Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.02.2024 - Film

Nach all den Aufregern und Skandalen in den letzten Monaten und Wochen um die Berlinale meint man zwar, das Festival sei längst vorbei oder sowieso an sich schon am Ende. Aber tatsächlich beginnt es erst heute - und ist zugleich der letzte Jahrgang der nur kurzen Ära Chatrian. "Eigentlich, so hatte man den Eindruck, lief sich Chatrian in den vergangenen Jahren immer noch ein bisschen warm, war die Berlinale im Begriff, weiter umgebaut zu werden", schreibt Tim Caspar Boehme mit spürbarem Kummer in der taz. Allerdings bleibe von den Chatrian-Jahren nur wenig im Gedächtnis, meint SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh: "Der große Aufbruch der Berlinale nach der Ära Kosslick hat irgendwie nicht stattgefunden." Chatrians Vorgänger "wurde vorgeworfen, dass er kein Näschen dafür gehabt habe, kleine Filme aufzuspüren, die dann große werden. Allerdings hat er immerhin 'Nader und Simin' (2011) von Asghar Farhadi im Wettbewerb gezeigt, der von Berlin aus die Welt eroberte, mit einem Goldenen Bären im Gepäck. Einen solchen Coup hat Carlo Chatrian leider nicht landen können."

FR-Kritiker Daniel Kothenschulte würde sich freuen, "wenn in diesem Jahr die Skandale wieder mal von der Leinwand und der Kunst ausgingen und nicht Boykotte forciert würden oder eine außerhalb des Festivals vielfach aus dem Ruder gelaufene Cancel-Unkultur. Die Lage ist ernst. Schon hört man von den Oberhausener Kurzfilmtagen, die im Mai stattfinden werden, dass dort eine Boykott- und Absagewelle drohe. Es wäre fatal: Die deutsche Festivalkultur galt immer als eine der reichsten der Welt." Immerhin "klingt Chatrians letzter Wettbewerb vielversprechend", schreibt Valerie Dirk im Standard und gibt Tipps aus dem Wettbewerb.

Die Gewinnerin des Festivals steht bereits fest, findet Deniz Yücel in der Welt: die AfD. Mit ihrem unsouveränen Lavieren und der letztendlichen Wieder-Ausladung habe das Festival dem Kampf gegen rechtsaußen einen Bärendienst erwiesen. Geradezu neurotisch findet Yücel den vorangegangenen Protest, dem es seiner Ansicht nach wohl nur um Social-Media-Herzchen aus der eigenen Community, nicht aber um eine kluge Taktik ging: "Freihaus hat man der Partei nicht nur ein weiteres Argument geliefert, um ihre beliebte Opfernummer zu inszenieren, sondern auch, um ihre Ressentiments zu rechtfertigen." Vollkommen anders sieht es Rüdiger Suchsland auf Artechock: Dem Festival gehört für diese Entscheidung "Lob", denn "wir alle haben gepennt.Jahrelang still geduldet wurden Rechtsextremisten bei der Eröffnung der Berlinale."

Mehr zur Berlinale: Tilman Schumacher (Perlentaucher) und Michael Meyns (taz) werfen einen Blick aufs Programm der parallel zur Berlinale stattfindenden, von Filmkritikerin organisierten "Woche der Kritik". Im CulturMag geben Katrin Doerksen und Thomas Groh zehn Tipps aus den Nebensektionen, die man nicht verpassen sollte. Araballa Wintermayr empfiehlt in der taz Annie Bakers im Berlinale-Panorama gezeigtes Debüt "Janet Planet". Susan Vahabzadeh porträtiert in der SZ die Jurypräsidentin Lupita Nyong'o. Katja Nicodemus spricht in der Zeit mit Cillian Murphy, der im heute gezeigten Eröffungsfilm "Small Things Like These" die Hauptrolle spielt. Und die Deutsche Kinemathek begleitet die Retrospektive über unangpasstes deutsches Nachkriegskino mit einem ergänzenden Streaming-Programm.

Noch ein Filmschauplatz: Claudia Roths finaler Entwurf für die Reform der Filmförderung ist da (unser Resümee von gestern). Den Interessen der Produzenten kommt Roth damit weit entgegen, andere Gewerke haben das Nachsehen, schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock: "Dies ist in seiner Ignoranz ein Anschlag auf alle Kreativen. ... Dieser Entwurf ist, das ist auch im Schnellverfahren zu sehen, ein ziemlich chaotisches Geflausel und Gekruschel und Gefloskel, in dem wenig zusammenhängt, und noch weniger konkret ist. Stattdessen viel Wabern und sehr allgemeine Versprechungen. Es gibt eine Zusammenfassung am Anfang, die ziemlich vage ist. Im weiteren Entwurf aber steht dann zu vielen Punkten dieser Zusammenfassung überhaupt nichts - das deutet darauf hin, dass vieles noch unausgegoren und schlicht und einfach unfertig ist."

