9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.01.2015 - Religion

Blasphemie ist ein Integrationshindernis ersten Ranges, findet der Rechtsprofessor Christian Hillgruber in der FAZ: "Weil er die unabdingbare Voraussetzung für ein friedliches wenn nicht Mit-, dann doch wenigstens Nebeneinander verschiedener religiöser und weltanschaulicher Bekenntnisse in der staatlichen verfassten Gemeinschaft bildet, ist der wechselseitige Verzicht auf Beschimpfungen dieser Bekenntnisse mehr als nur ein Anstandsgebot; er darf und sollte rechtsverbindlich eingefordert werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2015 - Religion

Im Gespräch mit Rainer Wandler von der taz warnt Boualem Sansal davor, den Islamismus allein aus soziale Ausgrenzung der Täter zu erklären: "Es ist ein Irrtum, zu glauben, die Islamisten seien alles arme Schlucker. Bei uns in Algerien waren viele der Islamisten Akademiker, hatten studiert. Waren Beamte, Ingenieure, Ärzte, Naturwissenschaftler. Fast die gesamte Führung der Islamischen Heilsfront (FIS) bestand aus Wissenschaftlern, Ärzten, Medizinern oder Juristen. Viele wurden in Frankreich oder den USA ausgebildet. Es ist eine Elite."

Olivier Roy sieht das ebenfalls in der taz völlig anders. Die jungen Islamisten haben mit den Mehrheitsmuslimen für ihn nichts gemein: "Sie kommen vom Rand der muslimischen Welt (zur Erinnerung: gemessen an der Bevölkerungszahl "lieferte" Belgien hundertmal so viele Dschihadisten für den IS wie Ägypten), sie bewegen sich in einer abendländischen Kommunikationskultur, einer westlichen Inszenierung von Gewalt, sie verkörpern einen Generationenbruch (die Eltern rufen die Polizei, wenn sich ihre Kinder nach Syrien aufmachen), sie sind nicht Teil der lokalen religiösen Gemeinden oder Moscheen im Viertel."

Eine Menge über die Herkunft der Täter lernt Lena Bopp in der FAZ aus der Lektüre zweier Bücher (mehr hier und hier) von Gilles Kepel aus dem Jahr 2012 über den Islam in der Banlieue: "Dem gemäßigten Islam der "Väter", der ersten Einwanderergeneration, die nach 1945 überwiegend aus den Ländern des Maghreb einreiste, folgte der Islam der "Brüder", die noch in ihren Herkunftsländern ausgebildet wurden und, einmal in Frankreich angekommen, zu verhindern suchten, dass ihre dort bereits lebenden Landsleute zu echten, laizistischen Franzosen würden." Außerdem empfiehlt Bopp Andrew Husseys Buch "The French Intifada - The Long War Between France and Its Arabs" (Auszug).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.01.2015 - Religion

Die Auspeitschung des saudischen Bloggers Raif Badawi wegen Apostasie ist "offenbar gestoppt", meldet die Webiste der Sendung Zapp, die über die Bestrafung des Bloggers berichtet hatte. Zapp hat einen Brief des saudischen Botschafters erhalten, aus dem auf der Website zitiert wird: "Die Bestrafung von Herrn Raif Badawi wurde, wie ich verstanden habe, gestoppt. Er wird keine Peitschenhiebe mehr erhalten. Ich nehme an, dass Herr Badawi, nachdem die Auspeitschung gestoppt wurde, nicht zehn Jahre in Haft bleiben wird." Laut Michael Hanfeld in der FAZ, der bei Amnesty International nachgefragt hat, ist es für eine Entwarnung aber noch zu früh.

Der Philosoph Rachid Boutayeb will zwar die muslimische Religiosität nicht in Frage stellen, aber den Islam dekonstruieren will er schon, wie er im Gespräch mit Mohammed Khalloouk im Freitag darlegt: "Wenn man unbedingt das islamische Subjekt zu definieren sucht, dann ist es unabdingbar, seine Beziehung zu den religiösen Autoritäten zu analysieren. Es handelt sich, kurz und bündig, um ein Subjekt, das nicht spricht. Hierin liegt der Grund der Krankheit der islamischen Gesellschaften unserer Zeit."

