9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2018 - Religion

(Via mena-watch.com) Im Irak gibt es inzwischen eine kleine Bewegung junger Säkularer, die auch wegen der Traumata der Gewalt im Land eine Trennung von Staat und Religion fordern. Dies könnte das Land auch von den religiösen Konflikten seiner verschiedenen Bevölkerungsgruppen erlösen, schreibt Alice Su in einer kleinen Reportage für Atlantic. Da wäre etwa der zwanzigjährige Khaldoun Saleh, der als Sympathisant des IS begonnen hatte: "Er sah sich jedes Hinrichtungsvideo an, das ISIS online veröffentlichte - Enthauptungen, Verbrennungen und Ermordungen angeblicher Homosexueller, die von Dächern geworfen wurden - und studierte die Koran-Stellen, die die Gruppe zur Rechtfertigung ihrer Handlungen benutzte. ISIS, so sein Eindruck, verstand den Koran viel wörtlicher, als er oder seine Familie es jemals getan hatten. Dies stellte ihn vor ein unlösbares Dilemma: Entweder er musste den Koran so interpretieren, wie es ISIS tat, oder er müsste als Heuchler leben und vieles von dem, was die islamischen Texte sagten, ignorieren. Da er keinen Mittelweg fand, verzichtete Saleh ganz auf Religion."

Es gibt sehr wohl einen muslimischen Antisemitismus, schreibt Heiko Heinisch bei den Kolumnisten, auch unter Zuhilfenahme statistischer Erkenntnisse: "Beteuerungen, das habe alles nichts mit dem Islam zu tun, helfen niemandem, schon gar nicht den betroffenen Juden. Es geht nicht um einen idealen, friedlichen und toleranten Islam, wie er in der Vorstellung vieler Muslime existieren mag, sondern um jenen Islam, der heute auf der ganzen Welt am sichtbarsten in Erscheinung tritt, weil seine Proponenten am lautesten für ihre Sache werben - es geht um den politischen Islam, wie er auch von vielen islamischen Organisationen in Europa vertreten wird. Und dieser Islam ist antisemitisch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2018 - Religion

Das Kopftuch in Deutschland ist ein Teil der Religionsfreiheit, auch bei Staatsbediensteten, meint der Theologe Bülent Ucar in einem Ticker von epd Medien (hier in der FR): "Die Gegner würden ... ein säkularistisches Verständnis einer klaren Trennung von Staat und Religion in die Debatte einbringen, erläuterte der Direktor des Instituts für Islamische Theologie der Universität Osnabrück. Diese Trennung gebe es zwar in Frankreich, nicht aber in Deutschland."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.07.2018 - Religion

In der FAZ kocht Regina Mönch vor Zorn über die Halsstarrigkeit, mit der Berlin an den konservativ bis reaktionären Vertretern im Beirat des künftigen Islam-Instituts festhält: "Dessen Unbelehrbarkeit in Sachen rationaler Vernunft ist bekannt, seine Unterstützung der konservativen und Scharia-Islamverbände daher wenig überraschend." Aber der Widerstand auch unter den StudentInnen wachse, deren Parlament sich inzwischen ganz gegen das Institut ausgesprochen habe: "Ein Institut, an dessen Gründung reaktionär-konservative Islamverbände beteiligt sind, in diesem Falle sogar ausschließlich, ist inakzeptabel..."
Stichwörter: Scharia, Islamverbände

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.07.2018 - Religion

In der taz ruft eine Gruppe junger Muslime die Medien dazu auf, ein differenzierteres Bild vom Islam zu zeichnen. Eine der Forderungen: Man solle über Lösungen, nicht nur Probleme berichten. "Schweinefleisch, Handschlag, Burkini: Wenn eine Gesellschaft vielfältiger wird, lassen sich Missverständnisse und Konflikte nicht immer vermeiden. Oft werden sie aber nur zum Anlass genommen, zu diskutieren, wo genau die Grenze der Toleranz verläuft. Als würden sich die Probleme auflösen, wenn man hart genug ist. Aber will man den Imam zum Handschlag zwingen? Es gibt unzählige Beispiele, wo Menschen für solche Probleme gemeinsam Lösungen gefunden haben."

