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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.06.2002. Das Gekabbel um Walser geht weiter. Hatte die FAZ einen Vorabdruck des Romans "Tod eines Kritikers" befürwortet? FAZ und SZ sind da unterschiedlicher Ansicht. Die FR kritisiert, dass Walser nicht bei Proust in die Schule gegangen ist. Die taz bespricht Jonathan Franzens Roman "Die Korrekturen". Die NZZ berichtet über Anti-Möllemann-Aktionen von Christoph Schlingensief.

SZ, 28.06.2002

Gestern hatte Hubert Spiegel in der FAZ behauptet, Martin Walser habe "sehr früh" erfahren, dass erhebliche Bedenken gegen einen Vorabdruck seines Romans in der FAZ bestünden. Spiegel bezichtigte SZ-Redakteur Thomas Steinfeld mehrfach der "Unwahrheiten". Heute nun druckt die SZ eine Klarstellung des Suhrkampverlags, mit der man in Frankfurt der Legendenbildung beikommen will: Hubert Spiegel habe "immer wieder betont, dass er - trotz des heiklen Themas! - dafür sei und es der Zeitung 'gut anstünde', auch diesen Roman vorab zu drucken ... Dienstag, den 28. Mai, rief Herr Spiegel dann um 17. 40 Uhr Günter Berg an, um ihm mitzuteilen, dass die FAZ den neuen Roman von Martin Walser nicht vorab drucken werde. Gleichzeitig wurde mitgeteilt, dass Herr Schirrmacher schon am folgenden Tag über den Roman schreiben werde. - Eine Stunde später waren Textpassagen aus Frank Schirrmachers offenem Brief bereits in Spiegel-Online."

Wir verweisen hier gleich auch auf eine ausführliche und differenzierte Kritik des Walser-Romans von Dirk von Petersdorff in der Welt: "Die Kennzeichnung Ehrl-Königs als Jude muss für Walser eine Rolle spielen, denn sonst hätte er auf sie verzichten können, wie er auf andere Eigenschaften des lebenden Reich-Ranicki verzichtet hat. Sie steht aber nicht im Zentrum der Erzählung, sondern spielt quantitativ und in ihrer Bedeutung für den Inhalt nur eine Rolle unter anderen." Im Lauf des Tages werden wir unseren Link des Tages zur Sache aktualisieren.

Wie die Finanzskandale in den USA das Selbstverständnis der Wall Street und der ganzen kapitalistischen Nation erschüttern, erläutert Andrian Kreye in einem Beitrag. Und er malt noch schwärzer: "Nach der einhelligen Meinung der Wirtschaftsexperten waren Enron, Tyco und Worldcom erst der Anfang. Die direkten Folgen aber schlagen bereits unmittelbar auf die Wall Street und die Börsen durch, die wie keine anderen Institutionen vom Vertrauen der Anleger abhängen. Zum ersten Mal seit den 20er Jahren sinken die Aktien gegen den ökonomischen Trend, da die einschlägigen Indikatoren eigentlich auf eine Erholung der amerikanischen Wirtschaft hindeuten."

Zum 90.Geburtstag Carl Friedrich von Weizsäckers schicken die Physiker Edward Teller, Hans Bethe und Hans-Peter Dürr Grußbotschaften. Während Dürr Weizsäckers "große unvollendete Idee für eine universale Physik" in Erinnerung ruft, lotet Teller den alten Konflikt zwischen Glauben und Wissenschaft aus, erhebt die Wissensvermittlung zum obersten Gebot des Physikers und macht das Fehlen allgemeinen Verständnisses verantwortlich für die "überaus gefährliche 'Grünen Bewegung', die den Fortschritt des Wissens zu stoppen versucht, weil er nur zu neuen Gefahren führen würde" Der Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion, schreibt da der greise Physiker, sei gerade dabei, "in diesem Konflikt zwischen wissenschaftlichem Wissen und solchen Weltbildern zu eskalieren, mit denen sich die Durchschnittsmenschen anfreunden können". Hans Bethe hofft, dass ihre Ideen "in Erfüllung" gehen werden.

