Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.02.2024 - Film

Katharina J. Cichosch resigniert in der taz: Würden Museen schließen, wäre der Aufschrei groß, doch wenn Kinos sterben, wird ringsum mit den Achseln gezuckt, gerade auch in der Kulturpolitik. Nur weil Kino automatisch als Kommerz und Konsum gilt? "Dabei entspricht ironischerweise ein durchschnittlicher Ausstellungsbesuch viel eher dem (gerade unter Kunstmenschen) vielgeschassten 'neo-liberalen' Kulturkonsum als der Besuch einer Filmvorstellung im auch sozial durchmischten Treffpunkt Kino. ... Bevor nun weiterhin Kinohäuser für immer geschlossen werden, könnten neue Allianzen aus den heute separierten Ökonomien Kunst und Kino geschmiedet werden: Warum nicht Videokunst im Filmsaal zeigen? Kulturpolitisch geförderte Kooperationen mit Museen und Kunstakademien eingehen? Allein werden sie die Lichtspielhäuser nicht retten. Dafür bräuchte es ein radikales Überdenken der Geringschätzung für den Kulturort Kino."

Weiteres: Elena Oberholzer porträtiert für die NZZ die Schauspielerin Ayo Edebiri, die gerade von einer Auszeichnung zur nächsten geht. Werbeeinblendungen und höhere Preise, dafür aber auch weniger Neuproduktionen: Die goldenen Zeiten des Streamings scheinen vorbei, kommentiert Kurt Sagatz im Tagesspiegel. Für die Presse gleicht Heide Rampetzreiter die Netflix-Serie "Griselda" mit dem wahren Leben der für ihre Skrupellosigkeit berüchtigten Drogenbaronin Griselda Blanco ab. Und die Agenturen melden, dass der aus den "Rocky"-Filmen bekannte Schauspieler Carl Weathers gestorben ist.

Besprochen werden Blitz Bazawules Neuverfilmung von "Die Farbe Lila" als Musical (taz), Kida Khodr Ramadans ARD-Serie "Testo" (FAZ, Tsp), die Netflix-Serie "The Brothers Sun" mit Michelle Yeoh (Presse), Christopher Dolls "Eine Million Minuten" mit Karoline Herfurth und Tom Schilling (Freitag, FD, unsere Kritik), Matthew Vaughns Actionkomödie "Argylle" (FAZ, Welt) und die Amazon-Serie "Mr. und Mrs. Smith" (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.02.2024 - Film

Iran hat den beiden Filmemachern Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha verboten, das Land zu verlassen und im Februar die Berlinale zu besuchen, wo ihr Film "My Favourite Cake" im Wettbewerb läuft. Laut Pressemitteilung des Festivals droht den beiden zudem "in Bezug auf ihre Arbeit ... ein Gerichtsverfahren". Die beiden Filmschaffenden "hatten bereits 2021 auf dem Festival ihr Drama 'Ballad of the White Cow' gezeigt, das vom Justizsystem im Iran und von der Todesstrafe handelt", schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. "'My Favourite Cake' ist ein leichterer Film, mit komödiantischen Elementen, wie Chatrian bei der Vorstellung des Programms sagte. Die Gegenwart in Teheran ist gleichwohl präsent: Im Zentrum des Films steht eine Frau, die ihren Wünschen nicht ganz regelkonform nachgehen möchte."

Strauchelnder Verweigerer: Voodoo Jürgens in "Rickerl"

Adrian Goigingers in Wien spielende Austropop-Komödie "Rickerl - Musik is höchstens a Hobby" mit Voodoo Jürgens ist "eine der lustigsten deutschsprachigen Komödien der letzten Jahre", verspricht Kamil Moll auf Filmstarts. "In entspanntem Erzähltempo erzählt Adrian Goiginger Rickerls Geschichte mit viel Gespür und sichtbarer Liebe für Kneipenpalaver und vermeidet es dabei gekonnt, in sozialmelodramatische Klischees zu verfallen. Der herumstrauchelnde Verweigerer wird nicht als tragischer Fall gezeichnet, sondern als ein moderner Antiheld, der sich mit Schnauze und Schmelz dem Kampf gegen die Zumutungen des Alltags und Arbeitslebens, einem falschen Leben, stellt. 'Wann wirst du endlich in der Gegenwart ankommen?', fragt ihn mal jemand. Seine Antwort darauf: 'Auf die Gegenwart ist g'schissen.'" Auch Artechock-Kritker Axel Timo Purr schließt den Film in sein Herz, der der "herrschenden Moral ein Schnippchen" schlägt. "Dazu gehört dann auch, dass die Menschen hier unverantwortlich handeln, alle rauchen und saufen, auf alles folkloristisch Aufgesetzte scheißen" und "sich dennoch irgendwie alle lieben. Das ist schrecklich, aber auch schön. Das ist grausam, aber auch herzzerreißend."

