Gestern hat die Berlinale ihr Programm präsentiert. Hier der Youtube-Stream der Pressekonferenz in voller Länge, Andreas Kilb (FAZ) und Christiane Peitz (Tsp) fassen aber auch die wichtigsten Informationen bündig zusammen. Felicitas Kleiner räumt im Filmdienst gerne ein, dass sie anfangs skeptisch war, ob dieser Abschlussjahrgang für das Duo Rissenbeek/Chatrian nicht etwas sehr in der Luft hängen werde - doch am Ende spricht das Programm für sich: Filme von unter anderem BrunoDumont, OlivierAssayas, MatthiasGlasner, AndreasDresen, ViktorKossakowski sowie SeverinFiala und VeronikaFranz locken ein informiertes Arthauspublikum nach Berlin. "Stolz können die Programm-Macher nicht zuletzt darauf sein, dass es ihnen gelungen ist, AbderrahmaneSissako, den Grand Seigneur des afrikanischen Kinos, mit seinem jüngsten Film für den Wettbewerb zu gewinnen."
Andreas Busche hält im Tagesspiegel schon mal Rückschau auf die nur fünf Jahrgänge währende Ära der Festival-Doppelspitze: "Zwar hat Chatrian durchaus gezeigt, wie man ein Filmfestival von der Größenordnung Berlinale kuratorisch gestalten kann. Er hat aber auch kein Mittel gegen die Unwägbarkeiten des globalen Kinomarktes und die Konkurrenz Cannes und Venedig gefunden. Das sind Hoffnungen, die sich künftig auf die NachfolgerinTriciaTuttle fokussieren. ... Wobei sich das Berliner Publikum, das zeigt schon die Zahl der verkauften Tickets im vergangenen Jahr, durchaus bereit gezeigt hat, der cinephilen Neugier des Festivalchefs zu folgen. ... Dass Chatrian und Rissenbeek in ihrem letzten Jahr eine Art Mangelwirtschaft verwalten müssen (ohne Not übrigens, wie sich nach der kurzfristigen Budgetaufstockung durch Roth heraugestellt hat), ist leider bezeichnend für ihre glückloseAmtszeit, die von globalen Krisen geprägt war." Außerdem berichten Tim Caspar Boehme (taz) und Thomas Hummitsch (Intellectures) von der Programmpräsentation.
Außerdem: Andreas Scheiner hat für die NZZ mit dem Schauspieler PaulGiamattigeplaudert, der aktuell als Scheusal in "The Holdovers" zu sehen ist. Die Agenturen melden, dass Hollywood-Regisseur NormanJewison im Alter von 97 Jahren gestorben ist. Besprochen werden RomanPolanskis "The Palace" (Welt, unsere Kritik) und die Paramount-Serie "The Curse" mit EmmaStone (Presse).
Alles ist ausgeschnitten: "Johnny & Me" von Katrin Rothe (Real Fiction) Wolfgang Hamdorf spricht für den Filmdienst mit der Animationsfilmerin KatrinRothe über den Collagenkünstler JohnHeartfield, dem sie sich in ihrem zwischen Doku und Fiction sowie zwischen Real- und Trickfilm changierendem "Johnny & Me" nähert. Gegenstand und Form passen da ganz wunderbar zusammen, immerhin ist Heartfield "ein Collagenkünstler, den man wunderbar mit Collagenanimationsfilm zum Leben erwecken kann. ... Mein Film ist handgemacht, alles ist ausgeschnitten. Ich bewege die Teile Bild für Bild einzeln via Stop-Motion unter der Kamera. Die Bilder werden dann in den Computer übertragen. Man sieht das Ergebnis sofort, man kann es kontrollieren. Der gestalterische Prozess ist intuitiver, das spürt man im Film; die Animationen sind von ganz großartigen Animatoren gemacht, die diese Pappe unwahrscheinlich lebendig werden lassen und John Heartfield dadurch ganz nahebringen. Der Film ist auch eine Einladung zu eineinhalb Stunden 'digital detox'; man sieht alte Scheren und alte Schachteln."
