Magazinrundschau - Archiv

Merkur

240 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 24

Magazinrundschau vom 04.02.2025 - Merkur

Ein klares Jein! Der Merkur, einst ein so punkiges Institut, weiß sich des Streits  um die Antisemitismusdefinitionen nur in einem Pro und Contra zu entledigen. Team IHRA-Definition ist die Rechtswissenschaftlerin Marietta Auer. Team "Jerusalem Declaration" ist der Soziologe Stefan Hirschauer. Rührend ist schon Hirschhausers Sorge um die Juden, denn der "weite" Antisemitismusbegriff der IHRA-Definition, die israelbezogenen Antisemitismus einschließt, verschaffe "dem Diskriminierungserleben von Juden viel Nahrung. Er verstärkt die Zurechnung aller möglicher Erfahrungen von Kritik, Ablehnung, Spott oder Gehässigkeit aufs eigene Judentum." Viel präziser scheint er das "nicht per se" der "Jeruslam Declaration" (JDA) zu finden, die etwa BDS als "nicht per se" antisemitisch betrachtet. Hirschauer argumentiert in weiten Teilen seines Artikels politisch. Die deutsche Politik befinde sich "in diesem asymmetrischen Konflikt aufseiten des Stärkeren". Die IHRA-Definition blockiere "ein klares Sprechen über die so illegitime wie rechtswidrige Gewalttätigkeit von Juden in Palästina", so Hirschhauser. "Wir sind daher angesichts der irreversiblen Verbrechen gegenüber jüdischen Menschen einerseits angemessen aufmerksam für Antisemitismus, andererseits geradezu unfähig zu einem der aktuellen Politik Israels auch nur halbwegs angemessenen Zorn - wie er auf Pro-Palästina-Demonstrationen artikuliert wird."

Auer argumentiert in ihrer Rechtskolumne technischer, wenn auch nicht ohne klare Position. Sie findet die IHRA-Definition sehr wohl brauchbar. Die 'Weite' des Antisemitismusbegriffs stört sie nicht: "Selbst wenn die IHRA-Definition 'vage', 'unklar' oder 'unpräzise' wäre, folgt daraus noch kein juristisch schlagendes Argument gegen ihre Brauchbarkeit. Juristen, die so argumentieren, sollten eigentlich wissen, dass alle Rechtsbegriffe unbestimmt sind und die Hauptlast der Konkretisierung immer am konkreten Fall und nicht an der abstrakten Definition hängt." Und ist die JDA so viel präziser, oder kaschiert sie nur eine Absicht? "Sie ist, auch wenn sie sich selbst anders präsentiert, keineswegs über jeden Zweifel erhaben oder immun gegen Kritik. Sie behauptet, dass es einen kategorischen Unterschied zwischen Antisemitismus und Antizionismus gebe. Sie begründet es nicht. Sie verlangt vielmehr ihrerseits eine Umkehrung der Begründungslast: Antizionismus und Israel-Kritik sollen nicht mehr im Regelfall, sondern nur noch im Ausnahmefall antisemitische Rede darstellen. So entsteht durch schlichte Neusortierung der Argumente eine strategische Neuausrichtung des Argumentationsfelds."

Magazinrundschau vom 10.09.2024 - Merkur

Die Schriftstellerin Daniela Dröscher, Autorin des autofiktionalen Romans "Lügen über meine Mutter" sinniert über das autofiktionale Schreiben, das nicht nur sie, sondern Frauen sich ganz allgemein in der Literatur jüngst erst hart erkämpfen mussten - obwohl das "Life writing" bis auf die confession poets der 1950er Jahre, darunter Anne Sexton und Sylvia Plath, zurückgeht: "Für mich liegt die Magie des autofiktionalen Ich in seiner Intimität. Seiner Direktheit. Wer in 'Ich'-Form schreibt, exponiert und zeigt sich in seiner subjektiven Sicht auf sich und die Welt: So und so und nicht anders empfinde ich. (...) 'Life writing' bringt Stimmen hervor, die zuvor keine Schrift hatten. Mit einem Mal werden Ungerechtigkeiten auf ästhetische Weise nachvollziehbar. Sie werden lauter, entschiedener, sie bekommen Gesichter. Ein Gewicht. Mit einem autofiktionalen Ich lässt sich eine Schnur direkt von Herz zu Herz spannen. Jemand, der 'ich' sagt, erlaubt mir, die Welt 'durch seine Augen zu sehen' und ihm dadurch ganz nahe zu kommen. Ich verbinde mich im Lesen mit Erfahrungswelten, die von meiner eigenen ganz verschieden sind. Der Kern der Autofiktion ist in dieser Hinsicht eben gerade nicht das identifikatorische Lesen, sondern die Berührung mit Alterität. Die Autofiktion verändert den literarischen Diskurs, gerade weil sie nicht im Diskursiven aufgeht, sondern eine ästhetische Erfahrung evoziert. Sie lässt den Diskurs - wie es seinem Wortsinn gebührt - hin- und herlaufen."