Außerdem: Florian Weigl resümiert für critic.de die "White Nights"-Ausgabe des Fantasy Filmfests. Leonie C. Wagner porträtiert für die NZZ die Schweizer Schauspielerin Dominique Devenport. Chris Schinke schreibt für den Filmdienst einen Nachruf auf den Regisseur Norman Jewison.

Besprochen werden Agnieszka Hollands "Green Border" (Perlentaucher, Artechock, mehr dazu bereits hier), "Eine Million Minuten" mit Tom Schilling und Karoline Herfurth (Welt), Leiv Igor Devolds "Norwegian Dream" (Artechock), die von Steven Spielberg und Tom Hanks produzierte Serie "Masters of the Air" (NZZ) und Matthew Vaughns Actionkomödie "Argylle" (taz, FD).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.02.2024 - Film

Kalibriert den Blick auf die Politik neu: "Green Border" von Agnieszka Holland

Für die Zeit spricht Matthias Krupa mit der Regisseurin Agnieszka Holland über ihr in den vergangenen Monaten im damals noch nationalkonservativ regierten Polen kontrovers diskutiertes Flüchtlingsdrama "Green Border". Der Film erzählt von illegalen Pushbacks polnischer Grenzbeamte von syrischen Flüchtlingen, die von Lukaschenko nach Belarus geflogen und dann gezielt an der EU-Außengrenze abgesetzt werden. Gedreht hat die polnische Autorenfilmerin bewusst ohne Filmförderung und Anträge, um den Film unbemerkt im Schatten produzieren zu können, auch wenn die Dreharbeiten vom Kriegsbeginn in der Ukraine überschattet waren: "Der Krieg war so groß, er kam für viele so überraschend, obwohl er nicht wirklich überraschend war - warum sollte man sich noch für die Geschichte von einigen Geflüchteten in einer obskuren Ecke Europas interessieren? Aber dann habe ich verstanden, dass es sich im Grunde genommen um dieselbe Geschichte handelt. An der Grenze zu Belarus und beim Angriff auf die Ukraine, in beiden Fällen geht es um die Zerbrechlichkeit Europas. Putins Plan, der große geopolitische Hintergrund, ist die Frage: Wie kann man Europa destabilisieren und spalten? Für einen Diktator sind Flüchtlinge billige Waffen, ein Krieg ist viel teurer."

FAZ-Kritiker Bert Rebhandl ist nach diesem Film fix und fertig: "Es ist kaum vorstellbar, dass Menschen diesen Film ruhigen Bluts verlassen. Man kann nicht anders als mitleiden mit den Protagonisten. Was aber vor allem aus 'Green Border' zu lernen wäre: Engagement beginnt nicht auf einem Rettungsschiff im Mittelmeer oder bei Hilfsaktionen in polnischen Wäldern, sondern bei jedem Behördengang, mit jedem Facebook-Post, in jedem Moment von Gesellschaft. Würden Sie jemandem Ihr Auto leihen, wenn diese Person damit der Grenzpolizei ein Schnippchen schlagen wollte? Agnieszka Holland kalibriert unseren Blick auf die Politik neu." Für die FR bespricht Daniel Kothenschulte den Film.

