Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

306 Presseschau-Absätze - Seite 19 von 31

Magazinrundschau vom 26.01.2016 - Eurozine

Russland wird keine Zukunft haben, solange es keine Geschichte hat, glaubt die russische Autorin und Lyrikerin Maria Stepanowa, in deren Augen Ideologie und Beliebigkeit die Vergangenheit in einen reinen Kampfplatz verwandelt haben: "Zu keinem der entscheidenden Ereignisse in unserer Geschichte herrscht heute Einigkeit: Es gibt keinen Konsens zu Peter I., zur Revolution von 1917, zu Stalin oder Chruschtschow; tatsächlich sind wir uns nicht einmal über Rurik einig (den Gründer der Kiewer Rus). Jedes Mal, wenn ein wichtiger Punkt unserer Geschichte diskutiert wird, provoziert das heftige und unendliche Debatte, die uns nicht erlauben, einen Schlussstrich zu ziehen. Im psychoanalytischen Sprachgebrauch würde man unser Verhältnis zur Geschichte als gescheiterte Loslösung beschreiben. Man könnte diesen Prozess der Loslösung vermutlich ganz einfach dadurch beginnen, dass wir anerkennen, was wir erlebt haben. Ohne diese Anerkennung kann es keine historische Wahrheit geben, dann wird sie austauschbar, dann hört in Russland Geschichte auf, eine exakte Wissenschaft zu sein und verwandelt sich in reine Fiktion. In ihrem Kern ist heute in Russland die Geschichte Literatur geworden."

Weiteres: Stefan Szwed erkundet die putinesken Anwandlungen der polnischen Regierung unter Jaroslaw Kaczyński. Der Soziologe Wolfgang Streeck gibt Europa noch eine Chance.

Magazinrundschau vom 05.01.2016 - Eurozine

Robert Menasse begründet in einem Essay, der zuerst auf Englisch in Eurozine erscheint (und auf Deutsch in den Akzenten kommen wird), warum er nicht an die These glaubt, dass Demokratie allein im Rahmen von Nationalsstaaten funktionieren könne - allzu oft habe der Nationalismus gerade zerstörerisch gewirkt: "Denken Sie an Österreich: Das alte Österreich, das Habsburgerreich war ein multiethnisches vielsprachiges Konstrukt, ein transnationales Gebilde, das weder eine nationale Idee noch Ambition hatte. Die verschiedenen als Kronländer zusammenlebenden Regionen genossen Schutz durch die angehäufte Größe, die Geltung der Gesetze und eine gemeinsame Verwaltung und Infrastruktur, ohne zu versuchen, die verschiedenen Kulturen und Mentalitäten zu homogenisieren. Die Ideologie des Nationalismus war es, die dieses Konstukt zerstörte. Und die Völker in den dann unabhängigen Nationen verbrachten nicht einen glücklicheren, freieren oder autonomeren Tag als zuvor, im Gegenteil, sie lebten elende Leben in totalitären Regimes. Besser wurden die Dinge erst, als diese Länder in die transnationale Gemeinsschaft der EU eintraten."

Außerdem in Eurozine: Pham Van Quangs leider staubtrockener, zuerst in der Nouvelle Revue publizierter Überblick über frankophone vietnamesische Literatur.

Magazinrundschau vom 15.12.2015 - Eurozine

Alexander Mikhailovsky erzählt in einem sehr interessanten historischen Rückblick die Vorgeschichte des jetzt so blühenden russischen Nationalismus (wenn da schon sonst nichts blüht), der sich in den siebziger Jahren nach den Repressionen der stalinistischen Jahrzehnte wieder zu regen begann und Ende der achtziger Jahre sozusagen bereit stand: "Im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten war die Breschnew-Nomenklatura an einem kontrollierten Gedeihen ideologischer Nischen (etwa der liberalen, national-bolschewistischen oder traditionalistischen) interessiert. Ziel war es, die Repräsentanten und die Verbreitung der Ideen zu kontrollieren. Kein Protagonist dieser Nischen sollte fähig sein, seine Nische zu verlassen oder gar als Stimme der Kommunistischen Partei zu sprechen. Die Abwesenheit einer realen Öffentlichkeit und nationalen Zusammenhalts schuf die Basis, um die kommunistische Autokratie in eine 'Kratokratie' zu verwandeln', das heißt in eine Regierung, die regiert, weil sie regiert - um Vittorio Stradas treffenden Neologismus für den späten sowjetischen Totalitarismus zu zitieren."