Außerdem: Marcel Gyr erzählt in der NZZ von seiner Begegnung mit Michael Schönhaus, der bei Ankündigungen des Films "Stella. Ein Leben" über Stella Goldschlag stutzig wurde und im Kino dann tatsächlich seinen eigenen Vater auf der Leinwand dargestellt sah. Lars von Törne (Tsp) und Andreas Platthaus (FAZ) gratulieren "Simpsons"-Schöpfer Matt Groening zum 70. Geburtstag. Im taz-Gespräch erklärt Thore Horch warum die Berliner Kino-Perle International ab Mai für zwei Jahre wegen Sanierung schließen muss. Besprochen werden Felipe Gálvez Haberles von der Kritik gefeiertes Debüt "Colonos" (FR, online nachgereicht von der FAZ), Denis Moschittos Thriller "Schock" (FAZ), Reinaldo Marcus Greens Biopic "Bob Marley: One Love" (taz, FR, Standard), Shirel Pelegs auf Netflix gezeigte RomCom "Die Liebeskümmerer" (Tsp), die Amazon-Doku "Das letzte Tabu" über Homosexualität im Profi-Fußball (Presse) und S. J. Clarksons Superheldinnenfilm "Madame Web" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.02.2024 - Film

Gerade noch auf der Zielgeraden hat Claudia Roth ihr Versprechen aus dem letzten Jahr, vor der Berlinale 2024 ihren finalen Entwurf für die Reform der Filmförderung vorzulegen, umgesetzt. Das auf 200 zusammengefasste Vorhaben entspricht in etwa Roths ersten Ankündigungen aus dem letzten Jahr und kommt den aus der Branche laut gewordenen Forderungen sehr weit entgegen, resümiert Andreas Busche im Tagesspiegel: "So viel Einigkeit herrscht selten in der deutschen Filmlandschaft, so groß war die Not aber auch lange nicht mehr." Zwei Säulen sollen mehr Planungssicherheit schaffen. "Die dritte Säule, die Investitionsverpflichtung für Sender, Streamer und andere audiovisuelle Dienste, nimmt unter anderem jene Unternehmen in die Pflicht, die auf dem deutschen Markt Geld einnehmen, aber ihren Unternehmenssitz im Ausland haben und dort Steuern zahlen. Sie sollen einerseits von der Anreizförderung profitieren, im Gegenzug aber verpflichtet werden, in deutsche und europäische Produktionen zu investieren; von 20 Prozent des Vorjahresumsatzes ist im Entwurf die Rede."

Freilich ist noch unklar, ob das alles so kommt - die politischen Verhandlungen insbesondere mit Christian Lindners Ministerium dürften hart werden. Tobias Kniebe ist in der SZ dennoch beeindruckt: Im Falle eines Erfolgs "wäre alles zusammen in der Tat ein großer Wurf". Imposant in seinem Willen zum Neuanfang findet er den Abschied vom Produktionszuschuss von 20 Prozent für Dreharbeiten im Land: "Stattdessen bekämen Filmproduzenten eine Rückerstattung vom Finanzamt von bis zu 30 Prozent der deutschen Herstellungskosten - ein völlig neues Paradigma. Es hätte aus Sicht der Filmbranche den Vorteil, dass die Mittel dafür potenziell unbegrenzt wären und späte Antragsteller nicht mehr leer ausgehen. Auch wenn Riesenproduktionen aus dem Ausland anrücken, sind immer Ressourcen da. Die Geldmittel müssten auch nicht, wie bisher, in jedem Bundeshaushalt neu verteidigt werden." Für den "größten Umsturz, den es in der deutschen Förderpolitik seit Jahrzehnten gegeben hat" hält Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek diesen Vorschlag: "Da für - beispielsweise - 100 Euro rückgezahlter Steuern rund 600 Euro Umsatz durch die Filmproduktion in Deutschland gemacht werden (die nicht entstünden, käme die Produktion nicht hierher), ist das Ganze für alle Beteiligten ein Geschäft, auch für den Fiskus."

Andreas Kilb zeigt sich in der FAZ skeptisch in den Details: So "sollen Auswahlkommissionen ausgemustert und durch 'Automatisierung' ersetzt werden - was nichts anderes heißt, als dass der Betrieb fördern wird, was dem Betrieb nützt: kassenträchtige Komödien, Pferde- und Animationsfilme. Für die weitere Vermittelmäßigung des deutschen Kinos wird also gesorgt sein, wenn das Gesetz 2025 in Kraft tritt. Es sei denn, man überlegte sich, wie man den deutschen Regisseuren und Autorinnen den Freiraum verschafft, den sie brauchen."

