Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

306 Presseschau-Absätze - Seite 18 von 31

Magazinrundschau vom 14.06.2016 - Eurozine

In einem beeindruckenden Essay für Eurozine erklärt der noch recht junge Autor Sergei Lebedew ("Oblivion"), wie der Mangel an Vergangenheitsbewältigung die russische Gesellschaft dauerhaft schwächt. "Die innere Natur totalitärer Macht, die die Rechte und Freiheiten ihrer Bürger unterdrückt, liegt darin, dass sie ihnen im Nachhinein erlaubt zu sagen, dass 'wir nichts damit zu tun' hatten. Die Attraktion des totalitären Systems, das Individuen ihrer Wahlfreiheit und damit Verantwortung beraubt, liegt darin, ihnen am Ende ein metaphysisches Alibi und ein stetiges Weitergeben der Schuld zu erlauben. So kommt ein Teufelskreis der Verantwortung ohne Verantwortliche in Gang. Der einzige Weg aus diesem Teufelskreis ist, dass eine Gesellschaft zunächst ihre Verantwortung dafür auf sich nimmt, dieses totalitäre Regime erlaubt und ertragen zu haben."

Magazinrundschau vom 07.06.2016 - Eurozine

In einem langen, anregenden Interview analysiert der derzeit im Exil lebende Garri Kasparow die Lage Russlands und Putins verheerende Politik. Aber das Verhalten der Europäer macht ihm zu schaffen: "Indem sie die Annektierung der Krim akzeptiert hat, hat die freie Welt, vor allem die EU und die USA, de facto Putins Behauptung akzeptiert, die traditionelle Weltordnung, die den Frieden garantiert hat, sei am Ende. Ich finde es erstaunlich, dass die Länder, die am meisten von dieser Ordnung profitiert haben, die europäischen Nationen, das nicht zu verstehen scheinen. Ich habe mich für das Ergebnis des niederländischen Referendums geschämt. Ob man die gegenwärtige Regierung der Ukraine mag oder nicht, die Ukrainer haben jedenfalls bewiesen, dass sie es wert sind, in die EU aufgenommen zu werden. Sie haben für deren Werte gekämpft, eine überlegene Armee bekämpft, bereit, ihr Leben zu geben, um Teil der europäischen Integration zu werden. ... Die nächste Schlacht wird der Brexit. Ich bin wahrlich kein Fan der Brüsseler Bürokratie, aber das schreit zum Himmel. Es geht hier nicht darum, die Brüsseler Bürokratie zu unterstützen, sondern die Einheit Europas gegen Kräfte zu verteidigen, die seine Grundwerte ablehnen."

Magazinrundschau vom 17.05.2016 - Eurozine

Sehr lesenswert ist Lukasz Pawlowskis Gespräch mit Anne Applebaum ursprünglich in Kultura Liberalna, auf englisch in Eurozine. Sie stellt das Phänomen Trump in einen internationalen Kontext des überall gedeihenden Populismus und des Wunsches nach Renationaliserung von Politik, der sich etwa in der Brexit-Kampagne ausdrückt. Trump sieht sie auf einer Linie mit anderen Populisten "wie Marine Le Pen und die anderen, die nicht länger an die Nato  glauben, die die traditionellen Alliierten links liegen lassen und die ihr Land aus der Welt zurückziehen wollen. Trump ist nicht der erste Isolationist in der amerikanischen Politik, aber er ist der erste seit sehr langer Zeit, der einen solchen Aufwind erlebt. Isolationismus war in der amerikanischen Politik seit dem Zweiten Weltkrieg immer marginal - aber nun ist er auf einmal ins Zentrum gerückt."

Magazinrundschau vom 10.05.2016 - Eurozine

Was genau kennzeichnet eigentlich das aktuelle Verhältnis Europas zu Russland? Ist es wirklich nur ein Wertekonflikt? Carl Henrik Fredriksson fürchtet bei Eurozine, dass noch mehr im Spiel ist, nämlich eine Neuordnung des geopolitischen Schachbretts, die von Europa noch gar nicht verstanden worden ist. Durch Putin sei ein an die Restauration von 1815 gemahnendes Denken wieder ins Spiel gekommen, das durchaus auch westeuropäische Intellektuelle infiziert, schreibt Fredriksson: "Die alten Ideen kommen wieder in Mode. Die Rede von 'legitimen Interessen' und 'Einflusssphären' ist das neue Schema, nicht nur in Russland, und die Ereignisse in der Ukraine haben gezeigt, dass die Unverletzlichkeit der Grenzen und das 'Prinzip der gleichen Rechte und Selbstbestimmung der Völker' keineswegs selbstverständlich sind. Die Restaurierung alter (Super-)Machtstrukturen, die im Herbst der Nationen von 1989 untergegangen waren, sind Teil einer politischen Agenda geworden, die die europäische Ordnung nach dem Kalten Krieg auf den Kopf stellen will. Oder sogar schon gestellt hat."