Über Lösungen berichtet im Tagesspiegel Barbara Schaeffer-Hegel, die mit ihrem Verein LieberLesen e.V. mit muslimischen Mädchen zusammenarbeitet und deren Eltern überzeugte, ihre Töchter im normalen einteiligen Badeanzug zum Schwimmunterricht zu schicken. Sie fordert strenge Richtlinien für Burkini und Kopftuch an Schulen: "Eine windelweiche Laissez-faire-Politik wird keinesfalls zur Integration der Zuwanderer führen, sondern, vor allem in folgenden Generationen, zur Entwicklung einer gigantischen Parallelgesellschaft, die uns nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ Schlimmes bringen wird. Solange die deutsche Politik nicht in der Lage ist, unsere gesellschaftlichen Normen auch bei den Zuwanderern durchzusetzen - nicht einmal bereit ist, das Kopftuchverbot für Kinder, eine Forderung der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes, in ihre politischen Programme aufzunehmen -, so lange werden wir den Rechtspopulismus, die AfD, nicht los."
 
Außerdem eine wichtige Meldung bei golem.de: "Die Evangelische Kirche will einen digitalen Klingelbeutel einführen, damit auch Kreditkarten- und Girocard-Inhaber spenden können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2018 - Religion

Helge Brunswig hat für hpd.de Sachkunde- und Religionslehrpläne von Grundschulen studiert und das Wort "Schöpfung" dreißigmal und das Wort "Evolution" zweimal gefunden: "In Bayern, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Niedersachsen wird der biblische Schöpfungsmythos Grundschülern alternativlos vermittelt. Dass das Land Bayern lieber einen Schwerpunkt 'Heimat' im Sachkundelehrplan setzt, als grundsätzliche Fragen zur Humanevolution zu klären, verwundert nicht wirklich. Ein bayerischer Schüler kann zwar am Ende der 4. Klasse heimische Obst- und Gemüsesorten nennen, '[nimmt] schuldhaftes Verhalten wahr' und weiß, dass im 'christlichen Glauben (...) Natur als Schöpfung Gottes verstanden [wird]'. Woher der Mensch und das Leben wirklich stammen, lernt er jedoch frühestens erst ab der 8. Klasse."

Im Zeit-Online-Interview mit Evelyn Finger zieht die Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Kirchen, Sabine Andresen, mit Blick auf die Ergebnisse eine bittere Bilanz: "Bis heute gibt es den Reflex, dass Funktionsträger in der Kirche ihre Institution und ihren Arbeitskontext schützen, statt die Betroffenen zu unterstützen. Es gibt in den Kirchen immer noch ein Überlegenheitsgefühl, das das Eingestehen von Fehlern verhindert. Im Rückblick auf die Fünfziger- und Sechzigerjahre zeigt sich außerdem, dass die Gewalt in der Heimerziehung auch darauf beruhte, dass man bestimmte Kinder als zweitklassig ansah. Kinder von Alleinerziehenden, Kinder von Arbeitslosen, Kinder von Alkoholikern wurden nicht würdevoll behandelt." In Frankreich macht inzwischen ein Video die Runde, das zeigt, wie ein Priester ein während der Taufe schreiendes Kind ohrfeigt, mehr dazu bei huffpo.fr.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2018 - Religion

