Und jetzt noch mal von vorne: Die noch übriggebliebenen Mitglieder der Findungskommission für die Documenta 16 sind nach dem erneuten Antisemitismus-Skandal um Ranjid Hoskoté (unser Resümee) geschlossen zurückgetreten, nun muss eine neue gefunden werden, meldet unter anderem die Zeit. Der Rücktritt ist bei weitem nicht das einzige Problem, hält Jörg Häntzschel (SZ) fest: "Auch in allen anderen Bereichen ringt die Documenta um Stabilität. Ihr Geschäftsführer, Andreas Hoffmann, ist erst seit Mai im Amt. Der Kasseler Oberbürgermeister Sven Schoeller, der gemeinsam mit der hessischen Kultusministerin dem Aufsichtsrat vorsitzt, erst seit Ende Juli. Die künftige Zusammensetzung des Aufsichtsrats, in der der Bund zuletzt kaum noch Einfluss hatte, was Claudia Roth immer wieder beklagte, wird heftig diskutiert. Weder gibt es im Moment ein Konzept für die kommende Documenta, noch eine organisatorische Struktur. Die Reputation der bis vor kurzem einflussreichsten Kunstausstellung der Welt ist sowieso dahin."
Claudia Roth muss sich endlich positionieren, fordert Jürgen Kaube in einem FAZ-Artikel, der offenbar vor der Bekanntgabe des Rücktritts entstanden ist, denn der wird mit keinem Wort erwähnt: "Die Documenta ist zwar keine Veranstaltung des Bundes, aber ihr Ministerium trägt nicht nur zur Finanzierung der Kunstschau bei, sondern ist auch symbolisch daran beteiligt. Wenn der Bundespräsident und der Kanzler eingeladen sind, darf gefragt werden, wie antisemitisch die Veranstaltung ist." Hoskotés Unterschrift ist für ihn symptomatisch für den ganzen Betrieb und seine Geisteshaltung: "Der Reiz, durch schnelle Unterschriften Solidarität zu behaupten, ist offenbar selbst dort groß, wo in den Selbstbeschreibungen sonst differenziertes Denken, sorgfältiges Schreiben und Empirie eine große Rolle spielen. Die Versuchungen der Selbstverdummung scheinen unwiderstehlich. Es ist nachvollziehbar, wenn die Kulturpolitik dieser ständigen Relativierung, der Camouflage, des Spiels mit Begriffen (Apartheid, Genozid) und des intellektuellen Taktierens müde wird. Sobald sie klare Worte verlangt, bekommt sie beleidigtes Selbstmitleid und Wortklaubereien. Im Schach heißt es, die Drohung sei stärker als die Ausführung."
Wahnsinnig passend findet Stefan Trinks in der FAZ den Titel "Zerreißprobe" für die neue Ausstellung der Neuen Nationalgalerie Berlin: Sie zeigt die unterschiedlichsten Werke aus den Beständen zwischen 1945 und 2000. Umfangreich in der Menge und der Vielfalt der Stile: "Boris Nemenskijs metergroßes Panorama 'Auf der namenlosen Höhe' von 1961 ist trotz seines realistischen Stils eine Art abstraktes Antikriegsbild, das heute noch und wieder besonders erschüttert - zwei Jungen liegen auf einem Hügel tot nebeneinander, am Hang liegt ein ebenfalls toter Wehrmachtssoldat. Da die Jungen keine Uniform tragen und im Tod namenlos sind, ist dieses Historienbild ewiger Wiederholung so abstrakt wie die zeitgleichen gegenstandslosen Versuche westlicher Maler, das unsagbare Grauen des Krieges künstlerisch durch unkonkrete, abstrakte Formen zu bewältigen. Es ist keine plumpe Sowjet-Propaganda, sondern universelles Mitleiden am sinnlosen Tod in Kriegen. Das Fehlen einfacher Wahrheiten, tiefe Zerrissenheit und Ambiguität, all das ist schon in der völligen Uneinheitlichkeit der Stile ab 1945 ablesbar: es gibt keinen dominierenden Stil mehr, parallel läuft eine Vielzahl von Bewegungen in der Kunst ab, mit osmotischen Austauschprozessen über die politischen Bruchlinien hinweg."