In der Welt ist Necla Kelek beeindruckt, wie offen sich muslimische Organisationen nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo zu Europa, zu Presse- und Meinungsfreiheit bekannt haben. Diesen Weg muss man weitergehen, ermuntert sie: "Werden die vielen Tausend Kinder, die islamisch betriebene Internate und Koranschulen besuchen, nun die Chance bekommen, die autoritativen Texte zu hinterfragen? Wird man ihnen beibringen, zu interpretieren und Vernunft und Glauben voneinander zu trennen? Welchen Weg werden also die Islamverbände gehen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.01.2015 - Religion

Der Kirchenhistoriker Joachim Frank erklärt im Interview mit der FR, warum sein Buch "Krypta. Unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte" dem Papst als Materialsammlung für Reformen helfen kann: "Es gibt in der Kirche nichts, was immer schon so und nur so war."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2015 - Religion

In der Welt ist der afghanisch-deutsche Regisseur Ali Hakim verwirrt, weil der Islam neuerdings sehr viel mit dem Islamismus zu tun haben soll: "In meinem Islam gibt es nicht einmal eine Kopftuchpflicht. In meinem Islam liebe ich es, Zeit mit den Kufars, den Ungläubigen, zu verbringen. Und an Wochenenden findet man mich in Hamburger Bars, wenn ich mein Weinglas schwenke und der Bedienung auf den Busen schiele. Soll ich jetzt aufhören, Moslem zu sein? Ich kann mir nicht eingestehen, dass diese Mörder etwas mit mir zu tun haben. Auf der anderen Seite teilen wir dasselbe religiöse Fundament. Also doch?"

Der muslimische Theologe Abdel-Hakim Ourghi macht in der SZ klar, dass sich Terroristen durchaus auf den Koran berufen können: "Die Gefahr des gewalttätigen politischen Islam im Namen Allahs ist nicht durch die Unterscheidung zwischen muslimischen Extremisten auf der einen und dem friedfertigen Islam auf der anderen Seite aus der Welt zu schaffen. Auch die bequeme Betrachtung, dass die Extremisten keine Muslime seien, ist naiv. Den Islamisten dienen als Handlungsanleitung doch einige medinensische Koranpassagen und das Handeln des Propheten selbst, somit kanonische Quellen der islamischen Rechts- und Religionslehre."

Weiteres: FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube ruft dem Papst, der Gegnern von Religion mit der Faust im Gesicht drohte, einige Prinzipien der Meinungsfreiheit in Erinnerung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.01.2015 - Religion

In der NZZ sieht Martin Meyer wieder die Zeichen auf Kulturkampf gestellt und fürchtet vor allem den Islam als ausgrenzende Bastion und modernisierungsfeindliche Doktrin: "Da er kein "Rom" vergleichbares Zentrum hat, sondern sich in eine Vielfalt von Autoritäten, Sprechern und Chören verteilt, befördert er auch Unsicherheiten unter den Glaubenden, was rechtens und was Unrecht sei. Die Macht lokaler Imame ist beträchtlich und kann sich nach gegebenen Mustern hinaufschwingen bis ins Geheul der Prediger von Rache und Hass."
Stichwörter: Imam, Islam, Kulturkampf

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2015 - Religion

Papst Franziskus lässt nicht mit sich spaßen, wie er auf einer seiner berühmten kleinen Reisepressekonferenzen klar gemacht hat, berichtet etwa Till Fähnders in der FAZ. Massaker an Spöttern lehnt er zwar ab, aber "wenn Dr. Gasbarri (der Reiseorganisator des Papstes), mein lieber Freund, meine Mama beleidigt, erwartet ihn ein Faustschlag. Denn man kann den Glauben der anderen nicht herausfordern, beleidigen oder lächerlich machen." (Das Charlie-Cover zeigt den Reisepapst in Brasilien, bereit, alles zu tun, um die Kunden zu bezirzen.)

