Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

301 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 31

Magazinrundschau vom 28.02.2023 - Eurozine

Der Klimawandel ist die größte Gefahr für die Demokratie, meint der australische Politologe John Keane. Natürlich stellen die Destabilisierung des Systems durch politische Demagogie oder die Zerrüttung der Zivilgesellschaft durch soziales Leid wichtige Faktoren für den "Demozid" dar. Aber die größte Bedrohung für demokratische Systeme gehe von Umweltkatastrophen aus, erklärt er, denn im Ausnahmezustand lassen sich demokratische Grundprinzipien leicht aushebeln: "Katastrophen können das Beste in Bürgern zum Vorschein bringen, aber wie Thukydides in seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges aus dem Jahr 431 v. Chr. feststellte - als er beschrieb, welche politischen Verwüstungen die Typhusplage, die fast ein Drittel der Bürger des demokratischen Athen tötete, anrichtete - können Umweltkatastrophen die Demokratie zerstören. Das bisher extremste Wetterereignis, das Anfang September 2022 in Pakistan verzeichnet wurde, zeigt, wie schnell das Gewebe aus Vertrauen und Zusammenarbeit der Zivilgesellschaft durch Gier und Korruption, Angst und Krankheit zerrissen werden kann. Bei extremen Umweltschocks blühen auch die Machtmanöver. Der Ausnahmezustand wird normalisiert: Er ist das, was eine Zeit lang ertragen werden muss und was aus 'Notwendigkeit' in Zukunft zu erwarten ist. Die Gouvernementalität setzt sich folglich bei den Bürgern fest: Langsam aber sicher werden die Menschen im Namen ihrer 'Sicherheit' und 'Geborgenheit' dazu gebracht, sich an die permanente Verwaltung ihres Lebens zu gewöhnen. Die Zwangssolidarität, die Leszek Kołakowski als eine durch Zwang degradierte Form der Solidarität beschreibt, wird standardisiert. Eine der größten Gefahren des Ausnahmezustands ist die 'Klebrigkeit' der konzentrierten, willkürlichen Macht, wenn ihr nicht widerstanden wird. Als vorübergehende Maßnahmen unter außergewöhnlichen Umständen werden Abriegelungen und das Verbot von Boykotten und öffentlichen Versammlungen leicht zu dauerhaften Regelungen. Macht, die gewährt wird, ist Macht, die zugestanden wird; und Macht, die aufgegeben wird, ist Macht, die nur schwer wieder zurückgefordert werden kann. Notstandsregelungen gewöhnen die Menschen an Unterordnung. Sie ist die Mutter der freiwilligen Knechtschaft."

Magazinrundschau vom 14.02.2023 - Eurozine

Wenn Ukrainer Russisch sprechen, bedeutet es nicht, dass sie sich auch ethnisch als Russen identifizieren, stellt Volodymyr Kulyk in einem etwas komplizierten, aber am Ende doch instruktiven Artikel klar. Und schon gar nicht seit dem russischen Angriff auf die Ukraine. Den sprachlichen Mix erklärt Kulyk so: "In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg breitete sich die sprachliche Russifizierung in den nicht-russischen Republiken immer weiter aus, insbesondere in den Großstädten, wo Migranten aus anderen Republiken einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung ausmachten und Russisch die vorherrschende Sprache sowohl in angesehenen Berufen als auch in der Popkultur war. Während der kontinuierliche Zustrom von Menschen vom Lande die Zahl der Ukrainer in den meisten Städten ansteigen ließ, gingen viele Migranten vom Lande im Laufe der Zeit dazu über, Russisch als Hauptsprache in ihrem Alltag zu verwenden. Der Wechsel der Sprache führte jedoch in der Regel nicht zu einem Wechsel der Staatsangehörigkeit: Diese wurde als durch die Staatsangehörigkeit der Eltern bestimmt angesehen. Gleichzeitig führte die zunehmende Zahl ethnisch gemischter Ehen dazu, dass die gemischten Nachkommen eine einzige Nationalität wählten, die oft nicht ihrer eigenen Identität entsprach, wodurch die Grenzen zwischen den verschiedenen Gruppen weiter verwischt wurden. Die Ukraine war eine der Republiken, in denen die Grenzen am stärksten verwischt wurden. Sie erlebte eine massenhafte Zuwanderung aus Russland, wobei sich die Mehrheit der Neuankömmlinge in Städten niederließ, in denen der Anteil der ethnischen Russen 30 Prozent erreichte. Dementsprechend waren die meisten Fabriken, Büros, Bildungs- und Kultureinrichtungen in den Städten auf Russisch angewiesen, was wiederum Muttersprachler des Ukrainischen und anderer Sprachen dazu veranlasste, diese Sprache als Hauptsprache zu verwenden. Während die meisten ethnischen Ukrainer ihre Selbstbezeichnung nach Nationalität beibehielten, wurde die Kluft zwischen ethnischer und sprachlicher Zugehörigkeit immer größer. Die tägliche Abhängigkeit vom Russischen war sogar noch weiter verbreitet als die Identifikation mit der russischen Sprache als Muttersprache."