Magazinrundschau vom 24.11.2015 - Eurozine

Martina Hessler zeichnet in einem aus dem Wespennest übernommenen Text ideengeschichtlich nach, wie sich der Mensch als Mängelwesen zu begreifen lernte, erst im Vergleich zum Tier, dann zur Maschine. Gegenüber der Maschine hegte man lange einen prometheischen Stolz, denn all ihren Fähigkeiten zum Trotz war es doch der Mensch, der sie geschaffen hatte. Seit der Mensch in die Konkurrenz gezwungen wird, herrsche eher die prometheische Scham: "Waren es bei Herder, und auch bei Gehlen, noch die fehlenden Instinkte, die im Mensch-Tier-Vergleich offensichtlich wurden, so offenbart nun der Mensch-Technik-Vergleich andere Unzulänglichkeiten, Defizite und Grenzen des Menschen, die vor allem in seinen körperlichen Eigenschaften und Bedürfnissen (Hunger, Müdigkeit, Erschöpfung), aber auch in der menschlichen Emotionalität, den Leidenschaften und möglichen Irrationalitäten gesehen werden. Diese werden geradezu als gefährlich, zumindest als hinderlich oder bedrohlich für den für die technische Kultur so wichtigen reibungslosen Ablauf bis hin zum effizient-rationalen Töten im angeblich sauberen Krieg definiert."

Basil Kerski ruft die Polen zu mehr Solidarität gegenüber Flüchtlingen auf, die sie selbst schließlich auch in Europa erfahren hätten, und unterfüttert sein Plädoyer mit seiner eigenen polnisch-irakischen Familiengeschichte: "Wäre meine Familie nicht aus dem Irak entkommen, wäre ich also kein Migrant, würde ich wahrscheinlich nicht mehr leben."

Magazinrundschau vom 20.10.2015 - Eurozine

Eurozine übernimmt Michaël Fœssels sehr schönes autobiografisches Gespräch mit Jürgen Habermas aus der katholischen Zeitschrift Esprit. Wie tief der Abgrund zwischen Habermas und Foucault anfangs war, illustriert Habermas an den Filmvorlieben der beiden: "Foucault hat mich 1982 für sechs Wochen ans Collège de France eingeladen. Am ersten Abend sprachen wir über deutsche Filme: Herzog und Syberberg waren seine Lieblingsregisseure, während ich für Kluge und Schlöndorff Partei nahm. Später haben wir uns das Curriculum unserer beiden, jeweils anders verlaufenden philosophischen Lehrjahre erzählt. Er erzählte, wie ihm Claude Lévi-Strauss und der Strukturalismus dazu verholfen hätten, sich von Husserl und 'aus dem Gefängnis des transzendentalen Subjekts' zu befreien. Im Hinblick auf seine Diskurstheorie der Macht habe ich ihn damals schon nach den impliziten Maßstäben gefragt, die seiner Kritik zugrunde liegen. Er sagte nur: 'Warten Sie auf den dritten Band meiner Geschichte der Sexualität.'"

Magazinrundschau vom 13.10.2015 - Eurozine

Als Folge von Krypto-Kriegen beschreibt Jamie Bartlett (ursprünglich bei Index on Censorship) die Auseinandersetzung um das freie Internet: Auf den Sieg der Cypherpunks in den 90ern antworteten Geheimdienste und Internetkonzerne mit kompletter Erfassung, doch Bartlett sieht das Pendel schon bald wieder umschlagen: "Bald wird es eine neue Generation von leicht anwendbaren Programmen zur E-Mail-Verschlüsselung geben, wie Mailpile oder Dark Mail. Dann sind da noch Projekte wie Ethereum, das ein neues Netz aus freier Energie und Platz auf den Festplatten von Millionen von Computern schaffen will, die von ihren Besitzern an das Netz angebunden werden. Weil das netzwerk mit starker Verschlüsselung arbeitet und sich über all diese indiviiduellen Rechner verteilt, kann es nahezu unmöglich kontrolliert oder zensiert werden."

