Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.03.2023 - Kunst

In der NZZ hat Philip Meier den Duft von "Zuckerwatte und Mashmallows" in der Nase beim Betrachten der Werke von Wayne Thiebaud, dem die Fondation Beyeler derzeit eine große Ausstellung widmet. Snacks und Süßigkeiten sind "Glücksspender" bei Thiebaud, kombiniert mit einer "Prise Melancholie":  Er "hat sie zum Inhalt seiner Kunst gemacht - einer, die die Schaulust stimuliert. In 'Girl with Ice Cream Cone' scheint eine junge Frau umgehauen worden zu sein von der Verheißung des rosaroten Soft Ice in ihrer Hand, für das sie bereits ihre Zunge in Stellung gebracht hat. Jedenfalls sitzt sie frontal und breitbeinig am Boden, dabei geht ihr Blick durch die Betrachter hindurch in die Leere, während diese ihre nackten Fußsohlen studieren können."

Es war höchste Zeit für eine Soloschau der Malerin Doris Ziegler, immerhin eine der wichtigsten Vertreterinnen der Leipziger Schule, meint Ingeborg Ruthe (Berliner Zeitung) nach ihrem Besuch im Kunstmuseum Moritzburg. Das Thema der Künstlerin - der "Daseinskampf der Menschen zwischen politischen Mächten und Selbstbehauptung" ist schon im titelgebenden Schlüsselbild "Ich bin Du" von 1988 angelegt: "Die nackte Frau, der nackte Mann sind Eva und Adam im Zeitalter der Moderne. Beide schmal, verletzlich, mit blasser Haut, tragen das Gesicht der Malerin, eben nur 33 Jahre jünger als heute. Sie halten sich an den Händen und blicken uns Betrachter unverwandt an, gleichsam beobachtend. Die Stadtansicht hinter dem merkwürdigen Paar lässt auf die Industrielandschaft von Leipzig-Plagwitz schließen. (...) 1988 war dieses Motiv noch eine Provokation, weil es vermeintlich westlichen Feminismus in den realen Sozialismus schleuste. Die Künstlerin zeigt sich in androgyner Gestalt als Mann wie als Frau. Sie stellte also die vorherrschenden Geschlechterrollen in Frage."

Außerdem: Ob Antisemitismusskandal bei der Documenta oder Hundekot-Eklat in Hannover, die Reaktionen ähneln sich, schreibt Boris Pofalla in der Welt: "Empörung bei Politikern und in den Medien, anhaltende Relativierung und Verharmlosung in der eigenen Branche." Woher kommt diese Ignoranz? "Aus einer vermeintlichen Überlegenheit des eigenen Tuns. Die Autonomie der Documenta wie von Bühnen oder von Ausstellungshäusern wird gern mit ihrer Einzigartigkeit und mit der daraus resultierenden gesellschaftlichen Relevanz begründet. Wer aber stellt diese Relevanz fest? Wenn die Kritik stellvertretend für die demokratische Öffentlichkeit versucht, einen Blick auf oder hinter die Bühnen zu werfen, dann wird das immer häufiger als Affront empfunden." In der SZ schreibt Peter Richter den Nachruf auf den am Donnerstag im Alter von 79 Jahren verstorbenen Künstler und ehemaligen Paris-Bar-Betreiber Michael Würthle. Weitere Nachrufe: Tagesspiegel, FAZ. Museumsleiter Frédéric Bußmann wechselt von den Kunstsammlungen Chemnitz zur Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung.