Hin und weg ist Marcus Hammerschmitt in der Jungle World von den vier auf Geschichten von RoaldDahl basierenden Kurzfilmen, die WesAnderson für Netflix gedreht hat: Nicht nur, wie Anderson die Puppenstubenhaftigkeit seiner Ästhetik immer weiter dekonstruiert, imponiert ihm, sondern auch, wie der Filmemacher Dahl vor Dahl rettet: Zu sehen gibt es in den Filmen "Kritik an Klassendünkel, Rassismus und Grausamkeit", aber "wurde Roald Dahl in den vergangenen Jahren nicht vorgeworfen, er habe in seinen Geschichten und in Interviews selbst Rassismus, Antisemitismus und Sexismus verbreitet? In der Tat, und die Vorwürfe lassen sich gut begründen. Den Hass auf Israel und die Juden, den Dahl vor allem in späteren Jahren geäußert hat, kann man fast als Blaupause für die derzeit wieder einmal aufblühende antisemitische Hetze sehen. Wes Anderson ist mit seinen neuen Dahl-Verfilmungen eine schwierige Mission geglückt: Er hat den wunderbaren Erzähler vor dem hasserfüllten Schwätzer Dahl in Schutz genommen und das an Dahl gerettet, was gerettet werden konnte und sollte."
Nachdem die Grimmepreis-Jury mitgeteilt hat, dass sie zu wenig gutes Material vorliegen hatte, um ihre vollen 15 Nominierungsplätze auszuschöpfen, gibt es in der deutschen Filmbranche wieder schlechte Stimmung. Auf Welt+ kann Marie-Luise Goldmann das gar nicht verstehen: Ob in den Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen oder im Streamingangebot der kommerziellen Anbieter - selten habe es geballt so viele überzeugende deutsche Produktionen gegeben wie in den letzten Monaten. Auch künstlerisch stimme die Lage: "Wann hatten wir zuletzt eine Schauspielerin mit solch internationaler Strahlkraft wie SandraHüller? Wann war Deutschland bei einer Oscar-Verleihung je so präsent wie in den vergangenen zwei Jahren? So viele Probleme Deutschland aktuell auch hat - reden wir uns nicht schlechter als wir sind."
Außerdem: Matthias Lerf erzählt im Tages-Anzeiger von seiner Begegnung mit dem Schauspieler PaulGiamatti. Mariam Schaghaghi spricht für die Presse mit WillemDafoe über dessen neuen Film "Poor Things" (unsere Kritik). Die Filmkritikerin (unter anderem für den Perlentaucher) Olga Baruk kommt als junge Mutter zwar kaum mehr zum Filmeschauen, erzählt sie auf Zeit Online, aber dafür entschädigen sie die Geräusche aus der Nachbarwohnung. Besprochen werden RomanPolanskis "The Palace" (FAZ, unsere Kritik) und KaoutherBenHanias Dokumentarfilm "Olfas Töchter" (FAZ).
Das Berlinale-Forummeldet auf Facebook, dass nun auch SuneilSanzgiri ihre Installation "Two Refusals" wegen Unterstützung der Kampagne "StrikeGermany" aus dem Festivalprogramm abgezogen hat. Zuvor hatte AyoTsalithaba seinen Film "Atmospheric Arrivals" zurückgerufen, um damit ein Zeichen gegen die angebliche "rassistische und faschistische Zensur der deutschen Regierung" zu setzen (für das Elend, zu dem die Hamas die Menschen im Gazastreifen, mit denen er sich angeblich solidarisiert, seit vielen Jahren verdammt, findet der Filmemacher allerdings keine vergleichbar deftigen Worte). Die unterwürfige Reaktion der Festivalsektion ärgert wiederum den Filmemacher ChristophHochhäusler in einem Facebook-Kommentar darunter: "Es ist mir unverständlich, warum ihr so einfühlend von 'Respekt" und 'Gewissensfreiheit' schreibt, während Ayo Tsalithaba (...) eine maximal diffamierende, uniformierte Position einnimmt, die eine Diskussion gar nicht mehr zulässt. Das sanfte Säuseln eures Bedauerns gegenüber diesem Affront passt für mich nicht zu der Tatsache, dass ihr ein öffentlich finanziertes Festival seid."
