Nicole Büsing und Heiko Klaas haben sich für den Tagesspiegel die Ausstellung "Re-Inventing Piet. Mondrian und die Folgen" im Kunstmuseum Wolfsburg angesehen, die an 150 Exponaten den Einfluss von Piet Mondrians Werk auf Kunst, Design und Alltagsobjekte zeigt. Schon erstaunlich, was man aus Mondrian alles machen kann, finden die Kritiker: "Der Franzose Mathieu Mercier provoziert mit Do-it-Yourself-Mondrians aus brüchigen Sperrholzplatten, die er mit Farbfolie und Isolierband beklebt. Und die queere Österreicherin Jakob Lena Knebl lässt ihre nackten Rundungen mit einem Mondrian-Muster bemalen. Dazwischen Architekturmodelle, Yves Saint Laurents Cocktailkleider, ein Video von Iván Argote, der zwei unter Glas befindliche Mondrians im Pariser Centre Pompidou besprüht."
Weiteres: Die Künstlerin Hito Steyerl hat in der neuen Ausgabe der Zeit einen Teil des Feuilletons gestaltet und zwar nach dem Prinzip eines "neuronalen Netzwerks": "Es ist ein Blick in den Maschinenraum der KI: Wer arbeitet da eigentlich? Wer hat das Sagen? Wie viel Energie wird verschleudert? Und überhaupt, wohin soll das alles führen: Welche Auswirkungen auf die Gesellschaft hat die neue Technik?", schreibt sie dazu.
Refik Anadol: Satellite Simulations - B, 2021. Bild: KunstpalastIn jeder Hinsicht ein Pflichttermin war für Ursula Scheer Refik Anadols Schau "Machine Hallucinations" im Düsseldorfer Kunstpalast. Der amerikanisch-türkische Medienkünstler ist der Star der KI-Kunst, Schulklassen werden hordenweise durch die Ausstellung gejagt. "Gnadenlos dekorativ" lautet Scheers Verdikt: "Mithilfe enormer Datenmassen, die zwei gegeneinander antretende künstliche neuronale Netzwerke - sogenannte GANs - mit kreativ offenem Ausgang algorithmisch zu neuen Daten verrechnen, hat Anadol seine eigene Bildsprache entwickelt: psychedelisch wirkende Animationen, 'lebendige Gemälde', die sich in einem Prozess der fortlaufenden Transformation befinden. Alles fließt in den Produktionen aus Anadols Studio in L. A. mit gut einem Dutzend Mitarbeitern... In Düsseldorf kann man im 'black cube' der schwarz gestrichenen Ausstellungsräume fast wie in einem Kino in diese Bilderwelten eintauchen. Durch das Dunkel schweben dazu Klänge mystischer Synthetik-Symphonien mit Naturanleihen, wie man sie von Meditations-Apps kennen mag. Und tatsächlich bietet der Kunstpalast Yogakurse für Kinder oder Erwachsene in der Ausstellung an und spricht der Kurator Alain Bieber, Leiter des mit dem Kunstpalast vereinten NRW-Forums, von einer 'fast spirituellen Erfahrung'."
Weiteres: In der SZstutzt Jörg Häntzschel, mit welcher Nonchalance die Stiftung Preußischer Kulturbesitz die Bauverzögerung beim Pergamonmuseum herunterspielt. Vierundzwanzig Jahre soll die Renovierung jetzt insgesamt dauern, das Ischtar-Tor wird erst wieder 2037 zu sehen sein. In der tazfreut sich Jonas Wahmkow, dass sich die Direktorin des Vorderasiatischen Museums, Barbara Hellwing, nicht ihren Optimismus nehmen lässt. Verständnisvoll berichtet auch Oliver Maksan in der NZZ. Im Tagesspiegel bereitet sich Bernhard Schulz bereits auf die kommende Gerhard-Richter-Ausstellung vor.
Besprochen werden die aufregenden Christina-Quarles-Ausstellung im Hamburger Bahnhof (FR), die Schau "Maschinenraum der Götter" über Science-Fiction in der Antike im Frankfurter Liebighaus (SZ), die Yad-Vashem-Ausstellung "Flashes of Memory" mit Fotografien, die während des Holocausts entstanden, im Museum für Fotografie (Tsp).