Besprochen werden die Ausstellung "Muse oder Macherin" im Berliner Kupferstichkabinett (taz), die Joaquín-Sorolla-Ausstellung "Sorolla a través de la luz" im Palacio Real in Madrid (FAS) und die Ausstellung "Simenon. Images d´un monde en crise. Photographies 1931-1935"  im Lütticher Museum Grand Curtius (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.03.2023 - Kunst

Bild: Francesco Melzi, after Leonardo da Vinci, Two Grotesque Heads, 1510s?, pen and brown ink, Gift of Mrs. Edward Fowles, 1980

Dass Leonardo da Vinci geradzu besessen war von unregelmäßigen, kranken und gealterten Gesichtern, deren "monströse Verzerrungen" er "mit beängstigender Präzision" zeichnete, lernt Guardian-Kritiker Jonathan Jones in der Ausstellung "The Ugly Duchess: Beauty and Satire in the Renaissance" in der Londoner National Gallery. Aber es sind keine hämischen Karikaturen, die Leonardo zeichnete - und die sein Schüler Francesco Melzi kopierte, vielmehr sind sie getragen von Leonardos Interesse für die "universelle menschliche Natur", so Jones. Eine Karikatur "zeigt einen alten Mann und eine alte Frau, beide herausgeputzt, die sich kokett begrüßen: Er hat das Gesicht einer mumifizierten Leiche und sie hat kaum eine Nase. Könnte das eine Folge von Syphilis sein? Auf einer anderen von Leonardos beunruhigenden Zeichnungen ist ein Mann im Profil zu sehen, der mit dem Rücken zu uns steht, mit einem Mund, der wie der eines Esels herausragt, einem dicken Truthahnhals, einer Nase, die wie angenäht aussieht, und über diesen verrenkten Gesichtszügen formt sich eine Spirale aus seinem verfilzten Haar, die wie ein Strudel aussieht, als wäre sie ein Brunnen, der in seinem Gehirn versenkt ist."

Im Tagesspiegel rät Hans von Seggern zu einem Besuch in der Berliner EAM-Collection, wo nach Absprache eine Sammlung mit Werken der Pariser Lettristen zu sehen ist: Zwischen 1945 und 1970 provozierte die Gruppe immer wieder Skandale gegen ein "degeniertes Bürgertum", informiert Seggern. Besprochen wird die Ausstellung "Rinascimento a Ferrara. Ercole de' Roberti e Lorenzo Costa" im Palazzo dei Diamanti in Ferrara (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.03.2023 - Kunst

Bild: Jordan Wolfson: "Female Figure". 2014 Animatronic Scupture. Courtesy of the artist, David Zwirner, New York. Sadie Coles HQ, London. Photo: N Kazakov.

Gleich zwei Ausstellungen widmen sich derzeit der Künstlichen Intelligenz in der Kunst: "Shift. KI und eine zukünftige Gemeinschaft" im Kunstmuseum Stuttgart und "Transformers" im Museum Frieder Burda in Baden Baden. Gemein ist beiden vor allem die Ratlosigkeit der künstlerischen Positionen, seufzt Hans-Joachim Müller in der Welt: "War es nicht so, dass die Kunst einmal entschieden über die Simulation hinaus sein wollte", fragt er. In Baden Baden lugt in einem Werk von Ryan Gander etwa eine weiße Maus "aus einem Loch in der Wand und brabbelt wie ein herziges Kleinkind". Eine Ahnung der ungenutzten Möglichkeiten bekommt er immerhin bei der "entfesselten Kunstkörperaktion der 'Female Figure' …, die Jordan Wolfson in einem geschlossenen Kabinett der Baden Badener Ausstellung zur Prostitution vor einer Spiegelwand programmiert hat. Man braucht für die abgründig hässliche Peepshow ein eigenes Billett. Wenn man es drinnen auch nicht lange aushält, erwacht doch einen Augenblick lang die Vorstellung, wie es ist und seine könnte, wenn das unendlich lernwillige Phänomen, das wir vorerst hilflos 'künstliche Intelligenz' nennen, ihre radikalen Bestandteile Kunst und Intelligenz zur Ununterscheidbarkeit mixt."

Außerdem: Im Tagesspiegel-Interview mit Simon Rayß spricht die Fotografin Beate Gütschow über den Zusammenhang von Klimakrise und Fotografie. Es sei so, "dass die Fotografie selbst extrem ressourcenstark ist: die Herstellung der Kameras, die ganze Infrastruktur dahinter von Software bis Server. Doch all das findet meistens in anderen Ländern statt, oft im globalen Süden. So kriegen wir die lokalen Schäden, die diese Extraktionen verursachen, leider nicht mit."

