Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.02.2023 - Bühne

Gleich vier mal sind auf österreichischen Bühnen Operetten von Jacques Offenbach zu sehen. Was sagt das über Österreich, fragt sich Reinhard Kager in der FAZ. "Die politischen Ereignisse der letzten Jahre, beginnend mit den prahlerischen Machtphantasien des ehemaligen FPÖ-Politikers Heinz-Christian Strache im sogenannten Ibiza-Video bis zum Fall des Ex-ÖVP-Kanzlers Sebastian Kurz, haben die Alpenrepublik wahrlich in ein Operettenland verwandelt... Angesichts all dieser Turbulenzen halten Offenbachs auch heute noch brisanten Opéras-bouffes der kaum zu überzeichnenden Wirklichkeit den Spiegel vor."

Weiteres: Marco Frei schreibt in der NZZ über den Dirigenten Enrique Mazzola, der an der Oper Zürich Donizettis "Roberto Devereux" dirigieren wird. Besprochen werden die "Bakchen" von Euripides / Raoul Schrott in Wiesbaden (FR), die Uraufführung von Ivana Sokolas "Pirsch" in der Inszenierung von Christina Gegenbauer am Deutschen Theater Göttingen (nachtkritik), "Tristan und Isolde" an der Opéra national de Lorraine in Nancy (nmz) und "Simon Boccanegra" an der Deutschen Oper Berlin (BlZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.02.2023 - Bühne

Szene aus Prokofjews "Krieg und Frieden" in Budapest. Foto: Valter Berecz


"Dreieinhalb Stunden herrschte lähmende Stille im Parkett und auf den drei voll besetzten Rängen des Opernhauses" in Budapest, berichtet in der FAZ Wolfgang Sandner, selbst ganz erschlagen von Sergej Prokofjews Monumentaloper "Krieg und Frieden", deren Inszenierung durch Calixto Bieito er ziemlich aus der Zeit gefallen findet. Allerdings missfällt ihm das Setting eines "prächtig ausstaffierten Salons im gräflichen Palast", das der ganzen Oper als Bühnenbild dient. "Wie in aller Welt soll in dieser nivellierenden Szenerie, in der auch die Kleidung zwischen höfisch korrekt und bürgerlich lässig (Kostüme: Ingo Krügler) durcheinandergerät, die Mitglieder des Adels offenbar ständig in einem kollektiven Veitstanz sich selbst geißeln oder autistisch isoliert zum Wodka greifen, ins Aberwitzige gesteigert noch durch Videoprojektionen (Sarah Derendinger) mit russischen Bären, verzerrten Visagen, grässlichen Geburten und alles kahl fressenden Insekten - wie in aller Welt soll da ein Ensemble die gesangsmäßige Contenance bewahren? Denkt man und ist sogleich hocherfreut ob der darstellerischen wie vokalen Leistungen bis in die kleinste Solistenrolle, dazu noch vorwiegend aus dem eigenen Haus besetzt."

Weiteres: Nachdem die ukrainischen Musiker jetzt wegen des geplanten Auftritts Anna Netrebkos in Wiesbaden abgesagt haben, ist Intendant Eric Uwe Laufenberg unter Druck geraten, berichtet in der Berliner Zeitung Susanne Lenz: Nachgeben will er aber nicht. Peter Kümmel sieht für die Zeit neue Tschechow-Inszenierungen am Hamburger Schauspielhaus und in Berlin am Berliner Ensemble, am Deutschen Theater und am Maxim Gorki Theater. Besprochen werden außerdem Richard Strauss' "Ariadne auf Naxos" am Theater Bremen (nmz) und Giuseppe Verdis "Simon Boccanegra" in Essen und in Berlin (van).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.02.2023 - Bühne