Bettina Allamoda: Atomic - Säulenschutz / Crash Barrier (sequin_hologram_green), 2018. Foto: Mies van der Rohe Haus. Tom Mustroph besucht für die taz eine Ausstellung der Künstlerin Bettina Allamoda im Mies van der Rohe Haus: "Die Herbstsonne spielte mit ihrer verglimmenden Kraft malerisch mit den reflektierenden Metallteilchen, die Bettina Allamoda in ihre textilen Installationen eingearbeitet hatte. Große rote Stoffbahnen wölbten sich im Inneren des Hauses und schmiegten sich an die Außenfassaden an. Dabei traten die glänzenden Pailletten in einen Dialog mit den roten Ziegelsteinen, aus denen Ludwig Mies van der Rohe das kleine, aber feine Einfamilienhaus für das Fabrikantenehepaar Lemke erbauen ließ." Mehr Aufmerksamkeit bekam allerdings die Diskussion um die Erweiterung des Gebäudes, so Mustroph. Eigentlich war die beschlossene Sache, doch durch eine organisatorische Verzögerung wurden die eingeplanten Mittel nun anderweitig vergeben: "Inzwischen sind die Messen gesungen. 'Die Mittel sind jetzt anderweitig verplant', teilte die Senatskulturverwaltung der taz mit. Die insgesamt 25 Millionen Euro aus dem Sondervermögen müssen bis Ende des Jahres ausgegeben werden. Und weil das Bezirksamt Lichtenberg nicht durch schnelle Aktenbearbeitung brillierte, kann sich nun jemand anderes über die eigentlich dem Mies van der Rohe Haus zugedachten Mittel freuen."
Die Reaktionen der Kunstszene auf den Hamas-Terror in Israel sind peinlich bis erschreckend, ärgert sich Niklas Maak in der FAZ. Der bei Artforum publizierte offene Brief (unsere Resümees), der mit keinem Wort die Massaker des 7. Oktober erwähnt, dafür das Ende des "Genozids" in Gaza fordert, wurde von 8000 Kulturschaffenden unterzeichnet, so der ob dieser Empathielosigkeit fassungslose Kritiker. Was sagt das über die Kunstszene aus?: "Man sollte nicht den Fehler machen, alle Unterzeichner zu Antisemiten zu erklären", so Maak, "einige waren, wenn man ihnen glaubt, schlicht zu dumm, das Klein- und Großgedruckte zu lesen oder zu verstehen, sie geben zu Protokoll, nicht so genau hingeschaut zu haben ('dachte, es geht um die Forderung nach Frieden'), was die Sache nicht besser macht." David Velasco, der Chefredakteur von Artforum, der inzwischen gefeuert wurde, zeigt hingegen keine Spur von Reue, berichtet Maak: "In diesen Tagen wird ihm in der Kunstwelt eine Solidarität zuteil, die man den israelischen Terroropfern nur wünschen könnte. Nan Goldin, Nicole Eisenman und viele andere Künstlerinnen fordern Velascos Wiedereinsetzung, von einem 'neuen McCarthyismus' ist etwa in einem Schreiben der Künstlerin Hannah Black die Rede. Tatsächlich wird Meinungsfreiheit an vielen Orten der Welt immer weiter eingeschränkt ... Aber David Velascos Entlassung als Anfang vom Ende der künstlerischen Meinungsfreiheit zu kritisieren ist genauso absurd wie seine vollkommene Uneinsichtigkeit."