Weitere Artikel: Der Rechtswissenschaftler Florian Meinel denkt in seiner Rechtskolumne über Wissenschaftspolitik nach.

Magazinrundschau vom 08.04.2024 - Merkur

Der Kampf um Gaza ist zum "Katalysator für eine neuerliche Zweiteilung der Welt" geworden, konstatiert der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke, der zunächst die akademische Spaltung nachzeichnet und dann auf die "Achsendrehung der globalen Konfrontation" eingeht, die er als "historischen Wendepunkt" bezeichnet: "Die dominierende Bruchlinie verläuft hier nicht mehr zwischen West und Ost, wie noch in den Auflösungskriegen des alten Sowjetblocks bis hin zum Kampf um die Ukraine, sondern zwischen Nord und Süd. In dieser imaginären Topografie ist Israel 'Norden', Palästina 'Süden'. Russland, das im Widerstand gegen die US-Hegemonie eine Führungsrolle beansprucht, ist vom 'Osten' in den 'Süden' gewechselt, desgleichen China. Auch die Erzählung vom 'clash of civilizations' zwischen dem Westen und dem Islam buchstabiert sich entlang der Nord-Süd-Frontlinie neu aus. Entsprechend sind die aktuellen Debatten um Gaza von der gewachsenen Polarisierung zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden beherrscht. Das macht es möglich, sogar eine fundamentalistische Terrortruppe wie die Hamas in den Rang einer Befreiungsbewegung zu erheben. Aus Sicht des Westens stellt sich der Niedergang seiner Hegemonie zugunsten eines multipolaren Systems konkurrierender Mächte so dar, als sei er gleichbedeutend mit dem Rückfall in eine überwunden geglaubte Epoche des gesetzlosen Kampfes aller gegen alle. Aus Sicht der neuen Formation des globalen Südens, zu der sich nun auch der vormalige Osten gesellt, ist es dagegen an der Zeit, ein altes Unrechtssystem, das seine Wurzeln in der europäischen Expansion seit dem 16. Jahrhundert und im Kolonialismus hat, endlich aus den Angeln zu heben. Infolgedessen nimmt die Zahl der Anspruchsberechtigten zu. Mit der Angleichung der Machtverhältnisse verschärft sich nicht nur die weltweite Konkurrenz um materielle Ressourcen und übt zusätzlichen Druck auf die Wahrnehmung lokaler Konfliktherde aus. Auch Gemeingüter symbolischer Art - Anerkennung, Hoffnung, Möglichkeitssinn, Vorstellbarkeit einer gemeinsamen Zukunft - geraten unter das Vorzeichen zunehmender Verknappung. Für die vormals Benachteiligten ist der Tag der Aufrechnung gekommen, und wieder läuft das auf eine weit zurückgreifende Rückabwicklung der Vergangenheit hinaus."

Weitere Artikel: Der Politikwissenschaftler Armin Schäfer denkt über das Verhältnis von Repräsentation und Repräsentativität im Parlament nach.