André Masson: Le sang des oiseaux, 1956, Centre Pompidou Überwältigt kommt FAZ-Kritiker Stefan Trinks aus dem Hessischen Landesmuseum Darmstadt, das mit der Ausstellung "Urknall der Kunst" jenen Moment zeigt, als die moderne Kunst alle Tradition über den Haufen warf, um sich von den steinzeitlichen Höhlenmalereien inspirieren zu lassen, die der Ethnologe Leo Frobenius in Ägypten und Simbabwe erforscht hatte: "Auch Paul Klee fieberte stets Frobenius' neuen Bildern aus dem Altertum entgegen, wie eine Gegenüberstellung in Darmstadt augenfällig macht: Die Reptilien seines Bildes 'Zweierlei Schildkrot' ähneln verblüffend zwei behäbigen und in die Fläche projizierten Steinzeit-Schildkröten aus Simbabwe der Zeit von 10.000 vor Christus. Wie bei seinem 'Vorbild' füllt auch Klee die Körper der Tiere vollständig mit tiefroter Farbe aus. Er nutzt dafür wie so oft Kleisterfarbe, die besonders spröde und archaisch wirkt. Vielleicht weil die Manieriertheit des Symbolismus in Frankreich und die Endzeitstimmung des dortigen Fin de Siècle in besonders hohen Amplituden ausgeschlagen hatten, gingen die Künstler in Paris weiter zurück in die Vergangenheit als andernorts."
Die Sanierung des Pergamonmuseums wird - nicht überraschend - doch ein wenig teuer als geplant, berichtet unter anderem Andreas Kilb in der FAZ. Statt 240 Millionen Euro werden mittlerweile 1,2 Milliarden Euro für das Vorhaben veranschlagt, dafür soll das Museum teilweise bis 2037 geschlossen bleiben. Kilb räumt ein, dass es gute Gründe für die Kostenexplosion gibt: "Aber je länger das Drama dieser teuersten aller deutschen Kulturbaustellen dauert, desto öfter fragt man sich, warum Politik und Museumsverantwortliche nicht schaffen, was in anderen europäischen Hauptstädten regelmäßig gelingt: eine Sanierung bei laufendem Betrieb. Ist es die Sorge um die Objekte? Oder doch nur die alte deutsche Furcht vor Improvisation?" Der Standardzitiert Stefan Weber, seit 2009 Direktor des Museums für Islamische Kunst: "Ich habe mindestens so viele Wasserschäden wie Dienstjahre." Weitere Berichte in Tagesspiegel oder ZeitOnline.
Weiteres: In der SZ begrüßt Catrin Lorch, dass Kulturstaatsministerin Claudia Roth im Restitutionsfall von Picassos "Madame Soler" Druck auf Bayern ausübt.
Besprochen werden Arbeiten von Jan Machacek und Otmar Wagner zu Ageismus im Wiener Wuk (die Standard-Kritiker Helmut Ploebst schön vor Augen führen, wie "die von der Digitalindustrie ausgebeutete Jugend, die Erwachsenen in ihren Burnout-trächtigen Tretmühlen und die weggestoßenen Alten" gegeneinander ausgespielt werden), die Klimakunst-Ausstellung "Vor dem Sturm" im Privatmuseum Bourse de Commerce des Multimilliardärs François Pinault (Tsp) und Carey Youngs Porträts britischer Richterinnen "Appearance" in der Modern Art Oxford (Guardian).
Die größte Sorge der Künstler ist bekanntlich ihr Urheberrecht. Nun werden Apps entwickelt, die ihre Kunstwerke davor schützen, von KI-Bots ausgewertet zu werden, berichtet Michael Moorstedt in der SZ. KI-Programme können nicht funktionieren, wenn sie sich nicht aus einem Riesenfundus vorhandenen Materials bedienen können, der ihre Ergebnisse verbessert, so Moorstedt. Für Künstler, die sich dagegen wehren wollen, hat etwa die Universität von Chicago eine App geschaffen, "die digitale Kunstwerke vor der KI schützt. Das Glaze - Glasur - genannte Programm funktioniert, indem es jedem Kunstwerk, auf das es angewendet wird, kaum bemerkbare Störsignale hinzufügt. Diese Änderungen beeinträchtigen die Fähigkeit der KI-Modelle, Daten über den künstlerischen Stil zu lesen, und sollen es erschweren, den Stil des Kunstwerks und seines Urhebers nachzuahmen. Stattdessen werden die Systeme dazu verleitet, andere öffentliche Stile zu verwenden, die weit vom ursprünglichen Kunstwerk entfernt sind." Hier die Website von Glaze. Mehr zum Thema bei Techcrunch.
