Anu Põder, Composition with Plastic and Synthetic Wool, 1986. Art Museum of Estonia In der FAZ empfiehlt Stefan Trinks wärmstens einen Besuch im Engadiner Muzeum Susch, das gerade eine Ausstellung der 2013 gestorbenen estnischen Bildhauerin Anu Põder zeigt. Mit westlicher Pop Art und feministischer Kunst der Sechziger haben die kopflosen Körper Põders nichts zu tun, versichert der Kritiker: "Am wichtigsten ist der neutrale Blick bei einem von Põders Hauptwerken, 'Rot.Blau-Blau.Rot', einem Gipshochrelief mit einem gespiegelten nackten Frauenkörper Rücken an Rücken, in die vier grellen Farbfelder des Titels aufgeteilt. Wo der schnelle Blick mit der Datierung 1978 nur ein verspätetes Nachbeten der Pop-Art erkennen würde, kann angesichts der militärisch streng an die Hüfte gelegten Hände und des kahlgeschorenen Hauptes der Frau durchaus an erzwungenes Strammstehen und Zugerichtet-Werden gedacht werden, insbesondere weil die roten Farbfelder dem intensiven Ton der Sowjetflagge ähneln und das Blau - das wiederum dem der estnischen Flagge nahekommt - bedrängen."
Ausschnitt aus van Eycks "Brunnen des Lebens", ca. 1432. Foto: Prado/Wikipedia Bernhard Schulz hat für monopol eine Ausstellung im Prado besucht, die die Diskriminierung und Zwangschristianisierung der Juden im Spanien des Spätmittelalters beleuchtet. Juden, lernt er am Beispiel von Gemälden und bebilderten Handschriften, "sind zunächst nur 'anders', dann gelten sie als 'verstockt', weil sie die christliche Heilslehre nicht annehmen. Sie werden durch entsprechende Kleidervorschriften als 'fremd' gekennzeichnet und zunehmend wegen ritueller Vergehen denunziert. ... Künstlerisch wohl das Hauptwerk der Ausstellung ist eine großformatige Altartafel aus der Werkstatt des am spanischen Hof hochgeschätzten Flamen Jan van Eyck. Der 'Brunnen des Lebens' zeigt unter anderem die 'Blindheit' der Juden gegenüber dem rechten Glauben in einer ausgefeilten Rhetorik von Bildmotiven, von fratzenhaften Gesichtszügen ebenso wie von auffälliger Kleidung und sinnlosen, weil unlesbaren Schriftrollen."
Mirna Funk hat sich für die Welt mit zwei israelische Künstlerinnen über den 7. Oktober und ihre Erfahrungen mit dem internationalen Kunstbetrieb unterhalten: "Ich glaube, viele Ausstellungsmacher haben Angst davor, mit Israelis zu arbeiten", sagt Zoya Cherkassy-Nnadi, und Noa Ironic ergänzt: "Es ist nach dem 7. Oktober nur sichtbarer geworden. Vor dem 7. Oktober haben mir Galerien geschrieben: Wir mögen deine Arbeit sehr, schick uns doch bitte deinen Lebenslauf. Und dann schicke ich meinen Lebenslauf, und dann sagen sie auf einmal, oh mein Gott, es tut uns so leid, aber wir sind bis Ende 2025 voll." (Funks Text ist Teil eines ganzen Dossiers in der Welt mit Stimmen israelischer Künstler und Aktivisten.)
Martin van Meytens: Knieende Nonne (Vorder- und Rückseite). Bild: Nationalmuseum Stockholm.