Außerdem: Das Lavieren der Berlinale in der AfD-Affäre hält Fatma Aydemir im Guardian alles in allem für einen ziemlich schlechten Witz. Der Tagesspiegel hört sich im Betrieb um, für wie politisch die Berlinale in diesem Jahr gehalten wird: Dominik Graf etwa erwartet "wieder viel karges Kino im freudlosen Büßergewand", freut sich aber schon auf die "Neufassung der Sektion des Forums" unter der neuen Leiterin Barbara Wurm, die wohl "sehr viel Unerwartetes" bringen werde. Im WDR werfen Georg Seeßlen und Markus Metz einen Blick auf die Berlinale-Retrospektive, die sich in diesem Jahr unangepassten Produktionen des deutschen Nachkriegskinos widmet. Für den Standard spricht Marian Wilhelm mit Juliette Binoche über ihre Rolle Trần Anh Hùngs "Geliebte Köchin" (hier unsere Kritik). Richard Pleuger interviewt für die SZ den Filmproduzenten Charles Brand, der sehr unbekümmert auf den Zug des letzten Kinosommers aufspringt und mit seinem flugs produzierten Trashfilm "Barbenheimer" den Hype nun abmelkt.

Besprochen werden Felipe Gálvez Haberles "Colonos" (taz, FAZ), die Amazon-Serie "The New Look" über Coco Chanel und Christian Dior (FAZ, mehr dazu hier), Reinaldo Marcus Greens Biopic "Bob Marley: One Love" (NZZ), Andrew Haighs "All of Us Strangers" (NZZ, unsere Kritik), der Superheldenfilm "Madame Web" mit Dakota Johnson (Standard, Presse), die Amazon-Doku "Das letzte Tabu" über Homosexualität im Profifußball (Freitag) und die österreichische Amazon-Serie "Beasts Like Us" (Presse).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.02.2024 - Film

Nach den Störaktionen der Performance im Hamburger Bahnhof in Berlin rechnet Harry Nutt von der Berliner Zeitung auf der Berlinale mit ähnlichen Szenen und Aktionen israelfeindlicher Aktivisten, zumal auch in New York Kunsteinrichtungen am vergangenen Wochenende gestört wurden. "Den Akteuren wütender Proteste ging es noch nie um Differenzierung und eine pflegliche Anerkennung ihrer Sicht auf die Dinge. Wer sich einer Bewegung mit dem Namen Strike Germany anschließt und damit zum Ausdruck bringt, dass er den deutschen Staat und seine Institutionen für ein gelenktes Überwachungsregime hält, der ist vermutlich nicht für etwas zu gewinnen, das der amerikanische Philosoph Nelson Godman 'The Ways Of Worldmaking' genannt hat. Dabei käme es gerade jetzt auf eine Art relativistischen Pluralismus an, in dem man an seinen eigenen Prägungen festhält und zugleich offen ist für neue. Früher einmal galt das Kino als Ort, an dem solche Welten erzeugt wurden."

In Russland sorgt Michail Lokschins mit August Diehl besetzte Bulgakow-Adaption "Meister und Margarita" für volle Säle. In den Film sind wohl auch einige Spitzen gegen Putins Russland eingebaut, die das Publikum allem Anschein nach auch sehr zur Kenntnis nimmt, berichtet Stefan Scholl in der FR. "Aber Moskau wäre nicht Moskau, wenn es jetzt kein patriotisch-antiwestliches Gezeter gäbe: Lokschin sei US-Bürger und gegen Putins ukrainische 'Spezialkriegsoperation', sein Film aber ebenso antirussisch wie antisowjetisch, schimpft der TV-Moderator Tigran Keossajan. 'In Russland herrscht regelrecht masochistische Duldsamkeit gegen unsere offenen Feinde.' Nicht nur er fordert, die Sicherheitsorgane einzuschalten. ... In den großen Moskauer Kinos wird inzwischen nach den Aufführungen applaudiert. Dass Staat und Gesellschaft sich unter Putin wieder Richtung Sowjetunion in den Vorkriegsjahren bewegen, das spüren die Menschen."

Außerdem: Mathias Raabe freut sich auf Zeit Online über das aktuelle Comeback der Musicals im Kino: "Sie werden wieder gesellschaftsfähig in Zeiten, in denen es nicht mehr stigmatisiert wird, über Gefühle zu reden." Alexander Braun spricht im Tagesspiegel über die von ihm kuratierte Simpsons-Ausstellung im Schauraum Dortmund. Felicitas Kleiner stöbert für den Filmdienst durchs Archiv des Public-Domain-Portals WikiFlix. Helmut Hartung wirft in der FAZ einen Blick auf die Lage der deutschen Filmproduzenten, die sich erhoffen, dass Claudia Roth heute endlich ihre Reform der Filmförderung auf den Tisch legt.

Besprochen werden Andrew Haighs "All of Us Strangers" (Jungle World, unsere Kritik), Tina Satters "Reality" (FAZ), Felipe Gálvez' Debütfilm "Colonos" (Tsp), die Amazon-Serie "Mr & Mrs Smith" (NZZ), die ARD-Actionserie "School of Champion" (FAZ) und Ian Penmans Buch "Fassbinder. Tausende von Spiegeln" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.02.2024 - Film

Keine große Namen im letzten Jahrgang und eine kurze Amtszeit voller Pech und Baustellen: Peter Körte lässt in der FAS (online nachgereicht) Carlo Chatrians glücklosen Berlinale-Jahre austrüben. Auch "das Forum verabschiedet sich in diesem Jahr von seinem Kino Arsenal im Sony Center, aus dem auch Filmmuseum, Filmhochschule und Kinemathek in eine ungewisse Zukunft weichen müssen. Damit ist praktisch alles verschwunden, was den Potsdamer Platz auch zu einem Zentrum des Films machen sollte. Ein tolles Signal! Was passieren wird, wenn 2025 auch der Mietvertrag für das Musicaltheater ausläuft, ob die Berlinale die Verlängerungsoption zieht, ist offen. Auch für die neue Leiterin Tricia Tuttle bleibt das Festival eine schwierige Baustelle."