Im Interview spricht die türkisch-amerikanische Philosophin Seyla Benhabib sehr kategorisch, aber doch recht allgemein über die Pflicht des Westens gegenüber Flüchtlingen und Migranten. Dass Wirtschaftsmigration auch zu einem Verdrängungswettbewerb am unteren Ende des Arbeitsmarktes führen kann, glaubt sie nicht. Ihr Beispiel aus den USA: "Jobs für Kindermädchen werden immer öfter von Frauen aus Mittelamerika übernommen, anstatt wie zuvor von schwarzen Amerikanerinnen. Warum? Ich glaube, um es post-marxistisch zu erklären, dass die ökonomische Migration Teil des sozialen Friedens ist, den die verschiedenen Klassen in den Industrienationen zuvor geschlossen haben."

Für Jakub Patocka zeigt die Abwehrhaltung der Osteuropäer gegenüber Flüchtlingen, wieviel sowjetisches Denken noch in ihnen steckt.

Magazinrundschau vom 22.09.2015 - Eurozine

Jacques Rupnik trägt einige historische Elemente zum Verständnis (wenn auch nicht moralischen Sanktionierung) des osteuropäischen Verhaltens gegenüber den Flüchtlingen bei. In der Slowakei, in Polen und der Tschechischen Republik sind mindestens drei Viertel der Bevölkerung gegen jede Einwanderung, während aus diesen Ländern selbst seit 1989 Hunderttausende emigriert sind. Aber diese Länder sind selbst Ergebnis einer ethnischen Säuberung, bringt Rupinik in Erinnerung: Und "während westeuropäische Länder seit einem halben Jahrhundert ein liberales multui-ethnisches Modell entwickeln, waren die osteuropäischen Länder vor 89 geschlossene Gesellschaften und haben auch seitdem keine Einwanderung aus dem Süden erlebt. Diese Länder waren selbst kolonisiert und teilen keineswegs die westeuropäischen Komplexe bezüglich der Kolonialzeit. Und vor allem gibt es in den osteuropäischen Ländern die weitverbreitete Vorstellung, dass das multikulturelle Modell Westeuropas ein grauenhafter Fehlschlag ist."

Der bulgarische Politologe Ivan Krastev warnt vor einer Logik der Desintegration in Europa und erinnert daran, dass internationale Experten noch im Herbst 1990 einen Zusammenbruch der Sowjetunion für äußerst unwahrscheinlich hielten. Ein solcher Zusammenbruch kommt nie aus der Peripherie, sondern immer aus dem Zentrum, schreibt er: "Teil des Problems ist, dass wir den Bestand die Europäischen Union als garantiert ansehen. Je mehr wir das tun, desto höher das Risiko der Desintegration. Gerade der Glaube, etwas könne nicht zusammenbrechen, führt zu hochriskantem Verhalten."

Magazinrundschau vom 01.09.2015 - Eurozine

Gigantische Datenbanken mit wissenschaftlichen, aber auch literarischen Texten sind in Russland in den letzten Jahrzehnten angewachsen. Bodó Balázs sieht in Visegrad Insight (online in Eurozine) ihren Ursprung im Samisdat. Sie sind natürlich illegal, aber das heißt nicht, dass sie nicht eine Funktion haben: "Entwicklungsländern fehlt häufig der Zugang zu Werken der Wissenschaft und Literatur, da sie nur zu Preisen zu haben sind, die für ihre lokalen Märkte unbezahlbar sind. Auch Infrasktruktur spielt hier eine Rolle: Öffentliche und Forschungsbibliotheken kämpfen mit unzureichenden Subventionen. Offizielle und legale Versuche, besseren Zugang zu schaffen, wie die Open-Access-Bewegung und Creative Commons, sind zwar ehrenwerte, aber auch langsame Initiativen, und ihre praktische Wirksamkeit ist bisher begrenzt. Piratenbibliothken gehen radikaler heran und suchen auch illegale Wege, um klassische, gelehrte und literarische Werken weltweit zur Verfügung zu stellen."