Dass die Rückseiten berühmter Gemälde manchmal ebenso spannende Geschichten zu erzählen haben wie ihre Vorderseiten, lernt FAZ-Kritiker Hans-Christian Rößler in der Ausstellung "Reversos" im Madrider Museo Nacional del Prado. Gebrauchsspuren, Farbtests und Stempel finden sich auf den "B-Seiten", aber auch ganze Zwillingsgemälde, verrät der angetane Kritiker: "Ernst Ludwig Kirchner übermalte oft, was ihm nicht gefiel, oder spannte die Leinwand rückseitig wieder auf. So schuf er rund 135 solcher doppelseitigen Kunstwerke, was die Kuratoren immer wieder vor die Frage stellte, was denn die Schauseite sein soll. Andere Künstler wollten, dass die bemalte Rückseite nur ihren Auftraggebern zu Gesicht kam. Auf Martin van Meytens' 'Kniender Nonne' betet auf der Vorderseite eine züchtig gekleidete Nonne unter den strengen Augen einer älteren Klosterschwester; die Rückseite zeigt ihr nacktes Hinterteil. Der damalige schwedische Botschafter in Paris hielt den erotischen Teil versteckt, den er höchstens ausgewählten Gästen zeigte. In Madrid enthüllt ein Spiegel den frivolen Teil des Bildes aus dem Jahr 1731. Er führte dazu, dass sich sogar die Bild-Zeitung für eine Prado-Ausstellung interessierte."
Gottfried Helnwein: Realität und Fiktion. Ausstellungsansicht. Foto: Robert Bodnar.
"Ist es eine Ironie, dass der, der sich das Malerei gewordene Bedauern über eine gefühlsarme Welt an die Wand hängen will, heute richtig reich sein muss?", fragt sich Paul Jandl in der NZZ bei der Betrachtung von Gottfried Helnweins Ausstellung "Realität und Fiktion" in der Wiener Albertina, wohlwissend, wie teuer die Originale sind. Helnwein war mal ein ziemlicher Bürgerschreck, weiß er, doch vielleicht nutzt sich der Schockeffekt von Hitlerporträts auch irgendwann mal ab: "In dreiundvierzig Werken kann man die menschliche Grausamkeit bestaunen und bleibt mit diesen Erfahrungen allein. Gottfried Helnweins Bilder geben keine Moral vor, aber dieKunstfertigkeit ihres Schockmoments erzeugt eine Gewöhnung, mit der sich das Werk selbst zu sabotieren droht. Die assoziative Offenheit hat bisweilen etwas Beliebiges und Repetitives. Und es gibt eine fatale Nebenwirkung der gegenwärtigen globalen Lage, wenn Helnweins gemalter Schrecken plötzlich wie Dekor wirkt."
Weiteres: Die FR feiert vierzig Jahre Fotografie-Forum Frankfurt. Besprochen werden die Ausstellungen "Ulrich Rückriem. 40 Bodenreliefs" in der Neuen Nationalgalerie (monopol), "Dialektik der Präsenz" in der DZ Bank Kunststiftung (FAZ) und "Mein Mann malt auch" von Sibylle Springer in der Galerie K-Strich in Bremen (taz).
Bild: Shakuru, Shinkichi and Tanéa Tajiri at the iron works (2001), Courtesy of Kim Zwarts. Tief bewegt kommt Max Florian Kühlem (FAZ) aus dem Bonnefanten-Museum in Maastricht, wo die Enkel ihrem 2009 verstorbenen Großvater Shinkichi Tajiri, niederländisch-amerikanischer Künstler japanischer Abstammung, die Ausstellung "The Restless Wanderer" widmen. Tajiri, der während des Angriffs von Pearl Harbour in einem Lager interniert war, wurde vor allem für seine Skulpturen berühmt, die immer auch Aspekte der Weltgeschichte enthalten, so Kühlem: "Die Skulpturen sind hauptsächlich in vier Gruppen unterteilt, die man alle biografisch herleiten kann: Es gibt die Warriors, Krieger, die Machines (Maschinen), Seeds (Samen) und Knots (Knoten), alle haben meist übermenschliche oder mindestens menschliche Maße. Mit den Warriors und Machines hat Shinkichi Tajiri seine Zeit im Krieg verarbeitet - über die er auch Gespräche nie gescheut hat. Seine Krieger-Statuen sind allerdings, obwohl aus Stahl formiert, weniger martialisch als friedlich und still. In Venlo heißen sie 'Wächter' - und man kann sie als Wächter des Friedens sehen. Mit ihren Flügeln oder Hörnern sehen sie aus wie Fabelwesen oder Figuren aus Martial-Arts-Filmen."