Auch um den Walk of Fame in Hollywood, wo sich die Stars mit ihren Sternen verewigen, steht es nicht gut, berichtet Christiane Heil in der FAZ: Er gleicht mittlerweile einer "heruntergekommenen Partymeile. ... In den vergangenen Jahren war es am Walk of Fame und in Nachbarvierteln nach Streitereien bei Drogenhandel oder Glücksspiel wiederholt zu Schusswechseln, Messerstechereien und sexuellen Übergriffen gekommen. Neben Downtown und Skid Row, mit etwa 15.000 Obdachlosen eine der größten Zeltstädte der Vereinigten Staaten, gehört Hollywood inzwischen zu den gefährlichsten Gegenden in Los Angeles. ... Dass viele Schauspieler, Musiker und andere Persönlichkeiten der Unterhaltungsindustrie trotz Nominierung auf einen Stern am Walk of Fame verzichten, ist längst kein Geheimnis mehr. Nach George Clooneys Namen etwa sucht man vergeblich. Wie der Oscarpreisträger wollten auch Clint Eastwood, Leonardo DiCaprio, Meg Ryan, Ben Affleck, Angelina Jolie und Brad Pitt nicht in rosafarbenem Terrazzo verewigt werden."

Besprochen werden der von Andreas Wirsching herausgegebene Band "Kino im Zwielicht. Alfred Bauer, der Nationalsozialismus und die Berlinale" (FD), die Amazon-Serie "Expats" mit Nicole Kidman (Presse) und Tràn Anh Hùngs "Geliebte Köchin" mit Juliette Binoche und Benoît Magimel (FAZ, unsere Kritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.02.2024 - Film

Der Berlinale-Rückzieher bei den AfD-Einladungen beschäftigt die Filmkritiker weiter. Dieses Manöver nach viel Hin und Her kommt "nicht bloß zu spät, es kann auch kaum mehr überzeugen", hält Tim Caspar Boehme in der taz fest. "Was wäre nun schlimmstenfalls auf der Berlinale passiert, wären sie tatsächlich gekommen, die personae non gratae der AfD", fragt Katharina Körting im Freitag. Am ehesten wären wohl "vielfaltsferne Menschen mit einer vielfältigen Kulturpolitik in Berührung gebracht" worden. "Das größte Risiko bestand offenbar nicht für die Kulturfreiheit, sondern für das wohlige Befinden der Kulturschaffenden, unter ihresgleichen zu sein." Das Festival "wird von Bundesmitteln bezahlt, deshalb werden Bundestagsabgeordnete kontingentiert aus allen Parteien eingeladen", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Stellen wir uns das mal andersherum vor: Die AfD regierte irgendwo (was der Himmel verhüte) und lüde dann unliebsame Abgeordnete anderer Parteien nicht mehr zu den öffentlich geförderten Festivals ein. Das ist doch genau das, wovor wir uns alle so fürchten!" Dass die AfD es sich in diesem Fall allein deswegen anders überlegen würde, weil einige ihrer Vertreter selber mal über den roten Teppich laufen durften, wird aber auch niemand ernsthaft glauben.

Hanns-Georg Rodek hat derweil für die WamS einen Blick aufs Festivalprogramm geworfen und vermisst die ganz großen Highlights. Um einen neuen Scorsese zeigen zu können, muss das Festival mittlerweile mit dem Ehrenbär locken: Dies "illustriert die so hervorragende wie problematische Stellung der Berlinale. Sie genießt weltweit Respekt und Sympathie - aber kaum einer der heißerwarteten Filme landet bei ihr. 'Made in England' ist ein Nebenwerk (und er nur Co-Regisseur), der nächste 'echte' Scorsese, der historische Thriller 'The Wager', wieder mit Leonardo DiCaprio, dürfte anderswo Premiere feiern." Andreas Busche vom Tagesspiegel findet dennoch 25 Filme im Programm, auf die er sich freut. Nadine Lange stellt im Tagesspiegel queere Filme aus dem Berlinale-Programm vor.

Weiteres: In der FAZ empfiehlt Kira Kramer Martina Müllers unter anderem von Sandra Hüller gesprochene "Lange Nacht" des Dlf Kultur über Ernst Lubitsch. Martin Scholz spricht für die WamS mit der Schauspielerin Lily Gladstone, die sich ihrer Leistung in Martin Scorseses "Killer of the Flower Moon" (unsere Kritik) als erste Native American Hoffnungen auf einen Oscar machen kann. Kracauer-Stipendiat Leo Geisler bringt im Filmdienst die erste Lieferung seiner Essayreihe "Disziplin & Kontrolle" über die Wandlungen des Heist-Movies. Esthy Baumann-Rüdiger porträtiert in der NZZ die Schauspielerin Sandra Moser, die als erste Schwarze im Schweizer Fernsehen gespielt hat.