Besprochen werden die Ausstellung "On Stage - Kunst als Bühne" im Wiener Mumok, die laut Katharina Rustler im Standard aber doch zu sehr "mäandert", die Ausstellung "Unpolitische Werke" der Berliner Künstlerin Valerie Favre in der Galerie Thumm (Berliner Zeitung), die Ausstellung "Vicious Cycle" im Art Laboratory Berlin (taz) und die Ausstellung "Kerben und Kanten. Hermann Scherer. Ein Schweizer Expressionist" im Hamburger Ernst Barlach Haus (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.03.2023 - Kunst

Georges Simenon: "Images d'un monde en crise". Foto: Grand Curtius Museum Lüttich.

Das Grand Curtius Museum in Lüttich zeigt Fotografien von Georges Simenon, in denen FAZ-Kritiker Tilman Spreckelsen allerdings keinen Bezug zum Maigret-Autor erkennen kann. Simenon als Reisereporter sieht er nur indirekt gespiegelt: "Je länger man durch diese Ausstellung geht, umso weniger findet man den oft mürrischen, angestrengten und bitteren Autor mancher seiner Reisereportagen wieder. In diesen Bildern herrscht meist ein anderer Ton, ein respektvoller und forschender, einer, der das Fremde mit wachen, ruhigen Augen aufnimmt. Das gilt nicht immer, aber sein großes Interesse teilt sich mit und erstreckt sich beispielsweise auch auf die Mannschaft des Schiffes, mit dem Simenon unterwegs ist."

Die neuen Leiter des Kunsthauses Zürich, Ann Demeester und Philipp Hildebrand, haben einen Richtungswechsel im Umgang mit NS-Raubkunst angekündigt: "Proaktiv und transparent" soll das Haus jetzt bei der Provenienzforschung vorgehen. In der NZZ hätte es Philipp Meier vorgezogen, wenn das Kunsthaus nicht nur von "verfolgungbedingtem Entzug", sondern von "verfolgungsbedingtem Verlust" sprechen würde, worunter auch Fluchtgut fiele, aber die Ankündigungen seien eine Erleichterung: "Konkret bedeutet das, dass das Kunsthaus nicht mehr zuwartet, bis Erbgemeinschaften von einstigen Kunstbesitzern an es herantreten. Man will das Gespräch mit Betroffenen von sich aus suchen. 'Wir sind ein Museum von globalem Rang. Daher wollen wir auch entsprechende internationale Standards befolgen, was die Provenienzforschung betrifft', sagt Hildebrand. Und die Direktorin des Kunsthauses versichert: 'Es geht hier nicht um Imagepflege und Symbolik, uns ist es ernst.' Dass dies auch schmerzhaft für das Kunsthaus werden könne, räumt Ann Demeester ein. Restitutionen seien keinesfalls auszuschließen." 

Der Versuch, sich mit der historisch belasteten Sammlung Bührle zu schmücken, ist daneben gegangen, atmet in der SZ Isabel Pfaff auf: "Das uneinsichtige, teils geschichtsblinde Verhalten, das Lavieren der Verantwortlichen in den Monaten nach der Eröffnung des Erweiterungsbaus war bemerkenswert. Ann Demeesters Vorgänger Christoph Becker fiel mit Unwahrheiten auf, und der damalige Direktor der Bührle-Stiftung sagte den einprägsamen Satz 'Es darf nicht sein, dass die Sammlung zu einer Gedenkstätte für NS-Verfolgung wird, das wird den Bildern nicht gerecht.'"