Die von dem Architekten Eyal Weizman gegründete Agentur "Forensic Architecture" ist eine Mischung aus Rechercheagentur und künstlerischer Intervention, die Kunstwelt feiert die meist von NGOs beauftragten Arbeiten, Ausstellungen finden sich vom Berliner HKW über die Frankfurter Schirn bis zur Whitney Biennial. Wenn es um Israel geht, hat die Agentur aber eine deutliche politische Schlagseite, das Ziel ist, einen palästinensischen Opfer- und israelischen Täterstatus aufrechtzuerhalten, kritisiert Mira Anneli Nass in der taz. Ein Beispiel ist für sie die Arbeit der Gruppe zum Raketeneinschlag am Al-Ahli-Krankenhaus in Gaza am 17. Oktober, den sogar die nicht gerade israelfreundliche NGO Human Rights Watch der Hamas zugeschrieben hat. Forensic Architecture beziehe sich kritiklos auf Hamas-Quellen und versuche die israelischen Beweise zu "falsifizieren", so Nass: "Auch für 'Destruction of Medical Infrastructure' bezieht sich das Kollektiv unter anderem auf die Hamas-nahe Nachrichtenagentur Shehab News. Um Evidenzen zu schaffen und öffentlichkeitswirksame Gegennarrative zu etablieren, unterlässt es die Gruppe, eine Kritik ihrer Quellen selbst zu formulieren. Im US-Magazin Art in Americaschrieb die Kritikerin Emily Watlington im März, die Gruppe bewege sich so an der Grenze zu Fake News und Halbwahrheiten."
Auch in der polnischen Kunstwelt gibt es nach dem Regierungswechsel allen Grund zum Aufatmen, schreibt Viktoria Großmann, die in der SZ schildert, wie der neue Kulturminister Polens, Bartlomiej Sienkiewicz, Polens Kulturwelt umkrempelt. So wird nun etwa das Bild "Nord Stream 2" des Künstlers Ignacy Czwartos, das Merkel und Putin durch eine Swastika verbunden zeigt, nicht auf der Biennale in Venedig zu sehen sein, sondern das Projekt eines polnisch-ukrainischen Künstlerkollektivs: "Statt Gemälden von Nazis und Rote-Armee-Soldaten sollen im polnischen Pavillon in Venedig nun Filme über ukrainische Kriegsflüchtlinge zu sehen sein. Statt um das im Zweiten Weltkrieg von zwei Seiten überfallene Polen soll es um den aktuellen Krieg in Polens Nachbarland gehen. 'Repeat after me' lautet der englische Titel der Video-Installation, also in etwa 'Sprich mir nach'." Für einen neuen Wettbewerb reichte die Zeit nicht, erklärt die ehemalige Kuratorin des polnischen Pavillons Joanna Warsza, die im Monopol Magazin auch erzählt, wie der rechtsgerichtete Maler Ignacy Czwartos den Wettbewerb überhaupt gewinnen konnte: "Unter der rechtsgerichteten PiS Regierung erfolgte eine brutale Übernahme der Institutionen, aber erst jetzt sollte das, was als 'guter Wechsel' bezeichnet wurde, auch in Venedig ankommen."
Weitere Artikel: In der tazläutet Bernd Müllender in einem von Visit Flanders unterstützten Text das James-Ensor-Jahr in Belgien ein, wo unter anderem Ausstellungen im Brüsseler Bozar, im FOMU in Antwerpen und im Mu.Zee in Ostende zu sehen sein werden. Jens Malling (FAZ) rät zu einem Besuch im Schaudepot im brandenburgischen Beeskow, wo eine der größten Sammlungen mit überwiegend regimetreuer DDR-Kunst zu sehen ist. Im NZZ-Interview spricht Jürgen Teller, dem das Grand Palais Éphémère in Paris derzeit eine Retrospektive widmet, über seine Anfänge und Shootings mit Kate Moss, Victoria Beckham und Björk.