Magazinrundschau vom 13.02.2024 - Merkur

Der Soziologe Stefan Hirschauer analysiert die Mechanismen, die zur weltweiten Polarisierung im Nahostkonflikt beitragen. Er diagnostiziert eine starke Vereinfachung bei beiden Konfliktparteien und vermisst in der Diskussion eine Präzisierung politisch gebrauchter Begriffe. Gerade in der deutschen Debatte werde der Begriff des "Antisemitismus" so breit gefasst, dass er alles "subsumiere", meint er: "Die antisemitischen Züge der Hamas, mit denen sie ursprünglich sowohl an den muslimischen wie auch an den europäischen Antijudaismus anschloss, sind nicht nur in ihrer Charta von 2017 hinter den Territorialkonflikt zurückgetreten, sie eignen sich auch grundsätzlich schlecht, um ihr Feindbild zu verstehen. Der Islamismus der Hamas befeuert den Konflikt nicht, weil er vor allem die Juden hasst (wie es Europas Christen und Deutschlands Faschisten taten), sondern weil er alle Andersgläubigen und besonders den westlichen Lebensstil der säkularen Israelis als Frevel von 'Ungläubigen' verabscheut. Weder verkörpert die Hamas genau den Antisemitismus, den Deutschland gerne vollständig überwunden hätte, noch ist ihr Hassobjekt dasselbe wie in Europas Geschichte. Umgekehrt fällt es in Europa umso schwerer, Antizionismus von Antisemitismus zu trennen, seitdem sich der Staat Israel mit dem Nationalstaatsgesetz von 2018 so eng mit dem Judentum assoziierte, dass seine arabischen Mitbürger automatisch zu Bürgern zweiter Klasse wurden. Die israelische Regierung sorgte auch deshalb für diese kulturelle Verquickung, um ihre Besatzungspolitik hinter einem moralischen Schutzschild aus Anti-Antisemitismus der Kritik europäischer Staaten zu entziehen. Die israelische Soziologin Eva Illouz sieht hierin eine geschickte Instrumentalisierung des Kampfs gegen Antisemitismus für die Annexionspolitik. Wenn man daher im Land der Täter des Holocaust den Terroranschlag der Hamas bloß verurteilen will, stellt der 'Antisemitismus' zweifellos den höchstrangigen Kraftausdruck der politischen Rhetorik zur Verfügung, um Empörung und Betroffenheit auszudrücken, und er wird auch stigmatisierend eingesetzt, um der Kritik an der Politik von Israels Regierung (ob durch Muslime oder jüdische Antizionisten) die gerade noch legitime Lautstärke vorzugeben. Wenn man diesen Konflikt aber auch analytisch begreifen will, muss man sich auf die antizionistische Perspektive der Palästinenser und die islamistische der Hamas einlassen."

Weitere Artikel: Der Historiker Thomas Etzemüller denkt mit Blick auf die Zwischenkriegszeit darüber nach, wie es heute gelingen kann, die Demokratie zu bewahren.

Magazinrundschau vom 21.11.2023 - Merkur

Immer weniger Menschen lesen Bücher, schreibt die Literatursoziologin Carolin Amlinger: "Laut den letzten Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels haben im Jahr 2022 "nur noch rund 25,8 Millionen Menschen mindestens ein Buch erworben. Das sind lediglich 39 Prozent der potentiellen Käuferschaft und rund 1,4 Millionen weniger Buchkäuferinnen und Buchkäufer als im Vorjahr. In den letzten zehn Jahren ist die Buchkäuferschaft um 11,1 Millionen Menschen geschrumpft." Aber: "Der Bedeutungsschwund des Buchs auf gesamtgesellschaftlicher Ebene geht offenbar einher mit einer Aufwertung des Buchs als symbolischem Objekt in leseaffinen Sozialmilieus. (…) Wird aus dem Buch, dem wohl wirkungsvollsten Kulturobjekt sozialer Teilhabe, wieder ein exklusives Mittel sozialer Abgrenzung?" Amlinger untersucht verschiedene "Modi distinkten Lesens" und kommt zu dem Schluss: Es treten wieder "soziale Klassenunterschiede stärker hervor, die in der bundesrepublikanischen Lesegesellschaft partiell nivelliert waren. Parallel bestehen alte Differenzen fort oder verstärken sich. Während Frauen und Männer in den ausgehenden 1960er Jahren in etwa gleich viel lasen, verstärken sich in der Gegenwart die Geschlechterunterschiede auf den Ebenen der Lesehäufigkeit (Frauen lesen mehr) und in den Lesemotiven (Erbauung vs. Action) vor allem in den unteren Soziallagen. Außerdem hinterfragen die Lesenden die dominanten Lektürepräferenzen heute stärker und nehmen sie als das wahr, was sie schon immer waren: als 'white literary taste'. Die Sensibilisierung für Diversität und Inklusion lässt persistente ethnische Ungleichheiten in der Lesesozialisation sichtbar werden. Zuletzt wirken wiederkehrende altersbezogene Dynamiken fort. Jüngere, die sich in einer ökonomisch untergeordneten Position gegenüber älteren Menschen befinden, demonstrieren ihre 'kulturelle Überlegenheit' durch die Beherrschung von digitalen Lesetechniken, eine reflexive moralische Urteilsfähigkeit gegenüber dem Gelesenen und einen ausdifferenzierten Wissensbestand."