Weiteres: Das Museum Folkwang in Essen hat den Gastkurator Anaïs Duplan aufgrund eines Instagram-Aufrufs zur Unterstützung der BDS-Bewegung gekündigt, berichtet Patrick Bahners in der FAZ. Für Bahners ergeben sich hier zwei Fragen: "Soll sich künftig jegliche Zusammenarbeit mit einem BDS-Unterstützer verbieten, auch wenn die Zusammenarbeit gar keinen Bezug zu Israel oder dem Nahen Osten hätte? Und gewissermaßen umgekehrt: Wie stellt man sich dazu, wenn in der Weltsicht der Kunstproduzenten vom Schlag Duplans eben doch ein Zusammenhang zwischen ästhetischen Visionen der Befreiung und radikalen politischen Meinungen zu Israel besteht?" Die Alexander-Tutsek-Stiftung zur Förderung von Kunst und Wissenschaft verlässt ihre historischen Räume in Schwabing, meldet Evelyn Vogel in der SZ. Susanne Memarnia resümiert in der taz die Ereignisse um die abgesagte Ausstellung des Fotografen Raphael Malik über "Muslimisches Leben in Berlin" (Unser Resümee). Der polnische Künstler Wieslaw Smetek erhält den "Dialog-Preis", meldet Tomasz Kurianowiczin der Berliner Zeitung.
Besprochen wird eine Ausstellung des Künstlers Liu Guangyun in der Thomas-Rehbein-Galerie in Berlin Wilmersdorf (tsp.)
Ist die documenta noch zu retten? Diese Frage wird die Feuilletons vermutlich noch eine ganze Weile beschäftigen. Nachdem die SZ über seine Unterschrift unter einem Aufruf unter die vom indischen BDS verfasste Erklärung "Statement against consulate general of Israel, Mumbai's event on Hindutva and Zionism" berichtete (unser Resümee), hat sich der indische Dichter Ranjit Hoskoté aus der Findungskommision für die 16. Ausgabe des Events zurückgezogen. In der Welt befragen Swantje Karich und Boris Pofalla den Geschäftsführer Andreas Hoffmann zum Stand der Dinge. Von Hoskotés Rückzug wurde Hoffmann wohl überrascht: "Wir haben Ranjit Hoskoté gebeten, das Statement von 2019 zu bewerten und seine Haltung dazu zu erklären, denn es enthält eindeutig antisemitische Inhalte. In einem ersten Schritt hat er uns erneut versichert, dass er die Ziele des BDS ablehne. Unsere Erwartung war darüber hinaus, eine umfassende Distanzierung von seiner Unterschrift bzw. den antisemitischen Inhalten zu bekommen. Diese Gespräche dauerten noch an, als uns sein Rücktrittschreiben erreichte."
In der FRunterhält sich Lisa Berins mit einem inzwischen ziemlich konsternierten Meron Mendel. Der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, der letztes Jahr selbst eine Beratungskommission der documenta 15 verlassen hatte (unser Resümee), kann sich nicht erklären, wie die BDS-Nähe Hoskotés hatte übersehen werden können: "Vor allem weil man einfach seinen Namen und BDS googeln konnte und auf die Petition stieß. (...) Die Gatekeeper, die entscheiden, wer ausstellt, die an Schnittstellen sitzen, sollten schon im Vorfeld offenlegen, wie sie zum Thema Boykott stehen. Ansonsten kann der Verdacht nicht ausgeräumt werden, dass der Auswahl der künstlerischen Leitung der Documenta 16 nicht nur Qualitätskriterien zugrunde lagen, sondern politische Motive eine Rolle gespielt haben." Der einzige Hoffnungsschimmer, den er anzubieten hat: "Zum Glück sind es noch vier Jahre bis zur nächsten Ausstellung."
In der Welt fordert Swantje Karich den hessischen Ministerpräsidenten Boris Rhein dazu auf, die Documenta zur Chefsache zu machen, für Monopol kommentiert Saskia Trebing die jüngsten Entwicklungen.
