9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2025 - Politik

Eins muss man der FR lassen: Sie ist wirklich ganz groß darin, Israelis zu finden, die das Terrorattentat der Hamas am 7. Oktober ignorieren. Nachdem Sarit Michaeli von der israelischen Hilfsorganisation B'Tselem am Samstag eine Täter-Oper-Umkehr vornahm - "Israelische Juden wie ich selbst sprechen aus der Gesellschaft der Täter heraus, während unser palästinensisches Personal die Perspektive der Opfer mitbringen" (unser Resümee) - kann es heute der in Berlin lebende israelische Historiker Adam Raz kaum fassen, dass selbst linke Israelis den Palästinensern gegenüber abgekühlt sind: "Mich hat erstaunt, wie viel Netanjahu und seine Clique darin setzen, das Volk zu rekrutieren. So gab es vor dem 7. Oktober große Proteste gegen Netanjahus Regierung und ihren Angriff auf eine unabhängige Justiz. Das Thema Besatzung wurde zwar weitgehend ignoriert, dennoch war Israel ein demokratischer, liberaler Staat. Und auf einmal, binnen Stunden nach dem 7. Oktober, setzt ein Stimmungsumschwung in der israelischen Mentalität ein." Vielleicht hat das nichts mit Netanjahu zu tun, aber alles mit der Tatsache, dass die Hamas an diesem Tag fast 1200 Zivilisten folterten, vergewaltigten und ermordeten und 250 Geiseln nahmen, von denen viele inzwischen ebenfalls ermordet wurden.

In der taz beklagt Mina Jawad das hiesige Desinteresse an den Afghanen - oder vielmehr den Umgang mit den Taliban: "Alle Jahre wieder zum Jahrestag der Machtübernahme empören wir uns über die Menschenverachtung der Taliban, berufen uns auf universelle Werte, fordern die Bundesregierung auf, bloß nicht mit diesem Regime gemeinsame Sache zu machen. Als wäre die Kritik an der systematischen Frauenfeindlichkeit - so notwendig sie ist - eine Antwort auf die Frage, wie 40 Millionen Menschen überleben sollen. Als wären die Taliban das erste und einzige Problem Afghanistans." Das ist für sie eher der Westen: "In den Jahrzehnten des vermeintlichen 'Nation Building' wurde keine nachhaltige Wirtschaftspolitik betrieben, keine eigene Industrie entwickelt, nur Abhängigkeiten wurden geschaffen. Afghanistan wurde über Jahrzehnte von einem Land der Selbstversorger zu einem Land der Importeure gemacht. Und dann, mit dem Truppenabzug 2021, hat man einfach die Infusionsnadel gezogen", weshalb die Afghanen jetzt unter bitterer Armut leiden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2025 - Politik

Im Interview mit der Zeit erklärt der in Tel Aviv lebende Friedensaktivist und Rabbi Meir Azari, er sei "bei den Demonstrationen für ein Ende des Krieges in Gaza und für die sofortige Freilassung unserer Geiseln dabei, sooft ich kann". Doch zugleich fühlt er sich "von Liberalen in aller Welt verraten durch die einseitige Kritik an Israel und den mangelnden Druck auf die Hamas. Wir liberalen Juden haben immer für die Rechte der Diskriminierten gekämpft, für Schwarze, für Homosexuelle, für unterdrückte Frauen, für Arme. Und vor allem für die Palästinenser. Jetzt können wir uns außerhalb Israels kaum mehr mit der Kippa auf die Straße wagen. Wahnsinn!" Und bei aller Kritik an Israels Kriegsführung erinnert sich Azari auch daran, dass er - wie viele Israeli damals - "einst für Israels Rückzug aus dem Gazastreifen gekämpft hat. Doch was geschah danach? Statt mit den enormen Hilfen von außen einen blühenden Landstrich zu erschaffen, säte die Hamas Hass und untertunnelte alles. Sie begann, selber Waffen herzustellen. Ich wüsste gern, wie wir diese Gefahr weniger blutig abwenden sollen. Ich wünsche mir das ja noch viel mehr als unsere Kritiker auf ihrem sicheren Beobachterposten!"

Um einen Frieden zwischen Israeli und Palästinensern hinzukriegen, müssen sich diese beiden Gruppen kulturell annähern und dadurch Verständnis füreinander aufbauen, konstatiert Richard C. Schneider in der NZZ. "Die kulturelle Kluft zwischen Israeli und Palästinensern ist nicht naturgegeben, sie ist politisch instrumentalisiert, historisch gewachsen. Jenseits der offiziellen Narrative, jenseits von Religion und Politik existieren kulturelle Überschneidungen, die ein Potenzial für Dialog bergen. Diese Potenziale zu erkennen, zu fördern und institutionell zu verankern, wäre ein notwendiger Schritt - nicht als Ersatz für politische Lösungen, sondern als deren kulturelle Voraussetzung. Denn nur wer die kulturelle Sprache des anderen kennt, wird seine Geschichte verstehen können. Und nur wer diese Geschichte kennt, kann auf Augenhöhe sprechen."
Stichwörter: Hamas

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2025 - Politik


Wegen dieses Auftritts auf Twitter ist die marokkanische Feministin und Menschenrechtsaktivistin Ibtissame Lachgar am Sonntag verhaftet worden, berichtet Reiner Wandler in der taz - und stellt die Feministin in einem kleinen Profil vor: "Lachgar, die in Frankreich und Marokko aufwuchs, hat die doppelte Staatsbürgerschaft. Sie ging in Rabat auf die französische Auslandsschule, das Lycée Decartes, und studierte in Paris Psychologie. Die Tageszeitung El Faro de Melilla in der spanischen Exklave an der nordafrikanischen Mittelmeerküste erklärte sie bereits vor Jahren zur 'meistgehassten Frau Marokkos'. 2009 gründete sie zusammen mit einer Freundin die 'Alternative Bewegung für individuelle Freiheiten' - auf Französisch abgekürzt: Mali. Mali bedeutet im marokkanischen Dialekt so viel wie 'Was ist los mit dir?' oder 'Was wirfst du mir vor?'. Die erste Aktion der Gruppe war ein Picknick mitten im Fastenmonat Ramadan."