Magazinrundschau vom 31.10.2023 - Merkur

Jüngste Publikationen über die DDR von Katja Hoyer oder Dirk Oschmann kritisieren den westdeutschen Diskurs gegenüber Ostdeutschland: Die immer wieder gleichen, negativen Zuschreibungen würden ein verfälschtes und stereotypes Bild geben. Die Historikerin Claudia Gatzka erinnert das stark an Edward Saids "Orientalismus"-Theorie. Der Westen erschuf, Said zufolge, den "Orient" als Gegenteil des "Okzidents", nämlich als minderwertig und verbesserungswürdig, und konstruierte anhand dieses Bildes einen kolonialen Machtanspruch. Oschmann teile mit Said "die überspitzte, zum Zweck der Veranschaulichung selbst nicht vor Essentialisierungen zurückschreckende Kritik an einem Diskurs, der Machtungleichheit zu begründen scheint, indem er Himmelsrichtungen zu Bedeutungsträgern eines binären Unterschieds stilisiert." Laut Gatzka müsse man die beschriebenen Phänomene aber vielmehr als "produktive Faktoren einer historisch gewachsenen, imaginären Geografie" begreifen, um sie "vom Ruch des Nationalkitsches" zu befreien. Geht man vom Phänomen eines "innerdeutschen Orientalismus" aus, muss man zunächst dessen Spezifika beachten, so Gatzka: "Der orientalisierte Raum kann entweder als gänzlich geschichtslos und damit als statisch imaginiert werden ('Afrika') oder als in jüngeren Epochen degeneriert ('der Orient', womit der arabisch-muslimische Raum an den altorientalischen Hochkulturen gemessen wird). Innereuropäische, aber auch globale Orientalismen der Gegenwart markieren den orientalisierten Raum meist als zurückgeblieben, in Traditionen oder Gewalthaftigkeit verhaftet, also in der Entwicklung zur 'Moderne' hinterherhinkend ('der Süden'). Der innerdeutsche Orientalismus hingegen ist eine an sich verzeitlichte Denkweise, im Grunde eine Antiquiertheit. Die Konstruktion des 'Ostens' kommt einer Zeitreise in die jüngere Zeitgeschichte, in die Jugendzeit der eigenen Eltern gleich...Der innerdeutsche Orientalismus ist eine Verweigerungshaltung, den betrachteten Raum wie auch den Raum, aus dem heraus betrachtet wird, mit der gesamtdeutschen Gegenwart zu synchronisieren; er ist eine spezifische Art, die Brille des Kalten Kriegs aufzusetzen und aufzubehalten..." Gatzka plädiert dafür, vermehrt Geschichten "wider 'den Osten'" zu erzählen. Dazu müsste man "Forschungen stärker popularisieren, die Lebensformen, Ordnungsvorstellungen und Kommunikationen über den Eisernen Vorhang hinweg untersuchen und nicht nur die Bundesrepublik, sondern auch die DDR in globale Zusammenhänge einbetten."

Magazinrundschau vom 05.09.2023 - Merkur

"Iran. War da was?", fragt die Literaturprofessorin Nacim Ghanbari ironisch. Während sich die Medien kaum noch für die iranischen Frauenproteste interessieren, schaffen einzelne Journalistinnen und Aktivistinnen weltweit neue Plattformen und Netzwerke, um die Revolution zu unterstützen. Teil dieser Initiativen ist die Ringvorlesung "Frau, Leben, Freiheit - emanzipatorische Potenziale" an der Universität Köln, so Ghanbari. Mit seinem Vortrag über die Unterdrückung der religiösen Minderheit der Bahai machte ihr insbesondere Armin Eshragi das Ausmaß der Repressionen gegen politische Gegner im Iran noch einmal eindrucksvoll klar: "Die Bahai wurden auch schon unter der Pahlavi-Dynastie diskriminiert - so durften sie etwa keine öffentlichen Ämter bekleiden -, und doch ist es erst eine Fatwa Ali Khameneis, die diese als 'rituell unrein' (nadjes) bestimmt. Damit gehen Formen des Ausschlusses einher, die selbst Iranerinnen und Iranern, wie dem ungläubigen Raunen im Publikum zu entnehmen war, vielfach nicht bekannt sind. Von der Geburt bis über den Tod hinaus sind Bahai in Iran Rechtlosigkeit und Diffamierung ausgesetzt: Es gibt keine rechtliche Grundlage für Eheschließungen von Bahai. Personalausweise und Reisepässe werden nur unter erschwerten Bedingungen ausgestellt. Bahai dürfen nicht studieren. Es gibt zahlreiche Arbeits- und Berufsverbote. Das Regime reagiert selbst auf die Bestattung ihrer Toten mit Gewalt. In den Augen der Islamischen Republik stören die Bahai als 'religiöse Andere' die Einheit aller Muslime, die Umma. … Es steht zu befürchten, dass die Islamische Republik die im Umgang mit den Bahai erprobten Repressionsmaßnahmen auf die iranische Bevölkerung insgesamt ausweitet. So zeigt sich, dass das Regime als Reaktion auf die Weigerung der Iranerinnen, in der Öffentlichkeit den Hijab zu tragen, in der Tat auf Maßnahmen sozialer Isolierung setzt, wenn etwa Bankkonten protestierender Frauen gesperrt und ihre Reisepässe eingezogen oder Studentinnen exmatrikuliert werden. Die nackte Gewalt auf der Straße, die Jina Mahsa Amini zu spüren bekam, soll durch Maßnahmen ergänzt, teilweise ersetzt werden, die Schritt für Schritt in den sozialen Tod führen."

