehen'. Sie sehen nicht, wie fragil die Demokratie geworden ist."

In der Berliner Zeitung wünschte sich Götz Aly etwas mehr Selbstkritik von jener Creme des deutschen Journalismus, die einen Claas Relotius immer wieder mit höchsten Preisen ausgezeichnet hat: "Die Tatsache, dass die Namen der Laudatoren, die Jury-Begründungen und die Lobreden auf den Preisträger Relotius aus dem Internet getilgt sind, finde ich antiaufklärerisch. Nur wer diese Texte kompakt veröffentlicht und die Namen der jeweils Beteiligten nennt, zeigt ein ernsthaftes Interesse, aus diesem, den deutschen Journalismus schwer belastenden Betrugsfall zu lernen."

Marcel Weiß gratuliert in seinem Blog neunetz.com dem Perlentaucher, der über den Dienst Steady eine substanzielle Unterstützung seiner Leserschaft bekommen hat. Zwar reichen diese Summen nicht aus, so Weiß, aber "es lohnt sich ein Blick auf die Startseite von Steady, um zu sehen welche anderen Projekte sich auf diese Art in Deutschland komplett oder zum Teil refinanzieren. Das Bildblog etwa bekommt etwas über 4.000 Euro brutto über Steady. Es sind Dienstleister wie Steady und Patreon, die künftig eine integrale Komponente nicht nur für Medien sondern auch für Kunst und Kultur sein werden. Wie immer lohnt sich ein Gedankenspiel, wo solch ein Ansatz in fünf, in zehn Jahren stehen wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.01.2019 - Medien

Das Nieman Lab bereitet die journalistische Branche auf ein weiteres miserables Jahr vor: "Für die meisten Medien wird 2019 weniger Geld und mehr Kürzungen bringen, schreibt Rasmus Kleis Nielsen. Einfach nur Paywalls zu errichten, wird es nicht bringen, meint er und fordert mehr und besseren Journalismus, für den die Leute auch zu zahlen bereit seien: "Viele der heute online veröffentlichten Berichte sind es einfach nicht wert, dafür zu zahlen. Einiges davon ist nicht mal unsere flüchtige Aufmerksamkeit wert."

Xiao Mina wirft - ebenfalls im Niemann Lab - in die Debatte, dass wir vielleicht gar nicht das Ende der Wahrheit erleben, sondern nur das Ende des großen Konsens: "Die Welt insgesamt, aber besonders der Westen entfernen sich von einem Konsens, der vom Fernsehen getragen war, hin zu etwas, was Penny Andrews den digitalen Dissens nennt: 'Wir hatten den Nachkriegskonsens, dann den neoliberalen Konsens und jetzt haben wir etwas ganz anderes, den digitalen Dissens, in Echokammern fragmentiert und immer schnell empört. Die Leute wählen nicht unbedingt nach ihrer Klasse, ihrer Anstellung oder anderen traditionellen Faktoren. Viele Leute wählen überhaupt nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.01.2019 - Medien

Die Relotius-Affäre wäre ohne den Antiameriakanismus in der Spiegel-Redaktion, den Claas Relotius nur bediente, gar nicht möglich gewesen, schreibt James Kirchick in Atlantic: "In einer makabren Geschichte erzählt er von einer Frau, die durch die USA reist, um als Zeugin bei Hinrichtungen dabei zu sein. In einer anderen erzählt er das tragische Schicksal eines Manns aus Jemen, der unschuldig über 14 Jahre in der Guantanamo Bay gefangen war, wo er in Einzelhaft gehalten und gefoltert worden sei. (Der Song, mit dem er in voller Lautstärke beschallt wurde? Bruce Sptingsteens 'Born in den USA'). Beide Geschichten waren komplett fabriziert."

Der amerikanische Journalismusprofessor Jay Rosen, der vor kurzem noch ein sehr positives Bild vom Journalismus in Deutschland verbreitete (unser Resümee), sieht das Problem im Gespräch mit Alan Cassidy in der SZ eher in einem nach Unterhaltsamkeit strebenden Journalismus: "Es gibt viele Dinge, die im Journalismus wichtiger sind als eine gute Story: die Achtung vor der Wahrheit, die Herstellung einer Faktenbasis für die öffentliche Debatte, die Machtkontrolle. Die Genauigkeit. Wenn Storytelling zum zentralen Element wird, kann es dazu kommen, dass die Erfordernisse einer guten Geschichte wichtiger werden als die Pflicht zu sagen, was ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2019 - Medien