Besprochen werden die Schau der amerikanischen Künstlerin Christina Quarles im Hamburger Bahnhof (Tsp), die Ausstellung "Timeless. Contemporary Ukrainian Art in Times of War" mit Arbeiten ukrainischer KünstlerInnen im Berliner Bode-Museum (taz), Isaac Juliens kapitalismuskritische Filmarbeit "Playtime", die er aber gern im Palais Populaire der Deutschen Bank zeigt (was FR-Kritikerin Ingeborg Ruth freundlich als delikat bezeichnet)
Ingeborg Ruthe (Berliner Zeitung) ist hin und weg von der queeren amerikanischen Künstlerin Christina Quarles, die sie anlässlich ihrer Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin getroffen hat: "'Du kannst komplizierter und widersprüchlicher sein, wenn du nicht versuchst, die Leute dazu zu bringen, die Kurzschriftversion von dir zu verstehen', sagt sie. 'Du kannst einfach in deinem Körper sein.' Dieses 'in seinem Körper sein' ist das zentrale Thema ihrer Malerei, in der die Farben verschmelzen und ambivalente Figuren - mit Brüsten, Vagina oder Penis oder auch alles in einem Körper - in anatomisch unmöglichen, geradezu äquilibristischen Positionen agieren. Sie scheinen durch den Raum zu fliegen, weil sie sich von nichts und niemandem, auch nicht vom Museumswänden, eingrenzen lassen. Das mag obsessiv, ja orgiastisch aussehen. Doch pornografisch ist hier gar nichts. Dazu sind zu viel körperliches Leid und seelischer Schmerz im Spiel der Körper präsent, die keinem traditionell normierten Leben folgen wollen oder können und akzeptiert werden wollen und sollen, wie sie eben sind."
Marcus Boxler unterhält sich für monopol mit einem Mitglied des Kollektivs Broke.Today über Künstler, ihren Anteil an der Gentrifizierung und die anschließende Verdrängung der Kunstszene. Derzeit hat das Kollektiv ein Haus in der Münchner Maxvorstadt für ein Kunstprojekt "besetzt" (mit Einwilligung der Eigentümer): "Kurz bevor gentrifiziert wird, sind wir da, sind Künstler da. Das war auch schon immer so in dieser Stadt - und wahrscheinlich auch überall sonst. Bis sich kein Künstler mehr leisten kann, in dem Viertel zu leben. Und dann zieht man halt weiter. Wir treiben diese Hyperdynamik auf die Spitze und haben diese Gentrifizierungsprozesse zu unserer Projektbasis gemacht."
Besprochen werden Ursula Schultze-Bluhms Ausstellung "Ursula: Das bin ich. Na und?" im Kölner Museum Ludwig (FAZ) und eine Ausstellung der Künstlerin Lap-See Lam im Portikus in Frankfurt am Main (monopol).
Die Vorfahren des australischen Künstlers Daniel Boyd stammen aus der Südsee oder waren Aborigines. Mit "Rainbow Serpent (Version)" widmet der Berliner Gropius Bau dem Maler nun die erste große Soloschau in Europa. Im Hintergrund von Boyds Bildern steht die Philosophie von Edouard Glissant, klärt uns Jens Hinrichsen im Tagesspiegel auf: "Glissant argumentierte, dass Imperialismus und Kolonialismus der ganzen Welt westliche Vorstellungen von Transparenz aufgezwungen haben, was für kolonisierte Menschen jedoch bedeutete, kategorisiert und nach Vorurteilen bewertet zu werden." Erkennbar wird Boyds Auseinandersetzung damit für Hinrichsen etwa in einem Gemälde, das auf einer Fotografie seiner Schwester, die sich für einen Tanz zurechtmacht, basiert: "Das Bild erinnert an die 'Gestohlene Generationen', die Kinder, die durch die australische Regierung (seit dem 19. Jahrhundert und bis in die 1970er hinein) gewaltsam von ihren Familien getrennt wurden. Untergebracht in Pflegefamilien oder Missionsstationen wurde ihnen der Kontakt mit kulturellen Praxen der First Nations untersagt. Die Pointe des Bildes: Boyds Schwester wird den ihren Leuten aufgezwungenen Tanz weiter tanzen. Ein Akt, der gängige Vorstellungen von kulturellem Erbe und Autorschaft aushebelt - und Wiederaneignung als Form des Widerstands präsentiert."