Magazinrundschau vom 08.08.2023 - Merkur

Seit den Neunzigern ist "die Demokratie" immer stärker in Gefahr - zumindest nach Ansicht derjenigen, die ihre Vorstellungen von Demokratie durch die Vorstellungen politischer Gegner in Zweifel gezogen oder wie im Falle von Verfassungsänderungen unter Beschuss sehen, beobachtet der Politologe Philip Manow. Zu fragen wäre seiner Meinung nach allerdings: Welche Auffassung von Demokratie liegt welchen Kampagnen zum Schutz derselben zugrunde? Seit geraumer Zeit zeichne sich ein Demokratieverständnis der Einhegung ab, so Manow, mit dem "ein Milieu seine Macht zu arrondieren versucht - ein Milieu, dessen weiterhin vorherrschende Kontrolle über die Deutung des Geschehens mit seiner abnehmenden Kontrolle über dessen Dynamik einhergeht. Seine Kategorien herrschen noch, aber sie tragen immer weniger zur Beherrschung der Lage bei. .... Zu erkunden wäre, was sich längerfristig (und nicht nur im üblichen demokratischen Wechsel zwischen einer Regierung und einer Opposition) verschoben hat. Recht besehen müsste es also darum gehen, eine Politische Ökonomie der liberalen Demokratie zu entwickeln, die sich in gewisser Weise als notwendiges Komplement zu einer Politischen Ökonomie des Populismus versteht. Das würde auf die richtige und wichtige Anregung reagieren, sich doch nicht nur andauernd mit den neuen, echten oder eingebildeten, Verlierern zu beschäftigen, sondern auch einmal mit den Gewinnern, also den neuen, überaus sendungsbewussten Mittelklassen, mit deren politischem Projekt, aus dem heraus die neuen Zeitdiagnosen von den Selbstgefährdungen der elektoralen Demokratie überhaupt erst verstanden werden können. Es scheint aussichtsreicher und ergiebiger, sich mit den Prozessen gegenwärtiger politischer Normensetzung, Normierung, Normalitätsdefinition, mit den Normalitätsdefinierern zu befassen, mit den politischen Prämien auf den Besitz der Kategorisierungsmacht - aussichtsreicher jedenfalls als mit denen, die durch sie als Abweichler konstituiert werden. Denn die obsessive Beschäftigung mit Letzteren, die die Sozialwissenschaften seit nun fast zwanzig Jahren praktizieren, hat ja doch immer nur die vorherrschenden Abgrenzungen nachvollzogen und damit zertifiziert."

Außerdem wirft die Mathematikerin Paola Lopez einen ernüchternden Blick unter die Motorhaube von ChatGPT: Die KI kann zwar einiges, aber im Grunde nicht viel - und um dies zu leisten, braucht es nicht nur gigantisch viel Energie, sondern auch ein ganzes Heer unterbezahlter Leute in Shitjobs, die ChatGPT davon abbringen sollen, beleidigende oder gar traumatisierende Texte zu liefern.