Derek Thompson wirft in Atlantic Monthly einen Blick auf die Lage der amerikanischen Medien. Sie ist nicht besser geworden: "Es gab Entlassungen in Vox Media, Vice und Buzzfeed (und Gerede über eine Fusion aus Not). Mic., das einst mit 100 Millionen Dollar bewerte Start Up, hat den größten Teil seiner Mannschaft entlassen und wurde für 5 Millionen Dollar verkauft. Verizon hat fünf Milliarden Dollar auf seine Digital-Media-Unit abgeschrieben, zu der AOL und Yahoo gehören. Reuters  kündigte 3.000 Stellenstreichungen für die nächsten zwei Jahre an. Die Krankheit scheint weit verbreitet zu sein, betrifft Risikokapital-Lieblinge und alte Marken, sorgt für die Ausdünnung lokaler Nachrichten und internationaler Dienste. Niemand ist sicher und fast jeder steht zum Verkauf." Was laut Thompson folgt, ist eine neue Ära der Presse in der Hand reicher Patrone und eine politisch getriebene "Parteipresse". Wie das im einzelnen funktioniert, kann man in dieser GQ-Reportage nachlesen, in der Zach Baron beschreibt, wie Politiker mittels bezahlter Anzeigen das kalifornische Lokalblatt Fresno Bee attackieren.

Kann es sein, dass der Spiegel-Autor Claas Relotius, der seine Reportagen so frisierte, dass sie den Erwartungen entsprachen, nur ein Symptom für einen zynischen Journalismus ist, der am Ende den Populismus bestärkt fragt der Psychiater und Autor Joachim Bauer in der Welt: "Eine als Geschichte ständigen Versagens erzählte Tagespolitik, als Abfolge von lächerlichen oder unfähigen Charakteren, erzeugt ein Gefühl, das Martin Seligman als 'gelernte Hilflosigkeit' beschrieben hat. Frustration kann Wut und Aggression zur Folge haben. Ständig erneuerte Untergangsnarrative sind der ausgebreitete rote Teppich, den Populisten beschreiten, um unsere demokratische Gesellschaftsordnung insgesamt als Wegwerfmodell darzustellen. Das Fehlverhalten des Claas Relotius sollte Anlass sein, über unseren Journalismus grundsätzlich nachzudenken." Bauer verweist auf eine Initiative der amerikanischen Kollegen Tina Rosenberg  und David Bornstein für einen konstruktiven Journalismus (mehr hier).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.12.2018 - Medien

Erst gestern hatte der ZDF-Intendant Thomas Bellut mehr Geld gefordert (unser Resümee). Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm droht nun gar den Gang zum Bundesverfassungsgericht an, falls sich die Länder nicht fügen und die Gebühren erhöhen, berichtet dpa (hier im Handelsblatt): "Falls nicht alle Landtage zustimmen sollten, 'bliebe als Ultima Ratio die Klärung beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe', sagte... Wilhelm in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur in München. 'Dies würde freilich eine jahrelange Hängepartie bedeuten. In dieser Zeit könnte nicht ordnungsgemäß gearbeitet werden.'" Eine Koppelung der Gebührenerhöhung an die Inflationsrate erscheint Wilhelm zwar als "gangbarer Weg", er gibt nur zu bedenken, dass die Inflation für die Sender höher sei als in anderen Gebieten. Mehr auch in der FR.

"Die Senderchefs strotzen vor Selbstbewusstsein", kommentiert Kurt Sagatz im Tagesspiegel. "Zunächst hatte das Bundesverfassungsgericht die Umstellung des Rundfunkbeitrages auf die Haushaltsabgabe im Wesentlichen bestätigt, später urteilte der Europäische Gerichtshof im Sinne der Sender und ihrer Unterstützer. Mit der Karlsruhe-Drohung hat Wilhelm nun den Spieß sogar umgedreht."