Adonis Foniadakis: "Urlicht" am Staatstheater Kassel. Foto: Bettina Stöß

Dorion Weickmann bemerkt in der SZ, dass immer mehr Tanzhäuser von Kuratoren anstellen von Choreografen geleitet werden. Wenn das Ergebnis aussieht, wie in Kassel, hat sie dagegen nichts einzuwenden. Dort konnte Andonis Foniadakis mit Tänzerinnen und Tänzern des Staatstheaters Kassel seine Choreografie "Urlicht" aufführen, die eine "Seelenwelt in Flammen" zeigt: "Die Uraufführung 'Urlicht' ist eine physische Techno-Symphonie, ein mit den Mitteln des zeitgenössischen Tanzes komponiertes, in verstörende Bilder gerinnendes Requiem auf die menschliche Spezies. 75 Minuten, dann bleibt das Publikum wie erschlagen zurück. Bis Jubel aufbrandet für die knapp zwanzigköpfige Kompanie. 'Urlicht' kommt einem Ritt durch die Hölle gleich. Foniadakis beweist einmal mehr, warum er zu den derzeit gefragtesten Tanzmachern gehört und zugeschüttet wird mit Aufträgen von Antwerpen bis Philadelphia. Einst selbst Tänzer beim Béjart Ballet in Lausanne, hat der Grieche seine Arbeit am Äquator des Gegenwartstanzes angesiedelt, zwischen den frei flottierenden Exerzitien eines Hofesh Shechter und virtuosen Formalismen der Marke Sharon Eyal."

Anlässlich der Affäre um Florian Teichtmeister erinnert der Bregenzer Historiker Peter Melichar in der FAZ an einen anderen pädophilen Burgschauspieler, Alfred Lohner, der 1933 allerdings unter ganz anderen Vorzeichen aufflog: "Er hatte offenbar mit zahlreichen Mädchen, allesamt unter 14 Jahre alt und Schülerinnen eines Gymnasiums in Wien-Döbling, sexuelle Beziehungen. Die Direktorin des betreffenden Mädchengymnasiums hatte sich aufgrund von Aussagen mehrerer Schülerinnen an die Polizei gewandt, die anfangs sehr vorsichtig vorging, weil sie an die Möglichkeit einer Massenpsychose dachte. Erst als sich der Vater einer Schülerin, die eine andere Schule besuchte, an die Polizei wandte, wurde der Schauspieler verhaftet. Er setzte mit seinem Verteidiger zunächst darauf, die Zeuginnen als unglaubwürdig darzustellen. Die Aussagen der Mädchen bezeichnete er als 'Ausgeburten ihrer Phantasien', es handle sich lediglich um krankhafte Schwärmereien. Ein Mäzen bot umgehend 60 000 Schilling Kaution, um Lohners Enthaftung zu erreichen."

Weiteres: In der FR meldet Judith von Sternburg, dass der Intendant des Wiesbadener Staatstheaters, Uwe Eric Laufenberg, nicht Anna Netrebko abrücken will: "Es dürfte also darauf hinauslaufen, dass Netrebko bei den Maifestspielen singt und das Theater aus Charkiw sowie die Ukrainische Nationalphilharmonie nicht auftreten.

Besprochen werden die "Götterdämmerung" als Abschluss von Marco Štormans Wagners "Ring"-Inszenierung  an der Staatsoper Stuttgart (fantastische Bilder bekommt SZ-Kritiker Egbert Tholl zu sehen, aber Cornelius Meisters Musikführung bezeichnet er als "befremdlichen Unsinn"), Thomas Manns "Der Zauberberg" am Wiener Burgtheater (SZ), Barrie Koskys Inszenierung des rosaroten Musicals "La Cage aux Folles" an der Komischen Oper Belrin (taz), Wagners "Tristan und Isolde" in Cottbus (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.01.2023 - Bühne

Jakub Skrzywaneks Produktion "Der Tod Johannes Paul II" © Magdalena Hueckel

In einem Theaterbrief aus Polen freut sich Christian Holtzhauer über die Lebendigkeit des polnischen Theaters, das allen politischen Widerständen zum Trotz keine Tabus scheut, wie Hotzhauer beim Krakauer Festival Boska Komedia erlebte: "Keine der Arbeiten, die ich sehen konnte, wollte 'gefallen', keine war auf reine Unterhaltung des Publikums aus. Nur eine der im Wettbewerb gezeigten Inszenierungen beruhte auf einem im weiteren Sinn dramatischen Text, die anderen waren Uraufführungen, Prosabearbeitungen und Stückentwicklungen. Keine Frage: Theater in Polen ist ganz klar Regietheater." Und Jakub Skrzywaneks Stück über den Tod des polnischen Papstes Johannes Paul II. hat Anhänger und Verächter der Kirche gleichermaßen beglückt, versichert Holtzhauer.

