9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2018 - Religion

Die wichtigsten Weltreligionen pflegen besonders hinsichtlich der Sexualität besonders rigide Moralvorstellungen, schreibt der Evolutionsforscher Michael McCullough in einem Artikel auf edge.org, den die NZZ übersetzt hat. Laut der auf neuen Studien beruhenden "Theorie der reproduktiven Religiosität" habe dies vor allem mit dem Selbsterhaltungstrieb der Gesellschaft zu tun: "Sehr religiöse Menschen pflegen, wie empirisch inzwischen bewiesen, zwar strengere sexuelle Moralvorstellungen als weniger religiöse: Sie missbilligen beispielsweise Homosexualität, sexuelle Untreue, vorehelichen Geschlechtsverkehr und Frauen in der Arbeitswelt in wesentlich größerem Maß. Hingegen, so konstatieren die Verfechter der neuen These, scheinen sie sich durchaus nicht mehr als nichtgläubige Menschen um Verstöße zu scheren, die mit Unehrlichkeit und dem Bruch von Vertrauen zu tun haben, etwa um Verbrechen oder Vergehen wie Diebstahl, Schwarzfahren, Steuerhinterziehung und Fahren unter Alkohol- oder Drogeneinfluss."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2018 - Religion

Auf Zeit online wundert sich Armin Langer, dass der neue Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein kurz nach Amtsantritt an einem sogenannten "Marsch des Lebens" in Berlin teilnahm, der sich gegen Antisemitismus und Israelhass richtete. Und doch sind das nicht die Leute, mit denen ein Antisemitismusbeauftragter gesehen werden möchte, meint Langer. Veranstaltet wurde der Marsch von Jobst und Charlotte Bittner und ihrem TOS Dienste Deutschland e. V., einer "neupfingstlich-charismatisch geprägte Gemeinde", die Homosexualität durch Handauflegen "heilen" wolle und für die absolute Geltung des Evangeliums eintrete: "In diesen Aussagen kommt eine Weltsicht zum Ausdruck, die viele christlich-fundamentalistische Gruppen eint: Alle Juden der Welt müssen sich im Heiligen Land versammeln, bevor der Messias, also Jesus, zum zweiten Mal erscheinen kann. Wenn dieses Ziel erreicht werde, würden sich alle Juden zum Christentum bekennen. So die Lehre. Diese Vorstellung ist judenfeindlich, weil sie letztendlich für eine judenfreie Diaspora steht und weil sie das alte christliche antijudaistische Klischee vermittelt, dass das Judentum keine wahre Religion sei, sondern ein veralteter Kult, der ausschließlich mit einer Konversion zum Christentum überwunden werden könne."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2018 - Religion

Nicht nur, dass unsere Theologieprofessoren an Unis lehren (die einzige Nicht-Wissenschaft, die dort Status hat) und außerdem vom Staat bezahlt werden. Nun lassen einige von ihnen auch noch eine ökumenische Erklärung zirkulieren, in der sie das Kreuz in öffentlichen Gebäuden verteidigen: "Ganz in der Tradition unserer Verfassung ist der Blick auf das Kreuz zweifellos der Blick auf ein Wertefundament unserer pluralistischen Gesellschaft, da es für den menschlichen Zusammenhalt aus einem Geist des Miteinanders auch gegenüber dem vermeintlich Fremden steht. Dieses Fundament freiheitlicher Toleranz ist sowohl im Grundgesetz als auch in der Bayerischen Verfassung gerade nicht auf einen gottlosen Humanismus reduziert. Es gründet im Heilswerk und in der Botschaft Jesu Christi."