In der NZZ stellt Marc Neumann das über Crowd-Funding entstandene, neue journalistische Projekt The Correspondent in den USA vor: "Anders als in den sozialen Netzwerken werden keine Daten zu Werbe- oder Marketingzwecken erhoben. Geld verdienen die Neojournalisten nicht mehr mit Journalismus als Produkt oder Dienstleistung. Stattdessen werden Mitgliederbeiträge für die Teilnahme an einer journalistischen Mission entrichtet, quasi als Vereinsidentität. Auf Vertrauensgrundlage verschmelzen Journalisten und Mitglieder zum wissens- und informationsschürfenden Biotop."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.12.2018 - Medien

Zeit Online hat vier seiner festangestellten und freien Reporter zum Fall Claas Relotius befragt. (Unsere Resümees) Konstantin Richter, der in den USA Journalismus studierte, singt ein Loblied auf den US-amerikanischen Journalismus: "Die New York Times ist berühmt für das, was manche deutschen Journalisten abfällig als 'Sachkack' bezeichnen. Schon der erste Satz der typischen New-York-Times-Geschichte ist unspektakulär, es geht um Relevanz und Information, nicht darum, den Leser in den Text hineinzuziehen." Wolfgang Bauer fordert mehr Factchecking und mehr Auslandsberichterstattung: "Nur wenige Häuser leisten sich eine kontinuierliche Berichterstattung im Ausland. Fast alle Investitionen, die von unseren Zeitungshäusern getätigt werden, finden in ihren Zentralen im Inland statt, so gut wie nie im Ausland. Will man einen Betrug, wie ihn Relotius begangen hat, in Zukunft verhindern, sollten Redaktionen ein Netz aus Stringern und lokalen Mitarbeitern unterhalten." Alexandra Rojkov erzählt von den Schwierigkeiten einer gut recherchierten Reportage.

ZDF-Intendant Thomas Bellut fordert im Interview der Deutschen Presse-Agentur eine "moderate Erhöhung des Rundfunkbeitrags", meldet Zeit Online mit dpa: "'Weil wir aktuell die Rücklage einsetzen dürfen, die nach der Umstellung auf den Rundfunkbeitrag entstanden war, beträgt der Beitrag nach unserer Berechnung real bereits 18,35 Euro', sagte Bellut und warnte vor Qualitätseinbußen, sollte dieser 'wirkliche Basiswert' unterschritten werden: 'Alles darunter wäre eine klare Kürzung, die nur durch große Einsparungen im Programm erbracht werden könnte.'"

Und warum spricht Bellut von einem Betrag von über 18 Euro? "Weil verschiedene Landesregierungen durchblicken lassen, dass sie eine Erhöhung jenseits von achtzehn Euro für nicht durchsetzbar halten", antwortet Michael Hanfeld in der FAZ. "Und weil das von einigen Ländern befürwortete Index-Modell, dem zufolge der Rundfunkbeitrag künftig automatisch steigen würde, mit einem Basiswert begönne, den viele Medienpolitiker bei 17,20 Euro sehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2018 - Medien

Auch über die Feiertage lässt der Fall Claas Relotius (unsere Resümees) den Zeitungen keine Ruhe. Im Tagesspiegel-Gespräch mit Markus Ehrenberg zieht der Moderator Jörg Thadeusz, der selbst in verschiedenen Jurys saß, Journalistenpreise in Zweifel und fragt: "Warum war es so erfolgreich, die Welt journalistisch genau so zu bestätigen, wie sie eine Vorsitzende der Grünen ohnehin sieht?"

Dass Reporter jüngst immer stärker versuchen, in ihren Texten "Atmosphäre" zu erzeugen, nimmt Thomas Assheuer in der Zeit noch hin. Aber: "Relotius hat diese Technik pervertiert. Er unternahm erst gar nicht den Versuch, sich einer unbekannten Wirklichkeit zu nähern; stattdessen erzeugte er atmosphärische Räume und Erlebnis-Höhlen, die perfekt ins gefühlte Beuteschema der liberalen Öffentlichkeit passten. Gemessen an ihrem Erfolg, erfüllten die Geschichten, die Relotius narrativ eingespeichelt hatte, die Erwartungen von Redaktion, Lesern und Juroren vollkommen. Sie sorgten für Schaudern und Entzücken, denn sie enthielten genau die Klischees, genau die Stereotype, Fantasmen und Deutschmythen, die alle beim Publikum vermuteten."