In der NZZ blickt Kacem El Ghazzali auf den Fall Ibtissam Lachgar und was er für Marokko bedeutet. "Für Marokko stehen in dieser Frage schwierige Jahre bevor. Das Königreich, das 2030 als Mitorganisator der Fußball-Weltmeisterschaft glänzen möchte, wird zunehmend mit seinem Menschenrechtsdossier konfrontiert. Je näher das Großereignis rückt, desto größer wird die internationale Aufmerksamkeit. Die Welt wird dann nicht nur das touristische Postkartenbild von Bauchtanz und Couscous in Marrakesch sehen, sondern auch die Dutzende politischer Gefangener, die grassierende Armut und die Willkür der Justiz. (...) Die nächsten Stunden werden zeigen, ob Marokko bereit ist, die Aktionen einer streitbaren Feministin auszuhalten, oder ob diesmal die rote Linie endgültig überschritten wurde." So könnte die marokkanische Justiz Lachgar wieder freilassen.

Der von der chinesischen Regierung verfolgte Hongkonger Buchhändler Lam Wing-kee hat inzwischen einen neuen Buchladen in Taipeh aufgemacht, wo er vor allem Bücher zur chinesischen Geschichte und Politik verkauft. Katrin Haupt und Josefine Rein befragen ihn in der taz zu seiner neuen Heimat: "Taiwan hat sich erst in den 1990er Jahren demokratisiert und noch keine fest verankerte demokratische Kultur entwickelt. Eine ausgeprägte Kultur der Menschenrechte und Gleichberechtigung muss die Gesellschaft erst noch vom Westen lernen. Erst durch das Lesen beginnen wir, Chinas strukturelle Probleme in Wirtschaft, Politik und Kultur zu verstehen. Das will die chinesische Regierung verhindern, deswegen ist sie hinter mir her."

Im FAZ-Leitartikel bekundet Berthold Kohler sein Verständnis für die von Friedrich Merz entschiedene  Einschränkung von Waffenlieferungen nach Israel: "Netanjahus Beschluss, Gaza-Stadt und die Flüchtlingslager einzunehmen, wird die katastrophale Lage der Menschen dort noch verschärfen. Diese Aussicht hat Merz dazu bewogen, es nicht länger nur bei kritischen Worten zu belassen." 

Im FR-Interview mit Elias Feroz spricht Sarit Michaeli von der israelischen Hilfsorganisation "B'Tselem" über den Vorwurf ihrer Organisation, die israelische Regierung verübe in Gaza einen Genozid, wozu sie einen Bericht herausgebracht haben, der den 7. Oktober als Auslöser des Gazakrieges vollkommen zu ignorieren scheint, was eine Täter-Oper-Umkehr sehr erleichtert: "Israelische Juden wie ich selbst sprechen aus der Gesellschaft der Täter heraus, während unser palästinensisches Personal - etwa unsere Feldforscher aus Gaza - die Perspektive der Opfer mitbringen." Außerdem befürchtet sie, dass die von ihnen beobachteten Praktiken auf das Westjordanland ausgedehnt werden könnten: "Soldaten und Offiziere haben sich an die in Gaza normalisierten Praktiken gewöhnt und operieren nun im Westjordanland. Es gibt weiterhin keine Rechenschaftspflicht und keinen wirklichen Schutz für die Palästinenser. Die gleichen Ideen, die gleichen Handlungen, die gleichen Entscheidungsträger und das gleiche Militär sind weiterhin da. Vor Ort hat sich grundsätzlich nichts geändert."

"Es ist ein Genozid - Es bricht mir das Herz, aber nun muss ich es sagen", hatte La Republicca ein Interview mit David Grossman überschrieben, ein Zitat, das überall begierig aufgegriffen wurde (unsere Resümees). Leider verkürzt das Zitat Grossmans Gedanken - auch wenn man nicht sagen kann, dass es sie verfälscht, schreibt Thomas Schmid in der Welt, der dankenswerter Weise ausführlich aus dem hinter Paywall stehenden Interview zitiert. Die entscheidende Passage des Grossman-Interviews lautet in Schmids Übersetzung so: "Ich möchte als eine Person sprechen, die alles dafür getan hat, um nie an den Punkt zu kommen, Israel einen genozidalen Staat nennen zu müssen. Und heute muss ich, mit ungeheurem Schmerz und gebrochenem Herzen zur Kenntnis nehmen, was vor meinen Augen geschieht. 'Genozid'. Es ist ein Wort wie eine Lawine: sprichst du es einmal aus, wird sie nur immer größer, eben wie eine Lawine." Schmid dazu: "David Grossmans mäanderndes Bemühen, der Realität des Gaza-Krieges ins Gesicht zu sehen, wurde von sehr vielen Medien missbraucht. Von Meinungsmachern, die in der Regel keine Ahnung davon haben, wie sich die Bedrohung und die Zweifel anfühlen, mit denen Israelis heute Tag für Tag zu leben haben."

Außerdem zu Israel: Felix Wellisch berichtet in der taz über die Tötung des Al-Jazeera-Korrespondenten Anas al-Scharif und von vier seiner Kollegen in Gaza. Der Journalist sei auch "Kopf einer Hamas-Zelle", behauptet die israelische Armee (auf Twitter zirkulieren Bilder, wie er direkt nach dem 7. Oktober mit Yahya Sinwar feiert). Zeit Online bringt ein Dossier, in dem sie Anas al-Scharif Leben nachzeichnen und beziehen sich dort auf einen Bericht der UN, der dementiert, dass er Teil der Hamas gewesen sei. Ebenfalls in der taz schreibt Kafr Malik über die Gewalt im Westjordanland.

In Japan hat die LDP, die dominante Regierungspartei seit der Nachkriegszeit, die Mehrheit in beiden Häusern verloren. Dafür hat die Partei Sanseito zugelegt, die mit dem Spruch "Japan first" Donald Trump nacheifert und gegen Migranten hetzt, schreibt Marco Kauffmann Bossart in der NZZ. "Nicht zu vernachlässigen ist die Verpackung. Japans Jungparteien verdichten ihre Botschaften auf Tiktok-Länge, setzen peppige Instagram-Reels ab. Ihre Spitzenkandidaten treten für japanische Verhältnisse locker und zugänglich auf. Sie erreichen damit urbane Wählerinnen und Wähler, die sich von den etablierten Parteien nicht vertreten fühlen. Die LDP kommt wie ein Altherrenklub daher, der ungelenk durch die digitale Welt stolpert. Japans junge Wilde haben den verknöcherten Monolithen LDP ins Schwanken gebracht. Aber gestürzt ist er nicht. Die Partei überlebte schon manchen Rückschlag."