Magazinrundschau vom 12.04.2016 - Eurozine

Ein Dialog zwischen Russland und der Ukraine ist unbedingt nötig, um die andauernde Krise zwischen den beiden Ländern zu beenden. Voraussetzung ist allerdings, dass Russland die Ukraine als eigenen Staat wirklich anerkennt, meint die in Wien lehrende ukrainische Politikwissenschaftlerin Tatiana Zhurzhenko. "Die Hauptfrage dabei ist, ob sich in Russland eine Gruppe für Versöhnung etablieren kann. Das kann nur geschehen, wenn der gegenwärtige imperialistisch-nationalistische Konsens über die Ukraine zerbricht. Ein Dialog mit russischen Liberalen wäre möglich, selbst wenn Ukrainer und Russen ihre jüngste Geschichte völlig unterschiedlich sehen. Aber zu allererst hängt die Zukunft der ukrainisch-russischen Beziehung davon ab, wie sich Europa verhält. Ein geschwächtes, egoistisches Europa, das seine Werte verrät, wird Putins Regime stärken und die ukrainische Gesellschaft in den ethnischen Nationalismus stoßen, der dann die einzige Option bleibt."

In einem Artikel, der vor dem niederländischen Referendum geschrieben wurde, warnt der Historiker Timothy Snyder: "Was wie eine lokale niederländische Frage aussieht, hat jetzt allgemeine Bedeutung. 'Nein' zu wählen würde bedeuten, die russischen Anstrengungen, die EU von innen zu destabilisieren, zu billigen und die Weiterführung der russischen Kriege in der europäischen Nachbarschaft zu unterstützen. Die niederländischen Bürger haben Glück, weil sie immer noch an den Wahlurnen für europäische Freiheiten stimmen können, statt ihr Leben dafür auf den Straßen riskieren zu müssen. Möge das so bleiben."

Magazinrundschau vom 05.04.2016 - Eurozine

Die kroatische Autorin und unerschütterliche Titoistin Dubravka Ugresic verzweifelt im Gespräch mit Lukasz Pawlowski von der Kultura Liberalna an Europa, wo sie vor allem im Osten, aber nicht nur dort die Wiedergeburt des Faschismus erlebt, von Hass und Nationalismus: "Die Wahrheit wurde ersetzt. Die Leute behaupteten, der Aufstieg des Nationalismus sei etwas Gutes, weil er in der jugoslawischen Zeit unterdrückt worden war. Sie behaupteten, dass sie seit einem Jahrtausend auf den Moment gewartet hätten, an dem Kroatien ein unabhängiger Staat werden würde. Das gleiche Muster wiederholte sich in ganz Osteuropa. Doch unter dem politischen Narrativ der 'nationalen Befreiung', das westliche Politiker verstanden haben, ging primitive und rohe Plünderung vonstatten. Brutal und offen. Der postkommunistische Übergang war mit oder ohne Krieg ein perfekt organisierter Raubzug. Kommunistisches Eigentum kannte keinen Besitzer, es gehörte niemandem, und eh man sich versah, haben es sich welche geschnappt und verkauft. Fabriken wurde für winzige Beträge verkauft. Das war die sogenannte Privatisierung. Der große Raub wurde von den Mächtigen und der Kirche abgesegnet."

Magazinrundschau vom 29.03.2016 - Eurozine

Wer sich für die Länder und russischen Regionen des Kaukasus und Nordkaukasus interessiert, sollte unbedingt Emil A. Souleimanovs Osteuopa-Artikel lesen, der von Eurozine online gestellt wurde - der Artikel ist sozusagen eine kommentierte Bibliografie, die die jüngeren Publikationen auf argumentatorische Schlagkraft prüft: Leicht ist es nicht, über die Region mit ihren vielen Ethnien und komplizierten Konflikten zu schreiben. Unter anderem zitiert er Andrew Foxalls Untersuchung über die kaukasische Stadt Stawropol mit ihren starken russischen Bevölkerung, deren Schluss er teilt: "Ungeachtet der beiden Tschetschenienkriege und der wirtschaftlichen Subventionierung des Nordkaukasus aus dem Moskauer Zentrum nimmt die Kluft zwischen Russlands Kernland und seiner südlichen Peripherie zu. Transparente föderale Transferleistungen, eine klare Migrationspolitik und die soziale Integration von Migranten wären für eine Entschärfung der schwelenden Konflikte vonnöten. Optimistisch ist Foxall nicht, er hält die Lage im Bezirk Stawropol zu Recht für exemplarisch: Überall in Russland nimmt die soziale Kohäsion ab, die 'Russland den Russen'-Haltung und die Xenophobie gegen Kaukasier haben dramatisch zugenommen."