Außerdem: Elmar Krekeler spricht für die Welt mit dem Schauspieler FelixKramer, der in der ARD-Mysteryserie "Oderbruch" (besprochen in der FAZ) die Hauptrolle spielt. Bei einem Abend in Wien wurden neue, geförderte Drehbücher vorgestellt, berichtet Valerie Dirk im Standard. Magdalena Pulz porträtiert für den Tages-Anzeiger den Schauspieler JacobElordi. Bully Herbig dreht 2024 eine Fortsetzung seines Blockbusters "Der Schuh des Manitu", meldet David Steinitz in der SZ.
Besprochen werden KaoutherBenHanias "Olfas Töchter" über junge Tunesierinnen, die sich dem IS anschließen (Tsp), Adrian Goigingers "Rickerl" mit VoodooJürgens (Standard), die indische Netflix-Serie "Killer Soup" (Presse) und die auf Paramount gezeigte Serie "The Woman in the Wall" (FAZ).
Rüdiger Suchsland wundert sich auf Artechock darüber, dass das Aus für die beiden Vorstände der BabelsbergerFilmstudios auffallend zögerlich nach Außen kommuniziert wurde. Um die Studios, in den Neunzigern noch als Hoffnungsträger für einen international attraktiven Produktionsstandort Deutschland gehandelt, steht es in letzter Zeit sehr schlecht: "Die Pandemie hat Babelsberg getroffen, die allgemeine Kinokrise ist viel stärker geworden. Es gab Kurzarbeit und Auftragsmangel. Und es gab 2023 keine einzige Hollywoodproduktion - natürlich haben da die Streiks in den USA auch nicht geholfen. Zugleich leiden Filmstudios heute keineswegs unter Auftragsmangel. Studios sind im Prinzip gut beschäftigt. Aber die deutschen Studios können - auch wegen der VersäumnissederFilmförderung - nicht mit der scharfen internationalen Konkurrenz mithalten. Selbst deutsche Produktionen - Kino wie Serien - drehen in Budapest und Prag oder in Rumänien. In diesen Ländern locken nicht zuletzt Steuervorteile die Produzenten."
Rettet den Stummfilm, ruft Patrick Holzapfel in der NZZ anlässlich des Stummfilmfestivals im Filmpodium Zürich. Dabei geht es ihm zwar auch, aber beileibe nicht nur ums Archivieren und Verwalten. Sondern vor allem ums freudige Wiederentdecken und Schöpfen aus den Vollen: Denn "im Stummfilm herrscht ein ungetrübter Glaube an die visuellen Möglichkeiten vor. ... Sieht man Stummfilme, kann man nicht aufs Handy schauen oder bügeln, denn man würde alles verpassen. Lässt man sich auf sie ein, merkt man erst, wie vollgetextet die meisten Bilder sind, die heute produziert werden. Ständig werden uns potenzielle Bedeutungen vorgekaut und Interpretationen ins Ohr gesetzt. Seien es Sportkommentatoren, unzählige Podcasts und Talkshows oder Filme, in denen mehr geredet wird, als man hören kann. Oft wird von unerträglichen Bilderfluten berichtet, längst aber sind es die Interpretationen der Bilder, vor denen man sich retten muss. Stummfilme bieten da trotz den bisweilen erklärenden Zwischentiteln einen anderen, durchaus befreienden Ansatz", in ihren hält sich "eine aufregendeAmbiguität".
Weitere Artikel: Der Londoner Filmemacher AyoTsalithaba hat im Zuge der "Strike Germany"-Kampagne seinen Film "Atmospheric Arrivals" aus dem Programm des Forum Expanded der Berlinaleabgezogen. Anna Bitter führt auf Artechock durch die Filme von CatherineBreillat, deren "Im letzten Sommer" (unsere Kritik) gerade in den Kinos läuft. Lukas Foerster resümiert für Cargo das Kölner Symposium "Prozessieren" über juristische Verfahren im Dokumentarfilm. Dunja Bialas empfiehlt auf Artechock die Retrospektive ClaireSimonim Filmmuseum München. Arne Koltermann blickt für den Filmdienst auf die Geschichte des Radios im Film. Marian Wilhelm informiert sich für den Standard, was es mit dem neuen Berufsfeld der IntimitätskoordinationbeiDreharbeiten auf sich hat. Eva Dinnewitzer schaut sich für die Presse den Hype um Jeremy Allen Whites Muskelpakete genauer an.