Michael Schmidt-Salomon antwortet den Theologen im Humanistischen Pressedienst: "Offenkundig lähmt sie die Furcht vor einem 'gottlosen Humanismus' so sehr, dass sie verkennen, dass niemand je einen 'gottlosen Humanismus' als Staatsideologie gefordert hat. In der Verfassung verankert ist allerdings - und nur das fordern säkular denkende Menschen aller Konfessionen - das Gebot eines 'weltanschaulich neutralen Humanismus', den jede Bürgerin und jeder Bürger nach eigenem Gutdünken religiös oder nichtreligiös deuten kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.06.2018 - Religion

Im DLF-Gespräch mit Andreas Main spricht Alice Schwarzer über das Kopftuch, das sie im Gegensatz zum Kreuz ganz klar als politisches Signal versteht, über ihr Unverständnis darüber, dass man in Deutschland den Unterschied zwischen Islam und Islamismus nicht begreifen will und über die "fatale" Rolle der Kirchen, die den Schulterschluss mit Islamverbänden suchen, um ihre Privilegien nicht aufzugeben: "Ich glaube, dass diese demonstrierte Toleranz eine verlogene und falsche Toleranz ist und dass in Wahrheit die christlichen Kirchen ihre Ruhe haben wollen und ihre islamischen Freunde da abfüttern, damit die nicht infrage gestellt werden, aber das ist sehr gefährlich und sehr falsch, denn die Islamisten sind keine Glaubensgemeinschaft, sondern sind eine politische Strategie, eine weltweite Strategie mit stark faschistoiden Zügen."

Ob Bayern, Polen, Ungarn oder insbesondere Russland - zunehmend wird eine vorgeblich christliche, vor allem aber vormoderne und sich von anderen Religionen abgrenzende Tradition für autoritäre Staatszwecke in den Dienst genommen, schreibt Thomas Schmid in der Welt: "Alle diese neo-autoritären Advokaten eines Christentums ohne Barmherzigkeit wollen im Grunde zurück in die Staaten- und Glaubenswelt des 19. Jahrhunderts, in der der Krieg zwischen Staaten der Normalfall war. In der - besonders bei Orthodoxen und Protestanten - die Kirche ein Anhängsel des Staates und eine obrigkeitliche Institution war. Und in der an die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte noch gar nicht zu denken war - geschweige denn an internationale Organisationen wie Völkerbund, Vereinte Nationen, UNHCR oder Internationaler Gerichtshof."

Weiteres: In seiner NZZ-Kolumne erläutert Hans-Magnus Enzensberger, weshalb er lieber Agnostiker als Atheist ist: Man "braucht sich nicht den harten und weichen Vorschriften zu fügen, die von irgendwelchen Institutionen ersonnen werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.05.2018 - Religion

Von einer Fachtagung, bei der Theologen und Juristen über Religionsfreiheit für Juden und Muslime in Gefängnissen und beim Militär diskutierten, berichtet Jerome Lombard in der Jüdischen Allgemeinen. Militärimame und -rabbiner wurden ebenso gefordert wie jüdische und muslimische Seelsorger in Gefängnissen, zugleich wurde auf die Problematiken hingewiesen, berichtet Lombard: "Ein weiteres Problem sei, dass sich viele Gefangene nicht als jüdisch outen wollten. Zudem seien der Religionsfreiheit aus praktischen Gründen Grenzen gesetzt: Es stelle sich etwa die Frage, ob man Gefangenen überhaupt Gebetsriemen zur Verfügung stellen dürfe oder sie damit möglicher Selbstgefährdung aussetze. Auch das Anzünden von Kerzen könne im Gefängnis nicht überall erlaubt werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.05.2018 - Religion

In staatlichen Institutionen und bei ihren Vertretern hat das Kreuz nichts zu suchen. Kopftuch oder Kippa auch nicht, meint Thomas Ribi in der NZZ mit Blick auf den bayerischen Kruzifixbeschluss. "Entscheidend ist, dass sich der Staat nicht mit einem religiösen Symbol identifizieren darf, egal mit welchem. Als liberaler Verfassungsstaat ruht seine Autorität nicht auf einer Religion oder einer Weltanschauung. Im Gegenteil, er bezieht seine Legitimation gerade daraus, dass er zu den 'letzten Fragen', den Fragen nach Herkunft, Wesen und Sinn unserer Existenz also, keine Stellung bezieht. Der Staat soll Frieden und Freiheit schützen, Ordnung gewährleisten und das Zusammenleben der Menschen regeln, soweit das notwendig ist. Mehr nicht."