Weitere Artikel: Die in Jerusalem lebende Schriftstellerin Cordelia Edvardson berichtet, wie sich CNN auf entsprechenden Druck aus Israel hin für eine vermeintlich palästinenser-freundliche Berichterstattung entschuldigte und damit den Hass beförderte. Henning Klüver kommentiert eine missglückte Forza-Italia-Tagung zum "Entwurf zu einem Manifest für die Kultur" in Florenz. In den "Noten und Notizen" erkennt Claus Koch die Schwäche-Zeichen der Kirche (Woytila-Papst, Pädophilie etc.). Thomas Thieringer porträtiert die Opernsängerin Catherine Naglestad, die jetzt die Norma in Stuttgart singen will. Arnd Wesemann wundert sich über das vorzeitige Verschwinden Blanca Lis als Ballettchefin der Komischen Oper Berlin. Jörg Heiser gönnt den Berliner Preis der Nationalgalerie dem Duo Dragset und Elmgreen, und Jonathan Fischer schildert das Schicksal des Journalisten und Todeskandidaten Mumia Abu-Jamal angesichts des massiven Rechts-Rucks in Amerika.

Besprochen werden eine Aufführung des "Ballet Teatro Espanol de Rafael Aguilar" im Moskauer Bolschoi-Theater, "Alzheimer 2000 - Toter Trakt" von Andreas Ammer und FM Einheit im Opernhaus von Bonn, "König Ödipus", inszeniert von Oskaras Korsunovas aus Litauen beim Theater der Welt in Duisburg, und Lektüre, darunter Deborah Cohens bisher nur auf Englisch erschienener Band über Versehrte des Ersten Weltkriegs, ein Artikel von Mark Clark im "Journal of Contemporary History" über Karl Jaspers und die deutsche Vergangenheitsbewältigung, ein neuer Prosaband von Matthias Zschokke und Irmtrud Wojaks Studie über "Eichmanns Memoiren" (siehe auch unsre Bücherschau um 14 Uhr).

TAZ, 28.06.2002

Dirk Knipphals bespricht Jonathan Franzens (hier seine homepage) Roman "Die Korrekturen". Im Genre des Familienromans, in das es eigentlich gehört, meint Knipphals, steht das Buch ziemlich quer, oder sagen wir so: "Gibt es das Subgenre des familienfeindlichen Familienromans? Wenn ja, muss diesem Roman sofort die Position des liebevollsten Buchs zugewiesen werden." Hm. Aber ob nun Familien- oder Gesellschaftsroman (der Rezensent entdeckt "ein wahres Archiv für Mode-, Ess-, Sex- und Erziehungsstile in den Neunzigern"), soviel ist sicher: "'Die Korrekturen' folgen dem zugegeben hippiesk anmutenden Grundsatz, dass noch das normalste Leben interessant ist, wenn man es nur gekonnt genug ausleuchtet." Weiteres zu dieser Besprechung heute in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Tobias Rapp stellt neue Platten vor von Ashanti ("Ashanti", hier was zum hören) und Tweet ("Southern Hummingbird", mehr hier), Brigitte Werneburg verkündet die Vergabe des Preises der Berliner Nationalgalerie für junge Kunst an das Duo Michael Elmgreen & Ingar Dragset und Andreas Merkel porträtiert den größten Singer-Songwriter seit Bob Dylan: Wilco-Sänger Jeff Tweedy.

Und auf der Medienseite spekuliert Michael Bartsch über Möglichkeiten der Zukunftssicherung sächsischer Zeitungsverlage, nachdem Gruner + Jahr verkündet hat, auch die Regionalpresse im Osten aufzugeben.

Schließlich TOM.

FR, 28.06.2002

Den neuen Walser in der Hand, erinnert Ina Hartwig an Charles Augustin Sainte-Beuve (mehr hier und hier) und daran, wie der junge Proust seinen Hass auf diesen französischen Kritikerpapst des 19. Jahrhunderts in seinen Pastiches und nicht etwa in seinen Romanen verarbeitete, wo wiederum die antisemitisch motivierte Dreyfus-Affäre eine wichtige Rolle spielt: "Walser, der schon lange Gefallen daran findet, moralische Beißhemmungen zu missachten, hat sich mit der Kombination des als solchem legitimen Themas des Kritikerhasses mit der Judenfeindlichkeit übernommen. Wenn Prousts Romanfiguren ihre antisemitischen Klischees unbefangen bis bösartig ausplaudern, so kommt Sainte-Beuve selbst in der Recherche gar nicht mehr vor. Der Geist des verhassten Kritikers spricht aus dem Mund einer simpel gestrickten Adligen - zum Amüsement all derer, die es besser wissen. Mit 'Tod eines Kritikers' wollte Walser ebenfalls amüsieren. Aber die entscheidende Lektion hat er von Proust nicht gelernt: Es muss auseinandergehalten werden, was nicht zusammengehört."