Weiteres: Catrin Lorch schreibt in der SZ zum Tod der britischen Künstlerin Phillida Barlow. Besprochen werden die Ausstellung des syrisch-armenischen Künstlers Hrair Sarkissian im Maastrichter Bonnefanten Museum (die die beeindruckte taz-Kritikerin Alice von Bieberstein die Gewaltgeschichte der Region sehr klug vor Augen führte), die in der Alten Feuerwache in Berlin gezeigten Porträts, die die Fotokünstlerin Victoria Tomaschko von Frauen in Haft angefertigt hat (FR) und die Sonderausstellung "Gegossen für die Ewigkeit" der fürstliche Bronzesammlung in Liechtenstein (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.03.2023 - Kunst

Simeon Stilthda: Sphinx, 1874-1878. Foto: British Museum

Das Sainsbury Centre in Norwich zeigt indigene Kunst aus Nordamerika, und Guardian-Kritiker Jonathan Jones ist so überwältigt von der Großartigkeit der Masken, Figuren und Totems, dass er jede Debatte über Besitz und Aneignung über Bord wirft: "Als der Künstler Simeon Stilthda in den 1870er Jahren in einer Missionarsbibel ein Bild der Großen Sphinx in Ägypten sah, schnitzte er seine eigene Version davon. Stilthda gehörte dem Volk der Haida im pazifischen Nordwesten Amerikas an, und seine Schnitzerei war eine Hommage der indigenen Kultur dieser Region an das alte Ägypten, das Tausende von Meilen und Jahren entfernt war. Es handelt sich nicht nur um eine wunderbare Skulptur - die Sphinx hat auf der Rückseite eine Haida-Frisur -, sondern auch um ein Stück Kunsttheorie in Holz. Stilthda zieht augenöffnende Parallelen zwischen der religiösen Kunst seiner Gemeinschaft und jener der Pharaonen. Wie die alten Ägypter, die einen Menschen und einen Löwen miteinander verbanden, um die Sphinx zu erschaffen, haben die indigenen Völker des pazifischen Nordwestens Nordamerikas ein magisches Auge für die Natur. Diese fesselnde Ausstellung entführt uns in weite Nadelwälder und den offenen Ozean, wo sich Mensch und Tier nahe sind. Dieser Stil der Kunst des pazifischen Nordwestens mit seinen blockartigen, geschwungenen Mustern scheint die schwarz-weißen Markierungen eines der beherrschenden Tiere der Region, des Schwertwals, nachzuahmen. Orcas sind nicht nur auf Totempfählen zusammen mit mythischen und realen Vögeln zu sehen, sondern ihre 'abstrakte' Erscheinung spiegelt sich in einem Stil wider, der auf brillante Weise die Realität dehnt und verzerrt."

Amphibienartige Luftbusse und Auto-Helikopter-Hybride lassen Stefan Trinks für die FAZ in der "Fetisch Zukunft"-Ausstellung des Zeppelin-Museums Friedrichshafen reflektieren, wie es um den Nexus Kultur und Technik bestellt ist: "Es kommt, und das ist der packende Ausgangspunkt der vier Kuratoren, einsteils zu vielen Vorwegnahmen zukunftsträchtiger Technikerfindungen in der Kultur; nur wenig überspitzt könnte man mit Schopenhauers 'Die Welt als Wille und Vorstellung' behaupten, alles, was in Literatur und Kunst von Leonardos Flugapparaten bis zu den Raketen jemals als Bild in die Welt kam (in der Schau durch Aby Warburgs Mnemosyne-Tafel von Ikarus bis Zeppelin repräsentiert), wurde - bisweilen erst Jahrhunderte später - auch in die Realität umgesetzt. Andererseits lieferten die Literaten und Künstler prophetisch früh auch oft die desillusionierende Kehrseite der schönen neuen Welt, die sich häufig als Wahrheit entpuppte, etwa wenn ein Karikaturist um 1914 auf einer Postkarte den Himmel über dem sehr beschaulichen österreichischen Städtchen Bruck an der Leitha als von Zeppelinen und anderem Flugapparaten völlig überfüllt und von Beinahekarambolagen bedroht zeigt."