Weiteres: In der NZZ porträtiert Christian Wildhagen den Genfer Opernintendanten Aviel Cahn, von dem er sich aufregende Zeiten im Grand Théâtre erhofft. In der Welt unterhält sich Jakob Hayner mit Gerhard Polt über Katholizismus, Rituale und sein Stück "A scheene Leich" in den Münchner Kammerspielen (das in der taz besprochen wird). Im Tagesspiegel macht sich Katrin Sohns Hoffnung, dass nach dem Dry January der Berliner Kulturbetrieb im Februar wieder Fahrt aufnehmen könnte.

Besprochen werden Ted Huffmans radikal reduzierte Inszenierung von Händels "Orlando" an der Frankfurter Oper (FR, FAZ), Wolfgang Rihms Oper "Die Eroberung von Mexico" am Staatstheater Mainz (FR), Mozarts "Le nozze di Figaro" in der Wiener Volksoper (Standard), die beiden Wiener Inszenierungen von Upton Sinclairs "Öl" am Volkstheater und Thomas Manns "Zauberberg" an der Burg (FAZ) und die lange Ukraine-Nacht bei den Lessingtagen in Hamburg (die SZ-Kritiker Till Briegleb als groben Agitprop bedauert).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.01.2023 - Bühne

Entscheiden die Hierarchien von Film und Theater, wer wem glaubt? Oder das Marketing? In der taz fragt Uwe Mattheiss grundsätzlich, was der Fall Florian Teichtmeister bedeutet, schließelich haben Martin Kusej und Marie Kreutzer an ihm festgehalten, als längst gegen ihn wegen Kinderpornografie ermittlt wurde: "In der Praxis der Kunst stößt man dagegen immer wieder auf blinde Flecken, dort wo es um Hierarchien, Machtmissbrauch, Intransparenz und gesellschaftliche Exklusion geht. Der Anspruch auf Autonomie erfordert letztlich, den Produktionsprozess der Kunst zu ihrem Gegenstand zu machen. Die Debatte über moralische Anforderungen der Gesellschaft an die Kunst fällt nicht gerade leicht, auch weil sie noch immer von der Erinnerung an die eigene Durchsetzungsgeschichte gegen falsche Autoritäten und aktuelle Gefährdungen belastet ist. Gegen das Diktat der Religion und die überschießenden Ansprüche des Staates, so die romantische Vorstellung, schien einst nur die Übertretung des von irdischen Regeln ungebundenen Genies der Kunst den Weg zu neuen Ufern zu weisen. Allein, Kriminelle von heute haben mit bahnbrechenden Libertins der Frühaufklärung und genialen Meuchelmördern der Renaissance nichts mehr zu tun."

"Antigone" nach Sophokles und Zizek am Münchner Residenztheater. Foto: Sanra Then

Mateja Koležnik
hat am Müncher Residenztheater Sophokles' "Antigone" auf die Bühne gebracht und mit Slavoj Žižeks Stück "Die drei Leben der Antigone" gekoppelt. Geradezu ein Geniestreich, findet Christian Lutz in der SZ: Im ersten Teil wird das Familiendrama erzählt, im zweiten dann vom Chor in einem grauen Regierungsgebäufe die Gesellschaftspolitik verhandelt: "Jetzt erst erfahren wir ihre Standpunkte und Rollen im politischen Prozess. Die strenge Dame mit dem Dutt entpuppt sich als die Parlamentspräsidentin (Cathrin Störmer), der Mann, der zu viel Freiheit für eine Gefahr hält, als 'Royalist' (Thomas Lettow), der bis dato stumme Lederjacken-Typ (Thiemo Strutzenberger) als 'Demokrat', der Antigone als privilegierte Person ansieht. Es gibt die Humanistin (Hanna Scheibe), den Sekretär (Florian Jahr), den Veteranen (Michael Goldberg). Während sie den Fall Antigone bei Häppchen diskutieren, läuft draußen im Korridor alles noch einmal so ab wie im ersten Teil. Das ist ein echter Regiecoup in einer Inszenierung, die weniger das Gefühl als den Intellekt anspricht." Nachtkritikerin Theresa Luise Gindlstrasser kommt bewegt aus dem Theater: "Dass am Ende, nach so viel Spannung und nach so viel spannender Diskussion, der Bunker erstürmt wird, als wär's das Kapitol: 'Unheimlich und dämonisch ist viel, doch nichts so unheimlich dämonisch wie der Mensch.'"