Der deutsche Arzt und Theologe Manfred Lütz verteidigt im Interview sein Buch über die Geschichte des Christentums, dem von Kritikern vorgeworfen wird, es sei zu schönfärberisch. Und spielt es nicht womöglich den Falschen in die Hände? "Barmherzigkeit, Toleranz und Internationalität sind natürlich nicht exklusiv christlich, aber im Christentum sind sie gewissermaßen 'erfunden' worden. Wenn sich dann politische Strömungen auf das christliche Abendland berufen und gleichzeitig 'Deutschland, Deutschland über alles' rufen, dann haben die nicht einfach eine falsche Meinung. Sie sind schlicht nicht informiert."

Zeit online und andere Zeitungen berichten heute alle über die Ergebnisse einer europaweiten Umfrage des Pew-Instituts, wonach in Deutschland 12 Prozent keinen Juden als Familienangehörigen tolerieren würde und 33 Prozent keinen Muslim. Besonders ablehnend anderen Glaubensgruppen gegenüber waren die Katholiken. Die Studie zeigte aber ganz generell, "dass Menschen christlichen Glaubens ablehnender sind als Menschen ohne Konfession. Das gilt unabhängig davon, ob es sich um praktizierende Christinnen und Christen handelt oder um solche, die entweder nie oder sehr selten zum Gottesdienst gehen."

Weiteres: Die SZ hat bei bayerischen Museums- und Hochschuldirektoren herumgefragt, wer das Kreuz schon aufgehängt hat. Einerseits möchte man es ja gern verstehen, aber andererseits ist Christian Geyers heutiger theologischer Aufmacher des FAZ-Feuilletons vielleicht eher etwas für Fachleute: "Ambivalenzkompetenz gilt als Gebot der Stunde. Aber wer sich den zitternden Rezeptoren von Haut und Haar verschreibt, kommt in peinliche Verlegenheiten, und zwar nicht nur in der Theologie."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.05.2018 - Religion

Kirchen und Gläubige klagen bei den geringsten Einschränkungen, die der säkulare Staat ihnen auferlegt (kein Kreuz oder Kopftuch in Ämtern), gern über mangelnde Toleranz. Umgekehrt wird Toleranz allerdings selten praktiziert. Welcher christliche Würdenträger hat sich je wenigstens für die grausamsten Opfer des irischen Abtreibungsverbots eingesetzt? In Ägypten und Saudiarabien gilt Atheismus gar als Straftat, berichtet der aus Marokko in die Schweiz geflüchtete Schriftsteller Kacem El Ghazzali in der NZZ: "Saudiarabien etwa hat den Atheismus in sein Terrorgesetz mit aufgenommen. Unter der Kuppel des ägyptischen Parlaments arbeiten die Minister gerade an einem Gesetzentwurf zur Kriminalisierung des Atheismus. Gemeinsam mit der Al-Azhar-Universität, der höchsten religiösen Autorität im Land, berät das Religionskomitee über Strafmaßnahmen, die Atheisten zukünftig abschrecken sollen. 'Allein im Jahr 2017 konnten in Ägypten 261 Terroranschläge verzeichnet werden, hinter denen allerdings kein einziger Atheist stand, sondern vielmehr islamistische Jihadisten - was genau ist also dieses 'Risiko des Atheismus', das der Staat und die Al-Azhar-Universität bekämpfen möchten?', fragt Mustafa Ali, der Administrator einer Facebook-Seite für Atheisten in der islamischen Welt, die mehr als 10 000 Follower hat."