Besprochen werden die Retrospektive des amerikanischen Malers Wayne Thiebaud in der Fondation Beyeler bei Basel (SZ) und die Ausstellung "Dissidentenball" der Fotografen Harald Hauswald & Jindřich Štreit in der Galerie Buchkunst Berlin (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.03.2023 - Kunst

Fatoş Irwen: Tigris, 2023. Bild: Galerie Zilberman

Immer wieder wurde die kurdische Künstlerin Fatoş Irwen in der Türkei ins Gefängnis geworfen, ihre Werke sind politisch aufgeladen, aber nicht aktivistisch, wie Ingo Arend in der taz versichert, der ihre Ausstellung in der Galerie Zilbermann sehr empfehlen kann: "Was an der Schau beeindruckt, ist, wie Irwen all diese (Gewalt-)Erfahrungen surreal verschlüsselt. Etwa in der gerade entstandenen Videoarbeit 'Tigris': Pflanzen, Tiere und seltsame graue Fabelwesen schweben auf dem Bildschirm im DIN-A5-Format durch die Luft, von einem baumelt eine goldene Glocke herab. Das Leid, das diese uralte Landschaft seit Jahrhunderten gesehen hat, deutet Irwen in ihrer Arbeit nur symbolisch an. Auf einem steinernen Podest liegt ein Augapfel, aus dessen Iris langsam, aber stetig Blut in die darunterliegenden Gärten rinnt. In dem Video 'Sûr Fragments' läuft die Künstlerin barfuß und in einem bestickten Kleid durch eine enge Gasse Diyarbakırs und zieht eine Leine mit Büchern hinter sich her - Symbol der Misshandlungen, Deportationen und Verluste, die die Stadt erlitten hat. In einer Szene zerbirst eine Wassermelone in tausend Stücke - das Symbol der Stadt, das sich auch in ihrem Wappen findet."

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung des Künstlers Paco Knöller in der Berliner Galerie Thomas Schulte (Tsp) und die Schau "Mining Photography" im Kunsthaus Wien (die zeigt, welche Rohstoffe für die Technik ausgebeutet werden müssen (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.03.2023 - Kunst

Die Ausstellung "Signals - How Video transformed the world" im New Yorker MoMA macht nicht nur deutlich, dass das Video eine eigene Kunstform, sondern auch die "dominante Kommunikationsform unserer Zeit" ist, schwärmt Sebastian Moll im monopol-Magazin. Unter anderem Szenen sind in der Ausstellung Szenen der Proteste in Hongkong 2019 zu sehen: "Das Stück 'Rest/Unrest' von Tiffany Sia zeigt eine Gruppe von Menschen, die sich in einem Einkaufszentrum versammelt. Schriftbänder werden ausgerollt. Die Handlung ist so unaufgeregt wie die Smartphone-Ästhetik, und doch zeigt es eine der größten Protestbewegungen in der chinesischen Geschichte. Die Dramatik von Fernseh- und Pressebildern, in denen die oft gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Demonstranten und der Polizei im Vordergrund standen, fehlt den Aufnahmen völlig. Stattdessen bleiben die Szenen - wie der Titel andeutet - ruhig. Man wird in das private, meist unspektakuläre Erleben dieser Tage durch die Künstlerin mitgenommen."

Dass sich Candida Höfer auch mit 79 Jahren noch neu erfinden kann, erkennen Nicola Büsing und Heiko Klaas (Tsp) in Vaduz im Kunstmuseum Liechtenstein und der Hilti Art Foundation, die der Fotografin gemeinsam eine Schau ausgerichtet haben: In ihrer neuen Werkserie, in deren Mittelpunkt die beiden Museumsgebäude, aber auch die Außenlager stehen, begeistert sich Höfer für Sujets, "mit denen der Kunstbetrieb sie überhaupt nicht assoziiert. Die Aufnahme 'Tenne Vaduz I 2021' zeigt ein Sammelsurium kurioser bäuerlicher Objekte. (...) Gleich im ersten Raum stehen Oberflächen und Strukturen im Mittelpunkt. Höfer, die unumstrittene Königin der sachlich-nüchternen Ablichtung kulturell codierter Innenräume, zeigt hier eine ihrer seltenen Außenaufnahmen. Die geschliffene Betonfassade des Museums trifft hier auf die grünlich eingefärbte, moderne Glasfassade eines Nachbargebäudes. Detailgenaue und verschwommene Flächen stehen einander gegenüber. Partienweise kommt es zu Spiegelungen."

