Charlie hebdo bringt zum Prozess gegen die Attentäter vom Januar 2015 (zumindest gegen die Beteiligten, die noch leben) eine Sondernummer heraus: "
Und all das deshalb".

Auf dem Cover werden nochmal einige der
bekannten Karikaturen gezeigt (auch die dänische Karikaturen, die
Charlie nachgedruckt hatte). Warum? Nun ja, wenn man sieht, dass der
Guardian darüber berichtet, ohne das Cover abzubilden, versteht man die Provokation.
Bernard-Henri Lévy tweetet dazu: "
Riss, der Chef von
Charlie, hat recht: Wenn der Rest der Presse die
Karikaturen veröffentlicht hätte, wäre niemand in den Räumen der Zeitung gestorben. Man muss diese Zeichnungen teilen. Nicht weil sie uns zum Lachen bringen, sondern weil unsere
kollektive Immunität gegen den Fanatismus davon abhängt."
Gérard Biard
schreibt im Edito der Sondernummer über den "
anderen Antisemitismus", der von bestimmten Fraktionen der Öffentlichkeit
lieber beschwiegen wird, und er erinnert etwa an
Sarah Halimi, die von dem Attentäteter Kobili Traoré unter "Allahu-Akbar"-Rufen aus dem Fenster geworfen wurde, und daran, dass
Le Monde zu titeln wagte: "Wurde Sarah Halimi getötet, weil sie Jüdin war?" Biard schließt: "Am Mittwoch wird ein Prozess eröffnet, den viele, inklusive der Medien, hartnäckig als '
Charlie-hebdo-Prozess' bezeichnen. Darum ist es nicht überflüssig an Folgendes zu erinnern: Es ist auch der Prozess um die Hinrichtung der Polizisten
Ahmed Merabet und
Clarissa Jean-Philippe, die ermordet wurden, weil sie da waren, und die Ermordung
Yoav Hattabs,
Yohan Cohens,
Philippe Brahams,
François-Michel Saadas, die man umbrachte, weil sie Juden waren."
Romy Straßenburg, ehemalige Chefredakteurin der längst eingestellten deutschen Ausgabe von
Charlie hebdo, sieht das Problem
im Gespräch mit Barbara Oertel von der
taz allerdings vor allem in der
französischen Gesellschaft: "Die Anschläge auf
Charlie hebdo und den jüdischen Supermarkt stellten ja
nicht den schmerzhaften Auftakt einer ganzen Reihe von islamistisch motivierten Verbrechen dar. Sie haben vor allem gezeigt, dass die französische Gesellschaft
nicht ausreichend Integrationskraft besitzt, um junge Franzosen vor religiöser Radikalisierung zu schützen, und dass das zu einer großen Gefahr werden kann. Das hat den Laizismus ganz entscheidend infrage gestellt."
"Der Rechtsanwalt der
Charlie-
Hebdo-Redaktion,
Richard Malka, zieht fünf Jahre nach den Anschlägen eine
ernüchternde Bilanz", berichtet in der
FAZ Michaela Wiegel. "Um den Schutz der Meinungsfreiheit und der Laizität stehe es heute
schlechter als 2015. Malka steht seit dem 6. Januar 2015 unter ständigem Polizeischutz. Er beklagt einen Gewöhnungseffekt: 'Dass friedliche Pressezeichner oder Karikaturisten
von der Polizei geschützt werden müssen, ist unfassbar, aber alle haben sich daran gewöhnt. Das war auch das gewünschte Ziel: Eine neue Normalität zu schaffen, in der
Angst und Schweigen angesichts der möglichen Folgen von Respektlosigkeit (gegenüber dem Islam) vorherrschen'."
Le Monde berichtet: "Am Dienstagabend
verurteilte Pakistan 'auf das Schärfste' die Entscheidung zur Neuveröffentlichung der Karikaturen. 'Ein solch vorsätzlicher Akt, um die Gefühle von Milliarden von Muslimen zu verletzen, kann nicht als Ausübung der
Presse- oder Meinungsfreiheit gerechtfertigt werden', sagte ein Sprecher des Außenministeriums auf Twitter. 'Solche Handlungen untergraben die globalen Bestrebungen nach
friedlicher Koexistenz und sozialer und interreligiöser Harmonie', fügte er hinzu." Und in der heutigen Ausgabe
titelt Le Monde: "49 Verhandlungstage, 14 Angeklagte, 200 Nebenkläger: Startschuss für den Prozess um die Attentate von Januar 2015."
======= Weiteres =======In der
FAZ stellt David Kampmann die ägyptische Journalistin
Lina Attalah vor, Chefredakteurin des unabhängigen Nachrichtenmagazins
Mada Masr (hier die
englischsprachige Ausgabe), die im November mit dem
Hermann-Kesten-Förderpreis des deutschen PEN ausgezeichnet wird: "Wie
gefährlich es in Ägypten für Journalisten sein kann, bekam auch Lina Attalah zu spüren. Im November des vergangenen Jahres wurde die Redaktion von
Mada Masr von Sicherheitskräften durchsucht, Kollegen von ihr wurden verhaftet. Im Mai dieses Jahres wurde sie selbst für mehrere Stunden in Haft genommen, dann auf Kaution wieder freigelassen. Sie hatte vor dem Hochsicherheitsgefängnis Tora in Kairo die Mutter des inhaftierten Aktivisten Alaa Abd el Fatah interviewt. Als Grund der Verhaftung nannten die Sicherheitskräfte unerlaubtes Filmen einer militärischen Einrichtung."
Claudius Seidl hört als Feuilletonchef der
FAS auf, bleibt dieser Zeitung aber als Autor verbunden,
berichtet Ulrike Simon bei
Horizont. Vor einem
Arbeitsgericht hat er um seine Position gerungen: "Gegenstand des Prozesses mit der
FAZ war Seidls auslaufender Vertrag als Feuilletonchef der in Berlin sitzenden
FAS. Dazu muss man wissen, dass die Redakteure in der Hauptstadt üblicherweise von der Frankfurter Zentrale dorthin entsendet werden und dieser Entsendungsvertrag
alle fünf Jahre verlängert werden muss."
In einem epischen
Interview mit der
NZZ erklärt der Schweizer Publizist
Frank A.
Meyer, Mitbegründer von
Cicero, warum er sich für
einen Linken hält: "Die heutigen linken Frischlinge kennen das
Arbeiterethos nicht einmal mehr vom Hörensagen. Es interessiert sie schlicht nicht. Sie würden die Arbeit am liebsten ganz abschaffen. Sie träumen von der
Freizeitgesellschaft und dem bedingungslosen Grundeinkommen. Unglaublich eigentlich. Damit nehmen sie dem arbeitenden Menschen - dem Arbeiter - den Stolz und treiben ihn in die Abhängigkeit vom Staat. Es ist aber die Arbeit, die uns
Würde verleiht, egal, ob wir - wie einst die Jäger - ein Mammut erlegen oder an der Supermarktkasse oder auf dem Bau oder in der Fabrik hart arbeiten. Der erarbeitete Lohn verleiht uns
Selbstbewusstsein. Weil ich so denke, bin ich ein Linker, aber eben kein Neulinker."