Neulich wurden in Saudi-Arabien binnen weniger Stunden 17 Todesurteile vollstreckt, berichtet Helmut Ortner bei hpd.de. Letztes Jahr wurden 345 Menschen hingerichtet, dies Jahr bereits 239. "Es werden Geständnisse genutzt, die durch Folter erpresst wurden. Es sind 'incommunicado-Inhaftierungen' (also nicht registrierte und kommunizierte Verhaftungen), in U-Haft kein Zugang zur Familie, kein Zugang zum Anwalt. 'Es sind oft Entscheidungen und Urteile, die auf grob unfairen Vorgaben getroffen wurden', sagt Taha al-Haji. Der saudische Menschenrechtsanwalt lebt in Berlin und kritisiert seit Jahren die Hinrichtungspraxis in seinem Heimatland. Die Angeklagten, sagt er, sind der Willkür der streng konservativen Scharia-Richter weitgehend hilflos ausgeliefert: 'Es sind zum Teil politische Anklagen - wegen der Teilnahme an Demonstrationen, Hochverrats und der Aufwiegelung der öffentlichen Meinung. Darüber hinaus wurden Todesurteile gegen Personen aufgrund ihrer politischen Ansichten oder Kommentare in sozialen Medien verhängt', kritisiert der Anwalt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2025 - Politik

Empört kommentiert Philipp Peyman Engel von der Jüdischen Allgemeinen Friedrich Merz' offenbar recht einsam gefällten Beschluss deutsche Waffenlieferungen an Israel einzuschränken. Engel teilt auch Merz' Kritik an Netanjahus Kriegsführung nicht - Merz reagierte auf Netanjahus Ankündigung, jetzt auch Gaza-Stadt erobern zu wollen: "Natürlich hat Israel berechtigte Sicherheitsinteressen im Gazastreifen, und die Ankündigung, dass nach der Zerstörung der Hamas ein arabischer Staatenverbund Gaza verwalten solle, wäre ein historischer Schritt in Richtung Frieden und Sicherheit in Nahost. Man muss es so klar sagen: Der Bundeskanzler ist seiner Verantwortung nicht gerecht geworden."

In der SZ findet Robert Rossmann Merz' Vorstoß wichtig, aber schlecht koordiniert: "Die Entscheidung von Merz zu den Waffenlieferungen an Israel ist nicht nur richtig, sie war auch überfällig. Aber ein Kanzler, der seine Partei ernst nimmt und sein Handwerk gut versteht, hätte gewusst, wie schwer es wird, dies in der CDU durchzusetzen. Er hätte deshalb sofort begonnen, in der Partei dafür zu werben. Doch Merz ist einfach abgetaucht. Erst angesichts des gewaltigen Proteststurms sah er sich bemüßigt, zwei Tage später wenigstens ein Fernsehinterview zu geben. Doch da war die von der Union versprochene 'Außenpolitik aus einem Guss'  schon Geschichte."

In deutschen Medien bisher noch kaum wahrgenommen: Emmanuel Macron verschärft den Ton gegenüber Algerien erheblich - auch und gerade im Blick auf Algeriens Staatsgeiseln Boualem Sansal und Christophe Gleizes. "Dies ist ein echter Wendepunkt, eine beispiellose Verhärtung in der Haltung Emmanuel Macrons gegenüber Algerien", schreibt Frédéric Bobin in Le Monde. "Der Staatschef fordert Premierminister François Bayrou auf, 'mehr Entschlossenheit' an den Tag zu legen, um auf die 'wachsenden Schwierigkeiten' zu reagieren, denen Paris 'in Migrations- und Sicherheitsfragen mit Algerien' gegenübersteht, wie es in einem Brief des Präsidenten der Republik heißt, der am Mittwoch, dem 6. August, an den Premierminister gerichtet und von Le Figaro veröffentlicht wurde. Noch nie hatte Macron eine so harte Haltung gegenüber Algier eingenommen und eine Reaktion gefordert, die de facto einer Vergeltungsmaßnahme gleichkommt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2025 - Politik

Die Bundesregierung hat beschlossen, Rüstungsexporte nach Israel einzuschränken, meldet unter anderem SpOn und zitiert das Statement des Bundeskanzlers: "Die Hamas dürfe, so Merz, in der Zukunft keine Rolle mehr in Gaza spielen. Allerdings sei durch das angekündigte 'noch härtere militärische Vorgehen der israelischen Armee' immer weniger ersichtlich, wie dies möglich sei. 'Die Bundesregierung bleibt zutiefst besorgt über das fortdauernde Leid der Zivilbevölkerung im Gazastreifen. Mit der geplanten Offensive trägt die israelische Regierung noch stärker als bisher Verantwortung für deren Versorgung.'" Welche Waffen vom Export-Stopp genau betroffen sind, ist nicht ganz klar, in der Presseerklärung heißt es, man werde "bis auf Weiteres keine Ausfuhren von Rüstungsgütern" genehmigen, "die im Gazastreifen zum Einsatz kommen können".

Die Zukunft wird von drei "imperialen Akteuren" geprägt sein, prophezeit der Historiker Herfried Münkler in der FAS: China, Russland und den USA. "Die Europäer, die bis jetzt auf eine Staatenordnung setzen, müssen sehen, wie sie sich in dieser Ordnung positionieren." Und wie sie Russlands imperialen Ambitionen entgegentreten: "Was die Diagnostiker des definitiven Endes der Imperien offenbar unterschätzt haben, war die Wirkung der Ressentiments und der Reminiszenz. Sie gingen davon aus, dass das 21. Jahrhundert eines der rationalen Nutzenmaximierer sein werde, der Homines oeconomici, die in den Kategorien von Kosten und Ertrag und nicht von Opfer und Hingabe denken. Man nahm an, dass die Vorstellung vom Äquivalententausch den Opfergedanken konsumiert habe. Das war ein fataler Irrtum, der dem neoliberalen Zeitgeist geschuldet war. Man sollte deswegen nicht glauben, dass mit dem politischen oder physischen Verschwinden Putins das imperiale Projekt Russlands beendet sein wird."

Von der Rückkehr der "Anarchie der Staatenwelt" spricht hingegen der Politikwissenschaftler Ulrich Menzel in der SZ, befragt von Johan Schloemann: "Der alte Hegemon, der versucht, seine Position zu behaupten, und der voraussichtlich künftige neue Hegemon, der die Position übernehmen will, stehen vor unterschiedlichen Dilemmata. Das eine ist das hegemoniale, das andere ist das Dilemma des Freeriders." China sei "der klassische Freerider: Sein Aufstieg wurde dadurch begünstigt, dass es die internationalen öffentlichen Güter nutzt, die die USA als bisherige Ordnungsmacht kostenlos zur Verfügung stellen, etwa durch ihre Flotten die Durchsetzung des Prinzips Freiheit der Meere und die Sicherheit der Handelswege. Das Freerider-Dilemma besteht darin: Wenn der alte Hegemon diese Aufgaben nicht mehr übernimmt, dann muss ich es selber machen. Dann habe ich aber auch die Kosten zu tragen, was meinen weiteren Aufstieg bremst. Wenn ich mich aber nicht einbringen will, muss ich darunter leiden, dass diese Güter von anderer Seite nicht mehr zur Verfügung gestellt werden. Wegen dieser Dilemmata kehrt jetzt für eine unabsehbare Zeit die Anarchie der Staatenwelt zurück."