Cameron Row: Bug Trap. Bild: Courtesy of Cameron Row. Mit nur neun Exponaten will der amerikanische Konzeptkünstler Cameron Row in seiner Ausstellung 'Amt 45i'im Frankfurter MMK Tower die deutschen Kolonialverbrechen zeigen und "weißdeutschen Rassismus" abräumen, Claus Leggewie glaubt in der taz indes nicht, dass die Schuldfrage so leicht zu beantworten ist: "Sicher gibt es die Abwehrkämpfe weißer Suprematisten und sie werden aggressiver, aber es braucht an einem musealen Nebenschauplatz globaler Kämpfe gegen Diskriminierung keine Sippenhaft hellhäutiger Nachgeborener, sondern deren so einsichtige wie effektive Solidarität mit Unterdrückten und Ausgebeuteten in aller Welt. Zu den Unterdrückern und Ausbeutern zählen heute postkoloniale Autokraten und Oligarchen, was man nicht als billige Ablenkung abtun darf. Konsequent betrachtet wie in diesem White Room sind auch sie späte Nutznießer der Sklaverei. Unter diesen Kautelen ist die Ausstellung sehenswert."
Artemisia Gentileschi: Susanna und die Älteren. Sammlung Schloss Weißenstein. Erstaunlich "mutig" findet Gabi Czöppan, ebenfalls im Tagesspiegel, die Ausstellung "Verdammte Lust - Kirche. Körper. Kunst", mit der das Museum der Erzdiözese München und Freising den Versuch unternimmt, sich anhand von 150 Werken aus 2000 Jahren Kunstgeschichte dem schwierigen Verhältnis der Kirche zur Sexualität zu stellen: "Überall geht es um Sünde, Scham, Buße. Der römische Gott Pan bespringt eine Ziege (nach dem 2. Jahrhundert vor Christus) und greift, mit erigiertem Gemächt, lüstern nach einem Jüngling. Maria Magdalena als Schutzheilige der Prostituierten muss meist als nackte Versuchung herhalten. Es ist ein ausschließlich männlicher Blick, der auf diese religiöse Welt fällt. Bis auf eine Ausnahme. Die Barockmalerin Artemisia Gentileschi malte 1610 in 'Susanna mit den beiden Alten' ihre eigene Vergewaltigung." Allein das sei Grund genug, sich die sorgfältig kuratierte, durchdachte Ausstellung anzusehen.
Weitere Artikel: In der FAZ berichtet Patrick Bahners von einem Rechtsstreit des Künstlers Lutz Fritsch mit der Kölner Verwaltung, die eine Trasse an der Stelle über die A555 bauen will, an der Fritschs Stele "Standortmitte" aufgebaut wurde. Für die Zeit porträtiert Tobias Timm die Künstlerin Nicole Eisenman, deren Arbeiten derzeit im Museum Brandhorst in München zu sehen sind.
Besprochen werden die Ausstellung "Nam Jun Paik - I Expose The Music" im Dortmunder Museum Ostwall und die Ausstellung "Von Genen und Menschen" im Dresdner Hygienemuseum (Tsp).
Christian Rohlfs: Goldenes Abendlicht am Lago Maggiore, 1936. Kunsthalle Emden Die Kunsthalle Emden widmet sich in einer Doppelausstellung zwei Künstlern, die vom NS-Regime beide als "entartet" klassifiziert wurden. In der tazlegt Jens Fischer sein Augenmerk vor allem auf Emil Nolde und seinen Judenhass, aber klar wird, Christian Rohlfs ist moralisch beeindruckender: "Für Rohlfs war die politische Entwicklung eher eine traurige Folge des gewandelten Zeitgeistes. Die Aufforderung, die Preußische Akademie der Künste zu verlassen, beantwortete er 1937 lapidar: 'Gefällt Ihnen mein Werk nicht, so steht es Ihnen frei, mich aus der Mitgliederliste der Akademie zu streichen; ich werde aber nichts tun, was als Geständnis eigener Unwürdigkeit gedeutet werden könnte.'"