Magazinrundschau vom 04.07.2023 - Merkur

Ein bisschen umständlich, aber nicht uninteressant führt der Soziologe Uwe Schimank die Konflikte in der Ampelregierung nicht auf das viel unterstellte Parteiengezänk zurück, sondern auf die grundsätzlichen Probleme gesellschaftlicher Integration, die von den drei Parteien - ökologisch, sozial, systemisch - geradezu idealtypisch verkörpert werden und die sich auf zwei verschiedene Aushandlungsprozesse zurückführen lassen. Der erste Typus liege vor, schreibt Schimank, wenn das Ökologische das Soziale zu stark strapaziert: "Wenn Fleisch für fleischgewohnte Menschen immer teurer und kaum noch mehrfach pro Woche erschwinglich wird und naturzerstörende Bettenburgen des Massentourismus nicht mehr gebaut werden dürfen, kann das spätestens in der Summierung leicht zu einer Delegitimierung ökologischer Integrationsmaßnahmen bei breiteren Bevölkerungsgruppen führen. Wie kann man sie dann noch 'mitnehmen', also verhindern, dass sie an der Wahlurne, und nicht nur dort, Denkzettel verteilen? Das gilt insbesondere dann, wenn unübersehbar wird, dass begütertere Gruppen sich all das weiterhin leisten können. Solche neuerlich aufreißenden Ungleichheiten führen schnell zu Verbitterung, Neid und letzten Endes Wut. Nicht nur in Deutschland dürfte ein zentraler Stein des Anstoßes sehr bald die Einschränkung des Autoverkehrs durch Fahrverbote und rasant steigende Energiepreise sein. Der zweite Typus von Trade-off besteht darin, dass ökologische Erfordernisse in systemintegrativer Hinsicht immer wieder mit Funktionserfordernissen der wirtschaftlichen Leistungsproduktion kollidieren. Kann sich Deutschland beispielsweise einen Niedergang der Autoindustrie infolge eines zu späten Umstiegs auf nichtfossile Antriebsenergie und eines baldigen politischen Verbots von Verbrennungsmotoren leisten?"

Magazinrundschau vom 09.05.2023 - Merkur

Die sogenannte Hufeisentheorie, derzufolge jemand so weit links steht, dass er schon wieder rechts ist, hilft nicht weiter, meint Thorsten Holzhauser, um Sarah Wagenknechts Agieren zu erklären. Vielmehr rekurriere Wagenknecht auf einen linkskonservativen Populismus, der seine minoritäre Systemkritik aus dem größeren Reservoir nationalistischer Positionen verstärken möchte. Das Rezept hat sie von Gregor Gysi und André Brie, die schon Anfang der neunziger Jahre in der PDS eine moderne Linke mit den Verlierern der Einheit koppeln wollten. Es gelang nur halb: "Danach blieb offen, wovon sich die linke, emanzipatorische Definition des Volkes von einer rechten, konservativen bis nationalistischen unterscheiden sollte. Die von der PDS-Spitze geteilte Behauptung, die Welle rechter Gewalt in Teilen Ostdeutschlands sei allein eine Folge der 'Anschlusspolitik' und den 'Herrschenden im Westen' anzulasten, fiel den vielen Aktiven vor Ort in den Rücken, die sich gegen rechte Gewaltstrukturen und für ein liberaleres politisches Klima einsetzten. Stattdessen entlastete sie die ostdeutsche Mehrheitsgesellschaft, die sich weiter als verantwortungsloses Opfer sehen konnte. Es zeigte sich bald: Die PDS konnte sich noch so sehr zu progressiven Werten bekennen - ihr strategischer Populismus blieb trotzdem in einigen Politikbereichen anschlussfähig nach Rechtsaußen, weil sich der Protest ähnlicher Formen und Schlagwörter bediente. Das galt nicht zuletzt in der Frage von Krieg und Frieden, die nach dem Ende des Ost-West-Konflikts in neuen Dimensionen auf die Agenda trat. Offiziell lehnte die Partei Gysis und Wagenknechts den Golfkonflikt 1991 und den Kosovokrieg 1999 als westliche Aggressionen ab und berief sich auf Multilateralismus und Völkerrecht. Eine ganze Reihe von Politikerinnen und Politikern bediente sich aber offen rechter Codes, sprach von 'Bombenterror' und 'Bombenmördern' und stellte die NATO-Operationen in einen Zusammenhang mit der Bombardierung Dresdens durch die Alliierten im Zweiten Weltkrieg. Während der grüne Außenminister Joschka Fischer den NATO-Angriff auf Jugoslawien mit dem antifaschistischen 'Nie wieder Auschwitz' begründete, da nur so die Menschenrechtsverletzungen im Kosovo beendet werden könnten, reiste Gregor Gysi nach Belgrad, um mit dem nationalistischen Staatschef Slobodan Milošević Friedensgespräche aufzunehmen. "