In Berlin schlägt derweil die Absage einer geplanten Ausstellung zu muslimischem Leben im Showroom des Fotolabors Pixel Grain Wellen. Zehn Arbeiten des deutsch-türkischen Fotografen Raphaël Malik sollten gezeigt werden. In der Absagemail an den Künster war davon die Rede, dass man momentan keine Ausstellung zum Thema "ohne einen entsprechenden Gegenpol" wie beispielsweise jüdisches Leben präsentieren möchte. Dass das unglücklich formuliert war, gesteht inzwischen auch der Pixel Grain-Geschäftsführer Robert Jarmatz ein. In der SZ berichtet Sonja Zekri über die unterschiedlichen Reaktionen und stellt vor allem den Künstler in den Mittelpunkt. Malik "bezeichnet sich selbst als 'bewussten Deutschtürken', einen Nostalgiker, der inzwischen - das war nicht immer so - nicht nur seinen Frieden mit seinen verschiedenen Identitäten gemacht hat, sondern sogar dankbar dafür ist. Seine erste Canon hatte er sich nach dem Abitur gekauft, gerade macht er eine Ausbildung zum Fotodesigner. Seine Themen seien vor allem Jugendkultur und die Ästhetik von Kulturen, die in Deutschland koexistieren. Seine erste Antwort am Telefon auf die Frage nach der Absage von Pixel Grain: 'Voll schade. Das ist eine tolle Druckerbude, und die Leute waren unglaublich nett zu mir.'"
Im C/O Berlin nimmt eine Ausstellung namens "Image Ecology" derweil das nicht gar so kontroverse Verhältnis von Fotografie und Umweltgefährdung in den Blick. Einerseits hält das Medium Fotografie Natur im Bild fest, andererseits ist das Medium selbst Teil einer industriellen Umwälzung, die den natürlichen Lebensraum bedroht. Petra Ahne leuchtet das in der FAZ sehr ein: Ein derart expliziter theoretischer Überbau läuft Gefahr, den gezeigten Arbeiten die Luft zu nehmen. Sie halten ihm jedoch stand, ebenso wie die zwölf ganz unterschiedlichen Positionen einander. Die traumverhangenen Arktis-Bilder kontrastieren spannungsvoll mit Tobias Zielonys rauem Fotoessay aus der Republik Moldau, wo der Strom seit Russlands Überfall auf die Ukraine wackelig und teuer ist und mancherorts die Straßenlaternen abends abgeschaltet werden."
Weitere Artikel: In der Weltschreibt Marcus Woeller über außergewöhnliche Ausstellungsstücke: Gallensteine. Besprochen werden die Gabriele-Münter-Retrospektive im Leopold-Museum Wien (NZZ), die Biodiversity-Schau "Bending the Curve" im Kunstverein Frankfurt (taz) und Franco Mazzucchellis Ausstellung "A. on A." in der Berliner Klosterfelde Edition (taz Berlin).
Auch der indische Autor und Kurator Ranjit Hoskoté ist nun aus der Findungskommission der Documenta ausgetreten, berichtet Jörg Häntzschel in der SZ. Nachdem Vorwürfe gegen ihn wegen der Unterzeichung einer BDS-Petition mit eindeutig antisemitischen Inhalten erhoben wurden (unser Resümee), forderte ihn die Leitung der Documenta auf, sich zu distanzieren. Hoskoté kam dem aber nicht nach, so Häntzschel: "Hoskoté beklagt nun, von ihm werde verlangt, 'eine pauschale und unhaltbare Definition von Antisemitismus zu akzeptieren, die das jüdische Volk mit dem israelischen Staat in einen Topf wirft und dementsprechend jede Sympathiebekundung für das palästinensische Volk als Unterstützung für die Hamas ausgibt.'"
Weitere Artikel: Harry Nutt vollzieht in der FR das Schicksal der jüdischen Familie Cassirer nach und evaluiert, was in deutschen Museen im Umgang mit NS-Raubkunst immer noch schief läuft. Gina Thomas schaut sich für die FAZ die Schottischen Nationalgalerien an, deren neues Konzept ein breiteres Publikum ansprechen soll, was sich nach einem Umbau auch architektonisch widerspiegele. Im taz-Interview mit Yulia Shchetyna sprichtNatalia Yakymowich über ihre Pläne für die neue Serpen' Gallery in Berlin Mitte, die nun erstmals einen Ausstellungsort für zeitgenössische ukrainische Kunst bietet.