Durch den Krieg mit Israel ist Iran nicht mehr so stark wie zuvor, erklärt der Terrorismus-Experte Matthew Levitt im wochentaz-Interview mit Marc Tawadrous. Immer noch plant das Regime allerdings zahlreiche Anschläge im Westen, die von Stellvertretern ausgeführt werden: "Teheran agiert dort, wo es Auslandsgemeinden gibt, die logistische Unterstützung leisten können. Deutschland ist in den vergangenen Jahren konsequent gegen mehrere Akteure und Einrichtungen mit Verbindungen zu Iran oder zur Hisbollah vorgegangen. Das hat Teherans Arbeit hier erschwert." Teheran versuche, "Anschläge im Ausland mit einer sogenannten angemessenen Bestreitbarkeit zu verüben. Trotzdem ist natürlich klar, dass Iran selbst dahinter steckt. Diese Botschaft soll ankommen. Das Regime will lediglich das Risiko minimieren, dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Deshalb bedient es sich meist terroristischer oder krimineller Stellvertreter, die die Drecksarbeit erledigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2025 - Politik

Der Aufruf "Lassen Sie Gaza nicht sterben, Herr Merz" von 200 Prominenten aus Fernsehen und TV (unsere Resümees) hat mehr Aufsehen erregt, als man ihm zugetraut hätte - inzwischen haben weitere 190 Künstler und Journalisten, darunter Fatih Akin und Sandra Hüller, unterschrieben. Auf Twitter wird in diesen Tagen sehr häufig ein Text von Herta Müller verlinkt, der ein Jahr alt ist - und sich doch wie eine Antwort auf die Prominenten liest (unser Resümee damals). 

Einen anderen Aufruf an Friedrich Merz als die 200 Prominenten richten Hagit Chen und Ruby Chen, Eltern der deutschen Hamas-Geisel Itay Chen. Im Gespräch mit Nicholas Potter von der taz erläutert Ruby Chen, was Merz konkret für die Geiseln tun könnte: "Deutschland könnte als führende Wirtschaftsmacht und diplomatische Stimme in der EU definitiv mehr tun, wenn es um wirtschaftliche Sanktionen geht. Die Daten zeigen, dass die Hamas selbst heute noch in der Lage ist, ihren Anhängern im Gazastreifen monatlich zwischen 10 und 20 Millionen Dollar zu zahlen. Woher kommt dieses Geld? Die Hamas nutzt verschiedene Wege, um sich Zugang zu einem globalen Netzwerk zur Finanzierung des Terrorismus zu verschaffen - etwa in der Türkei, wo heute viele Hamas-Führer leben, die für die Tötung deutscher Staatsbürger mitverantwortlich sind. Die Frage lautet: Ist Deutschland bereit, sein politisches Kapital gegenüber der Türkei einzusetzen, damit sie aufhört, als Drehscheibe für finanzielle Hilfe für die Hamas zu fungieren?"

Nach einem halben Jahr Trump 2 zieht Frauke Steffens für die FAZ eine Zwischenbilanz und fragt sich vor allem, was Medien richtig voraussagten. Vieles, aber nicht alles: "Viele der Vorhersagen sind inzwischen tatsächlich eingetroffen, oder Trump ist dabei, sie wahr zu machen - für andere Prognosen gilt das nicht, und zum Teil wurde der Präsident auch gebremst. Was etwa Elon Musks 'Doge'-Truppe mit großem Getöse begann, den Kahlschlag in der Verwaltung, geht nun teils langsamer und mit weniger Aufsehen weiter, teils scheitert es an juristischen Hürden und bürokratischen Beharrungskräften."

Der New-York-Times-Autor Ezra Klein hat für seine Zeitung ein anderthalbstündiges Podcast-Interview mit dem Aktivisten Mahmud Khalil (hier als Video) geführt, einem der Anführer der antiisraelischen Proteste an der Columbia Universität vor einem Jahr. Khalil war nach Trumps Amtsantritt von Ausweisung bedroht. In dem Gespräch stellt Khalil den 7. Oktober als eine Art historische Notwendigkeit dar. "Für mich war es erschreckend, dass wir in diesem palästinensischen Kampf diesen Punkt erreichen mussten", sagt er laut einem Resümee bei der New York Post. "Es war klar, dass die Gewalt immer weiter eskalierte. Bis zum 6. Oktober wurden über 200 Palästinenser von israelischen Streitkräften und Siedlern getötet. Über 40 davon waren Kinder. Das meine ich mit: Leider konnten wir einen solchen Moment nicht vermeiden."

Auf Twitter antwortet der palästinensisch-amerikanische Autor Ahmed Fouad Alkhatib, der anders als Khalil im Gazastreifen geboren wurde und sowohl gegenüber der israelischen Regierung als auch gegenüber der Hamas und ihren Verteidigern sehr kritisch ist. "Die Vorstellung, dass jüdische 'verbündete' Stimmen wie Ezra Klein sich dafür entscheiden, die wenig hilfreichen und destruktiven 'propalästinensischen' Standpunkte zu verbreiten, die den Terrorismus der Hamas entschuldigen, ist für die zahlreichen Anti-Hamas-Stimmen im Gazastreifen, die sich seit Jahren gegen die faschistische und islamistische undemokratische Herrschaft der Terrororganisation wehren, außerordentlich beleidigend."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2025 - Politik

Im zweiseitigen Interview mit der Zeit erzählt der Israeli Tal Schoam, der am 7. Oktober mit seiner Mutter, seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern als Geisel der Hamas verschleppt worden war, bevor er nach 505 Tagen frei kam, von den Foltermethoden der Hamas: "Unsere Kinder waren acht und drei Jahre alt, als wir - getrennt voneinander - in den Gazastreifen verschleppt wurden. Naveh, Yahel und meine Frau Adi kamen beim ersten sogenannten Deal im Dezember 2023 frei. Ich wusste monatelang nicht, ob sie leben. Meine Peiniger sagten mir immer wieder, sie seien tot. Das gehört zur psychologischen Kriegführung ...  Sie schlugen und folterten uns, hungerten uns systematisch aus. Während wir winzige Portionen Pitabrot oder Reis bekamen, kaum Wasser, tafelten sie wie die Könige. Sie prahlten mit ihren gehorteten Vorräten. Sie ließen, wenn sie kochten und aßen, die Tür zu unserem Verlies offen, damit wir das Essen rochen und ihr Schmatzen hörten. Jeden Tag." Und er erzählt auch, was man eigentlich weiß, was aber immer wieder verdrängt wird: Der Hamas sind die Palästinenser egal, sie ist ein Todeskult: "Am Anfang wurde ich in Gaza in einem Wohnhaus versteckt, das war voller Sprengstoff. Die Bewacher drohten mir, wenn ich fliehe, jagen sie das Haus in die Luft. Ich fragte: Was wird dann aus den Nachbarn, den Kindern? Sie antworteten: Keine Sorge, sie werden Schahids und kommen in den Himmel."