Außerdem: Für die NZZ porträtiert Philipp Meier die deutsche Künstlerin Katharina Grosse, deren "Studio-Paintings" aus drei Jahrzehnten derzeit im Kunstmuseum Bern zu sehen sind. Meier erfährt auch einiges über den Schaffensprozess der Künstlerin: Grosse trägt "nicht nur Malerei aus der Leinwand hinaus in den Raum. Manchmal tritt sie mit ihrem Körper in den Bildraum ein, indem sie zum Beispiel auf einer Leinwand umhergeht, die sie bearbeitet. Fußspuren in solchen Bildern verweisen auf die physische Gegenwärtigkeit der Künstlerin."

Besprochen wird die von Florian Illies gemeinsam mit Anna Christina Schütz im Düsseldorfer Museum Kunstpalast kuratierte Ausstellung "Mehr Licht. Die Befreiung der Natur" mit etwa 170 Ölstudien des 19. Jahrhunderts (Tagesspiegel)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.03.2023 - Kunst

Bild: Josef Bolf, Rückspiegel, 2015. Zeichnung und Collagen auf Papier

Wie im Rausch fühlt sich Susanne Altmann (Tsp), wenn ihr Jiří Fajt, der frühere Generaldirektor der Prager Nationalgalerie, mit insgesamt 51 KünstlerInnen in der Ausstellung "Alle Macht der Imagination" im Dresdner Lipsiusbau eine "massive Dosis Kunst" verabreicht: "Hier wird die gesamte tschechische Avantgarde des 20. Jahrhunderts gefeiert, garniert mit zeitgenössischen Positionen. (...) Auch Jetelová, die Grand Dame der aktuellen tschechischen Szene, stellt ihre visuell-akustische Installation aus Lasern und vibrierenden Spiegelfolien hier ganz in den Dienst des Spektakels. Eine sozusagen formalistische Überraschung, dienten ihr die gleichen Elemente bisher oft dazu, kritische Kommentare zum Anthropozän oder zur globalen Situation der Menschenrechte abzugeben. Im Kontext der 'Imagination' bilden ihre 'Resonances' gleichsam ein Dach, unter dem sich auch - dem deutschen Publikum kaum bekannte - Raritäten wie Zdeněk Pešáneks (1908-1965) anthropomorphe Lichtskulpturen aus den 1930er Jahren befinden."

Bild:  LuYang, LuYang Vibratory Field, Kunsthalle Basel, 2023, Ausstellungsansicht, Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel

In einer "ADHS-Hyperpop-Hölle" verirrt sich derweil Katharina J. Cichosch (taz) in der Ausstellung "Vibratory Field", die die Kunsthalle Basel dem in Shanghai geborenen, genderfluiden Künstler Lu Yang ausgerichtet hat: "Yangs überbordende Digitalwelten sind stets eingefasst in den sorgfältig gestalteten realen Raum, aus dem heraus sie in ihre Meta-Universen entführen. In wilden Stakkati begegnen einem Cyborgs, Götter und Menschen, oft angelehnt an den Künstler selbst. Sie erscheinen in ständiger Transformation wie die Kulissen, durch die sie gejagt werden: Chinoiserie und Gaming-Ästhetik, Kitsch, Artyness, Satanismus und tibetischer Buddhismus, Techno, Fashionpunk, Neurologie und Verhaltenstherapie dreschen im Soundgewitter eines nie enden wollenden Youtube-Videos auf ihr Publikum ein. Derweil wird von einer Off-Stimme philosophiert über das Sein und das Selbst, Höllenqualen, Bewusstsein, Wahrnehmung."