In wenigen Jahren wird in Ägypten eine über 2000-jährige Geschichte zu Ende gehen, dann werden die letzten dort lebenden Juden gestorben sein, erzählt Susanna Petrin in der NZZ. Sie hat in Kairo die letzte Jüdin getroffen, "die - wie sie es selbst formuliert - 'noch auf zwei Beinen gehen kann'", die 65-jährige Magda Haroun, die Pläne macht für die Rettung des jüdischen Erbes: "Magda Haroun wünscht sich, dass die jüdische Schule künftig ägyptische Ingenieure ausbildet. Dass Bücher aus mehreren Beständen in einer Bibliothek zusammengeführt werden. Und vor allem will sie, dass die verbliebenen Synagogen Kairos als Kulturorte für junge Muslime weiter eine Funktion erfüllen: 'Früher nährten die Synagogen die Seelen', sagt sie, 'nun möchte ich, dass sie den Geist bereichern.' Künftig sollen in ihnen Konzerte, Lesungen, Ausstellungen oder Diskussionen stattfinden. 'So werden wir nicht vergessen und tun gleichzeitig etwas für unser Land', betont Magda Haroun."

Derweil arbeiten einige ägyptische Parlamentarier an einem Gesetz, das den Atheismus unter Strafe stellen will, behauptet Slavoj Zizek in der NZZ. "Das in Ägypten diskutierte Gesetz würde es Leuten also verbieten, nicht an Gott zu glauben. Und dies gilt selbst für den Fall, dass sie ihren Atheismus vornehm verschweigen. Nur, wie soll die Polizei dann herausfinden, ob jemand ein Atheist ist? Hier kommt die moderne Wissenschaft ins Spiel und bietet eine Lösung an: Man scanne das Gehirn des Verdächtigten. Sogenannte Neurotheologen verfügen in dieser Hinsicht über einschlägige Erfahrung - sie haben zahlreiche Methoden entwickelt, um Spuren religiöser Erfahrung in den Neuronen nachzuweisen. Ich möchte das Gedankenexperiment weiterspinnen - spielen die Neurotheologen den religiösen Fundamentalisten in die Hände?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.06.2018 - Religion

Im taz-Interview über ihr Buch "Die Angstprediger" erklärt Liane Bednarz, warum ein gewisser Prozentsatz sehr frommer, konservativer Christen politisch die Linie nach rechts überschritten hat. Das liege einerseits an der Modernisierung der CDU, aber es "kommt auch daher, dass in der Bundesrepublik nie ausdiskutiert wurde, was konservativ und was rechts ist. Viele Konservative merken gar nicht, wenn sie rechte Thesen und Ressentiments übernehmen. ... Konservative glauben an die westliche Gesellschaftsordnung, stehen für Pluralismus und denken liberal und nicht in ethnokulturellen Kategorien. Letzteres bedeutet etwa, dass eine Law-&-Order- Haltung so lange konservativ ist, wie sie sich nicht gegen 'Fremde' richtet. Rechtes Denken hingegen ist illiberal, antipluralistisch und oft völkisch. Es ist kulturpessimistisch und bedient sich einer Verfallsrhetorik, die sich auch im christlichen Bereich findet, wo die Gesellschaft als übersexualisiert, verkommen und dekadent wahrgenommen wird. Das hat etwas Politreligiöses, das sehen wir gerade in Ungarn und Polen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2018 - Religion

In der taz warnt Memet Kiliç, stellvertretender Vorsitzender des Bundeszuwanderungsrates davor, die Probleme eines radikalen Islams bei Flüchtlingen herunterzuspielen. Dass Religion heute in Deutschland ein solches Gewicht hat, lastet er auch den christlichen Kirchen hierzulande an: "Beispielhaft ist der Islamunterricht. Dieser war nie eine Forderung der Muslime in Deutschland. Die Türken, die die überwältigende Mehrheit der Muslime in Deutschland bildeten, waren mit der Religionskunde im Türkischunterricht weitgehend zufrieden. Die Amtskirchen aber wollen ihren konfessionellen Unterricht in der Schule zementieren und die Diskussionen um Religionskunde oder Ethikunterricht abwenden. Also treiben sie die Forderung nach Islamunterricht in der Schule als Gleichbehandlungssatz voran. Stets ist zu beobachten, dass als Erstes die Juristen der Kirchen unruhig werden, wenn ein konservativer Islamverband vor einem Gericht in Sachen Schwimmunterricht, Gebetsraum in der Schule etc. scheitert."

