Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Orientalistische Angstbilder

28.06.2010. Das Bachmann-Wettbewerb hinterließ einigermaßen ermattete Kritiker. Aber der Preis für Peter Wawerzinek scheint so weit in Ordnung zu gehen. Die Berliner Zeitung meldet Vollzug: Der Umbau des Berliner Viertels Prenzlauer Berg zum neobourgeoisen Familienparadies ist abgeschlossen. Die Clubs ziehen nach Kreuzberg. Die FAZ zeigt, dass schon im wilhelminischen Berlin der Fundamentalismus der Aufklärung wütete. In der Welt kritisiert der Herausgeber des Rolling Stone die Berichterstattung der großen amerikanischen Medien aus Afghanistan.

Wie mit den Tageszeiten das Weiß variiert

26.06.2010. Angela Merkel soll Schluss machen mit dem D-Mark-Nationalismus und die Taschen für notleidende Europäer weit öffnen, fordert Ulrich Beck in der NZZ. Der Tagesspiegel kritisiert Christian Wulffs Verbindung mit den Evangelikalen. Die SZ feiert Olivier Assayas' Dreiteiler über den Terroristen "Carlos" . In der FAZ will der CDU-Politiker Günter Krings per Leistungsschutzrecht für Innovation in den Zeitungen sorgen. Welt-Autor Marko Martin ist fassungslos über Christa Wolf  und die Liebhaber ihres neuen Romans.

Fast ganz Afrika ist rot gefärbt

25.06.2010. Slavoj Zizek ist ein Witzbold. Sein Satz "Hitler war nicht radikal genug" war nämlich gar nicht so gemeint, erklärt der Denker in der taz.  In der NZZ interpretiert Dan Diner die außenpolitischen Volten der Türkei. Die SZ zerbricht sich den Kopf über die Frage, ob Frauen mit Kopftuch freier seien als die Sexualobjekte des Westens. Ctrl-Verlust bei der FAZ, die das gleichnamige FAZ-Blog von Michael Seemann schlicht und einfach löschte. Die Blogosphäre lädt zum Beitritt in die Facebook-Gruppe Ctrl-Z ein.

Zitternde Nasenflügel

24.06.2010. Die Zeitungen hätten die Mohammed-Karikaturen abdrucken sollen, und zwar alle, meint der Philosoph Daniel Dennett im Tagesspiegel. Christian Wulff sollte aus dem Kuratorium der evangelikalen Organisation prochrist austreten, meint die Theologin Kirsten Dietrich im Deutschlandradio. Google hat einen Prozess gegen Viacom gewonnen und muss Videos nicht von Urheberrechtlern prüfen lassen, bevor sie hochgeladen werden, berichtet BoingBoing. In der FAZ befürwortet Gunnar Heinsohn einen Numerus clausus für Einwanderer. Die SZ ist gegen Kommunismus.

Philologie ist Philophilie

23.06.2010. Die amerikanische Regierung erklärt in ihrem Blog, wie sie das geistige Eigentum der USA gegen das Internet verteidigen will. Google wird ein Gtunes herausbringen, und das wird in der Wolke sein, meldet das Wall Street Journal. Die SZ beobachtet nach den Auseinandersetzungen um diverse katholische und evangelische BischöfInnen einen bedauerlichen Trend zur Säkularisierung. Die FAZ sucht nach der Nummer von Kim Jong-ils unsichtbarem Handy. Die Hannoversche Zeitung erzählt, wie der Dialog der Kulturen in Hannover für kurze Zeit unterbrochen werden musste.

Unschöne Binnen-Is in diversen Diskursen

22.06.2010. Mit Wehmut erinnert sich die NZZ an die investigativen Qualitäten des DDR-Fernsehens... in den paar Monaten vor der Selbstauflösung. In der Berliner Zeitung erklärt Bernd Neumann, dass er weiter wacker fürs Berliner Stadtschloss kämpft, auch wenn es eine große Mehrheit nicht besonders interessiert. In der FR informiert Charles Taylor: Auch in Kanada gibt es sogenannte Islamkritiker. Die FAZ beneidet die Norweger: Ein ganzer Staat macht Gewinn. In der SZ kritisiert die Ethnologin Ingrid Thurner die Fastnacktheit der Europäerinnen.

Figurendompteur und Text-Durchbuchstabierer

21.06.2010. In der FAZ träumen Geert Lovink und Franco Berardi von einem Internet ohne Kapitalismus. Im Guardian fordert der Medienprofessor John Naughton ein neues Urheberrecht fürs Internetzeitalter. Telepolis stellt Neal Stephensons Konzept für ein interaktives und kollektiv geschriebenes Buch vor. In der NZZ erinnert sich der peruanische Schriftsteller Daniel Alarcon mit Wehmut an die großen Zeiten des Fußballs im Radio. Die taz wundert sich über wirre Äußerungen von Judith Butler.  

Die Jakobiner waren nicht zimperlich

19.06.2010. Der SZ stockt der Atem angesichts Christa Wolfs revolutionärer Härte. In der NZZ erklärt Uli Sigg, wie das Internet die Reflexe der Herrschenden in China testet. Die FAZ begibt sich auf die Spuren der Armenier in der Türkei. Die taz beleuchtet verödende Darkrooms. In der Welt erzählt Marek Halter von Reinhard Heydrichs Kommando Golem. Und alle verabschieden den Literaturnobelpreisträger, Blogger und Marxisten Jose Saramago.

Alkohol, Ehebrüche und Abtreibungen

18.06.2010. Ein Traumtag für die Goncourts der Gegenwart? In der Akademie der Künste las Christa Wolf unter Anwesenheit Ulla Unseld-Berkewics' und sämtlicher Suhrkamp-Granden. Im Literarischen Colloquium las gleichzeitig Norbert Gstrein aus seinem Schlüsselroman über Ulla Unseld-Berkewics und Suhrkamp. Die Feuilletons sind mäßig erregt. PaidContent.org meldet, dass Google eine Art Itunes für Bezahlinhalte vorbereitet. In der Boston Review verreißt der Internetskeptiker Evgeny Morozov den Interneteuphoriker Clay Shirky.

Ein fantastisches Gebiss

17.06.2010. Der Freitag interviewt die Künstlergruppe reproducts, die aus dem Fernsehen der frühen Jahre die Geheimgeschichte der Bundesrepublik erstehen lässt. Die SZ wringt einen barocken Schwamm. Die Zeit rät ab vom Kommunismus und wirft ein Streiflicht auf die komischen Greise von der SZ. In der FAZ erkennt Martin Walser in Horst Köhler den Leidensgenossen im Gekränktsein. Die Bezwinger Spaniens amüsieren sich heute mit amerikanischen und russischen Frauen.