Magazinrundschau vom 15.03.2016 - Eurozine

Nur wenn sich Europa in der riesigen zentralasiatischen Region engagiert, wird es seine globale Postion behaupten können, meint Adam Balcer in einem Artikel für New Eastern Europe, den Eurozine auf Englisch publiziert. Nun wirken derartige geopolitische Betrachtungen zwar oft wie Schachspiele mit riesengroßen Figuren - aber Balcer hat etwas durchaus Zwingendes. Er rät, den Begriff des "postsowjetischen Raumes" aufzugeben, weil in ihm Russland als das organisierende Prinzip erscheint. Inzwischen sind aber auch China, Europa, die Türkei und der Iran wichtige Kräfte. Ein wenig ironisch bezeichnet Balcer diesen Raum auch als die Region, in der man Piroggen isst, die offenbar ursprünglich aus Asien kommen: "In diesem Raum ist Russland ein Newcomer. Seine Eroberungen liegen nicht weit zurück. Weißrussland und den größten Teil der Ukraine eroberte es am Ende des 18. Jahrhunderts, Anfang des 19. Jahrhunderts kam Moldawien hinzu. Die Eroberung des Kaukasus endete 1864 und die Zentralasiens in den 1880ern. In den fünfziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts verlor China riesige Gebiete in Zentralasien, Sibirien und dem Fernen Osten an Russland."

Magazinrundschau vom 08.03.2016 - Eurozine

Vor eine Woche hat Adam Zagajewski den Jean-Améry-Preis für Essayistik erhalten, ohne dass es die deutsche Öffentlichkeit allzusehr interessiert hätte (immerhin hat ihn der Tagesspiegel interviewt, unser Resümee). Eurozine bringt einen kurzen, höchst aktuellen Essay Zagajewskis, der zeigt, wie sehr der Lyriker und Essayist den Améry-Preis verdient hat. Zagajewski analysiert hier die beiden Seelen in der Brust europäischer Intellektueller - Aufklärung und Romantik - als widerstreitende Tendenzen. Beiden gesteht er Legitimität zu, allerdings blicken wir heute eher in die Fratze des Romantizismus mit seiner Tendenz zu Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit: "Ich muss zugeben, dass ich viele Argumente der Verteidiger des 'alten Europa' verstehen kann, wenn auch nicht alle. Es ist eine sehr komplexe Ideenschlacht, die nicht auf das einfache Schema 'Fortschritt versus Reaktion' reduziert werden kann. Selbst heute kann dieser Clash der Ideen nicht ignoriert werden, und sei es, weil er Generationen von Intellektuellen geprägt hat. Ich kann die Argumente der Autoren verstehen, die das Schwinden der Religion, den Verfall der Fantasie, die Tendenz, Menschen als rein biologische Wesen zu sehen, beklagen. Allerdings würde ich das Erbe der Aufklärung niemals völlig zurückweisen. Es scheint, dass wir Europäer unfähig bleiben, die beiden Hauptelemente unserer Erfahrung zu vereinbaren, das des Tages und das der Nacht, das der im Common Sense begründeten Handlung und das der ekstatischen Poesie."

Eurozine war Partner des Améry-Preises und stellt aus diesem Anlass einen ganzen Strauß lesenwerter Texte zusammen, die für den Preis nominiert waren. Kenan Malik betrachtet sakrale Kunst aus der Perspektive eines Nichtgläubigen. Fernando Savater schreibt über Voltaire Auch ein Essay des slowenischen Autors Ales Debeljak, der im Januar bei einem Autounfall ums Leben kam, wird präsentiert. Hier ein erläuternder Überblick.

Magazinrundschau vom 02.02.2016 - Eurozine

Faszinierend liest sich der aus Esprit übernommene Text des Islamwissenschaftlers Hamit Bozarslan über den Denker Ibn Chaldun, der um 1400 vor der Reconquista floh und in der Folge eine tief pessimistische Theorie des Verfalls etablierter und der Entstehung ambitionierter neuer Mächte entwickelte. Bozarslan liest sie vor dem Hintergrund des heutigen triumphierenden Islamismus. Die Fragen, die sich Ibn Chaldun stellte, schildert Bozarslan so: "Wie erklären, dass die Gemeinschaft des Islam, die sich ontologisch von jeder anderen Gemeinschaft auf Erden vor ihr unterscheiden musste, letztlich den gleichen Prozess des 'Verfalls' durchlief wie die anderen? Und wie kann man den Islam jenseits des Glaubens verteidigen, als Kultur und Zivilisation, während er doch zugleich Objekt und Subjekt seiner Zerstörung ist?"

Eurozine hat außerdem ein Gespräch der polnischen Zeitschrift Kultura Liberalna mit dem deutschen Soziologen Wolfgang Streeck über die Reform der Europäischen Union und deutsche Obsessionen übersetzt. Die alles entscheidende Frage sei die Beziehung zwischen Nationalstaaten und den Institutionen der EU, sagt Streeck: "In dieser Debatte müssen die Deutschen endlich verstehen, dass sie die einzigen sind, die ihre nationale Identität der europäischen Einheit opfern wollen. Ironischer Weise liegt gerade darin ein Programm zur deutschen Hegemonie. Je mehr Deutschland die anderen Nationen bedrängt, ihm in seiner antinationalen Obsession zu folgen, desto mehr werden Parteien wie der Front National, die Wahren Finnen, UKIP und so weiter gewinnen."