Ebenfalls in der Zeit resümiert Holger Stark die Hintergründe der Relotius-Affäre und meint: "Die Kunstform der makellosen, überparfümierten Reportage, die den Leserinnen und Lesern vorgaukelt, die ganze Welt im Schicksal einer Person erfühlen und erzählen zu können, und die mit der Figur des allwissend-autoritativen Erzählers dabei ist, wenn es knallt und raucht - diese cineastische Kunstform muss spätestens jetzt am Ende sein."
Stichwörter: Relotius, Claas

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2018 - Medien

Sehr grundsätzlich kritisiert Christian Humborg von der Wikimedia Stiftung bei Carta die Aufarbeitung der Relotius-Affäre durch den Spiegel. Erstens stört ihn, dass der designierte Chefredakteur Ullrich Fichtner die Geschichte aufgeschrieben hat und damit die Wahrnehmung des Falls prägt. Zweitens und noch wichtiger meint er, dass der Spiegel externe Fachleute hätte berufen sollen, um den Fall zu untersuchen und eventuelle Konsequenzen zu empfehlen: "Eng verknüpft mit der mehr als unglücklichen 'Selbstaufklärung' ist die in meinem Augen überhastete und falsche Besetzung der sogenannten 'internen Kommission' zu bewerten. Zwei der drei Mitglieder sind Spiegel-Leute: Clemens Höges ist der ehemalige stellvertretende Chefredakteur. Stefan Weigel beginnt ab Januar als Nachrichtenchef. Allein Brigitte Fehrle ist extern und wird die ganze Verantwortungslast tragen müssen." Erstaunlich findet Humborg auch, das der Spiegel bei juristischen Konsequenzen zu zögern scheint.

Jahrzehntelang wurde in Deutschland das Genre der gefühlsseligen Reportage gefeiert, mit der man sich am besten für den Kisch-Preis und den Job beim Spiegel oder der SZ qualifizieren konnte. Nun wird es überall harsch kritisiert, so etwa von Welt-Autor Thomas Schmid in seinem Blog: "Die aufgeplusterten Texte wirken oft wie ein einziges Buhlen um narzisstische Exzellenz. Wer hat die schönste Metapher? Wer die steilste These? Wer den innigsten Blick auf die Hinterbühne der Macht? Wer versteht es - ohne in den Verdacht der Häme zu geraten - am besten, den eben noch gefeierten Politiker als armes Würstchen erscheinen zu lassen? Der Wettbewerb dieser selbstverliebten Exzellenzdarsteller droht, zu einem selbstreferenziellen Spiel zu werden."

Es ist ja nicht mal Literarisierung, was Relotius in seinen Reportagen betrieben habe, schreibt Claudius Seidl in der FAS mit Verweis auf ein SZ-Interview Juan Morenos (unser Resümee), also des Relotius-Kollegen, der dem Skandal auf die Spur kam: "Es ist, als baute man die Welt aus Legosteinen nach; als spielte man Schicksal mit Playmobilfiguren. Und wenn sogar Moreno im Interview vermutet, das Genre der Preisträgerreportage habe sich in den vergangenen Jahren immer mehr der Literatur angenähert; was die Redaktionen forderten, seien letztlich Kurzgeschichten: Dann möchte man fragen, wann er zum letzten Mal F. Scott Fitzgerald oder William Faulkner gelesen habe."

Der Medienwissenschaflter Bernhard Pörksen fragt in Zeit online: "Braucht es nicht längst eine neue Sachlichkeit, eine Rückkehr zur strengeren Form oder doch eine absolut offen deklarierte Subjektivität, die die konkrete Schilderung als rein persönliche Wahrnehmung ausweist?" Ob in dem nach dem ersten und zweiten Scannen doch recht konsistenzlosen Riesentext Jan Böhmermanns über den Fall Claas Relotius irgendetwas Substanzielles finden lässt, das irgend jemand zu Weihnachten noch vermisst, sei den Lesern überlassen.

Nachträglich noch der Verweis auf den Blogbeitrag von Armin Wolf zur Affäre.

Noch ein Fall: Wenn der Schriftsteller Robert Menasse in einem Roman über die EU einem Politiker einen Satz in den Mund legt, den dieser nicht gesagt hat, ist das eine Sache. Wenn er es im realen Leben tut, eine andere, meint Ansgar Graw in der Welt. Menasse, der sich für die politische Vereinigung der europäischen Staaten einsetzt, hat in Reden, Artikeln und Diskussionen immer wieder als Kronzeugen Walter Hallstein zitiert, den ersten Kommissionsvorsitzenden des EU-Vorläufers EWG, so Graw: "Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee!", soll Hallstein schon Ende der fünfziger Jahre gesagt haben. Tatsächlich hat er diesen Satz nie gesagt, hat jetzt der Historiker Heinrich August Winkler nachgewiesen. Hallstein habe sogar ausdrücklich "der Folgerung widersprochen, 'dass die bestehende politische Ordnung ausgelöscht, durch einen Supranationalstaat ersetzt wird'. Und Hallstein forderte gar, die 'Kraftquellen der europäischen Nationen zu erhalten, ja sie zu noch lebendigerer Wirkung zu bringen'. Auf mehrfache Nachfrage versichert Menasse nun, Hallstein habe das sagen wollen, was er ihm in den Mund legte: 'Die Quelle (Römische Rede) ist korrekt. Der Sinn ist korrekt. Die Wahrheit ist belegbar. Die These ist fruchtbar. Was fehlt, ist das Geringste: das Wortwörtliche.'"