Besprochen werden Blitz Bazawules Neuverfilmung von Alice Walkers Roman "Die Farbe Lila" (Standard), Nikolaus Geyrhalters in Österreich startender Dokumentarfilm "Stillstand" über den Corona-Lockdown (Standard) und der ARD-Film "Boom", in dem die Schauspieler mit einer KI improvisieren (FAZ),

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.02.2024 - Film

Nach anhaltender Kritik hat die Berlinale Vertreter der AfD nun explizit von ihrer Eröffungsgala ausgeladen - hier das Statement des Festivals auf Instagram. Auf den ersten Blick findet SZ-Kritiker David Steinitz das zwar einleuchtend. Denn: Die Berlinale ist das politischste unter den A-Festivals, gibt sich weltoffen, zeigt Weltkino, lädt Filme und Journalisten aus aller Welt ein und hat als Publikumsfestival ein sehr diverses Publikum. "AfD-Politiker einzuladen, steht dieser Programmatik diametral entgegen". Doch "die Sache hat trotzdem das Potenzial, sich als Eigentor zu erweisen. Denn AfD-Politiker sitzen nun mal als gewählte Vertreter in politischen Institutionen, die traditionell zur Berlinale eingeladen werden, unabhängig von ihrer Ideologie. Jetzt geht garantiert ein neues Gezeter von rechts los, dass eine quasi-staatliche Institution wie die Berlinale alle gewählten Volksvertreter gleich behandeln müsse. Zumindest bislang hat man den Eindruck, dass die Diskussion um die Einladung vor allem jenen Defätisten und AfD-Sympathisanten in die Hände spielen könnte, die die ganze Veranstaltung tendenziell ohnehin für abschaffenswert halten."

Die Forderungen des sich eben in der deutschen Filmbranche gegründeten "Netzwerk Film & Demokratie", das vehement gegen die AfD auf dem Festival protestiert hatte, sind damit zwar erfüllt, schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. Doch "die Frage des Umgangs mit der Haltung der Partei zu Kunst und Kultur ist damit aber noch nicht vom Tisch. 'Filmpolitisch ist die AfD bisher lediglich durch Anfeindungen von Filmschaffenden und Anwürfen gegen Brancheninstitutionen aufgefallen', heißt es in der Protestnote des Netzwerks. 'Aus ihren Anträgen und ihrer Programmatik spricht der unverhohlene Wunsch nach einer staatlich in ihrem Sinne regulierten Kunst.'"

Weiteres: Frédéric Jaeger resümiert für critic.de das Filmfestival Rotterdam. Während Apple und Amazon das Kino als Plattform fǘr ihre Filme umwerben, knausert Netflix und schade damit sich selber, schreibt Jörg Taszman im Filmdienst. Schade findet es Michèle Binswanger im Tagesanzeiger, dass Biopics ihre Figuren nicht mehr als Helden zeigen wollen. Bidhan Rebeiro berichtet für Artechock vom 22. Dhaka International Film Festival. Artechock bringt verstreute Notizen von Rüdiger Suchsland zum Film- und Mediengeschehen. Christiane Peitz schlüsselt im Tagesspiegel die Berlinale nach Zahlen auf. Besprochen werden Andrew Haighs "All of Us Strangers" (Presse, Welt, Standard, mehr dazu hier), Blitz Bazawules Neuverfilmug von Alice Walkers Roman "Die Farbe Lila" als Musical (NZZ) und die ARD-Serie "Die Notärztin" (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.02.2024 - Film

Gefühle bestimmen jede Szene: "All of Us Strangers"

Die Filmkritik ist begeistert von Andrew Haighs "All of Us Strangers", in dem ein schwuler Mann mittels eines Zeit-Limbos in die Achtziger gerät, sodass er nicht nur alten Lieben, sondern auch seinen Eltern begegnet, denen er sich nie offenbaren konnte. Der Regisseur "ist klug genug, auf jede Erklärung zu verzichten", schreibt Stefanie Diekmann im Perlentaucher. "Was geschieht, geschieht, und dass es geschehen darf, ist ein Glück, so groß und unwahrscheinlich, dass nicht viel mehr übrigbleibt, als es anzunehmen. Der Score ist laut und ziemlich drüber. Der Cast auf beiläufige Weise sehr gut. Die Zeit, die irgendwann zu Beginn aus den Fugen gerät, wird sich bis zum Ende nicht geordnet haben, und es erzählt viel über diesen wunderbaren Film, dass das nicht einmal besonders auffällt." Für FR-Kritiker Daniel Kothenschulte ist dies "vielleicht einfach einer der schönsten und traurigsten Filme über Liebe und Verlust. ... Für die heterosexuelle Welt sind die Achtzigerjahre die ikonische Zeit des Teenagerfilms. Was Andrew Haigh hier mit den Mitteln des Kammerspiels, ohne Ausstattungstricks und an nur zwei Schauplätzen erreicht, ist ein bezwingender Gegenentwurf: Wie musste sich ein Zwölfjähriger fühlen, der in dieser von HIV geprägten Zeit seine Homosexualität entdeckt? Es wird nicht viel darüber gesprochen in diesem wunderbaren Minimalismus, aber Gefühle bestimmen jede Szene." Weitere Besprechungen in taz und SZ (online gestellt vom Tagesanzeiger).