Besprochen werden Guy Clemens' Inszenierung von Edward Albees Geschlechterkriegsdrama "Wer hat Angst vor Virgina Woolf" am Bochumer Schauspielhaus (Nachtkritik, FAZ), Gerhard Polts bairisch-heiterer Abend "A scheene Leich" in den Münchner Kammerspielen (Widerstand zwecklos, meint Christian Lutz in der SZ, Polt sei einfach ebenso eine Naturgewalt wie die Brüder Well, Nachtkritik, FAZ), Bastian Krafts Bühnenadaption des "Zauberbergs" im Wiener Burgtheater (dem Standard-Kritiker Ronald Pohl allerdings "eine zündende Idee" fehlte), Michael Thalheimers "Parsifal"-Inszenierung in genz (Welt), ein Abend mit Anna Netrebko und Yusif Eyvazov in der Alten Oper in Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.01.2023 - Bühne

Milo Rau wird Intendant der Wiener Festwochen. Er wolle "ein mythisches, gewaltiges, umstrittenes Theater-Fest zu schaffen", verkündete er laut Tsp in seiner Presseerklärung. Im Interview mit dem Standard klingen seine Pläne noch recht unbestimmt.

Besprochen werden Amir Reza Koohestanis und Keyvan Sarreshtehs Adaption von Huxleys "Schöne neue Welt" für das Thalia Theater in Hamburg (nachtkritik), ein Tanzabend mit Lisbeth Gruwez im Frankfurter Mousonturm (FR), Offenbachs "Die Großherzogin von Gerolstein" am Münchner Gärtnerplatz (nmz) und Ivo van Hoves Adaption von Marieke Lucas Rijnevelds Pädophilenroman "Mein kleines Prachttier" am Internationaal Theater Amsterdam (die FAZ-Kritiker Simon Strauß gründlich abgestoßen hat).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.01.2023 - Bühne

Die Auswahl, achwas, das ganze Prozedere des Berliner Theatertreffens unter der Leitung des neuen Intendanten Matthias Pees lässt Peter Laudenbach in der SZ laut aufstöhnen. Bei der Pressekonferenz gestern stellte sich die neue "selbstverständlich kollektive" Leitung vor: Vier Frauen, darunter die Polin Joanna Nuckowska und die Ukrainerin Olena Apchel, die beide auch karrierefördernde außertheaterliche Kompetenzen mitbringen in Sachen politischer Aktivismus und ökologische Nachhaltigkeit. Die Frage für Lauterbach ist nur, weshalb "Theaterkuratorinnen mehr vom Problem der Nachhaltigkeit verstehen sollten als zum Beispiel Ingenieure, BWLer oder Schreiner? Und was macht sie für Fragen des Weltfriedens kompetenter als zum Beispiel Bundeswehrsoldaten? Das als große Festival-Innovation verkündete Rahmenprogramm ist in zwei Richtungen parasitär: Es nutzt die politischen Großkrisen, um sich mit Bedeutung aufzupumpen. Und es verhält sich parasitär gegenüber dem Kern des Theatertreffens, den zehn eingeladenen Inszenierungen, indem es so tut, als würde erst die Diskurs-Begleitmusik dem Theater Relevanz verschaffen."

In der Welt stellt Jakob Hayner die zehn ausgewählten Produktionen vor und fragt dann, was die neue Leitung noch so in petto hat: "Zehn Veranstaltungen, die sich 'Treffen' nennen und die die eingeladenen Inszenierungen 'umrahmen, umgarnen und umarmen' sollen, auch als Ersatz für den abgeschafften Stückemarkt. Green, Diversity, Solidarity, Network, Exchange, Herstory, Transfeminist, so lauten unter anderem die Titel der Treffen. Was sich dahinter verbirgt, ist teils haarsträubend: Gemeinsames Essen als 'feministischen, politischen Prozess für transnationale Solidarität' zu etikettieren, könnte man noch für einen Witz halten. Oder für eine Umschreibung des üblichen Besuchs im chinesischen Restaurant am Fasanenplatz. Doch offenbar ist mehr gemeint. Und hinter einem aufgespreizten Titel wie 'Emptiness Treffen - Demokratische Meditation' scheint sich nur ein schnöder Ruheraum zu verbergen, ein schlagendes Beispiel für den lustlos präsentierten Phrasensalat mit Politfloskelsoße."