Außerdem: Ueli Bernays sieht für die NZZ die in Russland und in der Ukraine gleichermaßen erfolgreiche Serie "Slovo Patzana" über Straßengewalt in der Sowjetunion. Kracauer-Stipendiat Leo Geisler gibt im Filmdienst einen Ausblick auf seine Artikelserie, in der er sich im kommenden Jahr mit Heist-Filmen auseinandersetzen will: Ihm geht es dabei um den "Übergang von Disziplin zur Kontrolle". Fabian Tietke empfiehlt im Tagesspiegel die Reihe "Jeonju Digital Project" im Berliner Kino Arsenal. Philipp Bovermann erzählt in der SZ von seinem Treffen mit Austropop-Bohemian Voodoo Jürgens, der aktuell in der (in FR und taz besprochenen) Komödie "Rickerl" im Kino zu sehen ist. Jan Brachmann gratuliert in der FAZ der Schauspielerin Christine Schorn zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Christopher Dolls Aussteigerfilm "Eine Million Minuten" (Perlentaucher), die DVD-Ausgabe von Radu Ciorniciucs Dokumentarfilm "Acasa" über eine Roma-Familie (taz), Matthew Vaughns Actionkomödie "Argylle" (Tsp), Marc Turtletaubs Tragikomödie "A Great Place to Call Home" (Standard), Ulrike Wiebrechts Buch "Marlene Dietrich in Berlin" (Tsp), die von Steven Spielberg produzierte Serie "Masters of the Air" (für die SZ online nachgereicht vom TA), die Netflix-Serie "Griselda" (Welt, mehr dazu bereits hier), der auf Arte gezeigte französische Sechsteiler "Hafen ohne Gnade" (FAZ), die Amazon-Serie "Mr. & Mrs. Smith" (Presse), die auf Youtube bereits sehr erfolgreiche, nun noch einmal im TV ausgestrahlte SR-Doku "NS-Ärzte: Ihre Verbrechen, ihre Karrieren" (taz) und Timm Krögers "Die Theorie von allem", der nun auch in der Schweiz startet (NZZ). Außerdem informiert das SZ-Filmteam, welche FIlme sich diese Woche lohnen und welche nicht. Und hier der Überblick mit allen Filmdienst-Kritiken in dieser Woche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.01.2024 - Film

Im Standard empfiehlt Bert Rebhandl dem Wiener Publikum die Retrospektive Barbara Albert im Filmarchiv Austria. Besprochen werden Agnieszka Hollands polnisches, seit seiner Premiere beim Filmfestival in Venedig kontrovers diskutiertes Flüchtlingsdrama "Green Border" (taz, Tsp), Lisa Gerigs Doku "Die Anhörung", für die Geflüchtete ihre Anhörungen nachspielen (NZZ), die BluRay-Ausgabe der dritten Staffel von Lars von Triers Serie "Geister - Exodus" (FD), Adrian Goigingers Austropopkomödie "Rickerl" mit Voodoo Jürgens (Tsp) und Marc Turtletaubs Komödie "A Great Place to Call Home" mit Ben Kingsley, Jane Curtin und Harriet Harris (FD, FAZ)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.01.2024 - Film

Experimentierfreudig: "Electric Fields" von Lisa Gertsch

Das 45. Filmfestival Max Ophüls Preis ist zu Ende. Lisa Gertschs Langfilmdebüt "Electric Fields" wurde gleich in drei wichtigen Kategorien (Bester Spielfilm, Bestes Drehbuch und Preis der Filmkritik) ausgezeichnet. "Die Schweizer Regisseurin übersetzt für ihren schwarz-weißen Episodenfilm Träume in reale Umgebungen", schreibt dazu Jenni Zylka in der taz und beobachtet: "Das Surreale in Gertschs Film, das sich in ruhigen, an den schwedischen Regisseur Roy Andersson gemahnenden Sequenzen durch das Reale frisst, steht symptomatisch für die aktuelle, fingerfertige Lust am Absurden, die momentan viele deutschsprachige Produktionen umarmen." So zeigte sich beim Festival "ein größeres Genrevertrauen und eine gestiegene Experimentierfreudigkeit der Nachwuchstalente." Hier alle ausgezeichneten Filme mit den Jurybegründungen.

Gut dokumentierte Kaltblütigkeit: "Griselfa" (Netflix)

Für Aufsehen sorgt gerade die Netflix-Miniserie "Griselda" über die Drogenbaronin Griselda Blanco, von der kolportiert wird, dass selbst Escobar vor ihr erzitterte. Noemi Ehrat hat auf Zeit Online allerdings Vorbehalte, denn mit dieser Figur soll man durchaus mitfiebern: Die "gut dokumentierte Kaltblütigkeit Blancos" wird dabei gerne mal unter den Tisch gekehrt, "meistens schreckt die Serienversion der Figur sogar vor Gewalt zurück, setzt sie nur als scheinbar notwendiges Übel ein. ... Gerade weil 'Griselda' die Drogenhändlerin zum feministischen Underdog verklärt, drängt sich die Frage auf, woher das Bedürfnis kommt, ausgerechnet eine Mörderin als mitfühlend und reumütig darzustellen. War es für die Serienschöpfer unvorstellbar, dass auch Frauen gewissenlos und brutal sein und sogar psychopathische Züge tragen können?"