Es ist eben keine Farce, wenn sich Kritik daran regt, wenn AfD-Politiker bei der Berlinale-Eröffnung über den Roten Teppich laufen, kommentiert Andreas Busche im Tagesspiegel als Antwort auf Peter Laudenbach in der SZ (unser Resümee). Es gebe überhaupt keinen Grund dafür, die Politik nach Gießkannenprinzip mit Freikarten zu hofieren, findet er: "Klar, Bund und Land unterstützen die Berlinale finanziell; finanziert wird das aber mit Steuergeldern, nicht mit Parteispenden. Dass Politikern (aller Parteien!) Karten für die Berlinale zustehen, hat mit der, so Roth, 'demokratischen Praxis' erst mal sehr wenig zu tun. Der ehemalige Festivalchef Dieter Kosslick reagierte auf die Zumutung der AfD schon 2019 auf seine ganz eigene Weise: Er bot Vertretern der Partei Freikarten für den Dokumentarfilm 'Das Geheimarchiv im Warschauer Ghetto', gewissermaßen als Akt der politischen Bildung." Auch Rüdiger Suchsland auf Artechock meint: "Es geht darum, ob und wie wir uns einer existentiellen Herausforderung stellen. Ob die Rede von der 'wehrhaften Demokratie' eine blöde Phrase ist, oder Substanz hat. ... Meine Position gegenüber dieser Partei ist: Tabus errichten, rote Linien ziehen, ausgrenzen."

In der Zeit erinnert Moritz von Uslar an den letzte Woche verstorbenen Schauspieler Carl Weathers, oder besser gesagt: an seine berühmteste Rolle, den charismatischen Boxer Apollo Creed in Sylvester Stallones "Rocky"-Filmen, oder noch besser gesagt: an "Rocky IV", in dem Creed unter den wuchtigen Schlägen des Russen Ivan Drago zu Tode kam. "Es waren die Achtzigerjahre, die Zeiten, in denen ein Film von brutal schlichter Handlung - Osten fordert Westen zum finalen Kampf auf, Westen gewinnt und verzeiht, alle jubeln - gleichzeitig ein Drecksfilm und riesengroßes Kino sein konnte. ... Es ist, auch nach 39 Jahren, nicht möglich, Rocky IV ohne schweißnasse Hände anzugucken. Carl Weathers' Tanz mit Stars-and-Stripes-Zylinder zu James Browns 'Living in America' ist eine ewige Botschaft von Pop, Glanz und Gayness - und die ultimative freudige Verhöhnung jedes hässlichen Aggressors. Noch einmal wird uns ein wunderbar schlechter Film nicht retten." Wie James Brown und Carl Weathers den russischen Hünen umtanzen, muss man wirklich gesehen haben:



Außerdem: Elon Musk unterstützt die Schauspielerin Gina Carano bei ihrer Klage gegen Disney, die aus der Serie "The Mandalorian" geflogen ist, nachdem sie auf Twitter die Lage der Republikaner in den USA mit der Lage der Juden in Nazi-Deutschland gleichgesetzt hat, meldet David Steinitz in der SZ. Besprochen werden Trân Anh Hùngs "Geliebte Köchin" (Perlentaucher, Freitag), Blitz Bazawules Neuverfilmung von Alice Walkers Roman "Die Farbe Lila" als Musical (FR, Welt), Tina Satters Whistleblower-Drama "Reality" (taz, critic.de, Tsp), Will Glucks RomCom "Wo die Lüge hinfällt" (Presse), und Bryce McGuires Horrorfilm "Night Swim" mit einem Swimming Pool als Killer (FD, SZ). Hier außerdem der Überblick mit allen Kritiken des Filmdiensts zur aktuellen Kinowoche, sowie hier die aktuellen Kritiken von Artechock.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.02.2024 - Film