Magazinrundschau vom 25.08.2015 - Eurozine

Trotz der immer größeren Dominanz von Internetkonzernen, die die Ideen der Sharing Economy kommerzialisiert haben, hält Adrian Wooldridge an der Idee fest. Im Gespräch mit Lukasz Pawlowski von Kultura Liberalna (von Eurozine ins Englische übersetzt) betont der einstige Schumpeter-Kolumnist des Economist: "Ich denke nicht, dass die Sharing Economy zum Monopol tendiert. Was sie tut, ist, unbenutzte Ressourcen zu mobilisieren. Information ist ein wichtiger Faktor in diesem Prozess. Ein anderer ist aber schlicht Nähe zu den Produkten, die du tauschen willst. Wenn ich eine Plattform in meinem Dorf einrichte, um Gartengeräte zu tauschen, würde ich wohl kaum von einem Internetriesen gekauft. Ich sehe nicht ein, warum nicht auch lokale Unternehmen etwas aus solchen Informationen machen können, um Boden zu gewinnen und erfolgreich zu operieren."

In einem zweiten Artikel setzt der Islamforscher Olivier Roy seine Hoffnungen in einen entstehenden Säkularismus in muslimischen Ländern.

Magazinrundschau vom 21.07.2015 - Eurozine

Angesichts der nach Europa drängenden Flüchtlinge wird sich Polen an mehr Vielfalt gewöhnen müssen, meint der Soziologe Alexander Smolar und erinnert in einem ausführlichen Interview daran, dass Homogenität in Mitteleuropa nicht die historische Regel ist: "Polens Homogenität - ethnisch, national, kulturell, religiös - machte den Transformationsprozess viel einfacher. Es gab nicht die Konflikte wie in anderen Ländern, die einen Großteil der politischen Energien aufbrauchten und notwendigen Wandel verhinderten. Jugoslawien ist zum Beispiel mit dem Ende des Kommunismus in einen grauenvollen Konflikt getaumelt, obwohl es zu dem Punkt viel weiter war als Polen, viel westlicher und ökonomisch enger mit dem Westen verbunden. Polens Homogenität ist ein Resultat von Millionen Toten und der erzwungenen Migration von noch mehr Millionen. All diese unvorstellbaren Tragödien haben einen undeutlichen, doch starken Makel auf dem kollektiven Gewissen hinterlassen. Unser Land ist kulturell verarmt, was sich in einer wachsenden Nostalgie zeigt, doch das alte Polen ist für immer verschwunden."

"Was sich hier noch bewegt, ist blanke Zukunftsangst", seufzt Robert Menasse beim Blick auf ein ermüdetes Europa, das sein perspektivisches Ziel und seinen "historischen Vernunftgrund", die Überwindung des Nationalismus, völlig aus dem Blick verloren habe: "Wäre François Hollande imstande, Mitterands Satz "Le nationalisme c"est la guerre" frei heraus zu sagen? Würde es Angela Merkel wagen, den Satz von Walter Hallstein "Das Ziel ist die Überwindung der Nationen" zumindest zu buchstabieren? Zwar kann jeder auf die Frage "Was ist die EU?" im Schlaf mit "Friedensprojekt!" antworten, gähnen und weiterschlafen, aber diese Antwort ist weniger als die halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit war, ist und bleibt: "Sicherung von nachhaltigem Frieden durch die Überwindung der Nationen und Schaffung eines nachnationalen Europa.""

Burkhardt Wolf schließlich rekonstruiert, wie der Vietnamkrieg den hors-champ, den Erzähler aus dem Off, ins politische Kino brachte: "Godards Kino stellt ein politisches cinéma verité in dem Sinne dar, dass es nicht zur Manifestation politischer Wahrheiten dient, sondern vielmehr "die Wahrheit des Kinos" manifestiert, indem es das Imaginäre der Bilder auf deren Ungedachtes hin überschreitet. Oder anders gesagt: Um "wahre" und in diesem Sinne "politische" Filme zu machen, muss vom Bildfeld ein Bezug zum hors-champ gestiftet werden. Der hors-champ beschränkt sich dabei nicht auf den kritischen Off-Kommentar. Ganz allgemein kann man ihn als das (noch) nicht sichtbare Feld jenseits des Bildkaders bestimmen."