Außerdem: Jean-Martin Büttner verneigt sich in der NZZ vor Larry David, dessen Comedyserie "Curb Your Enthusiasm" Anfang Februar mit ihrer zwölften und letzten Staffel beginnt. Andreas Kilb schreibt in der FAZ einen Nachruf auf die Schauspielerin Sandra Milo. Besprochen werden Adrian Goigingers "Rickerl - Musik is höchstens a Hobby" mit Voodoo Jürgens (FD), Dennis Albrechts Dokumentarfilm "KinoKinoKino" über das Kinosterben (taz), die Disney-Serie "Das große Krabbeln" (FAZ) und die Arte-Doku "USA gegen Hitler" (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.01.2024 - Film

In "Die Ausstattung der Welt" stehen ausnahmsweise mal die Dinge im Vordergrund

Susanne Weirichs und Robert Bramkamps Dokumentarfilm "Die Ausstattung der Welt" versenkt sich in drei Archiven in die Geschichte der Filmrequisiten und des Filmfundus. Sie alle "befinden sich in einem ständigen Prozess des Archivierens, Auszeichnens, Dokumentierens, und diese Prozesse haben ihre Geschichten", schreibt Georg Seeßlen in der Jungle World. "In rhythmischer Wiederkehr zeigen Filmausschnitte, was aus den Sachen werden kann, wenn sie aus ihrem Schlaf im Fundus erwachen. Die Geschichten der Sachen werden in die Vergangenheit, in die Gegenwart und in ihre einzige Zukunft, nämlich im Film, hineinerzählt. ... Es ist eine cineastische Kunst, mit wenigen, aber genau gewählten Dingen eine Geschichte zu erzählen. Insofern kann man 'Die Ausstattung der Welt' auch als Forderung verstehen, achtsamer, bewusster mit den Dingen im Film umzugehen. Die Vergrößerung des Sichtraumes durch neue Techniken zwingt dazu, ihn mit lauter Sachen zu füllen. Wie gut ein Film ist, kann man auch daran sehen, wie viel Respekt und Interesse alle Beteiligten (einschließlich der Schauspieler) den Sachen entgegenbringen." Der "Hintergrund wird Vordergrund", ruft Kerstin Decker im Tagesspiegel über diesen "schönen, aufmerksamen Film", der die unauffälligsten Elemente eines Kinofilms in den Rang von Stars erhebt: "Die Dinge treten immer wieder unvermittelt in Aktion, in kurzen, gut montierten Filmsequenzen - von 'Kolberg' bis 'Gundermann' - und wir haben nun gar kein Auge mehr für die Schauspieler, sondern nur mehr für eine kleine Fahne, ein Telefon, eine Karaffe oder was wir sonst gewöhnlich übersehen."

Witzig und verpeilt: "The Woddafucka Thing"

Tim Caspar Boehme freut sich in der taz über Gianluca Valleros Kreuzberger Indie-Ganovenfilm "The Woddafucka Thing": Der Film "ist eine schnörkellose Komödie, in gestochenem Schwarzweiß gefilmt und ohne Förderung über sechs Jahre hinweg entstanden. Der Film leistet vieles von dem, was üppig geförderte Filme in Deutschland oft vermissen lassen. Er hat, das ist schon ein großes Verdienst für sich, einen spontanen Witz, der weder bemüht-verkrampft noch dämlich-steril daherkommt. ... Übermäßig streng erzählt ist das alles nicht unbedingt, Vallero mag es lieber angenehm verpeilt. Was eine ungezwungene Form ergibt für ernsthafte Fragen, die er auf diese Weise angeht. Begonnen mit Dingen wie Gentrifizierung, die sich in Gestalt von Mietwucherern manifestiert, bis hin zu alltäglichem Rassismus."