Besprochen werden die Ausstellung "Das Echo Picassos" im Museo Picasso in Málaga (FAZ) und die Ausstellung "Großes Kino. Filmplakate aller Zeiten" in der Ausstellungshalle am Kulturforum Berlin (FAZ).
Die israelische Künstlerin und Philosophin Bracha Lichtenberg Ettinger ist aus der Kommission ausgetreten, die die Leitung für die nächste Documenta bestimmen sollte, meldet Jörg Häntzschel in der SZ. Mehrfach habe sie darum gebeten, die Entscheidungsfindung angesichts der aktuellen Ereignisse im Nahen Osten zu verschieben, so Häntzschel: "Ihre Bitten, die Arbeit der Kommission vorübergehend zu pausieren, hatte Lichtenberg Ettinger nicht nur mit ihrer eigenen Situation begründet, sondern auch mit einer großen Ratlosigkeit und Uneinigkeit, die die Kunst befallen habe: 'Die Kunstwelt, wie wir sie uns vorgestellt haben, ist zusammengebrochen und zersplittert. (...) Was kann die Kunst in unseren dunklen Zeiten bringen?' Ohne ins Detail zu gehen, ergänzte sie: 'Künstler sind nicht dazu da, die Politik zu dekorieren.'" Die Künstlerin erklärte außerdem, so Häntzschel, dass ihre Entscheidung nichts mit der Debatte um das Kommissionsmitglied Ranjit Hoskoté zu tun habe, im Jahr 2019 eine BDS-Petition unterschrieb (unser Resümee).
Weiteres: Mit dem Künstlerpaar Lotte Lindner und Till Steinbrenner hat das Sprengel Museum zwei "Spezialist:innen für absurde Raumressourcen" eingeladen, seine Räume zu kommentieren, weiß Bettina Maria Brosowsky in der taz und schaut sich die "raumspezifische Installation" 'Unter dem Strand' näher an: "Ein Aquarium steht in der Mitte eines lange nicht mehr genutzten Raumes im Zwischengeschoss. Über die Gebäudetechnik versorgt, wird es von einem kleinen Schwarm blinder Höhlensalmler bevölkert. Der Raum ergänzt ein Spezifikum des Museums, sogenannte Künstlerräume, wie den Merzbau von Kurt Schwitters."
Besprochen werden die Ausstellung "Meredith Monk. Calling" im Haus der Kunst in München (tagesspiegel), die Ausstellung "Geniale Frauen. Künstlerinnen und ihre Weggefährten" im Bucerius Forum Hamburg (FAZ) und die Ausstellung "Péri´s People" mit Werken des Reliefkünstlers Peter László Péri im Kunsthaus Dahlem (tagesspiegel).
Stefan Guggisberg, ohne Titel (Spektrum), 2022. Foto: Eigen+Art / Uwe Walter, Berlin
Was ist das? Philosophische Malerei? Naturmalerei? Eine faszinierte Ingeborg Ruthe (BlZ) steht rätselnd vor den Bildern des Schweizer Künstlers Stefan Guggisberg, die in der Berliner Galerie Eigen+Art ausgestellt sind. "Mit Wucht rollt von den Galeriewänden herab in schweren Wellen oder Geweben das glutige Karmesinrot, Erdbraun, Gelb, Blaugrün, Orange, etwas Weiß wie Schweife oder Gesteinsbrocken und Geröll auf mich zu. Nur die Verglasung verhindert die Versuchung der Berührung. Ich kann schwerlich deuten, was das hier ist, außer geheimnisvoll schön, zugleich unterschwellig bedrohlich, mit einem surrealen Apokalypse-Gefühl aufgeladen. In dem enigmatischen Hell-Dunkel offenbart sich gleichsam eine leichte Übelkeit der Seele. Ein leises Unbehagen an dieser - unterirdischen? - Welt. Oder spiegelt sich so der Zustand unserer oberirdischen Welt mit all den Krisen, Kriegen, Konflikten? ... Wir haben es hier mit philosophischer Malerei zu tun, die sich einer konkreten Gegenständlichkeit entzieht im Sinne sachlicher Zuschreibungen. Doch zugleich hält der Maler seine so amorphen wie biomorphen 'Gebilde' in einem unterweltlichen Tiefenraum des Sinnlichen, der Schatten wie der Lichtreflexe. Und das belehrt nicht, das packt einen vielmehr; diese Höhlen-'Zirkulationen' bringen den Sehnerv fast zum Delirieren."