Besprochen werden YorgosLanthimos "Poor Things" (Welt, unsere Kritik), FrancoRossos Musikfilm "Babylon", der laut Robert Wagner auf critic.de "jede Menge trotzigen Groove" bietet, und die ARD-Serie "Oderbruch" (Tsp). Hier außerdem der Überblick über die Artechock-Kritiken zur aktuellen Kinowoche.
Unzeitgemäß, aber in seiner Mechanik komisch: "The Palace" von Roman Polanski In der SZ verteidigt FritzGöttlerRomanPolanskis neue, nicht nur beim Filmfestival Venedig, sondern jetzt auch zum Kinostart ziemlich verrissene und allem Vernehmen nach ziemlich derbe Satire "The Palace". Ohne den Druck eines Festivals im Rücken jedoch "kann man den Film gelassener sehen, sogar Spaß an ihm haben", meint er. "Das Lachen bleibt einem oft im Hals stecken, so absurd und klamottig, derb und zotig ist das alles - so wie das Kino einst angefangen hatte, bevor Chaplin, Laurel & Hardy und Keaton dem Slapstick Eleganz verpassten. ... Gnade aber verlangt der Film gar nicht, nur die Bereitschaft, sich auf die schöne Mechanik des Komischen einzulassen. Vielleicht ist das der simple Affront, auf den Polanski aus war: einen Film abzuliefern, der - keine sogenannte ehrenwerte Abschiedsvorstellung - alle Festivalstandards ignoriert." Karsten Essen vom Filmdienst indessen hält den Film "angesichts der Unmenge an Unzeitgemäßem sowie vieler handwerklicher Fehler" für "schlicht aus der Zeit gefallen". Perlentaucher Michael Kienzl hingegen findet: "So schlecht ist der Film nun auch nicht. Im Vergleich zu Ruben Östlunds thematisch ähnlich gelagerter Reichensatire 'Triangle of Sadness' kann man Polanski seine klassizistischeGenügsamkeit zugute halten." Allerdings wirke Polanskis Schabernack "ein bisschen zu steif, gediegen und angestaubt, um das Potenzial wirklich auskosten zu können".
Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek unterhält sich für die Welt mit der Schauspielerin HannahHerzsprung. In Hollywood halten Stars bei Preisverleihung immer häufiger die Hand vor den Mund, bemerkt Silke Wichert in der NZZ. David Steinitz amüsiert sich in der SZ (online nachgetragen vom Tages-Anzeiger) darüber, dass die Serie "Better Call Saul" es mittlerweile zwar auf 53Emmy-Nominierungen gebracht hat - aber noch nie auch nur einen einzigen Emmy gewonnen hat. Eva Dinnewitzer erklärt in der Presse, warum sich derzeit alle nach dem muskelgestählten Körper von JeremyAllenWhite umdrehen. Der unter anderem für die beiden Meta-Medien-Komödien "Piratensender Powerplay" und "Die Einsteiger" (beide mit ThomasGottschalk und MikeKrüger) bekannte Regisseur SiegfriedRothemund ist tot, melden die Agenturen. Im Dlf Kulturerinnert Ulrich Mannes von der (nach Rothemunds Pseudonym benannten) FilmzeitschriftSigiGötz-Entertainment an den Filmemacher.
Besprochen werden YorgosLanthimos' "Poor Things" (Perlentaucher, FR, FAS, Standard, mehr dazu hier), Behrooz Karamizades "Leere Netze" ("ein eindrucksvoller Film über die Perspektivlosigkeit" im "Leben junger Erwachsener im Iran", schreibt Fabian Tietke in der taz), die DVD-Ausgabe von Erblin Nushis "I Love You More" ("den Namen Erblin Nushi muss man sich merken", versichert Ekkehard Knörer in der taz), WillGlucks Hochzeitskomödie "Wo die Lüge hinfällt" (FR), die ARD-Serie "Oderbruch" (taz) und die auf Disney gezeigten Serie "The Artful Dodger" (FAZ) und "Cristóbal Balenciaga" (Presse). Außerdem informiert das SZ-Team, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht. Der Filmdienstbietet hier seinen Überblick über alle aktuellen Filmstarts mit Filmkritiken.