"Schade, dass die Kunsthalle Baden-Baden nur zwei Werke von Candice Breitz zeigt", seufzt Adrienne Braun im Tagesspiegel: "So geht der Niedergang der Kunsthalle Baden-Baden weiter, die unter dem Direktor Johan Holten nicht nur internationale Strahlkraft besaß." Sehenswert findet sie die beiden unter dem Titel "Whiteface" gezeigten Videoarbeiten dennoch: Breitz hat aus Texten von Nachrichtensprechern, Fernsehmoderatoren und Prominenten "herausgeschnitten, was diese zu Schwarz und Weiß in Mikros gesprochen haben. Das klingt mal zynisch, mal selbstgefällig und oft ziemlich rassistisch." Aber: "Auf der riesigen Leinwand sind nicht etwa die TV-Moderatoren und Politiker zu sehen, die hier kokett behaupten 'Weiße sind auch nur Menschen' oder 'Nicht alle Leute sind Rassisten'. Die Künstlerin selbst scheint diese eingespielten Sätze zu sprechen und schlüpft dazu in weiße Kleidung, trägt hier eine Langhaarperücke, inszeniert sich dort androgyn - und provoziert beim Publikum zwangsläufig Unbehagen. Denn man ertappt sich dabei, wie hilflos man reagiert, wenn Rollenmuster nicht greifen und eine Frau mit Männerstimme spricht, die sich in keine Schublade stecken lässt."

Außerdem: Anlässlich der Ausstellung "Maschinenraum der Götter" im Frankfurter Liebighaus, in der auch zwei Objekte von Jeff Koons zu sehen sind, hat der Künstler vor Ort unter anderem über sein im Juni kommendes Projekt gesprochen, berichtet Lisa Berins in der FR: "Dann will der Künstler Skulpturen zum Mond schießen; es sollen '125 Gesichter des Mondes' sein, die mit nicht mehr lebenden Persönlichkeiten verbunden seien." In Le Monde diplomatique besucht Jens Malling das Depot des ehemaligen Bergbauunternehmens SDAG Wismut, in dem sich der mutmaßlich größte Kunstschatz der DDR befindet. In der NZZ resümiert Aldo Keel einen Streit um Christian Krohgs Gemälde "Leiv Eiriksson entdeckt Amerika", das im neuen Nationalmuseum in Oslo zunächst nicht mehr gezeigt wurde und nach einem Shitstorm wieder aus dem Depot geholt wurde. Ebenfalls in der NZZ singt Marc Zollinger ein Loblied auf den deutschen Kunsthistoriker Eike Schmidt, der die Uffizien als neuer Direktor in eines der "international trendigsten" Museen verwandelt hat.

Besprochen werden die Valie-Export-Ausstellung "Oh Lord, Don't Let Them Drop That Atomic Bomb on Me" im Kunsthaus Bregenz (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Sonne. Die Quelle des Lichts in der Kunst" im Museum Barberini in Potsdam ("Grandios", meint Stefan Trinks in der FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.03.2023 - Kunst

Bild: Zineb Sedira, Installation view from the Exhibition Dreams Have No Titles. Hamburger Bahnhof. © Mathieu Carmona / DACS, London 2023.

Eine "vibrierende" Geschichtsstunde erlebt Ingeborg Ruthe (FR) im Hamburger Bahnhof, wo die algerisch-französische Künstlerin Zineb Sedira im Zusammenspiel von Film, Interieur, Skulptur, Fotografie und Performance die Geschichte des seit dem Jahrhundert der Moderne gescheiterten Traums von "Emanzipation, Freiheit, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung" erzählt: Sie "zieht uns also körperlich und mit allen Sinnen hinein in eine fulminante Bild-im-Bild-Installation, eine ohne Anfang und ohne Ende. Da sind Verweise auf Orson Welles' 'F for Fake' von 1973, wo es um Authentizität geht und die Frage, wer für wen Geschichte schreibt. Die Künstlerin bezieht auch die sogenannten Casbah-Filme ein, etwa Viscontis 'Der Fremde' von 1967, Gillo Pontecorvos 'Schlacht um Algier' von 1966 sowie Ennio Lorenzinis 'Les mains libres' von 1964, den lange Zeit in den Archiven verschwundenen Dokumentarfilm über den algerischen Unabhängigkeitskampf. (…) Und so ist 'Träume haben keine Titel' großes Kino über Gewalt und Trauer, Heimat und Verlust, Migration, Integration und Solidarität. Eine universelle Erzählung, doppelt bewegend angesichts der gegenwärtigen Dramen von Krieg, Flucht und Vertreibung in der Welt, dem Krieg gegen die Ukraine."