Mischa Kuball, "missing link_". Foto: Pressdienst der Stadt Düsseldorf / David Young
In der FAZ schreibt Georg Imdahl über eine Installation des Künstlers Mischa Kuball am 9. November, die in Düsseldorf an die von den Nazis zerstörte Große Synagoge erinnerte: "An die ungemein expressive Wirkung, die Kuball auch in weiteren Werken erzielt hat, reicht sein jetziges Düsseldorfer 'missing link_' nicht heran. Allerdings stellt das Banner bislang auch eher ein Provisorium, im Grunde kaum mehr als einen Projektvorschlag dar. Sollte das Werk über das kommende Frühjahr hinaus Bestand haben, was der Stadt empfohlen sei, würde das Plakat durch einen Keramikdruck auf einem großen Glas ersetzt werden, das visuell fraglos einen höheren Mehrwert erwarten ließe."
Im Streit um die nächste Documenta hat Claudia Roth jetzt finanzielle Konsequenzen angedroht, sollte sich die Findungskommission nicht klar von allen antisemitischen Theorien distanzieren, melden mehrere Zeitungen mit dpa. Auslöser war eine Petition mit dem Betreff "BDS India", die eins der Mitglieder der Findungskommission, der in Mumbai lebende Schriftsteller, Kulturtheoretiker, Kunstkritiker und Kurator Ranjit Hoskoté, im August 2019 unterzeichnet hatte. Darin werden lautBerliner ZeitungTheodor Herzl und der Hindunationalist Vinayak Damodar Savarkargleichgesetzt als Gründer von suprematistischen Ideologien. ... Ranjit Hoskoté erklärt der Documenta zufolge selbst, dass er sich mit der Unterzeichnung der Erklärung im Jahr 2019 insbesondere gegen den Hindutva-Extremismus, der erklärtermaßen von Nazismus und Faschismus inspiriert sei, gestellt habe. Er habe sich unterdessen öffentlich und deutlich gegen jeden kulturellen Boykott Israels ausgesprochen, lehne die Ziele der BDS-Bewegung ab und unterstütze die Bewegung nicht."
In der Weltgeht Boris Pofalla inzwischen der Hut hoch: "Für alle, die die Documenta als einzigartige Institution der Kunstfreiheit schätzen, ist es schier unerträglich, nun schon wieder fragen zu müssen: Wie konnte es so weit kommen? Wer trägt die Verantwortung für diesen neuerlichen Antisemitismus bei der Documenta? Die verantwortlichen Documenta-Aufsichtsräte, allen voran Kunstministerin Angela Dorn und Ex-Oberbürgermeister Christian Geselle, werden sich wegducken. Geselle wurde abgewählt und hat die SPD verlassen. Und die Grüne Dorn fliegt in Bälde aus der Landesregierung. Andreas Hoffmann, neuer Geschäftsführer der Documenta, hat leider auch bewiesen, dass er nicht verstanden hat, wie man Antisemitismus entschieden entgegentritt. Er watet in altem Schlamm; anstatt sich auf eine Neuaufstellung der Documenta zu konzentrieren, einen klaren Cut öffentlich glaubhaft zu vermitteln, wurde für den angeblichen Neustart eine Findungskommission aus alten Documenta-Leitern berufen, unter anderen Catherine David (1997), Roger Buergel (2007), Carolyn Christov-Bakargiev (2012) und auch der heftig umstrittene Adam Szymczyk (2017). Die Ignoranz im Umgang mit Antisemitismus scheint bei der Documenta weiter systemimmanent."