Patrick Wildermann nimmt's im Tagesspiegel gelassen: Klingt doch spannend, findet er. "Und innovativ! Auch wenn bei der Pressekonferenz im Haus der Berliner Festspiele noch nicht ganz klar wurde, was genau sich dahinter verbirgt. Ein 'Responsibility Treffen' soll sich dem Krieg in Europa widmen, das 'Solidarity Treffen' legt den Fokus auf belarussische Kunst, ein 'Transfeminist Treffen' untersucht die Küche als Ort der Zusammenkunft und der Unterdrückung von Frauen (vermutlich jedenfalls, die Kopfhörer mit der Übersetzung aus dem Polnischen haben ein bisschen geknarzt)." Die Provinz bleibt bei diesem Treffen ziemlich außen vor, notiert Simon Strauss in der FAZ: "Auffällig ist also, dass sich der Fokus rasant verengt. Interessantes Theater, so die implizite Botschaft der Jury, findet im Grunde fast ausschließlich in den Großstädten statt. In der Peripherie ist nichts los." Mehr zum Theatertreffen in der Berliner Zeitung und der nachtkritik.

Weitere Artikel: In der NZZ porträtiert Marianne Zelger-Vogt die Schweizer Koloratursopranistin Regula Mühlemann. Reinhard Brembeck unterhält sich mit der Sopranistin Lisette Oropesa über Mozart. Im Interview mit der taz spricht die Regisseurin Paula Rüdiger über ihr Musiktheaterstück zum "Book of Longing" von Leonard Cohen und Philip Glass, das sie im Forum der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg inszeniert hat. Carolina Schwarz fragt sich in der taz, wie man mit dem künstlerischen Werk des Schauspielers Florian Teichtmeister umgehen soll, der wegen Besitzes von Kinderpornobildern angeklagt wurde

Besprochen werden Jette Steckels Inszenierung von Albert Camus' "Die Besessenen" am Thalia-Theater (nachtkritik, SZ), Michael Thalheimers Inszenierung des "Parsifal" in Genf (FAZ, nmz) und Meyerbeers Oper "Die Hugenotten" in Ludwigshafen (FR), ein Pina-Bausch-Abend in Wuppertal (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.01.2023 - Bühne

In der NZZ schildert Christian Wildhagen, wie vehement der Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Uwe Eric Laufenberg, das Engagement Anna Netrebkos für die Rolle der Abigaille in Verdis "Nabucco" verteidigt. Leicht ist es nicht: "Das hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst bezeichnete die Einladung Netrebkos auf Anfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung inzwischen als 'unangemessen' und nannte ihr Engagement eine 'Provokation' all derjenigen, 'die unter den täglichen Angriffen Russlands auf die Ukraine' zu leiden hätten 'oder bei uns davor Schutz suchen'. ... Laufenberg und das Hessische Staatstheater halten jedoch an dem geplanten Engagement Netrebkos fest. Das passt zum bisherigen kulturpolitischen Kurs des streitbaren Intendanten, der schon während der Corona-Pandemie angesichts von Aufführungsverboten und Theaterschliessungen immer wieder vehement auf die vom deutschen Grundgesetz garantierte Freiheit der Kunst gepocht hatte."

Weiteres: Susanne Lenz unterhält sich für die Berliner Zeitung mit Barrie Kosky über dessen Inszenierung von "La Cage aux Folles" an der Komischen Oper und die queere Szene. Rahel Zingg berichtet in der NZZ über die Generalversammlung des Schauspielhauses Zürich, die den Geschäftsbericht der Spielzeit 2021 und 2022 vorlegte, der einen Verlust von 2,05 Millionen Franken aufweist.