Hanns-Georg Rodek hat in der Welt kein Verständnis dafür, dass die Berlinale R.P. Kahls "Die Ermittlung" nicht zeigen will, eine vierstündige, offenbar sehr essayistische Annäherung an die Auschwitz-Prozesse. Der prominent besetzte Film basiert auf dem gleichnamigen Dokumentar-Theaterstück von Peter Weiss, der die Auschwitz-Prozesse beobachtet hatte. Dass Berlinale-Leiter Carlo Chatrian den Film künstlerisch nicht anerkennen will, hält Rodek (der offenlegt, selbst als Statist an den Dreharbeiten beteiligt gewesen zu sein) für wenig nachvollziehbar, auch die Begründung, es gebe bereits Filme zum Holocaust im Programm findet er morsch: Dies lässt sich "auf Basis der bisher bekannten Inhaltsangaben der akzeptierten Filme überprüfen. Da ist Andreas Dresens 'In Liebe, Eure Hilde' (über den deutschen Widerstand, nicht den Holocaust), da ist 'Tage in Terezin' (ein fast 30 Jahre alter Film über das Getto-Kabarett in Theresienstadt), und da ist 'Im Land meiner Eltern' (ein vierzig Jahre alter Film über die Kinder exilierter Juden in Berlin). Das hört sich nicht gerade nach einem Überschuss an Holocaust-Filmen an. Man könnte auf die Idee kommen, die Anzahl der Holocaust-Filme auf der Berlinale mit der Anzahl von Filmen zum Feminismus (nach vorsichtiger Zählung mindestens zehn), zur Selbstermächtigung von Frauen (mindestens zehn), zum Rassismus (mindestens fünf), zum Kolonialismus (mindestens vier) und zu Geflüchteten (mindestens vier) zu vergleichen."

Die Intimität im Pathos der Popkultur: "All of Us Strangers"

Mit seinem queeren Zeitreise-Liebesfilm "All of Us Strangers" ist dem Regisseur Andrew Haigh "vielleicht einer der bewegendsten Filme der jüngeren Zeit" gelungen, schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. "Haigh schafft eine innere Allgegenwart, die stark im Zeichen von Trauerarbeit steht - Trauer über eine Sozialisation, die frühzeitig zum Stillstand kam. ... Adam (großartig: Andrew Scott, bekannt aus 'Fleabag') war mit seinem Schicksal eines jungen Homosexuellen in einer feindlichen Umgebung, aber auch in einer explodierenden Popkultur lange Zeit allein. Diese Einsamkeit schöpft 'All of Us Strangers' bis in die tiefsten Dimensionen aus, während sich zugleich schon Auswege eröffnen. ... Die 'Power of Love' muss einiges aushalten. Aber das ändert nichts daran, dass Haigh das Pathos der Popkultur hier auf eine Intimität hin öffnet, wie man sie im Kino nur selten so erleben kann."

Außerdem: Marian Wilhelm empfiehlt im Standard eine Reihe im Filmarchiv Austria zum populären mexikanischen Kino 1940-1970. Besprochen werden Blitz Basawules Neuverfilmung von Alice Walkers Roman "Die Farbe Lila" als Musical (Tsp), Tina Satters Whistleblower-Drama "Reality" (Zeit Online) und Kida Khodr Ramadans neue ARD-Serie "Testo" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.02.2024 - Film

Die Aufregung um die Berlinale, die mit ihren Einladungen an die Abgeordneten aus dem Kulturausschuss auch zwei AfD-Mitglieder auf ihre Gästeliste für die Eröffnungsgala gesetzt hat, ist groß. Von einem "großen Dilemma", spricht Mariette Rissenbeek, die Geschäftsführerin des Festivals, im Tagesspiegel-Interview. "Wir setzen uns für demokratische Grundwerte und gegen Rechtsextremismus ein und unterstützen alle Demonstrationen und Initiativen gegen rechts. Aber wir respektieren es, wenn die Kulturstaatsministerin und der Berliner Senat ihre Kartenkontingente an demokratische Mandatsträger vergeben, auch wenn sie von der AfD sind. Dass wir damit nicht die AfD gutheißen, ist ja klar." Auch Dlf Kultur hat mit Rissenbeek gesprochen.

Bereits "früher erhielten AfD-Politiker auf gleiche Weise Einladungen; dass dagegen jetzt Proteste laut werden, eröffnet eine lange überfällige Diskussion", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Die Anwesenheit von Politikern vom rechten Rand müsse man "notfalls wohl aushalten, aber man darf sie nicht ignorieren", findet er: "Es gibt, das zeigen die vergangenen Wochen, Protestformen, um deutlich Position zu beziehen - und im Rahmen der Veranstaltung selbst auch die Anwesenheit von antiliberalen Kräften zu thematisieren. Man darf der AfD die Diskurshoheit nicht überlassen." Die Sache ist gewiss "kein Skandal" und die Aufregung darum "eine Farce", findet Peter Laudenbach in der SZ. "Die Filmbranche hat aus ganz anderen Gründen Anlass, nervös auf die Umfragewerte der AfD zu blicken. Die Partei versucht über ihre Vertreter in den Gremien der Filmförderung und in den Rundfunkräten der öffentlich-rechtlichen Sender Einfluss auf die Entscheider und die Finanzierung einzelner Filme zu nehmen. Und je stärker die Partei in den Parlamenten vertreten ist, desto größer könnte dieser Einfluss werden."