Magazinrundschau vom 06.12.2022 - Eurozine

Russlands Propagandaerfolge stoßen langsam an ihre Grenzen, schreiben Wolodymyr Kadygrob und Anton Tarasyuk, selbst innerhalb Russlands. Was Russland jetzt brauche, sei ein Realitätscheck. "Die Realität auf dem Schlachtfeld ist in gewissem Sinne realer als die Realität anderswo, sie ist manipulationsresistenter, wenn es darum geht, mit dem Medienspektakel zu verschmelzen. Das bedeutet, dass alle externen Vorschläge, die Putin helfen sollen, sein Gesicht zu wahren, bestenfalls kurzsichtig sind. Wenn es Russland nicht gelingt, aus seiner Echokammer herauszukommen, sondern es stattdessen dabei unterstützt wird, noch tiefer in diese hineinzugehen, werden wir wahrscheinlich zu einem späteren Zeitpunkt eine ähnliche, unprovozierte Aggression erleben. Erst nach der Konfrontation mit den Realitäten - zunächst militärischer, dann politischer und sozialer Art - könnte ein umgestaltetes Russland (vielleicht eine post-russische Formation oder sogar Formationen) den langen Prozess der Wiedereingliederung in die zivilisierte Gemeinschaft beginnen. Für die russische Gesellschaft würde der Realitätscheck bedeuten, dass sie aufhört, die Opfer zu beschuldigen, was sowohl im politischen Diskurs der Putin-Befürworter ('Die Europäer sind schuldig, weil sie uns erobern wollen') als auch der russischen Liberalen ('Die Europäer sind schuldig, weil sie uns nicht helfen wollen') verwurzelt ist. Erst wenn die Russen die Verantwortung für die Geschehnisse in ihrem Land übernehmen, können sie beginnen, den Raum für Maßnahmen und Veränderungen zu öffnen. Für all diese Prozesse gibt es jedoch eine Voraussetzung. Die Ukraine muss den Krieg gewinnen."

Magazinrundschau vom 29.11.2022 - Eurozine

Im Moment wird gern die Haltbarkeit uralter sowjetischer Panzer bestaunt, mit denen in der Ukraine gekämpft wird. Tolle Sache, diese solide Wertarbeit. Aber als einer der größten Waffenexporteure der Welt hat die Tschechoslowakei während des Kalten Krieges auch Konfliktgebiete wie Irak, Niger oder Südsudan mit Kriegsgerät überschwemmt, erinnert Rosamund Johnston und denkt sich, dass die als superkapitalistisch verfemte "eingebaute Obsoleszenz" auch ihr Gutes hat: In den siebziger Jahren verkaufte die Tschechoslowakei einen Batzen Semtex an Libyen. Nachdem der Sprengstoff dort über ein jahrzehnt lang schlummerte, tauchte er auf einmal in Bomben in Nordirland und Großbritannien auf. Zum Entsetzen der kommunistischen Regierung in Prag war er offenbar auch verantwortlich für den Absturz einer Transatlantik-Maschine über Lockerbie, bei dem alle 259 Passagiere an Bord und elf Bewohner des schottischen Ortes getötet wurden. Als eine ihrer letzten Amtshandlungen erklärte sich die kommunistische Regierung der Tschechoslowakei  zu einem Abkommen bereit, das die Markierung von Plastiksprengstoff vorsah, mit der man seine Herkunft nachverfolgen kann. Nach der Samtenen Revolution 1989 erklärte die Herstellerfirma Explosia, dass es die Haltbarkeit des Sprengstoffs von zehn auf fünf Jahre reduzieren würde. Semtex sollte nicht länger in Konflikten oder für Zwecke genutzt werden können, für die es nicht vorgesehen war."