Eindrücke aus einer ganz anderen Gegend, nämlich von den Ufern des Titicacasees, liefert Karin Ceballos Betancur: "Auf den steilen Hängen grasen Lamas. Ausländer wirken im Umgang mit den Tieren stets ein wenig beklommen, denn obgleich der belesene Reisende weiß, dass die Tiere nur spucken, wenn sie sich ärgern, gibt keiner der einschlägigen Reiseführer Antwort auf die Frage: Worüber ärgert sich ein Lama?" (Na, ist doch klar: Über belesene Reisende.)

Weitere Artikel: Marietta Piekenbrock prüft Münchens Aussichten auf ein Volkstheater jenseits von Mehrzweckhalle und Landhausstil. Eva Schweitzer gibt den Umzug des MoMa von Manhattan nach Queens bekannt. Christiane Meixner schreibt über die Verleihung des Berliner Preises der Nationalgalerie an Michael Elmgreen und Ingar Dragset. Nikolaus Merck guckt Theater in Leipzig und befindet: der Spagat zwischen Tradition und Moderne gelingt. "Times mager" hat einen neuen Feind der amerikanischen inneren Sicherheit aufgespürt, Hans-Joachim Busch schreibt zum Tod des Psychoanalytikers Alfred Lorenzer, und Eckhard Henscheid präsentiert Wahrheitssuche a la Maybrit Illner: O.k., ich werde das noch mal checken.

Besprechungen widmen sich Jacques Rivettes neuem Film "Va Savoir" und neuen Alben von Lauryn Hill ("MTV Unplugged") und Wyclef Jean ("Masquerade").

Und im Medien-Ressort trifft Markus Brauck auf einen plötzlich sehr ernst dreinschauenden Florian Illies und seine "Berliner Seiten", die morgen zum letzten Mal erscheinen. "Das sei bitter, sagt Illies, für 'die Generation, die meinte, sie könnte besser als alle anderen mit dem Kapitalismus umgehen, einfach das Beste für sich rausholen'."
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NZZ, 28.06.2002

Joachim Güntner berichtet über Anti-Möllemann-Aktionen von Christoph Schlingensief und stellt unter anderem eine Internetseite vor, mit der der Aktionist die "Aktion 18" persifliert: "18 Prozent Wählerstimmen hofft die FDP bei den nächsten Bundestagswahlen einzuheimsen, und Schlingensief meint, dies Ziel solle mit antisemitischer Propaganda erzielt werden. Entsprechend ist seine Website gebaut, als wilde Farce, die vorgibt, mit populistischen Sprüchen und antijüdischen Ressentiments für die FDP Wahlkampf zu treiben." Nun schreitet die Staatsanwaltschaft wegen des "Gebrauchs von Symbolen verfassungsfeindlicher Organisationen" ein.

Weiteres: Marc Zitzmann stellt alte und neue Architektur in der diesjährigen Kulturstadt Brügge vor. Hanno Helbing erinnert an den Rücktritt Papst Cölestins V. am Ende des 13. Jahrhunderts, den er aber nicht als Präzedenzfall für den heutigen Papst ansehen will. Sieglinde Geisel liefert eine Alltagsskizze von der "Marie", einem Spielplatz in Prenzlauer Berg. Ursula Seibold-Bultmann weist auf den "Tag der Architektur" hin, der morgen in der Bundesrepublik begangen wird. Hingewiesen wird auf das neue Du-Heft, das sich der seligen Polaroid-Kamera widmet.

Besprochen werden eine Ausstellung über den Designer Russel Wright in New York, die Ausstellung "750 Jahre Literatur in Brandenburg" in Potsdam und Konzerte mit Musik von Mussorgsky und Schostakowitsch in Zürich.

Die Filmseite bringt ein Gespräch mit der Zürcher Filmwissenschaftlerin Christine Noll Brinckmann, deren Verdienste in einem zweiten Artikel gewürdigt werden. Besprochen wird eine Untersuchung über die Komposition des Endes im Kino (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr). Man stellt die Frage: "Machen Schweizer Trailer Lust?" Und man befasst sich mit "Sound Design" als "blindem Fleck von Kritik und Wissenschaft.

Auf der Medien-und-Informatik-Seite finden wir einen interessanten Artikel über die Idee der Weblogs (diese Feuilletonrundschau ist in gewisser Hinsicht auch so ein Internet-Tagebuch), die nun offensichtlich auch von den Medien aufgegriffen wird. Roland Specker schreibt: "Die Zahl aktiver Weblogs liegt momentan bei etwa 200 000; einige hundert davon sind deutschsprachig. Persönliche Tagebücher, deren Inhalte höchstens für Verwandte und Bekannte der Autoren von Interesse sind, gibt es zwar immer noch; darüber hinaus hat sich aber ein publizistisches Genre mit einer beinahe unerschöpflichen Themenvielfalt entwickelt."