Kritik an Israel muss nicht zwangsläufig antisemitisch sein, versichert in der Zeit die israelische Soziologin Eva Illouz, die sich derzeit rechts und links von Religionsfanatikern und Antisemiten umgeben sieht. Aber der Israelkritiker sollte wissen, wie oft diese Kritik eben doch antisemitisch ist, erklärt sie mit Blick auf die 200 Kulturschaffenden, die gerade in einem offenen Brief an Kanzler Merz Sanktionen gegen Israel forderten, und aufpassen, dass er sich nicht "im moralischen Dunkel" verliert. Um dies zu verhindern, sollten Israelkritiker ein paar Tatsachen anerkennen: Dazu gehört für Illouz das Existenzrechts Israels, die jahrzehntelangen Anfeindungen durch die Nachbarstaaten, der jahrzehntelange Beschusses durch terroristische Milizen wie Hisbollah und Hamas. Und schließlich: "Kritik an Israel darf keine Forderungen stellen, die an kein anderes Land gestellt werden. Der Boykott von Israelis als Israelis ist schlicht rassistisch ... Die EU und die USA müssen gemeinsam von beiden Seiten einen Waffenstillstand verlangen. Eine transatlantische Koalition muss die Israelis unterstützen, die für ihre Demokratie kämpfen, statt sie zu boykottieren. Ebenso sollten Palästinenser, die sich für eine reformierte Palästinensische Autonomiebehörde anstelle der Hamas einsetzen, von Israel und der internationalen Gemeinschaft unterstützt werden. Gaza muss wiederaufgebaut werden, um einen lebensfähigen palästinensischen Staat zu schaffen, der die Existenz Israels nicht bedroht."

Den ersten "Tik-Tok-Krieg" und den Krieg um die Narrative hat Israel an die Hamas verloren, schreibt Ahmad Mansour in der Welt. "Israel kämpft mit hochentwickelter Militärtechnik, aber amateurhaft in der digitalen Kommunikation. Geheimdienstlich brillant, im Erzählen mit Bildern fast sprachlos. Wer den Krieg der Bilder verliert, verliert in der Wirklichkeit. Und wer die Wirklichkeit nicht mehr erzählen kann, wird sie bald nicht mehr verteidigen können. (...) Wir brauchen Gegennarrative. Sichtbarkeit. Digitale Aufklärung. Eine Sprache, die emotional, aber nicht polemisch ist. Eine Haltung, die klar bleibt - auch gegen den Shitstorm. Wenn wir die Wahrheit nicht verteidigen, wird sie verschwinden."

Vor einem Jahr wurde die damalige autoritäre Regierungschefin Sheikh Hasina Wjaed aus Bangladesch vertrieben (unser Resümee). Seitdem stockt der Prozess hin zu demokratischen Strukturen und einer neuen Verfassung, erklärt der Politikwissenschaftler Anas Ansar im FR-Interview mit Sven Hauberg, auch weil in der Übergangsregierung "allesamt Leute ohne Regierungserfahrung sitzen: Professoren, Menschenrechtler, Studierende, sogar Filmemacher. ... Wir sehen in Bangladesch derzeit tatsächlich ein massives Sicherheitsproblem. Konflikte zwischen den Bevölkerungsgruppen gab es schon immer, unter der autoritären Regierung von Hasina wurden sie aber unterdrückt. Jetzt treten sie wieder zutage. Die Übergangsregierung versucht, die Gesellschaft durch Dialog zu versöhnen - auch die Anhänger von Hasina, die vielleicht 20 oder 30 Prozent ausmachen, und den Rest der Bevölkerung."

Elon Musk hat seine Kettensäge-Behörde DOGE zwar verlassen, der Staatsumbau schreitet aber weiter voran, konstatiert Michael Moorstedt in der SZ. Russell Vought, ein geistiger Vater des "Project 2025" (unsere Resümees), soll im Hintergrund jetzt den Staatsab- beziehungsweise -umbau leiten, der in einen christlich-fundamentalistischen Staat münden soll. "Laut, chaotisch, mitunter grotesk - so war DOGE unter Musk. Doch der Milliardär und seine Kapriolen dienten in den ersten fünf Monaten eher als willkommene Ablenkung für die eigentliche Arbeit, die im Hintergrund geschah. Private Daten werden in undurchsichtige Überwachungsarchitekturen eingespeist. Prozessverschlankung und Effizienzsteigerung dienen nicht bloß Einsparungszwecken, sondern auch der Machtkonzentration. Das eigentliche Ziel von DOGE bestand nie nur darin, bloß Kosten zu senken, sondern auch bürokratische Entscheidungen zu automatisieren - und dadurch die Möglichkeiten externer Aufsicht und individuelle Rechenschaft zu reduzieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2025 - Politik

19 ehemalige israelische Sicherheitsbeamte, darunter "drei ehemalige Chefs des israelischen Auslandsgeheimdiensts Mossad, fünf ehemalige Leiter des Inlandsgeheimdiensts Schin Bet und der ehemalige Regierungschef Ehud Barak", forderten am Sonntag abend Benjamin Netanjahu in einem Brief auf, den Krieg in Gaza zu beenden, berichtet der ORF. "Die israelische Armee habe ihre beiden mit Gewalt zu erreichenden Ziele, 'die Zerschlagung der militärischen Strukturen und der Regierung der Hamas', längst erreicht, hieß es in dem Brief. Das dritte, und wichtigste Ziel, nämlich 'alle Geiseln nach Hause zu bringen', könne nur über ein Abkommen erreicht werden. Ein ehemaliger Leiter des Schin Bet, Ami Ajalon, betonte in einem Video, das gemeinsam mit dem offenen Brief veröffentlicht wurde: 'Zuerst war dieser Krieg ein gerechter Krieg, ein Verteidigungskrieg, aber als wir alle militärischen Ziele erreicht hatten', sei es kein gerechter Krieg mehr gewesen. Der seit fast 22 Monaten andauernde Krieg führe dazu, dass der 'Staat Israel seine Sicherheit und Identität verliert', warnte Ajalon." Mehr dazu in der Times of Israel. Fast zeitgleich veröffentlichte die Hamas ein Video der ausgehungerten israelischen Geisel Evjatar David (unser Resümee), der in die Kamera sagt, dass er hier sein Grab aushebt. Es veranlasste Netanjahu, eine Ausweitung der Kämpfe in Gaza anzukündigen.