Weitere Artikel: Jörg Taszman fasst für den Filmdienst die heftige Diskussion in Polen um Agnieszka Hollands Flüchtlingsdrama "Green Border" zusammen, das jetzt auch bei uns anläuft. Besprochen werden Alexander Paynes "The Holdovers" (Jungle World, Standard, unsere Kritik), das ARD-Porträt "Ich habe Auschwitz überlebt - Die Zeitzeugin Eva Umlauf" (FAZ), Thomas Siebens Horrorfilm "Home Sweet Home" (FAZ) sowie Samantha Jaynes und Arturo Perez Jrs Musicalneuverfilmung von "Mean Girls" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.01.2024 - Film

Im Geisterreich des Zwanzigsten Jahrhunderts: "Märchen" von Alexander Sokurow

"Märchen" ist wohl Alexander Sokurows letzte Filmarbeit. Der vergangenes Jahr in Locarno präsentierte Animationsfilm führt "in ein Schattenreich, wo Europas Protagonisten des Zweiten Weltkriegs, Hitler, Stalin, Mussolini, aber auch Churchill auf Gottes Urteilsspruch warten", schreibt Kerstin Holm in der FAZ. In Russland wurde dem Film die Verleihlizenz verwehrt, wohl auch weil Stalin in dem Film so gar nicht gut wegkommt - auf Youtube ist der Film allerdings, wenn auch ohne vernünftige Untertitel, zu finden. "Es ist eine schwarze Komödie über die Unbesiegbarkeit des Bösen. Die Helden verdoppeln, verdrei- und vervierfachen sich wie durch Knospung, sie reden aneinander vorbei in banalen Repliken, die Sokurow aus Originalzitaten kompiliert hat, jeder in seiner Sprache: Hitler, der Redseligste, verspottet Christus auf Deutsch und schwatzt, die Deutschen müssten die Welt beherrschen, weil sie die besten Soldaten, Baumeister, Musiker, Denker seien - es störten nur die Juden. Stalin fragt ironisch auf Georgisch, wie es wohl seinem geliebten russischen Volk gehe, und brummelt, er habe viel gemetzelt, aber das sei stets verdient gewesen, ein Rasen müsse kurz geschnitten werden bis auf die Graswurzeln. Mussolini schwadroniert auf Italienisch über schöne Uniformen und erscheint mal mit nacktem Oberkörper, mal zu Pferd."

Das Team von critic.de (darunter auch einige für den Perlentaucher tätige Autoren) sendet Notizen mit ihren Entdeckungen auf dem Hofbauerkongress, der sich wie jedes Jahr Anfang Januar in Nürnberg zugetragen hat. Es ist wohl das einzige Festival, bei dem "Animationsfilm neben Schmachtfetzen, Schwulenporno neben Bollywood, Dokumentarfilm neben argentinischem Noir stehen kann, als sei es das Selbstverständlichste der Welt", schwärmt etwa Florian Widegger. "Das Kino wird hier zum derzeit vielbeschworenen Safe-Space - aber unter anderen Vorzeichen: Die Filme selbst sind es, die hier unter 'Schutz' stehen und mit ihnen die Offenheit, Neugierde und die Intelligenz des Publikums." Beeindruckend war etwa Dieter Geisslers "Wunderland der Liebe" (1970): Dieser Film "hätte ein peinlicher Pseudo-Report werden können", doch "legt der Film ein gebührliches Maß an Ernsthaftigkeit an den Tag, bei dem sich die Macher tatsächlich für die Menschen und ihre jeweiligen Einstellungen zu interessieren scheinen. Ob Happenings im Pfarrhaus, Performances diverser Bürgerschrecks (u. a. Otto Mühl), der Lebens- und Liebesalltag in einer Kommune - wo ähnlich gelagerte Filme sonst den moralischen Zeigefinger heben und alles, was nicht der Norm entspricht, verurteilen, legen Geissler & Co eine ungewöhnliche Offenheit an den Tag."

Weitere Artikel: Florian Weigl berichtet für critic.de das Berliner Festival "Unknown Pleasures", das aktuelles US-Indiekino zeigt. Irene Genhart resümiert im Filmdienst die Solothurner Filmtage. Der Tagesspiegel fragt sich und seine Experten, ob die zweieinhalb deutschen Oscarnominierungen (Wim Wenders geht bekanntlich für Japan ins Rennen) wirklich einein Ego-Booster für den deutschen Film darstellen. Welt-Kritikerin Marie-Luise Goldmann hält Greta Gerwigs nicht als "bester Film" nominierte Komödie "Barbie" (unsere Kritik) für klüger als alle in dieser Kategorie nominierten Filme zusammen. Susan Vahabzadeh porträtiert für die SZ die Schauspielerin Karoline Herfurth. Die vor 80 Jahren uraufgeführte Pennälerklamotte "Die Feuerzangenbowle" mit Heinz Rühmann sei nur vordergründig ein harmloser Spaß, aber in Wirklichkeit -  "die autoritären Fantasien, der heitere Opportunismus, die Flucht in eine Vergangenheit, die es so nie gab" - ein getarntes Vehikel für NS-Propaganda, schreibt Sonja Zekri in der SZ - dass mittlerweile eine AfD-Politikerin die Rechte daran hält und also mit jeder Auf- und Vorführung daran verdient, komme noch erschwerend hinzu.