Die französische Justizministerin Christiane Taubira ist anderer Meinung. In Frankreich "darf man alles zeichnen, auch einen Propheten" hat sie laut huffpo.fr bei der Beerdigung des Zeichner Tignous gesagt. "Denn in Frankreich, dem Land Voltaires und der Respektlosigkeit, hat man das Recht sich über alle Religionen lustig zu machen."

Viele angelsächsische Medien verzichten freiwillig darauf, ihr so geschätztes Recht auf freie Meinungsäußerung gegenüber Religionen auszuüben. Als Caroline Fourest bei Sky News in einem Interview über die Pariser Massaker das neue Titelblatt von Charlie Hebdo zeigen wollte, schnitt ihr die Moderatorin das Wort ab und entschuldigte sich bei den Zuschauern.



Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hat laut einem Bericht des Guardian noch einmal ganz klar gestellt, dass Beleidigung des Propheten in der Türkei nicht in Frage kommt: ""Pressefreiheit schließt nicht das Recht ein, den Propheten zu beleidigen" sagt Davutoğlu. "Menschen, die es vielleicht tolerieren, wenn ein Individuum beleidigt wird, reagieren beim Propheten ganz anders. Da die Türkei hier so empfindlich ist, ist ein Cartoon, der den Propheten beleidigt, ganz klar ein Akt der Aufhetzung.""

Meinungsfreiheit muss auf jeden Fall Grenzen haben, findet Mehdi Hasan, der im New Statesman "als Muslim mit der Heuchleiei der Meinungsfreiheit" aufräumen will: "Bringt denn Ihre Zeitschrift Karikaturen, die sich über den Holocaust lustig machen? Nein? Wie wär"s mit Karikaturen über Opfer des 11. September, die aus den Twin Towers fallen? Mir würde das nicht gefallen (und ich bin glücklich, dass es das nicht gab). Ziehen Sie auch das "Gedankenexperiment" Brian Klugs in Betracht. Stellen Sie sich vor, schreibt er, ein Mann hätte sich dem "republikanischen Marsch" am Sonntag am Paris angeschlossen und "hätte ein Schild mit dem Spruch "Je suis Chérif" getragen. Stellen Sie sich vor, setzt Klug hinzu, er hätte eine Zeichnung bei sich getragen, die sich über die ermordeten Journalisten lustig macht? "Wie hätte die Menge wohl reagiert."" Klar, sie hätte den Mann mit ihren Kalaschnikows sofort erschossen.

Mit einem neuen Gesetz reagiert Frankreich derzeit sehr hart auf alle Sympathiebekundungen für die Attentäter von Paris, berichten Doreen Carvajal und Alan Cowell in der New York Times, wogegen sich besonders unter den Muslimen viel Kritik regt. Denn ist das nicht auch eine Beschneidung der Meinungsfreiheit? "Die Ziele der Karikaturisten von Charlie Hebdo, so die Staatsanwaltschaft, waren Ideen und Konzepte. Wenn das mancher auch extrem fand, die Satire war breit gestreut. "Viele Leute sagen, es sei ungerecht, Charlie Hebdo zu unterstützen, aber Dieudonné zu zensieren", sagt Mathieu Davy, ein auf Medienrecht spezialisierter Anwalt. "Aber es gibt ganz klare Grenzen in unserem Rechtssystem. Ich habe das Recht, eine Idee, ein Konzept oder eine Religion zu kritisieren. Ich habe das Recht die Mächtigen in meinem Land zu kritisieren. Aber ich habe nicht das Recht, Menschen anzugreifen oder zur Gewalt anzustacheln.""

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2015 - Religion

Daniel Bax untersucht in der taz das Islam-Verständnis der Attentäter: "Um diesen Do-it-yourself-Islam als authentischen Ausdruck dieser Religion oder gar als zwangsläufig richtige Auslegung des Korans zu begreifen, muss man mehrere Jahrhunderte muslimischer Theologie und religiöser Praxis ignorieren - nichts anderes machen die Terroristen, aber auch viele übereifrige "Islamkritiker".