Und noch eine ganz andere Geschichte aus der harschen Wirtschaftswelt der Medien: Der Dumont-Verlag verliert den Auftrag für das Bundesgesetzblatt. Die Veröffentlichungspflicht soll künftig digital erfüllt werden, berichtet Hendrik Wieduwilt in der FAZ unter der Überschrift "Barley nimmt Dumont-Verlag das Gesetzblatt weg." Zwar durften die Gesetze auch bisher digital nachgelesen werden, aber nur in unbrauchbarer Weise - für einen professioneller Digitalzugang wurde Abogebühr verlangt. "Diese Restriktion sorgt für Kritik: Gesetze sind schließlich gemeinfrei... Kürzlich wagte eine Stiftung daher die Selbstjustiz: Die Open Knowledge Foundation veröffentlichte ohne Erlaubnis das Bundesgesetzblatt, frei für alle. Damit will sie ein Zeichen setzen, bricht aber womöglich das Urheberrecht." Justiziministerin Katarina Barley verspricht nun freien Zugang für alle Bürger - und der Dumont-Verlag verliert eine wichtige Einnahmequelle.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2018 - Medien

In der SZ ahnt Annette Ramelsberger, wie viel Schaden der Fall Claas Relotius dem Journalismus insgesamt zugefügt hat und mahnt, dass Journalisten keine Geschichten nach Hause bringen sollten, die larger than life seien: "Zu allererst: Journalisten sind keine Künstler, sie sind meist ordentliche Handwerker. Zweitens: Sie müssen der Wahrheit dienen und nicht dem eigenen Ruhm. Drittens: Sie haben eine Aufgabe. Sie sind die von Karl Kraus sogenannten 'Kehrichtsammler der Tatsachenwelt', die dokumentieren, nachfragen und zweifeln. Daraus entstehen dann zwar keine Texte wie Discokugeln, die nach allen Seiten glitzern. Aber dem Ansehen des Journalismus und der Aufgabe, die er in der Gesellschaft hat, hilft die solide Geschichte mehr als Texte, die zu schön sind, um wahr zu sein."

In der FR sieht Daniel Kothenschulte im Reportagestil des Spiegel allerdings eher das kunstgewerbliche Überbleibsel des einst bewunderten 'new journalism'. Und noch etwas: Im 'Spiegel'-Kanal auf Facebook findet sich noch immer ein Werbevideo, in dem Relotius seine Reportage 'In einer kleinen Stadt' über Trump-Wähler im Mittleren Westen der USA ankündigt. 'Ich hatte das Gefühl, dass die Menschen dort froh waren, dass jemand aus Deutschland kam und ihnen zuhört', transportiert das kolonialistische Klischee des deutschen Weltverstehers."

In der taz fallen Anne Fromm und Rene Martens übrigens auch noch einige andere Namen ein, wenn es ums Fabulieren oder Zuspitzen und mangelnde journalistische Fairness geht. Aber bei den Reportern des Spiegel, meinen sie, gab es durchaus ein System: "Die Geschichtenerzähler beim Spiegel, intern werden sie 'Märchenfraktion' genannt, bekamen auch personell über die Jahre mehr Einfluss. Klaus Brinkbäumer, der im Sommer abgesetzte Chefredakteur, stand für das große Erzählen. Auch Ullrich Fichtner gehört zur Reporterfraktion. Das Schönschreiben wurde hausintern mehr prämiert als die Recherche, bemängeln einige im Haus. Dafür gab es Journalistenpreise - aber mit dem Fall Relotius jetzt vielleicht auch die Quittung."