Besprochen werden Nicolas Stemanns Adaption von Kamel Daouds Roman "Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung" fürs Schauspielhaus Zürich ("ine mehrfach verspiegelte Sache", grübelt nachtkritiker Andreas Klaeui), Christa Wolfs "Der geteilte Himmel" als Musical am Theater Schwerin (Vielleicht etwas unterkomplex, aber "Erfolgreich ist das Ergebnis zu nennen, weil es das Theater füllt", findet Arndt Voß in der nmz), Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" an der Hamburgischen Staatsoper (Ute Schalz-Laurenze lobt in der nmz das exzellente Orchester unter Kent Nagano und den Chor, Regisseurin Angelina Nikonova erzähle immerhin gut und spannend, wenn auch etwas unklar), Andrea Moses' Inszenierung des Kaiser-Weill-Wintermärchens "Der Silbersee" am DNT Weimar (dieser Silbersee "glänzt mit einem Sarkasmus, der wie Lack einen ätzenden Pessimismus überlagert", lobt Roland H. Dippel in der nmz), Ayad Akhtars "The Who and the What" am Berliner Renaissance-Theater (Tsp), Antonín Dvoráks Oper "Rusalka" in Wiesbaden (FR), Leonie Böhms Inszenierung "Schwestern" am Schauspielhaus Zürich (FAZ), Peter Konwitschnys Inszenierung von Giuseppe Verdis Oper "Die Macht des Schicksals" am Musiktheater Linz (FAZ) und Philipp Stölzls Inszenierung von Finegan Kruckemeyers Stück "Der lange Schlaf" am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.01.2023 - Bühne

Seit Jahrzehnten arbeitet sich Niklas Frank an seinem Vater Hans Frank ab, dem berüchtigten Generalgouverneuer von Polen, der als Herr der deutsche Besatzung die Ermordung von Millionen Polen und Juden organisierte. Für die SZ begleitet Josef Wirnshofer den unglücklichen Sohn für eine seltsam morbide Aufführung nach Turin. Zusammen mit dem Komponisten Erik Battaglia hat Niklas Frank ein triviales Ständchen weitergearbeitet, das Richard Strauss dem NS-Verbrecher einst gewidmet hatte: "Cello und Bratsche umspielen sich, die Geigen greifen das Strauss-Thema auf, setzen immer wieder Pausen, Diego Maffezzoni rezitiert dazu Niklas Franks Text. Er spricht die Worte in die Stille hinein: "'Wer tritt herein, so Geistes blank? Es ist der Massenmörder Frank. Wie Beelzebub von Gott gesandt, hat die Moral er abgebrannt. Drum ruf ich Heil! und tausend Dank dem lieben Judenschlächter Frank.' Der Sänger heizt seinen Ton immer weiter auf, 'wer wurde schnell zum Polen-butcher, es ist Hans Frank, der Nazi-Lutscher' noch weiter, 'wir Deutschen haben das verdrängt, wofür Hans Frank wurd' aufgehängt'. Die Streicher klingen bedrohlicher, chaotischer, 'wer kommt herein vor Wut ganz krank, der Sohn ist's von Minister Frank', und erst ganz am Schluss beginnt der Bariton zu singen. 'Bis heute bin ich hoch geehrt und von Orchestern sehr begehrt', er wird lauter, 'drum sage ich dem Himmel Dank, bin stets zu Diensten jedem Frank'. Dann ist Stille."

Weiteres: In der SZ berichtet Reinhard Brembeck vom Streit in Wiesbaden um einen Auftritt Anna Netrebkos bei den Maifestspielen, wo Opernintendant Uwe Eric Laufenberg den umstrittenen Star zur Schlüsselfigur in der westlichen Selbstbehauptung stilisiert.

Besprochen werden Lydia Steiers Inszenierung von - ja- Richard Strauss' "Rosenkavalier" (die NZZ-Kritiker Christian Wildhagen gleichwohl als erhellend und ironisch zugleich feiert), Leonid Andrejews russisches Revolutionsdrama "Hinauf zu den Sternen" am Theater Freiburg (FAZ), Angelina Nikonovas Inszenierung von Dmitri Schostakowitschs Oper ""Lady Macbeth von Mzensk" in Hamburg (FAZ), Maria Lazars "Die Eingeborenen von Maria Blut" am Wiener Akademietheater (SZ), Yana Ross' Inszenierung von Tschechows "Iwanow" (die SZ-Kritiker Peter Laudenbach schnell vergessen möchte) und Performances des französischen Choreografen Jérôme Bel im HAU (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.01.2023 - Bühne