Auch Witze über den Islam können böse Folgen haben, wie wir seit den Mohammed-Karikaturen in Jyllands Posten wissen. Die Karikaturen wurden hierzulande oft scharf kritisiert. In der arabischen Welt riskieren die Leute dagegen Kopf und Kragen für einen Witz, erzählt Mohamed Amjahid auf Zeit online. "Vor wenigen Wochen machte ein Witz die Runde im arabischsprachigen Netz: Ein schwedischer Konvertit wollte in einer Moschee zeigen, dass er ein super Moslem sei. Er schlachtete also ein Schaf und rannte mit dem blutigen Messer in den Gebetsraum. 'Schaut her, liebe Brüder! Jetzt seid ihr dran!', sagte der Schwede. Der Imam antwortete ihm 'Je suis Charlie' und rief die Anti-Terroreinheit herbei. Muslime haben keinen Humor, heißt es. Dabei kann beispielsweise eine türkische Karikatur bissiger und erbarmungsloser sein als alle Folgen der 'Heute Show' zusammengenommen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.05.2018 - Religion

Die bayerische Kreuz-Pflicht ist verfassungswidrig, erklärt der ehemalige Verfassungsrichter Dieter Grimm, der am Karlsruher Kruzifix-Urteil von 1995 beteiligt war, im SZ-Gespräch mit Andreas Zielcke: "Das Kreuz ist etwas anderes als die Gemälde mit religiöser Thematik, die heute in den staatlichen Museen hängen, oder die kirchliche Musik, die in Konzertsälen gespielt wird. Es ist auch etwas anderes als die vom Kirchenjahr geprägte Einteilung unserer Zeit nach Sonn- und Feiertagen. All das hat christliche Wurzeln, aber keinen spezifischen Glaubensbezug mehr und wirkt nur kulturell fort. Aber im Kreuz ist der Glaubensinhalt zusammengefasst und lässt sich nicht wegdenken, wenn der Staat es jedem, der seine Amtsräume betritt, vor Augen hält."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2018 - Religion

Mateja Meded, aufgewachsen im ehemaligen Jugoslawien, hat generell keine gute Meinung von Religionen, deren giftigen Einfluss sie in der eigenen Familie beobachten konnte, wie sie im Zeit-Blog schreibt: "Ich würde gern die Heilige Schrift umschreiben: Am Anfang schuf Gott den Mann, und dann, aus seiner Rippe, die Frau. Und da erschien Nebel, und heraus kam noch eine Frau und sie erschuf sich eigenhändig ein Schwert und rammte es Gott in den Bauch und sprach: 'Mich hat eine Frau erschaffen und nicht du. Und nun mach Platz und nimm deine Stockholmsyndrom-Frauen mit, denn jetzt kommen wir. Und wir bauen eine neue Welt, die auf Selbstliebe, Empathie und Sensibilität beruht und in der die Natur und die Tiere verehrt werden.'"
Stichwörter: Meded, Mateja, Jugoslawien, Nebel

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2018 - Religion

Einen sehr erstaunlichen Hintergrund zu gestrigen Eröffnung der amerikanischen Botschaft in Jerusalem liefert Matthew Haag in der New York Times: Ein evangelikaler Pastor, "der einst sagte, dass Juden in die Hölle gehen werden", und ein Fernsehprediger, "der glaubt, dass Hitler Teil eines Plans Gottes war, die Juden nach Israel zurückzubringen", spielten bei der gestrigen Eröffnung eine wichtige Rolle - Robert Jeffress und John C. Hagee sprachen die Gebete bei der Zeremonie: "Trotz ihrer Kommentare über das jüdische Volk gehören die beiden Pastoren zu den führenden pro-israelischen Stimmen in der evangelikalen christlichen Welt. Einige Evangelikale glauben, dass die amerikanische Politik Israel unterstützen sollte, um biblische Prophezeiungen über eine Wiederkehr Christi wahrzumachen. Trumps Botschaftsentscheidung war eines der wichtigen Wahlversprechen..."