Wir erfahren außerdem, dass die englischsprachige FAZ-Ausgabe bald nur noch wöchentlich erscheint, dass kleine Digitalkameras die Kriegsberichterstattung verändern, dass in Lausanne eine Ausstellung über Computergeschichte abgehalten wird und dass sich im Senegal die Boulevardpresse etabliert.

FAZ, 28.06.2002

Zur Pressemeldung des Suhrkamp-Verlags, dass die FAZ ursprünglich einen Vorabdruck des Walser-Romans zu befürworten schien, gibt es in der FAZ nur ein paar Nebensätze in einer kleinen Meldung mit dem Titel "Altersobszön", in der Äußerungen des Theologen Johann Baptist Metz  gegen Walser zitiert werden. Zu Suhrkamp heißt es da: "Unterdessen verbreitet der Suhrkamp-Verlag in einer Mitteilung, dieser Zeitung hätten die Fahnen des Buches erst am 8. Mai vorgelegen. Tatsächlich ist dieser Zeitung das Manuskript nachweislich bereits vorher zugegangen. Gleichzeitig verteidigt der Verlag die Publikation des Buches damit, diese Zeitung habe keine Einwände gegen das Manuskript geltend gemacht. Diese Darstellung ist falsch."

Weiteres: Dietmar Dath kommentiert die Zustände an den Börsen. Katja Gelinsky berichtet von einem kalifornischen Gerichtsurteil, das das von den amerikanischen Schülern jeden Morgen aufgesagte Treuegelöbnis zum Vaterland "unter Gott" als unvereinbar mit der Trennung von Staat und Kirche ansieht - nun herrscht Aufruhr in patriotischen Kreisen. Joachim Müller-Jung versucht den Begriff der "Nachhaltigkeit" zu definieren, der auf dem Umweltgipfel der UNO in Johannesburg im August eine zentrale Rolle spielen wird. Manfred Lindinger gratuliert Carl Friedrich von Weizsäcker zum Neunzigsten. Jochen Schmidt berichtet über den vorzeitigen Abgang der Ballettdirektorin der Komischen Oper Berlin, Blanca Li, die die Geldnot in der Stadt nicht länger ertragen will. Gerd Roellecke kommt noch einmal auf Johannes Raus Rüge der inszenierten Bundesratsabstimmung zum Einwanderungsgesetz zurück, die er, zumindest gegenüber dem brandenburgischen Innenminister Schönbohn, nicht gerechtfertigt findet. Gerhard R. Koch gratuliert Mikis Theodorakis zum Erich-Wolfgang-Korngold-Preis. Verena Lueken beschreibt das neue Domizil des Museum of Modern Art im New Yorker Stadtteil Queens. Andreas Rosenfelder bemerkt, dass Ulrich Wickert die diesjährige Mercator-Professur in Duisburg schon deshalb verdient, weil allein seine Art, den Kopf zu drehen, der Aufklärung dient.

Auf der letzten Seite resümiert Markus Breidenich das Symposion "Science Goes Pop", das sich mit der Vulgarisierung von Naturwissenschaften befasste. Michael Gassmann porträtiert Freiburgs Oberbürgermeister Rolf Böhme, der nach zwanzig Jahren abtritt. Und Christian Schwägerl entwirft Perspektiven der Neurobiologie, die demnächst auch alle einschlägigen Ethikräte beschäftigen werden. Auf der Medienseite erfahren wir, dass die Serie "Verdammt verliebt" eingestellt wird. Es geht um die Zukunft der Deutschen Welle. Es gibt ein Interview mit dem RTL-Mann Hans Mahr. Und wir erfahren, dass die Süddeutsche Zeitung rote Zahlen schreibt, aber nicht auf Kosten der Angestellten sparen will (also müssen wohl die Freien dran glauben). Ferner wird berichtet, dass Guido Westerwelle keine Chance hat, beim Kanzlerkandidatenduell mitzumachen.

Besprochen werden eine Ausstellung italienischer Terrakotten im Victoria and Albert Museum in London, das Deutschland-Konzert der Soul-Diva Diana Ross in Bonn, eine Ausstellung von Landschaften Johann Alexander Thieles in Dresden, ein Fassbinder-Festival in Mailand und Barbet Schroeders Kinothriller "Mord nach Plan".

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's um CDs von Robert Plant, um Mozart-Klavierkonzerte mit Alfred Brendel, um Musik von Telemann und um eine CD von Sonic Youth.