Neugierig und getrieben vom Willen zum Wissen: Emma Stone in "Poor Things" Yorgos Lanthimos' Frankenstein-Variante "Poor Things" nach dem gleichnamigen Roman von AlasdairGray hatte schon beim Filmfestival in Venedig alle Herzen und den wichtigsten Preis gewonnen (unser Resümee), nun kommt der Film auch regulär ins Kino. EmmaStone spielt darin das künstliche menschliche Wesen Bella vor prächtigen Sets, sehr zur Begeisterung von FAZ-Kritiker Dietmar Dath: "Die Kulissen dieser Welt haben erfreulicherweise mehr mit Enki Bilal, Moebius und Yacek Yerka zu tun als mit dem abgebrauchten Steampunk-Dekor gängiger Kino-Retrophantastik; in ihnen lebt eher Grandville als Wes Anderson, und das Paris von 'Poor Things' stammt gar aus BenjaminsPassagenvisionen, es ist ein Ort, der 'mit jedem Pflasterstein, jedem Ladenschild, jeder Stufe und jeder Torfahrt in den Traum des Passanten eingehen' kann. Bella vögelt diesen Ort zunächst in Grund und Boden. Dann schält sie sich aus der Brunft als ein Wesen, dem selbst eigener körperlicher Schmerz weniger nahegeht als das Elend anderer, ein Geistgeschöpf aus Neugier und frischer Urteilskraft." Und "wer sich der Übermacht Emma Stones in diesem Film in den Weg wirft, ist verloren." Auf SZ-Kritiker Tobias Kniebe wirkt die Wucht und Spielfreude dieser unbeugsamen Bella wie ein Befreiungsschlag: Der Film "wird angetrieben von der Lust auf Erkenntnis, einem unbedingten Willen zum Wissen, der sich für nichts mehr entschuldigen muss. ... Unvorstellbar, dass Neugier, Offenheit und Unerschrockenheit wieder die Welt beherrschen?" Ein "sehenswertes Spektakel", lobt auch tazlerin Arabella Wintermayr, gibt aber auch zu bedenken, dass der Film dem "malegaze" zuweilen ein bisschen zu sehr nachgibt. Andrey Arnold erinnert in der Presse an Lanthimos' Wurzeln im neuengriechischenAutorenfilm um 2010.
Mathis Rabe sieht auf Zeit Online die Phase der Streaming-Wars an ihre Ende geraten - mit dem lange Zeit angeschlagenen Netflix als möglichem Gewinner. Dort jedenfalls steigen die Abozahlen und Umsätze, während die von den Kinofilm-Konzernen lancierten Streamingdienste - insbesondere Disney - vor einem immer größer werdenden Milliardengrab stehen. Ein Grund dafür ist sicher auch, dass die etabliertenPopkultur-Franchises, auf die Disney vor allem setzt, derzeit allesamt straucheln. "Ein wenig erinnert die Situation an die große Publikumsermüdung der Sechzigerjahre. Auch damals verschwanden die Menschen aus den Kinos, weil die Hollywoodstudios alte Erfolgsrezepte ewig zu wiederholen versuchten. Die Filmemacher der New-Hollywood-Bewegung brachten schließlich durch inhaltliche und ästhetische Experimente die Wende, Klassiker wie 'Die Reifeprüfung', 'Easy Rider' und 'Der Pate' entstanden als Alternativen zum ewigen Western- und Komödien-Einerlei des alten Hollywoods. Damals waren es nicht die großen etablierten Studiobosse, die kreative Antworten auf die Krise ihrer Branche hatten. Und alles deutet darauf hin, dass diese auch heute keine Antworten haben werden. Für den Film an sich muss das keine schlechte Nachricht sein."
Außerdem: Reinhard Kleber hört sich für den Filmdienst bei den Kinos um, wie diese die Coronapandemie verkraftet haben. Während einerseits der GenZ vorgeworfen wird, allzu prüde zu sein und kein Interesse an Sexszenen im Kino mehr zu haben, gehen nun andererseits ausgerechnet die transgressivenDrastiken aus dem aktuellen Amazon-Hit "Saltburn" auf TikTok steil, stellt Andrey Arnold in der Presse überrascht fest. Urs Bühler porträtiert in der NZZ die Schauspielerin CarmenJaquier. Matthias Kalle resümiert für Zeit Online die EmmyAwards. Heide Rampetzreiter wagt für die Presse einen Ausblick aufs Serienjahr2024.