Henryk Broder glaubt in der Welt nicht an den Satz, dass der islamistische Terror nichts mit dem Islam zu tun habe: "Die Unterscheidung zwischen dem guten Islam und dem bösen Islamismus ist, nüchtern betrachtet, so willkürlich wie die zwischen dem Sozialismus an sich und dem real existierenden Sozialismus. Inzwischen wird sogar noch weiter differenziert. Es gibt auch "moderate", "streng gläubige" und "fanatische" Islamisten. Allein diese Nuancierung zeigt, dass der Islamismus nicht das Gegenteil vom Islam ist, sondern eine seiner Spielarten."

Hannes Stein erinnert ebenfalls in der Welt an Abdelwahab Meddeb, den zu früh gestorbenen Kenner und Kritiker des Islam.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2015 - Religion

Amüsante Episoden aus der Geschichte der Religionen erzählt Jack Miles, Autor von "World Religions", im Gespräch mit Hannes Stein in der Welt: "Es gibt mehr Wahrheitsansprüche ... in östlichen Religionen, als die westlichen Anhänger des Buddhismus wahrhaben wollen. Manchmal auf sehr amüsante Art. In China wetteiferten die Taoisten mit den Buddhisten - und die Buddhisten behaupteten, dass Laotse nach Indien gegangen sei, um sich vom Buddha erleuchten zu lassen. Die Taoisten hatten dann natürlich eine Gegenversion: Laotse ging nach Indien, um den Buddha zu belehren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2014 - Religion

In der taz führen Jan Feddersen und Patricia Hecht ein äußerst unweihnachtliches Gespräch mit dem Philosophen Markus Gabriel, der dem Christentum vorwirft, "die Hoffnung gehijackt" zu haben, ohne jedoch tatsächlich etwas darüber auszusagen, dass und wie die Dinge anders sein könnten: "Bei Paulus ist es die Hoffnung darauf, dass die weltlichen Zustände aufhören. Jesus sagt: Übermorgen bin ich wieder da - nicht in zigtausend Jahren am Ende der Geschichte, sondern übermorgen. Hoffnung ist im Christentum insofern erst einmal die Zuversicht genau darauf. Und dann kommt die Enttäuschungserfahrung: Alle warten, und nichts passiert. Schließlich liest man Paulus so: Du sollst Hoffnung haben auf eine immer ausstehende Endzeit. Und in der Moderne hat das Christentum dann eben behauptet, die Hoffnung verdankt ihr mir …"

Magdalena Ebertz unterhält sich in der FAZ mit dem koptisch-ägyptischen Papst Tawadros II., der sehr froh ist über die Militärregierung in seinem Land: "Unsere Regierung ist stark. Und unsere Armee auch. Am Ende werden sie über die Terrorgruppen siegen." Für die wünschenswerte Trennung von Staat und Religion findet er ein schönes Gleichnis: "Stellen Sie sich einmal Religion als rohe Eier und die Politik als Stein vor. Wenn wir diese beiden in eine Kiste stecken, passiert ein Doppeltes: Zum einen würden die Eier zerschlagen, so dass man sie nicht mehr essen kann. Und zum anderen würden die Steine verschmutzt, so dass man nicht mehr mit ihnen arbeiten kann. Im Klartext heißt das: Wenn wir Religion und Politik zusammenwerfen, verlieren wir beide."

Auf eine paradoxe Entwicklung macht Daniel Deckers im Leitartikel der FAZ aufmerksam, nämlich auf den Umstand, "dass die Kirchen in Deutschland im Jahr 2014 so viel Geld zur Verfügung hatten wie nie. Wenn es der Wirtschaft gutgeht, dann auch den Kirchen. Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Die andere: In kaum einem Jahr haben die Kirchen so viele Mitglieder verloren wie im diesem."

Weitere Artikel: In der Welt liest Ralf Meister, Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Kirche Hannover, die Weihnachtsgeschichte als Erzählung der Humanität, weshalb auch das laizistische Frankreich Krippen in den Rathäusern dulden sollte. Die zwei Glauben&Zweifeln-Seiten der Zeit widmen sich verfolgten Christen. In der SZ macht sich Jens Bisky Gedanken über das "liberale Unbehagen am Islam".