
"Wir glauben, dass die Demokratie noch nicht endgültig gestorben ist, solange es noch Tunesier gibt, die um sie kämpfen." Das ist auch schon der größte Hoffnungsschimmer, den Larbi Sadiki und Layla Saleh
anzubieten haben in ihrem Überblicksessay über den
Verfall der demokratischen Strukturen in Tunesien seit dem de-facto-Coup des Präsidenten
Kais Saied im Juli 2021. Schritt für Schritt hebelt Saied seit seiner Machtübernahme Prinzipien der Gewaltenteilung und der politischen Kontrolle aus. Dabei galt Tunesien vorher als die einzige demokratische Erfolgsgeschichte des Arabischen Frühlings von 2011. Sadiki und Saleh zeichnen freilich nach, wie die durch Parlamentswahlen in den Jahren 2014 und 2019 nur scheinbar stabilisierte tunesische Demokratie von Anfang an mit Geburtsfehlern behaftet war. Das betrifft zum einen institutionelle Probleme wie die Abwesenheit einer - konstitutionell durchaus vorgesehenen - Verfassungsgerichtsbarkeit. Mindestens genauso ist laut den Autoren freilich die Vernachlässigung sozialer Faktoren, die sich in einem weitverbreiteten Misstrauen gegenüber parlamentarischen Prinzipien niederschlägt: "Die Probleme und Kämpfe der Marginalisierten drehen sich um Fragen nach '
Brot und Butter'. Aber seit der Präsidentschaft Hedi Nouiras in den 1980ern wurden die neoliberalen Modelle wirtschaftlicher Entwicklung vermittels kapitalistischer Wertschöpfung nicht auf eine stärkere Inklusion der Bevölkerung hin erweitert. Politische Souveränität wurde über eine sichere Ernährung gestellt. Die Marginalisierten verfügen durchaus über eine politische Kultur. Und diese ist durchaus demokratisch: Sie protestieren und sterben für ihre Rechte und Forderungen. Sie sind nicht intolerant; aber sie finden sich nicht damit ab, als Bürger zweiter Klasse in Regionen zu leben, in denen
Wasser und Elektrizität rationiert sind und Schulen und Krankenhäuser basalen Ansprüchen nicht genügen."
Der russische Journalist
Wladimir Kara-Mursa , der zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde,
macht sich aus dem Gefängnis heraus Gedanken über Russlands Verhältnis zu Demokratie und Menschenrechten. Fatalisten, die eine stabile Demokratisierung des Vielvölkerstaates für unmöglich halten, widerspricht er vehement und verweist auf eine lange "europäische Tradition" im Land, die sich als Teil einer Demokratiebewegung auf Augenhöhe mit westeuropäischen Staaten begreift. Ansonsten macht er sich bereits Gedanken über die Zeit nach Putin: "Die zentrale Lektion, die unser Land aus dem Scheitern der demokratischen Reformen der 1990er gelernt hat, ist, dass
das Böse wiederkehrt, wenn es nicht
verstanden, verurteilt und bestraft wird. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes hätten alle Archive geöffnet werden müssen. Die Verbrechen des vorherigen Regimes hätten bestraft und die verantwortlichen Institutionen, wie der KGB, konsequent zerschlagen werden müssen. Das hätte nicht nur aus Gerechtigkeitsgründen geschehen müssen, sondern auch, um einen Rückfall in den Autoritarismus zu verhindern."