Besprochen werden RomanPolanskis Farce "The Palace" ("nichts als ein schlechter Witz", ärgert sich Gunda Bartels im Tsp), die vierte Staffel von "True Detective" mit JodieFoster (Presse, mehr dazu hier), Ayşe Polats Thriller "Im toten Winkel" (Zeit), LauraKaehrs Dokumentarfilm "Becoming Giulia" über die Tänzerin GiuliaTonelli (FD, SZ) und GarethEdwards' auf Disney gezeigter SF-Film "The Creator" (FAZ).
Ermitteln in der Polarnacht Alaskas: Kali Reis und Jodie Foster in "True Detective. Night Country" Die vierte Staffel von "TrueDetective" stößt auf breite Resonanz in den Feuilletons. Diesmal ermittelt JodieFoster in der (insbesondere damals wegen der ersten Staffel hochgepriesenen) Anthologieserie. Die Kulisse bildet die PolarnachtAlaskas in einem Städtchen, in dem die Toten auf Wanderschaft gehen - und die Show wurde nicht mehr von NicPizzolatto, sondern von IssaLópez geschrieben. "Die mexikanische Horror-Spezialistin legt einen anderen Fokus auf die vertrauten Serienmotive", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel: "Nicht alles in Alaska lässt sich mit forensischen Methoden erklären. Aber das Übersinnliche ist in 'Night Country', anders als bei Pizzolatto, keine Genre-Folklore, sondern tief verankert in der lokalen Kultur und der verwundbarenindigenenCommunity."
Carolin Gasteiger hat in der SZ (online nachgereicht vom Tages-Anzeiger) rege Freude am Ermittlerinnenduo: Foster als "Liz Danvers ist ein raue, verbissene Polizistin, privat ein Wrack, im Job aber kompromisslos und fast schon genial. ... Es spricht für López, dass sie Foster einen zwar unbekannten, aber passenden Sidekick verleiht: KaliReis, im wahren Leben Profiboxerin und 2021 erfolgreich im Thriller 'Catch the Fair One', spielt Evangeline Navarro. Die indigene Polizistin ist allein optisch eine ideale Ergänzung für Danvers: einen Kopf größer, ein breites Kreuz und viele Tattoos. Auch sie einunglaublicher Sturschädel." Und Oliver Jungen freut sich in der FAZ: Nachdem die zweite und dritte Staffel an die famose erste kaum anzuschließen vermochten, kann diese "atmosphärisch endlich wieder mithalten".
Carolin Weidner berichtet in der taz vom Symposium "Prozessieren" der Dokumentarfilminitiative Köln, die damit den Blick auf die Darstellung von Gerichtsverfahren in dokumentarischen Formen legte. "Die zusammengetragenen Perspektiven erhellten, demonstrierten aber zuverlässig auch die Komplexität des Gegenstandes: Zwischen Wahrheitssuche und -verschleierung, versuchter Sachlichkeit und Anprangerung, Manipulation und Investigation ist alles möglich. Ein einziger Tatbestand zwingt Menschen in Rollen, macht sie zu Opfern oder Beschuldigten, Verteidigern oder Skeptikern."
Außerdem: Marian Wilhelm empfiehlt im Standard eine LilianaCavani gewidmete Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum. Bei den Emmys bestimmten die Serien "Succession" (als beste Dramaserie), "Beef" und "The Bear" den Abend, melden die Agenturen. Der Berliner Schauspieler KidaKhdorRamadan wird, nachdem er eine ansehnliche Gerichtsstrafe wegen mehrfachen Fahrens ohne Führerschein wohl auch wegen eines laufenden Insolvenzverfahrens nicht zahlen konnte, demnächst eine Haftstrafe antreten müssen, berichtet Nadine Brügger in der NZZ. Besprochen werden C. J. Obasis "Mami Wata" (Jungle World, mehr dazu hier) und RomanPaulWideras Buch "Zerfallspoetik" über zerfallende Filmstreifen (FAZ).