Bild: Oleksandr Glyadelov. Documentation of the War, 2022-2023. Courtesy to MOCA NGO

Bewegt kommt Vanessa Oberin (Tsp) aus dem Berlin Museum für Kommunikation, das im Rahmen des European Month of Photography (EMOP) in der Ausstellung "The Art of Coping with War" fünf sehr persönliche Perspektiven ukrainischer FotografInnen auf den Krieg zeigt: "Die Fotografie von Yana Kononova, Absolventin der Kiewer Viktor Marushchenko School of Photograph, widmet sich einem anderen Aspekt des Krieges. Ihre 'X-Scapes' zeigen Trümmerhaufen, denen nicht mehr anzusehen ist, was sie einmal waren. Die schwarzweißen Nahaufnahmen verleihen dem verdrehten und verformten Material nahezu ein Eigenleben. Es wird so zum Archiv der Zerstörungsgewalt, die sich in ihm eingeschrieben hat."

Außerdem: In der Zeit porträtiert Carolin Würfel die Künstlerin Margaret Raspé, die sich mit einem selbst gebauten Kamerahelm in den Siebzigern bei der Hausarbeit filmte und der das Berliner Haus am Waldsee nun die Ausstellung "Automatik" widmet.

Besprochen werden die große Giovanni-Bellini-Schau im Pariser Musée Jacquemart-André (Tagesspiegel), die Ausstellung "Femme Fatale. Blick - Macht - Gender" in der Hamburger Kunsthalle (taz), die große Alex-Katz-Retrospektive in der Wiener Albertina (Standard), die Ausstellung "Maschinenraum der Götter. Wie unsere Zukunft erfunden wurde" im Frankfurter Liebieghaus (FAZ) und der Bildband "Photographers", für den Birgit Rieger mehr als hundert Fotograf:innen porträtiert hat (Tagesspiegel)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.03.2023 - Kunst

Valie Export: Oh Lord, Don't Let Them Drop That Atomic Bomb on Me, 2023. Foto: Markus Tretter / Kunsthaus Bregenz

Die österreichische Künstlerin Valie Export, Pionierin der feministischen Performance, gehörte zu den ersten Unterzeichnerinnen von Alice Schwarzers und Sarah Wagenknechts "Manifest für den Frieden", inzwischen hat sie sich leicht davon distanziert. Irgendwie beeindruckt ist Standard-Kritikerin Ivona Jelcic dennoch von Exports Antikriegsinstallation im Kunsthaus Bregenz: "Erstaunlich, welch martialische Wirkung vor allem die verzinkten Pfeifen einer Kirchenorgel entwickeln können: Wie Stalaktiten hängen sie kopfüber von der Decke, stehen als Raketenbündel im Raum oder wurden zur sogenannten Stalinorgel arrangiert. Diesen Namen erhielt ein im Zweiten Weltkrieg eingesetzter sowjetischer Mehrfachraketenwerfer wegen des pfeifenden Geräuschs, das beim Abschuss verursacht wurde. In Bregenz kommt einem gänzlich anderes zu Ohren, nämlich Charles Mingus' auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges entstandener Jazz-Protestsong Oh Lord, 'Don't Let Them Drop that Atomic Bomb on Me'."

Monopol stellt ein älteres, aber sehr schönes Interview mit der kürzlich verstorbenen Künstlerin Mary Bauermeister online, deren Kölner Atelier die Keimzelle der Fluxus-Bewegung mit Nam June Paik, John Cage, Merce Cunningham wurde: "Sexualität war bei uns kein Thema. Wir waren sehr asketisch, auch was Drogen angeht. Bis auf Alkohol. Uns hat nicht der Exzess des Konsums interessiert, sondern der Exzess des Denkens. Der Austausch war uns genug Ekstase. Außerdem war dafür kein Geld da. Wir hatten Hunger, das war unsere bewusstseinserweiternde Droge. Wegen Paik kam einmal die Polizei, das lag aber nur daran, dass die Nachbarn den Krach nicht einordnen konnten. Er hätte keiner Fliege was zuleide tun können. "