Magazinrundschau vom 01.11.2022 - Eurozine

In einem klugen Gespräch mit ihrer polnischen Kollegin Agnieszka Holland spricht die ukrainische Filmregisseurin Iryna Tsilyk über die Rolle der Kunst in Zeiten des Krieges. Welche Kraft hat sie? Welche Moral? Was funktioniert überhaupt? "Es ist schade, dass Serhij Zhadan im Moment nichts schreiben kann. Einige Dichter können es, und sie erschaffen fantastische Dinge, wenn sie versuchen, den Moment zu erfassen oder über all das nachzudenken, was uns gerade verändert. Das geschieht gerade extrem schnell, es ist wichtig, diese Metamorphosen zu dokumentieren. Romanautoren und Regisseure von Spielfilmen brauchen jedoch Distanz, wenn sie sich einem Thema wie dem Krieg nähern. Man kann nicht objektiv sein, wenn man die Situation in Nahaufnahme sieht. Man muss sie aus einem weiteren Winkel betrachten, was unmöglich ist, wenn man mittendring steckt... Ich habe auch Angst, dass manche Mittel des Kinos eine moralische Linie überschreiten könnten. Ich habe viele Anfragen von ausländischen Produktionsfirmen bekommen, die mir Ideen und Skripte zu bestimmten Ereignissen des Krieges anboten, zu Bucha oder der Schlacht um Asowstal. Für mich ist es zu früh und zu gefährlich, diesen Weg zu gehen. Es ist ein Minenfeld. Menschen werden noch immer gefangen gehalten, gefoltert und vergewaltigt. Die Zeit ist noch nicht gekommen, Spielfilme zu drehen, wenn die Grausamkeiten noch stattfinden. Trotzdem frage ich mich selbst als Künstlerin oft: Soll ich mir nicht doch meine Kamera schnappen und die Realität dokumentieren?"

Magazinrundschau vom 18.10.2022 - Eurozine

Die russische Autorin Katja Margolis blickt verzweifelt auf die Taten- und Gefühllosigkeit, mit der ihre Landsleute auf den Krieg gegen die Ukraine reagieren. Für sie ist aber nicht die Frage, ob die Literatur schuld ist an der Apathie - wie manche ukrainische Aktivisten behaupten - oder ob sie ihr entgegenwirkt - wie etwa Michail Schischkin glaubt (unser Resümee). Entscheidend sei die russische Unfähigkeit, meint Margolis, sich mit der eigenen Kultur und Gesellschaft kritisch auseinanderzusetzen. Sie selbst erlebte einen Sturm der Empörung, als sie in der Novaja Gaseta Europe an Joseph Brodskys Schmähgedicht "Auf die Unabhängigkeit der Ukraine" erinnerte: "Leider verläuft die Geschichte der russischen Kultur und Gesellschaft in der Tat eher konträr zu dem Weg, den Schischkin zeichnet. Trotz des glänzenden und lehrreichen Kulturerbes und einer turbulenten Geschichte voller leicht verständlicher Lektionen haben viele Russen wenig oder gar nichts daraus gelernt und geben sich damit zufrieden, seit Jahrhunderten immer wieder demselben selbstzerstörerischen Lauf zu verfolgen. Bevor wir überhaupt anfangen, Literatur oder Kunst als Mittel zur Rettung in Betracht zu ziehen, müssen wir zunächst etwas über uns selbst lernen. Der englische Philosoph John Stuart Mill sagte berühmterweise, dass die Tyrannei der Gesellschaft über sich selbst größer sei als die Tyrannei eines Einzelnen über sie. Wenn man ein aktuelles Beispiel bräuchte, um diese Aussage zu bekräftigen, wäre das moderne Russland die perfekte Wahl. Viele von uns, Schischkin eingeschlossen, sind manchmal versucht, Russen als ohnmächtige und fatalistische Opfer einer gewaltigen bösartigen Macht darzustellen. Dies ist jedoch eine bequeme, passive und sich selbst erhaltende Sicht des russischen Geistes, hinter der man sich leicht verstecken kann, da sie sehr natürlich ist. Eine solche Position ist gefährlich und kontraproduktiv, ein zu einfacher Ausweg, da sie davon ausgeht, dass die Viktimisierung uns von der Selbstkritik befreit und dass diese Befreiung zudem eine inhärente Eigenschaft unserer Kultur und unseres literarischen Kanons ist."