Besprochen werden die Amazon-Serie "The Expats" mit Nicole Kidman (Tsp) und Dito Tsintsadzes Russenmafia-Film "Roxy" mit Devid Striesow (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.01.2024 - Film

Die Zukunft des deutschen Film liegt in der Lust am Intellektuellen: "Wo keine Götter sind, walten Gespenster" von Bastian Gascho (dffb)

"Hier ist sie noch, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft des deutschen Films", freut sich Rüdiger Suchsland auf Artechock nach dem Besuch des Filmfestivals Max Ophüls Preis in Saarbrücken. "Wo keine Götter sind, walten Gespenster" des dffb-Absolventen Bastian Gascho etwa entpuppte sich als echte Entdeckung, bis oben hin vollgepackt mit Referenzen für Filmkenner: "Man muss es sehen, denn alles Erzählen kratzt hier nur an der Oberfläche", der Film "ist erkennbar von Godard, Lemke und Thome, aber auch von der Berliner Volksbühne und von Max Linz und Julian Radlmaier beeinflusst. ... Allerdings ist dieser Film besser als Radlmaiers letzte Filme, und auch wenn hier kaum je eine Figur lacht (oder genau darum?), humorvoller. Kamera und Schnitt sind fehlerlos, Kostüme, Ausstattung, Musik sind in Auswahl und Einsatz exzellent, am meisten bewundern muss man aber das Buch und die Regie des Ensembles, bei dem keiner abfällt. ... Ein großartiger Film, genau das, was das deutsche Kino so dringend braucht: Leichtigkeit, Lust und Spielfreude, auch Lust am Intellektuellen, ohne dass es in deutsche Schwere und Schwerblütigkeit mündet." In der ARD-Mediathek gibt es ein viertelstündiges Filmgespräch.

Außerdem: Die deutsche Produzentenallianz fordert laut Verdi empfindliche Honorarsenkungen und die Möglichkeit, zusätzlich kostensenkend KI einsetzen zu können, berichtet Rüdiger Suchsland auf Artechock. Für Artechock sprach Thomas Willmann mit dem Schauspieler Paul Giamatti, der aktuell in Alexander Paynes "The Holdovers" (besprochen in Tagesspiegel und bei uns) zu sehen ist. Andreas Scheiner resümiert in der NZZ das Schweizer Filmangebot der Solothurner Filmtage.

Besprochen werden Isa Willingers Dokumentarfilm "Plastic Fiction" (FAZ), die von Steven Spielberg und Tom Hanks mitproduzierte Apple-Serie "Masters of the Air" (Tsp), Hirokazu Kore-edas "Die Unschuld", der bei uns erst Ende März anläuft (TA, NZZ), die Paramount-Serie "Sexy Beast" (FAZ) und eine Musicalneufilmung von "Mean Girls" (Tsp, Standard). Und hier der Überblick mit den aktuellen Kritiken von Artechock.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.01.2024 - Film

Erneut ein Blick auf die Opfer: "Stella. Ein Leben" mit Paula Beer

Mit "Stella. Ein Leben" erzählt Kilian Riedhof (mit Paula Beer in der Titelrolle) die Geschichte von Stella Goldschlag, einer jüdischen Kollaborateurin in Nazi-Deutschland, die vor ein paar Jahren bereits durch Takis Würgers kontrovers diskutierten Roman "Stella" in Erinnerung gerufen wurde. "Die Ambivalenz zwischen Opfersein und Täterschaft ist so sehr Mittelpunkt der Erzählung, dass jede andere Ambivalenz dahinter verloren geht", schreibt Robert Wagner im Perlentaucher. "Zuweilen lässt sich kaum das Gefühl abschütteln, dass wir Argumente Für und Wider geliefert bekommen, die vor allem uns, die Zuschauer, dazu befähigen sollen, auszudiskutieren, ob sie eher Täter oder Opfer war." Mitunter gerät der Film "zur Kitsch-Experience des hundertfach Gesehenen", ärgert sich Andreas Kilb in der FAZ. "Weil er für alles, was er zeigen will, eine Formel findet, findet der Film für nichts eine Form."In der taz lobt Wilfried Hippen Paula Beers schauspielerische Leistung: "Da stimmt jeder Ton und jede Geste. "