Reichtum als moralische Verwahrlosung: "Triangle of Sadness" Das Gegenwartskino widmet sich vermehrt einer "satirischen Lust an den Abgründen einer im Luxus schwelgenden Elite", beobachten Ann-Kristin Tlusty und Vanessa Lara Ullrich auf Zeit Online. Der aktuellste Fall ist "Saltburn", dem Filme und Serien wie "The White Lotus", "Triangle of Sadness", "Parasite" und "Knives Out" vorausgingen. Das ist allerdings nur vordergründig kritisch und ohne analytischen Mehrwert, meinen Autorinnen: "Wo in der Realität Räume für politische Kämpfe schrumpfen, wo Ohnmacht und Abstiegsängste dominieren, kann sich das Publikum hier zumindest in der Fiktion erheben und in antikapitalistischem Wohlgefallen suhlen. ... Doch Kapitalismus ist kein moralisches Übel und wird auch nicht, wie antisemitische Tropen gern nahelegen, von einer reichen Elite orchestriert. ... Der filmisch inszenierte Klassenkampf erschöpft sich in vielen Filmen in einer moralisierenden Auseinandersetzung mit der Dekadenz der Reichen: In ihrer Kritik am Opulenten verwechseln die Serien und Filme Reichtum mit kapitalistischer Produktion. Wir sehen Geld - nicht aber, wie es entstanden ist. Wir sehen Reichtum - nicht aber, was er mit Eigentumsverhältnissen zu tun hat."
Weitere Artikel: Constance Jamet spricht für die Welt mit JodieFoster über die vierte Staffel von "True Detective", in der Foster als Ermittlerin tief ins kalte Alaska abtaucht. Morticia Zschiesche befasst sich in einem Filmdienst-Essay mit ElemKlimows Antikriegsfilm-Klassiker "Komm und sieh" von 1985.
Besprochen werden ThomasCailleys "Animalia" (FAZ, mehr dazu bereits hier), AnnaHints' Dokumentarfilm "Smoke Sauna Sisterhood" (Standard, unsere Kritik hier), der Animationsfilm "Robot Dreams", der bei uns erst im Mai startet (NZZ), und die im ZDF gezeigteBBC-Serie "The Outlaws" (FAZ).
Überrascht mit Koexistenz-.Fantasie: "Animalia" In ThomasCailleys Fantasyfilm "Animalia" wachsen Menschen plötzlich tierische Gliedmaßen und entmenschlichen zusehends. "Der Film beginnt als Bodyhorror-Fantasie über monströse Mutationen und apokalyptische Bedrohungen, ganz klassisch in der (hier: südwestfranzösischen) Provinz angelegt", schreibt Jan Künemund im Tagesspiegel. "Und mit einer aufregenden Reihung von Schockbildern: ein verwachsenes Gesicht am Bildrand, aus dem eine Eidechsenzunge fährt, eine flüchtende Gestalt im Supermarkt mit Tentakeln, ein vom Blitz erleuchtetes Wesen mit Fischaugen und Kiemen." Aber "was 'Animalia' aus diesem genrespezifischen Unordnungen entwickelt, ist alles andere als schematisch durchgeführt und vorhersehbar." Denn der Film entwerfe "auf berührende Weise eine überraschendeKoexistenz-Fantasie mit komplexen Trugbildern und stellt auf sanfte Weise neue, radikale Fragen über das Zusammenleben nach dem Rücktritt des Menschen."
Dietmar Dath und Maria Wiesner legen den Westdeutschen in "Bilder und Zeiten" (FAZ) nahe, sich mal mit dem DDR-Schauspieler HorstDrinda zu beschäftigen, der in den alten Bundesländern so gut wie unbekannt ist. Mitunter war er auf in sich ruhende Figuren spezialisiert, die alles in wenige Worte legen: "Einmal sitzt Drinda, erschöpft vom Büffeln, am Radio, und da wird ein Lied geträllert: 'Schön ist unsere Welt', danach lallte ein Denker einen Vortrag vom modernen Menschen, und Drinda fasst seufzend zusammen, diese schöne Welt, mitsamt dem modernen Menschen, könne ihn 'am Arsch lecken'. Selbst diese Müdigkeit hat was Heroisches, denn sie jammert nicht, sie raunzt höchstens ein bisschen, weil sie bald aufstehen muss und weiterkämpfen. Selten sieht man Drinda in Film und Fernsehen wütend oder aufbrausend; wenn er laut wird, geht's trotzdem noch nuanciert zu."