Kaum wieder losreißen kann sich Jonathan Jones im Guardian von der Postimpressionisten-Schau "Inventing Modern Art" in der Londoner National Gallery, die ihn in ihrer Uneinheitlichkeit und ihrem reizvollen Eklektizismus in den Bann zieht: "Hier steht die radikalste Kunst um 1910 - am Rande eines Quantensprungs. Cézanne hat das initiiert. Der größte Schock der Ausstellung ist, dass er viel ernster ist als die beiden anderen vermeintlichen Helden, Van Gogh und Gauguin. Ja, das ist richtig - besser als Van Gogh. Das ist die eindeutige Schlussfolgerung einer Ausstellung, in der sich fünf Werke von beiden gegenüberstehen. Vincents Gemälde sind berührend, intim und doch traditionell im Vergleich zu Cézannes Demontage von Kunst und Natur." Sein Resümee: "Die europäische Kunst der 1880er und 1890er Jahre rast vor unser aller Augen auf die 'Moderne' zu, leiht sich aber auch Anregungen aus nostalgischen und pastoralen Gefilden - und man verliert sich in den Gemälden, wie es die Moderne verlangt."
Weiteres: Die FAZ meldet einen weiteren Leitungswechsel in einem bedeutenden Moskauer Museum: Marina Loschak tritt nach zehn Jahren angeblich freiwillig als Direktorin des Puschkin-Museums zurück, Nachfolgerin wird Elisaweta Lichatschowa. Die FR vermutet, Loschak musste aus politischen Gründen gehen, Zeit Onlineweiß, dass ihre Nachfolgerin zuvor für regierungstreue Zwecke gearbeitet hat.
Besprochen werden Otto Beckers Fotografien zum Klimawandel im Deutschen Technikmuseum (Tsp) und die Ausstellung der britischen Fotografin Alison Jackson im NRW-Forum Düsseldorf (deren Überdosis an Fake Monopol-Kritikerin Alexandra Wach ziemlich verärgert).
Kaum seinen Augen trauen kann FAZ-Kritiker Stefan Trinks im Berliner Kuperstichkabinett, das mit der Ausstellung "Muse oder Macherin" Frauen der italienischen Kunstwelt zwischen 1400 und 1800 präsentiert: Neben der berühmten Artemisia Gentileschi auch die Pastellkünstlerin Rosalba Carriera, oder Sofonisba Anguissola: "Anguissola gab anderen Malern auch gern Tipps für vorteilhaftes Licht im Gesicht. Weniger Stilbewusstsein legte die von Vasari in seinen kanonisierenden 'Vite' beschriebene Bildhauerin Plautilla Nelli an den Tag: Auf der Baustelle in Bologna derber als manche Männer, schüttete sie Kollegen Farbe ins Gesicht oder zerkratzte dieses; mit mehreren Gerichtsprozessen machte sie den notorischen Künstler-Verbrechern Cellini, Caravaggio oder Veit Stoß Konkurrenz. An den Werken der Diana Mantovana wiederum, von deren achtzig bekannten Werken das Kupferstichkabinett stolze sechzig besitzt, lassen sich weitere konkrete Lebensumstände der Kunst schaffenden Mütter nachvollziehen. Denn die Frage sollte nicht sein, ob sie besser waren als die männliche Konkurrenz (jedenfalls um keinen Deut schlechter), vielmehr, ob sie Dinge anregend anders sahen oder andere Motive wählten." Im Tagesspiegelschreibt Elke Buchholz.