Auch in der NZZ attackiert Rainer Stadler die Schönschreiber und Großerzähler: "Sie zeugen von einem naiven Realitätsbegriff, an den sich die Branche wider besseren Wissens klammert." In der Welt spricht Christian Meier mit Spiegel-Chefredakteur Ullrich Fichtner über den Fall. Auf ZeitOnline rekapituliert Holger Stark ausführlich den Fall. Und im Schweizer Buchjahr kommt auch Borderliner Tom Kummer zu Wort, der selbstverständlich viel Verständnis für Relotius aufbringt: "Ich erlebe ihn nur als Projektionsfläche dieser redaktionellen Selbstenthüllungs-Orgie, die mir natürlich bekannt vorkommt und die mit zum Schlimmsten gehört, was ich je gelesen habe."

Wer auch nur ein schlechtes Wort über die Sache verliert, riskiert seine Abfdindung: In der NZZ berichtet Viola Schenz vom Ende des Weekly Standards, der 1995 zum Hort des intellektuellen Neokonservatismus aufschoss und nun Knall auf Fall geschlossen wurde: "Der WS ist Opfer seiner Geradlinigkeit... Immer wieder kritisiert und attackiert das Magazin den Präsidenten und dessen irrlichternde Politik - zum Missfallen von Verleger Philip Anschutz, einem Trump-Unterstützer. Bei Jacob Heilbrunn hält sich in der NYRB die Trauer in Grenzen: Für den Weekly Standard sei der Journalismus eh nur Mittel zum Zweck gewesen. Und seine Bemühungen um einen Regime-Wechsel seien in Washington so erfolglos gewesen wie die im Irak.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.12.2018 - Medien

Der Fall Relotius (unser Resümee) sorgt für einen gewaltigen Sturm im journalistischen Wasserglas. Relotius hat über Jahre seine Reportagen für den Spiegel und vorher für andere Medien schöngefälscht. Bernd Ziesemer, ehemals Handelsblatt, kritisiert bei Meedia das Genre der "schönen Reportage", das hierzulande am liebsten mit Journalistenpreisen ausgezeichnet wird. Stilbildend sind hier der Reporter-Pool des Spiegel und die Seite 3 der Süddeutschen. Je gefühliger und zarter besaitet ein solcher Text, desto größer die Karrierechancen des Reporters: Und "eine kleine Gruppe von Qualitätsmedien schanzt sich gegenseitig die Journalistenpreise zu, die als Bestätigung ihres eigenen Tuns gelten. Unter vielen Top-Journalisten der Republik herrscht eine Art persönliche Kumpanei, die nicht gut ist für die Branche. Und an einzelnen Journalistenschulen (glücklicherweise nicht allen) steht das Handwerkszeug der harten Recherche weit seltener auf dem Lehrplan als die hohe Kunst der Reportage. Das alles ist von Übel für einen guten Journalismus." Übrigens sei schon Egon Erwin Kisch, nach dem der bekannteste deutsche Journalistenpreis benannt ist, ein Fälscher gewesen.

Im SZ-Gespräch mit Ralf Wiegand erzählt Juan Moreno, der den Fall Claas Relotius aufdeckte, gegen welch dicken Wände -  "Spiegel-Qualitätswände" -  er beim Spiegel anrennen musste, wie aufwändig er recherchierte und wie früh er Verdacht schöpfte: "Damals las ich ein paar Texte. Wer sie mit dem heutigen Wissen liest, wird sich fragen: Wie dämlich sind die, dass die das drucken? Da erzählt ein Zwölfjähriger, wie er vor drei Jahren in einem fensterlosen Viehtransporter fuhr. Welche Frage muss man einem Jungen von zwölf Jahren stellen, damit er diese Antwort gibt? Aber das kommt im Nachhinein, wenn man den Fake kennt." Ullrich Fichtner teilte Moreno schließlich nur mit: "Das System Claas R. bricht zusammen."
 
Der Spiegel muss den Fall öffentlich aufarbeiten, meint Laura Hertreiter in der SZ und fragt: "Wo haben Ressortleiter, Korrekturleser, Faktenchecker geschlampt? Hat sein Arbeitsumfeld Relotius in seinem Tun bewusst oder unbewusst befördert? Ist die auf Journalistenpreisen gründende Aura der Genialität, die Reporter wie Relotius umweht, Teil des Problems? Viele dieser Fragen weisen über den Spiegel hinaus." Im FAZ-Interview verteidigt Cordt Schnibben, selbst lange Mitglied der Jury des Egon-Erwin-Kisch-Preises, die Preisverleihung.