Neues Jahr, altes Thema: die Documenta. In der Weltliest sich Hans-Joachim Müller ziemlich entgeistert durch einen Verhaltenscodex, den eine Consulting-Firma der Kunstschau aufs Auge drücken will. Wenn das, was da gefordert Schule macht, kann man das Ganze auch gleich lassen, so sein Fazit: "Man reibt sich die Augen, wenn man die Kasseler Compliance-Regel liest. Seit wann müssen verantwortliche Kuratoren und Kuratorinnen für 'Formen der Diskriminierung' sensibilisiert werden? Seit wann müssen Künstlerinnen und Künstler ermahnt werden, die Menschenwürde nicht zu verletzen? Weit über ein halbes Jahrhundert lang haben die Documenta-Teams Ausstellungen organisiert, auf denen es mitunter heftig zuging, leidenschaftlich, kämpferisch, problematisch im Ton und der Argumentation. Aber von den strammen Alt-Nazis Werner Haftmann und Kurt Martin in den frühen Fünfzigerjahren bis zum meinungsverschlossen-agierenden Adam Szymczyk des Documenta-Jahres 2017 hat sich niemand, der mit der Regie betraut gewesen war, vor einer Grundwertekommission verteidigen müssen. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie eine Documenta aussehen könnte, auf der künstlerischen Zugang nur hat, wer ein tadelloses zionistisches Leumundszeugnis nebst beglaubigter BDS-Abstinenz vorweisen kann - und dazu die Formeln des postkolonialen Diskurses mit der gedämpften Emphase einer Parole aufzusagen versteht."
Weitere Artikel: Peter Geimer bespricht in der FAZOskar Bätschmanns Buch "Das Kunstpublikum - Eine kurze Geschichte". Daniel Lampert plädiert in der NZZ dafür, in der Schweizer Debatte um Kunst, die während der NS-Zeit den Besitzer wechselte, den Begriff "Fluchtgut" zu erhalten. Die neue polnische Regierung zieht eine umstrittene Einreichung zur Biennale di Venezia zurück, die auf die nationalistische Vorgängerregierung zurückgeht, berichtet der Guardian.
In der Weltist Alan Posener genervt davon, wie die Kuratoren der Ausstellung "Caspar David Friedrich. Kunst für eine neue Zeit" in der Hamburger Kunsthalle den Besuchern ihre Interpretation der Werke aufdrängen wollen: "Friedrichs Gemälde 'Das Eismeer' etwa zeigt riesige Eisschollen, die ein Schiff zerquetscht haben. Das Bild ist Symbol für den Winter der Restauration, in der die Hoffnungen der Revolution zerdrückt wurden. In einem anderen Bild Friedrichs mit dem gleichen Thema trägt das Schiff sogar den Namen 'Hoffnung'. In Hamburg aber wird das Werk 'angesichts der Klimakrise', wie Kunsthallendirektor Alexander Klar schreibt, zum Sinnbild der 'Zerbrechlichkeit und der Gewalt der Natur' verfälscht."
Besprochen werden die Ausstellung "African Studies" mit Werken des Fotografen Edward Burtynsky in der Galerie Springer in Berlin (taz) und im Vergleich die Ausstellung "Herlinde Koelbl: Metamorphosen" im Grassi-Museum für Angewandte Kunst und die Ausstellung "Evelyn Richter: Ein Fotografinnenleben" im Museum der bildenden Künste, beide in Leipzig (tsp).
FAS-Kritikerin Tal Sterngast lässt sich in der Fondation Louis Vuitton von Mark Rothkos "Farbwolken" umhüllen, die dort in einer großen Retrospektive zu sehen sind. Spannend findet die Kritikerin aber vor allem, dass die Ausstellung die lange Entwicklung zeigt, die Rothko durchlief, bis er die figurative Malerei und "das Unterirdische und das Unbewusste verlassen" konnte und "in den Himmel der Abstraktion" aufstieg, wie Sterngast beobachtet: "Rothko brauchte mehr als zwanzig Jahre, um sich von Figuren, Linien und Körpern zu befreien und die radikale Auflösung der Bildgrenzen und die metaphysische Abstraktion vibrierender Farbflächen zu erreichen, für die er später berühmt wurde. Die chronologisch konzipierte Ausstellung, die sich über vier Stockwerke und elf Säle erstreckt, lädt dazu ein, nachzuvollziehen, an welchem Punkt es Rothko gelingt, dass, wie er es ausdrückte, die Malerei 'Wunder vollbringt'...Auf dem Weg durch den vierten und fünften Saal - etwa Mitte der 1950er-Jahre - beginnen sich die Farbwolken in den Gemälden zu verdichten. In den meisten Gemälden sind zwei oder mehr mit dem Pinsel aufgeriebene Farbblöcke oder -streifen mit subtil variierendem Glanz übereinander angeordnet, der Kontrast zu ihrem Hintergrund trennt sie voneinander. Die Farbe erfüllt den Raum."