Auch der israelische Schriftsteller Etgar Keret fordert in der Zeit: "Der Krieg in Gaza muss jetzt enden."


Dieses Foto zirkuliert international auf Twitter, seit es von der Bild-Zeitung als Beleg für manipulierte Bilder im Gazastreifen thematisiert wurde. Den mit ihren Töpfen und Schüsseln schwenkenden Palästinensern steht nicht eine Essensausgabe gegenüber, sondern ein Fotograf, der das Foto in Szene setzt. Das heißt selbstverständlich nicht, dass in Gaza keine Nahrungsmittelkrise herrscht und die vielen Bilder von Essensausgaben nicht echt sind. Zuerst gezeigt wurde das Foto gar nicht in der Bild, sondern in einer Reportage Nicolas Freunds für die SZ, die am Montag erschienen ist. Freund hat mit dem Foto-Historiker Gerhard Paul gesprochen, der über Fotos aus Kriegen geforscht hat: "'Der palästinensischen Seite geht es vor allem um eine Emotionalisierung der westlichen, pazifizierten Gesellschaften. Und das funktioniert hervorragend', sagt Paul. 'Die Bilder haben außerdem eine zusätzliche Funktion: Sie sollen die brutalen Bilder vom Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 überschreiben. An diese Bilder erinnern sich viele schon gar nicht mehr. Die Hamas ist ein Meister im Inszenieren von Bildern.' Aber nicht jeder, der in Gaza ein Foto macht und es anschließend verbreitet, steht in den Diensten der Hamas. Christopher Resch von 'Reporter ohne Grenzen' ist es wichtig, das zu betonen... Resch sieht auch in den Inszenierungen mancher Bilder kein großes Problem. 'Ich finde es nicht verwerflich, wenn ein Fotograf die Leute anweist, sich mal hier und da mit ihren Töpfen hinzustellen. Solange es die Wirklichkeit annähernd beschreibt.'"

Michael Oren, ehemaliger Botschafter Israels in Washington, beschreibt Yahya Sinwar in The Free Press als Spieler. Er hatte darauf gewettet, dass der von ihm inszenierte Mordkarneval vom 7. Oktober Nachahmer in arabischen Staaten und den besetzten Gebieten finden würde - und sich mehr oder weniger geirrt. In einem aber, so Oren, hat er richtig gewettet. Aus älteren Attacken der Hamas auf Israel hatte er geschlossen, "dass es keinen Terroranschlag gab, der so mörderisch war, dass er nicht durch Israels Reaktion verdrängt - wenn nicht sogar rückwirkend gerechtfertigt - worden wäre. Er muss erkannt haben, dass der Westen zwar Israels Recht auf Selbstverteidigung bekräftigte, der jüdische Staat dies jedoch nur passiv tun durfte und in dem Moment verdammt wurde, in dem er davon abwich. Jede Runde des Kampfs führte überdies dazu, dass Israel international immer isolierter war und in den Augen der amerikanischen und europäischen Jugend, der Gebildeten und der Eliten immer toxischer wurde. Als Chef der Hamas... muss Sinwar bemerkt haben, wie die Kritik an Israel zunehmend von klassischen antisemitischen Tropen durchdrungen war."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2025 - Politik

Im FR-Interview mit Michael Hesse bekräftigt der Holocaust-Historiker Omer Bartov seine Einschätzung, dass bestimmte Handlungen des israelischen Militärs im Gaza-Streifen als Genozid zu werten sind. Sollte der Internationale Gerichtshof irgendwann zu dieser Einschätzung kommen, so Bartov, hätte das eine gewaltige Wirkung. "Nicht nur juristisch - etwa im Hinblick auf mögliche Haftbefehle des Internationalen Strafgerichtshofs. Sondern auch symbolisch und historisch: Ein Land, das Genozid begangen hat, trägt diesen Makel über Generationen hinweg. Nicht nur seine politischen Führer - die gesamte Gesellschaft wird in Mitleidenschaft gezogen. Ich fürchte, genau das droht Israel: ein Makel, der sich nicht mehr auslöschen lässt." Außerdem fordert Bartov, dass Staaten wie Deutschland und die USA die Unterstützung für Israels Militär einstellen. 

Im Tagesspiegel fordert der israelische Schriftsteller Assaf Gavron mehr Druck der deutschen Politik und Zivilgesellschaft auf die Regierung Netanjahu.

200 Prominente aus Kunst und Fernsehen haben Bundeskanzler Merz in einem offenen Brief aufgefordert, seinen ganzen Mut zusammenzunehmen und Israel zu hindern, "Millionen von unschuldigen Menschen auf brutalste Weise kollektiv zu bestrafen" (unser Resümee). Im Perlentaucher denkt der Autor Thomas Stern über den Aufruf nach: "Wie immer bei Briefen dieser Art ist aufschlussreich, was alles nicht gefordert wird. Beispielsweise irgendeine Form von politischem Druck auf die Hamas, um beispielsweise ihre Waffen niederzulegen (was für sie ja rein theoretisch möglich wäre, da es - man muss das gelegentlich in Erinnerung rufen - im Widerspruch zu keinem Naturgesetz steht) oder einfach nur, ganz banal, die Geiseln freizulassen; oder, wenn Konzessionen gegenüber Juden zu viel verlangt wären oder für die Unterzeichner nicht von Interesse sind, dann vielleicht auch nur, nicht mehr ohne militärische Uniformen zu kämpfen, keine Hilfslieferungen zu stehlen, nicht das Feuer auf Menschen zu eröffnen..."

Aufsehen erregt hat diese Wutrede der Journalistin Sarah Maria Sander gegen die 200 "Kulturschaffenden".