Außerdem: Im Filmdienstwidmet sich Sebastian Seidler den Filmen des griechischen Autorenfilmers YorgosLanthimos, dessen "Frankenstein"-Variante "Poor Things" kommende Woche anläuft. Caroline Schluge wirft für den Standard einen Blick darauf, warum gerade die junge TikTok-Generation auf die Ekelszenen in EmeraldFennells viralem Streaminghit "Saltburn" anspringt. Valerie Dirk unternimmt für den Standard einen Streifzug durchs Thema "künstliche Reproduktion im Film". Hanns-Georg Rodek erzählt in der WamS von seiner Begegnung mit HannahHerzsprung, deren neuer (in der FAZbesprochener) Film "15 Jahre" gerade in den Kinos angelaufen ist.
Besprochen werden CatherineBreillats Erotikdrama "Im letzten Sommer" (Tsp, Welt, online nachgereicht von der FAZ, mehr dazu hier), J. A. Bayonas "Die Schneegesellschaft" (Presse) und der Actionfilm "The Beekeeper" mit JasonStatham (Standard).
Den von der FAZ als "Brandbrief" an ClaudiaRoth bezeichneten Aufruf von Vertretern aus der Filmbranche (unser Resümee), doch endlich die seit geraumer Zeit angekündigten Reformen der Filmförderung (natürlich im eigenen Sinne) auf den Weg zu bringen, findet Rüdiger Suchsland auf Artechock "erstaunlich unambitioniert und übertrieben bescheiden formuliert", auch fehlen ihm unter den Aufrufern Vertreter der Filmkunst. Vor allem aber stößt er sich an der Forderung, dass es in Deutschland weniger Filme geben soll. Diese alte Forderung habe "noch nie wirklich eingeleuchtet. Denn wieso soll der deutsche Film besser werden, weil es weniger deutsche Filme gibt? Da muss ja jeder Schuss erst recht sitzen. Wir fahren in allen möglichen Bereichen - und ich glaube sehr zu Recht - Diversität. Warum wollen wir auf einmal keine Diversität bei den Filmen? Es hat wahrscheinlich niemand etwas dagegen, dass es ein paar weniger schlechte deutsche Filme gibt. Vielmehr geht es darum: Wer entscheidet denn darüber, was ein guter und was ein schlechter Film ist? Und darüber, welche Filme es in Zukunft nicht mehr geben darf? Wenn es nur um die Frage geht, womit Kinobetreiber Geld verdienen können, dann handelt es sich ganz bestimmt nicht um Filme, die bei einem Festival wie Cannes oder Venedig irgendwelche Preise gewinnen."
Weitere Artikel: Der als Soldat im Einsatz befindliche "Fauda"-Star IdanAmedi wurde bei einem Militäreinsatz in Gaza schwer verletzt, meldet Philippe Zweifel im Tages-Anzeiger. Besprochen werden Catherine Breillats "Im letzten Sommer" (critic.de, unsere Kritik), ThomasCailleys Science-Fiction-Film "Animalia" (ZeitOnline), die Netflix-Serie "Berlin", die ein Spin-Off von "Haus des Geldes" ist (TA), der Actionfilm "The Beekeeper" mit Jason Statham (FR) und SophieBarthes' Science-Fiction-Film "Baby to Go" über eine Zukunft, in der Männer Kinder austragen (Welt).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Philipp Gassert: Die bipolare Nation Von der Gründung zu Trump, vom Imperialismus zum Isolationismus, vom Glücksversprechen des Massenkonsums zum Klimawandel, von der Vormacht zum chaotischen Faktor, von der…
Kiran Desai: Die Einsamkeit von Sonia und Sunny Aus dem Englischen von Robin Detje. Sonia studiert Literatur in den verschneiten Bergen Vermonts, Sunny arbeitet als Journalist in New York und träumt von einer großen Zukunft.…
Hans-Ulrich Treichel: Das Karussell Bernhard ist siebzig, geschieden, kinderlos, und seit er im Ruhestand ist, fehlt ihm etwas: eine neue Beziehung, ein Hobby oder vielleicht doch ein Ehrenamt? Nichts will…
Carys Davies: Das Pfarrhaus Aus dem Englischen von Eva Bonné. Hilary Byrd, Bibliothekar aus dem englischen Petts Wood, ist an einem Wendepunkt in seinem Leben. Anfang 50 und unverheiratet muss er sich…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier