Nach all den Aufregern und Skandalen in den letzten Monaten und Wochen um die
Berlinale meint man zwar, das Festival sei längst vorbei oder sowieso an sich schon am Ende. Aber tatsächlich beginnt es erst heute - und ist zugleich der letzte Jahrgang der nur kurzen Ära
Chatrian. "Eigentlich, so hatte man den Eindruck, lief sich Chatrian in den vergangenen Jahren immer noch ein bisschen warm, war die Berlinale im Begriff, weiter umgebaut zu werden",
schreibt Tim Caspar Boehme mit spürbarem Kummer in der
taz. Allerdings bleibe von den Chatrian-Jahren nur wenig im Gedächtnis, meint SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh: "Der große Aufbruch der Berlinale nach der Ära Kosslick hat irgendwie nicht stattgefunden." Chatrians Vorgänger "wurde vorgeworfen, dass er kein Näschen dafür gehabt habe, kleine Filme aufzuspüren, die dann große werden. Allerdings hat er immerhin
'Nader und Simin' (2011) von Asghar Farhadi im Wettbewerb gezeigt, der von Berlin aus die Welt eroberte, mit einem Goldenen Bären im Gepäck. Einen solchen
Coup hat Carlo Chatrian leider nicht landen können."
FR-Kritiker Daniel Kothenschulte
würde sich freuen, "wenn in diesem Jahr die Skandale wieder mal von der Leinwand und der Kunst ausgingen und nicht Boykotte forciert würden oder eine außerhalb des Festivals vielfach
aus dem Ruder gelaufene Cancel-
Unkultur. Die Lage ist ernst. Schon hört man von den Oberhausener Kurzfilmtagen, die im Mai stattfinden werden, dass dort eine Boykott- und Absagewelle drohe. Es wäre fatal: Die deutsche Festivalkultur galt immer als eine der reichsten der Welt." Immerhin "klingt Chatrians letzter Wettbewerb vielversprechend",
schreibt Valerie Dirk im
Standard und gibt Tipps aus dem Wettbewerb
.Die Gewinnerin des Festivals steht bereits fest, findet Deniz Yücel in der
Welt: die
AfD. Mit ihrem unsouveränen Lavieren und der letztendlichen Wieder-Ausladung habe das Festival dem Kampf gegen rechtsaußen einen
Bärendienst erwiesen. Geradezu neurotisch findet Yücel den vorangegangenen Protest, dem es seiner Ansicht nach wohl nur um Social-Media-Herzchen aus der eigenen Community, nicht aber um eine kluge Taktik ging: "Freihaus hat man der Partei nicht nur ein weiteres Argument geliefert, um ihre beliebte Opfernummer zu inszenieren, sondern auch, um ihre Ressentiments zu rechtfertigen." Vollkommen anders
sieht es Rüdiger Suchsland auf
Artechock: Dem Festival gehört für diese Entscheidung "Lob", denn "wir alle haben
gepennt.Jahrelang
still geduldet wurden Rechtsextremisten bei der Eröffnung der Berlinale."
Mehr zur Berlinale: Tilman Schumacher (
Perlentaucher) und Michael Meyns (
taz) werfen einen Blick aufs
Programm der parallel zur Berlinale stattfindenden, von Filmkritikerin organisierten "
Woche der Kritik". Im
CulturMag geben Katrin Doerksen und Thomas Groh
zehn Tipps aus den Nebensektionen, die man nicht verpassen sollte. Araballa Wintermayr
empfiehlt in der
taz Annie Bakers im Berlinale-Panorama gezeigtes Debüt "Janet Planet". Susan Vahabzadeh porträtiert in der
SZ die Jurypräsidentin
Lupita Nyong'
o. Katja Nicodemus spricht in der
Zeit mit
Cillian Murphy, der im heute gezeigten Eröffungsfilm "Small Things Like These" die Hauptrolle spielt. Und die Deutsche Kinemathek begleitet die Retrospektive über unangpasstes deutsches Nachkriegskino mit einem
ergänzenden Streaming-Programm.
Noch ein Filmschauplatz:
Claudia Roths finaler Entwurf für die
Reform der Filmförderung ist da (unser
Resümee von gestern). Den Interessen der Produzenten kommt Roth damit weit entgegen, andere Gewerke haben das Nachsehen,
schreibt Rüdiger Suchsland auf
Artechock: "Dies ist in seiner Ignoranz
ein Anschlag auf alle Kreativen. ... Dieser Entwurf ist, das ist auch im Schnellverfahren zu sehen, ein
ziemlich chaotisches Geflausel und Gekruschel und Gefloskel, in dem wenig zusammenhängt, und noch weniger konkret ist. Stattdessen viel Wabern und sehr allgemeine Versprechungen. Es gibt eine Zusammenfassung am Anfang, die ziemlich vage ist. Im weiteren Entwurf aber steht dann zu vielen Punkten dieser Zusammenfassung überhaupt nichts - das deutet darauf hin, dass vieles noch unausgegoren und schlicht und einfach unfertig ist."
Außerdem: Marcel Gyr
erzählt in der
NZZ von seiner Begegnung mit Michael Schönhaus, der bei Ankündigungen des Films "Stella. Ein Leben" über
Stella Goldschlag stutzig wurde und im Kino dann tatsächlich seinen eigenen Vater auf der Leinwand dargestellt sah. Lars von Törne (
Tsp) und Andreas Platthaus (
FAZ) gratulieren "Simpsons"-Schöpfer
Matt Groening zum 70. Geburtstag. Im
taz-Gespräch
erklärt Thore Horch warum die Berliner Kino-Perle
International ab Mai für zwei Jahre wegen Sanierung schließen muss. Besprochen werden F
elipe Gálvez Haberles von der Kritik gefeiertes Debüt "Colonos" (
FR, online nachgereicht von der
FAZ),
Denis Moschittos Thriller "Schock" (
FAZ),
Reinaldo Marcus Greens Biopic "Bob Marley: One Love" (
taz,
FR,
Standard),
Shirel Pelegs auf
Netflix gezeigte RomCom "Die Liebeskümmerer" (
Tsp), die
Amazon-Doku "Das letzte Tabu" über
Homosexualität im Profi-
Fußball (
Presse) und
S.
J.
Clarksons Superheldinnenfilm "Madame Web" (SZ).