"Durchaus zu Unrecht" wurde der Film bei seiner Premiere beim Filmfest Zürich verrissen, findet Gunda Bartels im Tagesspiegel: "Nicht psychologisieren, sondern nachspüren, wie aus Stella die 'Greiferin' werden konnte, das ist die durchaus angreifbare, aber erzählerisch überzeugend ausgeführte Haltung des Dramas." Riedhof "zeigt die spätere Antisemitin Goldschlag, die von 1943 bis 1945 für den Tod hunderter, womöglich tausender Menschen verantwortlich war, als Menschen. Was könnte beunruhigender sein?" Sophie Albers Ben Chamo sah den Film für die Jüdische Allgemeine bei einem Special Screening, bei dem auch Michel Friedman zu Gast war. Dieser "entschuldigt sich zuerst höflich, vernebelt die Köpfe mit ein paar Abschweifungen, sagt, dass er nichts bewerten wolle, um dann in aller Schärfe rauszuhauen, was er denkt: Die Nachfahren der Täter sollten endlich damit beginnen, sich die Taten in ihren eigenen Familien anzusehen, anstatt auf die Opfer zu starren, die zu all dem rein gar nichts konnten. 'Damit wir lernen, wie das Gift des Hasses überhaupt in die Menschen eindringen konnte.'"

Immer perfekt auf der Kippe: Dominic Sessa (re.) neben Paul Giamatti in "The Holdovers"

Alexander Paynes "The Holdovers" erzählt von einem Internat um 1970. Perlentaucher Kamil Moll ist nicht nur begeistert vom großartigen Paul Giamatti in der Hauptrolle ("ein Richard Dreyfuss unserer Zeit" mit einer "eigenen Comedy-Methodik"), sondern auch vom ganzen Film, der seinen Regisseur nach einer kurzen, aber irrigen Blockbuster-Phase wieder ganz auf dem Pfad der Tugend angekommen zeigt mit diesem "charakterzentrierten Dramenkino mit Komödiensensibilität": "Möglicherweise ist dieser Rückgriff auch ein Blick nach vorne: Zu einem Zeitpunkt, an dem das den amerikanischen Mainstream dominierende Franchise-Kino der letzten anderthalb Jahrzehnte kommerziell immer weiter ausbrennt, ist 'The Holdovers' einer der bislang entschiedensten und gelungensten Versuche einer restaurativen Besinnung auf lange brach liegende Genre-Traditionen, die wieder einen neuen Anfang verheißen könnten." Bert Rebhandl freut sich in der FAZ über die Entdeckung von Dominic Sessa, der hier in der Rolle des Angus sein Kinodebüt gibt: Er spiel "vibrierend, immer perfekt auf der Kippe."

Weitere Artikel: Dass bei den Oscarnominierungen zwar Ryan Gosling als Ken, aber nicht Margot Robbie als Barbie und vor allem nicht Greta Gerwig als "Barbie"-Regisseurin nominiert wurden, sorgt bei vielen für erwartbaren Ärger, schreibt Beate Hausbichler im Standard. Valerie Dirk formuliert im Standard zu diesem Eklat (den Pascal Blum im Tagesanzeiger einfach nur peinlich findet) drei Thesen und zwei Fragen. Katrin Gottschalk lässt in der taz zumindest ein bisschen die Luft aus dem Ärger raus: Dass Margot Robbie nicht als beste Schauspielerin nominiert ist, findet sie völlig in Ordnung, aber Greta Gerwig wurde hier um eine verdiente Chance auf ihren ersten Goldjungen gebracht. Leonie C. Wagner porträtiert für die NZZ Sandra Hüller.

Besprochen werden Stephan Komandarevs rumänischer Film "Eine Frage der Würde" (taz), Katrin Rothes Animations-Biopic "Johnny & Me" über John Heartfield (Freitag), die "Mean Girls"-Neuverfilmung in Form eines Musicals (Presse) Antonin Svobodas MeToo-Drama "Persona Non Grata" (Standard), Sebastian Brauneis' "Die Vermieterin" (Standard), die Netflix-Serie "Griselda" (taz) und die Apple-Serie "Masters of the Air" (Zeit Online). Außerdem informiert uns das SZ-Team welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht. Und hier der Überblick über alle Filmkritiken des Filmdiensts zur aktuellen Kinowoche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.01.2024 - Film