Magazinrundschau vom 11.10.2022 - Eurozine

Anna Efimova unterhält sich für New Eastern Europe (von Eurozine ins Englische übersetzt) mit Liliya Vezhevatova, einer Koordinatorin des Feministischen Antikriegs-Widerstands in Russland, über ihre Bewegung, die sich besonders auf Frauen ab 45 konzentriert. "Die Aktivisten verteilen unseren Samisdat (Selbstverlag), eine Zeitung für Frauen über 45 mit dem Namen Female Truth, in 20 russischen Städten und Gemeinden. Die russischen Behörden können die Daten über die Verluste der russischen Armee verbergen, so viel sie wollen, aber sie werden nicht in der Lage sein, Friedhöfe zu verstecken. ... Langfristig glauben wir jedoch, dass diese Gruppe eine Kraft sein wird, die die öffentliche Meinung über diesen Krieg erschüttert und umkehrt. Es sind unsere älteren Verwandten, die Mütter der Offiziere, der tschetschenischen Kriegsteilnehmer. Wir betrachten sie als Opfer der gegenwärtigen Situation. Als ihnen erzählt wurde, der Krieg in der Ukraine sei eine Nachfolge des Krieges von 1941-45 glaubten, wurden sie getäuscht und belogen. Wir verlagern den Krieg vom ideologischen Schlachtfeld in ihre Kühlschränke, Geldbörsen und Familien und machen ihn so real und nah, als würde er vor ihrer Haustür stattfinden. Wir sprechen sie mit universellen Themen von menschlichem Interesse an, wir sprechen über Preiserhöhungen, über ihre Lieblingsprominenten, die den Krieg missbilligen, und über die versprochenen Entschädigungen, die nie an die Familien der in der Ukraine gefallenen russischen Soldaten ausgezahlt worden sind. Die Zeitung hat sehr positive Kritiken erhalten. Menschen berichten uns, dass sie, nachdem sie ihren älteren weiblichen Verwandten die Zeitung in die Hand gedrückt hatten, ein Gespräch über den Krieg führen konnten. Sie taten dies zum ersten Mal seit Kriegsbeginn, ohne sich gegenseitig als Verräter zu beschuldigen. Durch die Wahl eines nicht radikalen Tons und das Eingehen auf die Interessen und Sorgen des Publikums hat unsere Zeitung diese Ergebnisse erzielt."

Außerdem: Kian Tajbakhsh feiert Irans ersten feministischen Aufstand: "Ich glaube, wir sind Zeugen von etwas, das es in der iranischen Geschichte noch nie gegeben hat: eine feministische soziale Bewegung. Die erneute Forderung nach einer rechenschaftspflichtigen Regierung und individueller Freiheit - dem liberal-demokratischen Ideal - ist aus dem Kampf gegen die patriarchalische Kontrolle über den Körper der Frauen und die paternalistische Beherrschung des öffentlichen Raums hervorgegangen. ... Die heutige feministische Bewegung, Frauen wie Männer, sagt Nein: Frauen werden in der Öffentlichkeit existieren, nicht als Mündel unter der Kontrolle männlicher Hüter religiöser Gesetze, sondern als gleichberechtigte Bürger. Sie fordern die Anerkennung der grundlegenden individuellen Menschenwürde und Freiheit, wie sie der moderne Mensch zu erwarten hat. Auch wenn diese Forderungen im Moment politisch noch unausgegoren sind, so sind sie doch zum Teil bereits mit umfassenderen Forderungen nach politischen Veränderungen verbunden."