So lebensnah erscheinen Welt-Kritiker Boris Pofalla die Figuren von Frans Hals, dass er glaubt, ihr Lachen in den Sälen der National Gallery in London widerhallen zu hören. Spezifisch für das Werk des niederländischen Maler ist, weiß der Kritiker, dass er nicht nur angesehene Bürger malte, sondern sich auch in den schummrigeren Ecken der Gesellschaft umsah: "Recht bekannt ist sein Bild 'Malle Babbe'...Es zeigt aller Wahrscheinlichkeit nach eine geistig behinderte Frau, die in Haarlem stadtbekannt war. Wie malte nun Frans Hals diese Person, die am unteren Ende der sozialen Leiter stand? Mit genau derselben Individualität und Hingabe wie seine Auftragsporträts. Die Eule auf ihrer Schulter kann für das niederländische Sprichwort stehen, betrunken wie eine Eule zu sein, oder aber für Weisheit (eindeutig lesbare Symbole sind selten bei Hals). Das Lachen der 'verrückten Barbara' ist auf dem Bild direkt assoziiert mit dem geöffneten Zinnkrug, aus dem sie eben noch getrunken zu haben scheint."
Besprochen werden die Ausstellung Juergen Teller: "I need to live" im Grand Palais Éphémère Paris (FAS) und die Ausstellung "James Gillray: Charakters in Caricature" im Gainsborough's House in Sudbury (FR).
Weiteres: FAZ und SZ trauern um den Kunsthistoriker Alexander Perrig, der sich besonders um die Erforschung des Werks Michelangelos verdient gemacht hat. Greifswald bereitet sich auf das Caspar-David-Friedrich-Jubiläumsjahr vor, berichtet die FR, rund 200 Veranstaltungen sind geplant.
Besprochen wird: Die Ausstellung "Lyonel Feiniger. Retrospektive" in der Kunsthalle Schirn (taz).
Adriaen van Utrecht: Großes Stillleben mit Hund und Katze, 1647. Staatliche Kunstsammlungen Dresden Zwischen Fischtellern und Blumenpracht im Übermaß entdeckt Andreas Platthaus (FAZ) "Zeitlose Schönheit" - so der Titel der Ausstellung der Dresdner Galerie Alte Meister, die derzeit Stillleben aus der eigenen Sammlung zeigt und quer durch die Kunstgeschichte führt: "Die wahre Dramatik der Stillleben-Kunst bieten einmal mehr die verlassenen Festtafeln. Nicht die wandfüllenden Darstellungen von Frans Snijders, die eher lautes Leid anklingen lassen, das bei der Jagd aufs angehäufte Wild oder den Mühen des Imports exotischer Früchte entstanden sein muss (im Gegensatz zum Katalog kann die Saalbeschriftung gar nicht genug auf niederländischen Kolonialismus verweisen), sondern die subtilen Anordnungen auf kleinen Genrestücken, deren Porzellan- oder Glasgeschirr an den Kanten der Tische und Konsolen ständig vom Absturz bedroht scheint. Deren Pasteten wie explodierte Granathülsen inmitten der Damast- und Silberpracht liegen. Oder deren Totenköpfe im Halbdunkel der Randzonen als Buchstützen dienen. Die prekäre Balance des Lebens ist das Thema dieser Malerei, und sie auf vordergründige politische Aussagen aus heutiger Perspektive zu bringen greift zu kurz, denn diese Bilder übten grundsätzliche Kritik an der menschlichen Existenz."
Außerdem: Im Monopol-Magazindenkt Jens Hinrichsen über Kunst unter dem wachsenden Einfluss von Künstlicher Intelligenz nach. Nachrufe auf den im Alter von 68 Jahren gestorbenen New Yorker Künstler Pope.L bringen Hyperallergic und Monopol.