La Repubblica überschrieb ihr Grossman-Interview (unser Resümee) mit "Es ist ein Genozid. Es zerreißt mir das Herz, aber ich muss es sagen." Leider lässt sich diese konkrete Aussage im Interview nicht finden, schreibt Roman Bucheli in der NZZ. Dort steht nämlich: "'Und jetzt muss ich mit unfassbarem Schmerz und gebrochenem Herzen festhalten, was vor meinen Augen geschieht. 'Genozid'.' Da steht kein Doppelpunkt vor dem entscheidenden Wort. Und dieses setzt Grossman in Anführungszeichen. Das hat etwas zu bedeuten. (...) Fest steht jedoch: Es gibt kein 'ist' zwischen 'was vor meinen Augen geschieht' und dem Wort 'Genozid'. Die Anführungszeichen könnten so viel besagen wie: Es ist nicht mein Wort."

Dass das demokratische Establishment so lange an Joe Biden festgehalten hat, hat uns Donald Trump beschert, ist sich der Historiker Timothy Garton Ash in der SZ sicher. Die Demokraten sollten deshalb aus ihren Fehlern lernen und die junge Garde dran lassen. "Hört einfach auf die Menschen, die ihr vertreten sollt. Die Tragödie an der Geschichte ist, dass die Demokraten sehr viele junge talentierte Menschen in ihren Reihen haben", Ash nennt hier unter anderem Gavin Newsom und auch den New Yorker-Shootingsstar Zohran Mamdani  - "Die Demokraten können wahrscheinlich bei den Zwischenwahlen im kommenden Jahr das Repräsentantenhaus mit ein paar frischen Gesichtern zurückgewinnen - und indem sie sich auf die bereits sichtbaren negativen Folgen von Trump für die Arbeiter- und Mittelschicht konzentrieren."

Frauke Steffens beleuchtet für die FAZ Diskussionen in der jüdischen Community von New York über den Gazakrieg. Jon Stewart und Peter Beinart zählt sie zu den gemäßigt linken New Yorker Juden, die sich von Israel abwenden. Mit Überraschung konstatiert sie, dass viele New Yorker Juden den propalästinensischen Bürgermeisterkandidaten Zohran Mamdani unterstützen. Sie bezieht sich auf einen Artikel Ezra Kleins in der New York Times, der versucht das Phänomen zu erklären: "Viele Menschen hätten vor einem Jahr noch abgewunken, wenn für Israels Vorgehen in Gaza das Wort 'Genozid' gefallen sei - nun werde es in immer weiteren Kreisen akzeptiert, auch unter Juden, stellt Klein fest. Liberale amerikanische Juden hätten ihre Loyalität zu Israel stets mit dem Verweis auf eine Zweistaatenlösung rechtfertigen können, ein hoffnungsvolles Irgendwann, das nun zerstört sei."

Armin Laschets Twitter-Post (unser Resümee) mit der Frage: Warum werden in Deutschland nicht die Bilder der deutschen Geiseln in der Gewalt der Hamas an Flughäfen oder Rathäusern gezeigt, hat Aufsehen erregt. Michael Hanfeld greift ihn in der FAZ auf: "Itay Chen, Tamir Nimrodi, Alon Ohel, Shay Levinson, Tamir Adar, Gali Berman, Ziv Berman und Rom Braslavski sind ihre Namen. Rom Braslavski hat die Terrorgruppe Hamas am Wochenende neben dem verschleppten Evjatar David in einem Video vorgeführt. Sie wurden gezwungen, ihre eigenen Gräber zu schaufeln."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2025 - Politik

Schon letzte Woche zirkulierten auf Twitter Bilder der Hamas der total abgemagerten Geisel Evyatar David. Am Samstag wurde ein Video nachgereicht, das ihn zeigt, wie er in einem Tunnel völlig erschöpft mit einem Spaten Erde aushebt. Wir binden diese Inszenierung nicht ein. Wer die Kraft hat, sich die Bilder anzusehen, kann hier klicken. Was David sagt, ist hier auch übersetzt. "Wache auf, Welt. Ich grabe hier mein eigenes Grab. Jeden Tag wird mein Körper schwächer und schwächer. Ich gehe direkt in mein Grab. Dies hier ist das Grab, in dem ich wohl beerdigt werde. Die Zeit läuft ab. Ihr seid die einzigen, die das beendigen könnte, so dass ich frei gelassen werde und in meinem Bett schlafen kann." Fünfzig Geiseln werden noch vermisst. Dreißig davon sollen von der Hamas umgebracht worden sein.

Die Bilder abgemagerter Kinder in Gaza haben ihre Wirkung getan. In den Zeitungen wird weiter vor allem die Frage diskutiert, ob Israel einen Genozid begehe.  

Andreas Platthaus zitiert in der FAZ aus einem Gespräch mit dem israelischen Schriftsteller David Grossman in La Repubblica, das leider nicht online zu lesen ist. Lange Zeit habe er das Wort "Genozid" für die israelischen Krieg in Gaza nicht benutzen wollen, sagt er. Es "bleibe ihm keine andere Wahl mehr, als es nun doch zu tun, 'nachdem ich die Zeitungen gelesen, die Bilder gesehen und mit Menschen gesprochen habe, die dort waren'. Dieses Wort aus dem Munde eines solchen Mannes wiegt schwer - gerade, weil es erst nach langer Bedenkzeit erfolgt ist. 'Als dieser Krieg begann', sagt Grossman, 'waren wir völlig verzweifelt, weil wir alles verloren hatten, woran wir geglaubt und was wir geliebt hatten. Wir haben Zeit gebraucht, um zu verstehen, was wir fühlen und denken, und dann die Worte zu finden, um es auszudrücken.'" Dem Interview hat ebenfalls in La Repubblica und also ebenfalls nicht online die Schoa-Überlebenden Liliana Segre widersprochen. Ausführliche Auszüge aus dem Interview als in der FAZ gibt es in Ha'aretz.

Auch FAZ-Korrespondent Christan Meier widmet sich im politischen Teil der Frage, ob Israel einen Genozid begehe und der israelischen Diskussion darüber. Er verweist auf Demonstrationen linker Gruppen und auf Berichte der Nichtregierungsorganisationen B'Tselem und PHRI, die aber auch nach seiner Auskunft "als Teil der 'radikalen Linken' gelten, so wie die Demonstranten in Tel Aviv. Auch in diesem sehr kleinen Teil der israelischen Gesellschaft hat es lange gedauert, bis so massive Kritik offen geäußert wurde. Viele Linke seien nach dem 7. Oktober schockiert gewesen und hätten in der Folge das vom Staat verbreitete Narrativ umstandslos übernommen, sagt Einat Gerlitz, die Aktivistin vom 'Radikalen Block'." Meier spricht auch mit dem Historiker Lee Mordechai, der hier Berichte über israelische Kriegsverbrechen dokumentiert. Auf die obszöne Geisel-Inszenierung der Hamas wird in einem Infokasten hingewiesen. Das "Entsetzen in israel" sei groß, heißt es, aber die Einordnung ist schnell bei der Hand: "Solche Videos gelten als Versuch der Hamas, Druck auf die israelische Regierung auszuüben, einem dauerhaften Ende des Krieges im Gazastreifen zuzustimmen, um die Freilassung der Geiseln zu erreichen."