Die AfD ist längst im Mainstream angekommen, man kann sie nicht einfach mit Lippenbekenntnissen wegzaubern, kommentiert Julia Lorenz auf Zeit Online. Die Partei "vor den Gästen der Filmfestspiele zu verstecken, würde das Bild der gegenwärtigen deutschen Kulturpolitik schönen. Ein wenig verlogen wäre das schon. Hier allerdings offenbart sich das große Dilemma im Umgang mit den demokratisch legitimierten Demokratiefeinden von der AfD: Man möchte ihrer Erzählung, als politische Outlaws allerorts gegängelt zu werden, keine Munition durch tatsächliche Ausgrenzung liefern - was häufig dazu führt, das demokratische Protokoll zu ihren Gunsten auszulegen und sie selbst dann nicht auszuladen, wenn man nicht gegen geltendes Recht, sondern nur die Regeln des Anstands verstoßen würde."

Der "trefflich im Klima der politischen Konfliktphase" zirkulierende Skandal um eine "protokollarische Gepflogenheit" hat der demokratischen Brandmauer gegen rechts einen Bärendienst erwiesen und der AfD ein gemachtes Bett bereitet, findet Harry Nutt in der FR: "In vielen Kommunen, in denen rechte Parteien bereits jetzt über Macht und Einfluss verfügen, sehen sich Intendanten und Kultureinrichtungen seit geraumer Zeit mit Zersetzungsstrategien einer kulturellen Revolte von rechts konfrontiert, die darauf aus ist, ehrwürdige Institutionen zu diskreditieren. Es wäre an der Zeit, sich diesen Prozessen mit Argument und Standfestigkeit zu widersetzen. Die Dämonisierung Einzelner, die sich für eine Gala schick gemacht haben, gehört nicht zur klugen Abwehr der immer abstruser werdenden Auseinandersetzungen um Kunst- und Meinungsfreiheit."

Außerdem: Josef Nagl bietet im Filmdienst einen Überblick über kommende Filmausstellungen. Besprochen werden Andrew Haighs schwules Liebesdrama "All Of Us Strangers" (Tsp) und die auf Netflix gezeigte Splatter-Anime-Serie "Blue Eye Samurai" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.02.2024 - Film

Rund 200 Leute aus dem Filmbetrieb protestieren dagegen, dass die Berlinale auch zwei Mitglieder der Berliner AfD-Fraktion auf ihre Gästeliste gesetzt hat - Deadline, Variety und Hollywood Reporter mit Einzelheiten, der Tagesspiegel bringt weitere Updates zur Causa. Für "mindestens naiv" und einen "Übergriff auf der politisch-symbolischen Ebene" hält Rüdiger Suchsland auf Artechock das Vorgehen der Berlinale, die sich damit rausredet, nunmal nach dem Gießkannenprinzip Einladungen in den politischen Betrieb zu verschicken: Wer gewählt ist, darf auch zum Festival. "Diese Behauptung ist de facto eine Kapitulationserklärung von Demokraten, die zwei Dinge beweist: Den fehlenden Instinkt der Berlinale und die Gefahr der Selbstlähmung von Demokratien, wenn demokratische Verfahren zum Fetisch und Selbstzweck werden. ... De facto muss die Berlinale nämlich gar nicht die Mitglieder des Parlaments einladen, genauso wenig wie die Mitglieder des Verfassungsgerichts. Sie hat es nur bisher getan. Einladen muss sie allenfalls die Mitglieder der jeweiligen Regierung, an der die AfD ja nicht beteiligt ist."

Für die NZZ spricht Andreas Scheiner mit Nicolas Cage über dessen Karriere zwischen großem Kino, C- und D-Movie-Schrott und Internet-Memes. Insbesondere Letzteres erfüllt ihn mit Sorgen: "Plötzlich ist man als ein Freak abgestempelt. Und niemand will sich mehr ein eigenes Bild machen. ... Ein Schauspieler wie ich muss besonders gut abwägen, wie er damit umgeht." Als "einer, der gerne die Grenzen dessen auslotet, was als gutes Schauspielen angesehen wird. Der auf der Suche nach einem anderen Sound ist, einem anderen Look oder einer anderen Bewegung. Der vielleicht nicht in die Kategorie dessen fällt, was gewöhnlich als gutes Schauspielen angesehen wird. Ich suche nach etwas anderem. Aber wenn das Internet das nicht versteht und daraus ein Meme, einen Witz macht, nimmt mir das die Kraft."

Außerdem: Die Zeit hat ihr Gespräch mit Agnieszka Holland (hier unser Resümee) online nachgereicht. Ihren Film "Green Border" besprechen Jungle World und Standard (und natürlich wir). Claire Beermann erzählt im Zeit Magazin von ihrem Besuch bei der Hollywood-Kostümbildnerin Ann Roth. Philippe Zweifel und Michèle Binswanger (TA) sowie Valérie Catil (taz) verneigen sich vor Larry David, dessen letzte Staffel "Curb your Enthusiam" dieser Tage startet. David Steinitz schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Schauspieler Carl Weathers. Besprochen werden Kida Khodr Ramadans ARD-Serie "Testo" (Welt) und die Amazon-Serie "Mr and Mrs Smith" (Zeit Online).