Alexandra Wach ist für den Tagesspiegel nach Ostende gereist, wo das Kunstmuseum aan Zee zum Auftakt des James-Ensor-Jahres 2024 dem Maler die Ausstellung "Rose, Rose, Rose à mes yeux" widmet: "Wie Édouard Manet, der um eine Generation ältere französische Impressionist, erkannte Ensor im Stillleben den eigentlichen 'Prüfstein des Malers'. Denn wer unspektakuläre Gegenstände wie Muscheln oder Geschirr so zu malen verstand, dass sie Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sei auch für scheinbar bedeutsamere Themen geeignet. Ensors Bilder wirken dank der aufgehellten Palette spontan und leicht, während viele seiner Zeitgenossen mit einer dunkel gehaltenen Flut von Schalen, Krustentieren, Vögeln und Wild überwältigen wollten. Zu sehen gibt es auch bei ihm Blumen, Schmuck oder Beispiele für asiatisches Kunstgewerbe. Doch fühlt man sich von seiner Auswahl nie bedrängt. Vielleicht, weil sie eine Bühne herstellt, auf der auch existenzielle Aspekte eine Rolle spielen. Wenn er etwa den Kopf eines Rochens gegen ein Stück Holz lehnt, schaut dieser wie eine Maske aus."
Außerdem: Manuel Brug bewundert für die Weltvenezianische Malerei in der Alten Pinakothek in München.
Heilige Geschäfte mit Christian Jankowski in Lübeck. Foto: Lübeck Tourismus
In Deutschland haben in diesem Jahr 9000 Geschäfte dicht gemacht, von aufgegebenen Büros gar nicht zu reden. Das läuft jetzt alles digital, schreibt Niklas Maak in der FAZ. Was tun mit dem ganzen Platz? Der Künstler Christian Jankowski hatte eine Idee und in Lübeck ein paar aufgegebene Kirchen mit Schlafsofas und anderem möbliert. Genial, findet Maak: "Menschen lagen hier in den Kissen, als seien sie zu Hause, der Effekt war fast surrealistisch und vollkommen erstaunlich: Die Trennung zwischen dem öffentlichen Raum (der durch die Folgen der Digitalisierung gerade in großen Teilen verödet) und dem privaten Wohnzimmer (von dem aus online gearbeitet und online eingekauft wird) verschwamm. ... Schon heute stellen Museen wie die Tate Modern fest, dass gerade jüngere Menschen die Foyers der Ausstellungshäuser als kollektives Wohnzimmer nutzen; dass sie sich dort treffen und ganze Tage verbringen und tun, was früher auf dem Marktplatz stattfand: Informationen austauschen, Dinge kaufen, die Vorbeigehenden beobachten."
Im Interview mit monopol gibt Kuratorin Elena Sinanina, Mitorganisatorin des vom Hauptstadtkulturfonds unterstützten interdisziplinären Festivals "Black Land, Red Land - Restitute", ein hervorragendes Beispiel für Diskussionssimulation. Bei dem Festival ging es um Fragen "nach Herkünften dieser Objekte, nach Besitzverhältnissen, nach Dominanz-Verhältnissen, nach Zugängen, nach Exklusionen und der Frage, wer bestimmt über diese Zugänge, wer entscheidet, welche Bedeutungen zu den Artefakten zirkulieren, wer verfügt über Zugänge? Und wie lässt sich das auf die koloniale Vergangenheit beziehen?" Als postkoloniale Kritik möchte das Sinanina nicht verstanden wissen, sondern nur als "Annäherung". Auch auf die Frage, ob zum Beispiel die Nofretete nach Ägypten zurück sollte, möchte sie lieber nicht konkret antworten: "Das ist natürlich eine vielschichtige Diskussion. Und was ich aus künstlerisch-kuratorischer Perspektive versuche, ist, der Komplexität der Fragestellung gerecht zu werden. Als wir mit unserem Team, zu dem Yunus Ersoy, Anne Diestelkamp aber auch am Festival Beteiligte wie der Sozialwissenschafter Fazil Moradi begannen, uns diesen Institutionen und ihren Argumentationsmustern zu nähern, musste ich feststellen: Je mehr wir uns damit beschäftigen, desto weniger verstand ich von den sogenannten Argumentationen und Begründungszusammenhängen, und von dem, was vielleicht verschleiert oder verleugnet werden soll."
Besprochen werden die Caspar-David-Friedrich-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle, zusammen mit Florian Illies' Buch "Zauber der Stille" (FAS)
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