Außerdem: Alexander Kosenina besucht für die FAZ in Segovia, Spanien, das Marionettenmuseum mit den Puppen von Francisco Peralta.
Max Slevogt: Bildnis Bruno Cassirer. Bild: Staatliche Museen zu Berlin/Jörg P. Anders.Die Secessionen-Ausstellung in der Berliner Alten Nationalgalerie war ein großer Erfolg, allerdings mit bisweilen zweifelhafter Basis, wie sich jetzt für Hubertus Butin in der FAZ herausstellt: Bei dem "Bildnis Bruno Cassirer" von Max Slevogt handelt es sich höchstwahrscheinlich um Raubkunst. Das weiß die Alte Nationalgalerie schon lange, hat es aber verschwiegen: "Dass außerdem die Verantwortlichen der Alten Nationalgalerie es abgelehnt haben, im Ausstellungskatalog auf die höchst heikle Herkunft des Slevogt-Gemäldes hinzuweisen, ist völlig inakzeptabel. Selbst auf der Homepage des Museums findet sich unter den Provenienzangaben bei dem Werk nicht die kleinste Andeutung zur Raubkunstproblematik. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, betont: 'Wir möchten keine Objekte in unseren Sammlungen behalten, die nicht rechtmäßig dorthin gelangt sind.' An diesen Worten wird das weitere Vorgehen der Stiftung zu messen sein. Zumindest will die Institution nun mit den Nachkommen von Bruno Cassirer 'zeitnah Kontakt aufnehmen'. Für Claus Michael Kauffmann, Sprecher der Familie, kommt diese Ankündigung zu spät: Mit 92 Jahren starb er wenige Tage nach Eröffnung der Secessionen-Ausstellung."
Dass mit Ranjit Hoskoté nun ein BDS-Sympathisant in der Findungskommission für die Documenta 16 sitzt, zeigt für Nele Pollatschek in der SZ deutlich, dass es mit den Versicherungen, man wolle den Antisemitismus der letzten Schau aufarbeiten, nicht so weit her ist. Hoskoté hatte eine mit "BDS India" betitelte Petition unterschrieben, die Pollatschek zufolge klar antisemitisch ist, sie rufe zum Israel-Boykott auf und verbreite antizionistische Mythen. Seine Beteuerungen, er sei gegen jeden Boykott Israels, kauft sie ihm nicht ab: "Wie immer ist es schön zu wissen, dass man im Rahmen der Documenta Antisemitismus 'intensiv diskutiert'. Auch schön zu erfahren, dass Hoskoté gerne jüdische Autoren liest. Was genau das mit einer leider deutlich antisemitischen Petition zu tun hat, bleibt unklar. Man darf also gespannt sein, wie die Documenta-Findungskommission, zu deren sechs Köpfen eben auch mindestens ein Kopf gehört, der es für eine gute Idee hielt, diese Petition zu unterschreiben, wohl die antisemitischen Verfehlungen der Vergangenheit aufarbeiten wird. Und wie man wohl diesmal eine antisemitismusfreie Documenta garantiert."
Weiteres: Für 139 Millionen Dollar ist Picassos "Femme à la montre" von Sotheby's versteigert worden, der höchste Preis, der in diesem Jahr für ein Kunstwerk erzielt wurde, melden FR, Standard, Berliner Zeitung und Tagesspiegel.
Besprochen werden eine Retrospektive von Mark Rothko in der Fondation Louis Vuitton in Paris (tsp), eine Ausstellung des Street-Fotografen Joel Meyerowitz in der Werkstatt-Galerie Hermann Noack in Berlin (tsp), die Ausstellung "Hej rup!" im Bröhan-Museum über die tschechische Avantgarde der Zwischenkriegszeit (taz), die Ausstellung "in situ" über den heutigen Umgang mit dem Nationalsozialismus in der Kunsthalle Darmstadt (taz) und eine Ausstellung mit Werken von Lee Ufan im Hamburger Bahnhof (FAZ).