Hat gut lachen: Sandra Hüller in "Anatomie eines Falls"

Die Oscarnominierungen stehen fest - und Sandra Hüller ist für "Anatomie eines Falls" (unsere Kritik) tatsächlich in der Kategorie "Beste Hauptdarstellerin" nominiert. Außerdem sind İlker Çatak (für seinen Film "Das Lehrerzimmer", außerdem hier im Gespräch mit Zeit Online) und Wim Wenders (für "Perfect Days") für den besten internationalen Film nominiert - Wenders geht allerdings für Japan ins Rennen. Das "Barbenheimer" benannte Blockbuster-Konkurrenz der letzten Sommer-Saison zwischen "Oppenheimer" und "Barbie" ist im übrigen fast schon vorab entschieden: 13 Nominierungen sind es für Nolans Atombombenverfilmung, lediglich acht für Greta Gerwigs Spielzeugverfilmung - Andrey Arnold in der Presse mit Details. Außerdem freut sich Arnold riesig über die internationale Anerkennung, die Sandra Hüller in den letzten Monaten zuteil wurde: Ihr liegt das "Rollenfach der stets Uneindeutigen. In einer Zeit, in der das Symbol- und Typenhafte regiert, lassen sich ihre Filmfiguren selten auf eine Interpretation reduzieren. Das floskelhafte Adjektiv 'vielschichtig' trifft auf sie wirklich zu. Und paart sich mit einer emotionalen Intensität, die nicht nur im deutschen Film ihresgleichen sucht, weil ihr das Deklamatorische fehlt. ... Beide mimischen Pole, das Verkrampfte, Verlegene und das Impulsive, Eruptive, beherrscht Hüller aus dem Effeff."

"Hüller darf durchaus als eine der Favoritinnen gelten", ist sich Daniel Kothenschulte in der FR sicher, "auch wenn die Konkurrenz beachtlich ist: darunter Lily Gladstone, die als erste amerikanische Ureinwohnerin als Beste Schauspielerin nominiert wurde, für ihre bezwingende Darstellung in Martin Scorseses 'Killers of the Flower Moon'. Ebenfalls nominiert sind Emma Stone, die in 'Poor Things' einer Kunstfigur zu enormer physischer Präsenz verhalf, und Carey Mulligan, die in 'Maestro' mit leiser Hand ihren Filmpartner und Regisseur Bradley Cooper geradezu an die Seite der Leinwand spielte." Heide Rampetzreiter ärgert sich in der Presse, dass "Barbie"-Regisseurin Greta Gerwig nicht für die beste Regie nominiert ist.

Georg Seeßlen schreibt auf Zeit Online zum Tod des kanadischen Hollywood-Regisseurs Norman Jewison. "Im Gedächtnis der Filmkultur wird er nicht nur wegen einiger herausragender und, wie im Falle des Südstaaten-Rassismus-Cop-Thrillers 'In der Hitze der Nacht', auch wagemutiger Filme bleiben, sondern ebenso als Repräsentant einer Zwischengeneration." Er wollte "die heiligen Kühe der Traumfabrikation nicht um jeden Preis in ihrer ewigen Unantastbarkeit bewahren, er hatte aber auch nicht vor, sie berserkerhaft zu schlachten, wie es Jewisons Nachfolgegeneration versuchte. Bei ihm wurden Stars wieder das, woraus sie ursprünglich entstanden waren, nämlich Schauspielerinnen und Schauspieler, und bei ihm wurden die Hollywood-Genremythen ebenso wie die großen Showelemente nicht zerstört, öffneten sich aber stets zu einem menschlichen und sozialen Hintergrund." Weitere Nachrufe schreiben Edo Reents (FAZ) und Harry Nutt (FR).

Weiteres: Thomas Abeltshauser spricht für den Freitag mit dem Regisseur Alexander Payne über dessen (in der taz besprochenen) Film "The Holdovers". Die Deutsche Kinemathek wird, nachdem das Berliner Filmhaus 2025 seine Tore schließen wird, zumindest fürs Erste im nahegelegenen Umspannwerk eine Übergangsheimat finden, meldet Andreas Busche im Tagesspiegel. Besprochen werden Kilian Riedhofs "Stella" mit Paula Beer (FD, SZ), die Musical-Neuverfilmung von "Mean Girls" (Welt), Dito Tsintsadzes "Roxy" (FD) und die Netflix-Serie "Boy Swallows Universe" (taz).