Auch Leon Holly erwähnt die Holocaust-Reinszenierung der Hamas im taz-Leitartikel nicht und mahnt vor allem die deutsche Regierung, gegen den "Genozid" in Israel vorzugehen. Dabei schließt er bestimmte Planspiele nicht aus: "Eine internationale Koalition könnte der israelischen Regierung und ihrer Marine durchaus zu verstehen geben, dass man gedenkt, etwa die Seeblockade Gazas zu durchbrechen und Hilfslieferungen per Schiff zu organisieren."

Über die Videos schreibt statt dessen Nicholas Potter in einem anderen Teil der taz: Die Propagandavideos sollen "Druck erzeugen, um einen Waffenstillstand möglichst im Sinne der beiden Terrororganisationen zu erlangen, die ihre Waffen nicht niederlegen wollen - egal, welchen Preis palästinensische Zivilisten in Gaza dafür zahlen. Denn die Hamas weiß nur zu gut, dass mit diesen Videos der Druck nicht auf sie wachsen wird, die restlichen Geiseln freizulassen, sondern alleine auf den jüdischen Staat, seinen brutalen Krieg in Gaza zu beenden."

Die Antisemitismus-Historikerin Izabella Tabarovsky richtet angesichts der neuen Videos einen zornigen offenen Brief an Omer Bartov, Masha Gessen und andere jüdische Intellektuelle, die die Genozid-These verfechten: "Sie haben zwei Jahre lang die Realität verdreht, um sie ihrer Völkermord-Erzählung anzupassen. Und doch sehen wir hier die einfache, ungeschminkte Wahrheit eines Juden, der aussieht, als wäre er direkt aus einem Foto aus der Zeit des Holocausts entsprungen - absichtlich ausgehungert und erniedrigt von den Monstern der Hamas, die seit ihrem Völkermordfeldzug in Israel vor fast zwei Jahren keine Mahlzeit ausgelassen haben - und wir haben noch immer keinen Mucks von Ihnen gehört."

Politiker haben ihr Entsetzen über dieses Video geäußert, das Statement von Armin Laschet übertrifft die übliche Betroffenheitsprosa: "Hamas-Terroristen veröffentlichen ein Horror-Video, in dem ausgehungerte Geiseln ihr eigenes Grab schaufeln. Sie sind sich ihrer Sache sicher, weil ihr Propaganda-Kampf in Europa längst Erfolg hat. Israels Staatspräsident @Isaac_Herzog appelliert jetzt an die Welt. Warum schafft es unsere Staatsspitze nicht, sich dem Appell anzuschließen, täglich die Namen der deutschen Geiseln zu nennen und die sofortige Freilassung zu fordern?"

Der palästinensische Anwalt und Oppositionelle Moumen al-Natour schildert im NZZ-Interview mit Rico Bandle und Lucien Scherrer die Lage in Gaza. Nur die Einrichtung einer unabhängig kontrollierten Sicherheitszone könne weiteres Leid verhindern: "Israel und Hamas sind gleichermaßen verantwortlich. Die Hamas klaut den Einwohnern das Essen, es ist ihre einzige Einnahmequelle. Israel ist dafür verantwortlich, dass es in Gaza keine humanitäre Sicherheitszone gibt, wo die Leute Nahrungsmittel beziehen oder sich medizinisch behandeln lassen können. Dieses Gebiet müsste von einer dritten Partei überwacht werden, weder von der Hamas noch von Israel. Das wäre der Schlüssel, um die Leute in Gaza zu retten. Wenn die Israeli sich von Anfang an darum gekümmert hätten, würden viele Leute noch leben. Sie wussten ja, dass die Hamas Menschen als Schutzschilde missbraucht, dass sie Frauen und Kinder opfert."

Die Debatte um die Anerkennung eines Staates Palästina nimmt immer absurderer Züge an, meint Michael Wolffsohn in der NZZ: "Frankreich selbst werde, so Emmanuel Macron, diese riskante Operation nicht übernehmen, aber Abbas-Palästina. Nicht Frankreich oder unausgesprochen ein anderer Staat, sondern der Nicht- oder Noch-nicht-Staat Palästina-Westjordanland werde (und könne) die Hamas entwaffnen und zugleich Westjordanland und Gaza zu 'Palästina' vereinen. In dieser Gedankenwelt fehlt die Wirklichkeit, denn weder Macron noch Abbas können Israel aus Gaza wegblasen oder die Hamas entwaffnen, was bis anhin sogar Israel in knapp zwei Jahren noch nicht ganz gelungen ist, aber nur Israel gelingen kann. Das würde bedeuten, Israel hätte die 'Drecksarbeit' (Bundeskanzler Friedrich Merz) für die Palestine Liberation Organization (PLO), Macron und die Uno-Mehrheit erledigt. Denn wie sollten ausgerechnet die 2007 von der Hamas besiegten Abbas/PLO-Kämpfer jetzt dazu in der Lage sein? Absurd."

In Angola gibt es Revolten gegen Preissteigerungen. Das ist um so überraschender, als Angola eigentlich ein reiches Land ist, schreibt Dominic Johnson in der taz: "Angola ist ein Land himmelschreiender sozialer Ungleichheit. Es fördert in etwa so viel Öl wie Nigeria, hat aber mit 38 Millionen Einwohnern nur ein Siebtel der Bevölkerung und sollte daher mit Einnahmen von mehreren Dutzend Milliarden US-Dollar pro Jahr eigentlich reich geworden sein - zeitweise war Angola nach dem Ende seines Bürgerkrieges 2002 die schnellstwachsende Wirtschaft der Welt. Trotz stark gesunkener Fördermengen und Exportpreise verdiente Angola allein am Öl allein im ersten Halbjahr 2025 12 Milliarden US-Dollar, weniger als seit vielen Jahren, aber immer noch viel. Reich geworden ist an Angolas Öl aber einzig eine schmale Elite rund um die Führung der ehemaligen sozialistischen Befreiungsbewegung MPLA (Angolanische Volksbefreiungsbewegung)."