Noch unter dem Eindruck des Ukrainekriegs hatte das Jüdische Museum Wien die Schau "Frieden" entworfen, die nun angesichts des Hamas-Israel-Konflikts zusätzlich an Aktualität gewinnt. Ronald Pohl hat die Schau für den Standard besucht und schreibt unter anderem über Arbeiten der ukrainisch-israelischen Künstlerin Zoya Cherkassky-Nnadi: "Ihre Aquarelle, die einst die trügerische Idylle der Sowjetkindheit wachriefen, weichen Darstellungen des Ukrainekrieges. Das ehedem glückliche sozialistische Kind im Turnhemdchen hält, zum Twen erblüht, die Mutter panisch umklammert. Putins klobige Panzer schießen derweil die alte Pracht-Chaussee in Schutt und Asche. Auch so lässt sich das Vermächtnis der Sowjetunion retrospektiv als Friedensprojekt deuten."
Am 5. November wurde das Nationale Kunstmuseum in Odessa von einer russischen Rakete schwer beschädigt. Wie Konstantin Akinscha in der FAZ nachzeichnet, hatte das Museum vorher alles dafür getan, den Alltagsbetrieb weiterlaufen zu lassen: "Obwohl das Nationale Kunstmuseum von Odessa in der Gefahrenzone möglicher russischer Bombardierungen liegt, hatte es sich entschieden, seine Türen für Besucher offen zu halten. Während des gesamten Krieges hat das Museum tapfer eine Reihe von Ausstellungen zeitgenössischer Kunst kuratiert, um zu zeigen, dass die Museen selbst inmitten des Krieges nicht schweigen." Jetzt aber gilt: retten, was zu retten ist: "Der größte Teil der historischen Sammlung des Museums wurde schnellstens entfernt und in Sicherheit gebracht. Ergreifende Bilder der verwüsteten Säle zeigen jedoch, dass einige großformatige Bilder aus dem 19. Jahrhundert, darunter Serhij Wassylkiwskyjs Monumentalgemälde 'Die Entführung der Helena', zerstört wurden."
Weitere Artikel: Die Wiener Staatsoper hat dieses Jahr Anselm Kiefer dazu eingeladen, ein Gemälde für ihren Vorhang zu malen, entstanden ist "Solaris". Christoph Ransmayr teilt seine Eindrück zum Gemälde in der FAZ. Der Kunstsammler Harald Falckenberg ist gestorben. Zeit Onlineerinnert an ihn. Für die taz nordinterviewt Alexander Diehl Maria Isabel Hagen, deren Projekt "Performing Denkmal" Performancekunst und Gedenkstätten zusammenbringt. Im Tagesspiegelrezensiert Paul Michael Lützeler eine Anna-Mahler-Biographie. Ebenfalls im Tagesspiegelschreibt Nicola Kuhn über eine Lichtinstallation an der Großen Synagoge Düsseldorf. In Kassel ist das Dach einer Kirche nahe des Ausstellungsgeländes eingestürzt, wie die FAZ berichtet. Eine Nachwirkung der Documenta 15? Die britischen Aktivisten von Just Stop Oil sorgen für Wirbel, nachdem zwei ihrer Mitglieder die "Rokeby Venus" von Diego Velázquez in der Londoner National Gallery attackierten und dabei deren Rahmen nicht nur, wie bei vorherigen aktivistischen Aktionen, beschmutzten, sondern das Schutzglas zerstörten, was eine Schädigung des Gemäldes zur Folge haben könnte.
Besprochen werden die Ausstellung "Van Gogh entlang der Seine" im Amsterdamer Van-Gogh-Museum (Tagesspiegel), die Gruppenausstellung "Lost in Transistion" in der Berliner Galerie Deschler (taz).
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Ecstatic Media. Medienkunst neu betrachtet" im Museum der Moderne in Salzburg (FAZ) und die "Lyonel Feininger"-Ausstellung in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt (FAZ).
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