Farkhondeh Shahroudi: gestern war ich so müde dass ich den tee gegessen habe. Bild: Kunstverein Arnsberg Einen ganz eigenen Kosmos erlebttaz-Kritikerin Katharina J. Cichosch in den Werken der iranischen Künstlerin Farkhondeh Shahroudi, die Schreiben und Sprechen in ganz eigenwilliger Art bildlich verknüpft, wie Cichosch im Kunstverein Arnsberg erleben kann: "Shahroudis Schreiben ist ein Malen und vielleicht auch umgekehrt. Und wie die Sprache ihrer eigenen Logik folgt, so ergibt sich auch im Arbeitsprozess eines ums andere. Irgendwann überlässt sie der inhärenten Logik der Kunstproduktion das Ruder. So ist es auch mit dem Teppich. Die Künstlerin macht sich das Material durchaus rabiat zu eigen, nimmt Gewebe heraus, fügt ihm eigene Bilder und weitere Ebenen hinzu, malt darauf, fügt Schriftliches an, bringt Teile mit dem für sie typischen groben Stich neu zusammen. Schon ihre Malereien habe sie als Teppich begriffen. Heute sei es so, als ob 'Motive und Farben aus der Leinwand in den Raum eingetreten sind. Ich betrachte den Raum wie eine Malerei.'"
Der Schweizer Diplomat Uli Sigg, der mit seiner Sammlung chinesischer Kunst bekannt wurde, denkt in der NZZ über das unterschiedlichen Kunstverständnis im Westen, im Globalen Süden und in China nach: Im westlichen Verständnis kann Sigg zufolge die Kunst verstörend und kritisch sein, muss sich aber in den Kanon fügen, worauf wiederum der Globale Süden pfeift. In China soll Kunst den Betrachter in die Sphäre der Schönheit und Harmonie entrücken: "Die autoritäre Untervariante des traditionellen chinesischen Kunstverständnisses engt die Definition dessen, was Kunst sein soll, zusätzlich ein - aber durchaus zielkonform. Das illustriert ein Zitat des chinesischen Staatspräsidenten Xi von 2014: 'Kunstwerke sollen wie Sonnenschein und Frühlingsbrise aus blauem Himmel sein, die Köpfe inspirieren, Herzen erwärmen, den Geschmack kultivieren, und unerwünschte Arbeitsweisen wegräumen.' Da ist dann die Diskussion bereits geführt."
Der ukrainisch-amerikanische Kunsthistoriker Konstantin Akinsha, der in Madrid die Aufsehen erregende Ausstellung "Im Auge des Sturms" über den ukrainischen Modernismus kuratiert hat, beschreibt in der NZZ, wie Russland seinen Kunstbetrieb säubert: "Im Juli 2022 gab das russische Kulturministerium den Museen die Anweisung, dass ihre Ausstellungen mit der 'Strategie der nationalen Sicherheit der Russischen Föderation' übereinstimmen müssten. In der Praxis bedeutete diese Regel die Wiedereinführung der Zensur. Die Museen wurden verpflichtet, Daten über die Teilnehmer von Ausstellungen zu liefern, einschließlich ihrer Biografien sowie Informationen über Auslandsreisen in den letzten drei Jahren. Außerdem mussten sie ihren Aktivitäten auf den sozialen Netzwerken nachgehen, um über die Einstellung der Künstler zum Krieg Klarheit zu erlangen."
Jenny Holzer, Protect me From What I Want, 1982. Installation über dem Times Square. Bild: Kunstsammlung Nordrhein Westfalen Großartig findet Alexander Menden in der SZ die Arbeiten der amerikanischen Konzeptkünstlerin Jenny Holzer, der das K21 in Düsseldorf eine große Ausstellung widmet. Subtil und eindrücklich sei ihre durch und durch politische Kunst, in der sie die Jugoslawienkriege ebenso verarbeite wie den Irakkrieg: "Besonders gegenwartsrelevant ist die eigens für die Düsseldorfer Ausstellung entstandene LED-Wandarbeit 'Ukraine' (2023). Sie zeigt in Laufschrift Auszüge aus Berichten der Vereinten Nationen über Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen im russischen Angriffskrieg gegen das Nachbarland. Sie mischt Interviews mit zivilen Opfern und Augenzeugenberichte über Vergewaltigungen, Folter, Mord durch russische Soldaten mit persönlichen Statements ukrainischer Künstler und Autoren aus den ersten Monaten der Invasion. Es ist politische Kunst, die Aufmerksamkeit verlangt, sie aber eben auch zu erregen vermag, weil sie sich oft der Mittel bedient, mit denen auch alle anderen Botschaften des Alltags an unseren Sinnen zerren."
Weiteres: SZ-Kritiker Reinhard Brembeck entnimmt der zu Ende gegangenen Max-Beckmann-Ausstellung der Münchner Pinakothek der Moderne die Vorzüge leichter Sprache.
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