Bianca Andrew und Michael Porter in "Blühen". Foto: Barbara Aumüller/Oper Frankfurt


Brigitte Fassbaender hat an der Oper Frankfurt Vito Žurajs Oper "Blühen" uraufgeführt, mit einem Libretto von Händl Klaus nach Thomas Manns Erzählung "Die Betrogene". Es geht um eine ältere Frau, die sich nach dem Tod ihres Mannes in den Klavierlehrer ihres Sohnes verliebt. Als ihre Periode wieder einsetzt, denkt sie, es liege an der Liebe, dabei ist sie an Krebs erkrankt. In der FR ist Judith von Sternburg bewegt und berührt: "Der Übergang von Geräusch zu Musik, von Melodielinie zu Gemurmel, von menschlicher zu instrumentaler Stimme, auch vom gesprochenen zum gesungenen Wort ist gleitend - was zum Raum passt, der ja auch zugleich ein Innen und ein Außen zeigt -, das Spektrum der Klangerzeugung ist breit. Auffällig dabei die Behutsamkeit, die wachsende Stille. Sterben ist totale Defensive. Exaltiertheit wird allein (zunächst) der Tochter Anna zugeschrieben, Nika Goric bei ihrem Hausdebüt, die in extreme Höhen muss und eine unerwartete, aber interessante Aggressivität bietet."

In der FAZ begeistert sich auch Jan Brachmann für so viel Mut zum Neuen - und für Žurajs Komposition, auch wenn sie mit den seit Schostakowitsch notorischen Posaunenglissandi arbeite: "Die genitale Mechanik wird musikalisch eher diskret gestreift als unverblümt abgebildet. Stattdessen entsteht - taktvoll austariert durch Michael Wendeberg - eine instrumentale Poesie des Taumels. Die Menschen verlieren die Schwerkraft." In der SZ schwankt Helmut Mauró zwischen Faszination und gepflegter Langeweile, denn so leicht lasse sich eine Erzählung nicht in Musiktheater transformieren: "Interessanter noch, aufregend, stimmig ist der orchestrale Unterbau, die oft sublime Stimmungsmaschine dieses zwischen Melancholie und Hysterie changierenden Psychotheaters. Im Orchestergraben wird's Ereignis, dort zupfen, schlagen, streichen und tröten munter engagierte Spitzenmusiker des Ensemble Modern unter Leitung von Michael Wendeberg sich jene weite Welt zusammen, die auf der Bühne selber, zumal im tragenden Part, dem Gesang, selten aufscheint."

Boris Charmatz' "Frühlingsopfer". Bild: Tanztheater Wuppertal

Boris Charmatz
hat seine ersten Abend als Leiter des Wuppertaler Tanztheaters gestaltet. Nicht alles scheint gelungen, aber wenn die beiden Tänzerinnen Malou Airaudo und Germaine Acogny mit ihrer majestätischen Bühnenpräsenz den Stab an die nächste Generation weitergeben, ist FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster elektrisiert: "Diese nächste Generation zeigt am Ende des Abends, dass sie das Sprichwort, wonach man Feuer weitergeben, nicht Asche anbeten soll, wenn es um Tradition geht, verstanden hat. Das afrikanische Tanzensemble, das Pina Bauschs 1975 geschaffene Strawinsky-Choreographie 'Le Sacre du Printemps' tanzt, muss man gesehen haben, es ist besser als jede andere Besetzung, rauer, nüchterner, brutaler gegen sich selbst, ein Wunder an Unerschöpflichkeit, Präzision und Upbeat."

Besprochen werden Saar Magals Tanzstück "10 Odd Emotions" in Frankfurt (taz), Peter Konwitschnys Inszenierung von Verdis "Macht des Schicksals" in Linz (über die Stefan Ender im Standard Jubel und Freude zu Protokoll gibt), ein Musical nach Christa Wolfs Roman "Der geteilte Himmel" in Schwerin (das Welt-Kritiker Stefan Grund als insgesamt starkes, bewegendes Musiktheater lobt), Ulrich Rasches Inszenierung von Büchners "Leonce und Lena" und Yana Ross' Aufführung ovn Tschechows "Iwanow" (FR)  und Maria Lazars "Die Eingeborenen von Maria Blut" am Wiener Akademietheater (FAZ).