Magazinrundschau vom 29.08.2022 - Eurozine

Die Zeit wird Wladimir Putin nur dann in die Hände spielen, wenn im Winter die Solidarität des Westens nachlassen würde. Am Widerstandsgeist der Ukrainer wird es nicht liegen, und auch nicht an ihrem Präsidenten, der jeden Tag um sein Leben fürchten muss, betont Samuel Abrahám in einem eindrücklichen Text. Er erinnert daran, wie sowjetische Panzer 1968 in einem vergleichbaren Akt der Aggression die Tschechoslowakei besetzten, um den Prager Frühling zu beenden: "Die Zeit der Normalisierung von 1969 bis 1989 brach der Nation das Rückgrat. Die Menschen zogen sich in Hoffnungslosigkeit und inneres Exil zurück. Dies ging mit kultureller und intellektueller Verödung einher, von der jeder glaubte, sie würde Generationen anhalten. Niemand, nicht einmal die kommunistsichen Führer glaubten an die kommunistsiche Propaganda. Es herrschte ein Marionetten-Regime, am Rande des sowjetischen Imperiums. Warum dieser Vergleich mit einer ganz anderen Ära? Es ist klar, dass die Ukraine nicht nur für ihr Land und ihr politisches System kämpft, sondern auch für die menschliche Würde, die Russland nach einem Sieg ohne Zweifel auszulöschen versuchen würde, ein brutales, aber letzten Ende sinnloses Unterfangen. Doch in der Tat hat Russland damit bereits in den von ihm besetzten Gebieten begonnen, einige Ukrainer wurde sogar nach Russland deportiert. Eine erfolgreiche russische Besatzung würde die physische Zerstörung der Städte und die Vertreibung der Bevölkerung nach sich ziehen, ganz wie es schon in Mariupol und in der Ostukraine geschieht. Putin, der frühere KGB-Offizier in Ostdeutschland wieß mittlerweile, dass die russischen Soldaten nicht nur unwillkommen sind, sondern dass Kampfgeist und Würde bei den Ukrainern niedergerungen werden müssen und die Reulosen vertrieben oder ermordet. Die Lehre von 1968 in der Tschechoslowakei ist, dass die Folgen einer sowjetischen oder russischen Aggression schlimmer als die Niederlage selbst sind."

Magazinrundschau vom 23.08.2022 - Eurozine

Der ukrainische Schriftsteller Andrei Krasniaschik ist im März mit seiner Familie aus dem umkämpften Charkiw ins westukrainische Poltawa geflohen, wie er in momenthaften Splittern festhält: "Die Vertriebenen aus dem Donbass von 2014: Laut und unverschämt. Jetzt bin ich einer von ihnen, laut und unverschämt. Außer dass ich still bin. - Andere erkennen uns. Sie ermutigen uns. Sie fühlen mit und trösten uns. Doch in Wahrheit sind wir davongelaufen. Vor dem Krieg. - Ein Freiwilliger aus Lwiw verteilt Medikamente: 'Nicht den Kopf hängen lassen. Alles wird gut.' Er ist auf dem Weg nach Charkiw. In den Krieg." Über das Fragmentarische seiner Eindrücke wundert er sich nicht: "Ich weiß, woher dieser Stil kommt. Es ist der Stil der Nachrichtenkanäle auf Telegram. Das ist alles, was ich seit Beginn des Krieges gelesen habe. Fakten und Zustände. Wir werden später analysieren und reflektieren, nach dem Sieg. Jetzt analysieren und planen andere. Wir können das alles nur empfinden und durchstehen."

Magazinrundschau vom 16.08.2022 - Eurozine

Der ukrainische Philosoph Mykola Rjabschuk und der Historiker Serhij Jekeltschik sind sich ziemlich einig, dass Russlands imperialistische Wissensmonopolisierung und -identität, seine unterentwickelte Demokratie und fehlende Modernisierung als Nationalstaat dem Krieg gegen die Ukraine zugrunde liegen. Doch während Jekeltschik auch eine westliche Besessenheit von Russland für den Krieg verantwortlich macht, hält Rjabtschuk diese für zweitrangig: "Im Kern geht es um Russlands 'imperial knowledge': Seit dem 18. Jahrhundert wurde es produziert, machtvoll institutionalisiert, verbreitet, exportiert und im Westen als akademisches, objektives, wissenschaftliches Wissen etabliert, das bis vor kurzem unangefochten blieb. Daher rührt auch die westliche Fixierung auf Russland. Natürlich gibt es auch mächtige Wirtschaftsinteressen und Geschäftslobbys, aber ohne diese Herrschaft über das Wissen, ohne die Wahrnehmung Russlands als einziger Akteur in der Region, hätten sie nicht die freie Hand, die sie jetzt haben. Ich möchte diese Herrschaft über das Wissen dekonstruieren."