Die Frauen in Medina zu Zeiten Mohammeds waren fortschrittlicher als viele Muslime heute, erklärt Judith Sevinç Basad, Journalistin und Projektkoordinatorin für die von Seyran Ates gegründete Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, in der FAZ. Sie fragt sich, warum Ates' liberale Moschee nicht nur von reaktionären Muslimen abgelehnt wird, sondern auch von angeblich feministischen. "Obwohl die Ursprünge des Islams weitaus geschlechtergerechter und feministischer ausgelegt werden können, stoßen Ateş' Reformversuche auch unter Feministinnen auf Ablehnung. So monierte die genderfeministische Islamwissenschaftlerin Schirin Amir-Moazami in einem Interview mit islamiQ, dass der liberale Islam ein Produkt des westlichen Kolonialismus sei, den man den europäischen Muslimen jetzt aufzwingen wolle. Liberale Muslime, so Amir-Moazami, würden die Stimmen von unterdrückten Muslimen 'von vornherein in Misskredit' bringen. Auch die Freiheit und die Menschenrechte, die hinter einem geschlechtergerechten Islam stehen, wären nur eine westlich-konstruierte und deswegen 'reduktionistische Version von Freiheit'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2018 - Religion

Der ehemalige Grünen-Politiker Volker Beck lehrt jetzt "Religionspolitik". Für eine klare Trennung von Staat und Religion tritt er im Interview mit Christine Brinck auf der Glauben-und-Zweifeln-Seite der Zeit nicht ein. Er fordert nach wie vor Religionsunterricht an Schulen, aber auch, dass die deutsche Politik aufhört, mit den Islamverbänden zu kungeln, mit denen sie verhandelt, um dem Islam einen Status und sich selbst den lieben Frieden zu geben: "Die große Sünde von Innenpolitikern wie Otto Schily oder Günther Beckstein, also von SPD ebenso wie von der Union, war, dass sie es lange Zeit sehr praktisch fanden, eine Telefonnummer in Ankara zu haben. Die konnte man bei Problemen anrufen, und wenn man sich mit Ankara einig war, konnte man sicher sein, dass das an alle Moscheen durchgestellt wurde. Das war eine autoritär fixierte Innenpolitik. Ging auch lange relativ gut, solange in Ankara keine islamistischen Nationalisten an der Macht waren." Mit wem die Politiker nun eigentlich reden sollen, um den Islam ins deutsche System einzugliedern, lässt Beck allerdings offen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.06.2018 - Religion

In der FR widerspricht der Philosoph Markus Tiedemann energisch der Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die in der Zeit verkündet hatte, dass "eine strikte religiöse Neutralität des Staates und eine vollständige Privatisierung der Religion eben nicht Toleranz und Weltoffenheit" fördere (unser Resümee). Es ist genau andersrum, schreibt Tiedemann: "Es kann gar nicht oft genug betont werden, dass die von Frau Grütters genannten Werte wie Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Menschenrechte und Toleranz keine religiösen Kulturgüter sind. Vielmehr mussten sie gegen den zum Teil erbitterten Widerstand der Kirchen erkämpft werden. Wenig macht dies so deutlich wie die Begriffsgeschichte der Toleranz. Die Entstehung des Begriffs ist untrennbar mit der Kritik an der Intoleranz der Kirchen verbunden. Erst als deren Dogmen und die Verfolgung von 'Ungläubigen' in mühsamen Kämpfen in die Schranken gewiesen werden konnten, entstand die Bedingung der Möglichkeit für Toleranz. Selbiges gilt für die Demokratie oder die Menschenrechte."